Carl Christian Friedrich Fischer. Ein Lebensbild

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Textdaten
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Autor: Hans Silberborth
Titel: Carl Christian Friedrich Fischer
Untertitel: ein Lebensbild
aus: Festschrift zur Jahrhundertfeier des Staatl. Realgymnasiums zu Nordhausen
Herausgeber:
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1935
Verlag: Verlag Theodor Müller
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Erscheinungsort: Nordhausen
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Carl Christian Friedrich Fischer.


Ein Lebensbild.
Von H. Silberborth.



Die Jugend[Bearbeiten]

Am 15. Oktober 1840 wurde das von der Stadt Nordhausen vor dem Töpfertore erbaute Realschulgebäude eingeweiht. Bei dieser Feierlichkeit schloß der erste Direktor der Realschule Carl Christian Friedrich Fischer seine Festrede mit folgenden Worten: „Wenn wir alle, meine Herren, nicht mehr hier sein werden und nur die jüngeren von diesen Knaben, die schwerlich mehr als den allgemeinen Eindruck dieses Tages mit hinausnehmen werden, den Nachkommen sagen können: Ich war auch dabei, als die Realschule eingeweiht wurde, dann wird in den Jahrbüchern der Stadt, dann wird in unseren Schulschriften nach unserem Namen gefragt und das Urteil von einem unparteiischen Geschlecht gefällt werden über uns und unsere Taten. Das lassen Sie uns bedenken! Wohl uns, wenn die späten Enkel unser Andenken ehren! Wohl uns, wenn sie die segensreichen Früchte unseres Schweißes, unserer Arbeit ernten!“

Heute ist es, wenigstens bei den Kreisen, denen auch Fischer angehörte, nicht mehr üblich, auf die eigene Bedeutung und Würdigkeit so deutlich hinzuweisen, wie es einstmals Fischer tat. Nicht bloß größere persönliche Zurückhaltung, sondern auch eine nüchterne, zweifeldurchzogene Einstellung zu der Anerkennung und vielleicht sogar zu dem Werte ihrer Arbeit für die Volksgemeinschaft hindert heute die Träger der Kultur, derart selbstverständlich auf ihre Taten aufmerksam zu machen. Doch uns blüht ein Vorteil aus dieser einstigen wenig verhüllten Selbstgefälligkeit: Wir vermögen umso leichter das Innenleben jener Menschen vor 100 Jahren zu belauschen und ganz besonders leicht das eines so temperamentvollen Menschen, wie es Fischer war. Zudem aber kann uns in diesem Falle, wenn der Ausklang der Fischerschen Rede in uns nachhallt, das Frohgefühl beherrschen, daß wir „späten Enkel“ heute nach 100 Jahren sein Andenken ehren können, weil wir in der Tat „die segensreichen Früchte seines Schweißes, seiner Arbeit geerntet haben“. —

Carl Christian Friedrich Fischer wurde am 1. August 1803 zu Klettstedt bei Langensalza als Sohn eines Rittergutspächters geboren.[1] Der Vater hatte Theologe werden wollen, wurde aber zum Goldschmied bestimmt, wechselte von diesem Gewerbe zur Landwirtschaft, die ihm gar nicht lag, und endete schließlich als mittlerer Beamter, als Lazarettinspektor in Erfurt und als Rentmeister in Griefstedt bei Weißensee. Aber er wollte ursprünglich Theologe werden. Väter sehen gern, wenn an den Söhnen sich das erfüllt, was ihnen selber unerreichbar war. Als Carl Fischer geboren wurde, war der Vater beim Landwirt angelangt, die weiteren – unerwünschten – Berufsetappen lagen noch vor ihm; Theologe wurde er nie, nicht nur schmerzlich für ihn, sondern auch bedenklich für den Sohn.

Es war die Zeit, wo nach der Französischen Revolution den europäischen Völkern die politische und wirtschaftliche Freiheit heraufdämmerte, aber erst heraufdämmerte, und zudem waren die Unzulänglichkeiten eines schrankenlosen Individualismus noch völlig verdeckt durch stärkste Bindungen, welche die Gesellschaft dem einzelnen auferlegte. Allerstärkste Bindung aber bedeutete damals der Gehorsam des Kindes gegen Vater und Mutter.

Der Vater, selbst unter den barbarischen Erziehungsmethoden eines kleineren Bürgerhauses in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aufgewachsen, war ein strenger, starrköpfiger Mann, dazu enttäuscht und mürrisch, seit 1808 Rentmeister in dem schullosen Griefstedt. So mußte der kleine sechsjährige Karl auf die Volksschule nach Erfurt, und da diese garnichts leistete, mußte er nach 1½ Jahren zurück unter die Hand seines Vaters, der nunmehr die Belehrung des Knaben selbst übernahm.

Selten ist ein Vater ein guter Lehrer seiner eigenen Kinder. Woran es liegt? Vielleicht daran, daß zu viele Ablenkungen vorhanden sind, eine bestimmte Zeit zur Belehrung an einem geeigneten Orte nicht innegehalten wird; mehr als bei anderen Verrichtungen müssen ja beim Unterricht die Persönlichkeiten aufeinander eingestellt und diese wieder beeinflußt sein von der ganzen über der Umgebung liegenden, der Aufgeschlossenheit von Lehrer und Schüler entgegenkommenden Stimmung. Vielleicht liegt es aber auch daran, daß die Eigenliebe des Vaters zu viel von der Befähigung des Sohnes erwartet und zu schnell gekränkt ist, wenn zunächst nichts weiter sichtbar wird, als daß dem eigenen Sohne wie anderen Kindern auch keine Siebenmeilenstiefel passen, sondern Knabenschuhe, mit denen er seine braven Knabenschritte oder aber auch seine weniger braven Knabensprünge macht. Jedenfalls: Selten ist ein Vater ein guter Lehrer seiner eigenen Kinder. Vater Fischer war der denkbar schlechteste. Bald kam es zu den fürchterlichsten Auftritten; bald gelang auch dem gesunden Verstände und der zärtlichen Aufopferung der Mutter die Vermittlung und Glättung nicht mehr. Der Sohn selbst hat uns eine Anmerkung darüber hinterlassen, wie der Vater dem Achtjährigen die lateinische Sprache beizubringen suchte: „Er fing die Sache von hinten an, nämlich mit dem Uebersetzen.“ Diese Methode nennt der große Pädagoge und spätere Direktor der Realschule zu Nordhausen „lächerlich“. Heute möchten es wohl weite Kreise von Sprachlehrern mit dem alten Fischer halten und die Ansicht des Direktors Fischer als höchst rückständig bezeichnen, der hübsch säuberlich erst die Formen-, dann die Satzlehre vermittelt und einübt, und es erst danach sehr vorsichtig mit dem Uebersetzen versucht. So wechseln die Anschauungen über Didaktik und streiten noch heut' miteinander. Wahrscheinlich werden tote Sprachen eine andere Lehrweise erfordern als lebende, und ein Knäblein, dem der Formenschatz und der Satzbau der Muttersprache kaum geläufig, verlangt eine andere Behandlung als der Jüngling, dem bei größerer Keberschau Eingliederung und Verbindung gar leicht gelingt. Kurzum: Noch der reife Mann kopfschüttelte über die Erziehungskünste seines Vaters und erinnerte sich wehmütig des Austrittes, da sein Vater ihn voll Bitterkeit für einen ausgemachten Dummkopf erklärte und die Mutter darauf bestand, daß dieser häusliche Unterricht nicht mehr fortgesetzt werde.[2]

Die brave Mutter war es auch, die den verfahrenen Wagen wieder auf das rechte Gleis zu bringen verstand. Ihr wohnte im nahen Weißensee ein Verwandter, der Hofrat Kirsten, dem ein Leben zu führen beschieden war, so wünschbar wie nur möglich in jener weltbürgerlichen, bildungseifrigen Zeit. Kirsten war Erzieher der Söhne eines Herrn von Arnim gewesen, und, seltsam für unsere Zeit, selbstverständlich für jene: den tüchtigen, teilnahmvollen Erzieher begleitete der Dank der Zöglinge und ihres Vaters über die Zeit seiner Wirksamkeit hinaus bis an das Lebensende, und zwar nicht bloß in aufmerksamen Worten, sondern in höchst greifbaren Werken. Arnim hatte Kirsten eine lebenslängliche Rente von 400 Talern ausgesetzt, eine Summe, die damals fast dem Gehalt eines höheren Beamten gleichkam.[3] So konnte sich Kirsten in Weißensee beschaulich und sorglos unter seinen Büchern einrichten und zu seiner Erbauung unentgeltlich die Söhne befreundeter Eltern unterrichten. Diesen wohlgeprüften und erfahrenen Erzieher bat Mutter Fischer um sein Urteil über den offenbar mißratenen Sohn Carl, und damit dieses Urteil alle erdenkliche Sicherheit gewähre, sollte sich der damals neunjährige Knabe auf vier Wochen „zur Probe“ nach Weißensee begeben. Das Debüt war glänzend. Der gute Großvater Kirsten, wie ihn der Knabe bald nannte, erklärte ihn nicht nur für ein feines, kluges Köpfchen, sondern gewann ihn durch sein bald knabenhaft keckes, bald gefühlvoll unsicheres, immer aber aufgeschlossenes Verhalten so lieb, daß er ihn völlig bei sich aufnahm und ihn, als er seinen erwachsenen Sohn und gleich darauf seine Gemahlin verlor, wie sein eigenes Kind hielt und erzog.

Es waren die Jahre 1812–1817, die Carl Fischer bei Kirsten verbrachte, erst in Weißensee, dann in Erfurt, wohin Kirsten nach dem Tode seiner Frau übersiedelte. Er reifte damals schon heran und wurde seiner selbst bewußt und seiner Umgebung; aber aus seiner selbstgeschriebenen Vita streift auch nicht der leiseste Hauch zu uns herüber von der wildbewegten Zeit des Völkerringens, die ihn damals umwehte. Glücklich vielleicht jene Menschen, die ganz sich selbst und ihren Freunden lebten, unberührt vom Entstehen und Vergehen ganzer Nationen, was sie als gänzlich nebensächlich ansahen gegenüber der höchsten Aufgabe, ihre Individualität zur höchsten Ausgeglichenheit und Vollkommenheit emporzuentwickeln, glücklich wie der Mensch am abendlich beruhigten Waldsee; aber glücklich vielleicht auch der Mensch, der durch Wind und Wellen treibt und nicht nur treibt, sondern auch mit ihnen ringt, ein Ziel außerhalb seiner und innerhalb der Volksgemeinschaft vor Augen.

Fünf Jahre lang war dem Knaben vergönnt, an der Seite Kirstens sorglos dahinzugehen. Da wurde den Eltern für ihn eine Freistelle in der Schulpforta angeboten, und freudig griffen sie zu. Am 10. April 1817 wurde er in Pforta in die Tertia ausgenommen, sechs Jahre später, am 5. März 1823 verließ er die Anstalt mit dem Zeugnis der Reife.[4]

Ernstliche Lehrjahre waren es, voller Bitternis und Sehnsucht zunächst, voller Streben und Erkennen danach. Der Knabe hatte unter der harten, durch kein Verständnis gemilderten Zucht seines Vaters gestanden, war dann liebevoll von einem abgeklärten Mann geführt worden und mußte sich nun einer strengen Schulzucht und einem zuweilen satanischen Pennalismus seiner Kameraden fügen. Er war ein gesunder Junge, aber in einem Alter, wo bei jedem Menschen widersprechendste Gefühle sich melden und das wünschenswerte Gleichgewicht stören. Dazu war er hin und her gerissen worden von Strenge und Güte, von Elternhaus und Fremde. So war er starrköpfig und verschlossen, weich und schmiegsam zugleich geworden, aber alle Gefühlslagen waren in der ersten Portenser Zeit doch überdeckt von einer qualvollen Sehnsucht zu dem Erfurter Paradies seines Großvaters Kirsten, und manch einmal mag ihm erst der Schlaf, der sich durch die Erschöpfung von den Pflichten gegen die Schule und von den Handreichungen für die älteren Kameraden einstellte, die reichlich vergossenen Zähren weggetrocknet haben. Daß die Jugendzeit eine ganz sorglose Zeit sei, besteht nur in der Einbildung des vergeßlichen Alters.

Erst seitdem Fischer die Obersekunda erreicht hatte, wendete sich sein Leben zum besseren. An Stelle eines verbrauchten alten Herren wurde Jakobi Professor der Mathematik in Schulpforta, den Fischer selbst „einen ebenso kenntnisreichen Mathematiker als wackeren Lehrer“ nennt, und sein Adjunkt wurde der junge Koberstein, der Fischer in der Mathematik weiter förderte, dem der Jüngling aber besonders nahetrat durch die Aufnahme in seinen Privatzirkel für deutsche Literatur. Beide aber, Jakobi wie Koberstein, erklärten Fischer bald für den besten Mathematiker Pfortas. Sie sind es gewesen, die dem Talent, das sich bisher wild und eigenmächtig an Baurissen und geometrischen Gesetzen versucht hatte, die Wege wiesen und klare Ziele steckten. Sie, und vor allem Koberstein waren es auch, die den Jüngling zuerst zum Studium der damals noch so ganz modernen Klassiker und besonders Goethes anregten.

Mehr als man von der alten Schulpforta, die ja doch im wesentlichen auf den Betrieb der klastischen Sprachen eingestellt war, erwarten konnte, wurden die Fähigkeiten Fischers anerkannt, und obwohl er im Lateinischen und Griechischen immer nur Durchschnittsleistungen aufzuweisen hatte, erwirkten ihm seine Lehrer doch beim Preußischen Kultusministerium ein Stipendium, das über vier Jahre galt und ihm regelmäßig ausgezahlt wurde. Damit hatte er Grund unter den Füßen. Sehr nötig für ihn, denn nunmehr, aus der Zucht der Schule entlassen, trat der bald Zwanzigjährige wieder unter die Rute des eigenwilligen Vaters.

Der Vater hatte Theologe werden wollen und war Zahlmeister geworden. Jetzt sollte der Sohn Theologe werden und fühlte sich zu einem Meister der Zahlen, zum Mathematikus, berufen. Es waren böse Osterserien daheim im engen Griefstedt und im noch engeren väterlichen Hause. Der Wille des Vaters setzte sich durch; der Sohn zog nach Halle und begann Religionswissenschaft zu studieren. Er versuchte zu beginnen, vervollkommnete aber alsbald nur seine Kenntnisse im Griechischen. Und mit dem Ende des ersten Semesters ging auch das zu Ende. Der Sohn setzte noch einmal zum Sturm auf das harte Herz seines Vaters an. Der Sturm mißlang; der Befehl, Theologie zu studieren, wurde nicht zurückgenommen. Eine dauernde Entfremdung zwischen Vater und Sohn war die Folge. Naturgewollter Kampf der Generationen, hier nur verschärft durch die ungeheure Zeitenwende: Der Vater war ein Kind des absolutistischen 18. Jahrhunderts, der Sohn ein Kind des liberalen 19. Der Sohn hatte sich gewunden und gebeugt, solange er unmündig war, herangereift setzte er dem Willen den Willen entgegen und einen Willen, der zum ersten zeigte, daß er der Sohn seines Vaters war, und zum anderen, daß die harte Iugenderfahrung ihn gehärtet und die Ueberwindung der Schwierigkeiten sein Selbstbewußtsein erhöht hatten. Er kehrte nach Halle zurück und studierte Mathematik und Physik; der Vater entzog ihm jede Unterstützung.

So setzte denn Carl Fischer seinen Weg alleine sort und hatte bald eine gehörige Strecke unter seine weitausholenden Schritte genommen. Eine Preisausgabe wurde behandelt und erfuhr lobende Erwähnung; beim großen Physiker Schweigger wurde er Assistent. In diesem fand er den zweiten väterlichen Freund, der ihm manches Hindernis beiseite schaffte und ihm schließlich zur Habilitation riet. Fischer war auf dem Wege zum Universitätsprofessor. Er hatte promoviert; in Jena, wo er sich als Privatdozent niederlassen sollte, hatte ihm Schweiggers Fürsprache alle Türen geöffnet, und Goethe als Kurator der Universität stellte ihm, nach einer persönlichen Aussprache in Weimar, alle physikalischen Apparate der Universität zu beliebigem Gebrauch zur Verfügung. Alles ließ sich aufs beste an, Jena schien für Fischer Lebensschicksal zu werden, es wurde nur belanglose Episode.

Carl Fischer
Erster Direktor der Anstalt

In Jena wohnte nämlich ein Oheim Fischers, der akademische Rentamtmann Lange mit Weib und Kind. Dieses Kind aber war eine Tochter, in die sich der gefühlvolle und unerfahrene Portenser Alumnus, als er vor Jahren während einiger kurzer Ferientage den Oheim besuchte, verliebte. Durch einen Brief, an die Schwester daheim gerichtet, kam zwar die Iugendliebelei dem Vater zur Kenntnis, und dieser verbot sogleich jeden weiteren Besuch in Jena. Doch wenn nun auch die Besuche unterblieben, die Neigung blieb dennoch. And seine Liebe wurde erwidert, umso mehr als sich allgemach des jungen Magisters Lebensweg zu ebnen begann. Vater und Mutter Lange aber hatten ein Wohlgefallen an allem, förderten nach Kräften das Spiel zum Ernst und luden den zur Habilitation Bereiten ein, ihr Haus als seines zu betrachten. Doch unterdes war aus dem Schüler der Pforta, in dessen Welt die Welt des Weibes nur durch alte und neue Poeten ahnungsvoll, doch wesenlos hineingedämmert hatte, ein Hallenser Doktor geworden, der nicht nur hinter seinen Büchern gesessen oder mit dem Vater die Klinge gekreuzt hatte. Aus dem unerfahrenen Jüngling war ein erfahrener Mann geworden, und was dem Jüngling als Rosenknospen erschienen, trat vor den Mann als aufgeblühte Blume, aber als Gänseblume. Den Gewissenhaften kostete es einigen Kampf, doch er sah die Verträglichkeit der lebenslangen Fessel. Sein an den Oheim gerichteter Brief klärte die Lage, aber nicht nur zwischen Mann und Weib, sondern auch zwischen Studiosus und Beruf. Weiterer Aufenthalt in Jena war unmöglich geworden. Wie ein deus ex machina, kam die Aufforderung des Provinzial-Schulkollegiums zu Magdeburg, sich beim Gymnasium zu Erfurt als Lehrer zu melden. Jena, Professur, Jugendliebelei blieben zurück; im Juli 1827 traf Fischer in Erfurt ein, seit November amtierte er am dortigen Gymnasium und lernte in der Erfurter Gesellschaft seine spätere Gattin, die Tochter eines Pfarrers, Friederike Auguste Oertel, kennen. Ein Jahr später wurde er zum Kollaborator und Mathematikus an das Gymnasium zu Nordhausen berufen. Sein Leben hatte die entscheidende Wendung genommen.

Das Werk[Bearbeiten]

25 Jahre war Fischer alt, als er die Stelle des Mathematikus am Gymnasium zu Nordhausen erhielt; sehr früh hatte er also die feste Anstellung erreicht. Daran, daß er sein Schifflein für die Dauer im Nordhäuser Hafen festmachen würde, hatte er wohl zunächst selbst nicht gedacht. Denn alsbald folgte die Anerkennung für seine Tätigkeit und der Anerkennung folgten Berufungen in andere Städte auf besser dotierte Stellen. Doch die Stadt Nordhausen hielt ihren Mathematikus Fischer, griff sogar um seinetwillen ein wenig in den Stadtsäckel und gewährte dem jungen Kollaborator eine Gehaltszulage. Gymnasialdirektor Schirlitz teilte in seiner Schulchronik zum Jahre 1831 mit, daß „unser hochverehrter Patron, ein wohllöblicher Magistrat, darauf dachte, durch eine ansehnliche Gehaltszulage dem Gymnasium die Wirksamkeit eines seiner geachtetsten Lehrer, des Mathematikus Herrn Dr. Fischer, noch länger zu erhalten.[5]

Leben ließ es sich freilich in Nordhausen trotz des knappen Gehaltes. Dem Mathematikus stand als Dienstwohnung das Haus Predigerstraße 562 zu neben dem Hause des Konrektors Dr. Förstemann, der Haus 561 besaß. Nachbarlich wie die Häuser grenzten auch die geräumigen Gärten, die zwischen Predigerstraße, Primariusgraben und Kickersgasse (Neue Straße) lagen, aneinander. Weiterhin lag dann neben Förstemanns Garten der des Direktors Schirlitz, der auf dem Hofe seines Gymnasiums Haus 558 innehatte.[6] Daß die Herren Kollegen einigermaßen Platz in ihren Wohnungen hatten und auch eine nicht zu kärglich bemessene Kinderschar leidlich behausen konnten, zeigt die Aufstellung Förstemanns, der für seine Wohnung 6 Stuben, 7 Kammern, Bodenräume, Küche, Keller, Waschhaus, Holzschuppen und Stall angibt.[7] Aehnlich bequem wohnte Fischer, und er gab sich alle Mühe, die Räume zu füllen. Im April 1828 hatte er sich mit Friederike Oertel vermählt, und nach und nach gingen aus dieser Ehe 7 Kinder, 4 Söhne und 3 Töchter, hervor. Freilich, von den Söhnen kam nur einer zu Jahren.[8]

Doch Fischer war nicht der Mann, der sich im bequemen Nordhausen und bequemen Amte Wohlsein ließ; er mußte werken und wirken. Am Gymnasium fand er trotz allen Zuschnitts auf die alten Sprachen doch ein Kollegium und eine Schülerschar vor, die seinen Fächern alle Gerechtigkeit widerfahren ließen. Da wirkte der Geist des großen Philologen und Pädagogen Karl Kraft noch nach, eines Portensers wie Fischer, der ein Jahr vor Fischers Ankunft in Nordhausen die Stadt verlassen hatte, um die Leitung des Johanneums in Hamburg zu übernehmen. Dieser Direktor Kraft war es gewesen, der, um in allen Fächern zu wissenschaftlichen Leistungen zu kommen, grundsätzlich anstelle des Klassen- systems das Fachlehrersystem durchgeführt und, was die Naturwissenschaften anlangt, zum ersten Male zwei Stunden Physik in der Prima eingerichtet hatte. Das Wesentliche aber war der Geist der Wissenschaftlichkeit und Schaffensfreude, den Kraft hinterlassen hatte und der dem jungen Fischer nun zugute kam.[9]

Fischer übernahm die Mathematik, Physik und Geographie in den drei oberen Klassen, und sogleich brächte er System in den bisher reichlich ungeordneten Lehrgang dieser Fächer. Schon Ostern 1829 bekam er von seinem Direktor Schirlitz, dem Nachfolger Krafts, das Lob, daß er „sein Lehramt mit bestem Erfolge verwalte“.[10]

Aber das Lehramt allein vermochte den Schaffensdrang des jungen Kollaborators nicht zu stillen. Auch war er so begeistert für seine Wissenschaften, daß es ihn schmerzte, weil sie noch immer nicht die ihnen gebührende Achtung in der gelehrten Welt genossen. Er wollte sie ihnen in der ungelehrten Welt erringen, und da er, wie er selber schreibt, „seinem ganzen Wesen nach lebhafter Natur“ war, kündigte er für den Winter 1829/1830 mathematische und naturwissenschaftliche Vorträge an, zu denen er die gebildeten Kreise Nordhausens einlud. Der Gedanke fiel, für jene Zeit nichts Ungewöhnliches, auf fruchtbaren Boden. Die Nordhäuser, die ihre freie Zeit überhaupt gern gesellig verbringen, sei es, daß sie, nur Erholung suchend, beieinandersitzen, sei es, daß sie gemeinsam geistig sich anregen lassen, besuchten gern und dankbar die Vorträge Fischers und waren umso eher zugänglich für derartige Belehrungen, als der nüchternen, praktischen und fortschrittlichen Denkungsart der Bevölkerung gerade die Wissensgebiete Fischers genehm waren. Jahrelang versammelte Fischer in einem mathematischen Kränzchen und in naturwissenschaftlichen Vorträgen eine ganze Schar Nordhäuser, Damen und Herren, um sich und besprach mit ihnen die neuesten Erfindungen jener erfindungsreichen Zeit, in der gerade damals im nahen Göttingen Gauß und Weber ihre epochalen Versuche anstellten und in den vierziger Jahren, in Nordhausen selbst, der Mathematikus Krämer seine Telegraphen baute.[11]

So begeisterungs- und aufopferungsfreudig Fischer für seine Wissenschaft aber auch war, er wurde nie einseitig; sondern behielt stets das ganze weite Gebiet der Kultur im Auge, und wie er sich weiterhin, eine Selbstverständlichkeit für einen alten, in den klassischen Sprachen wohlbeschlagenen Portenser, mit den griechischen und lateinischen Schriftstellern beschäftigte und dabei sogar eigenartigen Kulturzusammenhängen im Sinne seines Lehrers Schweigger nachging, so vergaß er über allem Schulstaub und aller Tagesmühe auch seine Lieblingsdichter Shakespeare und Goethe nicht. Alles aber, was ihn bewegte und wofür er erglühte, mußte er auch anderen mitteilen. So blieb er nicht bei seinen naturwissenschaftlichen Vorträgen, sondern er sammelte sogar Jahre lang einen Kreis von Damen um sich, denen er Shakespeare vorlas und erklärte.

Bei einer solchen umfassenden Tätigkeit stand er natürlich sehr bald nicht nur im geselligen Leben Nordhausens, sondern wurde auch für die Verwaltungsgeschäfte der Stadt herangezogen. Neben den angesehensten Bürgern der Stadt und den Fachleuten Superintendent Förstemann und Direktor Schirlitz finden wir den noch nicht Dreißigjährigen in der städtischen Schuldeputation.[12] So hatte er in wenigen Jahren in der Schule und in der Stadt Boden gefaßt, und dieser Boden ließ ihn nicht wieder los. Mehrfach noch gelangten günstige Angebote an ihn, er blieb der Stadt Nordhausen verhaftet.

Nachdem der erste heftigste Tätigkeitsdrang Befriedigung gefunden hatte, wandle sich Fischer auch wieder alter, liebgewordener spezialwissenschaftlicher Beschäftigung zu; er veröffentlichte die Schrift: Beiträge zur Urgeschichte der Physik in Schweiggers Sinne. Für uns heute 100 Jahre später ist es ziemlich wertlos, die Schweiggersch-Fischerschen Gedankengänge nachzugehen. Deshalb nur kurz davon:

Schweigger beschäftigte sich mit der Urgeschichte der Physik und behauptete, es habe vor der Sintflut im nördlichen Asien ein Volk gegeben, dem schon viele physikalischen Kenntnisse eigen gewesen seien, die nach der Sintflut in Vergessenheit geraten, aber aus bestimmten Symbolen noch immer sehr wohl erkennbar seien. Auf einem Teilgebiet versuchte nun auch Fischer diesen Nachweis, und Staunen muß uns heute ergreifen über die gelehrten Kenntnisse dieses Mathematikers und Physikers in den griechischen und lateinischen Schriftstellern, Kenntnisse, die sicher mancher klassische Philologe heute nicht mehr aufzuweisen hat. Staunen ergreift uns aber auch, welchen Wust von unmöglichen Vorstellungen und Beweisführungen ein Jahrhundert hinwegräumen mußte, eine Feststellung, aus der keinerlei Überheblichkeit sprechen soll; denn sicher wird in abermals 100 Jahren die Wissenschaft über manche unserer Anschauungen ebenso bedenklich lächeln wie wir über Fischer. Man denke nur an unsere heutige praehistorische Forschung und ihre sich widersprechenden Ergebnisse und Folgerungen.

Nur kurze Andeutungen mögen beweisen, daß wir weit abgekommen sind von einstigen Spekulationen. So erklärt Fischer als naive bildhafte Darstellung des Blitzes eine gebrochene Linie mit einer Pfeilspitze. Von dieser kindhaften Auffassung vom Wesen des Blitzes und seiner bildlichen Wiedergabe seien aber die alten mythischen Bilder weit entfernt, weil in ihnen noch ein Erinnerungsrest des wahren physikalischen Vorganges stecke, der jenem alten, in der Sintflut untergegangenen Volke bekannt war. An allen Darstellungen, sei es nun die des Donnerers Zeus oder Jupiters, Jndras oder Kastors und Pollux' oder Thors — zwei gewundene Hörner der Böcke vor dem Bockwagen! — oder Jupiter Ammons — zwei gewundene Hörner auf dem eigenen Haupte —, müsse man eine Duplicität feststellen. Zickzack oder Flammen oder Kegel oder Cylinder oder Pfeile oder Flügel seien jedesmal zwiefach dargestellt und drückten die Duplicität der Naturkraft aus. Die Symbole ließen also durchaus erkennen, daß man schon um positive und negative Elektricität gewußt habe; uralte Anschauungen befänden sich durchaus im Einklang mit modernster Physik. Kupferstiche, von Fischer selbst nach mühsam zusammengetragenen Bildern und Münzen angefertigt, sollten seine Anschauungen und Beweisführungen veranschaulichen.

Neben dergleichen krausen Erörterungen stehen höchst annehmbare Erklärungen. So wenn sich Fischer mit der wissenschaftlichen Deutung des Donners auseinandersetzt. Er folgt dabei zunächst der wissenschaftlichen Autorität De Lucs, welcher recht merkwürdig meint: „Der Donner entsteht durch chemischen Prozeß im Innern der Wolken oder der Luft überhaupt; indem durch einen solchen Prozeß sich erst Wolken bilden.“ Im Anschluß daran läßt aber unser Nordhäuser Physiker die einleuchtende Bemerkung fallen: „Was ist am Ende für ein Unterschied zwischen dem Knistern einer Katze, die gestrichen wird, und dem Rollen des Donners in den Wolken, als daß hier große, dort kleine elektrische Funken auftreten?“

Uns interessiert diese Schrift weniger wegen ihres Inhaltes als wegen des Mannes, der sie geschrieben. Zeigt sie doch, daß Fischer keineswegs einseitig verstandesbegabt, sondern sogar reichlich phantasiebegabt war. Dieser vielgebildete und vielinteressierte Geist dachte nicht immer nur ruhig und folgerichtig, sondern liebte auch verwegene Sprünge und Kombinationen, und wenn dadurch das Bild des kühlen Denkers verliert, so gewinnt dafür das Bild des blutwarmen Menschen.

Doch die gelehrten Studien füllten nur die geringste Zeit des tätigen Mannes. Er selbst nannte sich ja mehr einen Lehrer als einen Gelehrten, und die Freude an der Studierstubenarbeit wurde nicht selten überjubelt durch die Freude an lebensvollem Augenblicksschaffen.

Der eben erst dreißigjährige vollkräftige Mann wirkte in einer Stadt, die wirtschaftlich seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts einen außerordentlichen Aufschwung genommen hatte und schon damals eine der reichsten Mittelstädte der Provinz war, eine Stadt, nicht wohlhabend geworden durch die Gnade oder die Hofhaltung eines Fürsten, sondern durch den praktischen Sinn und den Gewerbefleiß ihrer Bewohner, eine Stadt, in der nicht der Beamte oder Militär etwas galt, sondern der Kaufmann, der Handwerker, der Techniker. Ohne daß diesen der Sinn für Ideelles oder für zukunftsträchtige Spekulation gefehlt hätte, glaubten sie doch, dafür nur Feierstunden übrig zu haben, während die Alltagsarbeit sich gründe auf nüchterne, augenblicksbestimmte Erwägungen und Handlungen. Für ihre Vorbildung stand ihnen abgesehen von den Elementarschulen allein das Gymnasium, die Gelehrtenschule, zur Verfügung, welche gerade das jeden Alltag betrieb, was sie nur für den Festtag verlangten. Dieses Gymnasium hatte soeben im Jahre 1824 sein dreihundertjähriges Bestehen gefeiert, hatte eine große Tradition, stand auch bei den Gewerbetreibenden in hohen Ehren, konnte aber doch mit seiner starken Betonung des Formalen gerade den Gesellschaftsschichten nicht Genüge tun, die sich mit Recht als die Träger des Gemeindelebens betrachteten. Auch diese Kreise hielten darauf, daß mindestens einer aus der Familie die Gelehrten- fchule besucht habe, aber mehr um des Ansehens willen als aus der Ueberzeugung heraus, daß ihre ganze Geisteshaltung durchaus eine humanistische Bildung verlange. Schließlich verklärte auch die Jugenderinnerung das alte Gebäude zwischen der Predigerstraße und dem Primariusgraben, aber man war nicht schwärmerisch genug veranlagt, um von der Romantik der Schulbank die Ueberlegung überwuchern zu lassen, daß vielleicht doch noch eine angemessenere Vorbildung denkbar wäre.

Die preußische Unterrichtsverwaltung der dreißiger Jahre ließ solche Gedankengänge und solche Bedenken gegen die Ausschließlichkeit des Gymnasiums bis zu einem gewissen Grade gelten. Nicht als ob Johannes Schulze, der Leiter des höheren Schulwesens im preußischen Kultusministerium, an der Ueberlegenheit humanistischer Schulung gezweifelt hätte; betonte er doch selber oft genug, daß er die Erlernung der klassischen Sprachen auch für jeden praktischen Beruf für die beste Vorschule ansehe. Aber gerade weil einflußreiche Männer die gymnasiale Bildung über alles schätzten, konnten sie die Tatsache nicht übersehen, daß dieser Studiengang leiden mußte darunter, daß Unter- und Mittelstufe der Gymnasien jahraus, jahrein eine große Schülerzahl mitschleppten, die sicher einmal im Staate und im Berufe ihren Mann standen, die aber auf der Schulbank bedenkliche Gesichter machten, wenn ihr Präceptor über die Weisheit Platons oder die Künstlerschaft Sophokles' in Verzückung geriet. Den Zeitströmungen Rechnung tragend und zur Entlastung des Gymnasiums ließ die Regierung deshalb, zunächst ohne Einspruch, auch einigen Städten die Errichtung von sogenannten höheren Bürgerschulen und Realschulen hingehen und anerkannte den schon geschaffenen Zustand durch Verfügung vom 8. März 1832, welche den Realschulen die Berechtigung für den einjährig-freiwilligen Dienst und den Eintritt in das höhere Post-, Forst- und Baufach gewährte.

Diese Anerkennung der schon bestehenden Realschulen und die Verleihung gewisser Berechtigungen an sie mußte ein Anreiz sein, auch in Nordhausen die Gründung einer Realschule für die Kreise, die ihre Söhne dem Handel, dem Gewerbe, der Technik zuführen wollten, zu versuchen. Der Mann, der den Wunsch in die Tat umsetzte, war der Mathematikus des Gymnasiums Carl Fischer. Seine Vorträge in den Jahren 1829—1833 hatte weite Kreise für naturwissenschaftliche Dinge interessiert, er selbst tat alles, daß ihr Wert weiter erörtert und das Verlangen nach einer Schule geweckt wurde, die die mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächer mehr pflegte, als es die alte Gelehrtenschule vermochte. Schon 1833 wurde der eben in die Schuldeputation der Stadt Eingetretene vom Magistrat aufgefordert, ein Gutachten über die Einrichtung einer Realschule abzugeben, und dieser Bericht fiel für die Stadtväter so einleuchtend aus, daß die Gründung einer Realschule beschlossen und Fischer mit der Durchführung betraut wurde. In der Stadtverordnetensitzung vom 2. Oktober 1834, an der Fischer als Sachverständiger teilnahm, wurden folgende Beschlüsse gefaßt: 1) Es soll eine Realschule errichtet werden; 2) die Mittel dafür bestreitet die städtische Kämmerei; 3) als Schulgebäude wird das Joachimische Haus in der Ritterstraße gemietet; 4) Ostern 1835 soll die Realschule eröffnet werden.[13]

Am 7. November wurde das obere Stockwerk des Joachimischen Hauses auf 6 Jahre für 154 Taler jährlich gemietet, am 17. November fand der Vertrag die Genehmigung der Stadtverordneten, und am 9. Januar 1835 warben die Nordhäuser im Nordhäuser Nachrichtenblatte, im Mühlhäuser Kreisblatt, im Teutschen zu Sondershausen und im Sondershäuser Kreisblatte für ihre neue Schule mit einer Bekanntmachung, die nach Inhalt und Form ganz offenbar von Fischer verfaßt war.[14] Am 5. Februar 1835 holte der Magistrat die Genehmigung der königlichen Behörde zur Eröffnung der Realschule ein und legte zugleich dar, wie er sich die gesamte Ausgestaltung der Anstalt denke. Die vielleicht mögliche Einwendung der Regierung, Fischer könne nicht neben seinem Amte als Gymnasiallehrer noch die Leitung der neuen Schule sowie 8—10 Stunden Unterricht an ihr übernehmen, begegnete der Magistrat mit dem Hinweis, „aus Gründen, die in seiner Persönlichkeit lägen, glaubten sie, Fischers Arbeitskraft würden auch 30 Wochenstunden nicht übersteigen“.

Die Regierung erteilte die Genehmigung, und am 4. Mai 1835 wurde die Realschule in dem Joachimischen Hause in der Ritterstraße mit einer kurzen Feierlichkeit eröffnet. Die städtischen Behörden, die Lehrer und Schüler versammelten sich in den Schulräumen; Superintendent Förstemann hielt eine Ansprache und übergab dem Mathematikus Dr. Fischer vom Gymnasium die Leitung der Anstalt.

Den ganzen Schulbetrieb der ersten Zeit kann man sich gar nicht verwickelt und schwierig genug vorstellen. Der Unterricht fand in einem Privathause statt, ein Schulhof war nicht vorhanden, Lehrmittel fehlten zunächst so gut wie ganz. Erst nach und nach konnte das notwendigste Arbeitsgerät, vor allem für die naturwissenschaftlichen Fächer, aus einem Darlehen von 500 Talern beschafft werden, welches die Stadt der Schule vorgeschossen hatte und das allmählich durch Beiträge der Schüler abgezahlt werden sollte. War die Stadt für ihre neue Anstalt auch zu einigen Opfern bereit, so lag es doch im Zuge der Zeit, daß man von der Schule ein Auskommen ohne große Zuschüsse erwartete. Dementsprechend mußte das Schulgeld unverhältnismäßig hoch angesetzt werden; es betrug am Ende des ersten Schuljahres 24 Taler für die 1. Klasse, 20 Taler für die 2. Klasse, 16 Taler für die 3. Klasse; nach unserem Geldwerte etwa 200–320 ℳ.

Auch die Gewinnung von Lehrkräften machte Schwierigkeiten. Hauptamtlich waren zunächst nur zwei Lehrer tätig: Dr. John für die neueren Sprachen und Lehrer Brandt vor allem für das Deutsche. John war ein besonders tüchtiger und tätiger Mann. Unzufrieden mit dem rein humanistischen Betriebe der Gymnasien und überzeugt von dem Werte philanthropischer Anschauungen war er bisher seine eigenen Wege gegangen und hatte in seiner Vaterstadt Nordhausen ein Privatinstitut unterhalten, das in hohem Ansehen stand und auch von Ausländern besucht wurde. Allen modernen Gedankengängen war er zugänglich, und mit Fischer stimmte er darin überein, daß nur der ein tüchtiger Erzieher der Jugend sein könne, der ein tüchtiger Mensch im zupackenden, tätigen Leben ist. In einer ganzen Reihe geselliger, politischer, sozialer Vereine entfaltete er deshalb eine umfangreiche Tätigkeit. In mehreren wissenschaftlichen Beilagen zu den alljährlich erscheinenden Schulprogrammen gab er Rechenschaft von seinen pädagogischen Anschauungen und von der wissenschaftlichen Weiterarbeit in seinen Forschungsgebieten.[15]

Als zweiter Lehrer, als Lehrer für die Naturwissenschaften, war Friedrich Traugott Kützing in Aussicht genommen, der als Apothekerlehrling angefangen hatte, dann aber, von einsichtigen Professoren unterstützt, seinen botanischen Forschungen nachgehen und weite Reisen ins Mittelmeer unternehmen konnte. Ohne Examen pro facultate docendi erhielt der bedeutende Gelehrte auf Empfehlung Schweiggers die Oberlehrerstelle, konnte sie aber erst im November 1835 antreten.[16]

Der andere Lehrer, in der Rangordnung der dritte, der gleich im Mai 1835 neben John zur Verfügung stand, war der akademische Lehrer Ludwig Brandt, den man sich von der Magdeburger Höheren Töchterschule holte und der viele Jahre die Schüler der Realschule betreute, bis er einem Rufe nach Erfurt folgte.

Alle übrigen Lehrer waren nur nebenamtlich beschäftigt: Fischer selbst als Leiter, Pfarrer Silkrodt von der Altendorfer Gemeinde[17] als Religionslehrer, ein außerordentlich tüchtiger Mann und begnadeter Lehrer, der Zimmermeister Gerns als Zeichenlehrer und der Volksschullehrer Dihle als Gesanglehrer.

Das Gehalt der Lehrer war kärglich genug bemessen; Nordhausen hatte nicht den Ehrgeiz, seine Steuern zu erhöhen, um seine Beamten stattlich zu bezahlen. Während das Gehalt der akademischen Lehrer in anderen Städten zwischen 350 und 500 Talern betrug, das der Direktoren zwischen 600 und 800, setzte man in Nordhausen für den ersten Lehrer 350 Taler, für den zweiten 300 Taler, für den dritten 275–300 Taler aus, konnte diese niedrigen Sätze allerdings bei wertvollen Persönlichkeiten nicht lange halten, da sie sonst aus und davon gingen. Ehe aber nicht wirkliche Gefahr im Verzüge war und der Verlust drohte, ließ man sich nicht zu Gehaltszulagen herbei, und dann bewilligte man sie auch immer nur für die Person.

Doch nicht der Mangel an Räumlichkeiten und Lehrmitteln, nicht die Lückenhaftigkeit des Lehrerkollegiums bereiteten dem Leiter der Anstalt die größten Schwierigkeiten, sondern die Schüler, die zunächst in zwei Klassen, seit Michaelis 1835 in drei Klassen zusammen unterrichtet wurden. Diese 69 Schüler, mit denen die Schule eröffnet wurde, boten an Alter und Herkunft und Vorbildung ein erstaunliches Konglomerat, und selbst ein begeisterter und fähiger Lehrer mußte wohl manchmal mutlos werden, wenn diese bunte Schülerschar seinen angestrengtesten Bemühungen, sie einigermaßen gleichmäßig zu fördern, einen verzweifelten Widerstand entgegensetzte. Aus den Elementarschulen und von den unteren Klassen des Gymnasiums, vom Lande und aus der Stadt kamen sie, die einen achtjährig, die anderen sechzehnjährig, und alle sollten in zwei Klaffen unterrichtet werden, aus denen die einen erst nach dreiund noch mehrjährigem, die anderen nach halbjährigem Besuch befördert werden konnten. Da setzte sich Fischer mit eiserner Tatkraft dafür ein, daß ihm zu den zwei bestehenden Klassen alsbald wenigstens die dritte Klasse bewilligt wurde, so daß nun wenigstens leidlich gleichmäßig geförderte Knaben zusammensaßen, die dann nach zwei- bis dreijährigem Besuch derselben Klasse in die nächsthöhere aufrückten.

Wirklich gedeihliche Arbeit war aber doch nur dadurch möglich, daß jeder Lehrer sein Bestes gab und Fischer als Leiter der Anstalt bei allen seinen Maßnahmen so gut wie völlig freie Hand hatte. Am Anfang ist das Chaos, und am Ende steht die mindestens ebenso schlimme, von der Einfalt der Nachgeordneten Stellen überzeugte Bürokratie; genau in der Mitte zwischen beiden steht die geist- und phantasievolle Tat. Die höhere Schule entfernte sich in jenen Zeiten erst allmählich von der Mitte und glitt, damals noch kaum merklich, dem Ende zu. Nicht nur in der Verwaltung aller äußeren Angelegenheiten hatte der Patron der Schule, in diesem Falle also der Magistrat der Stadt Nordhausen oder die von ihm eingesetzte Schuldeputation, beinahe ausschließliches Verfügungsrecht, sondern auch in den meisten internen Dingen. Alter und Leistungshöhe bei der Aufnahme und bei den Versetzungen, den Zeitpunkt für die Versetzungen, Stundenzahl und Art der Unterrichtsfächer und ihre Verteilung über das Schuljahr hin, die Ferienordnung, alles das konnte der Leiter der Anstalt selbständig festsetzen. Ob man beispielsweise einen Schüler nach einem halben Jahre oder nach vier Jahren von einer Klaffe in die andere aufrücken lassen wollte, ob der Lehrplan Latein führen sollte oder nicht, ob für die Mathematik 2 oder 4 oder 6 Stunden anzusetzen seien, alles das stand im Ermessen des Direktors und Lehrerkollegiums. Der Staat beaufsichtigte nur die Abschlußprüfung, damit seine Hochschulen und Fachschulen im ganzen gleichmäßig vorgebildete Studenten erhielten.

Nur auf diese Weise konnte eine solche Schule, wie es die neu gegründete Nordhäuser Realschule war, überhaupt gedeihen. Für die ganz besonders gelagerten Verhältnisse waren ganz besondere Anordnungen nötig, die eine staatliche Zentralstelle unmöglich treffen konnte. So wies z. B. die älteste Lehrverfassung, die Fischer seiner Schule gab, kein Latein auf, obgleich diese Sprache nach einem Ministerialerlaß vom 8. März 1832 für die Realschulen eigentlich vorgesehen war. Fischer hatte seine guten Gründe für die Ausschaltung des Lateinischen: Er wollte die vielen Landkinder, denen neben der Muttersprache die neueren Sprachen Schwierigkeiten genug bereiteten, nicht mit noch einer schwierigen Sprache belasten, und er war von Anfang seiner Lehrtätigkeit an ein Verfechter der Konzentration auf wenige Fächer, die dann aber wirklich wissenschaftliche Behandlung erfahren sollten. Die Schüler seiner Realschule sollten ihr Weltbild von der Mathematik, den Naturwissenschaften und dem Zeichnen bekommen; diese Fächer standen deshalb durchaus im Mittelpunkte des Gesamtunterrichts und waren gegenüber allen anderen Fächern mit verhältnismäßig vielen Stunden angesetzt. Erst später nahm er aus praktischen Erwägungen das Latein im Lehrplan auf, da die meisten höheren Berufe, die von Realschülern ergriffen werden konnten, das Lateinische verlangten. Sein Lehrplan seit Michaelis 1835 sah also folgendermaßen aus:

_Tabelle_

Die neue Lehranstalt entwickelte sich außerordentlich günstig und schnell. Ostern 1835 hatte man mit 69 Schülern in 2 Klassen begonnen, Michaelis 1835 waren es 83 Schüler in 3 Klassen, Michaelis 1836 in 4 Klassen schon 118 Schüler, und Ostern 1837 war die Schülerzahl auf 164 angewachsen. Durchschnittlich wies die Anstalt unter Fischer 120 bis 150 Schüler aus. 1840 z. B. waren 148 Schüler vorhanden, die sich auf 4 Klassen folgendermaßen verteilten: 1. Klasse 12, 2. Klasse 19, 3. Klasse 56, 4. Klasse 61. Viele Schüler begnügten sich also damit, 4–6 Jahre lang die beiden untersten Klassen zu besuchen. Es waren die vielen Kinder vom Lande, denen dort die einklassige Elementarschule nicht genügte, die aber keinen Ehrgeiz nach dem Abschluß einer höheren Bildung besaßen, oder es waren die Söhne wohlhabender Nordhäuser Kaufleute und Handwerker, die eine über die Elementaria hinausgehende Schulung für zweckmäßig hielten, für die Uebernahme des väterlichen Geschäftes aber keine Abschlußprüfung aufzuweisen brauchten.

Daß die Schüler durchschnittlich mindestens 2 Jahre in jeder der 4 Klassen saßen, geht aus dem Alter der Abiturienten hervor. Diese waren ganz selten unter 18 Jahren, oft erheblich darüber. Am 23. September 1840 bestand der erste Abiturient die Reifeprüfung nach der Prüfungsordnung vom 8. März 1832. Es war Friedrich Wilhelm Grandam aus Benneckenstein, 17¾ Jahre alt, ev., der die Postlaufbahn einschlagen wollte. Er hatte „vorzüglich“ bestanden.

Schon daraus, daß erst nach mehr als fünfjährigem Bestehen die erste Reifeprüfung abgehalten wurde, geht hervor, daß Fischer keineswegs auf schnelle und billige Erfolge seiner Arbeit bedacht war. So sehr ihm das Gedeihen seiner Anstalt am Herzen lag, so sehr er der Stadt durch das Schulgeld von vielen Schülern die doch allmählich anwachsenden Ausgaben für die Schule kürzen wollte, so sah er doch darauf, daß seine Schule eine wirkliche höhere Lehranstalt war und nicht eine Farce davon. Seine Schüler sollten auf anderen Gebieten etwas leisten als die Gymnasiasten, aber sie sollten keineswegs weniger leisten. Von Anfang an betonte er Eltern und Schülern gegenüber mit aller Deutlichkeit, die Realschule sei keine leichte Schule, die Lehrer der Realschule seien nicht im Besitz eines Allheilmittels gegen Dummheit und Faulheit; wer nur um der leichteren Mühe willen zur Realschule kommen wolle, der solle sich den Weg überhaupt sparen. Um von vornherein die Unfähigen auszuschalten, erschwerte er schon 1838 die Aufnahmeprüfung. Seine Anstalt sollte groß werden, sie sollte dabei aber auch gesund und angesehen bleiben.

Ebenso wie ihm die Leistungshöhe am Herzen lag, so auch die Schulzucht. Fischer war ein strenger Lehrer und kein lässiger, und mehr als es vielleicht beim Gymnasium nötig war, mußte er in jener Anfangszeit nicht nur den Schülern Vorhaltungen machen, sondern auch die Eltern ermahnen, auf die rechte Gesittung ihrer Kinder zu achten. Mehr als an anderen Anstalten war bei der Realschule die Einwirkung auf Haltung und Benehmen der Schüler erschwert durch die recht verschiedenen Berufsstände, aus denen die Schüler stammten, und durch die zahlreichen Gäste vom Lande, die bei den fehlenden Verkehrsmitteln in der Mehrzahl in Nordhausen ein Unterkommen suchen mußten und bei schmalem Beutel meist ein recht mangelhaftes fanden. Immer wieder ermahnte Fischer deshalb auch die Eltern, ja auf gute Pensionen zu sehen, und empfahl in jener Zeit durchaus etwas Selbstverständliches, unbekümmert die Pensionen seiner Lehrer, besonders die Dr. Johns. Recht deutlich den Eltern gegenüber wird er im Osterprogramm 1839, wo er schreibt: „Da jedoch weder Ermahnungen noch Schulstrafen allein im Stande sind, den Leichtsinn namentlich der jüngeren Schüler in unschädlichen Schranken zu halten, vielmehr eine ununterbrochene häusliche Aufsicht der Schule in die Hände arbeiten soll, so ist es sehr zu wünschen, daß diejenigen, denen diese Pflicht besonders obliegt, doch ja nicht die Meinung bei sich aufkommen lasten mögen, daß die Schule allein alles bewirken müsse und könne, was man mit ihrer Hilfe erreichen will. Die Lehrer bemerken es sehr genau, welche Schüler sich der häuslichen Sorge und Aufsicht treuer Eltern oder Aufseher zu erfreuen haben…“ Und im Jahre 1843 heißt es sogar: „Möchten doch die geehrten Eltern unserer Zöglinge die Bitte … überall beherzigen und mit der größten Sorgfalt darauf Bedacht nehmen, daß unserer Arbeit in der Schule die entsprechende Beaufsichtigung außer der Schule möglichst entgegenkomme! Zerstreuungs- und Vergnügungssucht, in ihrem Gefolge sittliche Zerfahrenheit, in einzelnen Fällen sogar Rohheit und Ausschweifung, Mangel an geistiger Regsamkeit und andauerndem Fleiße suchen unverkennbar und in bedenklicher Weise sich der Jugend zu bemächtigen.“

Wenn dergleichen Ermahnungen nichts fruchteten, schreckte Fischer vor Bestrafungen, auch der schwersten, der Verweisung, nicht zurück, nahm auch weniger ängstlich Rücksicht, als es heute gemeinhin geschieht, auf das Zartgefühl der Betroffenen, indem er ohne Scheu die Namen der Relegierten in seinen Programmen veröffentlichte. Schon 1836 mußte Eduard Mußmann aus Nordhausen verwiesen werden, und so geht es weiter durch die Schul- berichte bis zu dem Höhepunkte im Jahre 1844, wo die Schule auf 5 Schüler der 3. Klasse zugleich verzichtete. Auch unhöfliches Verhalten wurde wacker öffentlich gerügt: „Karl Seidenstücker aus Hainrode ging ab, ohne Abschied von seinen Lehrern zu nehmen“, heißt es 1843, oder die Sehnsucht nach der Heimat und der Freiheit wird festgestellt: „Louis Egert aus Nohra entlief zu seinen Eltern“ (1836), „Karl Hesse aus Oberdorf entlief zu seinen Eltern“ (1843).

Auch die Abiturientenprüfungen zeigen, daß Fischer nur sittlich und wissenschaftlich reife junge Leute entließ. Die erste Klasse der Anstalt war ja ständig von nur wenigen Schülern besucht, aber selbst von diesen 8 oder 12 oder höchstens einmal 15 Primanern kamen nur die wenigsten zur Abschlußprüfung. Kaum jemals sind es mehr als drei; ganz selten bestand einer mit dem Prädikat vorzüglich oder auch nur mit dem Prädikat gut; meistens heißt es nur: hinreichend bestanden. Ein paar dieser Abiturienten seien namentlich aufgeführt:

Ostern 1848 bestand Christoph Herrmann Arnold aus Nordhausen, 16½ Jahre alt, ev., Sohn des Brennereibesitzers Arnold, 8 Jahre auf der Realschule, 2 Jahre in der ersten Klasse, die Reifeprüfung mit dem Prädikat „gut“. Er studierte Chemie und war der 24. Abiturient der Anstalt überhaupt. Er ist der große Wohltäter Nordhausens, Förderer von Kunst und Wissenschaft, Verehrer seines Lehrers Kützing.

Ostern 1850 bestand Karl August Hermann Fischer, 20 Jahre alt, ev., Sohn des Berichterstatters, d. h. des Direktors, 11 Jahre auf der Realschule, 3 Jahre in der ersten Klasse mit „gut“ das Examen als 28. Abiturient der Anstalt. Er studierte Mathematik und war 1885 Mathematiker einer Lebensversicherung in England. Man sieht, Fischer hatte offenbar seinem eigenen Fleisch und Blut nichts geschenkt; sein einziger Sohn, der ihm von vieren geblieben war, mußte 11 Jahre lang durch die damals 5 Klassen der Realschule wandern.

Ueber Fischers Zeit hinaus sei der einzige heute noch lebende Abiturient jener älteren Zeiten angeführt: Als 61. Abiturient verließ im Herbst 1867 Karl Friedrich Richard Wiese, geboren in Magdeburg, ev., 17 Jahre alt, die Schule, um Kaufmann zu werden. Heute steht er im 86. Lebensjahre und ist nach einer vierzigjährigen Tätigkeit im Ehrendienste der Stadt einer ihrer wenigen Ehrenbürger.

Der Herbstabiturient des Jahres 1868 Wilhelm Burghardt aus Sangerhausen war 1870 Leutnant in einem Ingenieurkorps und fiel bei der Belagerung von Paris, der einzige Abiturient, der 1870 den Heldentot erlitt.[18]

Die meisten der Abiturienten gaben als Studium das des Hüttenwesens, des Baufaches, des Maschinenbaufaches an oder wollten Feldmesser, Buchhändler, Oberförster werden.

Daß die Schülerzahl trotz der bedeutenden Anforderungen Fischers, die er an Aufnahmefähigkeit und sittliche Haltung stellte, nicht sank, lag am Zuge der Zeit, lag ferner an den nie ruhenden Bemühungen Fischers und lag schließlich an der Tüchtigkeit der Lehrer. Dennoch blieben auch Fischer Rückschläge und damit allerhand Bitternis nicht erspart. Der modernen Technik und Industrie und damit auch den Schulen, die zu diesen Berufen vorbereiteten, machte man seit den vierziger Jahren je länger, je mehr den Vorwurf, sie seien Brutstätten des Materialismus und der Gottlosigkeit, und einflußreiche Dunkelmänner und Dummköpfe bekämpften sie deshalb gewissenhaft und nicht ohne Erfolg. Diesen Angriffen auf die Realanstalten ist es zuzuschreiben, daß Fischers Schule 1845 nur noch 104 Schüler zählte, 1846 gar nur noch 97 Schüler in 4 Klassen und zwar in der Prima 9, in der Sekunda 17, in der Tertia 34 und der Quarta 37. Damit war allerdings der tiefste Stand erreicht.

Aber nicht nur Dilettanten und rückschrittliche Politiker machten den Realschulen das Leben schwer, sondern auch einsichtige, jedoch für das humanistische Gymnasium eingenommene Fachmänner. Diese anerkannten den Wert der Realschulen sehr wohl, verlangten von ihnen aber wenigstens den Unterricht im Lateinischen. Bald kam es dahin, daß die Realabiturienten ohne Latein zu keinem höheren Berufe mehr Zugang fanden. Nur sehr zögernd und nur unter dem Druck der Verhältnisse entschloß sich Fischer, auch in seiner Realschule das Latein aufzunehmen. Er hatte seine wohlgegründeten Bedenken dagegen, Bedenken, die jeder Schulmann teilen muß, der weiß, daß unsere deutsche höhere Schule, die bis auf den heutigen Tag vielleicht die beste höhere Schule der Welt ist, doch dem Fehler der Vielfächrigkeit verfallen ist. Immer wieder betonte demgegenüber Fischer als trefflichster Erzieher und gewissenhafter Gelehrter: „Alle Unterrichtsgegenstände müssen in ihrem inneren Zusammenhang mit möglichster Gründlichkeit behandelt werden“. Oder: „Die alten Sprachen treten ganz zur Seite, ein halber Unterricht führt zu nichts. Oder: „Es kommt nicht darauf an, was betrieben wird, sondern wie es betrieben wird und daß es wissenschaftlich vertieft betrieben wird.“ Deshalb wehrte er sich solange wie möglich gegen die Belastung seiner Lehrverfassung mit einem neuen Frachtgut, mit dem Lateinischen. Selbst nachdem das preußische Kultusministerium im Jahre 1838 von der Kenntnis des Lateinischen die Erteilung irgendeiner Berechtigung an Realschulabiturienten abhängig gemacht hatte, sträubte er sich noch. Erst 1841 ließ er es fakultativ zu, und erst Ostern 1842 führte er es obligatorisch ein, um seine Schüler nicht von jeder Berechtigung auszuschließen. Es wird ihm das Herz geblutet haben, als er um des Lateins willen seinen geliebten mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächern einige Stunden nehmen mußte. Wahrscheinlich weil er immer wieder überprüfte, mit wieviel Lateinstunden er das Mindestmaß behördlicher Anforderungen erreichen könnte, schwankt auch die Stundenzahl recht erheblich. 1842 setzte er an: Prima 4 Stunden, Sekunda 4 Stunden, Tertia 3 Stunden, Quarta 5 Stunden. Doch diese vielen Stunden Latein auf der Oberstufe schränkten ihm die Naturwissenschaften zu sehr ein. So finden wir 1853: Prima 2 Stunden, Sekunda 2 Stunden, Tertia 3 Stunden, Quarta 5 Stunden, Quinta 4 Stunden, Sexta 6 Stunden. Nur durch diesen gekürzten Lateinbetrieb war es ihm möglich, für die Mathematik und die Naturwissenschaften noch immer in Prima 11 und in der Sekunda 12 Stunden insgesamt herauszuschlagen und dadurch den Schülern für diese Fächer wirklich eine wissenschaftliche Grundlage mitzugeben.

Trotz dieses Zugeständnisses in der Lehrverfassung erlebte die Realschule nach dem Jahre 1848 neue Anfeindungen. In seinen letzten Lebensjahren mußte es Fischer über sich ergehen lassen, daß seiner Anstalt immer mehr Berechtigungen genommen wurden und ihre Entwicklung dadurch gehemmt wurde. Erst nach seinem Tode, als an Stelle Räumers von Bethmann-Hollweg als Kultusminister getreten war, geschah im Jahre 1859 etwas Durchgreifendes: Man schied die Realschulen in Realschulen 1. Ordnung und in die 2. Ordnung. 1859 ist daher das Geburtsjahr des Realgymnasiums.[19]

Diesen mannigfachen Hemmungen gegenüber bedeutete es einen Fortschritt, als es Fischer, nachdem seine Schule den Neubau vor dem Töpfertore bezogen hatte und Räumlichkeiten genügend vorhanden waren, im Jahre 1842 durchsetzte, daß zwei Elementarklassen als Vorschule für Gymnasium und Realschule unter seiner Leitung eingerichtet und in dem Realschulgebäude untergebracht wurden. Dadurch gelang es endlich, einheitlich vorgebildete Knaben auf die höhere Schule zu überführen, die schon in den ersten Schuljahren nicht bloß spielen, sondern auch arbeiten gelernt hatten, was dem Lehrbetrieb in der untersten Klasse der höheren Schule wesentlich zugute kam. Diese Vorschulklassen wurden neben den 4 Klassen der eigentlichen Realschule als 5. und 6. Klasse gezählt und waren gut besucht, 1844 z. B. von 89, 1845 von 104 Schülern, d. h. von etwa ebenso vielen, wie auf der ganzen Realschule waren. Dieser Zustand der gemeinsamen Vorschule für Gymnasium und Realschule dauerte bis 1847, wo das Gymnasium eine Vorschulklasse für sich, die Realschule zwei für sich erhielt.[20]

Während Fischer, wie wir sahen, ein in vieler Beziehung sehr selbständiger, zuweilen beinahe eigenwilliger Pädagoge war, löste er sich in anderer doch nicht von den Auffassungen seiner Zeit. Als Hauptmittel, um die Schüler anzuspornen und Erfolg zu erzielen, sah er mit den meisten seiner Zeitgenossen die öffentlichen Osterprüfungen an. Im Anschluß an diese Prüfungen wurden die Versetzungen bekannt gegeben. Auf Empfehlung der Behörde führte er im Jahre 1853 sogar ein Verfahren ein, das ganz gewiß geeignet war, das innigere Verhältnis zwischen Erzieher und Zöglinge zu hemmen, die liefere, unbewußt geschehende Beeinflussung zu hindern und den äußerlichen Drill zu fördern. Am Schlüsse jedes Vierteljahres sollten zwei volle Tage zu Prüfungen verwendet werden, denen alle Lehrer beizuwohnen hatten. Bei den Prüfungen sollte protokolliert werden, und die angefertigten schriftlichen Arbeiten sollten allen Lehrern zur Einsicht ausliegen. Der Regierung in Erfurt sollte von Zeit zu Zeit über diese Prüfungen Bericht erstattet werden.

Vielleicht war diese weitgehende äußerliche Kontrolle von Lehrern und Schülern ein Zugeständnis, das Fischer der Behörde machte, um von dieser in anderer Beziehung gefördert zu werden. Denn so sehr Fischer seinen Grundsätzen allezeit treu blieb, so geschickt machte er wiederum in Nebensächlichkeiten Zugeständnisse und behandelte er die einflußreichen Stellen mit nicht geringer Menschenkenntnis, um sein Werk voranzubringen.

Die Realschule stand zu Fischers Zeiten nicht wie das Gymnasium unter dem Prov.-Schulkollegium zu Magdeburg, sondern unter der Regierung zu Erfurt. Da traf es sich nun günstig, daß Fischer für seine Schule in dem Regierungs- und Schulrat Graffunder zu Erfurt einen ganz außerordentlich wohlgesinnten und einsichtigen Schulmann erhielt. Dieser Graffunder beobachtete die Nordhäuser Realschule während der beinahe zwei Jahrzehnte, in denen Fischer ihre Leitung hatte, mit immer gleicher Aufmerksamkeit und ebnete ihr und ihrem Direktor den Weg, wo er nur konnte, und unbekümmerter, als es ein nach unten und oben und allen Seiten Rücksicht nehmender Schulrat gemeinhin tut. Beinah Jahr für Jahr war Graffunder ein paar Tage in Nordhausen anwesend, inspizierte die Schule und besprach ihr Wohl und Wehe eingehend mit Fischer. Bei der gegenseitigen Hochachtung, die beide Männer miteinander verband, konnte es nicht ausbleiben, daß der gewandte Fischer gelegentlich an Graffunder auch der Stadt Nordhausen gegenüber eine starke Stütze fand, um seine Wünsche durchzudrücken. Graffunder wußte aber auch, daß er keinem Unwürdigen oder Selbstsüchtigen seine Hilfe gewährte. Mochte Fischer in seinem Eifer vielleicht auch einmal etwas Unbilliges verlangen und mit seinen Forderungen über das Ziel hinausschießen, jedesmal lag osfen zu Tage, daß er es allein um der Sache willen tat, für die er selbst als erster sich opferte. Die in den ersten Jahren ganz kümmerliche Sammlung naturwissenschaftlicher Geräte vermehrte er, indem er für den Ankauf von Lehrmitteln 127 Taler 8 Silbergroschen verwendete, welche er als Nebenverdienst erhalten hatte, weil er im Sommer 1837 neben seinem Direktorposten noch aushilfsweise die Stelle des Mathematikus am Gymnasium verwaltet hatte. Ein kostbares Frauenhofersches Teleskop mit 270-facher Vergrößerung, besten Anschaffung er der Stadt nicht zumuten durfte, leistete sich der kärglich Dotierte und mit einer zahlreichen Familie Gesegnete aus eigenen Mitteln, um astronomische Beobachtungen machen und ihre Ergebnisse für seine Schüler oder in seinen Vorlesungen verwerten zu können. Und wo weder öffentliche noch private Mittel hinreichen wollten, die nötigen Geräte zu beschaffen, da baute er sie sich in einer Werkstatt selbst, obgleich er von Natur nicht fingerfertig war. Ein solches Aufgehen in seinem Werke blieb in jenen Zeiten, wo Bewertungen und Einschätzungen gern nach den sachlichen Leistungen und nicht nach oberflächlichem Augenblicksauftreten vorgenommen wurden, nicht unbemerkt und nicht unbelohnt, am allerwenigsten von dem wohlmeinenden Graffunder, der deshalb Fischers Forderungen nach Kräften bei den Behörden vertrat und ihn in schwierigen Zeiten nicht fallen ließ.

Auch äußere Anerkennungen seiner Tätigkeit blieben nicht aus. Nachdem Fischer zwei Jahre lang nur nebenamtlich Leiter seiner Anstalt gewesen, hauptamtlich aber noch Mathematiker am Gymnasium geblieben war, wurde er Ostern 1837 zum hauptamtlichen Direktor der Realschule bestellt. John und Kützing wurden gleichzeitig zu Oberlehrern befördert. 1844 erhielt Kützing den Professortitel, Fischer den unvermeidlichen roten Adlerorden, und bald darauf wurde er im Range den ordentlichen Professoren an den Universitäten gleichgestellt.

Unterdes hatte er aber, unterstützt von Grasfunder, alle seine Rührigkeit entsalten, sein ganzes Verhandlungsgeschick ausbieten und sein bedeutendes Organisationstalent einsetzen müssen, um seiner Realschule den für eine gedeihliche Entwicklung erforderlichen Raum zu schaffen. Lange, arbeitsreiche Jahre waren nötig, bis die Anstalt den Notbehelf einer gemieteten Etage mit einem eigenen Schulgebäude vertauschen konnte.

Schon in den Zeiten, in denen die Stadt Nordhausen an die Gründung einer Realschule ging, hatte sie im Auge, der neuen Schule auch ein neues Gebäude zur Verfügung zu stellen. Der Bau eines neuen, stattlichen Schulhauses schien umso mehr gerechtfertigt, als auch die Verhältnisse in den Elementarschulen zu durchgreifenden Maßnahmen drängten. So beabsichtigte man schon 1834 einen großen Neubau für die Realschule und für mindestens 7 Volksschulklassen aufzuführen. Der Plan, diese neue Schule unfern des Gymnasiums in den hinter der Predigerstraße liegenden Gärten zu errichten, wird wohl von Fischer selbst stammen. Hier nämlich lagen nachbarlich nebeneinander die zur Dienstwohnung gehörigen Gärten des Mathematikus Fischer, des Konrektors Förstemann und des Direktors Schirlitz. Den Garten Schirlitzens und einen Teil des Förstemannschen Gartens bestimmte nun die Stadt zum Grundstück des neuen Schulgebäudes. Doch dagegen setzten sich die beiden Schulmänner, vor allem Förstemann, zur Wehr, und es ist erstaunlich, wie dieser sanfte, den Händeln seiner Zeit so abgewandte und nur den Händeln vergangener Jahrhunderte zugewandte Historiker recht tatkräftig, ja beinahe bissig seine Rechte verteidigte. Insbesondere mit Förstemann mußte die Stadt, nachdem inzwischen die Realschule in einem Privathause eröffnet worden war, während des ganzen Jahres 1835 verhandeln, glaubte aber schließlich, seine Einwände doch beiseite schieben zu können, und die Stadtverordnetenversammlung erteilte am 29. Januar 1836 „mit vielem Vergnügen“, wie es im Protokoll heißt, die Genehmigung zum Bau auf vorgesehenem Platze. Bei diesem Stande der Dinge rief nun aber Förstemann das Provinzial-Schulkollegium in Magdeburg zu Hilfe und setzte sich durch. Alle Beschlüsse von Magistrat und Stadtverordneten waren damit hinfällig, alle auf Baurisse und Kostenanschläge verwandte Mühe war vergebens gewesen. Uns heute erscheint diese Hartnäckigkeit Förste- manns um einiger Quadratruten Gartenlandes willen und die Stellungnahme des Staates für ihn einigermaßen verwunderlich. Doch es war eine Zeit, wo man wenigstens in Preußen, obwohl es noch immer absolutistisch regiert wurde, oder vielleicht gerade weil es noch absolutistisch regiert wurde, die wohlerworbenen Rechte des einzelnen schützte und nicht anzutasten wagte, selbst wenn das Gemeinwohl ganz offensichtlich darunter litt.[21]

So war man im Jahre 1837 noch nicht weiter gekommen als im Jahre 1834; die Realschule, deren Schülerzahl erfreulich zugenommen hatte, mußte sich noch immer mit ihrer Etagen- behausung in der Ritterstraße begnügen, und die Volksschulklassen waren in dunklen, unwürdigen Räumen durch die Stadt hin verstreut. Der 1837 zum Direktor ernannte Fischer und der eifrige Förderer Nordhäuser Schulwesens Stadtrat Götting suchten verzweifelt nach einem Ausweg, fanden aber keinen.[22] Zunächst dachte Fischer an den Ankauf und Ausbau des Joachimischen Hauses. Pläne wurden angefertigt, Kostenanschläge aufgestellt, und als man mit allem fertig war, wurde offenbar, daß der Umbau mehr kostete als ein Neubau, daß dennoch die Räumlichkeiten nicht langten und nur ein winziger Schulhof, ein botanischer Garten aber, wie ihn Kützing wünschte, gar nicht vorhanden war. Dann erwog man den Plan, einige Stiftskurien in der alten Domsreiheit, die seit der Säkularisierung brachlagen, abzureißen oder umzubauen. Doch hatte der Fiskus die Hand darauf gelegt, und Götting schrieb, indem er in der wohltuenden Weise jener Zeit auch in dem dienstlichen Bericht einige Gefühlstöne erklingen ließ: „Nur mit dem Gefühl der innigsten Wehmut müssen wir gerade jetzt auf diesen für uns so unersetzlichen Verlust Hinblicken.“ So erwog man das eine und das andere, um den Nordhäuser Schülern Platz zu schaffen, und kam zu keinem Entschluß.

Daß Fischer noch im Frühjahr 1837 keinen Ausweg aus der verfahrenen Lage gefunden hatte, lag wesentlich an der Vorstellung jener Zeit, die Schule müsse möglichst innerhalb der Altstadt ihren Platz finden. Jene Zeiten des 19. Jahrhunderts erblickten in einem viertelstündigen Schulweg eine ungeheuerliche Zumutung an Lehrer und Schüler, und selbst noch um 1890, als die heutigen Gebäude des Gymnasiums und Realgymnasiums am Taschenberg vom Staate übernommen wurden, erschien als wesentlicher Nachteil die Lage an der Peripherie der damaligen Stadt. Schließlich aber, als alle Auskunftsmittel erschöpft waren, blieb nur der wüste Platz vor dem Töpfertore, auf welchem damals noch der sogenannte Zwinger stand, als Bauplatz übrig. Und als man endlich soweit war, faßten Götting und Fischer und dann die Stadtverordneten einen in Ansehung des Stadtsäckels geradezu heroischen Entschluß: Man wollte vor dem alten Töpfertore und zwar zu beiden Seiten desselben zwei korrespondierende Schulgebäude bauen, eins für die Realschule und eins für die notleidenden Volksschulklassen. Das Realschulgebäude sollte in dem sogenannten Zimmergraben, der sich hier vor der Stadtmauer hinzog, südlich das Töpfertor flankierend, zu stehen kommen.

In einer wohlausgearbeiteten längeren Vorlage suchte Götting am 9. November 1837 die Zustimmung der Stadtverordneten zu gewinnen, pries die vielen Vorzüge des Planes und entkräftete den einzigen Einwand, den man wegen der Lage machen konnte, damit, die Schulgebäude lägen zwar nicht innerhalb der Stadt, lägen aber von beiden Flügeln der Stadt, dem Altendorfe und dem Klosterhofe, von denen ja auch allerhand Schüler herbei- strömten, gleich weit entfernt. Die Stadtverordnetenversammlung stimmte dem Neubau zu.

Nun galt es nur noch die Einwände des Landeskonservators wegen des Abbruchs des äußeren und inneren Töpfertores sowie des Zwingers zu beseitigen. Auch das gelang, und endlich am 27. Juli 1839, nachmittags 3 Uhr konnte im Beisein des Magistrats, der Stadtverordneten, der Schulinspektion, der Lehrer und Schüler der Realschule der Grundstein gelegt werden. Superintendent Förstemann hielt dabei die Rede, die Stadtmusikanten spielten den Choral: Nun danket alle Gott.[23]

Nun wuchs der Neubau verhältnismäßig schnell aus der Erde; im Spätsommer 1840 war er vollendet. Es ist das Gebäude der heutigen Mädchenvolksschule auf dem Friedrich-Wilhelm-Platze; doch fehlte noch der westliche Flügel, der die Aula enthält. Das Gebäude enthielt 7 Klassenzimmer, 8 Räume für Lehrmittel nebst chemischem Laboratorium, einen Zeichensaal, der zugleich als Festraum diente. Im obersten Stockwerk lag die Direktorwohnung.

Zur Einweihung des Neubaus setzte man den 15. Oktober 1840 fest, den Tag der ersten Geburtstagsfeier, die man für den neuen preußischen König Friedrich Wilhelm IV. beging. Die Feier wurde eingeleitet mit einem Gottesdienste in der Marktkirche, bei dem Superintendent Förstemann über den Text sprach: Fürchtet Gott, ehret den König. Danach zogen vom Markte aus sämtliche städtischen Beamte, die Prediger und Lehrer der Stadt, abgesehen von den Lehrern der Realschule, dazu die von der Stadt gebetenen Gäste nach dem Realschulgebäude, das im Festschmuck prangte. Als Versammlungsraum war der festlich geschmückte Zeichensaal im ersten Stockwerk ausersehen, wo Behörden und Gäste den Eingang von Lehrern und Schülern der Realschule erwarteten. Diese hatten sich in ihrer alten Wirkungsstätte in der Ritterstraße versammelt und zogen von dort unter Vorantritt einer Musikkapelle in ihre neue Schule. Hier wurde Direktor Fischer von Superintendent Förstemann und Stadtrat Oßwald, der den Bürgermeister Götting vertrat, begrüßt, dann übergab Förstemann im Auftrage der Stadt mit einer kurzen Ansprache das Gebäude dem Direktor. Danach hielt dieser seine Festansprache, die in jeder Beziehung so charakteristisch für Fischer ist, daß ihr Inhalt in aller Kürze wiedergegeben werden mag:

Es scheine bedenklich, einen Anfang mit Festen zu begehen; die festliche Hochstimmung spanne auch die Erwartungen hoch, und der Alltagserfolg bleibe dann hinter diesen Erwartungen zurück. Doch hier, bei der Einweihung des Realschulgebäudes, sei ja nach manchen Schwierigkeiten ein stattliches Werk vollendet; das berechtige dazu, Rückschau zu halten und zu feiern. Er danke der Stadt für ihr hochherziges Entgegenkommen, er schließe daran das Gelöbnis, am Wohle der Schule zu arbeiten. Lohn beanspruchten sie, die Lehrer, für ihre Arbeit nicht weiter; der beste Lohn sei ihnen das Bewußtsein, ihre Pflicht mit aufopfernder Hingabe getan zu haben. „Der Lehrer“, fuhr Fischer fort, „der das nicht erkennt, welcher diese Gesinnung nicht hegt und nährt, trägt nur den Namen eines Lehrers; er täte besser, er ginge lieber heute als morgen und triebe sonst etwas, wozu er Beruf haben mag.“

Nach diesem ersten einleitenden Teil seiner Rede legte Fischer Wesen und Ausgabe der Realschule dar. Das tat er seiner ganzen temperamentvollen Art gemäß verteidigend und angreifend in fortwährenden Auseinandersetzungen mit den Gegnern der Realschule. Man werfe den Realschulen vor, sie seien befangen in plumpem Materialismus, wollten von nichts Idealem, nichts Göttlichem wissen. Er aber sage, die Realschulen sorgten dafür, daß ihre Schüler aus dem Buche der Natur, in der sich der lebendige Gott offenbare, lesen lernten. Und wenn man weiter sage, die Realschulen seien wie Pilze auf faulem Boden, sie könnten nur von Menschen gewünscht werden, die im sinnlichen Erwerb die Idee des Lebens erblickten und die den Gedanken der Nützlichkeit vor alle anderen stellten, so erwidere er, Fischer, darauf, der reine Forschergeist, der nach Wahrheit strebe ohne alle Nebenrücksicht auf irdischen Vorteil, vielmehr mit der Aufopferung aller sinnlichen Bequemlichkeit, ja des irdischen Daseins, habe die wissenschaftliche Technik entfaltet. Dieser rein wissenschaftliche Geist, dieser ideale Trieb nach Wahrheit stände als Pate an der Wiege der Realschulen. Die Realschule aber, die auf so idealem Grund gebaut sei, vermittle den „notwendigen Zusammenhang mit Gott“.

Auch die Gewandtheit des Geistes fördere die Realschule wie jede andere höhere Schule, da sie sich ja mit rein wissenschaftlichen Dingen beschäftige. Nicht die vielverzweigten Dinge der Technik, wie sie das praktische Leben ausbilde, seien das Arbeitsfeld der Schule, sondern die allen diesen Teilgebieten zugrunde liegende Wissenschaft. Und auf diese Wissenschaft, auf die Naturwissenschaft, beschränke sich die Realschule. „Denn“, so sagt Fischer, „nichts ist unpraktischer als oberflächliche Kenntnisse, die nur dazu dienen können, recht viele und vielleicht kostspielige Fehler dereinst in der Anwendung zu begehen.“ Die Realschule stehe also auf wissenschaftlichem Boden, nur auf einem anderen als das Gymnasium, und wenn die Realschule ihrer eigensten Aufgabe treu bleibe, so würde durch sie „eine allgemeine Vergeistigung und Versittlichung des Menschengeschlechtes vorbereitet“.

Dazu komme, daß die Bevölkerungszusammensetzung, die Berussentwicklung in Deutschland und ganz besonders in Nordhausen eine solche Schule wie die Realschule verlange. „And deshalb“, so läßt sich Fischer gegen Ende seiner Rede mit ziemlich scharfem Ausfall vernehmen, „wird die Sache der Realschule allen Hindernissen zum Trotz vorwärts schreiten zum großen Strome des Lebens … Am wenigsten wird sie sich hemmen lassen durch den Schwärm der Insekten, die den Wanderer zwar belästigen, aber nicht aushalten, vielmehr vorwärtstreiben zu jenen höheren Regionen, zu welchen sie ihm nicht folgen können.“ —

Nach dieser Rede des Direktors bekam der erste Abiturient, den die Nordhäuser Realschule überhaupt entließ, das Reifezeugnis ausgehändigt: Friedrich Wilhelm Grandam aus Benneckenstein, der das Postfach studieren wollte. 1885, bei der 50-Jahrfeier der Schule war er Oberpostdirektor.

Die Nordhäuser Singakademie, die sich in dem an den Festraum anschließenden Bibliothekszimmer eingefunden hatte, ließ den Choral: „Nun danket alle Gott“ ertönen. Damit war die Feierlichkeit beendet. Die Realschule unter Fischers Leitung hatte ein Gebäude zur Verfügung, das für jene Zeiten die Gewähr für einen zumindest äußerlich einwandfreien Unterricht bot.[24]

In der Tat konnte Fischer, nachdem seine Schule durch die Ungunst der politischen Strömungen in Preußen zeitweilig stark zurückgegangen war, endlich Oktober 1847 eine 5. Klasse eröffnen und Michaelis 1850 eine 6. durch Umwandlung einer Vorschulklasse in eine Realklasse. Die Geräumigkeit des Gebäudes gestattete ihm jedenfalls, nach Bedarf Klaffen zusammenzulegen oder zu teilen.

Schwieriger war es, von der Stadt noch einige Mittel für die Beseitigung bestimmter Mißstände an dem Gebäude und zum Ausbau des Schulhofes, des Direktorgartens und des botanischen Gartens zu erhalten. Das ganze Vorgelände der Schule, das im Jahre 1840 noch mit dem Rundbau des Zwingers darauf, seit dem Sommer 1842 ohne denselben ziemlich wüst und unwirtlich aussah, gestattete zunächst eine gewisse Ungeniertheit in der Benutzung einiger Nebengelasse, die von der Stadt um der Kosten willen recht einfach hergerichtet waren. Nach und nach mußte die Bevölkerung aber doch an den gar zu primitiven Zuständen Anstoß nehmen, und Fischer drang auf Abhilfe. Doch erst Vorstellungen von der Regierung in Erfurt konnten die Stadtväter bewegen, helfend einzugreifen.

Zeigte die Stadt zuweilen, um zu sparen, recht wenig Entgegenkommen, so griff sie wiederum dann und wann einmal unerwünscht ein, wenn es ihre Bedürfnisse erforderten. Im November 1845 mußten notwendig einige Erwerbslose mit Erdarbeiten beschäftigt werden, und so ging man an das Planieren des Schulhofes hinter dem Schulgebäude, des alten Zimmergrabens. Doch hatte sich der Bauinspektor Voß weder mit Fischer in Verbindung gesetzt noch führte er das Werk nach Fischers Wunsche durch. Da schaltete sich dann Fischer am 15. November ein, weil ihm keine Anzeige von der Arbeit erstattet und sein Beirat nicht eingehult war. „Die Extern« sind doch offenbar der Interna wegen da, nicht umgekehrt“, schrieb er an den Magistrat, reichlich energisch seine Befugnisse wahrend.[25]

Jenseits des eigentlichen Schulhofes dehnte sich noch immer der frühere Zimmergraben, der heute südliche Teil des Schulhofes der Töpfertorschule und die Anlagen an der Sedanstraße. Das Gelände lag völlig unbenutzt und verwahrlost da. In diesem Teile des Stadtgrabens sollte ein alter Wunsch Kützings verwirklicht und ein botanischer Garten angelegt werden. Lange Verhandlungen führte Fischer mit der Stadt, um durch die nötigen Erdarbeiten die Einebnung des an den Schulhof grenzenden Planes zu erreichen. 1847 schienen die Arbeiten endlich zur Ausführung zu kommen, doch die Mittel langten wieder einmal nicht. Da griff die Regierung in Erfurt am 27. April 1847 zugunsten der Schule ein; aber selbst sie hatte keinen Erfolg, und erst 1852 verschwanden die letzten Reste der alten Stadtbefestigungen hinter dem Schulgebäude. Aus dem botanischen Garten wurde nicht allzuviel; dafür hatte die Realschule aber wenigstens Platz gefunden für ihre allerdings noch recht kümmerlichen und nur zeitweilig abgehaltenen Turnübungen.

Neben Fischer blieben John und Kützing die festen Säulen, auf denen das Wohl der Schule ruhte. Ganz einfach war es nicht, diese beiden tüchtigen Männer auf die Dauer an die Schule zu fesseln, da das Gehalt, das Nordhausen zahlte, gar zu knapp bemessen war. Bis in die 70er Jahre hinein, bis das Gehalt gleichmäßig für das ganze preußische Staatsgebiet geregelt wurde, hat sich Nordhausen immer wieder selbst seiner besten Kräfte beraubt, dadurch, daß es ein paar Taler an Gehältern sparen wollte. Förstemann am Gymnasium blieb nur, weil Nordhausen seine Vaterstadt war und er seine Lebensaufgabe darin sah, in ihrer Geschichte zu forschen; ein anderer langjähriger Lehrer am Gymnasium, Rothmaler, bezog im Jahre 1850 nach 23 Dienstjahren nur 386 Taler Gehalt, verlangte mit Rücksicht darauf, daß John und Kützing 450 Taler hatten, bei Uebernahme vermehrten Unterrichts, nämlich des Turnunterrichts am Gymnasium, 50 Taler Zulage, wurde aber abschlägig beschieden „wegen zu schlechter Kassenverhältnisse“. Der junge Mathematikus Dr. August Ephraim Krämer trat Ostern 1842 in die Realschule als Lehrer ein, wechselte schon Michaelis 1842 ans Gymnasium hinüber, war aber auch dort nur wenige Jahre tätig, weil der preußische Staat ihm für 150 000 ℳ seine elektrischen Apparate für das Eisenbahnwesen ab- kaufte und er nun von seinen Zinsen behäbiger leben konnte als von seinem schmalen Oberlehrereinkommen. Oberlehrer Brandt ging nach 18jähriger Tätigkeit an der Realschule Ostern 1853 nach Erfurt in „eine bessere Stelle“. Selbst Witwen vorenthielt man zuweilen das ihnen zustehende Gehalt des Gnadenvierteljahrs, und die Regierung in Erfurt mußte erst mehrfach mahnen, bis sich die Stadt zur Auszahlung bequemte.[26]

John und Kützing hielt Nordhausen durch häufigere persönliche Zulagen, denen wir leicht nachkommen können, weil sie in den Schulprogrammen der Realschule vor aller Öffentlichkeit erwähnt werden. Nachdem beide schon mehrfach bedacht waren, bekam John 1854 nochmals 50 Taler zugelegt „bei Gelegenheit einer Berufung in eine bessere Stelle“, und da man den einzigen Professor der Anstalt Kützing nicht schlechter besolden konnte, erhielt dieser vvm 1. Januar 1854 ebenfalls 50 Taler mehr. Daneben griff auch wohl die Regierung ein, die z. B. im März 1853 John 40 Taler, im Oktober 1853 Fischer 50 Taler einmalig auszahlen ließ. So wurden diese besten Lehrer für die Dauer an Nordhausen gefesselt.

Leichter war es, die anderen Lehrkräfte des Kollegiums beieinander zu halten, und Fischer hatte das Glück, daß während seines Direktorats ganz selten ein Wechsel eintrat. Neben John, Kützing und Brandt unterrichteten abgesehen von einigen schnell wieder ausscheidenden Herren seit 1842 Dr. Zimmermann und seit 1853 Dr. Krenzlin viele Jahre lang. Auch die Hilfskräfte, Pastor Silkrodt für die Religion und Zimmermeister Gerns für das Zeichnen, blieben der Schule lange Zeit treu.

Am schlimmsten war es viele Jahre lang um das Turnen bestellt, und erst am Ende seines Lebens sollte Fischern die Genugtuung widerfahren, daß seine jahrelangen Bemühungen, den Leibesübungen an seiner Schule eine Stätte zu sichern, von Erfolg gekrönt waren. Denn obgleich das Turnen nie im Lehrplan aufgeführt wurde und obgleich auch in den fünfziger Jahren die Beteiligung am Turnunterricht immer freiwillig war, so war Fischer doch im Gegensatz zu den meisten Pädagogen seiner Zeit unablässig dafür eingetreten, daß neben den geistigen auch die körperlichen Kräfte ihre Entwicklung und Ausbildung erführen. Immer wieder erscheint bei diesem Manne der Zug so erfreulich, daß er, vollkommen unbeeinflußt von Augenblickseinstellungen oder gar von persönlichen Vorteilen oder Nachteilen, jederzeit kraftvoll und unbekümmert für das kämpfte, was er durch eigene Erfahrung und eigenes Nachdenken als richtig erkannt hatte. Da stellten sich ihm nun beim Turnwesen schier unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen. Die Jugend war unlustig und mußte erst allmählich für körperliche Uebungen gewonnen werden, die Eltern leisteten sogar Widerstand, weil sie das Turnen für gefährlich und gesundheitsschädigend ansahen, die Schwesteranstalt, das Gymnasium, verhielt sich viele Jahre trotz des wackeren Dr. Rothmaler teilnahmlos, die Stadt lehnte von vornherein alles ab, was vielleicht Geld kosten konnte, und der Staat unterdrückte bis zum Jahre 1840 jede Regung für das Turnen.

Nordhausen kannte in jenen muffigen Jahrzehnten, in denen drüben im freien England schon der Sport in höchster Blüte stand, überhaupt keinen Turnlehrer, sondern nur einen Tanzlehrer, den Tanzlehrer Stephany, der an der höheren Töchterschule Tanz- und Anstandsunterricht erteilte und dafür jährlich 100 Taler von der Stadt bekam. Nach und nach setzte es sich durch, daß er auch Gymnasiasten und Realschüler im Tanzen unterrichtete, bis im Jahre 1840, offenbar weil die Stadt die 100 Taler nicht mehr auswerfen wollte, der Tanzunterricht aufgehoben werden sollte wegen der „Eitelkeit der Kinderbälle“. Da Stephany aber fest angestellt war, konnte man ihn nicht ohne weiteres entlasten, und als am 6. Juni 1842 eine Kabinettsordre des neuen Königs Friedrich Wilhelm IV. die Leibesübungen für einen unentbehrlichen Bestandteil der männlichen Erziehung erklärte, übergab man dem schon 68jährigen Stephany auch diesen Unterricht und wählte den Hammerrasen als Gemeinschaftsturnplatz für alle turnenden Schüler aus.

Trotz seines Alters und seiner minderwertigen Vorbildung muß Stephany seine Sache ganz leidlich gemacht haben; doch starb er schon 1843, und nun erhielt sein Sohn Ferdinand Stephany, der völlig untauglich war, die Stelle. Bald erschien kaum noch ein Schüler zu dem sakultativen Unterricht, für den jeder jährlich 10 Silbergroschen bezahlen mußte.

So kam das Jahr 1848 heran. Der Turnunterricht war in Nordhausen ganz eingeschlafen, wurde jetzt aber kräftigst erweckt. Der Turnverein „Vater Jahn“ entstand, und der erste, der den frischen Wind, der nunmehr wehte, in seine Segel blasen ließ, war Direktor Fischer. Zunächst verlangte er von der Stadt sofortige Entlassung des völlig unfähigen Stephany und Anstellung des Vorschullehrers Karg, weil „der Turnunterricht mit dem ganzen Organismus der Schule in lebendige Beziehung gesetzt werden müsse“. Die Stadt weigerte sich wegen der Kosten, schließlich verlangte aber die Regierung in Erfurt die Anstellung Kargs, und nun konnte man mit dem Turnen beginnen. Mit Feuereifer unterstützte Fischer seinen Turnlehrer; doch Ostern 1849 mußte er klagen, der Eifer der Schüler lasse noch viel zu wünschen übrig, die Eltern seien zu ängstlich oder kämen mit dem Einwand, die Jungen liefen und sprängen und balgten sich so genug. Demgegenüber wies Fischer darauf hin, daß je mehr die Schüler geistig in Anspruch genommen würden, desto mehr auch „dem jugendlichen Körper sein volles Recht widerfahren müsse“. Und wenn man das regellose Herumtollen der Knaben mit dem Turnen vergleiche, so komme das auf dasselbe hinaus, wie wenn einer sagte: „Wozu brauchen wir Sprachunterricht, wird nicht von der Kinderstube an bis zu den Volksversammlungen überall gesprochen?“

So setzte sich Fischer für die Leibesübungen ein. Vergebens. Die Beteiligung von Turnern am Maiaufstand in Dresden und an der badischen Revolution machte die ganze Turnerei den neu emporkommenden Kräften der Reaktion verdächtig. Der Turnplatz auf dem Hammerrasen wurde geschlossen, Lehrer Karg trat freiwillig aus dem Schuldienste aus.

Trotz dieser mißlichen Verhältnisse und trotz der Beargwöhnung durch den Staat blieb Fischer bei seiner Ansicht, daß die Jugend turnen müsse. Da der Platz fehlte, da kein Lehrer vorhanden war, stellte er seinen Realschülern den Platz hinter dem Schulhofe zur Verfügung, wo sie nun „unter sich“ Turnübungen anstellten. Sobald aber die Zeiten günstiger waren und ein geeigneter Lehrer sich meldete, trat Fischer wieder offen aus den Plan. Er setzte die Wiedereröffnung des Turnplatzes vor dem Sundhäuser Tore durch und gewann in dem im Juni 1853 in das Lehrerkollegium der Realschule neu eingetretenen Dr. Krenzlin einen für die Sache, wenn auch nicht fachlich vorgebildeten, so doch begeisterten Lehrer. Fischer selbst eröffnete im Sommer 1853 den Turnplatz mit einer Ansprache und legte „die turnerische Führung der Zöglinge“ in die Hände Krenzlins. Ein halbes Jahr später starb Fischer; der eben erst 50jährige Mann konnte mit Befriedigung die Augen schließen. Am Anfang seiner Lausbahn gehörte er zu denen, die den Naturwissenschaften den Weg in die höhere Schule öffneten, am Ende seines Lebens setzte er noch durch, daß die Jugend körperlich tüchtig wurde. Zwei wesentlichste Erscheinungsformen der neuesten Zeit, der modernen Technik und der modernen Körperschulung, hat der erste Direktor der Realschule zu Nordhausen den Weg bereiten helfen und ist damit als ein weitblickender und echter Erzieher des deutschen Volkes anzusprechen.[27]

Wechselnd in seinen Anschauungen, aber meist ablehnend stand das preußische Kultusministerium wie allen Realschulen, so auch der Nordhäuser gegenüber. Da war es für Fischer von unschätzbarem Werte, einen so einsichtigen und so teilnehmenden Mann wie den Schulrat Graffunder aus Erfurt als Dezernenten zu haben. Konnte dieser auch Angriffe, die von privater Seite kamen, nicht abwehren, so gelang es ihm doch, der Nordhäuser Realschule über die schwierigsten und reaktionärsten Zeiten der 40-er und Anfang der 50-er Jahre hinwegzuhelfen. Der Volksschullehrer Karg, der einige Jahre Vorschullehrer war und eine Belastung für die von orthodoxen Kreisen schon bemißtraute Anstalt zu werden begann, weil er ein Anhänger des Predigers Baltzer und Mitglied der freireligiösen Gemeinde geworden war, kam im Jahre 1850 freiwillig um seine Entlassung ein.

Die höchsten Verwaltungsstellen der Provinz, der Regierungspräsident in Erfurt und der Oberpräsident in Magdeburg, nahmen in jenen Tagen auch persönlich Anteil an dem Wohlergehen der Schulen. Mehrfach waren deshalb der Regierungspräsident du Vignon, einmal auch der Oberpräsident von Bonin und später der Oberpräsident von Witzleben in der Anstalt anwesend, besuchten sogar den Unterricht in einigen Klassen. Es waren damals Zeiten, in denen diese obersten Provinzialbehörden mit politischen oder wirtschaftlichen Dingen nicht allzu überlastet waren und deshalb ihr Augenmerk auch auf die kulturellen richten konnten, und zudem waren es Zeiten, wo jeder auch noch so tüchtige Verwaltungsbeamte für Wissenschaft und Theorie nicht bloß ein nachsichtiges Lächeln oder eine schöne Geste übrig hatte, sondern wo sich jeder bemühte, sein Interesse für Schule und Forschung zu zeigen und alle kulturellen Strömungen zu verfolgen, um in wohlgebildeter Gesellschaft stets wohlgebildet zu sein. —

In seinem Lehramt und bei seiner Aufbautätigkeit hatte Fischer, wie wir gesehen haben, gewißlich allerhand Widerstände zu überwinden, doch lagen sie in der Natur seiner erzieherischen und organisatorischen Tätigkeit begründet und waren nicht eben viel stärker als sie gemeinhin jederzeit und von jedem überwunden werden müssen. Auch daß in den Jahren der Gründung und ersten Entwicklung, wo die Mittel noch nicht bereitstehen und die Erfahrungen noch fehlen, die Schwierigkeiten sich häufen, ist eine Allgemeinerscheinung, die den Blick der späteren weniger auf die Hemmungen aller Art als auf die Tüchtigkeit der ersten Pioniere lenkt, welche voll Vertrauen auf ihre Kraft das Werk begannen. Diesem Komplex der Selbstverständlichkeiten ist schließlich auch die Ungunst der Zeiten zuzurechnen, die sich dem neuen Werk entgegen- stemmte; denn die Kräfte der Beharrung leisten natürlich zu Beginn der Veränderungen am lebhaftesten Widerstand. Und gerade diesen letzten Widrigkeiten konnte noch verhältnismäßig leicht begegnet werden, weil wohlwollende Behörden und Vorgesetzte sich einschalteten, welche die stärksten Stöße auffingen oder mindestens abschwächten. Jedesmal ein ernstes Ringen aber setzt da ein, wo ein Werk durchgesetzt und verteidigt werden soll gegen Menschen der nächsten Umgebung und der gleichen Gesellschaftsschicht, die vielleicht um des Werkes, um der Weltanschauung willen aus Freunden zu Feinden werden. Wirklich lebensverbitternd und schmerzlich sind solche Kämpfe, weil die ganze Natur der Kämpfenden, vor allem die des angegriffenen, meistens energiegeladenen Neueres, die Sache kaum von der Person zu trennen vermag.

Fischer war, man kann sagen, seitdem er als Portenser Schüler seiner selbst bewußt geworden war, immer mit Lebhaftigkeit und Begeisterung für feine Wissenschaften, die Mathematik und die Naturwissenschaften, eingetreten. Die Ueberzeugung, daß diese Wissenschaften recht eigentlich erst alles moderne gesellschaftliche Zusammenleben und jeden kulturellen Fortschritt begründeten, hatte in ihm so tief Wurzel gefaßt, daß er eine Werbung für sie als wesentlichste Arbeit am deutschen und europäischen Menschen anfah. Aus diesem Grunde hatte er bald nach seinem Einzug in Nordhausen öffentlich mathematische und naturwissenschaftliche Vorträge gehalten, hatte Zweifel beseitigt, Einwände entkräftet, Aufklärung verbreitet, aus diesem Grunde hatte er auch eine Lehranstalt propagiert, die seinen Wissenschaften einen hervorragenden Platz einräumte und damit mindestens einem Teil der deutschen Jugend eine andere als die bisher allein übliche philologisch-historische Bildung gewährte, eine andere Bildung, aber nicht etwa eine minderwertigere, sondern eine durchaus gleichwertige. Man sehe, so meinte er, die Gymnasien ruhig für die Anstalten an, welche eine gelehrte Bildung vermittelten und welche in erster Linie zum Universitätsstudium vorbereiteten. Aber fie könnten erstens nicht mehr allen eine höhere Bildung erstrebenden Schülern gerecht werden, viele wollten einen höheren praktischen Beruf ergreifen, Bauleute, Industrielle, Techniker, Ingenieure, Bergleute werden. Für alle diese Berufe sei der gymnasiale Unterricht ein Fehlunterricht. Die gymnasiale Bildung gehe und müsse weiter gehen „auf das Historische zu und zwar in unmittelbarer Beziehung zum Menschen. Die Gegenwart durch die Vergangenheit zu begreifen, sei ihr Ziel“. Für den künftigen Praktiker aber könnten die Altertumswissenschaften, als Stoff betrachtet, wenig oder nichts bedeuten, die Naturwissenschaften im Verein mit der Mathematik aber alles. Dazu komme ein Zweites: In formaler Beziehung habe die klassisch-historische Erziehung unzweifelhaft größte Erfolge aufzuweisen, Verstand und Gefühl erführen durch fie eine unschätzbare Durchbildung und Beeinflussung. Die Mathematik und Naturwissenschaften aber erfüllten denselben Zweck. Wenn auch die Stoffgebiete ganz andere seien, so könnten sie die geistigen Fähigkeiten doch in derselben Weise fördern.

Und um auch den letzten Einwand gegen die Realanstalten zu entkräften, legte Fischer recht deutlich dar, daß in den neuen Schulen keineswegs ein bloßes Anlernen dessen stattfinde, was dem einen oder anderen Berufe besonders dienlich erscheinen könne. Auch die Realschule könne, wie jede andere Schule, immer die Bildung des ganzen Menschen im Auge haben. Eine Dressur, welche alle Wissenschaft als eine milchende Kuh ansehe, die den Menschen mit Butter versorge, würde der Todeskeim für eine höhere Schule sein.[28]

Als es in den 40-er Jahren zu schärferen Schultämpfen und zu z. T. recht bösartigen Anfeindungen der Realschule kam, auch die Behörden immer mehr gegen die Realschulen eingenommen wurden und z. B. der Schulrat Eilers die Realschulen als Brutstätten des Materialismus verdächtigte, wich Fischer seiner ganzen Art nach vor den heftigeren Angriffen nicht etwa zurück, sondern erwiderte mit heftiger Abwehr. Schärfer als bisher stellte er den Unterschied zwischen Gymnasium und Realschule heraus, wobei denn manchmal die älteren Schulen wohl auch einen Hieb abbekamen. Die Gymnasien hätten im Wettbewerb manche Vorteile für sich, ponderabile und imponderabile. Sie hätten sich in einem Zeitraum von Jahrhunderten innerlich und äußerlich konsolidiert; so gesichert ständen die Realschulen nicht da, selbst die Krücken der milden Stiftungen, welche viele alte Anstalten stützten, fehlten den jugendlichen Realschulen. Sicher hätten auch die Gymnasien eine Daseinsberechtigung, ein historisches Recht, ableitbar aus der Vergangenheit; die Realschulen hätten aber auch ein historisches Recht- ableitbar aus der Gegenwart. Für alle Art Gewerbetätigteit, die auf chemische oder mechanische Verarbeitung der Naturerzeugnisse beruhe, könne als Vorbildung nur die Realschule in Betracht kommen. And den Angriff auf die Realschulen, sie hätten einen „materiellen Grund“, während die Gymnasien einen „idealen Grund“ hätten, begegnet Fischer recht spitz: Von Materialschulen könne bei den Realschulen keine Rede sein. Eine Schule, die keinen idealen Grund habe, verfehle überhaupt ihren Zweck. Also auf idealem Boden ruhten beide, Gymnasium und Realschule. Aber in einem anderen unterschieden sie sich, dem „Real“ stehe das „Verbal“ gegenüber: Die Gymnasien alter Art seien Verbalgymnasien, die Gymnasien neuer Art seien Realgymnasien. — Das war schon im Jahre 1846, wo Fischer das Wort Realgymnasium gebrauchte.[29]

Natürlich blieb es nicht bei diesen im ganzen doch recht seltenen literarischen Auseinandersetzungen mit den Problemen des höheren Schulwesens jener Zeit. Fischers sehr beweglicher und geselliger Natur entsprach es, daß er überall, wo er nur leidlich interessierte Menschen fand, seine Gedanken entwickelte, oftmals sogar, seinem lehrhaften Wesen gemäß, recht ausgiebig und gründlich entwickelte, gründlicher als eine gesellige und oberflächliche Unterhaltung es gemeinhin verlangt. Wohlwollende hörten solchen Erörterungen gewiß gerne zu, Gegner traten aber auch den mit großer Überzeugungskraft vorgetragenen Ansichten mit ähnlicher Entschiedenheit entgegen. Aus solchen zunächst mündlich ausgefochtenen Disputationen erwuchsen dann wohl auch Streitschriften, bei denen die Parteien nur im Anfang sachlich zu bleiben bemüht waren.

darum gestritten, ob die Gymnasien auch weiterhin die besten Vorbereitungsanstalten für das Studium der Naturwissenschaften, insbesondere der Medizin seien. Die Frage war in Fachkreisen ziemlich erregt erörtert worden, und ein Oheim Fischers, der Geheime Medizinalrat Dr. Fischer in Erfurt, der auch in den Kampf eingegriffen hatte, war für die Realschule als beste Vorschule für Mediziner eingetreten. Diese Auseinandersetzungen hatte nun auch, offenbar angeregt durch Gespräche mit dem Realschuldirektor Fischer, ein Nichtfachmann verfolgt, der Nordhäuser Land- und Stadtgerichtsrat Becker, ein für viele Wissensgebiete sehr äußerungsfreudiger, interessierter, federgewandter Herr.[30] Dieser veröffentlichte schließlich, von seinem Gewissen zum mannhaften Lanzenbrechen für das Gymnasium getrieben, im Jahre 1847 ein Schriftchen, in welchem er nachzuweisen suchte, daß die Gymnasien die allein für die Vorbildung der Mediziner berufenen Lehranstalten sein könnten. Es war ein freilich von geringer Sachkenntnis zeugender, aber doch nicht unsachlich geschriebener Artikel. Auf diese literarische Leistung Beckers fühlte sich Fischer bewogen, verhältnismäßig scharf zu antworten. Er warf Becker unverblümt völlige Unkenntnis der Realschulen und Unkenntnis der Naturwissenschaften vor, lehnte ihn jedenfalls als ernsthaften Kritiker des Realschulwesens wegen Mangels an Einsicht ab. Dann diskutierte er, um es auf eine Formel zu bringen, die alte Streitfrage des Vorranges der „verba“ und der „res“ und entschied sich bei der Naturwissenschaft für die Beobachtung der „res“. Wenn aber dies für jede Naturwissenschaft, also auch für die Medizin das Wesentliche sei, so seien auch die „Real“anstalten und nicht die „Verbal“anstalten oder Gymnasien die für das medizinische Studium besten Vorbereitungsstätten. Fischer schloß mit den Sätzen: „Ob es mir gelungen sei, Herrn O. F. Becker von seinen grundlosen Behauptungen zurückzubringen? Ich muß es fast bezweifeln. Sollte es aber auch nicht sein; es kommt nicht darauf an, dann habe ich für andere Leute geschrieben.“[31]

Auf diese Schrift blieb nun wiederum Becker die Antwort nicht schuldig und verschärfte Form und Tempo des Angriffs nicht unwesentlich durch persönliche Ausfälle gegen Fischer. Abgesehen von allem anderem zweifelte er Fischers Eignung als Wissenschaftler überhaupt an, und zwar auf Grund seiner ersten Schrift, die nicht nur jede Gründlichkeit vermissen, sondern auch eine unlogische Beweisführung in den einzelnen Sätzen sowohl wie im ganzen Aufbau deutlich erkennen lasse. Zu einem neuen Angrisf auf die Realschulen leitet er dann dadurch über, daß er annahm, aus der ganzen unwissenschaftlichen Betrachtungsweise und unlogischen Beweisführung Fischers spreche eben der Geist, der an den Realschulen herrsche. „Der dort mangelnde wissenschaftliche Geist hemmt zumindest selbst befähigte Männer in ihrer wissenschaftlichen Entwicklung.“ Und der Ansicht Fischers, daß erst aus der Beobachtung der „ras“ alle weiteren Erkenntnisse flössen, stellt er den Satz entgegen: „Der schlechteste Wortunterricht regt noch immer mehr den Geist auf als ein nicht ganz guter Sachunterricht.[32]

Auf diese Grobheiten konnte nun wieder Fischer nicht schweigen. Gänzlich unnötig ging er in dieser seiner zweiten Schrift zunächst auf sein persönliches Verhältnis zu Becker ein. Dann setzte er auseinander, die Realschulen lägen nicht bedingt in den äußeren Forderungen der Gegenwart, sondern tiefer in der geistigen Gesamtentwicklung und in den Errungenschaften der Menschheit. Die Realschulen seien schlechthin die modernen Gymnasien. Sie seien gründliche Lehr- und Erziehungsanstalten. Der Form nach bildeten sie wie jede Schule allgemein, nicht fachlich ihre Zöglinge aus, aber ausdrücklich nach der mathematisch-naturwissenschaftlichen Seite hin. Dem Stoffe nach würden die Schüler dadurch mit denjenigen Kenntnissen ausgerüstet, welche jeder späteren Fachbildung, die auf den Naturwissenschaften beruhe, unentbehrlich seien.

Im Anschluß daran führte er Aeußerungen von Medizinern an, wie z. B. eine folgendermaßen lautende: „Es gehört schmerzliche Selbstüberwindung dazu, um sich einzugestehen, daß die gymnasiale Vorbildung ein Irrweg war … Zum Naturforscher muß der Arzt gebildet werden, nicht zum Doktrinär.“

Diese zweite Replik schloß Fischer mit den Worten: „Es kommt in der Tat gar nichts darauf an, ob der Land- und Stadtgerichtsrat Becker oder der Realschuldirektor Fischer recht hat, noch weniger, wer von beiden das letzte Wort … behält und dem anderen zur Belustigung und zum Verdruß parteinehmender Leser in einer wissenschaftlichen Fehde die empfindlichsten Dinge sagt oder sich zu sagen einbildet … Die Wahrheit schlägt sich zuletzt doch wie eine Flamme durch den Qualm und Rauch hindurch, der den Leuten in die Augen beißt. In Dingen, die ich verstehe, habe ich Mut genug, scharf herauszutreten und den Kampf nicht zu scheuen; in Dingen, die ich nicht verstehe, schweige ich, Belehrung von Genauunterrichteten erwartend. — Post fata nostra pueri, qui nunc ludunt, nostri judices erunt.[33]

Auf diese Streitschriften mußte hier nur deshalb ganz kurz eingegangen werden, weil sie die heute noch allein vorhandenen Aeußerungen der langjährigen Kämpfe sind, die Fischer um die Anerkennung seiner Realschule führen mußte und die für ihn umso niederdrückender waren, als sich das preußische Kultusministerium längste Zeit gegen die neuen Lehranstalten so ablehnend verhielt, daß man ein Eingehen dieser Schulen befürchten mußte. Viele unnütze Arbeit, manchen persönlichen Gegner und manche bittere Stunde haben diese aufreibenden Kämpfe unserem Fischer eingebracht. Und bedenkt man dann noch seine leicht entflammte, für ihre Sache sich bis zum letzten Hauch einsetzende Persönlichkeit, dann wird man dem Mitarbeiter Fischers Dr. John rechtgeben, wenn er schreibt: „So kam es auch, daß er im Verkehr mit der äußeren Welt, wenn es sich um Vertretung der exakten Wissenschaften oder um Verteidigung der Interessen seiner Realschule handelte, nicht immer die nötige Ruhe behielt und sich gelegentlich von der Stärke seiner Wahrheitsüberzeugung fortreißen ließ, feinem Widersacher derb und scharf entgegenzutreten.[34]

Und in seiner letzten Schulrede zu Ostern 1853 führte Fischer, schon stark nervös und gesundheitlich schwer mitgenommen, doch voll ungebrochenen Mutes aus: „Ich kenne alle die Umtriebe und Parteipläne, die offen und insgeheim gemacht sind, sehr genau; sie haben mir … eine schöne Reihe von Jahren verbittert und verkümmert, aber sie haben mich nicht im mindesten irre gemacht an der Idee der Realschule, in der Erfüllung meiner Pflichten …. Sie haben wiederholt notwendige Einrichtungen aufgehalten, die Frequenz der Schule auf kurze Zeit herabgedrückt und die möglichen Leistungen und Fortschritte im Innern der Schule aufgehalten, aber wir sind dennoch vorwärtsgegangen … Durch Negieren, Streiten und Hadern kommt nichts heraus; das einzige langsam, aber gründlich wirkende Gegenmittel bleibt die positive Tat.“

„Die positive Tat“, das waren Fischers letzte Worte in seiner letzten Rede vor der Schulgemeinde. Wahrlich, Fischer gehört in die erste Reihe der keineswegs geringen Zahl von Männern der Theorie und der Wissenschaft in unserer engeren Heimat, die zugleich Männer der Praxis und der Tat waren und die schlagend die törichte Ansicht widerlegen, man könne entweder nur eine kontemplative oder nur eine aktive Natur besitzen. Im Gegenteil, man kann behaupten: wirklich fruchttragende Aktivität für die Gemeinschaft und die Öffentlichkeit kann nur der entwickeln, der allein und in der Einsamkeit über die tieferen Zusammenhänge und Hintergründe aller Dinge gedacht und wieder gedacht und sie zu deuten versucht hat. Fischer war in der Schulpforte erzogen worden, er hatte sich als junger Mann so um seine Wissenschaft bemüht, daß er zum Üniversitätsdozenten geeignet erschien, er war dann Lehrer geworden und dabei Gelehrter in stiller Studierstube geblieben. Wozu er sich aber bei einsamer Gedankenarbeit langsam durchgerungen hatte, oder was ihm im lebhaften Meinungsaustausch mit seinen unerwachsenen und erwachsenen Schülern als Erleuchtung plötzlich aufgegangen war, das mußte er nutzbringend für die Allgemeinheit verwerten, sich mit ihr auseinandersetzend, sie bekämpfend, sie überzeugend, organisierend, werbend, handelnd, erst wägend, dann wagend, ein beschaulicher und ein tätiger Mann zugleich.

Der Mensch[Bearbeiten]

Indem wir das Werk beschrieben haben, haben wir den Menschen beschrieben. Doch die Beschäftigung mit dem Werke, soviel auch von der Persönlichkeit darin eingegangen ist, läßt doch immer das Werk zwischen uns und den Menschen treten. Die Person erscheint nur verschwommen hinter den Schleiern der Sache. Wir aber möchten den Menschen klar und eindeutig selber zu uns sprechen lassen oder dadurch, wie er zu den Menschen seiner Zeit gesprochen hat, und wir glauben, durch diese unmittelbaren Beziehungen umso besser sein Bild in uns erneuern zu können.

Fischer der Mensch. — Es ist erklärlich, daß wir immer am wenigsten erfahren von den alltäglichen Angelegenheiten und Beziehungen des menschlichen Lebens, wie sie sich im engen Kreise der Familie äußern. So hört auch die Kunde über Fischers Verhältnis zu seiner Familie in dem Augenblicke fast ganz auf, wo er, aus der väterlichen Munt entlassen, sich eine eigene Stellung errungen hatte. Wir wissen, daß er noch mehrfach sein Heimatdorf Klettstedt aufgesucht hat, daß er seinen Eltern ein guter Sohn gewesen ist, der mit besonderer Verehrung an der Mutter gehangen hat. Auch seine Vorliebe für Erfurt ist bekannt, wo er jahrlang erzogen worden, wo er später für kurze Zeit Lehrer gewesen war und wo ein Oheim von ihm als Geheimer Medizinalrat wirkte. Aber alles das bleibt farblos ebenso wie sein Verhältnis zu seiner Frau und zu seinen sieben Kindern, von denen drei Söhne in zarter Jugend starben. Wenn wir aus seinen eigenen Auszeichnungen nicht wenigstens wüßten, daß er mit seiner schlichten, gütigen Frau, einer Pfarrerstochter, eine harmonische Ehe geführt hat, so wäre uns schier nichts bekannt geworden.

Viel klarer werden die Umrisse der Persönlichkeit, wo sie hineingestellt erscheint in den Kreis seines Berufes. Wir wissen nichts von Fischers Verhältnis zu seinen früheren Kollegen am Gymnasium. Er stellte seine Arbeitskraft auch noch als Direktor seinem Amtsgenossen Schirlitz vom Gymnasium gern zur Verfügung, arbeitete mit diesem auch reibungslos in der städtischen Schuldeputation zusammen, wir haben aber im übrigen Grund zu der Annahme, daß weder zu Schirlitz noch zu sonst einem Herrn am Gymnasium die Beziehungen besonders herzlich waren.

Ganz anders lagen die Dinge bei dem eigenen Kollegium. Hier verband ihn mit den meisten seiner Lehrer nicht nur die gemeinsame Arbeit, sondern dieselbe Gesinnung; dieselben Neigungen ließen zu manchem von ihnen auch einen freundschaftlichen Verkehr erblühen. Besonders zugetan war Fischer dem ersten Lehrer seiner Anstalt Dr. John. Wahrscheinlich ein ganz ähnlicher Lebensrhythmus, der bei John nur um einen Grad leidenschaftsloser war, dieselbe Weltanschauung, dieselbe Einstellung zu den Dingen der Umwelt, vor allem den politischen und kulturellen, ließ die beiden Männer einen dauerhaften Freundschaftsbund schließen. Fischer förderte John in seinem Amte und in seiner wirtschaftlichen Lage, John zog Fischer in alle möglichen gemeinnützigen Vereine hinein, in denen er tätig war und die er z. T. leitete. John war es auch, der dem früh verstorbenen Freunde in seinem liebevoll geschriebenen Lebensabriß ein Denkmal setzte, wie es keinem aus der langen Reihe der Gymnasialdirektoren und der kurzen Reihe der Realgymnasialdirektoren zuteil geworden ist.

Neben John stand der langjährige Religionslehrer Pfarrer Silkrodt, dem Fischer besonders zugetan war und der auch in der Loge „Zur gekrönten Unschuld“ Fischers Nachfolger als Logenmeister wurde. Aehnliche Bande fesselten ihn an den Zimmermeister Gerns, seinen langjährigen Zeichenlehrer, und an die Herren Brandt und Zimmermann, von denen Brandt nach Erfurt ging, Zimmermann Rektor der höheren Töchterschule in Nordhausen wurde. Weniger Beziehungen scheint Fischer zu dem wissenschaftlich bedeutendsten Manne seines Kollegiums, zu Kützing gehabt zu haben; Kützing war zu kontemplativ eingestellt für den ruhelosen Geist und Schaffensdrang Fischers.[35]

Für alle unter ihm arbeitenden Lehrer trat Fischer jederzeit freundschaftlich und tatkräftig ein. Daß einige von ihnen mehr Gehalt bezogen als die gleichaltrigen Kollegen vom Gymnasium lag nicht bloß an ihrer Bedeutung als Lehrer und Wissenschaftler, sondern auch an Fischers immer einsatzbereitem Verhalten. Auch wurde er nicht müde, der Öffentlichkeit gegenüber die Schwere des Lehrerberufes klarzulegen und Achtung und Anerkennung zu verlangen für die Hingabe und Aufopferungsfreudigkeit dieses Berufsstandes. Allerdings wußte Fischer auch, daß man es sich in keinem Amt, ungesehen und unerkannt von der Menge, so schwer machen kann wie im Lehramt, indem man alles, sein materielles Vermögen, seine körperliche Gesundheit, sein Wissen, sein Herz der Jugend hinopfert, daß man es sich aber auch in keinem Amt so bequem machen kann, indem man sich streng an die vorgeschriebene Stundenzahl, an das Klassenpensum und an den Bildungsstoff hält, den man selbst vor langen Jahren übermittelt bekommen hat. „Der eine gibt sein Herzblut, der andere gibt, wonach er bezahlt wird, und das ist wenig genug“, habe ich einst im Gedenken an einen befreundeten, väterlichen Kollegen geschrieben. Fischer gab sein Herzblut, und er wollte, daß es auch die anderen gäben. So kommt es, daß er nicht anstand, auch einmal in öffentlicher Schulrede recht deutlich von den Pflichten des Lehrers zu den Lehrern zu sprechen:

„… Wir müssen auch jeder Zeit gewillt sein, von unseren Kenntnissen und Geschicklichkeiten Gebrauch zu machen. Das ist aber leichter gesagt als getan, und der beste kann, ehe er's sich versieht, ins Schlendern kommen, in einen monotonen, geistlahmen Mechanismus. Wir müssen nicht bloß in der Schule, sondern auch vor der Schule mit Sorgfalt daran denken, was und wie wirs in der Schule machen sollen. Und wenn wir das alles hätten und täten, so würden wir wahrscheinlich doch nur kenntnisreiche, mundfertige, auch wohl kecke und naseweise Schüler erziehen, die von Gottes Geboten nichts wüßten und übten. Auch das Herz unserer Schüler will erwärmt, gereinigt und mit himmlischer Speise genährt werden, damit es empfänglich werde für die höchsten Güter, für die ewige Wahrheit … Wie sollten wir aber das an unseren Schülern möglich machen, wenn wir nicht zuerst in den Kampf mit unseren eigenen Schwächen und Mängeln gehen wollten, wenn wir selber Abgötterei mit dem Mammon, mit Bachus und Venus, mit den Furien der Zwietracht und des Hasses trieben, wenn wir vergäßen, wie oft wir täglich vergeben sollen, wenn wir unseren Fleiß und unsere Hingebung an unsern Beruf nach äußerem Lohne abmessen wollten!“

Fischer war ein Direktor, der von seinen Lehrern manches Opfer verlangte; er durfte es, weil er mit bestem Beispiel voranging. Wie die trauernde Witwe nach seinem Tode klagte, war er im Sommer schon zwischen zwei und drei Uhr nachts auf, sorgte für seine Wissenschaft, für seine Anstalt, für seinen Heimatort. Er baute selbst Apparate, er verzichtete zu Gunsten seiner Schule auf ihm zustehendes Gehalt, er gab als Direktor neben allen anderen Dienstobliegenheiten meist 17 Stunden Unterricht, 1853 kurz vor seinem Tode sogar 18 Stunden, er übernahm Wer seine Kräfte öffentliche Aemter und Verpflichtungen. Bei allen diesen Lasten wurde er wohl mit der Zeit überhastig und aufgeregt, blieb aber, selber an allem teilnehmend, immer mitteilsam und fröhlich. „Wie oft haben wir ihn aus seinem Studierzimmer zu uns herabkommen sehen, um von einem großen Fund zu erzählen, den er in diesem oder jenem neuen wissenschaftlichen Werke getan“, schreibt John. Immer war er bereit Anregungen zu empfangen und selber zu geben. Lange Jahre benutzte er die Konferenzen nicht, um gleichgültige Aeußerlichkeiten, Verwaltungsdinge oder subalterne Organisationsfragen mit seinem Kollegium zu besprechen, sondern um mit ihnen ein pädagogisches oder didaktisches Thema zu erörtern. Erst in den letzten Jahren seiner Amtsführung unterblieb das mehr und mehr.

Natürlich, daß auch das Kollegium mit einem solchen Direktor je länger, je mehr zusammenwuchs. Das Realgymnasium besitzt ja von seinen beiden ersten Direktoren noch heute Oelgemälde; das von Fischer ist eine Kopie, die die dankbare Lehrerschaft für die Schule zu Weihnachten 1853 anfertigen ließ und die im Festsaal der Anstalt am 22. Dezember 1853 Fischern feierlich überreicht wurde.

Daß Fischer für seine Schüler kein bequemer Lehrer war, sondern jederzeit recht ernsthaftes Streben und Wohlverhalten verlangte, ist schon oben berührt worden. Nicht müde wurde er zu betonen, daß seine Anstalt nicht weniger als das Gymnasium verlange, sondern nur anderes. Energisch trat er offensichtlicher Zuchtlosigkeit entgegen; auch war er imstande, den Eltern von Zeit zu Zeit recht deutlich die Wahrheit über ihre Erziehungspflichten zu sagen.

Nicht nur Fleiß, sondern Hingabe verlangte er auch von seinen Schülern. Das lateinische Wort Ludus bedeutet zwar Spiel und Schule zugleich, Fischer aber war, offenbar im Gegensatz zu manchen modernen Pädagogen, der Meinung, daß einmal für den Menschen das Spiel aufhören und der Ernst beginnen müsse. Wer nicht in der Schule ernst und eifrig und gewissenhaft zu arbeiten gelernt habe, werde es auch im Leben nicht mehr lernen. Die gewissenhafte wissenschaftliche Arbeit hielt er auch, wiederum im Gegensatz zu manchen modernen nicht bloß Pädagogen, für die allerbeste charakterliche Schulung, die man einem jungen Menschen angedeihen lassen kann. Es war die Zeit, in der man noch glaubte, daß das Verdienst erst da anfange, wo man auch einmal gegen seine innere Neigung ankämpft und seine Pflicht unbedingt tut. Deshalb bevorzugte auch Fischer die Lehrstunden, in denen der Schüler gezwungen wurde, alle geistigen Kräfte anzustrengen, um des Lehrstoffes Herr zu werden, und wo auch der geschickteste Lehrer und die ausgeklügeltste Methode dem Schüler das harte Eichenholz zu keinem Pappelgerümpel machen kann. Weniger am Inhalt als an der Eigenart des Stoffes liegt es nämlich, ob man damit auf die Gesinnung einwirken und treue, gewissenhafte Menschen voller Selbstzucht und Hingabe erziehen kann. So meint Fischer auch:

„Der Schüler kann nur in denjenigen Lehrstunden wahrhaft gefördert werden, welche ihn ganz in Anspruch nehmen, ihn nötigen, seine ganze Kraft anzustrengen. Stunden, welche wie eine Erholung, wie eine Unterhaltung betrachtet werden, auf die der Schüler wenig oder keinen häuslichen Fleiß zu verwenden hat, schaden mehr als sie nützen; denn sie gewöhnen ihn einerseits an halbes Wesen, an kraftlose Tätigkeit, machen also faul, andererseits hört er läuten und nicht zusammenschlagen, und das fördert nur den eitlen Dünkel.“

Es ist kaum möglich, gewisse moderne Strömungen in der Pädagogik voll Eitelkeit und Nichtigkeit mit besseren Worten zu geißeln, als es Fischer hier in seinen „Kollektaneen“ tut, Aufzeichnungen, in denen er sich von Zeit zu Zeit selber Rechenschaft gab über alles, was ihm bei seiner Tätigkeit oder bei seiner Lektüre in den Sinn kam.

Trotz dieser Grundhaltung zu Unterricht und Schülerschaft war Fischer ein beliebter Lehrer. Er, der sich selbst geprüft hatte und das Leben kannte, war nachsichtig gegen jede Schülersünde, die nicht der Böswilligkeit, sondern dem jugendlichen Alter entsprang. Mit den reiferen Schülern verkehrte er väterlich und wie ein älterer, erfahrener Freund, ohne seiner Würde etwas zu vergeben. Schüler der oberen Klassen, die für die Mathematik oder die Naturwissenschaften interessiert waren, unterstützte er in ihren Sonderarbeiten, gab ihnen auch nicht selten Sonderstunden ohne Entgelt, um sie schon auf der Schule in besonders schwierige Disziplinen einzuführen und ihnen das spätere Studium zu erleichtern.

Ein Lehrer, der selbst eine Persönlichkeit ist, der nicht mit Worten mahnt, sondern der die eigene Tat sprechen läßt, der sich trotz seiner Reise in die nicht bloß unreifen, sondern manchmal auch herzlich bedrückten Gemüter seiner Schüler hineinversetzen kann, kann es ruhig wagen, an seine Schüler hohe Anforderungen zu stellen, sie werden ihm drum nicht gram sein, sondern ihm willig folgen, manche ihn vielleicht sogar, trotz gelegentlich derbster gegenteiliger Aeußerungen, mit der ganzen Scheu ihrer Jungenseele ein wenig verehren. Beim Begräbnis Fischers ließen es sich „die Jünglinge der beiden obersten Klassen nicht nehmen, die irdische Hülle des dahingeschiedenen Führers eine Strecke Wegs nach dem Friedhof zu tragen.“ Und mehr als 30 Jahre später bei der Jubelfeier im Jahre 1885 hatten ihm die noch lebenden ehemaligen Schüler eine besondere Ehrung an seinem Grabmal zugedacht.

Die Schule und das Erzieheramt betrachtete Fischer als seine Lebensaufgabe. Er selbst betonte wieder und wieder, er sei lehrhafter Natur und die Schulstube oder der Vortragssaal seien seine eigentlichen Arbeitsstätten. Deshalb bereute er es auch nie, so sehr er auch wissenschaftlich tätig war, auf die Hochschulprofessur verzichtet zu haben. Aber trotz seiner Freude an seinem Lehramt ging er darin doch keineswegs auf. Bei einem so tätigen Manne wie Fischer war es gar nicht möglich, daß das Amt allein seiner Freude an der Arbeit Genüge tun konnte. Er wußte auch viel zu gut, daß nur der in seinem Berufe tüchtig sein kann, der soweit in allen Bezirken des ihn umgebenden tätigen Lebens steht, soweit diese seinen Beruf beeinflussen. Die Schulstube, die eine Vorschule für das praktische Leben sein soll, und zwar für alle seine Potenzen, die politische, die wirtschaftliche und die kulturelle, kann sich nicht abschließen gegen das draußen treibende Leben, weder gegen seine edelsten Strömungen und höchsten Forderungen noch gegen seinen Staub und Dreck, sondern muß es voll hineinfluten lassen, denn dazu ist diese Schulstube da, und der Lehrer darin hat die Aufgabe als ein nicht bloß bucherfahrener, sondern auch lebenserfahrener Mann alle seine Belehrungen mit dem ganzen Strom der Zeit in Beziehung zu setzen.

Fischer stand mitten im Leben seiner Zeit, ließ es auf sich einwirken, setzte sich mit ihm auseinander und ließ seine Wissenschaft von ihm durchpulsen. Seine ganze aktive Natur drängte ihn zum Wirken in weiteren Kreisen, von denen er Eindrücke empfangen und auf die er selbst von Einfluß sein wollte. Mit wissenschaftlichen Vorträgen begann es, dann führte ihn seine Zugehörigkeit zur Schuldeputation in die Geschäfte der Stadt ein, schließlich ward er durch seinen Freund John manchem Verein und den fortschrittlich- sozialen Bestrebungen der Zeit gewonnen. So war er Vorstandsmitglied in Johns eigenster Schöpfung, dem Verein für Arbeitslose. Den 1848 gegründeten Gewerbeverein leitete er selbst und war jederzeit bereit, durch Belehrung und Vortrag für seine Mitglieder zu wirken. Dann gührte er den Vorsitz in der Ortsgruppe Nordhausen des Thüringer Kunstvereins, und für die erste Gemäldeausstellung, die dieser 1852 zu Werbungszwecken in Nordhausen veranstaltete, setzte er alle seine Kräfte derart ein, daß sie schließlich fast versagten.

Natürlich nahm er auch regen Anteil an dem politischen Getriebe seiner Zeit, das, so ruhig es in außenpolitischer Beziehung war, doch so sturmbewegt im Innern die Staaten Europas damals durchschüttelte. In solchen Jahren politischer Hochspannung wird stets auch die Schule von den verschiedenen Anschauungen und Parteiungen umkämpft. Schon seine Realschule führte also Fischer in das politische Geström hinein, und selbstverständlich war, daß er, der Mann der exakten Wissenschaft, der immer für Technik, Handel, Gewerbe, Industrie eingetreten war, der es als ein Gebot der Stunde ansah, daß Deutschland den Schritt vom Agrar- zum Industriestaat tat, daß dieser Mann politisch auf der Seite des Bürgertums stand. So sehr er aber fortschrittlichen Sinnes war, so sah er weitblickend doch die Gefahren, die heraufdämmerten aus den wirtschaftlichen Umwälzungen und einem Proletariat, das durchaus gerechterweise mit seinem Lose unzufrieden sein mußte, in dem aber, zu allem übrigen, gewissenlose Demagogen alle Leidenschaften aufpeitschten und den scheelsüchtigen Neid nicht ruhen ließen. Daß sich die reifere Jugend, weil sie noch unerfahren und urteilslos, dafür aber desto zugänglicher und begeisterungsfähiger ist, auch damals in allen den wirtschaftlichen und politischen Strömungen munter umhertrieb und in den radikalsten natürlich am liebsten, nimmt nicht wunder. Wie weit schon 1847 neben individualistischliberalen Neigungen auch die entgegengesetzten kollektivistisch- kommunistischen vertreten waren, zeigt eine wetternde Philippika Fischers, die er seinen Primanern vor den Osterferien 1847 hielt und in der er sich bezeichnend genug folgendermaßen ausließ:

„… Oder hat auch euch, wie leider so viele in unseren Tagen, der Wahn, der ungeheure Wahn erfaßt, daß im Leben der unzähligen Geister keine Mannigfaltigkeit, sondern die langweiligste Einerleiheit herrsche, eine Einerleiheit, die in der Tat dem Chaos vergleichbar wäre, das noch keine Welt war, sondern erst eine werden sollte durch das allmächtige Wort des unerforschlichen Geistes, den wir Gott nennen und unsern allliebenden Vater nennen sollen? Solltet ihr, die ihr wißt, daß nicht zwei Blätter eines Baumes einander völlig gleich sind, geschweige das unscheinbare Moos der starken Eiche, die es umkleidet, solltet ihr, die ihr wißt, daß, obschon der Löwe ins Katzengeschlecht gehört, dennoch nicht jeder Hauskater ein Löwe ist, … die ihr wißt, daß Nebenplaneten keine Hauptplaneten sind, solltet ihr, das und noch vieles andere derart wissend, bei der Betrachtung der geistigen Menschenwelt blind sein und, euch selbst überschätzend, in törichter Eitelkeit den nur Unheil drohenden (sic!) Wahn teilen, daß alle Menschen gleich seien und daß deshalb alle äußeren Unterschiede — im Notfall mit Gewalt — aufzuheben und auszugleichen seien, damit die Menschheit ihrer wahren Bestimmung zuschreite?“

Wir sehen also hier Fischer, der nie davor zurückschreckte, vom Katheder herab Gegenwartsfragen zu behandeln, aufs schärfste gegen kommunistische Anwandlungen seiner Schülerschaft Front machen. Daß er selbst der gemäßigten liberalen Richtung angehörte, können wir aus vielen Aeußerungen und seiner ganzen Einstellung erkennen. Aber er hielt sich nicht an das, was der Liberalismus unserem deutschen Vaterlande an Vergänglichem gebracht hat, sondern an das, worin er wegweisend war bis zu den Tagen des Weltkrieges; denn aus der Forderung, die Rechte des Einzelmenschen anzuerkennen, erwuchs die Forderung, die Rechte des Einzelvolkes anzuerkennen. Daraus entsprang für das 19. Jahrhundert die Zusammengehörigkeit von liberal und national, und Fischer hielt sich nicht sowohl an das Liberal als an das National, indem er die deutsche Einheit und die deutsche Kraft feierte, er hielt sich nicht an das wirtschaftlich Individualistische, sondern an das politisch Sozialistische, indem er die Freiheit feierte, die nicht Zügellosigkeit ist, sondern die durch eine völlge Erneuerung des Geistes errungen sein will.

An dem Revolutionsjahr 1848 kam natürlich auch Nordhausen nicht unberührt vorüber; von den Nordhäuser Schulen nahm nur eine öffentlich Stellung zu den Umwälzungen des Jahres, Fischers Realschule. Am 26. März 1848 nach dem Vormittagsgottesdienste stieg über der Realschule vor dem Töpfertore die schwarz-rot-goldene Fahne empor. Auf Wunsch der Schüler! Und Fischer hatte diesem Wunsch willfahrt. Sieben Primaner, mit breiten schwarz-rot-goldenen Bändern geschmückt, zogen unter dem Geläut der Glocken von der Promenade her auf den Platz vor ihrer Schule, auf dem sich Neugierige genug eingefunden hatten. Die anderen Schüler samt ihren Lehrern stellten sich dann hinter die Primaner mit ihrer Fahne und hielten unter dem Gesänge des Liedes „Brause, du Freiheitsgesang“ einen Umzug um den Platz. Am Eingang der Realschule stand Fischer und hielt an die ganze Versammlung folgende Ansprache:

„Ohne irgendeine Aufforderung von uns habt Ihr, geliebte Schüler, den Wunsch ausgesprochen, Euer Schulgebäude mit der deutschen Fahne schmücken zu dürfen. Gern bin ich Eurem Wunsche entgegengekommen. Habe ich doch vor 25 Jahren, als ich ein Jüngling war wie Ihr und jugendlich fühlte wie Ihr, das schwarz-rot-goldene Band getragen als ein Zeichen des Wunsches der deutschen Einheit. Damals mußte dieses Band wieder abgelegt werden, weil es noch nicht an der Zeit war. Jetzt ist die Zeit gekommen, wo die deutsche Einheit wirklich werden soll.

Wie sollte ich Eure jugendliche Begeisterung für die Einheit des gemeinsamen Vaterlandes nicht ehren! Die Fahne, welche Ihr aufpflanzen wollt, ist die Fahne der deutschen Freiheit und Einigkeit, aber nicht die Fahne der Zügellosigkeit und Ungebundenheit. Die Freiheit ist ein hohes edles Gut, aber man kann sie keinem schenken, man kann sie nicht auf dem Markte kaufen. Die Freiheit will errungen und erobert sein, aber nicht mit rohen Fäusten, sondern durch Veredelung des Herzens, durch Erleuchtung des Geistes. Nur wenn der Mensch sich selbst die Schranken setzen und das Maß vorschreiben kann, ohne welches weder das Rechte noch das Gute noch das Schöne zur Erscheinung gelangt, ist er der Freiheit wert, sind die Schranken von außen, die das Böse verhindern, überflüssig. Sorgt also dafür, daß Ihr, das Heranwachsende Geschlecht, frei werdet durch den schweren, geistig sittlichen Kampf, für welchen auch die Schule ein Ringplatz ist. Dann wird auch die deutsche Einheit möglich werden und die deutsche Kraft, welche weder von Westen noch von Osten die Feinde zu fürchten braucht, dann werdet auch Ihr Helden für das Vaterland werden. Wird aber nicht auf diesem Wege die Freiheit errungen, sondern nur in der Vernichtung äußerlicher Schranken gesucht, so wird Zügellosigkeit und Unsitte entstehen, die höchste Unfreiheit und Uneinigkeit folgen, Ohnmacht gegen äußere Feinde uns verraten.“ (sic!)

Im weiteren Verlauf der Rede nahm Fischer eine Ausdeutung der Farben schwarz-rot-gold vor, dann folgte ein Hoch auf das deutsche Volk und seine Fürsten. Wenige Worte eines Gebets schlossen die Ansprache. Die ganze Versammlung hatte in ergriffener Stille zugehört.[36]

Es ist das einzige Mal gewesen, bei dem Fischer politisch vor die Öffentlichkeit getreten ist, und wir sehen, der Anlaß war bedeutsam genug, und Fischers Auftreten war würdig genug, und beide ehren den Mann. Doch nicht die Volksversammlung, ja nicht einmal der gemeinnützige Verein waren Lieblingsfelder seiner Betätigung, sondern der kleine Freundeskreis und die Geselligkeit gleichgestimmter Menschen. Hier fand der Mitteilsame außerhalb der Schule die beste Möglichkeit, sich über alles zu äußern, was ihn bewegte, und ohne jedes Wort vorsichtig abwägen zu müssen. Lebhaft nahm er an jeder Unterhaltung teil und befand sich nicht selten bald in ihrem Mittelpunkte, weil er jeden Einfall gern auch sogleich in Worte faßte oder die Aeußerungen anderer feurig aufgriff und weiterspann. Besonders wenn man auf wissenschaftliche Fragen zu sprechen kam, ergriff er gern und gründlich das Wort, manchmal vielleicht sogar zu gründlich, so daß aus einer kurzen Meinungsäußerung ein langer Vortrag wurde. Jedenfalls war er immer bestrebt, auch zwanglosem Verkehr einen tieferen Inhalt zu geben. Bei solchen Gelegenheiten mag es etwa gewesen sein, wo er sich über die Wissenschaft und ihre Popularisierung folgendermaßen äußerte:

„Die Wissenschaft wird als Wissenschaft nie in die Massen übergehen, solange die Massen nicht zum wissenschaftlichen Denken erzogen sind. Zu solcher Erziehung fehlen aber die materiellen sowohl als auch die geistigen Mittel. Die Resultate der Wissenschaft müssen jedoch unaufhaltsam ins Leben dringen; sie werden sich aber den Massen gegenüber als unbegriffen, jedoch unleugbare Tatsachen hinstellen. Der Haufe wird sie glauben. Auf einem anderen Wege ist dem Haufen niemals die Wahrheit in die Hände gekommen. Christus tat die Wunder der Liebe …, und sie kamen, sahen und glaubten an ihn. Wenn doch unsere neueren Apostel, bevor sie populär werden wollen, erst selber das verborgene Gesetz der Liebe gründlich studieren wollten, dann würden sie die rechte Sprache für's Volk finden … Diese Sprache versteht das Volk, aber sie ist schwer zu sprechen.

Was tut man aber? Man will die Wissenschaft, bei der doch der specifische Ausdruck, die wissenschaftliche Sprache so wesentlich ist, daß ohne sie etwas Tüchtiges, Stichhaltiges unmöglich wird, gerade ohne diese Form, aber doch als Sache der Erkenntnis, d. h. als Wissenschaft den Armen in die Hand drücken. Man ist mit der Fabrikation eines hölzernen Eisens beschäftigt. Man wird dürres Holz, leeres Stroh fabricieren, es wird keinen Halt haben und brechen und knicken, wo es tragen und stützen sollte.“

Diese Freude am geistreichen Gespräch oder gelehrten Vortrag führte ihn auch dazu, sich über seine Fachwissenschaften hinaus mit Musik, Dichtung und Philosophie zu beschäftigen. Musik übte er nicht selbst aus, hörte sie aber gern an; von den Dichtern verehrte er vor allem Shakespeare und Goethe, Goethe, dem er als Jüngling in Weimar selbst einmal hatte gegenüberstehen und mit dem er hatte verhandeln dürfen, von dessen Werken er große Teile auswendig wußte und gern zitierte, Shakespeare, dessen Dramen er einem kleinen Kreise erklärte und dessentwegen er seinem Freunde John gegenüber bedauerte, daß er nicht die englische statt der hebräischen Sprache erlernt habe, um Shakespeares Schöpfungen in der Ursprache lesen und sich daran erheben zu können.

Ebenso wie seine Anteilnahme am tätigen Leben zeigt die tiefe Liebe zur Musik und Dichtung und seine eindringende Beschäftigung mit diesen Künsten, daß Fischer trotz seiner Begeisterung für seine Wissenschaften kein Fachgelehrter war, der die ganze Welt nur von seiner Fachwissenschaft aus begreifen kann. Dazu war er auch viel zu impulsiv und interessiert, und nicht bloß sein Verstand, sondern auch seine Phantasie begann sogleich beim Empfang neuer Anregungen oder unter dem Eindruck neuer Begebenheiten zu arbeiten. Kein Wunder, wenn ihn sein leicht hochgestimmtes Gefühlsleben im Verein mit seiner Mitteilungsfreudigkeit nicht selten veranlaßte, seine Gedanken und Gefühle selber in Versen ausströmen zu lassen. Doch scheinen seine Gedichte schon seinem Freunde John nicht von einer derartigen Ursprünglichkeit und Eigenart gewesen zu sein, daß es sich gelohnt hätte, sie zu sammeln. Deshalb soll auch hier nur eins dieser Gedichte stehen, an dem man leicht nach Inhalt und Form Goetheschen Einfluß bemerkt; doch die Verherrlichung des gefühlvollen und liebenden Menschen in dem Gedichte ist charakteristisch für Fischer, und wo diese Töne erklingen, leuchtet auch einiger Eigenglanz auf:

Erde und Himmel.

1.

Tief in die Tiefen
Der Erde gegründet,
Hoch über Wolken
Die glänzenden Häupter
Mächtig erhoben,
Trotzt Stürmen und Wettern
Im Zeitenmeer
Der Fels ohne Wanken.

2.

Ihn schmücken des Frühlings
Liebliche Kinder,
Ihm krönet die Schläfe
Eisiger Winter
Und streut in die Locken
Ihm blumige Flocken.

3.

Und er befraget
Die prangenden Blumen
Und, die er träget,
Der Menschengeschlechter
Wandelnde Reihen:
Wer seid Ihr? Wo wart Ihr?
Schwindende Wesen,
Als ich ward gegründet?!

4.

Es rauscht durch bewegliche
Eichengebilde,
Es schweigen die blumigen,
Zarten Gefilde;
Der Tau, er beweinet
Was ach! nur erscheinet.

5.

Bitterer aber
Und schmerzlicher lächelt,
Thränen im Auge
Der Mensch über Gräbern
Seiner Geliebten.
Von Wehmut erdrücket,
Senkt er zur Erde
Sein göttliches Antlitz.

6.

Denn was sie auch schaffte,
Hat unter allen
Die strenge Naturkraft
Frühem Zerfallen
Das Schönste geweiht,
Hält den Tod ihm bereit.

7.

Aber die Götter
Mit gnädigen Händen
Schütteten reichlich
Unsterbliche Güter
Ueber die Menschen
Vom Himmel hernieder
Aus ihres Schoßes
Unendlichen Reichtum.

8.

Denn siehe! Sie hauchten
Lieb' in die Herzen,
Gaben die lindernde
Thräne den Schmerzen
Und für das himmlische Land
Ahnung und Hellen Verstand.

9.

Einst sinket der Felsen
Uraltes Gestein,
Die schneeigen Häupter
Zum Abgrund hinein.

10.

Dann mit der Liebe
Unendlichem Sehnen,
Mit himmlischen Tönen
Führt, vom Getriebe
Der Erde entbunden,
Zu ewigen Stunden
Die göttliche Liebe. —

Daß ein so wie Fischer veranlagter Mensch immer und immer wieder die Themen Gott und Mensch, Jenseits und Diesseits, Glaube und Wissenschaft durchdacht, durchfühlt, durchlebt hat, ist verständlich. Immer wieder warf er diese letzten Fragen nach dem Sinn der Welt und des Lebens auf. Er empfand es besonders schmerzlich, daß weite Kreise und oft gerade die einflußreichsten die Realschulen als Stätten der Gottlosigkeit und des Materialismus ansahen und verketzerten. Mehrfach und nicht ohne Heftigkeit setzte er sich gegen solche Anfeindungen zur Wehr und verteidigte die Naturwissenschaften, die allein einen tieferen Einblick in Gottes Wirken und Walten erschlössen, und die Schulen, welche diese Naturwissenschaften lehrten. Aus einer feiner Reden hat uns John folgende Auslassung mitgeteilt:

„Man hat uns vorgeworfen, daß wir dem plumpen Materialismus verfallen, von nichts Idealem, nichts Göttlichem wüßten, mit allen abscheulichen Konsequenzen daraus hat man uns dies vorgeworfen, ohne sich nur die Mühe zu geben, unsere Wirksamkeit in ihrem inneren Organismus genauer kennenzulernen … Wir wollen uns durch solches Gerede nicht irren lasten, wir wissen nur zu gut, wie wir die heiligen Urkunden des Christentums, in denen die eine Offenbarung Gottes enthalten ist, unseren Schülern aufzuschließen bemüht sind, wie wir vor ihren Blicken aber auch noch ein anderes Buch öffnen, in dem auf jedem Blatte, in jeder Zeile die Wunder der ewigen Weisheit, Macht und Liebe mit unverfälschten Chiffern geschrieben sind. Wir wissen, daß wir dieses Buch eröffnen, nicht um seine Wunder anzugaffen wie die Kinder, die aus allem, was sie nicht verstehen noch zu begreifen imstande sind, ein läppisches Spielzeug bereiten, sondern um darin lesen und verstehen zu lernen, was der Ewige schuf und schafft, um tiefer zu blicken in seine geheimnisvolle Werkstätte, so tief als es unseren irdischen Augen nur vergönnt ist. Wir wissen nur zu gut, welche Mühe, welches Nachdenken erforderlich ist, um auch nur den Saum seines Kleides zu erfassen, um in seinem unermeßlichen Tempel aus tiefer Seele mit Bewußtsein und Wahrheit ausrufen zu können: Herr, wie sind Deine Werke so groß und so viel, und Du hast sie alle weislich geordnet!

Daß auch die Naturwissenschaften nicht den Urgrund alles Seins erschließen können, wußte Fischer natürlich, und er beschied sich; er leugnete nicht das Bestehen dessen, bis zu dem menschliche Vernunft nicht vordringen kann, sondern er glaubte:

„Die Rationalisten“, so sagte er, „die Verständigen, bis zur Poesielosigkeit Nüchternen, denen die Formen des Verstandes den Inhalt ersetzen sollen, die Feinde des Glaubens, den sie leugnen, weil er nicht rational ist, was mir gerade so vorkommt, als wenn ein Chemiker den organischen Prozeß im tierischen Leibe leugnen wollte, weil er dem Chemismus widerspricht, ihn faktisch aufhebt, die Rationalisten, sage ich, leugnen den Inhalt der Worte „das ist mein Leib“ aus Unverständnis. Sie machen den falschen, den hochmütigen Schluß: Was ich nicht verstehe, ist nicht.“

In diesem Zusammenhänge formulierte er auch sein Glaubensbekenntnis folgendermaßen:

„Ich glaube an den ewigen, lebendigen Gott, — an das absolute Gute, das auch in mir waltet — ohne den ich nichts bin, den ich ahne, ohne ihn begreifen zu können, begreifen zu wollen, dessen Macht ich in mir fühle, empfinde, weiß, ohne zu wissen, wie er in mir mächtig ist. Ich glaube an mich selber und nur darum und insofern, als ich an Gott und seine Offenbarung glaube, d. h. ich habe das unerschütterliche Vertrauen zur göttlichen Macht in mir, wie in allem, was sie belebt und treibt. Ich glaube, daß sie Gewalt hat über alles Sinnliche und daß auch das scheinbar Verkehrteste in den Erscheinungen der Natur und des Menschenlebens von ihr geführt und zum Gesetze gebändigt werde, und ich fürchte darum die Verkehrtheiten selbst der mächtigsten Menschen nicht. Wer diesen Glauben nicht hat, wer ungläubig ohne Vertrauen zur Uebermacht des Guten ist, der mißtraut ihr, der zweifelt an ihr, der leugnet sie, der fürchtet die Macht des Bösen und der Bösen, der ist teufelgläubig, der möchte, so gut wie die Fanatiker, mit sinnlichen Waffen dreinschlagen.“

Wir sehen, wie hier uralt christliches Gedanken- und Glaubensgut mit Lutherischem und noch mehr Goethisch-Faustischem verquickt wird, wie auch einiger Rationalismus einfließt und so eine tapfere und selbstbewußte Religion entsteht, die ebensoweit von der Ungläubigkeit entfernt ist wie von einer Religion des Leidens und der Erlösung.

Aus seiner optimistischen Lebensauffassung, aus seinem unbedingten Glauben an den Sieg des Guten und Wahren heraus lehnte er auch die Lehre von der Verderbtheit der Welt und dem Tode als der Sünde Lohn ab. Er nahm dankbar die Welt, in der er lebte, als Gottes Geschenk an und sah in dem Tod alles Irdischen nichts als einen Uebergang zu vollkommenerem Leben: „Dies Leben ist nur eine Vorschule des künftigen, der Tod ist nicht der Sünde Lohn, sondern ein Uebergang zu einem schöneren, vollkommeneren Leben, einem Leben voll Licht und Wahrheit.“ —

Eine entbehrungsreiche Jugend, die schon das Gemütsleben des Kindes schwer durchrüttelt hatte, und ein grenzenloser Trieb zur Tätigkeit, der selbst den Körper des scheinbar Gesunden allmählich zermürbte, ließen Fischer nicht zu Jahren kommen. Sein Freund John teilt uns mit: „In den letzten Jahren war sein Geist von einer sehr großen Erregbarkeit ergriffen, und sein Eifer tätig zu sein, überall wo er Pflichten übernommen hatte, ließen ihn nicht zur Ruhe kommen im eigentlichen Sinne des Wortes.“ — Aeußerlich bot er noch immer das Bild eines kräftigen Mannes, tatsächlich waren die Reserven seines Körpers schon so angegriffen, daß eine akute Krankheit einen Körper vorfand, der nicht mehr die Kräfte zur Organisierung des Widerstandes und zur Ueberwindung des Anfalls aufzubringen vermochte. Am 20. Februar 1854 erkrankte Fischer an einer Blasenkrankheit; am 6. März nahm der Krankheitsverlauf gefährlichen Charakter an; am 11. März, frühmorgens 3 Uhr setzte der Tod seinem tätigen und bewegten Leben ein Ende. Im bald danach erscheinenden Osterprogramm der Realschule konnten die Kollegen zunächst nur mitteilen: „Der hiesigen Realschule ist durch sein allzu frühes, fast plötzliches Dahinscheiden eine tiefe, tiefe Wunde geschlagen, er war ja der Gründer der Anstalt und seit 19 Jahren der sorgsamste, eifrigste Beförderer ihrer Interessen … Wir Kollegen fügen nur hinzu, daß wir lange, lange trauern werden um den hochbegabten Mann, den umsichtigen Führer, den ratenden Freund, der uns durch nichts ersetzt werden kann.“

Am 13. März 1854, nachmittags 4 Uhr fand die Bestattung auf dem Petrikirchplatz durch Pastor Lücke statt. Die Primaner trugen den Sarg ihres Direktors. Um 5 Uhr, unmittelbar nach der Beisetzungsfeierlichkeit begaben sich die Lehrer und Schüler in die Schule zurück, um in einer Trauerfeier das Andenken des Verstorbenen zu feiern. Zu diesem Abschied, den ja die Schulgemeinde allein von ihrem Direktor nehmen wollte, hatten sich außerdem nur noch die Geistlichen der Stadt und wenige besonders nahe Freunde eingefunden. Der Religionslehrer der Anstalt und Freund Fischers, der Pastor an St. Blasii Silkrodt, führte den Versammelten nochmal eindringlich vor, einen wie großen Verlust sie erlitten hatten. Ein Jahr später setzte Dr. John dem Verklärten in seinem Lebensabriß ein ehrenvolles Denkmal. Und daß man seiner auch bei der 50-Jahrfeier des Realgymnasiums noch nicht vergessen hatte, beweist die Feier auf dem Petrikirchhofe, die am Montag, dem 18. Mai 1885 gegen Mittag die ältesten Jahrgänge ehemaliger Schüler vereinigte um ein von ihnen gestiftetes Denkmal mit der Inschrift: Dem Realschul-Direktor Dr. Fischer die dankbaren Schüler. Des ersten Direktors Bildnis aber, das die Lehrer seiner Schule im Jahre 1853 hatten anfertigen lassen, erlebt noch heute alle Entschlüsse mit, soweit sie die Anstalt selbständig fassen kann, und schaut noch heute auf die Tätigkeit der Schule herab, die nun schon seit manchem Jahrzehnt den alten Fischerschen Bau vor dem Töpfertore am Friedrich-Wilhelm-Platze verlassen hat und die aus einer städtischen Realschule ein staatliches Realgymnasium geworden ist. —

Plötzlich und mit fast zu hartem Anschlag war das Leben dieses Mannes ausgeklungen, der 25 Jahre lang, die Hälfte seines Lebens, die Kultur Nordhausens ausschlaggebend beeinflußte. Neben ihm, ebenso wie er praktisch zugleich und wissenschaftlich tätig und dadurch von ganz besonderer Bedeutsamkeit stand nur der Kreisphysikus und Botaniker Dr. Wallroth; Förstemann und Kützing waren die größeren Gelehrten, aber nicht von maßgeblichem Einfluß auf die Geschicke der Stadt, Baltzer begann soeben erst seine Tätigkeit. Fischer gehört zu den zahllosen Schulmännern, die keiner kennt, die aber zu ihrer Zeit und in ihrem Kreise mit einem seltenen Idealismus und einer unbegrenzten Opferwilligkeit die Bausteine zusammengetragen haben, welche sich nach und nach zu dem gewaltigen Gebäude unseres kulturellen Lebensraumes gefügt haben.


  1. Der Vater hieß Karl Christian Siegesmund Fischer und war der Sohn von Christian Adolf Fischer, Bürgermeister in Erfurt. Seine Gemahlin, also die Mutter, war Charlotte Wilhelmine Lang, Tochter des Pastors Lang in Urleben. — Auszug aus dem Kirchenbuch von Klettstedt. — Nachweis durch Herrn C. Stade, Nordhausen.
  2. Vergl. zur Geschichte der Methodik des Lateinunterrichts in Nordhausen: Silberborth, Geschichte des Nordhäuser Gymnasiums, 1923, 25 f. Walther, Der lat. Unterricht bis zur Mitte des 18. Jahrh. am Gymnasium zu Nordhausen in: Festschrift zur Vierhundertjahrfeier des Gymnasiums zu Nordhausen, 1924, 12 ff.
  3. In Nordhausen wohnte in jenen Tagen der Privatgelehrte Friedr. Wilh. Ehrhardt, der ein ähnlich beschauliches Dasein wie Kirsten führte und von einer Lebensrente zehrte, die ihm die Familie von Bethmann in Frankfurt, in der er Hauslehrer gewesen war, ausgeworfen hatte. — Der Fabrikant und spätere Rentner Herm. Arnold in Nordhausen ließ seinem Lehrer, dem Prof. Kützing, ein Denkmal setzen. — Dieses uns so ferne 19. Jahrhundert war doch eine merkwürdige Zeit mit einem uns nicht mehr verständlichen Gefühlsleben!
  4. Nach einer Portenser Mitteilung.
  5. Gymnasialprogramm 1831.
  6. Das Gymnasium lag etwa auf dem Raume der heutigen Mädchenmittelschule. — Fischer wohnte erst auf dem Schulhofe des Gymnasiums in Haus 556, seit 1833 in dem besseren Hause 562 in der Predigerstratze.
  7. Nordhäuser Adreßbuch 1834. — Nordh. Archiv N. F. 2264.
  8. Auguste Friederike Oertel ist gebürtig aus Groß-Welsbach. Sie ist geboren am 18. III. 1804, war also nur wenig jünger als ihr Gemahl. Die Trauung fand am 23. April 1828 in Groß-Welsbach statt durch den Vater der Braut. — Die Kinder waren: Carl August Hermann, geb. 9. II. 1830. Es ist der einzige Sohn, dem ein längeres Leben beschieden war. Paten waren die Großmutter Fischer und Großvater Pastor Oertel. — Albert Theodor Bruno, geb. 27. X. 1832. Carl, geb. 4. X. 1834; gest. 10. X. 1834. Friedrich August Carl, geb. 22. X. 1835; gest. 17. III. 1845. Laroline Henriette Therese Julie, geb. 3. IV. 1831. Johanne Friederike Therese, geb. 23. VII. 1837. Julie Auguste Clara, geb. 28. IX. 1840. — Quelle, Kirchenb. der Nikolaigemeinde 1825—1847. — Nachweis durch Herrn L. Stade, Nordhausen.
  9. Silberborth, Festschrift 1920, 94 ff. Fr. Karl Kraft als Dir. des Gymnasiums zu Nordhausen.
  10. Gymnasialpr. 1829—1838. — Silberborth, Gesch. des Gymn., 137.
  11. Im Sommer 1846 sührte Kollaborator Krämer vom Gymnasium in der Grimmelallee seine Telegraphenapparate vor. Sein Patent wurde ihm vom preußischen Staate für die damals ungeheure Summe von 150 000 ℳ für die Eisenbahnen abgekauft.
  12. Nordh. Archiv N. F. 4092/25.
  13. Stadtverordnetenbeschluß unterzeichnet von Ramsthal, Gothe, Pedel, Lüdecke, Müller, Wilh. Uhley, Beltz, Lerche, Schulze, Martin, Gehrmann, Dr. Fischer, Dr. Schulze.
  14. Vergl. Wiesing, das Realgymnasium zu Nordh. 1835—1885. — Das Joachimische Haus gehörte später der bekannten Nordhäuser Familie Seiffart, Ritterstraße 3.
  15. John, Kurze Rechenschaft über die Behandlung des Unterrichts in der englischen Sprache auf der Realschule zu Nordhausen. Programm 1839.— Die Kelten keine Germanen; historisch sprachliche Abhandlung; Progr. 1845. — The Drama and Dramatists of England; Progr. 1848.
  16. Schumann, Friedrich Traugott Kützing. Ein Gedenkblatt, Realgymnasialprogramm 1907.
  17. Silkrodt war seit 1841 Pfarrer an St. Blasii.
  18. Wiesing a. a. O., 47 ff.
  19. Berechtigungen erhielt die Realschule durch folgende Gesetze, reip. Erlasse: Militärdienst (allgemein), Gesetz vom 30. IV. u. 2. VI. 1841. Offiziers- Aspiranten, Kab.-Ordre vom 4. II. 1844. Forstfach, Gesetz vom 15. VIII. 1830. Postfach, Gesetz vom 20. VIII. 1849 u. 11. XII. 1849. Baufach, Gesetz vom 13. VII. u. 11. X. 1850. Feldmeßkunst, Gesetz vom 18. I. 1847. Civil* Supernumerar, Gesetz vom 31. X. 1827. Königl. Gewerbeinstitut, Gesetz vom 5. VI. 1850. Wund- u. Zahnärzte, Gesetz vom 16. III. 1841. Zur Vorbil* düng der Wundärzte genügte der Abschluß der 2. Klasse, zu der der Zahnärzte der Abschluß der 3. Klaffe einer Realschule.
  20. Damals wurde auch eine 5. Realklasse eröffnet. Schülerzahl: 1. Klaffe 10, 2. Klasse 11, 3. Klasse 30, 4. Klaffe 35, 5. Klaffe 38, zusammen 124 Realschüler. Dazu 6. Klasse 47, 7. Klasse 35. — Michaelis 1850 wurde die 6. Klaffe, also die 1. Vorschulklasse, in eine Realklasse umgewandelt, so daß die Anstalt nur noch eine Klaffe als Vorschule behielt.
  21. Die wichtigsten Briefe Förstemanns, die deshalb interessieren, weil sie von unserem ersten modernen Heimatforscher geschrieben sind, stammen vom 23. Febr. 1835 und vom 2. Juni 1836. Der Garten gehöre zu seinem Gehalt. Er sei wichtig für seine und seiner Familie Erholung. Wenn er für das Schul- gebäude auch nur einen kleinen Teil des Grundstücks opfern solle, habe er doch den ganzen Tag den Lärm der Jugend und andere Unannehmlichkeiten, die durch eng beieinander hausende Menschen gegeben sind. Nordhausen hatte damals natürlich auch noch keine Kanalisation. — Förstemann weist ferner auf seine Arbeiten für Nordhausen hin, die ihn Zeit und Geld gekostet haben, führt sein geringes Gehalt an. — Das Provinzial-Schulkollegium erteilt am 8. April 1837 der Stadt den Bescheid, die Gärten des Direktors und Konrektors seien als „par8 anzusehen. Mit dem Salar seien auch die Gärten ohne Vorbehalt zugesichert. Selbst nicht gegen Entschädigung dürften die Gärten entzogen werden, solange das Vertragsverhältnis daure. — Schirlitzen waren 50 Taler für seinen ganzen Garten, Förstemann für einige Quadratruten 30 Taler jährlich von der Stadt geboten worden, eine ganz enorme Summe.
  22. Dr. phil. Götting war geborener Nordhäuser, Sohn eines Brenners, hatte Theologie, Philologie, Medizin und Naturwissenschaften, aber nicht bis zum Abschluß, studiert, war sogar über zwei Jahre Lehrer am Nordhäuser Gymnasium gewesen. Da fiel seinem Vater das große Los in der preußischen Lotterie zu, und nun gab der Sohn Studien und Broterwerb auf und war nur noch ehrenamtlich tätig, erst als Ratmann, seit 1839 als zweiter Bürgermeister. Er hatte größtes Interesse für das Schulwesen, und feine vielen und langen Schriftsätze beweisen seinen Eifer für die Hebung des Nordhäuser Bildungswesens. Er ist schon mit 42 Jahren gestorben.
  23. Die Verhandlungen, die zum Bau der Realschule vor dem Töpfertore führten, sind hier etwas eingehend behandelt, weil es bisher noch nicht geschehen ist. Akten im Nordh. Archiv unter N. F. 2264. An die Regierung ging der Plan am 24. Februar 1838. Wegen der Genehmigung machte man sich Sorge nur um des Zwingers willen, der beseitigt werden mußte. Das geschah übrigens erst im Frühjahr 1842. Dagegen wurden die Töpfertore und Teile der Mauern zu beiden Seiten der Tore sogleich niedergelegt, nachdem man zwei kleine Häuser, die in der Nähe der Tore standen, für den Abbruch angekauft hatte, nämlich das Haus des Ackerbürgers Henze für 1800 Taler und das des Fleischers Sachse für 875 Taler. Der Staat verlangte nur, daß auch nach Abbruch der alten Tore der Zugang zur Stadt verschlossen werden könnte. Zu diesem Zwecke wurden steinerne Pfeiler und Gittertore vorgesehen.
  24. Fischer, Zur Erinnerung an die Einweihung des neuen Realschulgebäudes, Nordh. 1840. — Diese Schrift war Wiesing im Jahre 1885 dem Namen nach bekannt, er hatte sie aber „trotz größter Bemühungen“ nicht auftreiben können. Es ist das Verdienst des ausgezeichneten Sammlers Herm. Heineck, daß diese Schrift heute leicht zur Verfügung steht. — Wiesing, a. a. O., 16.
  25. Städtisches Archiv, N. F. 409/15.
  26. Nach dem Tode des Tanz- und Turnlehrers Stephany bittet dessen Witwe um das Gehalt, bekommt es aber nicht, worauf Erfurt am 6. XII. 1843 und dann nochmals am 16. I. 1844 einschreitet mit dem Befehl „binnen 8 Tagen unfehlbar zu erledigen“. — Städtisches Archiv N. F. 2195.
  27. Krenzlin, Ueber die Pflege der Leibesübungen in den Nordhäuser Schulen; in der Festschrift des Realgymnasiums, 1885. Krenzlin gibt gute Auskunft über die Geschichte der Schulturnerei. Einige seiner Ausführungen sind nach den Nordh. Akten in N. F. 21 95 und nach dem Realschulprogramm 1848/49 ergänzt worden. Die beiden Stephanys, Vater und Sohn, hält Krenzlin nicht auseinander, a. a. O., 12. Der alte wackere Stephany war 1774 in Smolensk geb., 1792 in Königsberg Maler, dann in verschiedenen Orten Deutschlands und Dänemarks Tanzlehrer, heiratete 1807 in Hamburg eine Zerbsterin und wurde dann nach Nordhausen verschlagen. Er starb am 7. V. 1843. Einer seiner Söhne war Ferdinand St., der schon an den Klosterschulen in Ilfeld und Roßleben Tanzunterricht gegeben hatte, bis er 1842 in Nordhausen angestellt, aber 1849 wegen Unfähigkeit entlasten wurde. — Die Bitte Fischers um Karg als Turnlehrer ist vom 17. III. 1848. Als er abschlägig beschieden wird, wiederholt er seinen Antrag am 1. V. 48, und am 31. V. 48 verlangt Erfurt von Nordhausen die Anstellung Kargs als Turnlehrer. 1851 u. 1852 turnen die Realschüler ohne Aufsicht hinter ihrer Schule. Von 1853—1865 leitete Dr. Krenzlin die Uebungen.
  28. Fischer, Nachricht über die Errichtung und Entwicklung der Realschule zu Nordhausen, Realschulpr., 1836.
  29. Fischer, Ueber Realschulen überhaupt und die in Nordhausen insbesondere, 1846. Vergl. auch Fischer, Ueber den Unterricht in der Naturlehre in Realschulen.
  30. Becker veröffentlichte z. B. eine Schrift: Woher die Ungunst Süddeutschlands gegen Preußen und wohin wird sie führen?
  31. Fischer, Noch ein notwendiges Wort über die Frage: Können Realschulen zweckmäßige Vorschulen zum Studium der Medizin werden? Nordh., Köhne, 1847.
  32. O. F. Becker, Ueber Gymnasien und Realschulen. Ein Beitrag zur Beantwortung der Frage über die Vorschule zum Studium der Naturw. überhaupt und der Heilkunde im besonderen. Sondershausen, 1847.
  33. Fischer, Zweites notwendiges Wort über die medizinische Schulfrage. Nordhausen, Förstemann, 1847.
  34. John, Lebensabriß des Direktors C. Fischer, Schulprogramm, 1855.
  35. Kützing stand Pate bei dem sechsten Kinde Fischers, der kleinen Therese Fischer, die am 23. VII. 1837 geboren und am 25. VIII. 1837 getauft wurde. — Nikolai-Geb. 1825—1847. S. 93 Nr. 44.
  36. Haese, Nordhausen und Umgegend im Jahre 1848, 30 f., Nordh., 1909.