In Nordhausen wurde einst Tabak gesponnen

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Das Handwerk früher breiter aufgestellt.
von Manfred Neuber'

Die digitale Revolution unserer Tage bringt so epochale Veränderungen wie der technische Fortschritt zu Urgroßvaters Zeiten. Altehrwürdige Berufe verschwinden, und neue Tätigkeitsfelder tun sich auf. Anhand des Adressverzeichnis von 1902 für Nordhausen lässt sich exemplarisch erkennen, welchen Wandel die Berufswelt seither erfahren hat. Wer weiß heute noch, was ein Tabakspinner sowie ein Röllchen- und Cigarrenmacher war? Diese Angabe erscheint ebenso oft wie Brenner, Böttcher und Mälzer. Die Nordhäuser „Tabak-Barone“, die Brauerei- und Brennerei-Besitzer boten viele Arbeitsplätze. Sie beschäftigten auch Bier-, Roll- und einfache Kutscher. Gut im Geschäft waren die Vieh- und Pferdehändler. Das Handwerk war breit aufgestellt. Es werkelten Feilenhauer und Messerschmiede, Seiler und Siebmacher, Eisenbrecher und Formstecher, Leinweber und Weißgerber, Gelbgießer und Kesselschmiede, Korkschneider und Drahtweber sowie Stuckateure und Posementierer. Maurer waren zugleich Hausschlachter, es gab Buffetiere, Tapetendrucker, Essigbrauer, Seifensieder und Darmhändler.

Die von Frauen ausgeübten Tätigkeiten spielten sich vorwiegend im Haushalt ab, nämlich als Ausbesserin, Näherin, Koch- und Waschfrau, Plätterin, Gardinensteckerin, Kinderfrau und Hausdame oder Gesellschafterin. Einige Männer fristeten ihr Dasein als Acker- oder Bierknechte, waren Horndrechsler oder Schäftestepper, andere als Schul- und Vereinsdiener. Drei Dienstmänner konnten für allerlei Aufträge angeheuert werden.

Bei der Reichsbahn umfassten die Stellenbeschreibungen einen breiten Raum: vom Bahnwärter über den Weichensteller 1. Klasse, den Stationsgehilfen und Materialverwalter, den Packmeister und Bahnsteigschaffner, den Zugführer und -schaffner, den Wagenschreiber bis zum Eisenbahn-Stationskassenrendanten. Am meisten vertreten ist die Kategorie der Bremser.

Für ungestörten Schlaf der Nordhäuser sorgten ein paar Nachtwächter und über ein Dutzend Nacht-Polizisten. Flurwächter hatten ein wachsames Auge auf den Feldern der Ackerbürger. Rätselhaft erscheinen heute die Berufe des Kolpora- teurs und Zwickers, des Koloristen und Kanzlisten. Ein Filzschuhmacher sorgte für leise Sohlen in den Haushalten. Aber der Steueraufseher war damals so un- beliebt wie heute.

In der Rolandstadt residierten um die Jahrhundertwende von 1900 mehrere Rittergutsbesitzer, Geheime Ökonomie- und Justizräte sowie Königliche Kreisräte. Man hielt auf sich als Oberleutnants- oder Majorswitwe, als Baurats- oder Sanitätsratswitwe, als Rechnungs- oder Justizratswitwe. Für die bessere Gesellschaft war ein Parfümeur am Ort.

Nahezu unter allen Buchstaben des Namensverzeichnis fallen Einwohner mit der Anschrift Casseler Straße 1 auf. Der Siechenhof muss voll besetzt gewesen sein mit Arbeits- und Armenhäuslern sowie Hospitalisten. Der Abdeckerei-Besitzer stand vermutlich unten in der städtischen Hierarchie. Der Straßenbahn-Kontrolleur und der Telegraphist nahmen einen höheren Rang ein. Bei der Reichspost gab es eine feine Unterscheidung zwischen Briefträger, Post bote und Landbriefträger. Der Maschinenfabrikant Karl Eichler wird als Besitzer des Stadttheaters aufgeführt, und ein August Gittner, wohnhaft Am Hagen 12, nennt sich Literat. Ganz oben auf der Liste steht Robert Abicht, Kolonialwaren-Händler in der Bahnhofstraße 20. Die Senioren sind als Privatier, Invalide und Kriegsinvalide eingeteilt. Um die Bildung bemühten sich wissenschaftliche und Industrie-Lehrerinnen außer den Lehrerkollegien an den Volks- und Realschulen, den Gymnasien und Lyzeen. Sogar ein Winzer kelterte Nordhäuser Wein. Schließlich trägt noch heute das Areal der Hochschule Nordhausen zwischen dem Taschenberg und dem Neuen Friedhof die Bezeichnung Weinberg.

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