Keine militärischen Gründe für Bombardierung der Boelcke-Kaserne Nordhausen durch britisches Bomber Air Command

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Der britische Autor Murray R. Barber nennt die Zerstörung Nordhausens und der Boelcke-Kaserne am 3. und 4. April 1945 „ein nicht weniger erschütterndes Verbrechen gegen die Menschlichkeit als die Ermordung von 1000 bis 1100 KZ-Häftlingen in einer Feldscheune bei Gardelegen durch die SS-Bewacher auf Anordnung des NSDAP-Kreisleiters Thiele.“[1]

Die Briten führten folgende Begründungen für die Bombardierung an: „Die Boelcke-Kaserne galt als Unterschlupf für 'high ranking Nazis and other officials evacuated from Berlin'“ (aus Berlin evakuierte führende und andere NS-Parteifunktionäre)[2] und weiter „von Aufklärungsflügen wussten die Briten, dass die Kaserne mit Roten Kreuzen als Lazarett gekennzeichnet war“.[3]

Das ist falsch: Weder war die Kaserne ein Unterschlupf für „führende und andere NS Parteifunktionäre“ noch war „die Kaserne mit Roten Kreuzen als Lazarett gekennzeichnet“.

Murray R. Barber schreibt abschließend: „Wie die Briten auf dieses dünne Brett kamen, weiss der Himmel, und es scheint so, als handele sich um eine nachträglich konstruierte Rechtfertigung.“[4]

Der Britische Nachrichtendienst MI6 (Militärischer Nachrichtendienst, Abteilung 6) wurde wahrscheinlich durch ortsansässige Agenten in Nordthüringen informiert. Diese Vermutung wird durch den Bericht von Fred Dittmann über ein Nachrichtenleck in der Luftnachrichtenschule bestätigt: „BBC London berichtete am 14. April 1944 wenige Stunden später über eine Geburtstagsfeier von Leutnant König, dem Kompaniechef der Ausbildungskompanie 4 in der Kantine der Luft-Nachrichtenschule Boelcke-Kaserne. BBC nannte die Namen der Gäste und die gespielten Musiktitel…“ Die Verbindung zum britischen Geheimdienst wurde „trotz gewaltiger Untersuchungen“ nie entdeckt.[5]

Möglicherweise wurde das Fernkabel 43a Leipzig-Köln angezapft. Das Fernkabel 43a lief über das Fernmeldeamt Nordhausen im Königshof.[6]

Anzapfen des Hauptkabels ist folgendermaßen möglich: Die Kabelhülle wurde an der beabsichtigten Zapfstelle mit einem Ventil versehen und dort der Luftdruck in der Kabelhülle gemessen. Dann brachte man ein zweites Ventil an, um dort Druckluft zur Aufrechterhaltung des Nenndruckes einzuspeisen. Danach wurden die Enden zwischen den Ventilen abgedichtet. Dabei brauchte man sich nicht sonderlich zu beeilen, weil man den Luftdruck über die Ventile ja konstant in beiden Richtungen halten konnte. War alles ausreichend dicht, trennte man die Umhüllung des Kabels und konnte es anzapfen. Da die Manometer an den beiden Enden des Kabels nicht dauernd beobachtet und registriert wurden, fielen die eventuellen Zuckungen nicht auf und man hatte eine Dauerzapfstelle geschaffen.[7]

Bekannt ist, dass der Tabakwarenvertreter Josef Schmitt, Nordhausen-Salza, An der Bleiche 10, seit 1940 Nachrichten an den MI6 schickte, angeblich über die Schweiz und Portugal.[8]

Bekannt ist auch, dass sein Sohn Ober-Leutnant Heinrich Schmitt als Jagd-Pilot mehrere Jahre am Fliegerhorst Nordhausen stationiert war. Er desertierte im Mai 1943 mit seiner Besatzung, den Ober-Feldwebeln Rosenberger und Kantwil, beide ausgebildete Funker, und dem modernsten Lichtenstein-Radar-Zielgerät zur Britischen Luftwaffe. Vater und Sohn Schmitt hatten einen Anti-Nazi Hintergrund. Sie lieferten offensichtlich seit längerer Zeit Informationen an die Alliierten mittels einer "regulären Basis“. Die präzisen Details dieser Methode sind unbekannt. Josef Schmitt erhielt über die Ankunft seines Sohnes in England von der Britischen Geheimen Radio Station 'Gustav Siegfried Eins' einen vereinbarten Code-Satz 'Der Mai ist gekommen'[9].

Es ist nicht zu widerlegen, dass Agenten in Nordhausen bis 11. April 1945 den britischen Geheimdienst MI6 detailliert über die tatsächliche Belegung der Boelcke-Kaserne mit ab Februar 1945 6.000 Kriegsgefangenen und Hunderten KZ-Häftlingen informierten.

Die Kriegsgefangenen arbeiteten in zwei 12-Stunden-Schichten im Mittelwerk und im Nordwerk in der Produktion von Flugzeug-Triebwerken.[10]

Am 3. und 4. April 1945 wurde die schlafende Nachtschicht mit ca. 3.000 Kriegsgefangenen und das Lazarett mit dahinsiechenden KZ-Häftlingen von Bomben getroffen. Die Bombardierung von PoW-Camps (Lagern Kriegsgefangener) war den Bomber-Fliegern der Royal Air Force strikt verboten. Beim chaotischen Angriff auf Nordhausen am 3. April 1945 warfen einige Bomber ihre Bomben nicht ab, weil sie Treffer auf Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge vermeiden wollten.[11]

Der Vorwurf läßt sich nicht widerlegen, dass der verantwortliche britische Kommandeur, Air-Marshall Sir Arthur Harris, im vollen Wissen über die Belegung der Boelcke-Kaserne mit Tausenden von Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen den Befehl zur Bombardierung der Boelcke-Kaserne gab. Er ließ noch am frühen Morgen des 4. Aprils 1945 zum Ärger der nach einem Nachteinsatz übermüdeten Bomber-Besatzungen die Standard-Bombenladung, gemischt mit Brandbomben, durch wuchtigere Sprengbomben 4000 HC (High Capacity) und 500 MC ersetzen.[12] Einen solchen Austausch in letzter Minute kann nach der strikten militärischen Rangordnung nur der ranghöchste operative Kommandeur anordnen..

Der Autor M. R. Barber stellt fest: „Allein in der Boelcke-Kaserne starben 1634 registrierte Häftlinge, meist Russen, Polen und Franzosen“. Die britischen Bomber-Flieger haben erst nach dem Krieg erfahren und es bedauert, dass sie in der Boelcke-Kaserne Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge trafen.[13]

„Der Angriff auf Nordhausen und die Boelcke - Kaserne fand statt auf Befehl des SHAEF (Supreme Headquarters of Allied Expeditionary Forces) statt“.[14]

Das ist jedoch nicht die ganze Wahrheit.

Liest man den Original-Text des PRO-Dokuments „AIR 20/5309“ vom 2. April 1945[15] von Anfang bis Ende durch, stellt man fest: Es gab gar keinen Angriffs-Befehl. Da steht nämlich: „SHAEF request following targets be attacked on army support priority at earliest possible opportunity. Enemy barracks in town ERFURT illustration number...Pinpoints of barracks... Also NORDHAUSEN town and barracks illustration H.145 V 050...“ Auf Deutsch: „SHAEF verlangt Angriff folgender Ziele bei Anforderung Unterstützung durch Armee zur frühest möglichen Gelegenheit.“

Tatsächlich hat die US-Armee am 2. oder 3. April 1945 keine Luft-Unterstützung durch das britische strategische Air Bomber Command beim operativ verantwortlichen Air Marshall Sir Arthur Harris angefordert.

Wie eigenmächtig Sir Arthur Harris handelte, zeigt auch die nicht von der US-Armee angeforderte Bombardierung Erfurts am 4. April 1945:

Am 4. April 1945 sollte lt. Angriffsbefehl des British Bomber Commands ein Doppelangriff der Royal Air Force auf Erfurt und Nordhausen erfolgen: "376 Bomber standen allein für Erfurt am Morgen startbereit auf dem Rollfeld. Während die Stadt Nordhausen im Südharz wenige Stunden später tausende Opfer und die Zerstörung ihrer Altstadt zu beklagen hatte, blieb Erfurt jedoch unbehelligt. Was war geschehen? Die US-Bodentruppen unter General George S. Patton jr. rückten zu diesem Zeitpunkt bereits von Gotha her auf Erfurt zu, so dass die Amerikaner Angst vor Fehlabwürfen auf eigene Soldaten hatten und die Briten buchstäblich in letzter Minute stoppten.“ [16]

Eine schlimme Blamage für Air Marshal Sir Arthur Harris, den verantwortlichen Befehlshaber des Britischen Bomber-Air-Commands…

Air Marshal Sir Arthur Harris verstieß mit dem Befehl vom 2. April 1945 zur Bombardierung der Boelcke-Kaserne, gefüllt mit Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen, gegen die Genfer Konvention zum Schutz von Zivilisten von 1929 und ein entsprechendes Gesetz des Britischen Gesetzgebers.

Ein rationaler Grund war: Air Marshal Sir Arthur Harris kündigte in zahllosen Flugblättern den deutschen Fabrikarbeitern - die für Hitlers Kriegsmaschine arbeiteten - und ihren Behausungen Vergeltung an.

Air Marshal Sir Arthur Harris scheute aber auch nicht vor der Ermordung ausländischer Kriegsgefangenen zurück, die im Mittelwerk Dora zur Arbeit an deutscher Rüstung gezwungen wurden. Er nahm offensichtlich bewusst in seinem Rache-Wahn auch Tod und Verwundung von KZ-Häftlingen in Kauf.

Die Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) hat die Völkermordkonvention (Convention on the Prevention and Punishment of the Crime of Genocide, CPPCG) am 9. Dezember 1948 und damit einen Tag vor der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte angenommen.

Nach 1948 wäre Sir Arthur Harris wegen des Angriffs-Befehls auf die Boelcke-Kaserne mit der Ermordung von Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen am 3. und 4. April 1945 als Kriegsverbrecher angeklagt worden.

„Militärisch war der Angriff auf Nordhausen so kurz vor Kriegsende sinnlos. Der 3. amerikanischen Panzerdivision, die am 11. April 1945 in die zerstörte Stadt einrückte, hatte er nichts gebracht.“[17]

  • Dieser Artikel wurde von Jost-Dieter Rudloff, Grenzach, veröffentlicht. Stand: 30. September 2021.

Einzelnachweise

  1. Murray R. Barber, Die V2, .S. 276 ff.
  2. Murray R. Barber, S. 276 ff.
  3. Murray R. Barber, S. 276 ff.
  4. Murray R. Barber, S. 276 ff.
  5. Quelle: Fred Dittmann, Fliegerhorst und Luftnachrichten-Schule Nordhausen, S. 42 ff.
  6. Fred Dittmann, Abhörzentralen des Dritten Reiches.. die so genannten Forschungsämter... der Luftwaffe. In: Nordhäuser Nachrichten Bd. 19, S 2.
  7. Quelle N N. Mail an J. D. Rudloff, gesehen am 27. Sept. 2021.
  8. https://www.forum-der-wehrmacht.de/, aircrewrembered, Dez.2019 gesehen.
  9. https://www.forum-der-wehrmacht.de/, aircrewrembered, Dez.2019 gesehen.
  10. Andreas Meissner, DVD Nordhausen-Hitlers Raketenfabrik.
  11. Andreas Meissner, ebenda.
  12. Andreas Meissner, ebenda.
  13. Quelle: Andreas Meissner, ebenda.
  14. M. R. Barber, a.a.O.
  15. Walter Geiger, Nordhausen im Bombervisier, S. 109
  16. Wikipedia: Steffen Raßloff: Das Wunder von Erfurt. Erfurt und der Luftkrieg in Erfurt. 55 Highlights aus der Geschichte. Erfurt 2021. S. 98 f, Gesehen am 21.9.2021.
  17. M. R. Barber, S. 276 ff.