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Humanismus und Reformation in Nordhausen

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Textdaten
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Autor: Hans Silberborth
Titel: Humanismus und Reformation in Nordhausen
Untertitel:
aus: Geschichte der freien Reichsstadt Nordhausen
Herausgeber: Magistrat
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1927
Verlag: Magistrat der Stadt Nordhausen
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Erscheinungsort:
Quelle: Scan
Kurzbeschreibung: Abschnitt 4,
Kapitel 9
Digitalisat:
Eintrag in der GND: [1]
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Abschnitt IV.
Nordhausen
im Zeitalter der Reformation
und der Religionskriege.




Kapitel 9.
Humanismus und Reformation in Nordhausen


Der Anfang des 16. Jahrhunderts führte eine Zeit herauf, die unser Vaterland auf jedem Lebensgebiete bis in alle Tiefen aufrüttelte und bewegte. Jahrhundertelang war sie vorbereitet; nun, da die Stunde erfüllt war, wurde die europäische Welt in wenigen Jahrzehnten so vorangerissen, daß alle Grundlagen der modernen Zeit damals geschaffen wurden. Da ward der Erdkreis voller Kampf mit Schwert und mit Feder, mit Wehr und mit Wort. Da gab es viel Werdendes, wenig Vollendetes, viel Glaubensmut und Begeisterung, wenig Verständnis und wahre Reife. Da zeigte sich neben höchstem sittlichem Ernste tiefste Verderbnis und Geilheit, neben reinstem Wollen und Selbstaufopferung schnödeste Begierde und Selbstsucht. Überall brodelte es, schäumte über, sank zurück voller Unruhe und Gärung; aber die Besten ahnten und fühlten, daß sie an zweier Zeiten Wende standen, daß sie mithalfen, etwas ganz Neues heraufzuführen. Und deshalb war es eine Lust zu leben.

Es hatte den Anschein, als ob der große Augenblick die Stadt Nordhausen völlig unvorbereitet getroffen habe. Nirgends war eine hastige Aufnahme der neuen Ideen vorhanden, keine laute Stimme verkündete die neue Zeit, weder die eines Apostels noch die eines Marktschreiers. Und doch wirkte und webte verborgen der Geist der Zeit auch in Nordhausen. Aber die Lage der Stadt fernab von den Zentren des Geschehens und der biedere, ruhige Sinn der Bevölkerung ließen nur langsam, fast unsichtbar heranwachsen, was anderwärts sogleich zu reifer Frucht gedieh. In aller Stille bereitete sich Nordhausen vor, hatte nicht den Ehrgeiz, selbst die Erfüllung zu bringen, sondern wartete ruhig ab. Als aber die Stunde da war, bejahte es freudig und bekannte offen und hielt fest mit Zähigkeit.

Die der Stadt nächsten Orte, welche das Weltgeschehen und die neuen Gedanken vermitteln konnten, waren Erfurt und Wittenberg. Mit Erfurt, das im Jahre 1392, zu einer Zeit, da es zu den größten und blühendsten Städten Deutschland zählte, seine Universität gegründet hatte, war Nordhausen politisch und wirtschaftlich ständig eng verbunden gewesen. Jetzt erstrahlte Erfurt durch das Licht des Humanismus zu hellstem Glanze und ward neben Nürnberg und Freiburg durch den Kreis um Mutian und Hessus herum eine Hochburg des neuen Geisteslebens. Nordhausen aber nahm keinen geringen Anteil an Erfurts Kunst und Wissenschaft. In den wenigen Jahren von 1506 bis 1521 zogen 46 Nordhäuser aus, um als Studenten zu den Füßen der großen Meister zu sitzen.

Daneben leuchtete auf und überstrahlte Erfurt bald, wie einst Jerusalem Athen, das neue Wittenberg. In Wittenberg studierten von 1502 bis 1560 75 Nordhäuser; und es waren die Besten. Denn es waren nicht einfache Studiosi, die schlecht und recht die Vorlesungen hörten und bald Examen machten, um dann gute Rats- und Richter- und Ruheposten zu bekleiden oder die bequeme Pfarre einzunehmen, sondern es waren Männer, die um Erkenntnis und um den Sinn des Lebens rangen und die deshalb für weite Kreise von Geltung und Bedeutung wurden.

Und dieser Drang nach Wissen und Weisheit bemächtigte sich auch solcher Nordhäuser, denen es nicht vergönnt war, auf die hohen Schulen anderer Städte zu ziehen, sondern die daheim in der Vaterstadt bleiben mußten. In dem von Johannes Spangenberg neugegründeten Nordhäuser Gymnasium saßen damals neben Knaben und Halberwachsenen vollkräftige Jünglinge und lebenserfahrene Männer, die danach dürsteten, die neuen Ideen aufzunehmen. Aus der Nordhäuser Letirerzeit des jugendlichen Michael Neander erfahren wir, daß der eben der Universität Entwachsene Furcht hatte, seine Klasse zu betreten, weil er glaubte, mit seiner Schulweisheit den reifen Männern nicht genugtun zu können. Denn „da saßen“, wie er selbst berichtet, „an einer langen Tafel auch viele erwachsenen bärtige Gesellen, so daß mir alle Haare zu Berge stiegen“.

Erstaunlich ist es auch, auf wieviele Männer mit Namen von gutem Klang wir damals stoßen, die sämtlich Nordhausen hervorgebracht hat oder die für Nordhausen tätig gewesen sind, erstaunlich auch, wieviele Geister plötzlich aus der Mittelmäßigkeit und Selbstgenügsamkeit des 15. Jahrhunderts herausgeführt und auf erhöhter Lebensbühne von Bedeutung wurden.

Da überragten zunächst drei Bürgermeister des 16. Jahrhunderts weit das Mittelmaß: Jakob Hoffmann, Ernst Ernst und Erasmus Schmidt.

Jakob Hoffmann war eine ruhige, abgeklärte Persönlichkeit. Selbstsicher und gewandt vertrat er die Heimat 1526 in Speyer und unterschrieb 1530 für Nordhausen das Bekenntnis von Augsburg. Ein fein gebildeter Humanist, war er, wie viele dieser Kenner der Künste, ein Feind alles grob Überstürzten und lauten Gepolters, aber ein treuer und fester Anhänger des Lutherschen Glaubens.

Der zweite, Ernst Ernst, entstammte einer alten Nordhäuser Familie, studierte in Wittenberg und ließ sich in seiner Vaterstadt als Rechtsanwalt nieder. Von seinem Wirken schreibt der alte Chronist Lesser: „Er diente den Klienten ... treulich und war weit entfernt von einer gewissenlosen Art Rabulisten, welche wie die Spinne lauren, ob sie zanksüchtige und unverständige Leute in das Netz verwirrter Rechtshändel als unvorsichtige Fliegen ziehen, ihnen das Blut aussaugen und sie im Elend zuletzt liegen lassen.“ Er sah es vielmehr als sein vornehmstes Amt an, für die Armen und Verfolgten einzutreten, und seine Wohlhabenheit half still, aber unverdrossen. 1555 war er Bürgermeister, 1567 wirkte er für seine Vaterstadt bei den Grumbachschen Händeln; altersgebeugt starb er 1595, müde vom Streit und Gezänk der unwürdigen Nachfolger Luthers.[1]

Und schließlich Erasmus Schmidt. Er war eine den beiden andern verwandte Natur. Auch er liebte die Wissenschaften als Freund Philipp Melanchthons und Justus Jonas’, als Patron Michael Neanders. Liebenswürdig, entgegenkommend und ausgleichend suchte er allen gerecht zu werden; gern ruhte er abends aus bei heiterem und gelehrtem Gespräch im Freundeskreis; und doch stand er mit beiden Füßen im Leben, als Verwaltungsbeamter geschickt, als Diplomat erprobt, als Gegner zäh und unnachgiebig.

Neben diese drei Nordhäuser Bürgermeister traten die beiden eigentlichen Juristen Nordhausens im 16. Jahrhundert: Apollo Wiegand und Georg Wilde. Bei ihnen vor allem stoßen wir auf die neue Rechtsauffassung der Zeit. Im Zeitalter der Renaissance kam auch der Kaiser Justinian und sein Werk wieder zu Ehren. Das Römische Recht mit all’ seinen Vorzügen und Fehlem fand Eingang auf deutschem Boden und ward, ein fremdes Reis, germanischem Wesen aufgepfropft. Nordhausen, so konservativ es war, blieb doch auch von diesem Geschenk des Humanismus nicht unberührt, und Wiegand als bester Kenner des Corpus iuris erhielt den Auftrag, die alten ehrlichen Statuten der Stadt aus dem 14. und 15. Jahrhundert zu überarbeiten und neuen Anschauungen anzupassen. Apollo Wiegand mag sich alle Mühe gegeben haben, germanische und römische Rechtsauffassung in Übereinstimmung zu bringen. Doch Verfassung, Strafgesetz, Zivilgesetz und polizeiliche Anordnung waren in den alten Einungen so unlöslich verquickt, waren vor allem den Nordhäusern im Laufe der Jahrhunderte so lieb und wert geworden, daß der Versuch mißlang und Wiegand an dieser Aufgabe scheiterte, genau so scheiterte, wie sein Mitschüler von der berühmten Klosterschule zu Ilfeld Georg Wilde, der sich als zweiter an die Arbeit machte. Doch der Wert ihrer Wirksamkeit für Nordhausen konnte dadurch nicht herabgemindert werden. Apel Wiegand – bei dem Humanisten mußte natürlich aus dem biedern Apel ein strahlender Apollo werden – überwand durch seine hohen geistigen Fähigkeiten die Niedrigkeit der Geburt, wurde schon als ganz junger Student zu Wittenberg Melanchthons Freund, der sich 1547 in den Anfechtungen des Schmalkaldischen Krieges erlauben durfte, seinen Meister zu trösten, und erhielt dann einen ehrenvollen Ruf als schwarzburgischer Kanzler nach Sondershausen. Für seinen Fürsten wirkte er hier in erster Linie, doch versagte er sich seiner Vaterstadt nie. An der Seite Johann Spangenbergs wurde er 1546 zur Reformierung des Klosters Walkenried berufen, für Nordhausen war er in hundert Händeln als Sachwalter voll Selbstentäußerung tätig, für Nordhausen suchte er auch in den sechziger Jahren die Auseinandersetzung der Stadt mit dem Kreuzstift zu einem guten Ende zu führen. Wilde war Patrizier, Wiegand Plebejer, Wilde war starrer und neigte deshalb dem Genfer Reformator zu, Wiegand war biegsam und ein Anhänger Melanchthons, Wilde war Bekenner, Wiegand Diplomat; beide waren Rationalisten, aber Wilde kämpfte mit germanischem Keulenschlag, Wiegand mit italienischem Florett.[2]

Alle Nordhäuser Humanisten überragte jedoch ein Fremdling, der aber seit seinen Jünglingsjahren unserer Heimat sein Leben geweiht hatte: Michael Meyenburg. – Trotz Karl Meyers tiefgründiger Untersuchung über Meyenburgs Geburtsort müssen wir doch einigen Zweifel hegen, ob sich Steinach oder Marktsteinach in der Schweinfurther Gegend rühmen kann, Meyenburg hervorgebracht zu haben. Fest steht, daß er 1491 oder 1492 als Sohn armer Eltern in Franken geboren wurde und sein ursprünglicher Name Leyser war. 1506 kam der arme, erkenntnisdurstige und ehrgeizige Knabe nach Erfurt. Selbst die Einschreibegebühren konnte er der Universität nicht sogleich bezahlen. Drei Jahre studierte er dann kanonisches und weltliches Recht; 1509 schon fand er, der Achtzehnjährige, in Nordhausen Anstellung als Unterstadtschreiber. Sein Vorgesetzter war der Geistliche und Jurist Melchior von Aachen, Nordhausens Syndikus. Obgleich nun durch Berg und Wald vom Erfurter Freundeskreis getrennt, wo der Frühreife bald die Zuneigung der größten Humanisten erworben hatte, hielt er doch die Verbindung mit jenen Geistesverwandten stets aufrecht. Meyenburg war und blieb sein Leben lang Humanist, im Guten und Bösen. Er war von vollendeter und skrupelloser Diesseitigkeit, voll starker Lebenskraft und Lebenslust, voll Freude an'Glanz und Üppigkeit und Reichtum. Doch ging er im Wohlleben nicht auf, sondern suchte jenen höheren Lebensgenuß, den der Umgang mit der Wissenschaft und den Künsten gewährt. Der mit Geschäften und Sorgen Überhäufte fand noch 1545 Zeit, einen Kommentar zu den Büchern Galens zu schreiben, für dessen Zusendung Melanchthon ihm dankte. Auch ein Kenner und Förderer jener bildenden Künste war er, deren Ruhm und Werke länger gelebt haben als die ihrer literarischen Weggenossen. Die beiden Kranachs hatte er kennengelemt, und sie verkehrten im Meyenburgschen Hause zu Nordhausen; dem älteren Kranach erteilte er den Auftrag, ein Epitaph für seine erste, jungverstorbene Gattin zu malen. Der jüngere Kranach schuf nach des Freundes Tode für ihn selbst ein leuchtendes Ehrenmal. Beide Bilder sind noch heute der wertvollste Schmuck der St. Blasiikirche.

Schon 1510 hatte das Examen zur Würde eines Baccalaureus Meyenburg wieder nach dem geliebten Erfurt zurückgeführt. In den Jahren von 1515 bis 1517 mag er voll jugendlicher, übermütiger Begeisterung die Briefe der Dunkelmänner aufgenommen haben. Als 1521 die Bilderstürmer Thüringen unsicher machten, in Erfurt die Stiftshäuser zerstört wurden und viele Professoren und Studenten vor dem rohen Treiben aus Erfurt wichen, lud Meyenburg die Freunde ein, und Eobanus Hessus kam und nahm vorlieb mit der einfachen Junggesellenwohnung Meyenburgs. Damals war es auch, wo der sinnenfrohe, sonst um religiöse Dinge unbesorgte Stadtschreiber bemerkte, wieviel Verwandtschaft die Luthersche Bewegung mit humanistischem Geiste hatte. Aus einem Gegner der Reformation wurde ganz allmählich ein Anhänger. Aber in seinem Herzen blieb er immer mehr Humanist als Protestant. Als er 1523 in der Ostzeile der Hagenstraße, der heutigen Baltzerstraße, ein Haus erworben hatte, ließ er hier das Hauptzimmer schmücken mit Bildern und Wappen berühmter Humanisten. Dort hingen seine verehrten Vorbilder Erasmus, Reuchlin, Mutian, Hessus, Hutten, Kamerarius, Nasenus, Held und Mosellanus; Eobanus Hessus schrieb unter jedes der Bildwerke ein glattes Distichon.

In demselben Jahre 1523 wurde der nun schon leidlich Wohlhabende Oberstadtschreiber oder Syndikus von Nordhausen, und nun gestaltete er sein Leben recht eigentlich nach seinem Geschmack. Neben den Humanisten hielten Einkehr in seinem Hause die Reformatoren Luther, Jonas, Melanchthon, Spalatin, Bugenhagen. Mit besonders herzlicher Zuneigung war ihm Melanchthon verbunden, und wir haben zahlreiche Beweise und Briefe von dieser Freundschaft. Das war nicht von ungefähr. War Meyenburg auch aus ganz anderem, härterem Holze geschnitzt als der große Mitarbeiter Luthers, so einte doch beide ebenso ihre Begeisterung für den Humanismus wie die Neigung, um nebensächlicher Glaubensfragen willen nicht die ganze reformatorische Bewegung zu gefährden.

Freilich war die Reformation für Melanchthon doch viel mehr Herzenssache als für Meyenburg, dem der neue Glaube, so stark er sich für ihn einsetzte, in erster Linie das Mittel war, seine politischen Zwecke zu erreichen. Wie viele Politiker und Staatshäupter seiner Zeit, so hatte auch er bald bemerkt und begriffen, daß aus dem Kampfe Luthers gegen die Veräußerlichung und Verweltlichung der Kirche Kapital zu schlagen sei. Ja, er selbst scheute sich nicht, die Bedrängnis von Kirche und Kloster zu benutzen, für sich persönlich Gewinn daraus zu ziehen; erwarb er doch am 12. Januar 1525 von der Äbtissin Anna von Rüxleben für 100 Gulden 30 Morgen Klostergüter zu Bielen.

Sein Hang zum Wohlleben ließ ihn sein ganzes Leben lang bedacht sein, Reichtümer zu sammeln. Seitdem er im Jahre 1525 Nordhäuser Bürger geworden war und nachdem er Ursula Lachenper aus Gotha als Gattin heimgeführt hatte, trachtete er deshalb noch mehr als bisher danach, unter den Nordhäuser Geschlechtern Boden zu gewinnen. Daher ließ er sich auch 1530 in die Gewandschnittergilde aufnehmen. Selbst ihm, dem vielgewandten und geistig weit überlegenen Manne, wird es nicht ganz leicht gemacht worden sein, als Fremdling und Mietling der Stadt in einer Gilde Aufnahme zu finden. Doch vermuten wir, daß er damals den Widerstand dadurch gebrochen hat, daß er einen Ruf der Stadt Frankfurt am Main als Syndikus anzunehmen drohte, wenn man ihn in Nordhausen nicht Fuß fassen ließ. So ward er denn Kaufmann, und es eröffneten sich ihm neue Möglichkeiten, Schätze zu sammeln. Vor allem lag ihm aber daran, in die Ehrenämter der Stadt zu kommen, was ja beinah ausschließlich nur Innungsgenossen möglich war; nur als Gewandschnitter konnte er Ratsherr und Bürgermeister werden.

Bald nutzte er denn auch seine neu erworbene Stellung aus. Nachdem seine erste Gemahlin im Herbst 1529 gestorben war, benutzte er seine Beziehungen dazu, in die Kreise der Mansfelder Hüttenherren hineinzugelangen und heiratete die Tochter des Hüttenherrn Johann Reinecke, eines Freundes Luthers. Seitdem mit dieser zweiten Gattin neuer Wohlstand in sein Haus gezogen war, beteiligte er sich immer lebhafter an Geschäften aller Art. Als 1535 Graf Botho von Stolberg Anteile an dem Salzwerke der Numburg ausgab, erwarb Meyenburg sogleich zwei Kuxe; die Stadt Nordhausen selbst nahm vier. Schließlich vermittelte ihm seine Zugehörigkeit zu den Gewandschnittem 1545 eine Ratsstelle und 1547 den Bürgermeisterposten. In jenen Jahren, im Jahre 1549, war es auch, wo er ein großes Patrizierhaus für 700 Gulden am oberen Steinweg erkaufte. Die bescheidenen Ehren aber, die Nordhausen ihm bieten konnte, waren dem ehrgeizigen, weltgewandten Manne nicht genug. Schon früh hatte er sich in ganz Deutschland einflußreiche Beziehungen zu schaffen gewußt, die er für sich und für Nordhausen weidlich zu nutzen verstand. Seine vielen Missionen im Auftrage der Stadt, seine Verhandlungen auf den Reichstagen führten ihn mit der großen Welt zusammen und knüpften manche flüchtige und dauernde Freundschaft. Am nützlichsten wurde ihm und der Stadt der Sekretär Karls V. Johann Obemburger, mit dessen Hilfe er besonders 1541 für Nordhausen manch schönes Privileg erwarb. Doch auch die Freundschaft bedeutender Männer der Wissenschaft wußte er sich nicht nur durch das Band der Geistesverwandtschaft, sondern auch durch die Gewährung materieller Annehmlichkeiten zu erhalten. Im Hause Melanchthöns langte jedes Jahr von ihm ein Fäßchen Wein an, und Melanchthons Todhter verehrte er einmal einen Goldschmuck. Auch Darlehen empfing der Reformator von ihm. Nicht übergehen dürfen wir endlich seine berüchtigte und nur um des eigenen Vorteils willen geschlossene Freundschaft mit dem lockeren Abt von Walkenried Johann Holtegel. Dieser treffliche Trinker liebte mehr als die Waldeinsamkeit Walkenrieds das gesellige Treiben Nordhausens, und Meyenburg war der Mann dazu, ihn bei lustigen Zechkumpanen und ganz auf des reichen Klosters Kosten einzuführen. Bei den munteren Gastereien, bei Zechgelag und Würfelspiel blieb es schließlich nicht, sondern der Abt „schenkte seinem Freunde auch Bauholz zum Bau seiner Häuser“. Durch einen armen und erblindeten Klosterbruder, den Holtegel schnöde behandelte, kam dieses heitere Spiel auch Luther zu Ohren, und der ergrimmte so, daß er einen seiner berühmten, herzhaft polternden Donnerkeile gegen Meyenburg schleuderte. Dieser Groll über das Benehmen des Schwiegersohnes seines verblichenen Freundes Reinecke war so stark und nachhaltig, daß er den Schaden nicht bedachte, den der Leiter des Nordhäuser Gemeinwesens dem jungen Glauben zufügen konnte, und Melanchthon den Freund von einer Zusammenkunft mit Luther dringend abraten mußte. 1555 ist Meyenburg gestorben.

So lebte und wirkte Michael Meyenburg – und nur von dem Humanisten Meyenburg ist hier die Rede – in der Stadt, die seine zweite Heimat geworden, wie ein Willibald Pirkheimer zu Nürnberg. Wie Pirkheimer in Nürnberg das ganze reich bewegte Leben des 16. Jahrhunderts in seiner Person darstellte, so in Nordhausen Meyenburg. Bei ihm liefen alle Fäden der kleinen Welt Nordhausens zusammen, und er wußte um alle die verwickelten Verhältnisse der großen Welt Deutschlands. Mehr als einem andern hatte Nordhausen ihm zu danken, wenn gar häufig die erlauchtetsten Gäste in seinen Mauern weilten und immer wieder das geistige Leben befruchteten. Im Oktober 1525 kehrte Melanchthon bei Meyenburg ein, im Jahre 1527 flüchtete Jonas vor der Pest aus Wittenberg zu ihm, und im Unglücksjahr 1547 weilten Melanchthon und die Witwe sowie die Kinder Luthers in seinem Hause, während Jonas Unterschlupf fand im Gartenhause des Bürgermeisters Andreas Wende. Und nicht bloß um der Sache der Reformation willen nahm er diese Männer bei sich auf, sondern mehr noch, weil sie geistvolle Humanisten waren. Denn Justus Jonas, ursprünglich Jurist, war in seinen jungen Jahren ganz in humanistischen Studien aufgegangen und hatte noch 1519 den Kampf Ecks gegen Luther für einen Kampf des Ingolstädter Professors gegen den großen Erasmus aus Rotterdam erklärt. Auch die rednerischen Fähigkeiten Jonas’, der nächst Luther für den besten Kanzelredner gehalten wurde, mögen Meyenburgs Freude an schöner Form geweckt haben. Ferner: Melanchthon selbst ist sein Leben lang mehr Humanist geblieben als Theolog, durch Luther aus seiner Bahn geworfen. Das machte ihn gerade anziehend für Meyenburg. Bezeichnend ist ferner ein Brief Melanchthons an Meyenburg vom 20. Oktober 1542, nachdem Luther Meyenburg abgekanzelt hatte, in welchem der Wittenberger Freund den Nordhäuser Staatsmann mit dem Schicksale von Themistokles, Aristides, Camillus, Scipio, Cicero und Beiisar zu trösten suchte und schließlich beteuerte: „Ich erhalte auch so oft Fausthiebe, nicht etwa nur von den Gegnern, nein, von den Unsem. Wir wollen das Übel tragen und durch Mäßigung mildem.“

Durch diesen Verkehr war das Meyenburgsche Haus für Nordhausen der Mittelpunkt des wiedererwachenden Altertums. Melanchthon nannte den Freund homo magnae existimationis, einen hochgelehrten Mann, und communis litterarum patronus, den Förderer aller Künste und Wissenschaften, und als solcher war er für das Geistesleben Nordhausens von größter Bedeutung.

Von ihm empfing auch Anregung und Unterstützung ein anderer wackerer Humanist, ein geborener Nordhäuser, Johann Hüter, der gelehrte Prior im Himmelgarten zu Nordhausen. Hüter war in der Blütezeit Meyenburgs schon ein bejahrter Mann; zunächst noch ein frommer Katholik, der 1518 zum Bau des Petersdoms eine reiche Spende nach Rom sandte, aber von jeher ein begeisterter Verehrer des klassischen Altertums. Auch er hatte die frische Luft der Erfurter Universität geatmet und daher eine ewige Sehnsucht nach altem Guten und Schönen behalten. Eifrig studierte er alle wissenschaftlichen Werke, deren er habhaft werden konnte und legte in seinem Kloster nach und nach eine stattliche Bibliothek an. Dieses Vermächtnis unseres Priors wurde vor dem Bauernstürme 1525 nach Nordhausen geflüchtet, wo die Bücherei zunächst Aufnahme fand bei dem Mönch Heinrich Thube in der Nordhäuser Besitzung des Klosters an der Töpferstraße, bis sie 1552 auf Ratsbefehl in die Blasiikirche überführt wurde.

Im Kloster Himmelgarten, das unter Stolbergs Schutz stand, trafen sich die Stolberger mit den Nordhäuser Humanisten. Hier fand sich der junge Tilemann Plattner ein, der begünstigte Kaplan Bothos von Stolberg, der von ihm gewürdigt wurde, die jungen Grafen Wolfgang und Ludwig als Erzieher nach Wittenberg zu begleiten, und der von unserem Humanistenkreise beneidet wurde, weil er auf einer von Eobanus Hessus veranlaßten Reise in die Niederlande dem göttlichen Meister Erasmus selber näher getreten war. Und mit Plattner kam der Stolbergsche Hauptmann Wolf von Rabyl, gleich ihm ein Schwärmer für die neue Blüte der Wissenschaft. Aus Nordhausen aber wanderten gar oft den Stationsweg nach dem Himmelgarten entlang Lorenz Süße und Johannes Spangenberg, der schon von seiner Stolberger Diakonzeit her mit Tilemann Plattner befreundet war.[3] Dieser Kreis, der oft genug den Lauf der Welt bedacht und für Luthers Werk gebetet haben mag, erfreute sich doch auch ebenso oft an dem süßen Gift des verdammten und gepriesenen Heidentums.

Johann Spangenbergs glücklicher Anlage und seinen organisatorischen Fähigkeiten war es dann zu danken, daß jene Freude am klassischen Altertum nicht auf einen intimen Freundeskreis beschränkt blieb, sondern der Jugend Nordhausens mitgeteilt wurde. Schon in Gandersheim und Stolberg war Spangenberg Jugenderzieher gewesen aus Freude an der jungen Generation; und um die neue Bildung und Gesittung auch in der Nordhäuser Jugend heimisch zu machen, eröffnete er kurz nach seiner Berufung im Jahre 1524 an der Pfarre zu St. Blasii eine Schule, aus der dann das Nordhäuser Gymnasium emporwuchs. Spangenberg, bei aller Fröhlichkeit eine ernste und sittlich gefestigte Persönlichkeit, aber wußte, daß zur Erziehung von jungen Menschenkindern, die Gott und den Menschen zum Wohlgefallen leben sollten, das Studium der klassischen Sprachen und die Freude an schöner Form allein nicht genügten. Deshalb waren die Sprachen des Altertums und die Dichtkunst ihm und seinen Schülern nicht Selbstzweck, sondern dienten ihm dazu, das Rüstzeug zur Verteidigung des Evangeliums zu liefern, dienten ihm dazu, die tiefsten Gedanken der Heilslehre zu ergründen, dienten ihm dazu, gefestigte, im lautern Christentum wurzelnde Persönlichkeiten heranzubilden. Dadurch, daß Johannes Spangenberg vor allen anderen seiner Zeitgenossen humanistischen und lutherischen Geist in sich vereinigte, war gerade er befähigt, beide Strömungen, Humanismus und Reformation, für die Bevölkerung Nordhausens zum Segen werden zu lassen.

So erstrahlte denn um 1520 herum auch in Nordhausen die Antike in neuem Glanze. Was jene ersten Verkünder für Nordhausen gewesen sind und geleistet haben, davon zeugen am besten ihre Schüler und ihre Nachfahren. Ein Meyenburg, ein Spangenberg waren es, die ein neues Geschlecht nach ihrem Geiste formten, sie waren es, die sich bemühten, von auswärts Jünger als Verkünder des neuen Heils nach Nordhausen zu ziehen.

Da seien von Nordhäuser Kindern, die im Geiste ihrer Eltern und Lehrer erzogen waren und wirkten, nur drei genannt: Johannes Gigas, Cyriakus Spangenberg und Siegfried Sack; Johannes Gigas, der erste Rektor der Fürstenschule zu Pforta, ein feinsinniger Dichter lateinischer Gedichte, Cyriakus Spangenberg, der älteste Sohn Johannes Spangenbergs, der ein streitbarer Theologe und großer Historiker wurde, Siegfried Sack, der Sohn des Bürgermeisters Thomas Sack, ■ > 'f Rektor der Domschule zu Magdeburg und später geschätzter Domprediger daselbst.

Schärfer als bei diesen Söhnen Nordhausens tritt das Eigentümliche und Neue des Zeitgeistes zu Tage bei den Fremdlingen, die aber in Nordhausens Mauern gewirkt haben: bei Michael Neander, bei Basilius Faber und bei Johannes Thal. Neander wurde 1525 geboren und kam 1547 auf Empfehlung Melanchthons und Jonas’ als Unterlehrer an das Gymnasium nach Nordhausen. Zugleich war er Hauslehrer bei Erasmus Schmidt, dem er während seines ganzen Lebens eine warme Zuneigung bewahrte. Am 30. Juni 1550 nahm er Abschied von Nordhausen, um sein Erzieheramt im nahen Ilfeld anzutreten. Hier wurde er zu dem, als der er noch heute gefeiert wird. Aus dem Ilfelder Rektor wurde ein praeceptor Germaniae.

Bei Michael Neander, einem der größten Pädagogen des 16. Jahrhunderts, tritt noch die neue Art der Geistesrichtung am wenigsten hervor. Doch wenn der große Ilfelder Rektor, schwächlichen und kränklichen Körpers, wie er war, von sich selber schrieb: „Von Jugend auf habe ich nie Verlangen gehabt nach dem, wonach junge Leute sollen und müssen Lust haben, nach Tanzen, Springen, Wohlleben, dabei man trinket, springet und fröhlich ist. – Ich habe auch viel Essen und Trinken nie vertragen können, obgleich ich gewünscht habe, daß ich es könnte. Ich bin mir selber böse geworden, daß ich es nie gekannt habe“, – wenn Neander in dieser Weise seufzte, so geht daraus hervor, daß auch er eine der katholischen Kirche völlig fremde, humanistische Bejahung des Lebens und seiner Freuden zeigte. Diese positive Einstellung zum Diesseits ließ ihn auch zu einem großen Jugenderzieher und geschickten Diplomaten im Dienste seines Ilfelder Stiftes werden. Denn die Erziehung als Beruf kann eigentlich nur der erwählen, der den Glauben hat, daß das Leben auf dieser Welt nicht nur ein Vor- und Durchgangsstadium ist, sondern für sich selbst Wert und Würde hat. Deshalb gehört auch Neander, so sehr er verbissener theologischer Dogmatiker war, in den Kreis der Humanisten.

Der zweite, Basilius Faber, wurde 1520 zu Sorau geboren und kam schon als Jüngling in das Haus Spangenbergs als Erzieher von dessen Söhnen. Lehrer und Erzieher blieb er sein ganzes langes Leben hindurch. 1550-1553 war er Rektor der Lateinschule in Nordhausen. Sein 1571 erschienener thesaurus eruditionis scholasticae wurde noch 1726 von Gesner einer Neuauflage gewürdigt. Als streitbarer Humanist zeigte er sich aber besonders durch seine Mitarbeit an dem großen protestantischen Quellenwerk der Magdeburger Centurien, das Flacius Illyrikus herausgab und das den Bau der katholischen Kirche durch das Werkzeug historischer Kritik erschüttern sollte. Lorenzo Valla hatte die angeblichen Schenkungen Konstantins als Fälschung erwiesen, und auf der Bahn des italienischen Humanisten wandelten nun die Deutschen weiter. Die historische Kritik begann, mit dem abergläubigen Wust eines Jahrtausends aufzuräumen.

Die Selbständigkeit und Freiheit, welche die Renaissance der Menschheit gegenüber Glauben und Geschichte errang, wirkte sich nicht zuletzt auch in der Gewinnung einer neuen Einstellung zur Natur aus. Naturwissenschaft, Medizin, und Technik knüpften, das Mittelalter überspringend, an das Altertum an, und bald gewann das ganze Weltgebäude, Mikrokosmos und Makrokosmus, durch die unermüdliche Forschertätigkeit jener Jahrzehnte ein neues Gesicht. Ja, man ist versucht, zu sagen, daß neben der Wiedererweckung der bildenden Kunst die westeuropäische Renaissance nichts Größeres und Nachhaltigeres hervorgebracht hat als diese Taten auf naturwissenschaftlichem Gebiet. Das universale Genie Leonardo da Vincis befruchtete sämtliche Zweige der Technik, Paracelsus ward der größte Arzt seit dem Griechen Galen, und dem Domherrn Copemicus zu Thom gelang die größte wissenschaftliche Umwälzung aller Zeiten. Hatte die Scholastik bisher mit der trefflichsten Logik eine supranaturalistische und metaphysische Welt ausgebaut, so ging man jetzt daran, erst einmal die sehr viel weniger schwierige Physik des Diesseits zu ergründen, in der stillen Hoffnung, nach der rechten Einsicht in die Dinge dieser Welt mit klarem Blick die Dinge jener Welt erschauen zu lernen.

Die Wertschätzung der Naturwissenschaften auch in Nordhausen drückt sich darin aus, daß am Anfang des 16. Jahrhunderts zum ersten Male nicht Scharlatane, sondern wirklich Physici in der Stadt erschienen. Und wenn den Nordhäuser Naturforschern auch noch manch krauses Zeug unterlief, – die Alchemie und die Astrologie jener Zeit haben doch die Wissenschaft gefördert, und auch der Pastor Melchior Leporinus von der Frauenbergkirche, der in den Jahren 1569-1587 über den Retorten sein Pfarramt vernachlässigte, wird nicht ohne Einsicht in das Leben und Weben der Natur geblieben sein.

Doch wichtiger für die Nordhäuser Bevölkerung wurden die Ärzte. Gleich der dritte eigentliche Arzt, den die Stadt im Jahre 1534 in ihre Dienste nahm, war ein an der griechischen Heilkunde vortrefflich geschulter Mann, Dr. Jonas Comarius. Doch dieser Comarius, der in Basel Erasmus nahestand und in Pavia den Doktorhut erwarb, gewann nicht solche Beziehung zu unserer Heimat wie Johannes Thal.

Thal wurde 1542 zu Erfurt geboren und unter Michael Neander in Ilfeld erzogen. Nach seinen Wanderjahren, die ihn über Jena führten, wo er Student war, und über Stendal, wo er als Arzt wirkte, gelangte er zu Brot und Ansehen in Stolberg und schließlich 1581 in Nordhausen. Jahrelang durchforschte er „mit Gefahr seines Lebens alle Winkel des Harzes, Thüringens und Sachsens“, wie sein einstiger Lehrer Neander schreibt. Die Frucht dieser Studien war seine Silva Hercynia, das erste Buch einer Floristik Deutschlands, ein Buch, das auf jeder Seite den scharfen Beobachter und geschickten Gelehrten zeigt.

Auch als Arzt muß er Bedeutendes geleistet haben, denn Neander sagt von ihm, er sei „kein geringer, sondern ein Wundermann gewesen“, und an viele Krankenbetten Sachsens und Thüringens wurde er berufen. Auf einer dieser Reisen, sie führte ins Magdeburgische zu einem Herrn von Bordfeld, den er von der Schwindsucht heilen sollte, erlitt er 1583 einen tödlichen Unglücksfall zwischen Halberstadt und Magdeburg. Die Pferde seines Reisewagens gingen durch, und als er sich durch einen Sprung aus dem Wagen in Sicherheit bringen wollte, brach er das rechte Bein. Lange Zeit lag er mit aus dem Fleisch herausragendem Schienbeinknochen hilflos am Wege. Die Kunst der herbeigeeilten Ärzte und seine eigene konnten ihn nicht mehr retten. In Peseckendorf bei Oschersleben ist er am 18. Juli 1583 gestorben.[4]

Welch ein Unterschied zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert, wenn man das Leben und Wirken dieser Männer betrachtet! Kunst und Literatur, Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften waren erwacht. Es war eine Lust zu leben. Und doch, man würde den Charakter der Zeit gänzlich verkennen, wenn man ihn nur von dieser einen Seite aus betrachten wollte. Gewiß, für die Menschheit und ihre Zukunft hat der Humanismus Größtes geleistet. Doch fähig dazu wurde er erst durch Luthers Befreiungstat. Und wenn man gar danach fragt, wer der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ihr Gepräge gegeben und nicht nur die Gemüter der Besten, sondern, worauf es ankommt, des ganzen Volkes bewegt hat, so müssen doch Erasmus und Dürer und Lionardo weit zurücktreten hinter dem einen Martin Luther.[5]

Der revolutionäre Grundton führte Humanismus und Reformation zunächst zusammen. Wenn Luther auf den Zwiespalt zwischen den idealen Forderungen und der wirklichen, häufig ganz äußerlich frommen Einstellung der alten Kirche aufmerksam macht, dann zeigte sich bei ihm eine ganz ähnliche Kritik wie bei den übermütigen Verfassern der Dunkelmännerbriefe. Wenn Luther das deutsche Volk aus der Enge der scholastischen Logik herausführen wollte und dabei seine Bibel fest umklammert hielt, so kämpfte er damit Seite an Seite mit Erasmus. Wenn Luther anlief gegen die Allmacht der priesterlichen Stellung und ein persönliches Verhältnis herstellte zwischen Gott als dem lieben Vater und den Menschen als seinen lieben Kindern, oder wenn er der civitas terrena, dem Staate und der Gesellschaft, selbständigen Wert beimaß gegenüber der civitas coelestis, dem Gottesstaate, dann berührten sich seine Gedanken stark und unmittelbar mit der humanistischen Verehrung diesseitiger Herrlichkeit. Bei dieser Verwandtschaft war es kein Wunder, wenn Mutian 1515 auf den Wittenberger Mönch aufmerksam wurde und ihn für seinen Jünger ansah. Auch 1518 schien das Gemeinsame noch zu überwiegen, so daß der Humanist Melanchthon als Lehrer der griechischen Sprache nach Wittenberg berufen wurde, und 1519 sah ja noch Justus Jonas das Auftreten Ecks als einen Streit zwischen ihm und Erasmus an.

Dennoch fühlte bald keiner mehr als Luther selbst den fundamentalen Unterschied zwischen Humanismus und Reformation. Luther hatte eine geringe Meinung vom klassischen Altertum. Schon weil Aristoteles’ Philosophie der Scholastik das ganze Rüstzeug geliefert hatte, verdammte er den Griechen als den verfluchten Heiden, dessen Lehre sich zur Theologie verhalte wie die Finsternis zum Lichte. Die Humanisten sahen die Dinge doch unter einem ganz anderen Blickwinkel als Luther. Ihr Sinn war ganz nur auf das Menschliche gerichtet; sie fanden Gefallen daran zu betonen, daß nichts Menschliches ihnen fremd sei. Luther dagegen stellt die Frage: Was muß ich tun, damit ich die ewige Seligkeit gewinne? Die Humanisten waren Realisten, ja Naturalisten, Luther holte sich in seinen Glaubensnöten Rat und Friede aus der deutschen Mystik. Deshalb ließ Erasmus als Realist dem freien Willen noch einigen Spielraum, Luther als Voluntarist gründete seine Theologie allein auf die göttliche Gnade. Dort finden wir das Vernünftigste, hier die Offenbarung in einer Zentralstellung; darum wurde Luther deutschem Geiste viel mehr gerecht als irgendein Humanist. Luther war übersinnlich, nicht sinnlich, Luther war grüblerisch, nicht spielerisch, Luther war faustisch, nicht mephistophelisch eingestellt.

Daß Luther mit diesem seinem Leben und seiner Lehre das Sinnen und Trachten und Dichten und das ganze Wesen des deutschen Volkes verkörperte, erkennt man, wenn man betrachtet, was die Deutschen jener Zeit lasen und an Geisteswerken schufen. – Seitdem um die Mitte des 15. Jahrhunderts Gutenbergs Erfindung eine völlige Umwälzung hervorgerufen hatte, erlebte die Welt von Jahr zu Jahr ein ungeheures Anschwellen der Neudrucke. Doch war auf dem Büchermärkte der Auftrieb an humanistischen Schriften kläglich im Vergleich zu den Drucken an Bibeln, Legenden, Postillen und ähnlichen Schriften geistlicher Erbauung. Gerade das Unbefriedigtsein mit der Kirche hatte die Beschäftigung mit religiösen Dingen in allen Kreisen anwachsen lassen. Dasselbe ist zu beobachten, wenn man die Kunstwerke der Zeit betrachtet. Die Kunst hat ja immer gern an die religiöse Gefühlswelt der Menschheit angeknüpft. Dabei blieb es trotz des Humanismus auch damals; und wenn auch ein Unterschied zwischen den Stoffen der mittelalterlichen und der modernen Kunst vorhanden war, wenn auch die religiösen Motive immer mehr Mittel zum Zweck wurden, wenn auch die Kunst mehr rein menschliche Züge in den Heiligenbildern darstellte, so war es doch unleugbar, daß Schongauer und Grünwald, Dürer und Kranach mit der Darstellung religiöser Stoffe dem Volksempfinden am meisten genugtaten. Alles wies darauf hin, daß die Religion viel tiefer im Volke wurzelte als der Humanismus. Erasmus war der Mann einiger weniger Gelehrten, Luther war der Mann des Volkes. Die geringe Oberschicht des gebildeten Deutschland war humanistisch gestimmt, die breite Masse des Volkes war religiös gestimmt. Nicht Erasmus trat sein Apostelamt an, sondern Luther.[6]

Wenn wir eben schon die Männer, die wir als Nordhäuser Humanisten bezeichneten, in ein anderes Licht rücken mußten, als es bisher von Nordhäuser Historikern geschehen ist, so glauben wir auch, in Berücksichtigung aller Zeitströmungen, von der Einführung der Reformation in Nordhausen ein anderes Bild entwerfen zu müssen.

Auch in Nordhausen war die Grundstimmung des Volkes nicht humanistisch, sondern religiös. Dabei hielt, ihrem konservativen und duldsamen Charakter entsprechend, die Bevölkerung durchaus am alten Glauben fest. Dennoch dürfen auch für Nordhausen gewisse Wandlungen in der Auffassung vom Wesen der Religion und der Kirche nicht übersehen werde. Die kulturellen Fortschritte hatte auch Nordhausen mitgemacht, und der einzelne, wacher geworden als bisher, strebte auch hier von mittelalterlichen Bindungen los.

Die Kirche mit ihrem feinen Gefühl für die seelische Struktur großer Massen hatte nicht gezaudert, Zugeständnisse zu machen, und schon seit Jahren hatte Mainz die Stadt von der geistlichen Gerichtsbarkeit entbunden. Auch die offenbaren Schäden der Kirche, insbesondere der Müßiggang und die Zuchtlosigkeit vieler Geistlicher sowie der Reichtum von Stiftern und Klöstern bei völliger Steuerfreiheit, wurden jetzt mehr beachtet und einer Kritik unterworfen als früher. Auch hier suchte die Kirche einzulenken und dem Empfinden des Volkes entgegenzukommen. 1488 wurde das Kreuzstift revidiert und den Domherren eine strenge Zucht auferlegt; doch blieb der Erfolg gering. 1503 brach offener Unwille über das Treiben der Augustiner Mönche in der Neustadt aus; 1516 weilte Luther deshalb in Nordhausen und suchte Abhilfe zu schaffen. Die leicht zufrieden zu stellende Nordhäuser Bevölkerung, die gern den gutem Willen für die Tat nahm, erkannte dergleichen Maßnahmen willig an und achtete nicht der verworrenen Stimmen von draußen. 1522 erzielte das Domstift noch eine Einigung mit der Stadt über die beiden Nordhäuser Schulen; es machte Zugeständnisse, behielt aber die alleinige Herrschaft über den inneren Schulbetrieb der Domschule. In demselben Jahre trug die Stadt in gutem Einvernehmen mit dem Stift zu den Kosten für die neue Einwölbung der Domkirche bei; 1523 unterstützte das Stift seinerseits die Stadt, indem es einen namhaften Betrag für den Türkenkrieg zeichnete. Wagte man auch schon anders mit der Kirche zu verhandeln und zu verkehren als früher, – die alte Überlieferung stand doch noch unangetastet. So entsprach es dem Nordhäuser Charakter.

Die Lage Nordhausens, abseits vom großen Getriebe der Welt, tat ein Übriges: es fehlte der rechte Anstoß von außen. Das war z. B. in dem Nachbarstädtchen Stolberg anders. Hier war der Hofprediger des Grafen Botho, Tilmann Plattner, mit dessen beiden Söhnen nach Wittenberg auf die Universität gezogen und erwarb dort am 14. Oktober 1521 zugleich mit Jonas den theologischen Doktorgrad. Graf Botho selbst weilte in demselben Jahre auf dem Reichstage zu Worms und nahm von dort den größten Eindruck von Luthers Auftreten mit. So fand in Stolberg die Reformation Eingang, während Nordhausen noch zauderte. Doch erhielt die Stadt bei ihren lebhaften Beziehungen zu Stolberg sicher von dort her einige Anregungen. Dagegen läßt sich die Einwirkung Mansfelds auf Nordhausen, wie Reichhardt behauptet, nirgends erweisen, und die geschäftlichen Beziehungen, die Perschmann den Apotheker Blasius Michel nach Wittenberg haben läßt, sind völlig aus der Luft gegriffen.[7]

Allmählich horchte freilich auch Nordhausen auf. Luthersche Unterströmungen unter der humanistischen Hauptströmung machten sich bemerkbar. Die einflußreichsten Kreise Nordhausens bemerkten allerdings noch nichts von der Reformation. Michael Meyenburgs Haus in der Hagenstraße blieb noch eine Hochburg allein des Humanismus, er selbst stand dem neuen Glauben völlig fremd gegenüber. Doch eine kleine Gemeinde, Konventiklem nicht unähnlich, biedere Handwerker zumeist, fand sich um den Besitzer der Ratsapotheke Blasius Michel zusammen. Hier am Holzmarkt trafen sich nach Wahrheit dürstende Männer aus dem Volke, dort in der Hagenstraße ging die von klassischer Schönheit trunkene Aristokratie ein und aus.

Thre religiösen Anregungen erhielten die Freunde des Wittenberger Mönches vor allen von Franz Günther, einem Nordhäuser, der 1515 in Wittenberg Student geworden war, am 4. September für Luthersche Grundsätze disputiert hatte und 1519 Luthem mit Spalatin, dem Hofkaplan Friedrichs des Weisen, aussöhnte. Seit 1521 schrieb dann auch Justus Jonas, der Sohn des Nordhäuser Bürgermeister Jonas Koch, begeistert von Luther.

Jobst Koch oder Justus Jonas, wie er sich als Humanist nannte, hatte sich im April 1521, als Luther auf seiner Reise nach Worms durch Erfurt kam, dem Reformator angeschlossen und ging dann mit ihm nach Wittenberg. Diese beiden, Günther und Jonas, stellten die Verbindung zwischen Wittenberg und Nordhausen her. Sie waren es, durch die Luthers Thesen, seine Flugschriften, seine Predigten, seine deutsche Bibel in Nordhausen bekannt wurden. Durch sie erhielt der kleine Kreis um Blasius Michel seine geistige Nahrung, und begierig horchte er auf, wenn der Apotheker ein neues Druckwerk vorholen und vorlesen konnte. Auf diese Weise wurde die Apotheke am Holzmarkt, dem heutigen Lutherplatz, der Ausgangspunkt für die Reformation in Nordhausen, und Siegfried Sack konnte deshalb 1592 mit Recht schreiben, daß Blasius Michel es gewesen sei, dem von Wittenberg und anderen Orten fast alles, was zu jener Zeit gedruckt wurde, zugeschickt sei. Das habe er den Bürgern in seiner Apotheke vermittelt, „wodurch der Anfang bei vielen Bürgern gemacht worden, daß sie Lust und Liebe zum Evangelio gewonnen“.

Als sich dann eine kleine Gemeinde treuer Lutheraner gebildet hatte, wagte man endlich, auch einen Geistlichen ins Vertrauen zu ziehen. Das war der Augustiner Prior Lorenz Süße.

Wenn man die Vergangenheit Süßes betrachtet, wird es ohne weiteres klar, warum die Freunde Luthers in Nordhausen sich gerade an diesen Mann wandten. Süße war aus Sachsen gebürtig und im Augustinerkloster zu Erfurt in der gleichen Zeit Mönch gewesen wie Luther; es geht die Sage, er sei sogar Luthers Stubengenosse gewesen. 1515 folgte er dem einstigen Kameraden nach Wittenberg, 1519 wurde er zum Prior in Nordhausen ernannt. Er war also eben erst aus Wittenberg gekommen, kannte Luther und seine Bestrebungen genau und mußte den Nordhäusern am besten Aufschluß über die reformatorische Bewegung geben können.

Die Nordhäuser Luthergemeinde hätte keine geeignetere Wahl für die erste Durchführung der Reformation treffen können als die des Augustinerpriors. Denn Lorenz Süße war von vermittelnder, ruhiger Sinnesart; alles Draufgängertum lag ihm fern, ohne Anstoß an äußeren Formen und dogmatischen Nebensächlichkeiten zu nehmen, kam es ihm nur darauf an, das religiöse Leben zu verinnerlichen und zu vertiefen. Das war gerade, was die Nordhäuser wünschten. Des eifrigen Lutherjüngers Justus Jonas Neigung zum Humanismus tat ein Übriges, um eine Brücke zwischen den Humanisten und den Anhängern der Reformation zu schlagen. Allgemach bahnte sich eine Verständigung zwischen der Hagenstraße und dem Holzmarkte an.[8]

Diese Bekehrung zum Luthertum denke man sich nicht so einfach, wie sie bisher immer dargestellt worden ist. Manch retardierendes Moment trat doch ein, das den völligen Sieg der Reformation immer wieder hintertrieb. Der junge Glaube fand besonders beim Volke Anklang, das am meisten unter den Vorrechten der Geistlichkeit zu leiden gehabt hatte und dem der Gegensatz zwischen dem eigenen kümmerlichen Dasein und der üppigen Lebensführung der Geistlichen besonders augenfällig sein mußte. Diese freudige Bejahung des niederen Volkes erweckte aber das Mißtrauen der regierenden Kreise. Dazu kam, daß man auch in Nordhausen von dem Lärm und den Übertreibungen der Bibelstürmer genügend hörte. Eobanus Hessus war 1521 vor ihrem Treiben in Erfurt nach Nordhausen zu Michael Meyenburg geflüchtet. Dergleichen Begleiterscheinungen der neuen Lehre ermutigten gerade die einflußreichsten Männer der Stadt nicht zum Anschluß an die Reformation. Deshalb war es noch ganz außergewöhnlich, als der Propst Konrad Jenis vom Frauenberge 1525 evangelischer Pfarrer in Bennungen wurde und die Äbtissin des Frauenbergklosters, Anna von Rüxleben, heiratete. Das hundertmal zitierte Wort Luthers über Nordhausen: „Ich weiß keine Stadt am Harze oder sonst dergleichen, die dem Evangelio so bald unterworfen als Nordhausen. Das wird sie vor Gott und der Welt vor anderen in jenem Leben Ehre haben“, dieses Wort klingt für Nordhausen wohl sehr schmeichelhaft, entspricht aber doch nicht ganz den Tatsachen.

Es war nur ein erster zaghafter Schritt, als Lorenz Süße Anfang des Jahres 1522 von den Kirchenvorstehem Branderodt und Thomas Sack, dem Vater Siegfried Sacks, im Beisein der ganzen Gemeinde und mit Vorwissen des Rates zum evangelischen Pfarrer von St. Petri gewählt wurde und am 16. Februar 1522 über das Evangelium von den Arbeitern im Weinberge die erste reformierte Predigt in Nordhausen hielt.

Unklar ist bei diesem Vorgehen der Bürgerschaft das Verhalten des Domstiftes, dem eigentlich die Besetzung der Pfarre zukam. Wahrscheinlich erfolgte aber ein Einspruch der Stiftsherm, und dieser Einspruch forderte nun ein eifrigeres Eintreten auch des Rates für den neugewählten Prediger heraus. Gerade der Widerspruch beschleunigte die Bewegung und verursachte eine größere Entschiedenheit, dem einmal beschrittenen Wege weiter zu folgen. Nordhausen ließ noch in demselben Jahre einen Feuerkopf und Eiferer wie Thomas Münzer in seinen Mauern predigen. Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß Münzer mit jenem Mönche identisch ist, über dessen Predigten in der Georgskapelle sich das Domkapitel beschwerte und den Rat anklagte, daß er „wider kaiserliches Edikt und päpstlichen Bann die Martinbuben, z. T. verlaufene Mönche, auftreten und predigen ließe“.

Dieser ernsthafte Widerstand des Domstiftes scheint uns für das Durchschlagen der Reformation in Nordhausen durchaus maßgebend gewesen zu sein. Denn nun kam zu dem religiösen das politische Moment. Das Kreuzstift hatte nicht nur seine eigene Gerichtsbarkeit in Nordhausen, sondern stand als völlig selbständiges Gebilde des Gemeinwesens da; ihm gehörten die Pfarren der Stadt, es hatte reiche Liegenschaften in der Stadtflur, die dem Zugriff des Fiskus entzogen waren. Das waren schwere Beeinträchtigungen der Nordhäuser Souveränität. Wie ganz anders mußten sich die Verhältnisse gestalten, wenn Nordhausen reformiert und das Stift womöglich gar säkularisiert wurde! Solche Gedanken zogen durch Michael Meyenburgs Kopf, und die leitenden Männer Nordhausens fanden, daß die religiösen Bestrebungen ihnen nicht nur für das Himmelreich, sondern auch für das irdische Leben durchaus wünschbare Vorteile sicherten. Seit Ende 1522 fand deshalb die Reformation in Nordhausen energische Förderung; aus dem rein privaten Interesse war die staatliche Anteilnahme geworden. So müssen die Verhältnisse gesehen werden, wenn man nicht verklären und verteidigen will, wie 6s bisher genugsam geschehen, sondern wenn man die Dinge auf ihre Gründe zünickführt.

1523 schon ist die Sachlage gänzlich verändert. Das Kapitel beklagt sich nunmehr schon, daß seinen Gerechtsamen viel Abbruch geschehe. Näheres erfahren wir nicht, doch wir können es ahnen, denn wir hören, daß in demselben Jahre 1523 der Rat für billiges Geld vom Nonnenkloster im Altendorf die Scherfund Rotleimmühle erwarb und daß er eine Bestandsaufnahme von den Klosterkleinodien der Augustiner Mönche veranlaßte. 1524 griff der Rat sogar in die Rechte des Domstiftes selber ein, indem er Bevollmächtigte zur Öffnung der Gotteskästen und zur Prüfung ihres Inhalts entsandte.

Unterdessen hatte aber auch das Vorgehen anderer deutscher Städte Nordhausen beeinflußt. In jenen unruhigen Zeiten voller Kämpfe mit äußeren Feinden und voll innerer Wirren fanden alljährlich Reichstage statt, auf denen die Stände ihre Gedanken austauschten und jeder von allen Verhältnissen im Reiche erfuhr. Doch hatten die deutschen Städte auch unter sich Zusammenkünfte, um über die Dinge, die allein sie betrafen, zu ratschlagen. So hatten 1523 und 1524 zwei Städtetage in Speyer stattgefunden, die auch Nordhausen beschickt und auf denen es erfahren hatte, wie die anderen deutschen Reichsstädte über die Luthersche Reformation dachten. Am 18. Juli 1524 wurde dann von dem Städtetage zu Speyer der weittragende Beschluß gefaßt: „Von unseren Predigern soll nichts als das Evangelium, die prophetische und apostolische Schrift gepredigt werden.“[9]

Nordhausen wurde in Speyer durch Meyenburg vertreten, und dieser führte dann am 26. September 1524 auf Grund dieses Beschlusses des Städtetages den Ratsbefehl herbei, der die Lutherische Lehre in Nordhausen zur Staatsreligion erhob und der folgendermaßen lautete: „Auf Befehl unserer Herren der Ältesten haben wir, der Rat, nach Beschluß der Freien und Reichsstädte auf dem Städtetag zu Speyer anno 1524, Montag nach Margareten unseren Pfarrherren und Seelenwärtern aus allen Pfarrkirchen gesagt, das göttliche Wort einträchtiglich nach Vermöge des Heiligen Evangelii und biblischen apostolischen Schrift hinfür zu predigen. Wer auch dagegen und des Widerspiels befunden, dem soll seine Predigt verboten sein.“

Damit war Nordhausen der Reformation gewonnen. Immer wieder aber wird sichtbar, daß sich die Stadt nur ganz langsam in die neuen Verhältnisse hineingetastet hat. Und es ist ihr Glück gewesen, daß sie erst in dem Augenblick die vollständige Umstellung beschloß, als auch der rechte Mann in ihren Mauern erschienen war, der sowohl imstande war, die Lutherschen Ideen tiefinnerlich zu begreifen, als auch die Gewandtheit besaß, die nunmehr nötige äußere Organisationstätigkeit zu entfalten. Das war Johannes Spangenberg.

An der St. Blasiikirche war nämlich der Pfarrer Georg Neckerkolb gegen Luther und sein Werk aufs schärfste aufgetreten. Da ließ ihn der Rat am 4. April 1524 wissen, daß er die reine Lehre predigen oder den Schutz der Stadt verlieren solle. Als aber dieses Gebot den Pfarrer nicht anfocht, sandte der Rat nach Stolberg, wo Tilemann Plattner seit 1522 die Reformation durchgeführt hatte, und dieser traf in seinem Gehilfen Spangenberg die richtige Wahl für Nordhausen.

Johannes Spangenberg war nach einer entbehrungsreichen Jugend 1521 als Leiter der Schule nach Stolberg gekommen, trat aber hier auch bald als Prediger und Vertreter Plattners auf und wurde schließlich Archidiakon. Jetzt wurde er nach Nordhausen an die St. Blasiikirche berufen, um Neckerkolb zu verdrängen. Dieser Mann wurde nun der eigentliche Reformator Nordhausens. Neckerkolb zog sich in das Kreuzstift zurück, wo er noch in den vierziger Jahren des 16. Jahrhunderts Kanoniker war.

Luther, der immer mehr fühlte, von wie wenigen seiner Zeitgenossen er wirklich verstanden wurde, war in den späteren Jahren seines Lebens recht sparsam geworden, seine Freundschaft zu verschenken; er glaubte, es gäbe nicht mehr als drei Männer, die in seinem Geiste lebten und lehrten. Zu diesen zählte Luther unsem Spangenberg, den er seinen echten und lieben Jünger nannte. – In der Tat scheint es, als ob mit der Ankunft Spangenbergs in Nordhausen der Bürgerschaft zum ersten Male klar wurde, worum es eigentlich bei dem Bekenntnis zum Evangelium ging.

Hatten bisher die Nordhäuser beim Lesen des geschriebenen Wortes doch noch mancherlei mißverstanden, hatte man bisher auch in Nordhausen manche Wirrung durch falsche Propheten, z. B. durch das Auftreten Thomas Münzers, erlebt, – Spangenbergs Predigten behoben alsbald jeden Zweifel und sprachen eindeutig und lauter von dem Kernstück Lutherscher Lehre, der menschlichen Gerechtigkeit und Gotteskindschaft durch den Glauben, welcher die ganze Lebenshaltung des Menschen für sein eigenes Heil und für seine Mitmenschen bestimmt. So ließ sich denn auch Spangenberg vernehmen: „Nicht das Fasten, Feiern, Beten, Barfußgehen, graue Kappen tragen, nichts Eigenes haben, große Demut und Leiden vorgeben, was auch Buben und Heiden können, macht heilig, sondern vor Gott kann nur die christliche Demut und die ehrliche Erklärung bestehen: Und vergib uns unsere Schuld.“ Und wie Luther die Stellung des einzelnen zur menschlichen Gesellschaft klargestellt hatte, indem er lehrte, daß der Mensch einen zwiefachen Dienst erfüllen müsse, den an sich selbst um seiner Seligkeit willen und den am Staate um seiner Mitmenschen willen, so verkündete auch Spangenberg: „Es will uns allen sämtlich gebühren, daß wir allen Amtsleuten Gottes gehorsam und untertan seien mit Furcht und aller Ehre. Denn wie kann es einen höheren Gottesdienst geben, als Gottes Wort ehren, Frieden unter Adams Kindern stiften und erhalten, Witwen und Waisen beschützen, den Gottesfürchtigen Recht verschaffen und den Gottlosen stören!“[10]

So arbeitete Spangenberg in seinen Predigten das Wesentliche des Evangeliums für seine Zuhörer heraus, und da hinter seinen Worten kein windiger, verlaufener Mönch, sondern eine ganze Persönlichkeit stand, die auch mit der Tat für ihre Lehre zeugte, bekehrte sich die Bürgerschaft immer eifriger zum wahren Luthertum. Den Übergang aber vom alten zum neuen Glauben erleichterte Spangenberg den Nordhäusern dadurch, daß er allem Nebensächlichen gegenüber Duldsamkeit bewies. Er behielt Beichte und Meßopfer, Chorrock und Räucherfaß zunächst ruhig bei. Ihm kam es nicht an auf Äußerlichkeiten, sondern auf Lutherschen Geist. Dadurch versöhnte er auch die noch Widerstrebenden mit dem Wandel der Dinge. Überhaupt bewies er in allen Stücken, daß er nicht nur ein eifriger Gottesmann war, sondern auch die Menschen und Verhältnisse sehr wohl abzuschätzen und zu behandeln wußte. Bei aller Innerlichkeit war ihm doch Freude an Geselligkeit und Gewandtheit im Umgänge eigen, bei aller Überzeugungstreue bewies er doch Nachgiebigkeit und diplomatisches Geschick. Diese Eigenschaften befähigten ihn, Nordhausen für immer dem evangelischen Glauben zu gewinnen, so daß des Chronisten Lesser Wort in der Tat zutrifft, wenn er von Spangenberg sagt, er habe Luthers Lehre „mit kluger Tapferkeit eingeführt und hernach mit unermüdlicher Wachsamkeit rein erhalten“.

Nach der Berufung Spangenbergs und nach dem Ratsbeschlusse vom 26. September war die weitere Überleitung der Stadt zum Lutherschen Glauben im wesentlichen nur noch Organisationsarbeit. Die Petri- und die Blasiikirche besaßen evangelische Pfarrer. Die Geistlichen der anderen städtischen Kirchen unterwarfen sich der Anordnung des Rates. Allerdings können wir den Gang der Dinge in den übrigen Kirchspielen nicht genau überschauen. Alles war im Fluß; die Prediger wechselten häufig.

Die für die Stadt wichtigste Kirche war ja die Markt- oder Nikolaikirche. Hier begann schon Heinrich Simrott im Sinne Luthers zu predigen, ihm folgte 1524 Jakob Oethe. Dessen Berufung hatte sogar zunächst die Zustimmung des Kreuzstifts gefunden, denn er war ein maßvoller Mann und zugleich der Sohn des Bürgermeisters Andreas Oethe, und man wollte durch unnötigen Einspruch nicht maßgebende Kreise vor den Kopf stoßen. Doch den Anhang, den Oethe dadurch besaß, daß er aus eingesessener, angesehener Familie stammte, konnte der nunmehr Pfarrer Gewordene als Rückhalt benutzen, als er begann, energischer zu reformieren. Sogleich wurde der Abtrünnige denn auch von den Domherrn Valentin Heise und Johann Ehrenpfort heftig angegriffen. Doch die Hauptkirche Nordhausens war damit in der Hand der Evangelischen.

Das äußere Ereignis des Bauernkrieges, so viel Sorge es sonst dem Rate schuf, kam der Stadt dann ferner insofern zu Hilfe, als es die Mönche aus den Nordhäuser Klöstern trieb, auf diese Weise die Wirksamkeit gerade der katholischen Kreise, die von größtem Einfluß auf die breite Masse des Volkes waren, ausschaltete und die Klöster selbst, das Franziskaner-, das Dominikaner- und Augustinerkloster, für andere Zwecke freimachte. Aus diesem Grunde ist es auch hier nötig, in aller Kürze vom Bauernaufstände des Jahres 1525 zu sprechen.

Die Lage der Bauern war im 13. und 14. Jahrhundert geradezu glänzend gewesen. Das beweisen unter vielen anderen Zeugnissen Neithard von Reuentals schele Verse. Für die dann seit dem 15. Jahrhundert eintretende Notlage dieses Standes sind viele Ursachen verantwortlich. Wir erwähnen nur die immer weiter um sich greifende Geldwirtschaft, die dem niederen Adel keinen Platz mehr zwischen den Bürgern und den Fürsten zu gewähren schien. Dieser drückte, um weiter standesgemäß leben und es so den Großen in ihren Liebhabereien nachtun zu können, auf seine Hintersassen, die Bauern. Fortschreitende Entrechtung, immer drückendere Abgaben, immer härtere Fronden waren die Folge. Schließlich, als das Joch unerträglich wurde, griffen die Geknechteten zur Selbsthilfe. In dem weiter als Deutschland vorgeschrittenen Frankreich brach schon 1358 in der Jacquerie, in England zugleich mit der Wiclifitischen Bewegung 1381 ein furchtbarer Bauernaufstand aus. Hundert Jahre später bedrohten Bauernrevolutionen auch Deutschland. Sie waren durchaus sozialer Natur, standen mit der Reformation zunächst in keinerlei ursächlichem Zusammenhang. Durchaus etwas Schicksalmäßiges, nämlich die zwangsläufige Bildung größerer Kapitalien infolge der Geldwirtschaft, trug allein an den Unruhen Schuld; wie Luther sich einmal äußerte: Wer 100 Gulden besitze, könne jährlich einen Bauern oder Bürger fressen und leide darüber keine Gefahr, weder am Leib noch an Ware, sitze hinter dem Ofen und brate Äpfel.[11]

Der unruhigen Bewegungen wurden gegen Ausgang des 15. Jahrhunderts immer mehr. In unserer Gegend waren besonders die Mansfelder Bergleute mit ihrem Lose unzufrieden und traten seit dem 15. Jahrhundert, besonders aber während des ganzen 16. Jahrhunderts, immer wieder in Streiks ein. Dergleichen Arbeitsniederlegungen und Arbeitsvereinigungen waren dem Mittelalter nicht etwa unbekannt, nur konnten die herrschenden Kreise sie bei der lokalen Beschränkung, zu der sie notwendig durch den Mangel an jeder Verkehrsmöglichkeit und jeder Organisation verdammt waren, leicht unterdrücken. Auch die Nordhäuser Statuten und Polizeivorschriften kennen den Streik und belegen ihn mit den schweren und entehrenden Strafen des Prangerstehns und Stäupens.

Als dann Luther auf die von der Masse schon lange dumpf gefühlten, aber nie recht erkannten Schäden der Kirche aufmerksam machte, traten zu den sozialen Wünschen religiöse hinzu, und gewisse Wendungen des Evangeliums mußten zur Begründung weitgehender Ansprüche dienen. Man fragte wohl: „Als Adam grub und Eva spann, wer war da der Edelmann?“ Dazu kam, daß viele aus dem Bauern- und niederen Bürgerstande hervorgegangenen Mönche, die durch die Reformation frei wurden, sich bei ihrem höheren Bildungsgrade und ihrer Fähigkeit, das Wort zu gebrauchen, zu Führern ihrer ehemaligen Standesgenossen aufwarfen und die Gefährlichkeit der Bewegung erhöhten. Am schlimmsten war es, daß diese Mönche bewußt oder unbewußt Luthers Lehren fälschten und der „Freiheit eines Christenmenschen“ eine Ausdehnung gaben, die jede gesellschaftliche Ordnung über den Haufen werfen mußte. Das taten z. B. die Anhänger der Wiedertäufer. Wenn unser Nordhäuser Landsmann Justus Jonas von diesen schreibt, sie lehrten, ein Christ könne nicht göttlich in Fürsten-, Herren-, Richteroder Obrigkeit-Amt sein oder solches üben und führen, Gericht sitzen, das Schwert wider die Bösen brauchen, so predigten sie ganz offenbar Anarchie; oder wenn sie sich vernehmen ließen, die Christen sollten nichts Eigenes haben, ihre Güter alle unter sich gemein geben, so standen sie damit völlig auf dem Boden des Kommunismus.[12]

Derjenige, der nun für den Bauernaufstand im nördlichen Thüringen und damit für Nordhausen von größter Bedeutung werden sollte, war der Mönch von Allstedt, Thomas Münzer. Dieser trieb schon seit 1522 am Südharzrande, auf dem Eichsfelde und in Thüringen sein Wesen. Vom Sommer 1522 bis Anfang 1523 weilte er in Nordhausen. Hier muß ihm der besonnene Lorenz Süße entgegengetreten sein. Denn Münzer warf Luthem und Süßen später in seiner hyperbelreichen Sprache nichts Geringeres vor, als daß sie ihm nach dem Leben getrachtet hätten. Dann wandte er sich nach Mühlhausen und fand hier in dem entwichenen Mönche Heinrich Pfeifer den rechten Spießgesellen. Mühlhausen fiel ihm zu.

Durch dieses Schicksal der Schwesterstadt wurde Nordhausen auf die Gefahr aufmerksam. Hier hatte sich in den 150 Jahren seit der Nordhäuser Revolution, welche die Geschlechterherrschaft gestürzt hatte, längst wieder eine Aristokratie gebildet, die genau von solchem Kastengeist beseelt war, genau so die Ämter unter sich verteilte, genau so den kleinen Mann, den Hintersättier, drückte, wie es einst die Geschlechter getan hatten. Kein Wunder, wenn die Herrn des Rats für Nordhausen ein ähnliches Geschick befürchteten, wie es Mühlhausen betroffen hatte. Und als sich 1524 nun gar Bilderstürmer in der Stadt bemerkbar machten und es sich bei ihrer Festnahme herausstellte, daß es Mühlhäuser Revolutionäre waren, mehrte sich die Angst. Um die Verwirrung aufs höchste zu steigern, legte Mühlhausen auch noch wegen der Inhaftierung seiner Mitbürger Verwahrung ein und schrieb, man solle sie loslassen, da sie nur nach der Heiligen Schrift getan und gehandelt.[13] Gottlob, daß ein Spangenberg zur Stelle war! Unterdessen hatten zu Memmingen die süddeutschen Bauern und Kleinbürger ihre Forderungen in 12 Artikeln niedergelegt, und alsbald durchflogen diese in Tausenden von Flugblättern Deutschland. Überall nahmen die Bauern sie als Grundlage für ihr Begehren an. In Mühlhausen wurde am 16. März 1525 der Rat entsetzt, die Stadt war nunmehr gänzlich in Thomas Münzers Händen. Auf dem Eichsfelde und am Südharzrande rotteten sich die Bauern zusammen und suchten mit Sense und Dreschflegel, mit Flinte und Spieß ihr Recht. Im April und Anfang Mai durchtobte der Aufstand auch die Grafschaften Honstein und Stolberg. Alle Klöster und Schlösser waren gefährdet, die meisten wurden geplündert oder gar zerstört. 800 Bauern raubten Kloster Walkenried aus und legten die edle gotische Kirche in Trümmer. Ilfeld wurde heimgesucht, der Honstein ausgeraubt und in Neustadt die Beute verteilt. Ganz in der Nähe Nordhausens mußte Kloster Himmelgarten dran glauben.

Luther weilte in jenen erregten Tagen des Aprils in Eisleben. Von dort aus unternahm er es sogleich, die Aufruhrherde zu besuchen und zum Frieden zu mahnen. Am 21. April predigte er in Stolberg, „daß die Taufe nicht Leib und Gut, sondern die Seele freimache“. Am 24. April langte er in Nordhausen an und war Meyenburgs Gast. Auch hier stieg er auf die Kanzel und suchte den Aufruhr zu dämpfen. Doch die Geister waren zu erhitzt; der Inhalt der 12 Artikel hatte zu sehr Besitz von ihnen ergriffen, und als Luther, so sehr er das Los der armen Bauern und Kleinbürger erleichtern wollte, doch klarzulegen suchte, daß die 12 Artikel praktisch undurchführbar seien, erhob sich in der vom niederen Volke besetzten Kirche ein Sturm des Unwillens. Es wurde in die Predigt hinein gehöhnt, mit Schellen geklingelt, und fast wäre es zur Rauferei im Gotteshause gekommen. Kurz, der Reformator konnte das Unheil nicht bannen. Die regierenden Herren aber, feige wie sie meist sind, wenn sie gar zu lange unangefochten an vollen Tischen gesessen, wagten nicht, dem entfesselten Sturme mit Gewalt entgegenzutreten.

Die Vorboten zum Aufstande hatten sich ja auch in Nordhausen schon 1522 und 1524 gezeigt; jetzt am 29. April 1525 brach das Unwetter los. Der Hauptherd der Unruhe lag im Altendorf, wo die meisten kleinen Leute in gedrückten Verhältnissen lebten. Zwei Männer namens Jakob Walroth und Walter Stelze schürten die Flammen. Vielleicht haben sie an das Barfüßertor gelehnt gestanden und vor ihnen auf der Straße das Volk: Männer mit schwieligen Fäusten, gutmütigen, aber jetzt entschlossenen Gesichtem, daneben Frauen und Halbwüchsige, denen mehr die augenblickliche Wut oder die Lust an der Sensation als das Bewußtsein, einer gerechten Sache zu dienen, aus den Augen glühte, und dann wieder Hetzer und Aufpeitscher, die nicht um der guten Sache, sondern um des persönlichen Vorteils willen unter dem Volke standen und schürten. Hier ward jedenfalls Anklage gegen die Ratmänner erhoben, wie diese für kleinen Dienst großen Verdienst einsteckten, wie sie die Karpfen aus den Fischteichen als willkommene Fastenspeise auf ihrem Tische hatten, wie sie die Hühner aßen, die ihnen gezinst wurden, wie sie allein die Jagd in der Feldflur für billigste Pacht innehatten, wie sie stolz und aufgeblasen in der Staatskarosse saßen und sich von den städtischen Pferden aus dem Marstall ziehen ließen – auf Kosten der Hintersättier, wie sie die Nächte hindurch bankettierten, während den kleinen Mann in früher Abendstunde die Bierglocke nach Hause rief. Hier ward auch gegen die Pfaffen und Mönche zum Kampfe gerufen; gegen die Zisterzienser Nonnen im Altendorf und die Domherren im Kreuzstift, wie sie keine Arbeit leisteten, keine Steuern zahlten, ihre reichen Liegenschaften gegen hohen Zins ausgaben und ohne Erbarmen den Zehnten forderten, wie sie praßten und schwelgten und schlimmere Dinge taten, wie sie wegen ihrer Untaten angeklagt und von ihresgleichen doch freigesprochen wurden. Hier wurden auch die 12 Artikel verlesen mit der Überschrift: „Die grundtlichen und rechten haupt Artickel aller bauernschaft und hindersessen der Geistlichen und Weltlichen oberkeyten, vorn welchen sye sich beschwert vermeinen. “ – Kraus genug sah es in den armen Köpfen aus, dumpf fühlten sie das ihnen angetane Unrecht. Keinen Ausweg sahen sie, ihren Zustand zu bessern, kein klares Ziel hatten sie vor Augen; nur das Verlangen trieb sie, irgendwie eine Besserung zu erreichen. Die Ungewißheit gab ihnen Unsicherheit, nicht wußten sie, ob sie Böses wollten oder Gutes. Da ließen die Rädelsführer sie schwören, „Leib und Gut beieinander zu lassen und zu stehen; was einen betrifft, solle den anderen auch anlangen“.

Wenigstens soweit sicherten sie sich gegen Überrumpelungen aus der Oberstadt, daß sie Geschütze am Barfüßertor aufstellten, deren Mündung die Straße hinaufgerichtet waren. Dann wählten sie 4 Mann als Sprecher: Brüchter, Kloß, Dorfmann und Schönau. Zwei Abgesandte schickten sie auf den Sand, Friedrich Heise und Dorfmann, die dort mit den armen Hintersättlern über den Zusammenschluß verhandeln sollten. Doch da traf sie der erste Fehlschlag. Die Leute auf dem Sande blieben ruhig und lehnten die Teilnahme ab. Zwei besonders Beherzte, Hans Beier und der „lange“ Friedrich Heise, mußten auf das Rathaus gehen und dort vorstellig werden. Bürgermeister Oethe schickte darauf zwei Ratsherrn ins Altendorf hinab, Bohne und Eilhardt, die das Volk beruhigen sollten. Hier hatten die Rädelsführer den Aufsässigen eingeredet, daß das Frauenbergkloster und der Ilfelder Hof schon längst geplündert seien. Da wollten sie denn auch nicht Zurückbleiben und fielen über das Altendorfer Nonnenkloster her. Die wirklich wertvollen Gegenstände im Kloster hatten aber das Domstift schon vorher an sich genommen, und späterhin verwahrte sie der Rat. So begnügten sich die Plünderer mit Speck, Butter und Bier. Als die Ratsherrn kamen, war die gesättigte Schar schon im Abzüge gegen Salza, um sich mit den aufständischen Bauern der Landschaft zu verbinden, und als die beiden den Nachtrupp baten, auf sie zu hören und in die Stadt zurückzukommen, ward ihnen nur zugerufen: Jawohl, sie wollten zurückkommen, aber mit 500 Bauern.

Ebenso tumultuarisch und ziellos war die Revolution der kleinen Leute des Rautenviertes. Auf den Petrikirchplatz kamen die Männer mit Äxten und Sensen zu Häuf, und als sie beisammen waren, wußte niemand zu sagen, was sie wollten. Da erschien der Schultheiß Leonhard Busch und suchte zu vermitteln. Als er nach ihrem Begehren fragte, gab es das wirrste Durcheinander, und die kleinsten persönlichen Beschwerden wurden vorgebracht. Busch konnte, vom Rate beauftragt, ihnen nur versprechen, daß ihre Not beseitigt werden solle.

Am gefährlichsten, weil am organisiertesten, ging es in der Oberstadt selbst zu. Wie es scheint, hatte sich hier nur ein kleiner Haufe zusammengerottet, aber es standen an seiner Spitze verständige und entschlossene Leute; einige Knochenhauer, die offenbar persönlich vom Rate gekränkt waren, hatten die Führung übernommen. Sie kamen vor dem Kreuzstift zusammen, und Hans Sander sowie sein Stiefbruder Bertold Helmsdorf putschten sie auf. Der fähigste war aber ein gewisser Hans Kehner. Hier ging es nicht um die Mettwurst der Nonnen, um die Köchinnen der Chorherren oder um das Verlangen, Vogelschlingen legen zu dürfen, sondern hier war die Parole: Sturz des Ratsregiments, Verbindung mit Thomas Münzer. Der Knochenhauer Hans Sander ließ sich vernehmen: Es werde in Nordhausen so lange nicht gutgehen, man schlage denn den Regenten die Köpfe ab und setzte andere ein. Oder es hieß: Wenn die Herrn Ältesten beisammen wären, da wollte man das Rathaus stürmen und die Herrn vom Rathaus werfen. – Hier war auch das Bewußtsein vorhanden, daß man auswärtiger Hilfe bedürfe. Thomas Münzer war am 2. Mai von Mühlhausen abgezogen, am Südfuße der Hainleite entlang auf Frankenhausen zu. Als er bei Ebeleben hielt, kam Hans Kehner zu ihm als Sendbote der Nordhäuser und bat ihn, am Straußberge vorbei oder durch die Sondershäuser Senke gen Norden zu ziehen und Nordhausen aufzusuchen. „Christliche Ordnung, deutsche Messe und deutsche Vesper“ waren seine Forderungen, die er erfüllt wünschte.

In denselben Tagen, wo Kehner so mit Münzer verhandelte, standen die Boten des Rates vor Herzog Johann in Weimar und ersuchten um Hilfe. Doch dieser ließ sich vernehmen: Nordhausen sei ja eine wohlverwahrte Stadt, sie solle sich selbst helfen; wenn es aber wirklich schlimm werde, wolle er kommen. Das war ein schwacher Trost, und allein stand der Rat im brandenden Meere. Da versuchte er es mit Beruhigungen und Versprechungen aller Art: Die Viertelsmänner, also die von den Vierteln in den Rat gewählten, ließ er einzeln kommen und fragte nach den Beschwerden. Willig ward Abstellung der Not und Besserung der Verhältnisse versprochen.

Vollständig hilflos und kopflos war der Rat; ein zielsicheres Auftreten hätte die führerlose Schar der Aufrührer sofort in alle Winde zerstreut. Aber an der Spitze der Stadtsoldaten stand ein seltsames Gewächs, Johann von Stockhausen. Er war Hauptmann und Hypochonder. 1532 sah sich sogar Luther genötigt, den Lebensmüden aufzurichten. Er tat es in seiner tapferen Art, indem er schrieb: „Nur die Zähne zusammengebissen wider die Gedanken und in Gottes Willen solchen harten Kopf aufgesetzt und halsstarriger und eigensinniger sich gemachet, denn kein böser Bauer oder Weib, ja härter denn kein Amboß oder Eisen ist.“[14] Ja, der Luther war ein Hauptmann; aber beim Stockhausen war alles vergebens, er mußte noch in demselben Jahre 1532 wegen „Schwachheit“ entlassen werden. – Solch ein Honigkuchenmann paßte natürlich nicht in die Zeit. Es war ein Glück für den Rat, daß die Aufrührer sich nur ans Plündern der Klöster gemacht hatten und nicht an die Beseitigung des Hauptübels gegangen waren. Anfang Mai wurde das Frauenberger Nonnenkloster von „drei Furchen böser Buben, einen Lärmen anzurichten“ überfallen. Das Augustinerkloster in der Neustadt wurde bis auf seine Kirche völlig zerstört. Seitdem diente die Kirche nur noch als Leichenkapelle für die Neustadt, bis sie am 12. August 1612 ein Blitzschlag traf und gänzlich verwüstete. Am übelsten ging es den Dominikanern in den Predigern und dem Domstift. Das Predigerkloster wurde völlig ausgeraubt, Lebensmittel, Getränke, Möbel, Kleidungsstücke, Gebrauchsgegenstände aller Art wanderten in die Hände der Aufständischen. Manches flog auch achtlos über die Stadtmauer in den Primariusgraben. Noch schlimmer mitgenommen wurden der Dom und die Stiftskurien der Domherrn, und ihre „Köchinnen“ wurden mißhandelt. Kleinodien aber, goldene und silberne Gerätschaften fanden die Plünderer nirgends. Am Frauenberge hatten die listigen Nönnlein sie selber versteckt; das übrige Gut lag in der Verwahrung des Rates.

Doch an wirklichem Mut scheint es den Aufständischen gefehlt zu haben. Rat und Rathaus blieben unbelästigt; denn die Drohungen taten keinerlei Schaden. Der Rat, selbst nicht angegriffen, ließ das Unwesen die Stadt ruhig durchtoben und hielt nur die Tore geschlossen, damit von draußen kein Bauer hereindrängte. Doch machten diese wohl kaum den Versuch, denn es gab ja auf dem Lande genügend zu plündern.

In die ganze Herrlichkeit hinein platzte dann das Donnerwetter von Frankenhausen am 15. Mai 1525. Münzer wurde geschlagen und gefangen, Tausende von Bauern wie Vieh hingemetzelt. Da liefen die Bauernhaufen der Grafschaft Honstein, die auf ihrem Zuge bis Heringen gekommen waren und Münzern zuziehen wollten, spornstreichs auseinander, jeder in seine Köte. Die Hintersättier in der Stadt wurden plötzlich still und kleinlaut. Der Rat spitzte die Ohren und bekam frischen Mut. O, der armseligen Menschlichkeiten!

Alsbald trat der Rat mit den siegreichen Fürsten, mit Herzog Georg von Sachsen und Landgrafen Philipp von Hessen, in Verbindung. Michael Meyenburg – man weiß nicht, wo der feine Humanist und schlaue Diplomat in den Tagen des Aufruhrs gesteckt – wurde nach Schlotheim an die Fürsten abgesandt. Von hier aus verlangte Herzog Georg am 18. Mai von Nordhausen 30 Reiter sowie Bier, Wein, Brot und Hafer gegen Zahlung. Die Nordhäuser Gesandten selbst baten am 22. Mai um Bier und Brote sowie um ein Zelt vom Nordhäuser Pfeilhause. Natürlich mußte Meyenburg ein Zelt haben, denn wahrscheinlich war der Mai noch kühl und feucht.

Als dann die Fürsten gegen Mühlhausen zogen, ging hier der Jammer los. Erbärmlich flehte die Stadt um die Vermittlung der Schwesterstadt Nordhausen. Auch hierhin folgte Meyenburg den Fürsten und lehnte selbstverständlich jedes Eintreten für Mühlhausen ab; denn man muß sich immer zu der siegreichen Partei halten und nichts sagen noch tun, was ihr unangenehm sein könnte. – Höchste Weisheit!

Soweit war man also wieder; und in Nordhausen hatte das alte Regiment wieder durchaus das Heft in der Hand. Ende Mai hatten sich sogar die Verhältnisse wieder derart gefestigt, daß der Rat in einem scharfen Erlasse befehlen konnte, alle entwendete Habe zurückzugeben. Jegliches Waffentragen wurde verboten, den Rädelsführern am 21. Mai strenge Untersuchung angekündigt, hinter die Flüchtlinge wurden Steckbriefe erlassen. Ja, man konnte sogar entfernten Städten wie Magdeburg gute Ratschläge erteilen, was sie tun sollten, wenn Unruhen ausbrächen. Im übrigen nahm man sich Zeit, und die Nordhäuser Stockmeister und Henker wurden für gutes Geld erst einmal den umwohnenden Grafen ausgeliehen. Da ging es vielfach ans Foltern und Henken und Köpfen. Zwar trat die Reaktion nicht so furchtbar auf wie in Süddeutschland und auf dem Eichsfelde, schlimm genug erging es den armen Bauern aber doch.

Am besten kamen die Aufständischen der Grafschaft Honstein davon. Bei Schiedungen hatte sich die Ritterschaft unter dem honsteinschen Grafen zu strengem Gerichte versammelt. Die meisten rieten einfach, die armen Sünder in den Dorfteich zu treiben und zu ersäufen. Da trat Balthasar von Sundhausen mannhaft für sie ein, und Graf Ernst entschied: „Sundhausen, du hast heute geredet wie ein ehrlicher Mann, dein Wort soll Ehre haben.“ Die Bauern kamen mit schweren Geldbußen davon.

Wie sich die Herren und Grafen mit dem Schweiß und den Schwielen der Bauern bezahlt machten, geht aus den auferlegten Strafgeldern hervor. Um nur einige Ortschaften aus Nordhausens Umgebung zu nennen: Uftrungen mußte mit 100 Gulden, Rottleberode mit 100, Stempeda mit 60, Rodishain mit 50, Herrmannsacker mit 60, Heringen mit 1000 in zwei Jahren zahlbar, Görsbach mit 400 in zwei Jahren, Bielen mit 300, Leimbach mit 100 Gulden büßen. Selbstredend mußte Graf Ernst den Herrn von Sundhausen beim Nachhausereiten vor dem tätlichen Unwillen seiner Standesgenossen schützen; man hätte doch gar zu gern die Bauern gesäckt, gehengt, gebrannt, gevierteilt, geköpft.

Als nun der Nordhäuser Nachrichter endlich aus Stolberg, wo er blutige Arbeit verrichtet hatte, wieder daheim angelangt war, konnte auch ein ehrbarer Rat ans Untersuchen gehen. Man muß es den Nordhäusern zur Ehre anrechnen, und wir werden noch später mehr von diesem Charakterzug sprechen, daß sie ohne Grausamkeit und Blutdurst zu Werke gingen. Die Schöffen zu Leipzig, deren Urteil der Rat eingeholt hatte, erkannten allen Rädelsführern das Schwert zu. Doch der Rat ließ Gnade walten. Aus dem Altendorfe wurden nur 5 Aufständische auf ewig des Landes verwiesen. Nur die gefährlichsten Gesellen, Hans Sander und Hans Kehner, die mit den Aufrührern in Ebeleben verhandelt hatten, sollten hingerichtet werden. Doch für Hans Sander traten getreue und einflußreiche Fürsprecher ein, er brauchte nur 50 Gulden Strafe zu entrichten und wurde verwiesen. Nur Hans Kehner, der keine Gönner hatte, ereilte das Schicksal. Am 21. Juli 1526 wurde er enthauptet, wie es heißt, vor dem Rautentore. Zur Erinnerung an die Strafe über einen Aufrührer soll eines eidbrüchigen Bürgers Kopf mit geöffnetem Munde und sichtbarer Zunge, daneben eine Hand mit erhobenem Schwurfinger, in die Mauer des Rautentores eingefügt worden sein. Wir aber glauben, daß, wenn man alle eidbrüchigen Ratsherren hätte richten wollen, die da laut ihres Eides geschworen, der Stadt „Einung zu halten und reich und arm gleich gerecht“ zu behandeln, und die diesen Eid brachen, – daß man dann ganz stattliche Teile der Stadtmauern mit Köpfen und Schwurfingem hätte zieren können.[15]

Das Betrübendste aber bei dem ganzen Bauernsturm und seinem traurigen Ende war nicht das Vorgehen der Bauern und nicht der Widerstand der herrschenden Kasten dagegen; denn beides wird jeder Unvoreingenommene verstehen können und deshalb verzeihen; das Betrübendste war, daß scheinbar niemals jemand etwas aus der Geschichte lernt und daß deshalb nicht wenigstens den wohlbegründeten Beschwerden der armen Bauern und Hintersättier Gehör geschenkt ward, sondern daß sogleich nach der Beendigung der Unruhen die ärgste Reaktion eintrat. Zwar ging es auch in dieser Beziehung in unseren Landen und in Nordhausen nicht so schlimm zu wie in Süddeutschland, – das Verhalten der Sieger war dennoch tief bedauerlich. In seiner Angst hatte der Rat gute Wort gegeben und Versprechungen gemacht, – jetzt war alles vergessen. Keiner überdachte einmal die Ursachen des Aufstandes, schlug an seine Brust und rief nachdenklich: mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa, sondern jeder war nur darauf bedacht, die alte Herrschaft aufs neue zu festigen und auf Kosten der besiegten Hintersättier seine eigenen Rechte zu vermehren. Nur aus dem Geiste heraus, die Entrechteten für immer Entrechtete bleiben zu lassen und sie auszubeuten, sind solche Ratserlasse wie die vom Jahre 1527 und 1532 zu verstehen, die jedem Hintersättier verboten, daß sein Haus jemals Braugerechtsame erlange, d. h. daß er zu einigem Wohlstände komme. Wahrlich, es zeigt sich dem Menschengeschlecht ein furchtbares Antlitz, wenn man ihm den Spiegel der Wahrheit vorhält! Wenn Bewegungen, die offenbare Mißstände beseitigen wollen, unterliegen, dann verdoppelt sich hinterher die Not; siegt aber die Revolution, dann sind die Sieger in wenigen Jahren ebensolche Narren und Toren wie die einstigen Herrscher und nehmen ganz und gar deren Gebaren an. Nichts weiter ist erreicht, als daß einige Geschlechter hinabgesunken sind und ein paar andere sich an die reiche Tafel gesetzt haben. Und wenn der Menschengeist noch so oft, zum Optimismus geneigt, wie er ist, gegen dieses Schicksal ankämpft, jedesmal treten ihm die Schranken entgegen, die die Natur dem Menschen durch seine Selbstsucht gesetzt hat. Diese historische Tatsache kann man nur feststellen und – resignieren.

Doch um zurückzulenken: Für die religiöse Bewegung brachte der Bauernsturm nur Vorteile; ganz falsch ist es, wenn Reichhardt von einer „Hemmung“ der Reformation durch den Aufstand spricht.[16] Denn bis zum Jahre 1525 hatten sich wohl einige Mönche, und manchmal vielleicht nicht die besten, aus den Klöstern davon gemacht, doch diese Hochburgen des Katholizismus selbst hatten noch unberührt gestanden. Jetzt waren diese Klöster zerstört, die Mönche verstreut, und wenn der eine oder andere wirklich noch Sehnsucht nach dem Klosterfrieden hatte, so fand er nur kahle Mauern und verwüstete Räume bei seiner Rückkehr. So ging das Barfüßerkloster sogleich nach dem Bauernstürme ein, in der Altendorfer Kirche wurde seit 1526 evangelisch gepredigt, das Dominikanerkloster in der Predigerstraße bezog Johannes Spangenberg mit seiner Schule. In den kahlen Mauern der Augustiner fristeten noch ein paar altersgraue Mönche ihr Dasein; man ließ sie gewähren, bis sie ins Grab sanken. Nur die Nonnen vom Frauenberg, die klug genug gewesen waren, ihr klösterlich’ Geschmeide nicht dem Rat zu sogenannten treuen Händen zu übergeben, sondern es selbst zu verstecken, verlangte es, zurückzukehren. Sie hatten wohl draußen nach einem Manne gesucht, die jüngste Nonne hatte wohl auch einen gefunden, doch die anderen fanden keine Stätte, die ihnen das Kloster ersetzte. Diese kamen 1527 zurück, und der Rat, der sie sonst nicht unterbringen konnte, gestattete ihnen das Verbleiben, nur sollten keine neuen Nonnen aufgenommen werden. Allein die Stiftskurien der Domherren waren voll besetzt, und nach wie vor klang die katholische Messe im Dom.

Auch sonst machte sich der Rat die Wirren des Jahres 1525 in mancher Weise zunutze. Er hatte, als das Ungewitter herannahte, die Kostbarkeiten der Kirchen und Klöster an sich genommen; von der Nikolaikirche z. B. 15 Kelche, 5 Kreuze, silberne Rauchfässer und Monstranzen und was dergleichen Kleinodien mehr waren, vom Augustinerkloster sämtliche Kleinodien unter dem Vorgeben, „daß die Ordensleute das eine und andere Ungehörige getan“. Bald genug war er auch gezwungen, auf diese Gold- und Silberreserven zurückzugreifen. Denn die unruhigen Zeiten forderten viel Geld. Das meiste Kirchengut wanderte deshalb schon 1532 in den Schmelztiegel; und der Rat konnte dafür einen guten Grund angeben, verwandte er doch das einstige Kirchengold dazu, die ungläubigen Türken zu bekämpfen. Die meisten Kleinodien der Nikolaikirche wurden erst 1551 in anderer Notzeit für 704 Gulden verkauft. So wanderten die Kirchenschätze hinaus, Söldner zu bezahlen, Kontributionen abzuleisten, Brandunglück der Stadt wiedergutzumachen.

Aber auch die liegenden Güter entschwanden gerade in dem Drunter und Drüber des Bauernkrieges den Händen der Kirche. Schwer läßt sich nachkommen, auf welche Weise damals die Güter ihren Herren gewechselt. Denn die alten Besitztitel wurden nicht selten mutwillig zerstört, um die Vorgänge zu verschleiern. Tatsache ist jedenfalls, daß vieles Gut vom Ilfelder-, Walkenrieder-, Frauenberger-, Altendorfer-Kloster allmählich dahingeschwunden war. Aus solchem ehemaligen Klostergut stammen ja auch die einst dem Frauenberger Stifte gehörigen Ländereien, die Nordhausen z. T. noch heute besitzt, das Gut in Uthleben, der sogenannte Mönchhof, und das früher städtische Gut in Bielen.

Das bedeutendste der Güter, den Uthlebener Mönchshof, eignete sich Nordhausen 1557 an; 1558 gab Sachsen seine Erlaubnis zu der Auflassung. Das Gut besaß 3603/4 Morgen.

Dasselbe Schicksal hatte das Klostergut in Bielen in der Größe von etwa 120 Morgen.

1558 wurde auch bestimmt, daß diese Güter als ehemaliger Kirchenbesitz steuerfrei bleiben und die Einkünfte aus ihnen zur Ausstattung des geistlichen Ministeriums und der Nordhäuser Schulen dienen sollten. Noch in den vierziger Jahren des 18. Jahrhunderts pochte Nordhausen auf diese alten Abmachungen, als Sachsen, in dessen Hoheitsgebiet die Güter lagen, die Ländereien besteuern wollte.

Daß übrigens Nordhausen von den Pächtern der Güter nicht unbedeutende Einkünfte bezog, ersieht man daraus, daß im 18. Jahrhundert jährlich zwischen 150 und 250 Taler in die Kämmereikasse flössen, Uthleben außerdem 108 Scheffel, Bielen 90 Scheffel Roggen, Weizen, Hafer und Gerste als Abgabe nach Nordhausen zu liefern hatte.

Im allgemeinen kann man aber den Säkularisationen des 16. Jahrhunderts nur scliwer folgen, und oft lassen nur Nachrichten über spätere Wiederverkäufe vermuten, daß der Rat einstmals einfach säkularisiert hatte. So wurde der Mönchshof, den das Kloster Himmelgarten in der Töpferstraße hatte, später von Nordhausen für 200 Gulden verkauft, und am 14. März 1564 verkaufte der Rat 90 Morgen einstigen Altendorfer Ackerlandes für 1050 Gulden. Z.T. erwarb die Stadt, z. T. erwarben auch einzelne, besonders die bisherigen Pächter, das Klostergut für geringes Geld. So verkaufte z. B. der Deutschritterorden, Ballei Mühlhausen, seine Güter in der Nordhäuser Flur.

Die adligen Herren auf dem flachen Lande säkularisierten natürlich auch flott darauf los. Schon am 25. Oktober 1525 beschwerte sich die Äbtissin Elisabeth Truthe vom Frauenberg, daß Graf Ernst von Honstein sich Klostergüter angeeignet habe und dem Kloster Zinsen in Groß- und Klein-Werther entziehe. Ja, selbst die Kirchen nutzen die Konjunktur aus, wie z. B. die Frauenberger Kirche, die bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts unter dem Frauenberger Kloster gestanden hatte, nach dem Bauernkriege als Rechtsnachfolgerin des Klosters auftrat und sich in der Tat in den Besitz mancher Güter gesetzt hat.[17]

Und schließlich hatte der Bauernaufstand auch noch eine politische Machtvermehrung des Rates im Gefolge. Als die Gefahr nahte, flüchteten die Mönche und Geistlichen unter die Fittiche des Rates, weil sie dort den nötigen Schutz zu finden glaubten. Dafür leisteten sämtliche Priester, Domherrn und Mönche der Stadt den Bürgereid und versprachen, die üblichen Steuern von Gebäuden und Grundstükken zu bezahlen. Nachdem sich der Sturm dann gelegt hatte, waren nur noch die Domherrn als katholische Geistliche geblieben; diese entließ der Rat zwar als reichsunmittelbar aus der Pflicht der Stadt, maßte sich nunmehr aber auch über sie die Jurisdiktion an, was später zu langwierigen Streitigkeiten führte. Alle anderen Geistlichen blieben dem Rat unterworfen. Der Rat wurde für alle Kirchen der oberste Kirchenpatron; er war nunmehr auch über die geistlichen Dinge der Herr im Hause. – Fürwahr, man muß die Verhältnisse von allen Seiten betrachten, und wenn man diese Ergebnisse des Bauernkrieges sieht, wird man nicht mehr von seinem „Hemmungen“ für die Reformation sprechen können.

Die treibende Kraft bei allen diesen Umstellungen war Michael Meyenburg. Ihn leiteten dabei unleugbar in erster Linie politische Gründe. Er hatte längst durchschaut, daß die Einführung der Reformation der Stadt große Vorteile bringen mußte. Deshalb wurde er aus einem lauen Beobachter ein eifriger Verfechter. Er ließ sich für Nordhausen fortan die evangelischen Geistlichen von seinem Freunde Melanchthon verschreiben, er säkularisierte die Kirchengüter, er bekämpfte das Domstift als die einzige Beeinträchtigung der städtischen Souveränität. Deshalb konnte das Kapitel mit Recht in einer Beschwerdeschrift schreiben, „Meyenburg habe das Volk in öffentlicher Kirche eifrig animiert und bey Anpreisung des Evangelii großen ingreß gefunden Deshalb konnte er von sich selbst später rühmen, „er habe allezeit die Prediger des Heiligen Evangeliums nach seinem besten Vermögen aufs höchste und treulichste befördert, wollte auch bei dem .Evangelio nicht allein Ehre, Wohlfahrt, Leib und Leben, sondern auch Gut und Blut lassen, wisse auch, daß alle miteinander, so das heilige Evangelium hier gepredigt, durch Schickung des allmächtigen Gottes durch ihn hierher gekommen“. Für die späteren Chronisten stand dieses Verdienst Meyenburgs felsenfest, und sie schreiben nur: „Hierzu – zur Einführung der Reformation – soll Michael Meyenburg das meiste beigetragen haben.“

Die Lage im Reich begünstigte in jenen Jahren weiterhin die Ausbreitung und Festigung des neuen Glaubens in Nordhausen. Für Kaiser Karl V. war die Bekämpfung der Reformation zwar eine Herzenssache, aber er war abwesend von Deutschland und lag seit Jahren im Kampfe mit Franz I. von Frankreich. Mehr noch als diese Bindung des Kaisers im Westen förderte die türkische Gefahr im Osten die Reformation. 1521 hatte Suleiman der Prächtige Belgrad erobert, war in den Folgejahren in Ungarn eingefallen und hatte 1526 bei Mohacs gesiegt. König Ludwig II. von Ungarn war gefallen. Damit standen die Türken an der Reichsgrenze, und viele Jahrzehnte lag nun die Türkengefahr als furchtbarer Albdruck auf Deutschland. Schon zu Anfang des Jahres 1522 beanspruchte Karl V. von den Reichsständen und also auch von unserer Reichsstadt eine Türkenhilfe; als sie Nordhausen nicht leistete, wurde es am 11. August 1522 vorgeladen. Am 7. Januar 1523 bewilligte ein Reichsbeschluß zu Nürnberg wieder eine Umlage wegen der Türkennot; auf Nordhausen fielen 936 Gulden. So ging es weiter. Selbst Gebete forderte Karl V., um die Gefahr, in der das Reich durch die Ungläubigen war, zu bannen. Am 28. März 1522 erging ein kaiserlicher Befehl an Nordhausen, täglich zum Himmel um Erlösung von diesem Übel zu flehen. In solcher Notlage mußte der Kaiser versuchen, das ganze Reich gegen den äußeren Feind zusammenzubringen; den Widerstrebenden mußte er Zugeständ nisse machen. Es blieb ihm also nichts weiter übrig, als den Evangelischen in Glaubensdingen entgegenzukommen, um sie zur Unterstützung seiner auswärtigen Unternehmungen geneigt zu machen. Aus dieser Situation heraus sind die Beschlüsse des ersten Reichstages zu Speyer im Jahre 1526 zu verstehen. Nordhausen war auf ihm durch Jakob Hoffmann vertreten. Hier zu Speyer setzten die Anhänger Luthers durch, daß das Wormser Edikt nicht ausgeführt und die evangelische Wahrheit nicht angegriffen werden durfte; die Religionsstreitigkeiten sollten auf einem allgemeinen Konzil beigelegt werden. Damit war, wie allen Ständen, so auch der Stadt Nordhausen von Reichswegen freie Hand in Glaubensdingen gelassen. So drohte denn Ausgang der zwanziger Jahre für die Stadt nur noch eine Gefahr: Der streng katholische Herzog Georg von Sachsen aus der jüngeren albertinischen Linie. Besonders kritisch wurde Nordhausens Stellung durch ihn, als er im Jahre 1528 mit anderen katholischen Fürsten ein Bündnis gegen seinen evangelischen Vetter Johann von Sachsen und gegen den rührigen Landgrafen Philipp von Hessen einging, in Flugblättern gegen Luther auftrat und vom Rate zu Nordhausen verlangte, daß dieser sie durch Anschlag öffentlich bekanntgab. Freilich willfahrte der Rat diesem Wunsche nicht, der Herzog brachte die Stadt nun aber dadurch in Verlegenheit, daß er nach dem Verbleib der vom Rate in Verwahrung genommenen Kirchenkleinodien fragen und in Sonderheit seinen Amtmann Friedrich Uder zu Klingen sich nach den Klosterkostbarkeiten der Augustiner erkundigen ließ. In früheren Jahrzehnten, als die Fürstenmacht noch genügend mit den aufsässigen Adligen zu tun hatte, wären solche Nadelstiche von der Stadt in ähnlicher Weise beantwortet worden; jetzt, da die Fürstentümer eine überragende, gefestigte Stellung erlangt hatten, durfte es die kleine Reichsstadt nicht mehr wagen, trotzige Antworten zu geben. Allerdings konnte Nordhausen in diesen Zeiten, wo zu allem übrigen auch noch der Glaube Deutschland zerklüftete, den einen Fürsten gegen den anderen ausspielen, so daß die Stadt ohne wesentliche Beeinträchtigungen ihre Haltung in religiösen Fragen beibehalten konnte. Ebenso klug, wie Michael Meyenburg, Jakob Hoffmann und andere Diplomaten in jenen Jahren das Schifflein Nordhausens durch alles Geklipp hindurchsteuerten, jede Hilfe, welche das Reich forderte, für die Reformation nutzten, mit den katholischen Fürsten der Nachbarschaft voll Geschick verhandelten, – ebenso vorsichtig und umsichtig reformierte Johann Spangenberg ganz allmählich weiterhin die Nordhäuser Kirchen und den Gottesdienst. Er hielt streng darauf, daß das Wesentliche der Lutherschen Lehre Allgemeingut wurde, nämlich, daß der Mensch allein durch den Glauben gerecht werden könne, durch den Glauben, der durch das Wort Gottes, durch die Bibel und ihre Auslegung in der Predigt, geweckt wird und der nicht die Unterwerfung unter eine kirchliche Norm, sondern die innerlichst empfundene Zuversicht zu dem gnädigen und väterlichen Gotte bedeutet. Waren aber die Köpfe der reifen und alternden Geschlechter für diese Gedanken nicht mehr zugänglich oder nahmen sie nur rein äußerlich auf, so sorgte Spangenberg dafür, daß die heranwachsende Jugend wenigstens in echt Lutherischem Geiste erzogen wurde. Anstelle der eingegangenen Schule bei der Jakobikirche und anstelle der Domschule, die zu einer Winkelschule herabgesunken war, setzte er seine evangelische Schule, welche die Räumlichkeiten des alten Dominikanerklosters bezog und auf diesem Platze mehr als 250 Jahre Bestand haben sollte. Hier lehrte er selbst, hier lehrten als Unterlehrer die jungen Theologen, die aus Wittenberg kamen, und streuten das rechte Samenkorn aus. Durch seine Postillen, seine Katechismen für groß und klein diente er weiter dem Worte Gottes, und dadurch wurde, was den Vätern noch ungewöhnlich war, den Söhnen eine heilige Herzenssache.

In allen Nebensächlichkeiten war Spangenberg auch weiterhin duldsam und vielleicht auch von Herzen mit manchem katholischen Brauch einverstanden, der später aus dem protestantischen Gottesdienste verschwunden ist. Spangenberg wußte, daß eine würdige, weihevolle Handlung des Priesters vor dem Altäre die Gemüter der Menge andächtiger stimmte, als eine Predigt. Vielleicht ist es auf dieses Vorgehen Spangenbergs zurückzuführen, daß seine Kirche, die Blasiikirche, von allen Nordhäuser Kirchen allein bis zum Jahre 1805 die katholische Priestertracht und Meßgewänder sowie gewisse katholische Gebräuche beibehielt. Die Einsetzung der Pfarrer in ihr Amt, etwa durch Wahl ihrer Gemeinde, war noch nicht geregelt; meistens ließ sich Meyenburg von Wittenberg aus die Kandidaten verschreiben. Auch ein geistliches Ministerium für die Regelung aller kirchlichen Angelegenheiten war noch nicht vorhanden, denn noch wechselten die Pfarrer häufig, da ihre Vorbildung ganz ungleichmäßig war. Dennoch kam allgemach Ordnung auch in das Kirchenwesen.

So konnte 1530 der Bürgermeister Jakob Hoffmann zu Augsburg fröhlich für Nordhausen das evangelische Glaubensbekenntnis unterschreiben. Nordhausen war eine evangelische Stadt.

Damit hatte sie sich aber, obgleich sie eine Kaiserliche Reichsstadt war, offen gegen den Kaiser bekannt. Denn zu Augsburg wurde nach Ablehnung der Confessio Augustana das Wormser Edikt erneuert und dem Reichkammergericht aufgegeben, gegen die evangelischen Stände, die sich Kirchengüter angeeignet hatten, mit Prozessen vorzugehen. Es war ein schwerer Schritt, den Nordhausen damals für seinen Glauben tat. Durch Jahrhunderte war die Stadt stolz gewesen, daß sie allein dem Kaiser gehörte. War sie angegriffen worden von großen oder kleinen Gewalten, jedesmal hatte sie sich um Schutz und Hilfe an den Kaiser gewandt und hatte jedesmal einen gnädigen Kaiser gefunden. Der Kaiser war ihre einzige Stütze, und diese war gerade damals besonders vonnöten, wo die mächtig gewordenen Fürsten gierig nach ihrem Besitz Verlangen trugen. Alles das muß man sich vor Augen halten, um zu würdigen, was Nordhausen für seinen Glauben damals wagte. Es setzte, als es sich gegen den Kaiser auflehnte, geradezu die Axt an, seine eigene Stütze zu fällen. Bedenken stiegen auch genug empor, gerade bei den Reichsstädten, von denen die meisten evangelisch geworden waren. Dazu kamen von ihren eigenen geistlichen Führern die Warnungs- und Mahnrufe mit dem Hinweis auf das Schriftwort: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit!“ So suchte man denn damit auszukommen, daß man zwar für Luthers Lehre mit dem Worte eintrat, gegen Gewaltmaßnahmen des Reichs aber nur passiven Widerstand leistete. Doch man konnte sich nur kurze Zeit die Möglichkeit einer solchen Haltung vorspiegeln; denn der Kaiser machte jetzt Ernst, und die Restitutionen der Kirchengüter begannen. Da entschloß man sich denn doch, Gewalt gegen Gewalt zu setzen, auch gegen das Oberhaupt des Reiches. Es ist aber bezeichnend für die Zweifel, die gerade den schwächeren Städten kamen, daß, als am 31. Dezember 1530 einige Fürsten zum Schmalkaldischen Bunde zusammentraten, sich diesem von den Städten nur das trotzige Magdeburg und das weit im Norden liegende Bremen anschlossen. Anfang 1531 folgten dann Städte wie Frankfurt, Lübeck und Braunschweig, aus der Nähe Nordhausens Göttingen, Goslar und Einbeck. Und erst als die Schweizer Reformierten die Schlacht bei Kappel verloren hatten, trieb die Gefahr die süddeutschen, Zwingli zuneigenden Städte in den Schmalkaldischen Bund. Nordhausen selbst zauderte bezeichnenderweise noch immer. Seine besten und ältesten Freunde, Erfurt und Mühlhausen, konnten ihm nicht raten, Erfurt war kurmainzisch und Mühlhausen nach den Erfahrungen mit Münzer zu handfester Tat für die Reformation nicht bereit. Göttingen und Braunschweig allerdings, mit denen Nordhausen auch viele Beziehungen hatte, waren dem Bunde beigetreten. Und dennoch: Es ging gegen den Kaiser; Nordhausen zauderte. Da erwählten, nicht ohne Absicht, die Bündner Nordhausen selbst zur Kongreßstadt. Am 6. Dezember 1531 kamen in Nordhausen zusammen: Kurfürst Johann der Beständige von Sachsen und sein Sohn Friedrich, die Herzöge Ernst und Franz von Braunschweig-Lüneburg, der Landgraf Philipp von Hessen, die Anhaltiner sandten zu ihrer Vertretung die Grafen Albrecht und Gebhardt von Mansfeld. An Städten waren Magdeburg, Lübeck, Bremen, Braunschweig vertreten. Man beriet über kriegerische Gegenwehr und dauernde Hilfeleistung sowie über die Haltung des Bundes auf dem in Aussicht stehenden Reichstage. Da trat denn endlich auch Nordhausen bei. Zu Frankfurt, wo am 19. bis zum 27. Dezember abermals eine Versammlung der Schmalkaldener stattfand, wählte man zu Bundeshauptleuten Johann von Sachsen und Philipp von Hessen.

Nordhausen blieb auch nach seinem Anschluß weiterhin vorsichtig, obgleich sich die politische Lage für die Schmalkaldener außerordentlich günstig gestaltete. Die Türken, die erst 1529 vor Wien gelegen hatten, drohten schon wieder. So mußte das Reich zur Abwehr rüsten, und schon am 12. Januar 1531 verlangte Karl V. von Nordhausen die Stellung von 156 Fußsoldaten für 8 Monate. Seine Verhandlungen, die er noch mit den Türken führte, zerschlugen sich, und das Ungewitter rückte näher und näher. Da ließ sich der Kaiser schweren Herzens herbei, den Protestanten Zugeständnisse zu machen; er hatte die willige Hilfe aller Reichsstände nötiger denn je. Jetzt war es wirklich gefahrlos, sich zum Schmalkaldischen Bunde zu bekennen. Und dennoch war Nordhausen nur lauen Herzens bei der Sache. Auf einen Brief Johann Friedrichs von Sachsen, der von Nordhausen weitere Bindungen wünschte, antworteten die Nordhäuser Räte, sie „willigten ein, jedoch daß sie wegen ihres Eides und Pflicht dem Kaiser keinen Ungehorsam erzeigen, sondern allerwegen Ihro Majestät mit Leib und Gut gehorsam sich finden wollen lassen“. Wahrlich vorsichtige Verschwörer! Doch war in jenen Tagen selbst solch Doppelspiel leicht. Der Kaiser mußte wegen der äußeren Schwierigkeiten im Jahre 1532 den Nürnberger Religionsfrieden gewähren, durch den die Kammergerichtsprozesse eingestellt wurden und der Kaiser sozusagen die Erlaubnis erteilte, Protestant zu sein. Nordhausen aber zeigte ihm, daß es sein getreuer und gehorsamer Untertan war, indem es willig die verlangte Türkenhilfe leistete. Es war die stattlichste Mannschaft, die Nordhausen je dem Reiche zur Verfügung gestellt hat, welche im Jahre 1532 gen Süden zog. Unter 3 Hauptleuten hatte die Stadt 168 Mann anwerben lassen, ja der Rat schwang sich sogar dazu auf, Bürgerkinder zum Heeresdienste heranzuziehen, und verfügte, daß, wenn die nötige Zahl durch Söldner nicht aufgebracht werden könne, auf die Handwerker und ihre Gesellen zurückgegriffen werden solle. So ging es denn gen Österreich, und die guten Nordhäuser Bürgerssöhne sahen den Stefansdom und die schöne Donau. Gefährlich wurde der bedenkliche Heereszug aber nicht. „Sie marschierten“, wie die Quellen berichteten, „sogar in Ungarn, sind aber niemals in Aktion gekommen.“ Eigentlich war es doch betrüblich, daß die lustigen Nordhäuser Schuhmacher nicht von der Janitscharenmusik und vom türkischen Krummsäbel zu Hause berichten konnten. Doch als Ende Oktober 1532 ihrer 156, ohne des Feindes ansicht geworden zu sein, ihre Kirchtürme und ihre Mauerzinnen und ihre Merwigslinde und ihren Galgen wiedersahen und als sie die Rautenstraße bänder- und blumengeschmückt emporzogen und ihren Lieben daheim um den Hals gefallen waren, da konnten sie zwar nicht erzählen vom Türkenschädelspalten, aber herzhaft davon fabeln. Die alten Aufzeichnungen jedenfalls vergessen nicht anzumerken, daß Kurt Bringmann, einer der drei Hauptleute, dem Stadtschreiber Meyenburg einen türkischen Säbel als Präsent geschickt und dabei geschrieben, daß er solchen erbeutet habe, – wahrscheinlich von einem Andenken verhandelnden Juden. Ein einziger Wermutstropfen fiel in all den Wiedersehensjubel: Fast das ganze, schöne Gold und Silber aus den Kirchen und Klöstern war für die Ausstattung des Zuges drauf gegangen!

Jedenfalls kam die außenpolitische Not des Reiches in den dreißiger Jahren den Protestanten immer wieder zustatten. 1536 erreichte der Protestantismus eine weitere Stärkung dadurch, daß dem Reformator Straßburgs, dem edlen Bucer, schließlich am 29. Mai 1536 eine Einigung zwischen Lutheranern und Zwinglianem durch die Wittenberger Konkordie gelang. Machtvoll dehnte sich jetzt das protestantische Deutschland von den Alpen bis an die nordischen Meere.

Bei diesem bedrohlichen Anwachsen des Protestantismus rafften sich endlich im Jahre 1538 auch die Katholiken zu einem Gegenbunde auf. In Nürnberg schlossen sie sich zusammen; für Norddeutschland wurde der eifrige Katholik Heinrich der Jüngere von Braunschweig-Wolfenbüttel, für Süddeutschland Herzog Ludwig von Baiern Bundeshauptmann. Doch gleich nach seiner Entstehung erlitt der Bund schwerste Schläge. Im April 1539 starb Herzog Georg von Sachsen, der unentwegte Gegner Luthers und der Besitzer des Schultheißenamts zu Nordhausen, um dessentwillen die Stadt nur widerwillig Farbe bekannt hatte. Uber seinen Tod herrschte deshalb eitel Freude in Nordhausen, „daß sich viel Christen gefreut, darum, daß sie nach ihm auch durften Gottes Wort lehren und predigen hören“. Denn Georgs Nachfolger, sein Bruder Heinrich und dessen Sohn Moritz, der bald die Welt mit seinem Namen erfüllen sollte, waren evangelisch. Zugleich planten die Schmalkaldener gegen den für Norddeutschland gewählten katholischen Feldhauptmann Heinrich von Braunschweig, den „Hans Worst“ Luthers, einen vernichtenden Schlag.

Der Herzog hatte sich nämlich Übergriffe gegen die protestantischen Städte Braunschweig und Goslar, Angehörige des Schmalkaldischen Bundes, erlaubt. Gerade lenkten einmal wieder die Türken, die Ofen eingenommen hatten, aller Augen auf sich, und das Reichsregiment rief um Hilfe. Doch der Nordhäuser Rat begnügte sich diesmal mit einem etwas weniger kostspieligen Auftreten wider die Ungläubigen. Er erließ einen Aufruf,der die Bürgerschaft wegen des Türkenkrieges zu Gebet und heiligem Wandel ermahnte. Alle Mittage sollte mit der großen Glocke zu St. Nikolai „ein Puls“ geläutet werden, damit jeder beten könne.

„Ingleichen sollen die Bürger ihre Kinder fleißig zur Schule schicken.“ – Das wird gegen den Türken geholfen haben! – Genug, als die Protestanten beschlossen, den Braunschweiger zu demütigen, waren aller Blicke wieder nach Südosten gerichtet. Die Gelegenheit war also günstig, der Kurfürst von Sachsen und der Landgraf von Hessen fielen mit Hilfe ihrer Bundesmitglieder – auch Nordhausen ließ 200 Pferde zu den 20.000 Bewaffneten stoßen – über Herzog Heinrich her und vertrieben ihn aus seinem Lande. Braunschweig-Wolfenbüttel wurde reformiert.

Und damit waren der Erfolge für den Protestantismus noch nicht genug! In demselben Jahre 1542 wurde nach langem Zaudern, sicher zur größten Freude Nordhausens, auch die Schwesterstadt Mühlhausen protestantisch. Vom kriegerischen Getriebe der Zeit bekam aber auch noch Nordhausen gegen Ende des Jahres ein gut’ Teil zu sehen, als die schmalkaldischen Bundestruppen von Wolfenbüttel nach Süden abzogen und in Nordhausen Quartiere nahmen. Die Offiziere und Weibel wurden den Bürgern ins Haus gelegt, die Soldaten umlagerten auf offenem Markte die dampfenden Feldküchen.

Der Kaiser mußte das alles mit Ingrimm, aber ruhig geschehen lassen. Er führte damals den vierten Krieg gegen seinen alten Gegner Franz von Frankreich durch, und als dabei die erhofften Erfolge ausblieben, mußte er den Protestanten 1544 abermals zu Speyer größte Zugeständnisse machen. Jetzt wurde ihnen nicht mehr bloß Religionsfreiheit gewährt, sondern es wurden ihnen auch Beisitzer zum Reichskammergerichte zugestanden.

Vom Nürnberger Religionsfrieden im Jahre 1532 bis zu diesem Reichstag von Speyer im Jahre 1544 hatte der evangelische Glauben Erfolge über Erfolge zu verzeichnen gehabt. Und auch Nordhausen hatte diese 12 Jahre gut genutzt. Denn wenn auch durch den Bauernkrieg vom Jahre 1525 und den ersten Speyerer Reichstag vom Jahre 1526 die wesentlichsten Hindernisse für die Ausbreitung des Protestantismus beseitigt worden waren, so machten sich in der Stadt doch noch allerhand Hemmungen bemerkbar, die, wie wir sehen werden, schier unüberwindbar waren. Für Nordhausen fügte es wirklich ein gütiges Geschick, daß es in Meyenburg einen besonders tatkräftigen Führer besaß.

In erster Linie war es das Kreuzstift und sein Dom, die erste Kirche der Stadt, die allem Ansturm getrotzt und sich mitten in rein evangelischem Gebiete den alten Glauben bewahrt hatte. Wie andere Domherren, die schon als Kinder bemittelter Familien in Wohlleben aufgewachsen und dann in ein reiches Stift eingetreten waren, so hatten Müßiggang und Prasserei auch die Nordhäuser Domherrn zu allerhand Lastern verführt. Ihre geringe Amtstätigkeit versahen sie schlecht und nachlässig, die Messen lasen sie unregelmäßig, bei der Ausbildung der Bürgerkinder in der Domschule waren sie gleichgültig; dagegen war ihr Auftreten gegen die Bürger anmaßend, ihre Feste ausgelassen, und alle hielten sich eine focaria, eine Beischläferin, in ihren Stiftskurien. Die letzte große Revision, welche die Kirchenzucht wiederherstellen sollte, hatte Erzbischof Berthold von Mainz durch seinen Siegelbewahrer Simon Volzke, durch Dr. Ulrich Risbach und durch den Lizentiaten Nikolaus Kirchner im Jahre 1488 durchführen lassen. Diese Besichtigung hatte wohl einen augenblicklichen Erfolg, aber bald herrschten dieselben Zustände wie früher.

Doch der Unwille der Bürger richtete sich nicht sowohl gegen die persönlichen Sünden der Stiftsherrn, – in dieser Beziehung war man damals außerordentlich weitherzig –, als vielmehr gegen ihre politischen Vorrechte, gegen ihre Steuerfreiheit und die Freiheit von der Jurisdiktion der Stadt. Während der kleine Mann sich redlich quälen und hohe Steuern bezahlen mußte, lebten die Domherrn im Überfluß und gaben nicht einmal dem Gemeinwesen davon ab. Während dem Bürger bei kleinem Vergehen eine harte Polizeistrafe oder gar gefängliche Einziehung drohte, waren die Geistlichen bei Übertreten der gesellschaftlichen Ordnung dem ordentlichen Gerichte entzogen.

Im Jahre 1522 standen die Vorrechte des Stiftes noch unangetastet. Noch beteiligte sich der Rat mit einer Unterstützungssumme am Ausbau des Doms und schloß in Güte einen Vergleich mit dem Kapitel über die Nordhäuser Schulen. Doch schon 1523 war die Sachlage verändert; schon richtete das Kapitel eine Beschwerde über die Stadt an den Kaiser, daß „ihnen und ihren Kirchen mancherhand Beschwerung, Steuerung, Eingriffe, tätliche Angriffe der Personen und ihrer Wohnungen ... allerwege vorgenommen und geschehen.“ Der Rat hatte nämlich das reiche Stift mit 600 Gulden zur Türkenhilfe herangezogen und beanspruchte auch über die Geistlichen die Rechtsprechung. Das niedere Volk mag aber auch schon, von den „Martinsbuben“ aufgereizt, unter stiller Duldung des Rates tätlich gegen die Stiftsherm geworden sein. 1524 erfolgten dann dadurch, daß sich der Rat die Beaufsichtigung der durch milde Gaben eingekommenen Gelder in den Kirchen anmaßte, und durch die Verdrängung Neckerkolbs durch Spangenberg weitere Eingriffe. Am schlimmsten ging es dem Stifte im Bauernaufstand. Am 2. Mai wurde „der Mehrteil aller Priesterhäuser“ durch die Bürger „aufgestoßen und geplündert“.

Die Geistlichen beugten sich in ihrer Not unter den Rat, sie erhielten dann zwar am 18. August schon ihre Reichsfreiheit wieder, aber den 1525 erlittenen Schlag hat das Domstift doch niemals ganz verwunden: Die Kirche selbst war verwüstet, der edle Kreuzgang geschändet, die Wohnungen waren zerstört.

Allmählich kam das einst reiche Stift in materielle Not. Da begünstigten die Sorgen und die jetzt kümmerliche Lebenshaltung die Uneinigkeit der verwöhnten Stiftsherm unter sich selbst. 1527 ließ der Rat zwei zänkische Pfaffen aus der Stadt treiben, mußte sie dann allerdings wieder aufnehmen. Von ihrem Lotterleben wollten sie aber trotz allen Rückganges ihrer Lebensverhältnisse nicht lassen und gaben dadurch in der Stadt Anlaß zu neuem Unwillen. 1534 mußte der Rat den Domherrn Johannes Fehr drei Tage auf dem Rathause hinter dem Rolande gefangen setzen, weil er mit einer Bürgerin Hurerei getrieben. Das Kapitel beschwerte sich bei seinem Vorgesetzten, dem Kardinal und Erzbischof Albrecht von Mainz, wegen dieses erneuten Eingriffes in die Jurisdiktion des Stiftes. Doch blieb Nordhausen fest und ließ den inhaftierten Fehr erst los, nachdem er Urfehde geschworen hatte.

Der schärfste Gegner des Kreuzstiftes und der eifrige Befürworter aller Maßnahmen gegen die Domherrn seit Ausgang der zwanziger Jahre war Michael Meyenburg. Er suchte jetzt, nachdem sich die Reformation durchgesetzt hatte, aus all’ den Neuerungen für die Machtstellung der Stadt soviel wie möglich herauszuschlagen; daß ihm dabei das Domstift, in Sonderheit dessen selbständige Stellung als reichsunmittelbares Stift, schon immer eine schwere Belastung für Nordhausen und deshalb ein Dom im Auge war und daß er seine Aufhebung zu Gunsten der Stadt anstrebte, liegt außer allem Zweifel. Daher wagte er wahrscheinlich sogleich nach dem Reichstage von Speyer im Jahre 1526 einen Hauptschlag: Er ließ lutherische Geistliche in der Domkirche predigen und, was noch bezeichnender ist, er ließ das Stadtwappen an der Kirche anschlagen. Den widerstrebenden Domherrn schleuderte er die Worte ins Gesicht, er werde sie, mit Ketten an Wagen angeschlossen, nach Mainz bringen lassen.

In dieser Bedrängnis war Karl V. der Retter der katholischen Domherrn. Auf das Ansuchen des Kapitels bestätigte der Kaiser zu Augsburg am 29. Juli 1530 die Reichsfreiheit und alle Privilegien des Stifts, und am 14. März 1531 stellte er ihm zu Brüssel einen Schutzbrief aus. Da mußte denn das loyale Nordhausen einlenken und schweren Herzens auch weiterhin die Ausnahmestellung des Domstifts anerkennen. Doch versuchte es wenigstens die Gerichtshoheit zu erlangen und die augenblickliche Not der Domherren soviel wie möglich auszubeuten.

Einigermaßen herrschte aber zunächst nach den Machtsprüchen des Kaisers Ruhe; denn die Stadt fürchtete den Kaiser, und die Domherrn wollten die Auseinandersetzungen in ihren bedrängten Umständen nicht auf die Spitze treiben; man umging es von beiden Seiten, die strittigen Fragen vorlaut zu diskutieren. Da brachte ein Heißsporn unter den Domherrn den Stein wieder ins Rollen. Das war Christian Heune, wohl fraglos ein Verwandter, wenn nicht gar der Bruder von Johann Gigas. Während Gigas aber Protestant geworden war, betätigte sich Christian als eifriger Katholik. Er versuchte seine Konfratres aus ihrer Gleichgültigkeit aufzustacheln, er setzte bei ihnen weitere Beschwerden über die Stadt an das Reichsoberhaupt durch, und er übernahm es, das Stift 1545 und 1546 zu Regensburg vor dem Kaiser zu vertreten. Überall warb er für sein Kreuzstift, nur lässig unterstützt von den übrigen Domherrn. 1546 verschloß ihm Nordhausen wegen dieser Treibereien die Tore. Um so grimmiger wurde sein Haß, und seine Regsamkeit fand schließlich bei dem Kaiser 1547 Gehör. Der Kaiser verlangte von Nordhausen Rechenschaft. Der Rat übertrug die Antwort dem nie verlegenen Meyenburg.

In dem Hin und Her der nächsten Jahre gingen derlei Erörterungen aber völlig unter; der Kaiser hatte andere Aufgaben zu bewältigen, als an die kleinen Reibereien zwischen Nordhausen und seinem Domstift zu denken. Da wandte sich Heune an das Kammergericht, um dort das Recht des Domkapitels durchzufechten. Doch dieses schlug die Klage nieder und legte ihm „ewiges Stillschweigen“ auf, und nun griff der seit vielen Jahren Rastlose und Heimatlose, verbittert durch sein Geschick und aufs äußerste eigensinnig geworden, zur Selbsthilfe. Wahrscheinlich mit Unterstützung von seinen Glaubensgenossen warb er eine Schar Bewaffneter, die in jenen Zeiten allenthalben zu bekommen waren, und wurde zum Strauchritter. Er versuchte, den Nordhäuser Handel zu schädigen, er wagte es, in die Stadtflur einzufallen, und er drohte, die Nordhäuser Mühlen anzuzünden. Doch diese Art mittelalterlicher Romantik hatte sich längst überlebt. Fürsten und Städte ließen sich die Stegreifritter nicht mehr gefallen.

Heune wurde schließlich im Braunschweigischen als Landfriedensbrecher gefangen gesetzt und auch mit auf Betreiben Nordhausens am 27. Nov. 1560 zu Einbeck mit dem Schwerte hingerichtet. „Die Exekution hat dem Rate 54 Taler 7V2 Groschen 1 Heller gekostet“, berichtet der gewissenhafte Annalist.

Die Ereignisse der fünfziger Jahre waren zu groß, als daß man hätte an Kleinigkeiten denken können; so ruhte denn der Zwist mit dem Kreuzstift. Meyenburg starb darüber hin, ohne seinen Lieblingswunsch, die Säkularisierung des Stiftes, verwirklicht zu sehen. Erst die Regierungszeiten des alternden Kaisers Ferdinand und des den Protestanten freundlich gesinnten Maximilian II. reizten dazu, die Säkularisierung des Stiftes nochmals zu versuchen. Den Vorwand dazu bot das Leben der Stiftsherm und die Art, wie sie ihre Besitzungen verwalteten. In der Tat war das Stift, losgelöst von den übrigen katholischen Ländern, unbeaufsichtigt und unbetreut in geistlicher und weltlicher Hinsicht, arg heruntergekommen. Nur noch wenige Kanoniker hausten in den halb wüsten Stiftskurien, an regelmäßigen Gottesdienst dachte niemand, die Domschule war gänzlich eingegangen. Die Abgaben von den Liegenschaften kamen unregelmäßig oder gar nicht ein. Nur um das Leben zu fristen, und in dem Bewußtsein, auf verlorenem Posten zu stehen, veräußerten die Inhaber der Kurien Höfe und Güter. Der neu gewählte Propst Ausonius von Gelama fand die Propstei 1559 so wüst und den Verkehr mit den noch übriggebliebenen 4 Kanonikern und 6 Vikaren so wenig anziehend, daß er sich weigerte, nach Nordhausen zu ziehen, und die Propstei an den Rat von Nordhausen auf 40 Jahre für 50 Taler verpachtete. Als die Stadt aber einen Fuß auf das geistliche Territorium gesetzt hatte, glaubte sie dem Ziele nahe zu sein. Der Rat gab vor, das Tun und Treiben der Geistlichen mit ihrem weiblichen Gesinde gäbe der Stadt ein solches Ärgernis, daß er einschreiten müsse. Er befahl die Entlassung der Frauen; im Weigerungs falle wollte er die Stiftsherm samt ihren Konkubinen verhaften. Doch die Stiftsherrn kehrten sich, auf ihre Privilegien gestützt, nicht an das Vorgehen des Rates. Dieser wollte auch nicht sogleich das Äußerste wagen und beauftragte Apollo Wiegand mit der Vermittlung. Als diese aber scheiterte, griff der Rat endlich zu. Er ließ die Stiftsköchinen austreiben, proklamierte seine Gerichtshoheit über das Stift und beschlagnahmte die Stiftsländereien in der städtischen Flur. Zu dieser letzteren Maßnahme glaubte sich der Rat deshalb berechtigt, weil die Kanoniker nach und nach immer tiefer verschuldet waren, wenigstens hatte 1564 das Stift 1500 Gulden Schulden bei der Stadt, so daß diese sogar Hand auf das reiche Gut Vogelsberg legte. 1581 ließ der Nordhäuser Schultheiß die Domherrn pfänden. Das Domstift schien dem Untergang geweiht.

Da legte sich eine auswärtige Macht ins Mittel, diesmal nicht der Kaiser, sondern Kursachsen. Nordhausen wollte nämlich doch nicht ohne Einwilligung seines Schutzherrn die letzte Gewalt anwenden und erbat daher von Sachsen Verhaltungsmaßregeln. August I. von Sachsen aber antwortete am 1. November 1565, daß die Stadt nicht berechtigt sei, das Stift einzuziehen, wenn es vor dem Religionsfrieden zu Augsburg reformiert worden sei. Das war aber 1488 geschehen. So kam es denn wieder nicht zur Säkularisation; nur die Gerichtshoheit behielt Nordhausen weiterhin. Mehrfach, z. B. 1564 und 1568, bestrafte es geistliche Herrn rücksichtslos und verteidigte diese Maßnahmen auch dem geistlichen Gericht in Erfurt gegenüber mit dem Hinweis, daß die Kleriker zuviel „Schande und Laster“ trieben. Im übrigen versuchte der Rat nun allmählich die Stiftsherm dadurch zu verdrängen, daß er ihre Kurien aufkaufte. Zugleich gewähren die weiteren Begebenheiten einen interessanten Einblick in die damalige Schulpolitik Nordhausens.

Spangenbergs Schule war ja im Dominikanerkloster in der Predigerstraße untergebracht worden; doch war dieses Kloster 1525 ausgeplündert und 1540 durch einen großen Brand schwer mitgenommen worden. Die Stadt war aber in solcher pekuniären Bedrängnis, daß sie keine Mittel für ihre Schule glaubte aufbringen zu können. Auch das aus dem Verkauf der Georgskapelle gewonnene Geld, das für die Schule verwandt werden sollte, fand eine andere Bestimmung. So sah es um die Räumlichkeiten der Schule trübe aus. Noch schlimmer aber stand es um die Besoldung der Lehrer und um die Gewährung von Freistellen an mittellose Scholaren. Nachdem Spangenberg 1546 Nordhausen verlassen hatte, fanden sich bei dem kärglichen Lohn, den man ihnen bot, kaum Lehrer; jedenfalls hielten sie immer nur kurze Zeit aus, so daß an einen regelmäßigen Unterricht nicht zu denken war. Darunter litten Ausbildung und Erziehung der Jugend. Bei diesen Verhältnissen dachte man doch zuweilen mit Wehmut an die alte Stiftsschule im Dom zurück. Dort ging es einstmals zwar recht gemütlich zu, auch war in den Wissenschaften nicht allzuviel geleistet worden, aber es war doch ein ordnungsgemäßer Unterricht und das Anhalten zu Wohlanstand gewährleistet gewesen. Kurz, Nordhausen trug Sehnsucht nach seiner alten Domschule. Seit den fünfziger Jahren drängte es deshalb immer wieder auf Wiederherstellung der Schule. Da dies die Verhältnisse nicht zuließen, stellte der Rat 1566 den recht naiven Antrag an Kaiser Maximilian II., die Einkünfte der nicht besetzten Kanonikerstellen zum Bau eines Schulgebäudes, zum Unterhalt der Lehrer und zu Stipendien für arme Schüler verwenden zu dürfen. Dieses Verlangen, katholische Einkünfte zur Erziehung protestantischer Kinder zu benutzen, gestattete nun freilich selbst der freundliche Maximilian nicht. Als dann auf dem Reichstage zu Regensburg ein weiterer Antrag Nordhausens, die Domschule wiederherzustellen, unerledigt liegen blieb, griff man wieder zu Verhandlungen mit dem Stifte selbst. Und die Domherrn, jetzt in der Zeit der größten Ausbreitung des Protestantismus und bei ihrer eigenen materiellen Not klein geworden, kamen der Stadt weit entgegen. Sie willigten nunmehr in die Jurisdiktion des Rates ein, nur mit dem Vorbehalt, daß eine Berufung an den Kurfürsten von Sachsen möglich sein solle, sie waren damit einverstanden, ein oder zwei Vikareinkommen für die evangelische Schule bereitzustellen, und sie gestatteten sogar, daß im Schiff des Domes evangelische Prediger auftreten könnten; nur den Chor behielten sie sich für ihre Messen und Gesänge vor. Für dieses Entgegenkommen sollte ihnen der Rat behilflich sein, zu ihren Zinsen zu gelangen.

Selbst dieser Vertrag bildete noch nicht den Höhepunkt der Erfolge Nordhausens gegenüber dem Domstift. Am 20. März 1569 verpachtete der Domscholaster zu Halberstadt und Dompropst zu Nordhausen, Johann Spitznase, Stiftshöfe und -güter an die Stadt, 1596 konnte Nordhausen sogar vier dem Dome gehörige Häuser in der Stadt, darunter eine Stiftskurie, käuflich erwerben. Doch war in diesen Jahren schon der Rückschlag eingetreten, die Gegenreformation machte sich nach und nach bemerkbar.

Die Grundlage für die Restitution aller Besitztitel des Stiftes wurde ein Schutzbrief Rudolfs II. vom 20. Juli 1582, der das Stift in alle Rechte, auch das der Exemtion von städtischer Gerichtsbarkeit, wieder einsetzte. Zu diesem äußeren Halt, der dem Stifte geboten wurde, kam die allmähliche innere Kräftigung und sittliche Erneuerung. Die segensreiche Reformation der katholischen Kirche durch das Tridentinum machte sich bemerkbar. Um die Jahrhundertwende war es nicht mehr möglich, das Stift unter dem Vorgeben, seine Insassen führten einen liederlichen Lebenswandel, anzugreifen, und die Unterstützung, die die katholische Kirche ihm in jeder, auch in materieller Beziehung angedeihen ließ, machte es auch gefährlich, Gewalt anzuwenden. Das offizielle Nordhausen wagte keine Vorstöße mehr, nur dem Mutwillen des Pöbels waren wohl zuweilen die katholischen Einwohner Nordhausens in diesen von Glaubenskämpfen durchtobten Zeiten noch ausgesetzt. Doch wenn der Rat 1617 auf eine Beschwerde der Kanoniker, daß sie insultiert worden seinen, erwiderte, das Kapitel solle dem Rat in seiner Gerichtsbarkeit keinen Eintrag tun, dann wolle er das Stift unter seinen Schutz nehmen, so zeigt diese Antwort, daß Nordhausen noch nicht den Schmerz darüber verwunden hatte, daß ihm die Säkularisierung nicht gelungen war. Seitdem betrachtete der Rat das Domstift, die „Domfreiheit“, als feindliches Ausland. Den Bürgern war jedes Betreten katholischen Bodens, jeder Verkehr mit den Bewohnern verboten. Ein Lächeln muß es uns aber abgewinnen, wenn zu dem Verbote jeden Verkehrs auch das Holen von Bier aus der Dombrauerei gehörte. Diese muß wohl ein ausgezeichnetes Getränk geliefert haben. Denn im 17. und 18. Jahrhundert gab es um die Zeit des Abendtrunkes immer wieder schändliche und durstige Fahnenflüchtige, die um des Bieres der Pfaffen willen das reine Wort Gottes verleugneten und den schäumenden Trunk aus der Dombrauerei holen ließen. Dabei ging es selbst nicht ohne einigen Heldenmut ab; denn wer sich fassen ließ, mußte unnachsichtig einen Taler Strafe bezahlen. Ebenso wenig Erfolg wie mit der Beseitigung dieser Exterritorialität hatte die Stadt bei ihrem Bemühen, zwei weitere Stiftsbesitzungen zu erwerben: Es gelang ihr nicht, den Ilfelder und den Walkenrieder Hof in Besitz zu nehmen. Nach den kaiserlichen Urkunden von 1541 und 1565 hätten eigentlich der Ilfelder Hof und die übrigen nach Ilfeld zinspflichtigen 8 Häuser in Nordhausen nach der Säkularisation des Klosters zu Ilfeld an Nordhausen fallen müssen, doch büßte der Hof nur seine Steuerfreiheit und seine Herausnahme aus der Gerichtsbarkeit ein; der Besitz sowohl am Klosterhofe wie an den Häusern blieb der Ilfelder Klosterschule. Dadurch gelangte der Ilfelder Hof schließlich in die Hände Hannovers, das im 18. Jahrhundert eine hannoversche Posthalterei darin einrichten ließ.

Eine längere und ziemlich verwickelte Geschichte haben die Auseinandersetzungen Nordhausens mit dem Kloster Walkenried wegen seines Nordhäuser Grundbesitzes. Als ein Zwist, in welchen Ausgang des 15. Jahrhunderts Abt Heinrich VI. mit der Stadt geraten war, friedliche Beilegung gefunden hatte, wurde schon damals in einem eigenartigen Vertrage vom 22. Mai 1496 festgelegt, der Walkenrieder Hof solle an die Stadt übergehen, wenn mit dem Kloster selbst Umänderungen vorgenommen würden. Im Drange des Jahres 1525 überließ dann Abt Paulus der Stadt den Hof, doch gereute ihn nach der Beendigung der Bauemunruhen der Schritt, und auch die Stadt war am 1. Oktober 1525 zu einem Vertrage bereit, der den Hof dem Abte und seinem Nachfolger beließ, bis die drei Geistlichen, die den Hof bewohnten, gestorben waren. Dieser Vertrag wurde 1530 dahin abgeändert, daß die Stadt den Hof nach der Säkularisierung des Klosters erwerben sollte. Günstig schien dann die Gelegenheit, Rechtsnachfolgerin des Klosters zu werden unter dem munteren Abte Holtegel, der meistens in Nordhausen residierte und nach dem Stadtbrande vom Jahre 1540 den Hof wieder prächtig aufbauen ließ. Doch war Johann Holtegel trotz seiner Freundschaft mit Michael Meyenburg zu einer Abtretung des Hofes nicht zu bewegen.

Nun schien der siegreiche Zug der protestantischen Fürsten gegen Herzog Heinrich von Braunschweig-Wolfenbüttel im Jahre 1542 die Stadt der Erfüllung ihrer Wünsche nahezubringen. Auf ihrem Rückmärsche von Wolfenbüttel befahlen nämlich die Fürsten dem Kloster, „die aftergläubigen, papistischen und widerchristlichen Zeremonien abzustellen“, d. h. das Kloster der Reformation zuzuführen. Doch sollten noch einige Jahre darüber vergehen, und erst ein neuer Anstoß von außen gab dann Anlaß, Walkenried beschleunigt zu reformieren. Der jugendliche und ehrgeizige Moritz von Sachsen hatte nämlich ein Auge auf die reichen Liegenschaften des Klosters geworfen und wollte sie nach ihrer Säkularisation seinen Landen einverleiben. Er schickte deshalb im Februar des Jahres 1546 seinen Amtsvogt in Weißensee August Büchel nach Walkenried, um die nötigen Vorkehrungen zu treffen. Doch diese Maßnahmen berührten die Interessen der drei Grafen von Honstein, Stolberg und Schwarzburg, die das Herzogtum Sachsen nicht noch weiter in der Aue und darüber hinaus nach Westen hin Fuß fassen lassen wollten. Unter diesen Umständen willigte sogar Graf Ernst von Honstein, der während der ganzen Jahre trotz aller Bekehrungsversuche ein treuer Katholik geblieben war, aus politischen Gründen in die Säkularisierung des Klosters, um Sachsen zuvorzukommen. So wurde denn ein schneller Entschluß gefaßt und vier bewährten Männern, Johann Spangenberg, dem Marschall Heinrich von Bülzingsleben, dem honsteinschen Kanzler Heinrich Rosenberg und Apollo Wigand als juristischem Beirat, der Auftrag gegeben, das Kloster in die neuen Verhältnisse überzuleiten. Am 10. April 1546 war das Werk schon beendet; Walkenried war der Reformation gewonnen. Dennoch trat der 1530 zwischen dem Kloster und der Stadt Nordhausen geschlossene Vertrag nicht in Kraft; auch nach seiner Reformierung behielt Walkenried seinen Klosterhof zu Nordhausen, bis im Jahre 1555 nach dem Religionsfrieden zu Augsburg Nordhausen den Hof gegen den Einspruch Honsteins einfach besetzte. Mehrfach, z. B. 1564 und 1575, suchten nun die evangelischen Äbte und die Grafen von Honstein ihre Rechte auf den Hof geltend zu machen. Jedesmal wehrte sich die Stadt mit Erfolg und erhielt auch auf eine Anfrage bei Kaiser Maximilian am 20. September 1564 den Bescheid, daß der Hof, wenn er nicht von geistlichen Personen besetzt sei, der Stadt gehöre. Um auch Sachsen gegenüber gedeckt zu sein, erwirkte sich Nordhausen auch von dort die Erlaubnis, den Walkenrieder Hof zu benutzen.

In diesen Notzeiten war der Rat durch die ewigen Kriegsunruhen und durch den furchtbaren Brand der Stadt im Jahre 1540 in eine schwierige Lage gekommen. Damals waren nicht einmal Geldmittel vorhanden, das völlig baufällig gewordene Rathaus wiederherzustellen. Da nun aber Abt Holtegel mit den reichen Mitteln des Klosters sogleich nach dem Brande den Klosterhof stattlich hatte aufbauen lassen, schien dieser zu Ratssitzungen wie geeignet. Nachdem am 16. Dezember 1565 Kurfürst August II. seine Einwilligung zur Benutzung des Walkenrieder Hofes als Rathaus gegeben hatte, fand am 28. Dezember in ihm die erste Ratssitzung statt. Ein derartiger Gebrauch des Gebäudes jedoch machte den Honsteinern nun klar, daß Nordhausen daran dachte, den einstigen Klostersitz für immer als sein Eigentum zu betrachten, und sie gingen nun etwas ernsthafter daran, den Hof der Stadt streitig zu machen. Sie griffen zu Zwangsmaßnahmen und traten in einen Zollkrieg gegen Nordhausen ein. Da dieser zu schweren wirtschaftlichen Schädigungen der schon in Not befindlichen Stadt führen mußte, gab Nordhausen nach einer vergeblichen Beschwerde beim Kaiser vom 30. Oktober 1568 klein bei und räumte wieder den Hof.

Erst als 1593 die Honsteiner Grafen ausgestorben waren und Walkenried an den Oberlehnsherm der Honsteiner, an das Bistum Halberstadt und damit an Braunschweig fiel, wagte es Nordhausen noch einmal, sich in den Besitz des Hofes zu setzen. Von 1593 bis 1605 gehörte er damals der Stadt. Als aber Braunschweig deswegen Schwierigkeiten machte, räumte Nordhausen am 25. Februar 1605 abermals den Hof und übergab ihn an Walkenried, bis ein Schiedsgericht eine Entscheidung über seine Zugehörigkeit gefällt habe. Damit war der einstige Klosterbesitz dem Zugriffe Nordhausens entzogen. Zusammen mit dem eigentlichen Kloster Walkenried gelangte auch sein Nordhäuser Hof 1648 an Braunschweig, dann war kurze Zeit Sachsen-Gotha im Besitze des Hofes, und schließlich ging er 1694 an Kurbrandenburg über. Dieses ließ in dem Hofe die Komzinsen aus seiner Grafschaft Honstein aufspeichem, wie es einst das Kloster auch getan. Damit hatte Brandenburg-Preußen den ersten Fuß in die Stadt Nordhausen gesetzt.

Auch die Geschichte der beiden Klosterhöfe, des Ilfelder wie des Walkenrieder Hofes, zeigt das Erstarken der Fürsten gegenüber den anderen Gewalten des Reichs. Unter anderen Verhältnissen wäre es wahrscheinlich der Reichsstadt Nordhausen gelungen, die beiden Höfe zu erwerben; aber die Stadt war, besonders seit Ausgang des 16. Jahrhunderts, so abhängig von ihren mächtigen Nachbarn geworden, daß sie gegen deren Willen nichts mehr durchsetzen konnten. Nicht zuletzt hatte die Reformation, die den Landesherm zum obersten Bischof gemacht hatte, dazu beitragen, die Machtfülle der Fürsten zu mehren. In dieser Beziehung nahmen freilich auch die Reichsstädte an der Entwicklung teil; auch sie hatte die Reformation von der geistlichen Aufsicht und Gerichtsbarkeit freigemacht und dieselbe auf die Lenker des Staatswesens übertragen. Das sehen wir auch bei Nordhausen. Je mehr Boden die neue Lehre gewann, desto freier wurde Nordhausen wenigstens in seinen Entschlüssen innerhalb seines Mauerrings.

Und hier kehren wir nun noch einmal zu dem Manne zurück, der sich bei allen seinen Maßnahmen nur davon leiten ließ, das Ansehen und die Macht des Rates zu stärken und der dadurch zu dem bewußten Vorkämpfer für die städtische Omnipotenz wurde, zu Michael Meyenburg.

Auch er blieb, was bei seiner Stellung und bei seinem Charakter nicht zu verwundern ist, nicht ohne Anfechtungen. Wir hatten schon gesehen, wie er sich den Haß Luthers im Jahre 1542 zuzog, wir hatten gesehen, wie Kersten Heune sein Todfeind wurde um des Domstifts willen. Und ebenso, um die Interessen der Stadt gegen Sonderansprüche zu wahren, verfeindete er sich mit der angesehenen Familie Busch. 1543 kam er dadurch sogar in Lebensgefahr: Auf einem Ritte nach Erfurt wurde er überfallen und gefangengenommen; sein Leben wurde bedroht. Durch dieses Abenteuer vorsichtig gemacht, erwirkte er am 1. Juni 1544 zu seiner größeren Sicherheit einen kaiserlichen Schutzbrief. Der Streit der Buschs gegen Nordhausen um ihrer Forderungen willen ging übrigens noch bis zum Jahre 1591.

Doch diese einzelnen persönlichen Widersacher konnten seinem Ansehen und seiner Wertschätzung bei dem größten Teil der Nordhäuser Bürger keinen Abbruch tun. Trotz mancher gewiß nicht vorteilhafter Charakterzüge erkannte man doch, was er der Stadt war und was er für sie leistete, und wenn er selbst schon auf den eignen Vorteil nicht wenig bedacht war, so konnte man ihm das nachsehen bei den Vorteilen, die seine Geschäftsführung der Stadt einbrachten. Um der Bevölkerung Nordhausens wirtschaftlich zu nützen und die Kaufleute von lästigen Konkurrenten zu befreien, dienten ihm die durch die Glaubenskämpfe aufgestachelten religiösen Leidenschaften auch dazu, die Juden in Nordhausen unschädlich zu machen. Zeiten religiöser Kämpfe begünstigen immer die Unduldsamkeit Andersgläubigen gegenüber, selbst wenn keine unmittelbaren Streitigkeiten um des Glaubens willen vorliegen. So war es zur Reformationszeit auch im protestantischen Nordhausen, wo man sich gemüßigt sah, nicht nur gegen die katholischen Pfaffen des Doms vorzugehen, sondern auch gegen „die Mörder des Herrn“, gegen die Juden. Schon 1530 erließ der Rat ein Dekret, daß niemand hinfür die Juden hausen, heimen noch herbergen solle, sondern die Juden, die in die Stadt kämen, sollten ihr öffentliches Zeichen, den großen gelben Ring, auf dem Kleide tragen und allein im Judenhause geherbergt werden. Mit Recht mutmaßt Karl Meyer, der die Geschichte der Nordhäuser Juden geschrieben hat, daß Meyenburg der Urheber des schärferen Vorgehens gegen die Juden war. Er war es auch, der immer erneut die Verfügungen gegen die Juden veranlaßte, um ihren Handel lahmzulegen, um ihre Einnahmen der Nordhäuser christlichen Kaufmannschaft zufließen zu lassen, um ihnen endlich ganz den Aufenthalt in Nordhausen zu verbieten. 1546, 1552, 1559, 1567 erschienen schärfste Judenmandate. Meyenburg ist es auch wahrscheinlich gewesen, der am 21. Mai 1551 das „herrliche Privileg wider die Juden“, wie die Quellen schreiben, von Kaiser Karl V. erlangte, daß sich kein Jude gegen den Willen des Rates in Nordhausen aufhalten dürfe. Herausgefordert war dieses kaiserliche Privileg allerdings durch das anmaßende Verhalten eines Juden namens Joachim Färber, der im Jahre 1550 zu einem Zimmermann im Beisein des Diakonus Holzapfel gesagt hatte: „Euer Jesus ist auch ein Zimmermann und ein mutwilliger Student in Jerusalem gewesen, dessen Übeltaten mit Recht die Obrigkeit bewogen hat, daß sie solche mit ernster Strafe belohnt.“ Nur durch schwere Geldopfer konnte damals Färber die Einwilligung des Rates zu seinem Verbleiben im Judenhause erlangen; Meyenburg hatte sich dagegen ausgesprochen. Als dann aber Färber seine Sache noch weiter verfocht, bestätigte Ferdinand I. am 14. August 1559 nicht nur Karls V. Privileg, sondern verbot sogar jeden Handel von Juden innerhalb Nordhausens. Damit war Nordhausen für die Juden versperrt. Sie verließen die Stadt und ließen sich in Salza, Ellrich, Bleicherode und Immenrode auf der Hainleite nieder. Und dabei blieb es dann, bis Nordhausen im Jahre 1802 preußisch wurde. Bitten Ellricher Juden um Wiederaufnahme im Jahre 1591, 1619 und 1627 wurden jedesmal abgeschlagen. Nur in der Not des Dreißigjährigen Krieges, wo Nordhausen einmal ein Kapital von einem Juden Joseph aus Osterode aufnahm und dafür gestatten mußte, vier Verwandte dieses Juden in seinen Mauern zuzulassen, kehrten ein paar Juden auf wenige Jahre noch einmal nach Nordhausen zurück. Seitdem aber war Nordhausen für Juden verboten. Kam einmal einer zum Jahrmarkt herein, so mußte er abends vor Schließung der Stadttore die Stadt wieder verlassen haben. Die hohen Steuern, welche die Juden, solange sie in Nordhausen weilten, zahlen mußten, schienen doch die wirtschaftlichen Vorteile nicht wettzumachen, welche die Bürgerschaft durch Ausschaltung dieser gefährlichen Konkurrenz genoß.

So mußten denn die durch die Religionskriege aufgestachelten Leidenschaften auch zur Hebung der Wirtschaft dienen. Michael Meyenburg war der Veranlasser auch dieser Entwicklung gewesen.

Neben ihm stand bis zum Jahre 1546 als eigentlicher Reformator Nordhausens Johannes Spangenberg. Beide traten für die Luthersche Lehre ein, der eine mit reinstem Herzen, ehrlich und lauter, der andere aus politischer Überlegung mit diplomatischem Geschick. So verschiedenen Charakters beide waren, so ähnelten sie sich doch auch in mancher Hinsicht. Beide hatten stark ausgeprägt gesellige Neigungen, beide nutzten ihre ausgedehnten Bekanntschaften und Beziehungen für ihre Zwecke, beide besaßen nicht geringes organisatorisches Talent. Der eine wirkte für Nordhausen auf dem Rathause und auf den Reichstagen, der andere auf der Kanzel und mit dem Kiel. Beiden war es nicht immer ganz leicht gemacht, bei den Hindernissen, die sich ihnen in den Weg stellten, völlig kinderrein zu bleiben. Es galt Gedanken zu verheimlichen, Kompromisse zu schließen, den Gegner zu überlisten. Der Zweck heiligt die Mittel. Doch Spangenberg ist es in der Tat gelungen, mit unbeflecktem Gewissen aller Schwierigkeiten Herr zu werden; Meyenburg kam es nicht darauf an, auch einmal zu unlauteren Mitteln zu greifen. Meyenburg verstand die Vorteile Nordhausens und des evangelischen Glaubens alle Zeit mit seinen eigenen in Übereinstimmung zu bringen. Spangenberg blieb stets der treue Gottesmann, der in selbstloser Hingabe dieser und jener Welt diente, unbekümmert um das eigene Wohl.

Nordhausen wußte, wie wertvoll Johannes Spangenberg für die Stadt war. Seine Tüchtigkeit war längst in aller Welt bekannt, überall hin verlangte man ihn. 1543 erging von Markgraf Albrecht von Brandenburg an ihn ein Ruf, der ihn zum ersten Schulmann für seine Schulen machen wollte. Um Nordhausens willen lehnte Spangenberg ab. Größer war die zweite Versuchung: Im Jahre 1544 wollte ihn Magdeburg, unseres Herrgotts Kanzlei, für ein Predigtamt werben. Damals wandte sich Nordhausen an Luther selbst, damit er dafür einträte, daß Spangenberg der Stadt erhalten werde. Spangenberg blieb tatsächlich auch dieses Mal. Endlich 1546 schlug die Stunde, da er einem Rufe nach Eisleben als Generalsuperintendent der Grafschaft Mansfeld Folge leistete.

In diesen vierziger Jahren hatte die Reformation in Stadt und Umgebung weitere Fortschritte gemacht. 1542 war Mühlhausen evangelisch geworden, von Sachsen und Hessen, die gegen Braunschweig siegreich waren, gedrängt; 1557 wurde die Stadt durch Tilesius endgültig reformiert. Das Kloster Ilfeld war längst dem Lutherschen Glauben gewonnen. Abt Bernhard von Mützschefahl, angeregt durch die beiden Mönche Andreas Marhold und Thomas Stange, stand schon seit den zwanziger Jahren der Reformation freundlich gegenüber. 1544 führte Mützschefahl das Kloster gänzlich in die neuen Verhältnisse über; am 1. Juli 1550 wurde Michael Neander Rektor des Stifts und seiner Schule. 1546 folgte Walkenried, nachdem fast alle seine Mönche schon längst in alle Winde verstreut waren. Die meisten waren in den Ortschaften der Grafschaft Honstein evangelische Pastoren geworden. So war schon um 1530 Johannes Krause Pfarrer in Ellrich geworden, wo er 1532 heiratete, andere fanden in Großwechsungen, in Mackenrode, in Bliedungen, in Hainrode, in Sachsa, in Appenrode, in Bleicherode, in Haferungen ihre Pfarre.[18]

Der nächste Nachbar Nordhausens, Graf Ernst V., blieb während seines ganzen Lebens ein treuer Katholik; doch war er duldsam und friedfertig. Er beließ sogar seinen Hofprediger Wennemann auf seinem Posten, als dieser sich zu Luther bekannte, und am 31. März 1546 gestattete er, daß die äußeren Zeremonien des katholischen Gottesdienstes, die Weihungen und die Messe, abgeschafft wurden. So hatte durch die Walkenrieder evangelisch gewordenen Mönche und durch diese offiziellen Schritte der neue Glauben auch in der Grafschaft schon lange Boden gefunden. Und als dann Graf Ernst am 25. Juni 1552 auf Schloß Scharzfels starb, führten seine drei schon protestantischen Söhne die Reformation sogleich gänzlich durch. Nachdem 1555 in Augsburg der Religionsfriede geschlossen war, der die Luthersche Lehre als gleichberechtigt anerkannte, beriefen die Grafen am 27. März 1556 eine große Ständeversammlung ihrer Grafschaft nach Walkenried, und hier beschlossen ihre Ritter, Pfarrer und Städte, am Augsburgischen Bekenntnis festzuhalten und dieses allein in der Grafschaft gelten zu lassen. –

Am 18. Februar 1546 starb Martin Luther in Eisleben, der Nordhäuser Justus Jonas hielt ihm die Gedächtnisrede und überführte seine sterblichen Überreste nach Wittenberg. In demselben Jahre 1546 verließ Johannes Spangenberg Nordhausen, die Stätte, wo er so lange seine segensreiche Wirksamkeit entfaltet hatte. Ruhig und ohne Besorgnis konnte er nach Eisleben gehen, denn Nordhausen war für immer dem neuen Glauben gewonnen, es kam nur darauf an, daß in Spangenbergschem Geiste weiter gelehrt und gepredigt wurde. Dann konnte der Stadt kein Schade erwachsen, nicht im Diesseits und nicht im Jenseits. Am 13. Juni 1550 ist Nordhausens Reformator dann an Überbürdung in Eisleben gestorben, nur wenige Jahre seinen großen Freund Luther überlebend. Kurz vor ihm, am 6. Februar 1549, war auch Lorenz Süße, der erste evangelische Pfarrer Nordhausens überhaupt, dahingegangen. Ein friedvoller Mann war er während seines ganzen Lebens gewesen, und hochbetagt ist er gestorben.

So schieden um 1550 die Männer dahin, die großen, die auf die Geschichte der Menschheit von Einfluß gewesen waren, und die kleineren, die Nordhausens Geschicke gelenkt. Neue Zeiten und neue Geschlechter wuchsen heran. Luthers Reformation aber hatte sich durchgesetzt und lebte und dauert noch heute.




  1. Lesser, Das Leben ... Ernsti Ernsts, 1751, Nordhausen bei Cöler
  2. Lesser, Das Leben des Apollo Wiegand, Nordhausen, Cöler 1752.
  3. Vergl. Otto Plathner, Tilemann Platner, Zeitschrift des Harzvereins, 1868, 63 ff.
  4. Vergl. Gymnasialprogramm Sondershausen, 1862. Irmisch, Über einige Botaniker des 16. Jahrhunderts ..., 44 ff. Irmisch, Einige Nachrichten über Joh. Thal, Zeitschrift des Harzvereins, 1875, 149 ff. Wein, Naturwissenschaftliche Bestrebungen in Nordhausen, Allg. Ztg., 10.XII. 26.
  5. Die Lebensdaten der meisten hier behandelten Humanisten bringt Förstemann, Kleine Schriften 14 ff. Wesentliche Ergänzungen haben eine Reihe hübscher Aufsätze von Heineck in der Nordhäuser Zeitung gebracht. Vgl. besonders: Heineck, Aus dem Leben Michael Neanders, 1925. Lesser gibt einigen Aufschluß über Wiegand u. a.
  6. Vergl. von Bezold, Gesch. der deutschen Reformation, Berlin 1890.
  7. Vergl. Reichhardt, Die Reformation in der Grafschaft Hohenstein, Magdeburg 1912. Perschmann, Die Reformation in Nordhausen 1522-1525, Halle 1881.
  8. Lesser, Das Leben ... Laurentii Süßens, Nordhausen, Cöler 1749.
  9. Ranke, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation, II, 138. Berlin 1852.
  10. Vergl. G. Schmidt, Johannes Spangenberg, Nordh. Zeitung, 8. IX. 1924. Gerhard Schmidt hat eine Dissertation über die Reformation in Nordhausen geschrieben, die aber nicht gedruckt worden ist und deshalb hier nicht benutzt werden konnte.
  11. v. Bezold, a. a. O. 452.
  12. Vergl. Heineck, Die Wiedertäufer am Südharz, Nordh. Familienblätter Sept., Okt. 1925. Ed. Jakobs, Die Wiedertäufer am Harz, Zeitschrift des Harzvereins, 1900, 423 ff.
  13. Vergl. Förstemann, Kleine Schriften, 76 ff. Vergl. Heineck, Das Drama von Frankenhausen, Nordh. Zeitung vom 3. März 1925.
  14. Lesser, 355 f.
  15. Das Kapitel Nordhausen und der Bauernkrieg ist mehrfach behandelt worden; am besten von Förstemann in den Meinen Schriften, von Reichhardt a. a. O. und Heineck, das Drama von Frankenhausen. Wir haben keiner der Darstellungen ganz folgen können. Tragweite der Begebenheiten, Ursache und Wirkung schienen uns häufig anders zu sein, als bisher angenommen; auch glaubten wir, den Ereignissen ein anderes Kolorit geben zu müssen. Vergl. noch Ed. Jakobs, Die Wiedertäufer am Harz, Zeitschrift des Harzvereins, 1900, 423 ff.
  16. Reichhardt, a. a. O. 11.
  17. Vergl. noch Meyer, Urkundliche Geschichte des Klosters Himmelgarten, 1882; Lemcke, Walkenried,
  18. Reichhardt, Die Reformation in der Grafschaft Hohenstein, 23.