Heimatbilder aus dem Kreise Sangerhausen und seinen Randgebieten

Aus NordhausenWiki
Textdaten
Autor: Richard Rasehorn; Artur Kutzner; Arthur Popp
Titel: Heimatbilder aus dem Kreise Sangerhausen und seinen Randgebieten
Untertitel:
aus:
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1929
Verlag:
Drucker:
Erscheinungsort:
Quelle: Scan
Kurzbeschreibung:
Digitalisat: PDF (36 MB)
Eintrag in der GND: 36615009X
Bild
[[Bild:|250px]]
Bild


Heimatbilder
aus dem Kreise
Sangerhausen und seinen Randgebieten


Herausgegeben und bearbeitet
von


Schulrat Rasehorn, Rektor Kühner, Lehrer Vopp,
Lehrer Hennig,


Teil I (Für die Grundschule)



Aus unsrer Väter Tagen,
von Tälern und von Höh'n,
wo Burg und Türme ragen
und Sagen uns umweh'n....



Langensalza
Verlag von Julius Beltz
Berlin — Leipzig




Die Titelbilder zu den einzelnen Abschnitten wurden vorn Kunstmaler Otto Engelhardt in Görlitz entworfen und gezeichnet.



Vorwort[Bearbeiten]

„Heimat,
dich will ich singen,
von dir will ich sagen,
die du mir heilig und teuer bist!“…

Schon so manches Wertvolle ist von unserer Heimat geschrieben worden. Große Verdienste um ihre geschichtliche Erforschung erwarben sich die Herren Karl Meyer, Nordhausen, und Friedrich Schmidt, Sangerhausen. Ihnen verdanken wir vor allem die erste zusammenhängende Heimatgeschichte unseres Kreises. Ihre Arbeiten dienten verschiedentlich den geschichtlichen Abschnitten als Quellen.

Doch was unsern Schulen immer noch fehlte, das waren kindertümliche, dem Verständnis der einzelnen Altersstufen angepatzte, heimatkundliche Abhandlungen. Wiederholt wurden die Wünsche der Lehrerschaft nach dieser Richtung hin laut, wiederholt wurde auch schon die Schaffung eines heimatlichen Anhangs für das Lesebuch gefordert. Herr Magistratsschulrat Pott, Berlin, hat dies Bestreben kraftvoll unterstützt.

Ihm und allen Mitarbeitern sei an dieser Stelle herzlichst gedankt.

Möchten nun die Hefte bei allen Heimatfreunden eine liebevolle Aufnahme finden, Heimatsinn und Heimatliebe pflegen, Heimatkenntnis und -Verständnis vertiefen und ein Geschlecht heranbilden helfen, das fest und stark in der Heimat wurzelt! —

Ostern 1929.
Die Herausgeber.

Im Dunkel der Vorzeit[Bearbeiten]

Was ein Altertumsforscher von einem Steinbeil erzählte[Bearbeiten]

Neulich kamen mehrere Männer nach der Diebeshöhle bei Uftrungen. Sie hatten sich mit Spaten und Hacken ausgerüstet und fingen dort an zu graben. Was sie wohl suchten? — Einen verborgenen Geldschatz, meint ihr. —O nein, etwas ganz anderes!

Ganz vorsichtig gruben sie. Jeden Spatenstich Erde legten sie beiseite und wühlten mit einem kurzen Stäbchen aus Holz darin herum. So mochten sie schon eine Stunde vorsichtig gegraben haben, als ich hinzukam. Die Männer waren gerade dabei, einen schweren Stein mit Hacken und Stangen beiseite zu schieben. Gern half ich ihnen; denn ich war doch selber neugierig, was die Männer da suchten und was sie finden würden.

Als wir wieder eine Viertelstunde gegraben hatten und wieder eine Schaufel Erde herauswarsen, rief der Altertumsforscher, der bei den Männern war: „Halt! Nicht weitergrabe'n!“ — Und aus der Erde hob er einen kleinen Knochen hervor. Mit seinem Messer kratzte er daran und sagte: „Das ist schon etwas aus der Vorgeschichte, es ist ein Menschenknochen, 3-4000 Jahre kann er alt sein.“

Nun grub er selber weiter, ganz vorsichtig. Bei jedem Spatenstich sah er ganz genau hin. Es dauerte nicht lange, da stieß er auf etwas Hartes. Vorsichtig holte er es heraus. Ganz schmutzig war es vom Ton. Er wischte es ab. Da ging ein Freudenstrahl über sein Gesicht. Wir sahen, daß es ein Stein war. — Wie kann man sich nur über einen Stein so freuen, dachte ich. Ja, jetzt sagte der Forscher sogar: „Das ist ja etwas Herrliches, was wir da gefunden haben! Ein prächtiges Steinbeil!“ — Und nun schauten wir es uns ganz genau an. Aus dunklem, glattem, festem Gestein war es schön geformt, hinten breit wie eine Axt und nach vorn von beiden Seiten zu einer Schneide zugeschliffen. In der Mitte, mehr nach dem Ende zu, hatte das Steinbeil ein Loch, das so rund war, als wenn man es mit einem Bohrer gemacht hätte.

Der Forscher erzählte uns nun: „Vor 3-4000 Jahren haben in der Diebeshöhle Menschen gewohnt. Mit den Fellen der Tiere kleideten sie sich. Ihr Fleisch bildete ihre Nahrung. Steinhämmer und Steinbeile waren ihre Waffen und Jagdgeräte, mit denen sie sich gegen Bären und andere wilde Tiere verteidigten. Deshalb war ihnen auch ein Steinbeil ein kostbarer Schatz. Die Feit, in der der Mensch gelebt hat, der dieses Beil trug oder es sich gar selber anfertigte, nennt man die Steinzeit. Was für Mühe mag es dem Menschen gemacht haben, dieses Steinbeil anzufertigen! Wie mag er sich gefreut haben, als er den Stein dazu gefunden hatte! Denn nicht aus jedem Stein konnte man eine so prächtige Waffe fertigen. Und wie hat dann der Mensch gesessen mit seinem Stein und hat ihn auf einem Sandstein gerieben und geschliffen, tagelang, wochenlang, bis er seine heutige Form erhalten hatte! Dann mußte er noch dieses runde Loch bohren. Ja, das war auch nicht leicht. Dazu brauchte er einen langen, runden Röhrenknochen von einem Hirsch und feinen Sand. Den streute er auf sein Beil und fing dort an, wo das Loch entstehen sollte, mit dem Knochen zu drehen — links herum, rechts herum, links herum, rechts herum, links-rechts, links-rechts, immer schneller — immer schneller, daß ihm der Helle Schweiß auf der Stirn stand. Der Knochen war durch das Drehen schon ganz heiß geworden. Schnell nahm er etwas Wasser und neuen Sand und bohrte wieder — links herum, rechts herum, links-rechts, links-rechts, schneller und immer schneller. Jetzt sah man schon etwas von dem Loche. Eigentlich war es eine ringförmige Vertiefung,' denn wo der Knochen hohl war, da blieb ja auch der Stein stehen. Nur dort, wo der Knochen rieb, war die Vertiefung im Stein entstanden.

Und nun holte sich der Mann der Steinzeit einen Riemen, den er aus dem Darm eines Tieres gemacht hatte. Er band ihn an einen daumenstarken Stock, wie wenn sich die Kinder einen Bogen zum Schießen (Flitzbogen) machen, und schlang die Sehne einmal um den Röhrenknochen, den er wieder in die Vertiefung des Steinbeiles gesetzt hatte. Seine Frau mußte oben auf den Knochen ein Stück Holz legen, das eine Vertiefung hatte, und dann das Holz festhalten.

Jetzt zog der Mann seinen Bogen hin und her, als wenn ein Baßspieler seinen Brummbaß streicht. Hei, wie tanzte da der Röhrenknochen, links herum und rechts herum und bohrte fleißig in dem Steinbeil ! Nun dauerte es gar nicht allzu lange, da hatte der Knochen das Steinbeil durchbohrt, und eine hübsche, runde Steinwalze, so stark wie das Innere des Knochens, lag daneben. O, wie sich nun der Steinzeitmensch über sein liebes Steinbeil gefreut haben mag! Schnell machte er noch einen Holzstiel hinein, schwang es vor Freude durch die Luft und hüpfte und tanzte. Und dies alles hat schon das Steinbeil hier in meiner Hand mit erlebt,“ endete der Altertumsforscher seine Erzählung.

R. Hennig.

Im Lichte der Geschichte[Bearbeiten]

Von der Entstehung der Orte in unserer Heimat[Bearbeiten]

Es war im Mai des Jahres 1927. Da sagte einer meiner Schüler mit einer Zeitung in der Hand: „Hier steht in der Zeitung ganz groß gedruckt: Zur Jahrtausendfeier in Nordhausen! — Ist denn die Stadt Nordhausen schon so alt? — Ist sie älter als Uftrungen? — Wie alt ist eigentlich unser Ort? — Ich mußte also erzählen, wie im Fahre 927 Heinrich I. seiner Gemahlin Mathilde den Königshof Nordhausen schenkte, wie sich dann im Schutze des Königshofes und der Finkenburg, die ja bis zum Jahre 1926 noch gestanden hatte, immer mehr Leute ansiedelten und wie der Ort von Jahr zu Jahr bis zu seiner heutigen Größe angewachsen ist. Wie Heinrich I. seiner Gemahlin den Königshof schenkte, davon ist noch heute in Nordhausen ein Schriftstück vorhanden. Man nennt es eine Urkunde. Sie ist die älteste, die von Nordhausen vorhanden ist. Darum rechnet man von der ersten urkundlichen Erwähnung an auch die Geschichte der Stadt. Freilich liegt die erste Siedlung von Menschen in dem Orte Nordhausen viel weiter zurück. Man zählt die Entstehung Nordhausens zu dem Abschnitt der Frankensiedlungen. Zur Zeit des großen Frankenkönigs Karls des Großen richtete man an geeigneten Stellen, wo sich Heerstraßen kreuzten oder wo eine Straße über einen Fluß führte, auf Bergen, von denen man eine schöne Fernsicht ins Land hatte, Königshöfe ein. Ein solcher Königshof war auch dort, wo heute Nordhausen liegt, entstanden. Man weiß aber nicht genau, in welchem Fahre das gewesen sein mag. —

„Weiß man denn, wann Uftrungen entstanden ist?“ wurde ich neugierig weiter gefragt. — Und ich mußte weiter erzählen: „Nein, das weiß man auch nicht. Man hat auch keine Urkunde über die Entstehung, auch keine Chronik, in der man das Wichtigste aus der Geschichte des Ortes niedergeschrieben hat. So geht es aber fast allen Dörfern. Im Dreißigjährigen Kriege sind viele solcher Urkunden und Chroniken verbrannt und vernichtet worden. Aus dem Namen der Orte weiß man aber ungefähr, wann sie entstanden sein können. Die Geschichtsforscher haben die Zeit der Entstehung unserer Orte in 4 Abschnitte eingeteilt. Der l. Abschnitt reicht bis zum Jahre ZOO n. Chr. zurück. Es sind nur ganz wenige Siedlungen, die aus dieser Zeit stammen. Die Menschen wohnten damals noch lieber allein. Man nimmt an, daß alle Orte, die auf „a“ (= Wasser), „lar“ (= Ort), „mar“ (= Sumpf) und „loh“ (= Wald) enden, in diesem 1. Abschnitt der Ortsgründungen entstanden sind. Sie liegen meist auf gutem Boden und an Flüssen.

Der 2. Abschnitt umfaßt die Zeit, in welcher die Thüringer die Herrschaft in unserer Gegend hatten. Sie reicht bis zum Jahre 531. In diesem Jahre wurde das Land der Thüringer von dem Volksstamm der Franken erobert. Zur Zeit der Herrschaft der Thüringer entstanden Orte, die auf „ingen“, „ungen“, „leben" und „stedt" endigen. Die beiden letzteren Endungen bedeuten Erbe, Hinterlassenschaft und werden in der Regel mit einem Personennamen in Verbindung gebracht, „ingen“ und „ungen“ bedeuten Zugehörigkeit zu einer Person oder zu einer Gegend. „Thürungen“ würde also bedeuten Ort an der Thyra. Es hat auch an diesem Bache gelegen, dessen Lauf aber später verändert wurde. Ansere Gegend hat eine größere Anzahl von Orten, die in diesem Siedlungsabschnitt entstanden sind.

Die Orte mit der Endung auf „Hausen“, „heim“, „dorf“, „bach“, „selb“, „bürg“ und „berg“ rechnet man zum 3. Besiedlungsabschnitt von 531—800 n. Chr. und zählt sie zu den fränkischen Siedlungen. Sie liegen, fast alle sehr günstig und haben sich meist zu größeren Orten entwickelt.

Die Ortsgründungen des 4. Abschnitts fallen in die Zeit nach 800. Die Orte aus dieser Zeit endigen oft auf „rode“ und „schwende“. Sie liegen höher nach dem Harze zu und sind dort entstanden, wo man zuerst den Wald ausroden oder abbrennen mußte.

Zwischen diesen 4 Abschnitten haben dann noch eingewanderte Volksstämme der Friesen, Hessen, Schwaben, Wenden und Flamen einige Orte gegründet. Flamen wanderten im 12. Jahrhundert in unsere Gegend ein und haben das Helmetal entwässert. Sie gründeten die d Dörfer Hörne (zwischen Heringen und Auleben), Ellre (bei Windehausen), Langenrieth (bei der Aumühle), Verrieth (zwischen Berga und Görsbach), Weidenhorst, Martinsrieth, Lorenzrieth, Katharinenrieth und Nikolausrieth im jetzigen Helmeried. Von diesen d Orten sind heute nur noch 4 vorhanden. Flämische Ausdrücke, z. B. flämischer Kerl für einen großen Menschen und flämische Sitten haben sich noch lange in den flämischen Orten erhalten. Eine solche Sitte war der Kirchgang, der an den Erwerb flämischen Gutes geknüpft war. Unterließ man diesen, so fiel nach dem Tode des Erwerbers im „oberen Rieth" der Z. Teil, im „unteren Rieth" die Hälfte des erworbenen Landes an die Landesherrschaft. Erst 1849 ist diese Sitte und damit auch das in Orten mit ehemalig flämischer Bevölkerung geübte flämische Recht abgeschafft worden.

So haben Sachsen, Thüringer, Franken, Hessen, Schwaben, Friesen, Wenden und Flamen, die einstmals unsere Heimat besiedelten, Spuren ihres Daseins hinterlassen. Jedoch bestimmte Angaben über die Gründung der einzelnen Orte fehlen fast überall. Die ersten Urkunden über einen Ort sind gewöhnlich Verträge, in denen der Ort genannt wird. Die ältesten Nachrichten aus unserer Heimat stammen aus dem 8. Jahrhundert.

Viele der einst gegründeten Orte sind längst wieder verschwunden. Haben wir doch im Kreise Sangerhausen allein über 70 Wüstungen. Das sind Stellen, wo ehemals Orte bestanden haben. Vereinzelt sehen wir dort noch Mauerreste. Es sind die letzten Zeugen einer langen Geschichte." —

Atemlos hatte man meiner Erzählung gelauscht, die vom Werden, Wachsen und Wiedervergehen in der Heimat berichtete. Wir alle fühlten: Jeder Fußbreit des heimatlichen Bodens ist geheiligt durch eine mehr als tausendjährige Geschichte, deren Erben wir sind. Und, „was du ererbt von deinen Vätern hast,

erwirb es, um es zu besitzen." — —
R. Hennig.

Wie das Christentum in unsere Heimat kam[Bearbeiten]

Das Jahr 742 des neuen Heiles schrieb man. —

Von Fulda aus, dort, wo der Apostel der Deutschen das erste Kloster auf germanischem Boden gegründet hat, brach an einem sonnigen Frühlingstage eine Schar Mönche auf. Getreu den Weisungen ihres himmlischen Herrn und Meisters, wollten sie im fremden Lande seine Lehren unter den Heiden verkünden. Bonifatius selbst hatte die Mönche vorher um sich versammelt und sie mit Gebet, Segen und Bruderkuß entlassen. Noch lange sah er von der Klosterpforte den Davonziehenden nach, an deren Spitze frisch und rüstig sein treuster Schüler Wigbert schritt. Zu den noch heidnischen Waldleuten im fernen Thüringen sollte die Fahrt gehen. Bonifatius wußte niemand, der seinen Auftrag gewissenhafter ausführen konnte, als seinen auf so mancher Missionsfahrt treu erprobten Freund und Begleiter Wigbert. —

Nun wanderte Wigbert mit seinen Genossen schon wochenlang. Wo sie auf Siedlungen trafen, da predigten sie von der Liebe und Güte des allmächtigen Gottes, der seinen Sohn für die Menschen zum Opfer gebracht hat. Er sagte den heidnischen Thüringern: „Laßt ab von euren Göttern! Ohnmächtig sind sie alle, denen ihr opfert. Es ist nicht Wodan, von dem ihr glaubt, daß er im Sturmesbrausen einherjagt. Es ist auch nicht Herta, die Feld, Haus, Hof und Ehe beschützt. Nicht Baldur ist es, der euch den Frühling bringt, nicht Donar, der auf feurigem Ziegenockgespann durch die Lüfte fährt, wenn es donnert und blitzt. Nein, hoch über den Wolken thront von Anbeginn der Welt der Gott, den ich euch verkünde, der nach fruchtspendendem Regen den Regenbogen über die Erde spannt, der den Sturm in Wald und Feld brausen läßt, der den Blitzen gebietet, der auch euer Leben in seiner Hand hat. Er ist der allmächtige Gott, der euch einst in ein viel schöneres Walhall, als es euch eure Priester ausmalen, eingehen läßt." — So predigten und lehrten in jeder Siedlung Wigbert und seine Begleiter. —

Eines Abends hatten sie die Höhe des Kysfhäusergebirges erreicht. Weit ließen sie ihre Blicke schweifen über das wogende Wäldermeer zu ihren Füßen, über das Moorgelände, das Ried, welches den Wald von Ost nach West in zwei Hälften teilt.

Da flammen fern am Horizonte, wo am Morgen die Sonne aufgeht, Feuer auf, gegen Mittag ein neues und noch weiter nach Mittag zu ein drittes. Sonnenwendfeuer sind es von den Waldleuten Niestedts, Osterhausens und Allstedts. Und wie sie schärfer nach Morgen blicken, da können sie im Schein des mächtig auflodernden Feuers den Ort erkennen, der für sie das nächste Ziel sein soll: Riestedt. Im leuchtenden Feuerscheine bemerken sie, daß dieses Haufendorf vor ihnen eine ziemliche Ausdehnung hat. Zu seinen Begleitern gewendet, kommen von den Lippen Wigberts die Worte: „Riestedt, du Stätte im Ried, du sollst uns die nächste Arbeitsstätte werden!"

Im Morgengrauen des neuen Tages wandern die frommen Männer ihre Straße weiter. Auf der letzten Höhe vor Riestedt sinken Wigbert und seine Begleiter zur Erde. Wigbert betet: „Du, Herr aller Herrscher, du Segenbringer, gib uns deine Kraft, daß es uns gelingen möge, auch die Bewohner dieses Ortes, der vor uns liegt, zu deinen Kindern zu machen und ihr Herz mit der Liebe deines Sohnes zu erfüllen. Amen."

Um die Zeit, da die Sonne am Tage am höchsten steht, kommen sie ins Dorf. „Fremde Männer sind gekommen", geht die Kunde durch ganz Riestedt. Auf dem Thingplatze sammeln sich die Einwohner. Schon steht Wigbert auf dem hohen Stein unter dem uralten Linden- baum. Seine Worte dringen an das Ohr der Umstehenden. Viele lauschen bedächtig, andere schütteln den Kopf, und einige wenden sich voll Groll von dem ab, der ihre heiligen Götter verspottet. Doch als Wigbert geendet hat, gehen die meisten still ihrer Wohnstätte zu.

Das, was die Fremdlinge heute den Bewohnern von Niestedt verkündet hatten, machte ihnen den Kopf schwer. War nicht vieles, was ihnen heute verkündet wurde, auch ihr Glaube? Kannten sie nicht auch einen Himmel für die Guten, eine Hölle für die Bösen? Kannte nicht auch ihr Glaube einen lichten Gott, der gestorben war durch die Nachstellungen böser Mächte und dessen Tod beweint wurde von allen lebenden Wesen? Wie aber hatte der Fremde weiter erzählt? — Man soll dem Liebe geben, den man zu hassen gewohnt ist? — Und wer war der fremde Gott? — Jesus Christus sollte er heißen, und der Herrscher der Welt soll er sein! Wo aber wohnt er? — Wo soll man zu ihm beten, wo ihm opfern? — Solche Fragen gingen durch ihre Seele.

Wigbert lebte mit seinen Glaubensgenossen im Hause des Ortsältesten, wo man ihn gastfrei ausgenommen hatte. Mit den Gästen war ein unruhiges Leben ins Haus gekommen. Scheu kam dieser und jener zu den fremden Männern im dürftigen Gewände. Mit allerhand Fragen wenden sie sich an Wigbert. Und wenn sie mit Zweifeln zu ihm kommen, weiß er sie zu zerstreuen. Schon fängt die Saat, die Wigbert in die Herzen gestreut hat, zu keimen an.

Und eines Tages kommt eine Anzahl von Männern, Frauen und Kindern, um durch die Taufe in die Zahl der Christen ausgenommen zu werden. Voll Dank sinkt Wigbert mit seinen Freunden auf die Knie. Gott hat sein Gebet erhört. Er hat seine Arbeit gesegnet. Heute sieht er die ersten Früchte seines unermüdlichen Schaffens im Glauben und in der Liebe. — Nur wenige sind es noch im Orte, die dem alten Väterglauben treu geblieben sind. Im tiefen Walde — auf einer Wiese — versammeln sie sich um ihre Priester und feiern, wie es ihre Altvordern getan haben, ihre Götter durch Opfer.

Wigbert aber und seine Getreuen bauen auf dem Platze, der jetzt noch Riestedts Kirche trägt, dem Christengotte eine Kapelle. Freudig fassen die Neugetauften mit zu, behauen die Stämme im nahen Walde und schleppen sie herbei. Schon 74Z ist der Bau vollendet. —

Eines Tages ertönt das Glöcklein. Gar lieblich schallt es über Berg und Tal. Da eilen die Bewohner Riestedts herbei. Vor der Kirche legen sie ihre Waffen ab und treten ein, soviel der enge Raum fassen kann. In weißem, kostbarem Meßgewande, das von Purpur und Goldstickerei glänzt, steht Wigbert vor dem Altar. In fremden Weisen spricht er zu seinem Gotte, seine Begleiter singen die Antwort im Chor. Die Kerzen brennen. Ein Glöcklein tönt so silberhell. Süß duftendes Näucherwerk erfüllt die Lust. Andächtig steht die Schar der Gläubigen im neuen Gotteshause. Man hält den ersten Gottesdienst voll heiligem Ernst. —

Längere Zeit bleibt Wigbert noch in Riestedt. Dann aber schlägt die Abschiedsstunde. Er versammelt noch einmal seine neugegründete Gemeinde um sich und dankt ihr für alles Gute, das man ihm und seinen Begleitern erwiesen hat. Zuletzt stellt er den Mönch vor, der von nun an ihr Pfarrer sein soll und bittet sie: „Gebt ihm, was er zum Lebensunterhalte nötig hat. Helft ihm das Küchlein erhalten!"—Freudig und freiwillig geloben sie, den Zehnten zu geben von den Früchten des Feldes und dem Vieh. —

Am andern Tage bricht er nach Osterhausen auf. Die Riestedter Einwohner aber gaben zu Ehren ihres Erbauers dem Küchlein den Namen: „St. Wigbert-Kirche." Im Jahre 777 wird sie erstmalig so genannt. Und noch heute zeigt das Kirchensiegel die ganze Figur des Heiligen Wigbert mit der Umschrift: „Siegel der Kirche zu Riestaedt St. Wigbertus."

K. Födisch.

Kulturarbeit der Mönche in unserer Heimat[Bearbeiten]

Es ist im Jahre 1150. Über 400 Jahre sind vergangen, seitdem Wigbert Riestedts Küchlein erbaute. 400 Jahre schon ruht er, der Apostel unserer Heimat, im Kloster Hersfeld von seines Lebens unendlichen Mühen im letzten Schlummer aus. 400 Jahre, welch lange Spanne Feit! Sommer und Winter sind gekommen und haben die schweren Holzstämme ausgetrocknet. Wind und Wetter haben die starken Balken morsch gemacht. Längst ist das Küchlein zu klein, längst schon erneuerungsbedürftig. Da müssen mächtige Balkenlagen ausgewechselt werden, da pfeifen Wind und Sturm in das Gotteshaus.

Während zu Wigberts Zeiten rings um die Kapelle freier Platz war, sind jetzt überall um sie herum Siedlungen entstanden, besonders an der Straße, die das Küchlein von Süden nach Norden streift. Gehört doch diese Straße zur Hauptverkehrsader des ganzen Landes. Schon der gewaltige Karl, den eine spätere Zeit den Großen nannte, machte im Jahre 805 Erfurt zum Hauptstapelplatz für ganz Mitteldeutschland und bestimmte, daß für das fremde Volk der Slawen und Avaren nur eine Handelsstraße sein sollte, die von Erfurt nach Hamburg über Magdeburg. Diese Straße führte, von Sangerhausen kommend, an Riestedts Kirchlein vorbei nach der Kloppgasse und weiter nach Mansfeld. — Und die, welche um 11 SO an dem Kirchlein vorbeifahren, witzeln schon und spötteln über den halbzerfallenen Bau. Fast ist es unmöglich, in diesem Gebäude noch die heiligen Gottesdienste abzuhalten. —

Wie prächtig ist doch das Klosterkirchlein von Kaltenborn anzu- schauen, das ganz aus Stein gebaut ist! Wenn wir doch ein solches Haus dem Herrn aller Herrn bauen könnten! Doch woher die Baumeister bekommen, woher die Männer, die den rohen Stein behauen, woher die, die Stein auf Stein setzen, die Decken aus Stein legen können? Mönche mit ihren Handwerkern haben das Kirchlein Kalten- borns gebaut. Und nun bitten Riestedts Einwohner in Demut den Probst des Klosters Kaltenborn: „Hoher Herr, der du die Macht hast, denen zu gebieten, die in diesen Mauern wohnen, schicke uns die, die des Bauens kundig sind, daß unser altes Kirchlein ein neues werde." — Gern erfüllt er ihnen die Bitte, und bald haben baukundige Mönche den Bauplan gezeichnet. —

Eines Tages erscheinen sie, ihnen voran der Probst, auf dem alten Kirchplatze. Riestedts Einwohner sind schon vollzählig versammelt. Alle knien nieder. Des Probstes Gebet klingt durch die Stille: „Heiliger Gott, der du über den Wolken thronst, der du die Menschen führst und leitest, der du Gelingen und Vollbringen spendest, gib auch, daß dies Werk, dir ein neues Haus zu bauen, gelinge! Siehe gnädig herab auf das Werk unserer Hände! Das bitten wir dich, Vater im Himmel, der du mit dem Sohne und dem heiligen Geiste regierest in Ewigkeit. Amen!" — Das Gebet ist verklungen, der Platz geweiht. Die Richtschnur wird geworfen, Pflöcke werden gesteckt und die Ausmaße des Kirchleins festgelegt. Die Stelle im Westen, die den Altar tragen soll, wird mit der heiligen Kreuzesfahne geschmückt. Rings auf dem freien Platze um das Kirchlein liegen schon große Quadersteine aufgeschichtet. Riestedts Bewohner haben sie im nahen Steinbruch an der Kloppgasse gebrochen und auf Karren und Ochsenwagen herangefahren. —

Am nächsten Tage beginnen die Mönche mit den Klosterhandwerkern die Arbeit. Tag für Tag ertönen Hammerschlag und Meißelklang. Ein Klosterbruder arbeitet etwas abseits. Er ist ein Meister der Kunst, dem toten Stein Form und Leben zu geben. Er verziert ihn mit schön geflochtenem Seile, gibt ihm Rundungen für Tür- und Fensterbögen. Riestedts Einwohner sehen dem Ganzen nicht müßig zu. Innerhalb des abgesteckten Platzes, 7 Meter von Süden nach Norden, !5 Meter von Westen nach Osten, heben sie tiefe Gräben für das Fundament aus. Andere karren die Erde fort.

Wochen-, mondelang kommen nun schon die Kuttenträger. Langsam wachsen die Mauern aus der Erde. Die Türhöhe haben sie erreicht.

Doch reichen bei weitem die aufgeschichteten Steine nicht aus. Neue Steinmassen werden gebrochen. Tag für Tag muß Lehm herangefahren werden, um die Steine in Verband zu legen. Niestedts Gespanne schaffen es allein nicht, Klostergespanne helfen mit. Auf einfachen Tragen werden die behauenen Steine nach dem Bauplatze getragen. An einem Seile, das über ein großes Rad gelegt ist, werden sie emporgezogen, desgleichen in Eimern der eingeweichte Lehm. Nun sind auch schon die flachen Fensterwölbungen aufgesetzt, je eine im Süden, Westen und Norden. 5 Meter sind die Mauern hoch.

Mächtige Stützpfeiler aus Stein lehnen sich an die Wände, sollten sie doch den ungeheuren Druck der aus Quadern gewölbten Decke aushalten. Immer weiter schreitet die Arbeit vorwärts. Holzstämme werden beharren, der Dachstuhl wird gesetzt, der mit lattenähnlichen Hölzern eingedeckt wird. An der Südseite wird noch die Sakristei angebaut. Mit doppelten Türen wird sie verschlossen. Werden doch später in diesem Raume die heiligen Gesäße, die kostbaren Meßgewänder und die heilige Ampel aufbewahrt. Derweilen beharren kunstsinnige Mönche mächtige Steinblöcke zum Taufstein und zu einem Weihwasserbecken.

So geht in treuer Arbeit und täglichem Gebet der Bau der Vollendung entgegen.

Der letzte Stein ist gefügt, der letzte Hammerschlag getan. Stolz und freudig schauen die Mönche ihr Werk an. Aber noch größer ist die Freude von Riestedts Einwohnern. Haben sie doch nun ein neues, stattliches, schmuckes Gotteshaus, das sie sich so sehnsüchtig gewünscht hatten.

Kurt Födisch.

Von den Wüstungen im Kreise Sangerhausen[Bearbeiten]

Unter der breitästigen Linde des Gasthauses Thyra-Fuchs bei Uftrungen saßen zwei Wanderer. Der eine schien an die dreißig Jahre alt zu sein, dem andern hatte das Alter schon weiße Fäden in den Bart gesponnen. Auf eine Bank hatten sie ihre bepackten Rucksäcke gelegt. Prüfend schaute der jüngere auf zur Linde und fragte den Wirt: „Wissen Sie, wie alt wohl diese Linde sein mag?" — „Genau kann ich's Ihnen nicht sagen, aber älter als der Gasthof hier ist sie, und der steht schon seit 1712".—„Za, wie kommt denn da die Linde hierher?" fragte der Fremde weiter. — „Es mag sein, daß sie noch aus dem Orte stammt, der einmal hier gelegen hat", erwiderte der Wirt.

Da kam gerade der Bauer hinzu, der dem Thyra-Fuchse gegenüber seinen Acker pflügte. Er setzte sich den beiden Fremden gegenüber an einen Tisch, legte ein paar angeschwärzte Tonscherben, die er anscheinend beim Pflügen gefunden hatte, neben sich und holte sein Frühstück hervor. „Na, was hast du denn da für Scherben aufgelesen?" sagte der Wirt, als er ihm das bestellte Glas Bier hinsetzte. Dann betrachtete er die Scherben von allen Seiten. „Das ist doch keine Seltenheit, daß man hier im Altendorfe beim Pflügen etwas findet! Da mag noch manches von früher her oder aus dem Dreißigjährigen Kriege, in dem das Altendorf zerstört worden ist, liegen", antwortete Bauer Apel.

Durch diese Bemerkung waren die beiden Fremden aufmerksam geworden, und der Ältere mischte sich in die Unterhaltung ein. „Sie entschuldigen, meine Herren," sagte er, „ich bin Geschichts- und Altertumsforscher. Es ist wohl richtig, daß hier einst ein Dorf, das später Altendorf genannt worden ist, gestanden hat. Aber im Dreißigjährigen Kriege ist es nicht zerstört worden; denn man hat festgestellt, daß nach dem Jahre 1560 im Kreise Sangerhausen kein Dorf mehr wüst geworden ist. Wenn es Sie interessiert, so will ich Ihnen gern etwas von den Wüstungen in unserm Kreise erzählen." — „Es wird uns freuen, davon etwas zu hören", antwortete der Wirt.

Und nun begann der Geschichtsforscher: „Fast alle Wüstungen unseres Kreises sind in der Zeit von 1200-1500 entstanden. Damals fochten die vielen kleinen Fürsten, die wir hatten, untereinander oft blutige Fehden aus. Dabei ist mancher Ort zerstört worden. Auch im Fleglerkriege 1411—1414 hat so manches Dorf daran glauben müssen. Und wie schnell war ein Ort abgesengt! Waren doch fast alle Häuser nur aus Holz und Lehm gebaut und mit Stroh gedeckt. Das Recht, Steinhäuser zu bauen, hatten nur Kirchen, Klöster und Edelleute. Wenn da in solchem Dorfe mit Strohhütten Feuer ausbrach und der Sturm dazu kam, dann sah man am nächsten Tage vom ganzen Dorfe nur noch rauchende Trümmer. Auf diese Weise ist mancher Ort wüst geworden. Die Leute, deren Gehöfte abgebrannt waren, siedelten sich dann in einem benachbarten Orte an oder zogen nach der Stadt. Die Stadt lockte damals; denn hier waren sie sicherer als auf dem Lande, hier in der Stadt blühten Handwerk und Handel, und an Arbeit fehlte es nicht.

Eine andere Ursache zum Wüstwerden vieler Orte war die Pest oder „der schwarze Tod", wie man sie nannte. Besonders schlimm trat sie auf in der Mitte des 14. Jahrhunderts. Ganze Dörfer starben damals aus. Und die wenigen Menschen, die im Orte leben blieben, flohen die Stätte des Todes und des Grauens. Die Häuser zerfielen, der Ort ging ein. — Ich habe festgestellt, daß im Kreise Sangerhausen 75 Wüstungen nachweisbar sind. Ich könnte ihnen auf der Karte der Wüstungen des Kreises Sangerhausen zeigen, wo die wüst gewordenen Orte gelegen haben. Hier und da stehen noch heute Mauerreste und Ruinen davon, die letzten Zeugen ihres ehemaligen Daseins. In den Flurbezeichnungen haben sich vielfach ihre Namen erhalten. Sonst weis; man von den alten, verschwundenen Orten nicht viel; denn Ortschroniken, wie man sie heute in unsern Dörfern führt, gab es damals noch nicht. Und wenn irgendwelche Urkunden vorhanden waren, so sind sie in Kriegen verbrannt worden oder sind auf irgendeine andere Art verloren gegangen." —

Mit größter Aufmerksamkeit hatten der Wirt und der Bauer Apel zugehört. „Haben Sie schönen Dank für ihre Aufklärung, Herr- Geschichtsforscher," sagte der letztere und fuhr fort: „Die Erklärung unseres Ortsnamens ist ja auch gar nicht zu verstehen, wenn man nicht weiß, daß Uftrungenfrüher hier in derNähedes Gasthauses Thyra-Fuchs an der Thyra gelegen hat; denn Uftrungen heißt Oberthyrungen, das ist der oben an der Thyra gelegene Ort. Ich glaubte nun, daß das alte Dorf im Dreißigjährigen Kriege zerstört worden sei. Da bin ich Ihnen für ihre Aufklärung wirklich dankbar. —

Mit einem Händedruck verabschiedete er sich. Der Herr Geschichtsforscher und sein Wandergefährte brachen auch auf, nachdem sie bezahlt hatten.

Bauer Apel aber sprach beim Pflügen immerfort vor sich hin: „Ja, ja, Altendorf, du bist von der Erde verschwunden, der Pflug geht über dich hin!" -

R. Hennig.

Wie die Stadt Heringen belagert wurde[Bearbeiten]

I.

Es war im Sommer des Jahres 1406. In den Straßen von Heringen herrschte ein hastendes Leben und Treiben. Bewaffnete Männer mit Hellebarden und Sturmhauben marschierten durch die Straßen. Armbrustschützen in großer Zahl waren an der Stadtmauer beschäftigt. Auch oben auf dem Schlosse des Grasen Dietrich IX. von Hohnstein und Heringen bemerkte man große Unruhe. Es lag etwas in der Luft. Scharf spähte der Wächter des Schlosses Tag und Nacht nach allen Richtungen in die Ferne. Die Stadttore waren stärker als sonst mit Wachen besetzt. Erwartete man herannahende Feinde? —

Graf Dietrich war ein fehdelustiger Herr. Er lag mit dem Kloster Walkenried in Streit, weil er von dessen Gütern Bodenrode und Berbisleben bei Uthleben, Lappe, Bennungen und Riethos bei Heringen den 4. Teil der jährlichen Ernte beanspruchte. Der Abt des Klosters weigerte sich, diese hohen Abgaben zu zahlen. Doch wer die Macht hat, hat das Recht, und Dietrich nahm sich mit Gewalt, was man ihm nicht freiwillig geben wollte. Nun beschwerte sich der Abt beim Kaiser. Daraus mußte wohl etwas folgen. Man sprach von einem Reichsheer, das gegen Heringen im Anrücken sei, um den bösen Dietrich zu züchtigen.

Der Morgen des 15. August war gekommen. Da verkündeten die Wächter den nahenden Feind. Ein Reichsheer aus Soldaten der Städte Mühlhausen, Nordhausen und Goslar rückte heran, um die Stadt zu stürmen. Doch das war nicht so einfach. Am die Stadt herum zogen sich breite Gräben, die vorn Wasser der Helme gespeist wurden. Eine mit Türmen bewehrte, starke Stadtmauer bot den Verteidigern sicheren Schutz. Von hier aus beherrschten die Armbrustschützen ein weites Schußfeld. Wehe dem Feinde, der in die Reichweite der sicheren Schützen kam! So versuchte der Führer des Reichsheeres, die Stadt durch Hunger zu bezwingen.

Schon hatte man längere Zeit die Stadt belagert und erhoffte bald ihre Übergabe. Da meldete sich eines Tages ein Unterhändler der Stadt bei den Belagerern und wünschte, zum Führer des Reichsheeres gebracht zu werden. Man freute sich im Reichsheer auf die reiche Beute, die Heringen seinen Eroberern geben würde. Doch was trug da der Unterhändler für einen großen Korb? Und warum trug er ihn so vorsichtig? Ein duftender Braten war darin. Dietrich hatte ein zahmes Kaninchen schlachten lassen und schickte den herrlichen Braten davon dem Führer mit den Worten, wenn er bald wieder einen solchen Braten zu essen wünsche, so möchte er es nur bestellen. Man habe noch genug davon in der Stadt. Der Führer stutzte, und weil er glaubte, daß Heringen noch reichlich mit Nahrungsmitteln versorgt sei, zog er mit dem Belagerungsheere ab[1]. Da herrschte in Heringen große Freude.

II.

Dietrich suchte nun mit seinem Heere die Walkenrieder Klosterhöfe von neuem heim und plünderte sie aus. Riethof und Lappe gingen dabei in Flammen auf. Wieder beschwerte sich der Abt des Klosters beim Kaiser, wieder rückte ein kaiserliches Belagerungsheer heran. Durch Hunger hatte man die Stadt nicht bezwingen können. Da ersann man ein neues Mittel. Die Belagerer gruben von der Helme bei Sundhausen bis zur Zorge bei Vielen einen tiefen Graben, um die Helme abzuleiten. Dadurch sollten die Stadtgräben um Heringen, die von der Helme mit Wasser versorgt wurden, trocken gelegt werden.

Der Führer des Reichsheeres träumte in der Nacht schon davon, wie er den widerspenstigen Dietrich dem Kloster Walkenried als Gefangenen überlieferte, und wie er die Heringer Bürger für den hartnäckigen Widerstand bestrafte. Bald sollte der Graben fertig sein. And wenn dann das Wasser aus den Stadtgräben sich verlaufen hatte, sollte der Sturm auf die Stadt einsetzen. Im Schutze der nächtlichen Dunkelheit wollte man mit Leitern die Mauern ersteigen, die Tore öffnen und so in die Stadt eindringen. Und dann wehe dir, Dietrich, wehe dir, Heringen! —

Der neue Graben war fertig. Die beiden schützenden Dämme an der Helme und Jörge zum Graben hin wurden durchstochen, die Helme nach Heringen zu abgedämmt. Nun mußte sich das Wasser durch den Graben zur Zorge hin ergießen. Wie stürzten die Wassermassen der Helme hinein! Doch was war das? Auch von der Zorge her kam das Wasser und stieg höher und höher. In der Helme staute es sich. Der Damm wurde vom Wasser hinweggerissen, und nun floß auch noch die Zorge durch den neuen Graben in die Helme. Anstatt daß die Heringer Stadtgräben trocken wurden, flössen sie über und überschwemmten die ganze Gegend. An einen Sturm auf die Stadt konnte man nicht mehr denken. —

Wieder mußte das Reichsheer unverrichteter Sache abziehen. Nun blieb dem Kloster Walkenried weiter nichts übrig, als mit Dietrich Frieden zu schließen. Er kam 1410 durch Vermittlung des Klosters Ilfeld zustande. Das Kloster Walkenried mußte einen großen Teil seiner Besitzungen an die Heringer Bürger als Zinsland abgeben, dem Grafen Dietrich die 9 Hufen Land bei Bennungen überlassen und von den übrigen Gütern den 4. Teil aller Früchte abliefern. Dietrich und die Stadt Heringen hatten gesiegt.

R. Hennig.

Die Bischofsschlacht bei Uftrungen[Bearbeiten]

(20. Nov. 1437.)
1. Raub und Plünderung des Bischofs Burchard III.

Südöstlich von Uftrungen, in der Nähe des Arnswaldes, ragen Mauerreste einer ehemaligen Kirche in die Lust. Vor 500 Jahren lag hier still und friedlich ein Dorf, Bernecke genannt. — Es war an einem Spätherbsttage 1437. Da sah man im Osten in Richtung auf Breitungen und Agnesdorf zu gewaltige Rauchwolken aufsteigen. „Lieber Gott, bewahre uns vor Krieges- und Feuersnot! Du hast uns gnädig beschützt, als die Flegler vor einigen Jahren in unserer Heimat sengten und plünderten. Sei auch diesmal gnädig und barmherzig mit uns!" — So betete der Geistliche des kleinen Dörfchens mit seiner Gemeinde. —

Die Nacht ging hin. Alles blieb ruhig. Aber am nächsten Tage erschien ein Bote aus Hattendorf, das zwischen Breitungen und Agnesdorf lag, und erzählte atemlos: „Unser ganzer Ort ist gestern in Flammen aufgegangen. Fußvolk und Reiter des Bischofs Burchard III. von Halberstadt mit kriegsgerüsteten Männern aus Quedlinburg und Aschersleben erschienen gestern bei uns. Sie stahlen wie die Raben, holten sich das Vieh aus dem Stalle und Essen und Trinken, wie es ihnen gefiel. Der Hüfner Breitbart wollte einem der Räuber seine letzte Kuh nicht geben. Sie kamen in Streit. Wutentbrannt ergriff Breitbart die Axt und schlug ihn nieder. Doch zehn andere fielen über ihn her, stachen ihn tot und brannten sein Haus an. Das Feuer griff um sich, und bald stand der ganze Ort in Flammen. Habt ihr den Feuerschein nicht gesehen? — Jetzt Hausen sie in Breitungen. Ins Hohnsteinsche soll der Zug gehen. Es sind an die 2000 Mann. Vielleicht könnt ihr sie heute schon bei euch sehen." —

„Gott sei uns gnädig", sagten die Umstehenden. Und bald wußten es alle, daß Bischof Burchard III. mit seinem Heere im Anmarsch war. —

Niedergebrannte Häuser, erschlagene Menschen, umherirrendes Vieh verrieten am nächsten Tage, daß sie dagewesen waren. —

So ging der Zug durch die Goldne Aue. Überall wurden die Dörfer geplündert, „daß kein Huf, keine Klaue, keine Feder mehr drin war", wie der Chronist meldet.

II. Siegesjubel und Hochmut des Bischofs

Das war ein Jubeln, als am 20. November 1437 der Heerhaufe Burchards von Heringen her mit all den geraubten Kostbarkeiten an silbernem und goldnem Küchengerät, mit Wagenladungen voll Beute, mit einer Herde von Vieh über Berga, Uftrungen, Rottleberode nach dem Harze zurückkehrte. Der Bischof ritt mit seinen Reisigen von Görsbach her einen sanft ansteigenden Höhenzug, die Schafleite, hinauf, um den Weg abzukürzen. Ein Bauer aus Görsbach mußte ihnen als Führer dienen. Wie glänzten die blanken Rüstungen und Helme der Grafen von Regenstein, von Blankenburg, von Schöneburg, die in der Begleitung des Bischofs waren, in der Novembersonne! Voraus sprengten die Stadthauptleute von Quedlinburg und Aschersleben, um auszukundschasten, ob der tiefe Hohlweg, der von der Höhe der Schafleite nach Uftrungen herabführte, auch frei sei. Sie hatten nichts Verdächtiges wahrgenommen, lüfteten ihre Helme und warteten auf der Höhe auf ihren Kirchenfürsten. „Der Weg ist frei!" berichteten sie ihm. — „Nun", rief der Bischof übermütig: „Der Stolberger hat wohl auf Jahre hinaus genug, und auch Hohnstein wird sich hüten, uns je wieder zu begegnen. — Seht, dort grüßt uns schon der Auerberg! Und dort am Taleingang unseres Harzes liegt Rottleberode. Das soll uns das Mittagsmahl bereiten! — Nun vorwärts!" — So sprach voll Hochmut Bischof Burchard III. und gab seinem Streithengst die Sporen. Hinein gings in den Hohlweg. —

III. Das Strafgericht

Doch der Weg war nicht frei. Während der Bischof mit seinem Heere in dem Hohnsteinschen Lande geraubt und geplündert hatte, riefen Graf Botho VII. von Stolberg, Heinrich der Kühne von Hohnstein und Heinrich der Jüngere von Schwarzburg ihre Dienstmannen zusammen, um Rache zu nehmen an dem Bischof und seinem Heere für die Verwüstungen und Brandschatzungen. Freudig stellten sich die Einwohner von Schwenda, Dietersdorf, Breitungen, Questen- berg, Nennungen, Aftrungen und anderen Orten mit in ihre Reihen.

Der dichte Wald an der Schasleite bot ihnen ein prächtiges Versteck. —

Kaum war der Reitertrupp in der Mitte des Hohlweges angekommen, ertönten Rufe: „Hier Hohnstein!" — „Heil Stolberg!" — „Drauf Schwarzburg!" — Es waren die Schlachtrufe der Verbündeten. Im Walde wurde es lebendig. Pfeile schwirrten hinein in die feindlichen Reihen. Steine rollten herab, Schwerter blitzten auf. — „Zurück!" befiehlt der Bischof. Aber es geht nicht. Der Weg oben ist abgeriegelt. Die Schwerter des schwarzburgischen Bannerträgers Friedrich von Werthern und seiner Dienstleute nehmen blutige Rache. In Strömen fließt das Blut den Hohlweg hinab. Leichen türmen sich über Leichen. Ein Zurück gibt es nicht mehr. Also rette sich, wer sich retten kann! Zum Ausgang des Weges! — Aber auch hier ist der Weg versperrt. Die Ritter von Ebra, von Heringen, von Arnswald, von der Tyrburg und ihre Getreuen aus den Dörfern fahren wie ein Wetterstrahl in die dichten Haufen. Hei, wie sausen die Dreschflegel der Bauern auf die Reiter nieder, wie schwingen sie die Sensen zu blutiger Ernte, wie fahren Gabeln und Spieße rachedürstend in Leiber von Menschen und Pferden! — Es ist, als ob sich die Hölle hier aufgetan hätte, aus der es kein Entrinnen mehr gibt. In das Schlachtgeschrei der angriffslustigen Schar der Rache mischt sich das Röcheln und Stöhnen von Sterbenden und Verwundeten.

Was sich noch retten kann, flieht seitwärts vom Wege durchs Gebüsch. Aber dort empfängt sie der Sumpf und der See. Von allen Seiten treibt man sie hinein. Sie finden hier ihr nasses Grab oder werden gefangen genommen. — Nur einige entkamen, darunter war auch der Bischof. Doch an den Folgen einer Verwundung starb er bald darauf.

Der Troß mit der Beute, der die Straße von Berga her ahnungslos gezogen kam, wurde mit Leichtigkeit überwältigt. —

IV. Die Beute und der Lohn der Sieger.

So endete der stolze Heereszug des Bischofs Burchard III. von Halberstadt. Die Gefangenen steckte man in die festen Burgen der Sieger. 16 000 Goldgulden Lösegeld mußten sie zahlen, um sich aus der Gefangenschaft wieder loszukaufen. Über 500 gesattelte Pferde gehörten mit zu der Beute. Aus dem See bei Aftrungen fischte man noch wochenlang Waffen und Rüstungen der Ertrunkenen heraus.

Die aber/ die geholfen hatten, den herrlichen Sieg zu erringen, belohnte Graf Botho VII. mit reichen Geschenken und Vorrechten. In dieser Zeit sollen Questenberg und Bennungen das Recht bekommen haben, einen Roland und ein Rügegericht zu führen. (Wie der Roland von Bennungen wieder verschwunden ist, kann man geschichtlich nicht nachweisen.)

In einer andern Arkunde heißt es: „Wir, Graf Heinrich von Schwarzburg, Herr zu Arnstadt und Sondershausen, bekennen in diesem öffnen Brief vor uns und unsere Erben, daß wir den gestrengen Fritzen von Werthern, unsern lieben getreuen, rechter und redlicher schuldt schuldig sind 200 rheinische gute Gulden, von solcher Vorthel wegen, die der genannte Fritz an der Panier gethan und erworben hat, als der Edle Graf Heinrich, unser Sohn, streite mit dem Bischöfe von Halberstadt und seinen Städten in dem Thal bey Offterungen. — Gegeben den Dienstag nach Exaudi des 1438. Jahres". —

R. Hennig.

Aus den Tagen des Bauernkrieges[Bearbeiten]

Es ist Freitag nach Ostern, der 21. April 1525. Die Morgensonne strahlt hell und klar vom blauen Himmel hernieder. Der Wald ist bereits aus seinem Winterschlafs erwacht. Leberblümchen strecken ihre blauen Sterne aus dem Laube, das sie schützend geborgen hatte vor des Winters eisigem Hauche. Windröschen schaukeln ihre weißen Blütenköpfchen im lauen Frühlingswinde, und da und dort haben schon einige Buchen ihr zartes, lichtes Frühlingsgewand angelegt.

Zu diesem lieblichen Frühlingsbilde paßt nicht das Bild des Aufruhrs und der Empörung in den sonst so stillen Straßen Stolbergs. Eine aufgeregte Menschenmenge wogt auf dem kleinen Marktplatze und in den engen Straßen auf und ab. Die Landsknechte der Grafen von Gleichen mit Sturmhaube und Hellebarde mischen sich unter die friedlichen Bürger. Die Tore an den Straßeneingängen am Marktplätze sind geschlossen, alle Zugänge nach dem Schlosse mit Ketten gesperrt. Ein stattliches Haus am Markte, das der Gräfliche Rentmeister Wilhelm Reiffenstein bewohnt, ist besonders durch eine starke Kette geschützt. Auf dem Fahrdamme im Thyratale reitet Adam Berger auf und ab, um anrückendes Bauerngesindel schnell zu melden. Droben auf dem Schlosse sind viele Hände eifrig beschäftigt, das Schloß zu befestigen. An einem starken Verhau mit Schießscharten wird emsig gearbeitet. Hinter der Brustwehr der Mauer und den Schießscharten des Torhauses stehen die Landsknechte mit geladener Muskete. Die Zugbrücke ist aufgezogen, und auf dem Turme späht der Wächter Tag und Nacht mit scharfem Auge in die Ferne. Flammende Glut am nächtlichen Himmel in der Gegend der Goldenen Aue hatte bereits das nahende Unheil verkündet. Das Schloß vermag kaum, die Menge vornehmer Gäste zu beherbergen, die hierher geflüchtet sind.

Da rufen die Glocken der Martinikirche zum Gottesdienst. Aus dem Hause Reiffensteins schreitet eine kraftvolle Gestalt mit tiefliegenden Augen und überragender Stirn. Es ist Luther, an seiner Seite sein Freund Reiffenstein. Voller Ehrfurcht grüßt die Menschenmenge den kühnen Mann. Er schreitet über den Marktplatz und steigt zur Martinikirche empor. Mit zündender Beredsamkeit sucht er die irregeleiteten Bürger zu beruhigen. Nachdenklich und tief ergriffen verläßt die Gemeinde das Gotteshaus. Allmählich wird es stiller in den Straßen. In seiner Waffenschmiede hämmert Meister Hans Schuh mit wuchtigen Schlägen das glühende Eisen. Plötzlich hält er inne. Allerlei widersprechende Gedanken gehen ihm durch den Kopf. Thomas Münzer hatte an einem Palmsonntage mancherlei gepredigt von der Freiheit eines Christen, von der ungerechten Verteilung der irdischen Güter und dem Elend der Untertanen. Soeben hatte er aber von Doktor Luther gehört, daß Gottes Reich ein Friedensreich und daß ein rechter Christ auch der Obrigkeit Gehorsam schuldig sei, wie es Gott gebietet. Wer hatte nun recht? Nachdenklich stellt er den Hammer beiseite, um bei seinem Freunde, dem Wollenweber Hans Sachs, sein Herz von den quälenden Zweifeln zu lösen. Der springt von seinem Webstuhle, und bald sind beide im eifrigen Gespräch über Luthers Predigt. Hatte Thomas Münzer, ihr Landsmann und einstiger Mitbürger, sie vor einiger Zeit in Empörung über die Ungleichheit unter den Menschen gebracht, so dachten sie jetzt ruhiger. Steht doch auch in der Bibel zu lesen: „Arme und Reiche müssen untereinander sein!" —

Wie auf den Waffenschmied Hans Schuß und den Wollenweber Hans Sachs, so hatten Luthers Worte auf alle Einwohner Stolbergs beruhigend gewirkt. Während in der Goldenen Aue rauchende Trümmerhaufen von Schlössern, Klöstern und Kirchen von dem Zerstörungswerk plündernder und raubender Bauernhaufen zeugten, war es in Stolberg noch ruhig. Doch am 2. Mai singen auch hier die Flammen des Aufruhrs an zu lodern. Graf Botho hielt sich gerade in Calbe an der Saale auf. Als er von dem Aufruhr in seiner Residenzstadt hörte, kehrte er sofort zurück. Eine Rotte von ZOO Aufständischen belagerte das Schloß und erzwäng vom Grafen Botho das Versprechen, die vorgelegten Bauernartikel zu halten und in ihren Bund einzutreten. Wohl oder übel mußte er sich dazu bereit erklären. Er berichtet sogar, daß ihn einige Empörer hätten erwürgen wollen. Weil aber die Bauern trotz seines Versprechens das Schloß noch weiter belagerten, ritt Gras Botho, von einem Jäger begleitet, heimlich nach Wernigerode. Die Bauern forderten ihn auf, sofort zurückzukehren, sonst würden sie das Schloß stürmen und Weib und Kinder töten. Die Sorge um seine Familie bewog den Grafen zur Rückkehr. Als er ankam, wurde er von einer Rotte Aufständischer umringt. Sie zwangen ihn, vom Pferde zu steigen und auf einem Steine sitzend eine Urkunde zu unterschreiben, worin er versprach, alles zu tun, was sie verlangten. So waren diese Tage für die gräfliche Familie eine Zeit großer Angst und Schrecken. In größter Sorge waren die Eltern um das Schicksal ihres ältesten Sohnes Wolfgang. Dieser hatte sich ohne ihr Wissen unter die Aufständischen gewagt und geglaubt, sie durch vernünftige Behandlung und Belehrung zur Besinnung zu bringen. Er wurde aber von den Bauern umzingelt und gefangen gehalten. Der besorgte Vater bot alles auf, um seinen Sohn zu befreien. Er sandte Hans von Werthern und Kaspar von Rüxleben nach Frankenhausen,- aber nur der erstere kehrte zurück. Dann wurde ein Wagen mit einer Steinbüchse und 20 Pfund Pulver, von 6 Knechten begleitet, zu den Aufrührern als Lösegeld für den Grafensohn gesandt. Doch die Mannschaft ging zu den Bauern über. Erst nach der Schlacht bei Frankenhausen erhielt der Grafensohn seine Freiheit wieder.

Die Schlacht bei Frankenhausen beendete den Bauernaufstand. Nun krochen auch die Untertanen des Grafen Botho zu Kreuze und flehten um Gnade. Die Strafe folgte auf dem Fuße und traf besonders die Anführer. So wurde der Schultheiß von Niedersachswerfen, dessen Gemeinde sich bei der Zerstörung der Klöster besonders hervorgetan hatte, grausam gefoltert und mit 9 andern Rädelsführern, darunter 8 Stolbergern, durch den Scharfrichter aus Nordhausen am Galgen aus dem Schweineberge gehängt. Die aufständischen Gemeinden wurden nach der Größe ihrer Schuld und Leistungsfähigkeit mit Geldstrafen bis zu 600 Gulden belegt und mußten dem Grasen von neuem huldigen.

Im übrigen war er seinen Gemeinden ein milder Herr und ließ auch die verhängten Geldstrafen niemals einziehen. Er wußte, daß die Bewohner seiner Grafschaft nur irregeleitet und verhetzt waren. Bald hatten sich der Graf und seine Untertanen wieder versöhnt. Die Tage des Aufruhrs waren vergessen.

O. Landmann.

Aus den Schreckenstagen des Dreißigjährigen Krieges[Bearbeiten]

1625/26 in Hayn (Harz).

Es war kaum glaublich, was Jakob Rose für Neuigkeiten mitgebracht hatte: „Der Obrist du Vuer steht mit einem ganzen Regiment Wallensteinischem Volk schon hinter Harzgerode; nun wird es wohl nicht mehr lange dauern, dann kriegt Hayn die Mordbuben auch zu sehen."

Das Gerücht war mit Windeseile durchs Dorf geflogen: „Die Wallensteinschen kommen! Die Wallensteinschen kommen!" Ganz Hayn glich einem Ameisenhaufen. Männer mit Säcken oder mit Holzkästen in den Händen und auf den Schultern gingen im Sturmschritt zum Kirchhof, die Frauen zogen weinend hinter ihnen her, und die Kinder riefen halb ängstlich, halb neugierig einander zu: „Die Wallensteinschen sind gleich da!"

Vor der Tür des Kirchturmes hatte sich die Menge gestaut. Christoph Ungefroren wollte den Schlüssel nicht herausgeben und öffnen. „Herr Pastor und der Schulze sind noch beim Amtmann, sie kommen gleich." Die Bauern schimpften über die Zeitvertrödelei. Da wurde es auf einmal still in dem tobenden und drängenden Haufen. Der Herr Pastor und der Herr Amtmann kamen mit dem Schulzen die Gasse herauf. Sie schoben sich durch den Menschenhaufen, und der Herrn Amtmann hub an, nachdem er mit einer Handbewegung Ruhe geboten hatte: „Ihr wißt alle, daß der Wallensteiner bald hier sein kann, bewahrt darum eure Ruhe, und gebt eure Geräte in der bestimmten Reihenfolge auf den Turmboden. Geht dann stracks heim, und versteckt alles, was ihr noch in der Küche und in der Stube habt! Keiner geht mir auf die Klusstraße oder auf den Dietersdörfer Weg! Hans Lorentz und Balhar Scheffer stehen draußen und tuten, wenn sie kommen." — „Und nun bewahre uns der Herrgot vor dem Unheil, wie es der Braunschweiger auf dem Eichsfelde angerichtet hat. Betet, und vertraut auf den Herrn!" schloß der Pastor. Und alle senkten die Häupter. —

Die eingepackten wertvollen Geräte wurden aus den obersten Turmboden gebracht. Ungefroren schloß die beiden schweren Schlösser um und gab die Schlüssel dem Herrn Amtmann. Die Leute kehrten in ihre Häuser zurück. „Es ist nur gut, daß wir vor zwei Jahren das Versteck da oben eingerichtet haben", wandte sich der Amtmann an den Pastor beim Nachhausegehen, „wenn's noch so schlimm werden sollte, haben wir doch etwas in Sicherheit gebracht." — „Möge Gott es gnädig machen!" sagte der Pastor, als sie sich an der Ecke bei der Pfarre verabschiedeten.

Der Tag schlich langsam hin. Am Abend wagte niemand, sich zur Ruhe zu legen; es war eine angsterfüllte Nacht.

Am andern Morgen, man schrieb den S. im Oktober, kam Hans Lorentz bei 9 Uhr ins Dorf gerannt, blies in sein Horn und schrie atemlos: „Sie sind unten an der Klus! Sie kommen, sie kommen!"

Und die Wallensteinschen kamen.

Schier endlos war der Zug, der sich die Klusstraße herab ins Dorf bewegte: Reiter und Fußvolk, Frauen, Kinder und Wagen an Wagen. An der Spitze ritt ein Mann mit großem Schnauzbart, vorn breiten Hute hingen lange, bunte Federn herab. Mit den ledernen Handschuhen hielt er die Zügel und schaute bald links, bald rechts mit drohenden, finsteren Blicken in die Fenster, hinter denen die Haynschen mit klopfendem Herzen guckten. Der Obrist sprang vor dem Amtshofe vom Pferde ab. Er sprach mit einem anderen Reiter, und der Zug wandte sich hinein ins Dorf. —

Hayn war in zwei Stunden in ein Lager verwandelt. Auf den Straßen standen Wagen, auf denen die wild aussehenden Frauen und oft zerlumpte Kinder hockten. Hier und da hielten herbeigeholte Bauern drei oder vier Pferde zusammen. Überall ertönten Rufe von Einheimischen oder von den bunten Soldaten. In den Häusern hatte niemand Ruhe. Die Landsknechte verlangten Brot und Schinken und Butter, dazu sollte Johannisbeerwein da sein. Manche Soldaten gingen in die Keller und holten sich herauf, was ihnen gefiel. Manche durchstöberten alle Stuben und nahmen mit, was sie an Eßwaren und Wertsachen versanden. Nach Futter für die Pferde wurde nicht erst gefragt. Die Wallensteinschen holten aus den Scheunen heraus, was sie brauchten; ja, noch mehr, ihre Vorratswagen luden sie voll und stahlen manchen Bauern 6, 8, auch 10 Scheffel Getreide.

Es war gegen 6 Uhr abends, als Martin Rosenbaum unter dem Tore stand und Kaspar Hvmburch, der Schulze, vorbeikam. „Daß Gott erbarm"', flüsterte Rosenbaum dem Schulzen zu, „alles, was im Rauche hing, haben mir die Kerle gestohlen, ünd als meine Frau wenigstens einen Schinken behalten wollte, da zog der Lange, der bei uns ist, ein Teufelsgesicht, daß meine Frau vor Angst in die Stube flüchtete. Was soll nun bloß im Winter werden?" — „Sei man ruhig, Martin," sagte der Schulze und sah sich scheu dabei um, „morgen wollen sie wieder abziehen. Sie reichen jetzt für ein paar Tage, sagte mir der dicke Wachtmeister." — „Das glaube ich, Kaspar, bei Nachbar Storm liegt auch kein Futter mehr in der Scheune. Den armen Storni haben sie mittags geholt, da mußte er mit dem Jungen und der Frau den Hafer noch ausdreschen. Drei Mann standen daneben und lachten sich eins, ünd sagt man ein Wort dazu, dann kann man sich darauf gefaßt machen, daß man das Messer im Leibe hat, das sie im Schafte tragen. Dreinschlagen müßte man!" — „S-t, sei stille, sonst treiben sie's bloß noch schlimmer."

Homburch ging die Dorfstraße hinunter. Er wollte noch beim Herrn Amtmann vorsprechen. Aber bei der Schenke kam er nicht durch. Hans Sachßen hatten ein paar stämmige Kerle seine Kuh mitgenommen und vor der Schenke an ihren Wagen gebunden. Jetzt jammerte Sachße beim Wachtineister, damit er die Kuh wiederbekam. „Geh' hm zum Schulzen, da komint er gerade, der kann dir 'ne neue Kuh besorgen", lachte der Wachtmeister und hob sein rechtes Bein, um den Bauern durch einen Fußtritt zu versagen. „Komm her, Hans", rief der Schulze herüber, „brock' uns nichts ein!" Schimpfend kam Sachße und ging mit Homburch weiter; die vor der Schenke aber lachten aus vollem Halse. Die Nacht über herrschte ein wahrer Kirmesbetrieb im Dorfe. Beim Amtmann lag der Obrist auf dem Fußboden und johlte Lieder, die niemand verstand, und in der Gemeindeschenke standen die Landsknechte mit mehreren mitgebrachten Weibern noch am Morgen mit den Gläsern in der Hand und sangen. Um 8 Uhr blies ein Reiter mehrere Male im Dorf. Du Vusr wollte wieder nach Harzgerode zurück, da seine Leute sich für einige Tage mit Mund- und Futtervorrat versehen hatten. Kurz vor Mittag war der wüste Zug wieder im Wippertale und verschwand in der Richtung nach Harzgerode.

Der Herr Amtmann ließ die Haynschen am Nachmittage aus den Amtshof kommen. Nachdem der Herr Pastor ein Dankgebet gesprochen hatte, begann er: „Das war die erste Einquartierung, die uns der Wallensteiner besorgt hat. Seid zufrieden, daß sie noch so abgelaufen ist. Es wird noch schlimmer kommen. Aber wir müssen zusammenhalten und zusehen, daß wir unser Brot haben, mehr können wir in diesen Kriegszeiten nicht verlangen." —

Über den Südharz kam tatsächlich eine Leidenszeit, in der mancher Bauer nicht wußte, woher er das Saatkorn nehmen sollte, und wenn er's noch hatte, so waren ihm Kühe oder Pferde gestohlen worden. Es war eine Schreckenszeit, wie man sie nie für möglich gehalten hatte.

Anfang November lagen an die 8OOO Mann in den Dörfern der Stolbergischen Grafschaft, und am 29. kamen l4 Kornett Reiter und einige Fähnlein Fußvolk durch Hayn. Wenn auch manche Obristen für Zucht und Ordnung sorgten, so waren die armen Harzbauern doch bald bei den häufigen Einquartierungen ausgesogen.

Aber mehr noch wuchs die Not, als das Jahr 1626 zu Ende ging. Der Herr Pastor hatte Sonntags in der Kirche den Herrn gebeten, daß er das Dorf vor dem Schwarzen Tode bewahren möge. Das war's, was die Leute so ängstlich machte. In der Aue starben die Menschen, als würden sie weggemüht, und keiner konnte sagen, was für eine Krankheit es eigentlich war. Alte Leute erzählten, das sei die Pestilenz, die kommen müßte; denn anno 1618 hätten die blutigen Kreuze am Himmel sie schon angezeigt. Nicht lange mehr brauchten die Südharzer warten, da war der grausame Sensenmann auch bei ihnen der furchtbare Begleiter der Kriegsnöte geworden.

Liberius Zimmermann war nach Neujahr 1626 mit seinem Sohne Ludwig in Stolberg gewesen. Sie hatten das letzte Schwein verkauft, ehe es von dem Kriegsvolke genommen wurde. Aber am nächsten Tage legte er sich ins Bett. Ein Fieber rüttelte ihn, wie er es nie gekannt hatte. Abends klagte er über Kopfschmerzen, die ihm den Schädel sprengen wollten, und am Morgen, als der Herr Pastor an seinem Bette stand, konnte er sich nicht mehr bewegen. Steif waren ihm alle Glieder geworden, und wirr schauten die Augen aus dem bleichen Gesichte. Einen Chirurgus gab es in Hayn nicht, deshalb eilte der Herr Pastor, dem Kranken die letzte Stärkung zu geben. Aber kaum hatte der Geistliche das Haus verlassen, da wimmerte Zimmermann. Er schlug wild um sich, richtete sich auf und fiel starr zurück ins Kissen. Als der Herr Pastor mit den heiligen Geräten zurückkam, lebte Zimmermann nicht mehr. Dem sechzehnjährigen Ludwig erging es ähnlich. Bei ihm hatte das Fieber etwas später eingesetzt; aber in der Nacht rannte er wie ein Tobsüchtiger in der Stube umher, und wenige Stunden nach des Vaters Tode starb er unter qualvollen Schmerzen. Die Leichname bekamen ein seltsames Aussehen. An vielen Stellen waren sie mit Geschwüren bedeckt. Und als die Beerdigung am 7. Januar stattfand, waren die Leichen schwarz geworden.

Das war der Schwarze Tod, die Pest, vor der sich nun niemand mehr retten konnte. Alle paar Tage läutete der Küster das Glöcklein, und hastig brächte man die Toten unter die Erde. Der Herr Pastor war standhaft und suchte in den Häusern zu trösten. Er war selten zu Hause, überall bedurfte man seiner, bei Kranken, bei Sterbenden und bei den Toten. Er hatte sich auch nach mancherlei Mitteln erkundigt, welche die Krankheit abwenden sollten. Die Stuben mußten gekalkt werden, viele Leute besprengten sich auch mit Essig, oder sie nahmen ein in Essig getauchtes Tuch vor das Gesicht. In verschiedenen Häusern wurden frische Tannenzweige verbrannt, das sollte helfen. Wer über die Straße gehen mußte, nahm Lorbeerblätter oder Zitronenschale in den Mund, um sich vor der Pest zu schützen. Alte Leute kannten besondere Mittel, die den Angesteckten noch helfen sollten: Tee von Baldrian und Schöllkraut oder warmes Brot auf den Leib binden und Branntwein darüber gießen. Doch Hilfe boten all diese Mittel, die teilweise aus dem Aberglauben und der Ankenntnis der damaligen Zeit entstammten, nicht. Auch der Chirurgus in Stolberg, zu dem man um Rat geschickt hatte, wußte kein wirksames Mittel gegen die ansteckende Pest. Die Unglücklichen, die das Fieber gepackt hatte, nahmen nach drei oder vier Tagen ein gräßliches Ende.

Im Sommer 1626 war es so schlimm in Hayn geworden, daß kein Totengräber mehr zu finden war. Die Angehörigen mußten mit dem Herrn Pastor die Leichen allein bestatten. An die Häuser, in denen Pestkranke waren, machte man schwarze Kreuze, jedem zur Warnung. Aus dem Dorfe wagte sich niemand mehr hinaus in der schrecklichen Angst, daß er sich draußen die Pestilenz holen könnte.

Herzzerreißend war der Jammer in Kaspar Kegels Hause. Am 2S. Juni waren seine beiden ältesten Töchter an der Pest gestorben, tags darauf begrub man ihn samt Frau und dem kleinen Knaben, und das letzte Kind, ein Mädchen, folgte den Eltern und Geschwistern am 28. Juni auf den Gottesacker. Wieviel Menschenleben die Seuche in Hayn vernichtet hatte, weiß heute niemand. Bis zum Juli 1626 waren schon 30 Personen daran gestorben, und vom 26. Juli bis 13. September — als die Pest in Hayn sich furchtbar ausgebreitet hatte — schweigen die alten, ver- oergilbten Kirchenbücher, die uns allein Kunde aus jener Zeit geben könnten; denn Pastor Schneidewind und Schulmeister Gothe hatte der Schwarze Tod selbst hinweggerafft, und außer ihnen konnte niemand im Dorfe die Kirchenregister führen.

Die Leidenszeit erreichte ihren Höhepunkt Ende 1626 dadurch, daß wieder Kaiserliche ins Dorf einrückten und erst im Frühjahr des folgenden Jahres abzogen.

Die Bevölkerung hatte um ein Viertel oder mehr abgenommen. Das Vieh stand vernachlässigt im Stalle oder war gestohlen worden. Der Acker lag brach — und in den Häusern führten die Landsknechte das große Wort. So sah es vor ZOO Jahren in unserer Heimat aus.

B. Manger.

Wie unser Kreis Sangerhausen gebildet wurde[Bearbeiten]

Wer einmal auf der Höhe der Schafleite in der Nähe der Höhle Heimkehle entlang wandert, findet dort hohe Grenzsteine. Diese Steine tragen auf der östlichen Seite das Bild eines Löwen, aus der westlichen das eines springenden Rosses. Der Löwe ist das Wappenzeichen des ehemaligen Königreichs Sachsen, das Pferd dasjenige des Königreichs Hannover, das bis 1866 bestand. Das Königreich Sachsen oder Kursachsen, wie es genannt wird, hatte in den Freiheitskriegen 1813—14 auf Seiten Napoleons bis zur Völkerschlacht bei Leipzig gegen Preußen gekämpft. Verschiedene Söhne unserer Heimat sind auch im Heere Napoleons mit in Rußland gewesen und dort mit umgekommen.

Als nun 1815 in Wien mit Frankreich Friede geschlossen wurde, mußte der König von Sachsen verschiedene Gebietsteile abtreten. Die westlichen Teile kamen zur Provinz Sachsen, und dabei wurde auch unser Kreis Sangerhausen gebildet. Am 1. April 1816 trat die neue Einteilung in Kraft. Dieser Tag gilt also als der Geburtstag unseres Kreises.

Er umfaßt das alte Amt Sangerhausen, mit dem die ehemaligen Ämter Grillenberg, Oberröblingen, Beyernaumburg, Brücken, Wallhausen, Artern, Voigtstedt und Bornstedt vereinigt waren, ferner die Grafschaften Stolberg-Stolberg und Stolberg-Roßla, die unter der Hoheit des Königs von Sachsen gestanden hatten, und endlich die schwarzburgisch-stolbergischen Ämter Heringen und Kelbra, die durch einen Sondervertrag 1819 von Schwarzburg an Preußen abgetreten wurden.

Unser Kreis ist der westlichste unseres Regierungsbezirks und bildet aus der Schafleite auch die Grenze der Provinz. Wenn du also dort oben an diesen Grenzsteinen stehst, dann denke daran, daß sie hier dreifache Grenzwacht halten.

R. Hennig.

Was unsere Berger und Täler erzählen[Bearbeiten]

Was mir der Bergquell erzählt[Bearbeiten]

Wie viel habe ich schon von murmelnden Quellen reden hören! Aber noch niemand hat mir gesagt, was sie unermüdlich zu erzählen, zu plaudern haben. Es ist heute Sonntag, und da soll man manches deutlicher und klarer vernehmen als an geräuschvollen Wochentagen. Der frühe Morgen ist kühl und maienfrisch. Ich will hier am einsamen Felsquell ruhig warten und lauschen, ob ich nichts von den Heimlichkeiten der kleinen Plauderer erfahre. — Die Morgensonne streut kosend ihre Lichtfunken wie Goldgarben durch zitternde Blätter und beleuchtet die tanzenden, hüpfenden Wellen. Ein Laubsänger zwitschert oben noch sein leises Lied —der Morgengesang zur Ehre seines Schöpfers.

Jetzt ist alles feierlich still wie in einer Kirche; aber die Schwätzerin Quelle murmelt und plaudert immerfort.

„Ihr Wassertropfen, warum eilt ihr denn so? Warum springt ihr so hastig, kopfüber, kopfunter?" — „O", sagen sie, „wir sind so viele, sehr viele! Drinnen im Berge sind ihrer noch Tausende und weiter drinnen noch Tausend und Abertausend. Ja, wer kann sie zählen? Alle, alle wollen heraus und schieben und drängen und drücken und zwängen bis zu der kleinen Tür, die du Quelle nennst. Da ist an ein langsames, anständiges Herausspazieren nicht zu denken." —

„Nun", frage ich weiter, „wenn ihr>s so eilig habt, wo seid ihr denn bis jetzt so lange gewesen? Was habt ihr so lange bis heute getrieben? Hattet ihr euch etwa verkrochen in irgendeinem unterirdischen See?"

„Nein, nein!" antworteten hundert Tropfen auf einmal, die alle zugleich ihrem Gefängnis entschlüpften. Es war ein solches wirres Durcheinandermurmeln, daß ich unmöglich etwas verstehen konnte. Ich beugte mich deshalb nieder zur Quelle und fing mit der hohlen Hand eine Menge der kleinen schwatzenden Wassertropfen auf. Langsam ließ ich einen Tropfen nach dem andern wieder hineinspringen in die lustige Gesellschaft unter mir, nachdem sie mir allerhand aus ihrem Leben verraten hatten.

„Ich", lispelte der erste, „war vor kurzer Zeit in der Wolke, die von ferne herbeizog. Ich war mit dabei, als der Blitz die Buche dort oben auf dem Berge zerschmetterte".

„Wir", sprachen zwei, die zugleich hinabsprangen, „waren im Winter Schneeflocken; wir hielten lustigen Tanz auf der Bergwiese und ruhten uns dann aus, bis uns die Frühlingssonne schmolz." — „Hagelkörner waren wir", sagten andere. — „Und wir waren Tautropfen", wieder andere. — „Wir trugen sogar schon einmal Schiffe auf dem Meere" — „wir trieben große Mühlenräder" — „wir Dampfmaschinen", erzählten viele andere.

„Sagt mir lieber", begann ich wieder zu fragen, „was ihr im Berge gesehen habt!" —„Jeder Tropfen", so hieß es, „der in den Berg dringt, nachdem er früher Negen oder Schnee, Hagel oder Tau gewesen ist, war ein kleiner, fleißiger Bergmann, der drinnen im Berge seine senkrechten Stollen und Schächte anlegt. Wenn du früher einmal in den Märchen von Berggeistern und Kobolden gelesen hast, von kleinen Männlein, die tief in der Erde fleißig sind und edle Metalle bewachen, so hast du die Geschichte der Quellentropfen vernommen. Jeder von uns Wassertropfen löst etwas von dem Gestein aus, zwischen dem er sich hindurchdrängt, und schafft es abwärts in die Tiefe. Nach kurzer Zeit aber wird ihm die Last zu schwer, und er setzt den aufgelösten Stein in der Spalte ab, durch die sein Weg geht. So bauten wir hier zierliche Kristalle mit glänzenden, spiegelnden Flächen, welche schimmern, als seien sie geschliffenes Glas." —

„Ja, wir bringen aus dem Berge auch etwas mit!" — „Wir haben große Bestellungen, gewaltige Lieferungen", prahlten andere. — „Kalk müssen wir schaffen für die Millionen junger Muscheln und Schnecken; sie wollen sich Häuser daraus bauen. Deshalb sind wir mit den Wolken hergefandt, um Kalk zur Arbeit zu holen." — —

So erzählten mir die kleinen Wassertropfen des Bergquells ihre Lebensschicksale. „Springt nur lustig weiter", sagte ich, und schüttete die letzten aus meiner Hand hinein zu den andern munteren Reise- genossen. — „And glückliche Reise!"

Wohin geht ihr Weg? — Was werden sie noch alles erleben?

R. Hennig.

Eine Talwanderung[Bearbeiten]

Liebliche Täler und sanfte Höhen, wellige Hochebenen und überragende Bergkuppen! Auf diesem reizvollen Wechsel beruht die Schönheit unserer Heimat.

Wie er in der Landschaft entstanden ist, wollen wir aus einer Wanderung durch ein Tal des Anterharzes kennen lernen. Doch heißt es mit offenen Augen wandern und selbst die unscheinbarsten Vorgänge scharf beobachten. Zu beiden Seiten des engen, tief eingeschnittenen Tales steigen steil die Schiefer- und Grauwackenfelsen auf. Die Gesteinsschichten liegen meist schräg; mitunter stehen sie sogar senkrecht, wie die Bücher auf dem Bücherbrette. Manchmal sind sie ganz merkwürdig verbogen, als wenn sie eine Riesenfaust wie ein Tischtuch zu Falten zusammengeschoben Hütte. An einer Stelle hat sich ein mächtiger Felsblock von der steilen Felswand gelöst und ist herabgestürzt. Wie konnte dies ohne Pulver und Dynamit geschehen? An heißen Sommertagen wurden die harten Felsen stark erwärmt. Da prasselte ein kalter Gewitterregen hernieder. Durch die plötzliche Abkühlung entstanden in den, harten Gestein haarfeine Nisse, wie ein erhitztes Glas zerspringt, wenn kaltes Wasser hineingeschüttet wird. In die feinen Spalten drang das Wasser ein und führte winzige Teilchen des Gesteins fort. So wurden die feinen Spalten allmählich erweitert. Im Winter gefror das eingedrungene Wasser, und nun löste die Sprengkraft des Eises in jahrelanger Wirksamkeit den Felsblock von seiner Amgebung los, bis er krachend zu Tal stürzte. Sonne, Wasser und Eis arbeiten weiter an seiner Zertrümmerung. Der Wind entführt die losgelösten, feinen Splitter, und schließlich wird der Block in kleine, scharfkantige Bruchstücke aufgelöst, wie wir sie überall am Fuße der Felswand beobachten. Wir finden diese Trümmer wieder auf dem Grunde des Baches, der rauschend das Tal durcheilt. Aber wie hat sich ihre Gestalt verändert! Im bewegten Wasser haben sie sich gegenseitig ihre scharfen Kanten und Ecken abgeschliffen und sind schön rund und glatt geworden. Manche sehen aus wie ein rundes Stückchen Seife, andere wie ein Schokoladenei, in das man gleich hineinbeißen möchte. Freilich werden die schönen Gerölle dadurch immer kleiner, bis sie im Lause vieler Jahre zu Kies und schließlich zu feinem Sande zerrieben werden, den das Wasser an ruhigeren Stellen abgelagert hat.

Wir wandern weiter. Ein kleines Seitental mündet in das Haupt- tal. Träge schleicht ein winziges Bächlein durch die Wiese und bat einen kleinen Sumpf gebildet. Wir untersuchen den Grund des Sumpfes und finden weder Kies noch Sand, sondern nur feinen Tonschlamm. Allerlei niedliche Dinge lassen sich aus dem Ton formen, ein Näpfchen, eine Tasse, ein Pferdchen mit einem Reiter. Woher mag der Tonschlamm gekommen sein? Die Berge zu beiden Seiten des Tälchens bestehen aus Tonschiefer, und nun werdet ihr die Herkunft des Tonschlammes selbst erklären können. Von dem Kies, den wir dem Bache entnommen haben, schütten wir eine kleine Menge in ein mit Wasser gefülltes Einmacheglas, schütteln tüchtig um und stellen es ruhig hin. Der Kies senkt sich sogleich auf den Boden des Glases. So erhalten wir einen Niederschlag, ein Sediment von Kies. Wiederholen wir den Versuch mit Sand, so erhalten wir nach wenigen Minuten ein Sediment von Sand. Verwenden wir aber zu unserem Versuche Tonschlamm, so bildet sich erst nach längerer Zeit ein Sediment von Ton. Schütten wir nun aber in das Glas Kies, Sand und Ton, schütteln alles tüchtig durcheinander und stellen das Glas ruhig hin, so beobachten wir, daß sich zuerst der Kies, dann der Sand und erst später der Tonschlamm ablagert. Es sind also drei scharf getrennte Schichten entstanden, von welchen die unterste die älteste, die oberste die jüngste Schicht ist.

Auf unserer Wanderung haben wir beobachtet, wie die Naturkräfte, Sonne, Wind, Wasser, Eis in stiller, nie rastender Tätigkeit an der Umgestaltung der Oberfläche unserer Heimat arbeiten. Wir haben gelernt, daß sich Gerölle nur in stark bewegtem, Sand in schwächer fließendem und Schlamm nur in stehendem Wasser ablagert und daß Schichtung im Wasser entsteht.

Dieselben Vorgänge, nur in großem Maßstabe, haben sich nun auch in der Vergangenheit unserer Heimat abgespielt und haben ihre Spuren als Urkunden hinterlassen. Diese Urkunden sind die Gesteine. Mutter Erde hat darin selbst ihre wechselvollen Schicksale verewigt.

O. Landmann.

Kreuz und quer durch die Heimat[Bearbeiten]

Stolberg, das Dornröschen des Unterharzes[Bearbeiten]

„Ich weiß ein kleines Städtchen, die Straßen eng und schmal,
mit bunten Häuserreihen gestreckt im tiefen Tal,
dahin in Sommertagen manch froher Wandrer zieht,
durch grünen Waldesschatten mit lust'gem Wanderlied."

So sang vor Jahren in Heller Begeisterung für sein Heimatstädtchen ein Stolberger Kind. Das Städtchen ist noch immer dasselbe geblieben, und frohe Wanderer ziehen heute noch dorthin wie damals. Ihr aber, ihr wanderfrohen Buben und Mädchen, sollt mir jetzt auch nach diesem schönen Fleckchen Heimaterde folgen, um es kennen zu lernen.

Ein herrlicher Wiesenweg führt uns von Rottleberode aus in die Harzvorberge hinein. Zu unserer Linken gleitet geheimnisvoll murmelnd in ihrem Felsenbette die Thyra zu Tal. Nach einer guten Wegstunde verengt sich das Tal, und auf kühn geschwungenem Bogen überquert der Bahndamm die Hauptstraße. Wie ein gewaltiges Festungstor scheint diese Bahnüberführung sich schützend vor die dahinter liegende Landschaft zu legen. Doch, indem wir dieses Tor durchschreiten, wird unser Fuß unwillkürlich gehemmt durch den lieblichen Anblick, der sich uns bietet.

Der Talgrund erweitert sich. Nach rechts lehnen sich an die ansteigenden Höhen, halbversteckt im Grün der Buchen, Tannen und Obstbäume, liebliche Landhäuser. Davor breitet sich ein grüner Wiesen- teppich aus. Nach links aber fällt unser Blick auf eine alte Wassermühle, welche aus dem Grün der Bäume durch einen der steinernen Bogen hindurchleuchtet, mit welchem der Bahndamm hier die Thyra überspannt. Über der ganzen Landschaft aber ruht eine feierliche Stille wie über jenem Schlosse, in welchem das verzauberte Dornröschen in hundertjährigem Schlafe die Erlösung durch den schmucken Königssohn erwartete. — Wir sind am Ziele unserer Wanderung angelangt.

Im Schatten breitkroniger Kastanienbäume schreiten wir an Einzelgehöften und an dem neu angelegten Bahnhof vorüber und ziehen über die Thyrabrücke in das Städtchen ein. In vielfachen Windungen folgt die enge Straße, die Niedergasse genannt, den Krümmungen der Talsohle. Saubere Bürgersteige führen an den Häuserreihen entlang; wir aber gehen auf dem Fahrdamm, um von der Straßenmitte aus besser Umschau halten zu können. Bewundernd hängt unser Blick an den kleinen, bunten Häuschen, die als Fachwerkbauten sich dicht aneinanderschließen, gleichsam als wollte eins das andere stützen und schützen. Recht alt und gebrechlich sehen manche von ihnen aus. Hinter den zahlreichen, kleinen Fenstern leuchten saubere Vorhänge und die bunten Farben sorgfältig gepflegter Topsblumen, und manch freundliches Gesicht erwidert unsern fröhlichen Wandergruß.

So geht es über die zweite Thyrabrücke. Da wird unser heiterer Wandersinn für einen Augenblick ernst gestimmt. Inmitten wohlgepflegter Anlagen erblicken wir ein schlichtes Denkmal, das Dankbarkeit und Verehrung der Stolberger Bürgerschaft ihren im Weltkriege gebliebenen Helden errichteten. Aus hohem Steinsockel sehen wir die Gestalt eines betenden Kriegers, darunter sind die Namen von 93 Gefallenen verzeichnet.

Weiterhin aber erweckt unsere Aufmerksamkeit ein Gebäude, das an Höhe und Massigkeit alle anderen weit übertrifft, auch zeichnet es sich durch reichere Schnitzerei im Holz- und Balkenwerk aus. Es ist das Konsistorial- und Gerichtsgebäude. Im Jahre 1535 erbaut, sieht es auf ein Alter von nahezu 400 Jahre zurück.

Durch die Straßenenge am alten Stadtturm gelangen wir auf den Marktplatz. Außer der eben durchschrittenen Niedergasse münden hier nach dem Mittelpunkte der Stadt noch 2 Straßen aus: Die Rittergasse, die an einem alten Torturm, dem Kuhtor, endet, und die Neustadt. Beide versetzen uns durch ihre altertümlichen Bauten ebenfalls in frühere Jahrhunderte zurück.

Zunächst fesselt unsere Aufmerksamkeit das vor uns liegende Rat Haus. Sein unteres Stockwerk ist schon über 4½ Jahrhundert alt. Die in der Mitte der langen Front angebrachte Sonnenuhr stammt allerdings aus dem Jahre 1724. In lateinischer Sprache nennt ihre Umschrift die Grundwahrheit für das Gedeihen jeglichen Gemeindewesens: „Glückliche Eintracht bleibt, wenn wir zusammenhalten." Als besondere Eigenart dieses Hauses wollen wir uns merken, daß es trotz seiner drei Stockwerke im Innern keine Treppe hat; den Zugang zu den oberen Stockwerken bietet die an der Außenseite des Giebels zu der ersten Terrasse des Schloßberges führende Steintreppe. Wenn wir sie erstiegen haben, so stehen wir vor den altersgrauen Mauern der St. Martinikirche. Ihr ältester Teil, der viereckige Turm, ist in seinem Unterbau gegen 900 Jahre alt und dürste wohl als das älteste Baudenkmal Stolbergs anzusehen sein. Auf den Kirchplatz, den sogenannten Plan, münden aus den dritten Stockwerken der den Marktplatz auf dieser Seite einfassenden Häuser die Hinterausgänge, so daß man vom Plan aus zu ebener Erde in den dritten Stock, vom Markte aus auf der Vorderseite in das Erdgeschoß der Häuser gelangt.

Den Kirchtürm umschreitend, ersteigen wir auf insgesamt 200 Stufen den Schloßberg und stehen vor dem mit zwei Hirschen gezierten Haupteingange zum Schloßhose. Seine vierseitige Einfassung wird von den ältesten Gebäuden des Schlosses gebildet, die zu Beginn des lo. Jahrhunderts errichtet wurden. Die Überschrift über dem reichverzierten Haupteingange aber erzählt uns, daß die ursprüngliche bauliche Anlage eine Befestigung war zum Schutze des Deutschtunis gegen das vordringende Slaventum. Wahrscheinlich stammte diese Burg aus der Zeit König Heinrichs I. Nach einem bewundernden Blick auf das farbenprächtige Teppichbeet in der Mitte des Schloßhofes verlassen wir diesen, um durch das massige Auffahrtstor auf einem gepflegten Promenadenwege nach dem herrlichen, von einem Hirsch gekrönten Fürstendenkmal zu gelangen. Gern schließen wir uns dem Wunsche an, den wir in Stein gemeißelt aus dem Denkmalsockel lesen:

„Solange die Buche aus den Bergen steht,
solange der Hirsch zu Walde geht,
solange blühe Stolbergs Stamm!"

Etwa 1OO Meter vor dem Denkmal führt uns ein steiler Bergpfad hinunter nach dem Ludetal und nach dem schön gelegenen Schützenhaus. Nach kurzer Rast aus seinem Vorplätze wenden wir uns dem Berghange zu, welcher dem Schlosse gegenüberliegt; er heißt der Tiergarten. Von dem schattigen Waldwege am Berghange biegen wir öfter ab, um von den lauschigen Sitzen der Ruhebänke am Waldessäume den Blick auf die im Tale sich entlangziehende Häuserreihe zu genießen. Aus der Straße unter uns klingen die leichtbewegten Reigenmelodien spielender Kinder herauf, vermischt mit den vom Lautenklang getragenen Liedern fröhlicher Wanderer, während von der Waldweide her die Glocken der Rinderherde herübertönen. Aus der Ferne grüßt von dem höchsten Gipfel des Auerberges, den Wald hoch überragend, der gewaltige Kreuzturm der Josephshöhe.

Der reizvolle Waldweg mündet schließlich an der Lutherbuche aus. Sie hat ihren Namen daher, weil an dieser Stelle am 21. April 1S25 vr. Martin Luther gestanden hat, nachdem er in der St. Martinikirche gepredigt hatte. Eine Tafel an der Lutherbuche berichtet uns die Worte, die Luther damals hier gesprochen haben soll:

„Als anno 1S25 Freytags nach Ostern Lutherus hier gepredigt und mit Herrn Wilhelm Neiffensteinen nachgehends auf dem Berg spazieret, verglich der Doktor die Stadt gar füglich einem Vogel. Das Schloß, vermeinte er, wäre der Kopf, die zwei Gassen wären die Flügel, der Markt der Rumpf, die Niedergasse der Schwanz."

Auf den Bänken unter der Lutherbuche von unserer Wanderung ausruhend, erkennen wir nachprüfend, wie treffend jener Vergleich des Gottesmannes das Stadtbild Stolbergs gezeichnet hat.

Wohl von keiner anderen Stelle aus kann man besser ermessen, mit welchem Rechte der Volksmund dieses herrliche Städtchen das Dornröschen des Harzes genannt hat. Eingelagert in den Frieden des dreigeteilten Gebirgstales, scheint es in tiefem Schlummer zu liegen, fern von dem lauten Leben und Treiben der großen Verkehrsstraßen,- in ehrfurchtsvoller Bewunderung hat man ihm in seinen Baudenkmälern die Zeugen längst vergangener Tage gelassen; die gütige Fee Natur stattete es mit unvergleichlicher Schönheit aus.

Wir aber scheiden von unserem Dornröschen mit dem Wunsche: „Schlummere weiter in dem Frieden und in der Abgeschiedenheit deines Gebirgstales, und laß dir weiterhin durch den Chor der Buchen und Eichen von stolzer Bergeshöhe das Schlummerlied singen!"

A. Kutzner.

Der Siebengemeindewald[Bearbeiten]

Zwischen den Orten Uftrungen und Schwenda, begrenzt von den lieblichen Südharztälern der Hasel und der Krummschlacht, liegt der Siebengemeindewald. Sieben Dörfer haben an ihm Anteil: Berga, Bösenrode, Görsbach, Thürungen, Rosperwenda, Uftrungen und Schwenda. Der Waldbestand ist Buschholz, kein Hochwald. Alle Jahre wird ein Teil des Waldes (eine Hauung) abgeholzt und dann unter die beteiligten Dörfer verteilt. Insgesamt ist der Wald in 12 Härtungen eingeteilt. Früher mögen es noch mehr gewesen sein. Wahrscheinlich haben auch die jetzt verschwundenen Dörfer Altendors und Bernecke bei Uftrungen, Timmenrode, Vorrieth und Liebez bei Görsbach, sowie Tütchenwenden bei Bösenroda aus dem Siebengemeindewald Holz bekommen.

Der Name Siebengemeindewald ist noch nicht sehr alt. 1341 heißt er noch „Das Holz all der Dörffer gemeyne" und 1703 „Gemeindewald".

Inmitten des 4500 Morgen — 1125 ha — großen Waldes liegt das „Waldhaus", in welchem der „Waldförster" wohnt. Er verwaltet den Wald. Im Frühjahr jedes Jahres findet in Berga die Verlosung des „Waldholzes" statt. Jeder beteiligten Gemeinde wird hierbei ihr „Schlag" zugewiesen. In diesem Schlage liegen die Heckenwellen in langen Reihen haufenweise zu 30 Stück. Jeder Hausen trägt eine Nummer. Auf jedem Hause der beteiligten Gemeinden „ruht", wie man sagt, eine bestimmte Anzahl von Schock des Waldholzes, 1, 2, 3 oder 4. Die Schulen und Pfarrhäuser mancher Orte erhalten sogar bis 12 Schock. Insgesamt kommen 1600 Schock zur Verteilung. Baut jemand in den zum Siebengemeindewald gehörigen Dörfern ein neues Haus, so ist es nicht „waldholzberechtigt". Das Holz wird zwar unentgeltlich abgegeben, doch muß jeder Waldholzempfänger „Hauerlohn" und „Abzählegeld" bezahlen.

Hat der Waldförster die Verteilung des geschlagenen Holzes vorgenommen und die „Waldholzzettel" ausgeschrieben, so wird durch Ausklingeln in den beteiligten Orten bekannt gemacht, daß „Der Wald angewiesen wird." Das ist jedesmal ein Fest für die Beteiligten. Mit Erwartung sucht jeder seine Waldholzhaufen aus, nachdem er seinen Waldholzzettel vom Waldförster an Ort und Stelle empfangen hat. And „wer Glück hat", hat das Vergnügen, seine Holzwellen 4—500 m den steilen Berg hinauf bis an den Fahrweg zu tragen oder aber sie in einer „Schleppe" (Schleife), d. i. ein schmaler, oft tief ausgehöhlter Fußweg, hinabzuschleifen, um es aus den Wagen laden zu können.

Wenn der Wald angewiesen ist, wird es im Siebengemeindewalde lebendig. Sobald der Sommermorgen dämmert, geht man an die Arbeit, das Holz zu „schleppen", d. i. an den Fahrweg zu bringen. Fast Nacht für Nacht rollen die „Waldholzwagen" aus der Aue durch Aftrungen. Bevor noch die Tageshitze fühlbar wird, will man mit seinem Holz wieder zu Hause sein. Früher bekam derjenige, der die erste Waldholzfuhre des Jahres brächte, im Gasthaus Thyra-Fuchs zu Aftrungen eine neue Peitsche und einen Kranz aus Laubgewinde.

Am 16. Oktober jedes Jahres, dem St. Gallustage, versammeln sich die Vertreter der sieben waldberechtigten Dörfer zum Waldgericht. Hierbei werden alle auf den Wald sich beziehenden Fragen besprochen.

Das Besitzrecht der sieben Dörfer an dem Siebengemeindewalde kann sich auf keine Arkunde stützen. Im Waldarchiv zu Berga befinden sich nur zwei Grenzbeschreibungen des Waldes vom Jahre 1657 und 1679, ferner die „Waldordnung" aus dem Jahre 1601.

Am das Dunkel der Herkunft des großen Waldes hat nun die Sage ihr Band geschlungen. Sie berichtet uns folgendes: Einst hatte sich der jüngste Sohn des Grafen von Stolberg im tiefen, finstern Harzwalde verirrt. Da waren die Eltern in großer Sorge um ihr geliebtes Kind. Der Vater ließ die Einwohner aller umliegenden Orte aufbieten, den vermißten Liebling zu suchen. Fast alle Orte der Umgegend beteiligten sich an dem Suchen, nur Rottleberode nicht. Dort wurde gerade Kirmeß gefeiert. Einer Frau aus Schwenda gelang es, den verirrten Knaben im Walde aufzufinden. Groß war die Freude der gräflichen Eltern. Aus Dankbarkeit schenkte der Gras von Stolberg den Gemeinden, die sich am Suchen beteiligt hatten, so viel Wald, wie die Finderin an einem Tage umgehen konnte. Sie umging den heutigen Siebengemeindewald, und er wurde Eigentum der 7 Dörfer.

So erzählt die Sage. Die geschichtliche Erklärung führt den Wald auf eine altgermanische Markgenossenschaft (Allod) zurück. Als später Deutschland in „Zente" und „Gaue" eingeteilt wurde, ließ man vielfach die alten Markgenossenschaften bestehen. Die Orte, die Anteil am Siebengemeindewald haben, gehörten zum „unteren Zent" im Heline-Gau und bildeten dort mit dem Siebengemeindewald die Westgrenze (Krummschlachtstal). Rottleberode gehörte zum „mittleren Zent". So erklärt es sich, daß Rottleberode kein Waldholz aus dem Siebengemeindewalde bekommt.

R. Hennig.

In Deutschlands größter Höhle[Bearbeiten]

Endlich war er da, der wundervolle Maientag mit Sonnenschein und Vogelsang. Mit vollem Rucksack ging's bei frohem Liedersang zum Bahnhof. In schneller Fahrt trug uns der Zug dem Kyffhäuser und den Harzbergen zu. Hinter Sangerhausen konnten wir schon das stolze Denkmal sehen. Rechts grüßten uns die Harzberge. In Berga- Kelbra stiegen wir aus. Von hier zweigt eine Nebenbahn ab, die nach Stolberg führt. Ihr erster Bahnhof ist üftrungen. Im Kranze grüner Berge liegt es vor uns. Im Westen grüßt uns der Alte Stolberg. In ihm befindet sich die Heimkehle.[2]

Dem Wegweiser folgend, überschreiten wir die Bahngeleise und biegen von der Straße links ab. An üppigen Saatfeldern und grünen Wiesen vorbei gelangen wir nach 20 Minuten an den Fuß des Höhen- zuges. Eine Herde Schafe weidet an seinem Abhänge. Daher führt hier der Höhenzug den Namen Schafleite. Bald sind wir im Bereich der Höhle. Links lesen wir: „Wienrich-Stollen." Soeben öffnet sich die Tür. Ein Lufthauch weht uns kalt entgegen. Aus dem unterirdischen Dunkel kommt der Höhlenführer mit einer Gruppe Höhlenbesuchen hervor, die froh das Licht des Tages grüßen. Da läutet eine Glocke. Es ist das Zeichen, daß eine neue Führung durch die Höhle beginnt. Wir müssen einen Berg hinauf. „Nanu! Wir wollen in eine Höhle, und nun geht's. den Berg hinauf?" „Weiter!" Nun sind wir oben. Welch ein Anblick! Links ein tiefer Erdtrichter! Steil steigt vor uns an 30 m eine weiße Felswand in die Höhe. Durch die Tür eines hohen Drahtzaunes gelangen wir auf eine Plattform. Da bietet sich uns wie ein riesiges Maul der Höhlen.eingang dar. Wohl an 20 in tief schauen wir hinab in den Höhlenrachen. Vor uns liegen gewaltige Felsblöcke hoch ausgetürmt. Aus dem Grunde schimmert uns ein Helles, klares Wasser entgegen. „Ich bitte zu folgen!" ruft der Führer. Auf einer langen, langen Treppe steigen wir hinab in die Unterwelt. „ 1,2,3 ... 20 ... 50 ... 50, 9O ... 100 Stufen!" „Aah!"... Der Führer hat das elektrische Licht eingeschaltet. Wie das Morgenrot der ausgehenden Sonne leuchtet es uns vom Hintergrund entgegen.

Nun beginnt der Führer seine Erklärung:

„Wir befinden uns hier in der „Hercyniahalle". Sie ist der erste größere Raum der Heimkehle . Die Höhle ist schon sehr alt. Bereits vor 700 Jahren hat man von ihr geschrieben. Auch Menschen haben in ihr gewohnt. Im Dreißigjährigen Kriege haben die Bewohner der Umgegend vor den Feinden hier Schuh gesucht. Und viel, viel früher, als es noch keine Dörfer und Städte gab, wohnten Menschen mit ihrem Vieh vor und in der Höhle. Bei den Ausräumungsarbeiten hat man zahlreiche Knochenreste und Urnenscherben gefunden, die von früheren Bewohnern hcrrühren. Jahrhunderte hindurch lag die Höhle hinter dichtem Gebüsch verborgen, wie das verzauberte Schloß im Märchen. Hin und wieder stieg ein Höhlenforscher hinab in die Heimkehle. Zu Ostern 1920 kam auch der Fabrikbesitzer Wienrich, Halle. Die unterirdische Wunderwelt machte einen tiefen Eindruck auf ihn. „Ein solches Naturwunder soll nicht länger ungesehen liegen bleiben. Es soll allen Harzwanderern zugänglich gemacht werden!" sagt er. Unterstützt von Herrn Lehrer Hennig, Uftrungen, der die Erschließungsarbeiten leitete, wurde innerhalb eines Jahres die Heimkehle für alle Naturfreunde zugänglich gemacht. Der Dornröschenschlaf der Heimkehle war vorüber. Viele tausend Besucher kommen jetzt in jedem Jahre und erfreuen sich an dem, was die Natur hier unten in Jahrtausenden, vielleicht in Iahrmillionen schuf."

Nach einem Nundgange durch die „Hercyniahalle" geht's links hinein zur eigentlichen Höhle. Bewundernd steht man am „Heimensee" mit seinen Grotten. Von außen spiegelt sich der blaue Himmel wieder, und das bewegte Wasser zaubert tanzende Schatten an die weiße Deckenwölbung.

Aber weiter! Wir bewundern einen von bläulichem Lichte erhellten Raum, die „Heimchengrotte", mit wunderbaren Deckenbildungen. „Das sieht ja aus wie Weintrauben!" — „Nein, wie die Spitzen und Zacken des Kölner Doms!" — Doch der Führer ist schon an der „Trümmerhalle" angekommen, wo Hunderte von weißen Felsblöcken zu einem gewaltigen Felsenberge ausgetürmt sind. Geheimnisvoll leuchtet zwischen den weißen Felsen rotes Dämmerlicht, als ob die Felsen erglühten. Und von der Spitze des Felsenberges grüßt uns zum Abschied von der Außenwelt noch einmal das Tageslicht. Glück auf!

Wir sind am Felsenberge vorübergewandert. Da tut sich uns ein neues Wunder auf. Wir gelangen in einen langgestreckten Raum mit langer Lichterkette. Es ist der „Riesentunnel". Links schauen wir wieder in einen spiegelklaren, tiefen See. Steil steigen in malerischer Schönheit die weißen Felsen empor. Ein unaufhörliches Tropfen, wie bei einem starken Regen, dringt an unser Ohr. „Der ewige Regen", erklärt der Führer. Nach etwa l50m kommen wir in einen überwältigenden Raum. Das ist der Große Dom, der größte Raum der ganzen Höhle. Er hat 05 m im Durchmesser und 30 m in der Höhe. In wunderbarer Rundung schwingt sich seine Kuppel von allen Seiten gleichmäßig in die Höhe, wahrlich, ein Wunderwerk der Natur! „Wenn die Höhle nichts weiter als diesen einzigen Raum hätte, verdiente sie weltberühmt zu werden", so äußerte einmal ein Besucher. Die Kuppel ruft sogar in uns den Eindruck eines Gemäldes hervor. Vier Gänge, die sich im Großen Dom kreuzförmig schneiden, treffen hier im Dom zusammen. Auf dem Grunde unter der Kuppel befindet sich der tiefe Domsee. Eine 800kerzige Lampe erleuchtet von der Seite her den gewaltigen Raum. Gesang und Musik sind hier von wunderbarer Wirkung. Da erlischt die große Lampe. Glockengeläut dringt ein. „In der benachbarten Kapelle läuten die Glocken," bemerkt der Führer.

Wir folgen einem etwas niedrigen Gange. Plötzlich stockt es. „Ein Höhlenlöwe!" Ein Felsen, der die Form eines Löwenkopfes hat, bei dem man deutlich Rachen, Mähne und Augen erkennen kann! Kurz darauf stehen wir wieder an einem kleinen Gewässer, über das eine Holzbrücke führt. „Das ist der „Niegelteich!" Früher war hier die Höhle verriegelt. Über den Teich konnte man nicht hinwegkommen. Da entdeckten einige Höhlenforscher in der Decke eine 50 em breite Öffnung, „das Schlüsselloch". Man kroch hinein und kam durch einen schmalen Gang in einen größeren Raum am anderen Ende des Riegelteiches. Wir aber wandern im Gänsemarsch über die Brücke. Der Führer schaltet das Licht ein. „Der Kleine Dom!" Er ist 25 m hoch und hat 45 m Durchmesser. Ganz deutlich hat hier an der Decke die Natur aus weißen Adern Figuren eingezeichnet. Wir wandern an der rechten Seite des Kleinen Domes entlang. Sommer und Winter bleibt sich hier, wie wir am Wärmemesser sehen, die Wärme gleich. 7° C! Nicht weit vom Wärmemesser ist ein klingender Felsen, der beim Anschlag einen kuhglockenähnlichen Ton von sich gibt.

„Jetzt kommen wir in die Wilde Seehalle mit drei großen Seen!" An einer wunderbaren Felsbildung bleiben wir stehen. In jahrtausend- langer Arbeit hat hier das Wasser die seltsamsten Gebilde geschaffen, Zacken und Spitzen, Türmchen und Kuppeln. Ein Felsen hat die Form einer Kanzel. Dahinter liegt im bläulichen Lichtscheinmeer „die Sakristei", ein ausgewaschener Felsspalt. Ein Stückchen weiter liegt das Riesen-Höhlen-Krokodil, ein Felsblock von 15 m Länge. Nachdem wir noch so manche schöne Felsenbildung geschaut haben, stehen wir wieder vor einem Felsenberge mit prachtvollem, rotem Lichterspiel. Hier ist das Ende unserer Wanderung. „Die Höhle geht noch weiter, noch über 1000 m. Aber es ist sehr schwer, dort vorwärts zu kommen. Im ganzen hat die Heimkehle eine Ausdehnung von über 2000 m, ist also die größte Höhle Deutschlands, sogar die größte bekannte Gipshöhle der Welt."

Wir wandern um die drei Seen der Wilden Seehalle und bergauf, bergab durch die „Alpenlandschast" zum Kleinen Dom zurück. Im Niedrigen Saal werden uns wundervolle Grotten und Deckengebilde gezeigt, aus deren Unterseite sich Gipskristalle gebildet haben. Durch die Nasse Schlust gelangen wir wieder in den Großen Dom und rechts abbiegend, an der Kapelle vorbei, zur „Bergschmiede mit der großen Esse". Zwei übereinander lagernde Felsen sind der „Blasebalg". Unter ihm glühen die Schmiedefeuer. Darüber steigt wie eine riesige Esse ein Schlot empor. Sogar ein gewaltiger Felsenamboß fehlt in der Bergschmiede nicht. Es ist dies der letzte beachtenswerte Teil der Höhle. Durch einen 45 m langen, künstlichen Stollen, den Wienrichstollen, verläßt man die Heimkehle.

Bevor wir unsere Schritte weiterlenken, besteigen wir noch die Wienrichs-Höhe. Von hier aus hat man einen herrlichen Blick ins Thyratal hinein bis hinüber zum Krummschlacht-, Hasel- und Breitunger-Tal. In der Ferne grüßen über den Harz hinweg das Kreuz der Iosephshöhe bei Stolberg und nach der Goldenen Aue hin der Kyffhäuser.

R. Hennig.

Am Solquell bei Auleben[Bearbeiten]

An der Straße von Kelbra nach Auleben, in der Nähe einer gewaltigen Linde, sprudelt aus dem Berge ein munterer Quell hervor. Es war an einem heißen Iulitage, als wir uns hier lagerten. Wie lockte uns da das frische Wasser! Doch welche Enttäuschung, als wir es in den Mund brachten! „Pfui, schmeckt das bitter!" riefen alle. „Und wie salzig!" — „Äh, das stinkt ja", sagte einer mit einer besonders feinen Nase. And es war so. Das Wasser ist stark salzhaltig und hat infolge seiner Beimischung von Schwefelwasserstoff einen üblen Geruch an sich. Wir nahmen uns jeder eine Flasche dieses Salzwassers mit nach Hause, um es zu kochen und den Salzgehalt nach dem Rückstände festzustellen. Früher einmal, in vorgeschichtlicher Zeit, haben die Bewohner dieser Gegend die Salzquelle zur Herstellung des Salzes benutzt und Handel damit getrieben. Von weit und breit kamen sie nach dieser Salzquelle, um Vieh gegen Salz einzutauschen. Noch in jüngster Zeit hat man Knochen aus jener Zeit gefunden. Ein ganzes Feld voll Asche erinnert uns daran, wie man auf dem Holzfeuer in tönernen Pfannen das Wasser verdampfte, um das Salz zu gewinnen. Eigenartige Pflanzen erregen am Solgraben und aus dem Aschenfelde unsere Aufmerksamkeit. Es lohnt sich, diese merkwürdige Quelle einmal aufzusuchen zur Sommerszeit, wenn das Heu auf den Helmewiesen duftet.

R. Hennig.

Das Kyffhäuserdenkmal[Bearbeiten]

Vor Hunderten von Jahren stand aus dem Nordostabhange des Kyffhäusers eine feste Burg. Die Burg ist zerfallen. Ein anderer stolzer Bau grüßt in die Aue hinunter. Der deutsche Reichskriegerbund hat hier seinem alten Kaiser Wilhelm I. ein Denkmal errichtet.

Eine mächtige Umfassungsmauer schließt die Ringterrasse nach Osten zu ein. Eine breite Treppe führt nach der Mittelterrasse, die drei mächtige Portalbogen trägt, die teilweise in das Gestein des Berges eingesprengt sind. Wir gehen ein paar Schritt durch diesen Denkmalsdom und blicken in das Innere des Zaüberreiches hinein. Zwischen riesigen Felsblöcken sitzt Barbarossa auf einer Bank und ruht aus von den vielen Kämpfen seines Lebens. Sein wallender Bart ist mit dem Felsenboden verwachsen. Die schwere Kaiserkrone trägt er auf dem Häupte. Das breite Reichsschwert hat er im Arme. Es will uns scheinen, als ob er eben erwacht sei. Seine Ritter um ihn her und die Zwerge, Rosse und Hunde sind noch im tiefen Schlaf versunken. Nikolaus Geiger hat das Kunstwerk erschaffen. Die Nische, in der der Kaiser sitzt, hat er mit Steinbogen umrahmt, in die die Zeichen der alten Sage eingemeißelt sind. Die Barbarossagruppe ist der schönste Teil des Denkmals. Sie wächst gleichsam aus dem geheiligten Boden heraus und wird ein Bindeglied der grauen, ins Nebelmeer der Sage getauchten Vergangenheit und der Zeit, als Deutschlands Größe aufs neue erstand.

Zwei Freitreppen führen nach der dritten Terrasse hinauf. Der gewaltige Turm ist das Sinnbild des Deutschen Reiches. Die alte Reichskrone schließt ihn nach oben ab. Dicht unter ihr liest man auf allen Seiten die Namen der deutschen Staaten. Über der Barbarossafigur, also an der Ostseite.des Turmes, erblickt man das Reiterstandbild Wilhelms I. Sein Schlachtenroh schreitet ruhig einher. An der rechten Seite ruht eine weibliche Gestalt, die aus eine Tafel die Worte „Sedan-Paris" geschrieben hat und bewundernd nach dem Kaiser emporblickt. Zu seiner Linken hält ein bärtiger Krieger das wuchtige Schwert in der Hand, mit dem er das Reich gegen seine Feinde verteidigen will. Emil Hundrieser ist der Schöpfer dieser herrlichen Gruppe.

Aus dem Innern des Turmes führt eine Wendeltreppe nach der Krone hinaus. Prächtig ist der Blick aus der Höhe ins weite deutsche Land hinein. In dem Turmgewölbe sind die Modelle des Denkmals und die Urnen von Bruno Schmitz und Dr. Westphal aufgestellt, der eine ist der geistvolle Erbauer, der andere der eigentliche Begründer des Denkmals. Das Mauerwerk des Turmes und der oberen Terrasse ist mit den Resten des Erfurter Tores verbunden und vereinigt so wieder die Gegenwart mit der Vergangenheit. Fast alle Steine des gewaltigen Bauwerkes sind dem Kyffhäusergebirge entnommen.

Einige Zahlen werden am besten die Gewaltigkeit der Ausdehnungen und die Größe des herrlichen Bauwerkes bezeugen: Der Bau dauerte 6 Jahre, von 1890-1896. Die Länge des Denkmals beträgt 131 m, seine Breite 96 m. Die Ringterrasse faßt 20 000 Personen. Der Turm ist 20 m lang und breit und 57 m hoch. Die Kaiserfigur mit Pferd mißt 9,70 m, der germanische Krieger 4,82 m. Das Gesamtgewicht des Denkmals ist auf 62 500 000 berechnet worden.

R. Rasehorn.

Das Ried[Bearbeiten]

Nachdem die Helme das Dorf Brücken verlassen hat, teilt sie sich in zwei Arme: Die Große und die Kleine Helme. Unweit Nitteburg ergießen sie sich von links in die Unstrut. Das Land zwischen diesen beiden Helmearmen ist 12 km lang und 5—10 km breit. Es heißt das Ried. Der Name sagt uns, wie es hier vor vielen hundert Jahren ausgesehen hat. Unter Ried versteht man ein Tieflandmoor. Das Ried war also damals nichts anderes als ein Sumpfland. Wenn im Frühjahr die Schneeschmelze eintritt, versorgen die kleinen Harzbäche, welche der Helme zueilen, diese reichlich mit Wasser. Da die Helme sehr flache Ufer hat, tritt sie leicht über und überschwemmt das ganze Gebiet. Das können wir fast jedes Jahr beobachten. Früher aber waren die Überschwemmungen noch leichter möglich, weil die Bäche viel mehr Wasser mit sich führten; denn die Wälder dehnten sich weit aus und bildeten das Quellengebiet vieler Bäche. Und so kam es denn, daß die Helme das Land in einen Sumpf verwandelte. Weiden, Riedgras und andere Sumpfpflanzen gediehen dort vorzüglich. Aber zu andern Zwecken war das Land nicht zu gebrauchen. — Da entstand mitten im Ried das Nonnenkloster Rohrbach. Die Nonnen dieses Klosters stammten meist aus vornehmen Adelsfamilien der Umgegend. Ihr Reichtum veranlaßte sie, das Ried trocken legen zu lassen. Eines Tages schickten sie ihre Dienstleute mit Hacke und Spaten in das Ried. Es begann nun ein emsiges Schaffen. Durch das Ried wurden Längs- und Quergräben gezogen. Die Helmeuser wurden mit hohen Dämmen versehen, um eine Überschwemmung zu verhüten. Dämme und Gräben bepflanzte man mit Weiden und Buschwerk, um sie gegen die Gewalt des Wassers widerstandsfähiger zu machen. Nun sammelte sich in den Gräben das Riedwasser und floß nach Helme und Unstrut ab. So verwandelt sich nach und nach das Ried in einen fruchtbaren Landstrich. Bald erschien der Landmann mit Pflug und Hacke, um den Boden zu bearbeiten und zu bebauen. Wohl erinnern uns heute noch Frösche, Störche und Weidenbäume an jene Zeiten; aber das Riedgras ist verschwunden, und der Bauer fährt duftendes Heu in seine Scheunen. Weizen und Zuckerrüben bringen dem Landwirt reichen Gewinn. So sind die Ortschaften, welche an den Rändern des Riedes entstanden sind, reiche Bauerndörfer. Ihre Namen deuten häufig an, daß sie einst Rieddörfer waren: Martinsrieth, Riethnordhausen, Katharinenrith, Nikolausrieth u. a.

Viehl.

Der Bauerngraben[Bearbeiten]

Es war an einem Sonntagnachmittage. An dem ausgetrockneten Zollbach in Roßla standen drei Jungen und überlegten, was sie an dem heißen Nachmittage unternehmen könnten. „Karell," sagte der eine, „gehstenn met nach'en Buerngrawen? Me wulln duch emol sehn, ub Wosser >rinne äs." „Mie sinn drbä," meinten die beiden andern, „wenn mand de Sunne nich so bränn bäte, do kimme ower schwitze hiete." „Zick' doch dinne Jacke us, Willällem", sagte Paul. Damit war ihre Unterredung zu Ende, und der Marsch begann. Nach kurzer Wanderung nahm sie der Wald aus. Ihr Weg führte immer bergan durch einen jungen Eichenwald, bis sie an eine Lichtung kamen. In ihrer Mitte steht eine gewaltige, uralte Eiche, die Grenzeiche genannt. Um sie sind Bänke' gezimmert, die zur Rast einladen. So sehr die Jungen auch schwitzten, sie ließen es sich doch nicht nehmen, die Eiche zu erklettern und sich in ihreu Zweigen ein bequemes Plätzchen zum Ausruhen zu suchen.

Gar oft hat die Grenzeiche fröhliche Gäste gesehen. Jedes Jahr am Himmelfahrtstage kommen die Gesangvereine aus Roßla zu ihr, und die Musikanten spielen in ihren Zweigen alt und jung zum Tanze aus.

Nachdem die Jungen sich ausgeruht hatten, führte sie ein ausgefahrener Hohlweg, der fußhoch mit trockenem Laub bedeckt war, bergab. Es machte ihnen viel Vergnügen, durch das raschelnde Laub zu gehen. Als sie sich eine kurze Strecke durch niedriges Buschwerk hindurchgearbeitet hatten, standen sie plötzlich vor einer etwa fünfzig Meter tiefen Erdsenkung. Von hier aus bot sich ihnen eine prächtige Aussicht. Etwa 20 Minuten weit entfernt liegt das schmucke Dörfchen Agnesdorf, und dahinter sieht man die schön bewaldeten Harzberge. Zu ihren Füßen breitet sich ein tiefer Grund aus, der an der Südseite von hohen, zerklüfteten Kalkfelsen eingeschlossen ist. Dieser Grund führt den Namen Bauerngraben. Die vielen Höhlen, Löcher und Risse in den Felsenwänden, in denen Raubvögel nisten und Füchse und Marder ihre Schlupfwinkel haben, lassen erkennen, wie weich das Gestein ist. Unten im Grunde liegen niedergegangene Gesteinsmassen, darunter Blöcke von gewaltiger Größe. Auf dem Geröll wachsen schlanke Birken empor, und durch den Bauerngraben hindurch fließt der Glasebach.

Als die Knaben ihren Blick in die Tiefe richteten, kam es wie aus einem Munde: „Dr Buerngrawen äs vull Wosser." — „Dos hätt ich mich nich jedacht," sagte Karl, „wo kimmet enn dos här bä der Hitze, 's hat doch schunne ocht Wuchen nich jeräjent." Und so standen sie und wunderten sich und sahen auf die schöne, grüne Wasserfläche hinab. Hätten sie an der andern Seite gestanden, so hätten sie gesehen, wie. prächtig sich die steilen, weißen Felsen in dem Wasser spiegelten.

Nicht immer hat man das Glück, hier unten einen See zu erblicken. Das Wasser kommt und geht unbeeinflußt von der Witterung. Oft hat der Bauerngraben trocken gestanden, und der Pfarrer von Breitungen, dem seine Bewirtschaftung zustand, hat darin Gerste, Hafer, Erbsen, Bohnen und Flachs gebaut. Aber in einem Jahre ist er um seine Ernte gekommen. Als er an den Bauerngraben hinausgegangen war, um seine Bohnen zu ernten, fand er, wie die Chronik berichtet, „eine Bohnensuppe" vor; denn über Nacht hatte sich das Becken mit Wasser gefüllt. Schließlich hat man aber die Bebauung ausgegeben, weil durch das häufige und plötzliche Einsetzen des Wassers die Ernte verloren ging.

„Ich kann's eich saa," sagte Wilhelm zu seinen Kameraden, „wie's dodermet äs, minn Vodder hät's mich emol verroden. Was nämlich der Bach doungen äs, der kimmt us'en Glasegrunne Hinger Angelsdorf, geht ungene ninn in'n Bürg, wu me stehn, da fließt e ungerärdsch Witter. Was hier dr Bürg äs, dr äs nämlich hohl, von'n Wosser usje- hehlt wie de Barbarussahehle. Nu sterzt manichmal in de Lecher und Hehlen was inn, dr Bach kann nich witter, un sei Wosser fillt den Buerngrawen us. Wenn sich's Wosser nochdern wedder im Bärge durchje- wärcht hat, äs' dr Buerngrawen wedder leer. So kimmet's metunger, daß dr Buerngrawen vull äs', wenn's garmch jeräjent hat."

Nachdem die Jungen am Bauerngraben nochmals alles betrachtet hatten, kletterten sie lustig die Felswand hinab. Das schönste Marien- glas, das sie unterwegs fanden, steckten sie in ihre Taschen, um es mit nach Hause zu nehmen.

W. Ochs.

Bilder aus dem Gonnatal[Bearbeiten]

Zwischen Grillenberg und Wippra liegen die Pferdeköpfe. Nicht weit davon entspringt die Gonna. Sie ist zuerst ein winziges Wässerlein, so daß man kaum die Stelle finden kann, wo sie aus dem laub- bedeckten Waldboden hervorquillt.

Ein Fußweg zweigt von der Wippraer Straße nach den Pferdeköpfen ab. Vor, da aus blickst du über die blumige Wiese nach dem Walde, in dem die Gonna geboren ist.

Der Fichtenwald hinter dir hat ein lichtgrünes Kleid über sein dunkles Gewand gezogen und duftet würzig nach Maiwuchs. Die Vögel singen. Auf der Kohlenstraße wandern fröhliche Kinder mit ihrem Lehrer. Ein Reh tritt aus dem Waldesdunkel und äugt ängstlich umher. Jetzt wendet es sich und verschwindet wieder hinter dem grünen Blätterdach.

Herrliche Waldwege führen auf die Berge. Ein Wegschild bezeichnet den Weg nach dem prächtigen Schlosse Rammelburg. Auf einer steinernen Ruhebank unter schattigen Tannen läßt es sich gut ruhen. Munter hört man die Gonna rauschen, und Sonntagskinder hören, wie sie singt:

„Ich komm aus grünem Kämmerlein,
spring hurtig über Stock und Stein.
Der Himmel ist der Vater mein,
blick ihm ins blaue Aug' hinein.
Die Erde ist mein Mütterlein,
das schließt mich in die Arme ein." —

Die Grillenberger Kinder tummeln sich an warmen Frühlingstagen auf den breiten Wiesenflächen der Gonna, bis die Sönne sinkt. Wenn aber der Mond über die Berge spaziert, müssen alle Kinder in den Betten sein. Dann stehen die schwarzen Wälder als dunkle Schutzengel auf der Wacht und behüten das liebliche Tal. Wenn der Mond sein Gesicht in der Gonna blank gewaschen hat, daß es wie Silber glänzt, besucht er auf einsamer Bergeshöhe die Grillenburg. Eine Weile ruht er dann auf dem alten Gemäuer und horcht, was der halb verfallene Bergfried erzählt. Dann wandert er langsam über das Dorf. Er sieht, daß alles schläft. Auch das Mühlrad von der Klippmühle ist still wie rings die Nacht. Die Oberförsterei an der Straße zwischen Grillenberg und Obersdorf liegt friedlich in weißes Mondenlicht getaucht.

Alles ist totenstill. Nur die Gonna murmelt und flüstert in einem fort, Tag und Nacht, jahrein, jahraus. Fleißig treibt sie am Tage Mühlrad auf Mühlrad. Viele dieser Mühlen heißen Hüttenmühlen. Warum sie so genannt werden, das verraten uns die vielen Schlacken- halden im Tal.

Wenn man von Sangerhausen aus gonnaaufwärts wandert, gelangt man zuerst zur Kupferhütte. Dann wandert man auf einem Fußweg weiter und kommt an der Walkmühle vorbei. Bald ragt in der Ferne der Kirchturm des Ortes auf, der mit unserm Bach den gleichen Namen teilt. Zur Zeit der Baumblüte sieht Gonna aus, wie in einen Blumenkorb gebettet.

Ihre Harzgrüße trägt die Gonna durch Sangerhausen bis zur Helme, die sie der Unstrut übergibt. Saale und Elbe aber bringen sie als einen Klang aus unsern schönen Harzbergen in das deutsche Meer hinein.

Leipold.

Der Wolfstein bei Schwiederschwende[Bearbeiten]

Anweit des Jagdschlosses Schwiederschwende steht an der Straße nach Roßla, im Schatten schön gewachsener Kastanien ein Denkmal. Der eilige Wanderer zieht oftmals achtlos vorüber und sieht nicht die einladenden Ruhebänke. Bubenhände haben der steinernen Tiergestalt vor Jahren ein gut Teil des Kopfes abgeschlagen; aber doch ist das Erinnerungsmal eine Stelle im Noßlaschen Forst, die uns von den Zeiten Kunde gibt, in denen die Harzwälder noch wilder aussahen als heute.

An der Rückseite des Sockels lesen wir im altersgrauen Steine von der Bedeutung dieses Males:

„Anter der Residenz des Grafen
Jost Christian zu Stolberg-Roßla
wurde im Monat Januar 1724
der letzte Wolf allhier erlegt."

B. Manger.

Mensch und Heimat[Bearbeiten]

Der Kupferschieferbau bei Bottendorf[Bearbeiten]

Kommt mit mir aus die Botteudorfer Berge, und laßt uns zurückdenken an eine Zeit, die schon lange vergangen ist, die sogar unsere Großeltern nicht mehr erlebt haben. Es ist die Zeit 1707—1720, für das jetzt ackerbautreibende Bottendors eine Zeit des regsten industriellen Lebens. Es wurden damals bei Bottendors Kupferschiefererze aus der Erde geholt und aus ihnen das vielbegehrte Kupfer und Silber gewonnen.

Wir wandern den Weg nach den Ziegelrodaer Höhen zu und versehen uns in die Zeit vor mehr als zweihundert Jahren.

Oft müssen wir zur Seite gehen; denn uns begegnen Karren, die Erze dem Dorfe zufahren. Mit uns kommen Holzwagen, die Stämme nach den Schächten bringen. Unser Ziel ist ein solcher Schacht. Wir begleiten darum einen Holzwagen und kommen zum Anna- Sophienschacht, dem tiefsten von allen andern, die in der ganzen Flur verstreut liegen. Er hat eine Tiefe, der Bergmann sagt: „Teufe", von 60 Lachtern (120 m), während die andern durchschnittlich nur 30 Lachter Teufe haben. Wir sehen ein Loch, auf dem ein Haspel steht. An dem Haspel stehen Männer, Haspelzieher genannt, die ab und zu einen Kasten emporwinden. Der Kasten enthält die Erze, die der Häuer unten im Schacht losgeschlagen hat. Wollen wir den Häuer bei der Arbeit sehen, so müssen wir an einer Leiter hinuntersteigen, wie es der Bergmann auch tut, wenn er anfährt. Dort unten herrscht ein Dämmerlicht; denn die Fackeln und Talglämpchen erhellen die Dunkelheit nur schwach. Außerdem steht der Häuer im Wasser, welches sich in dem Loche sammelt. Wohl ziehen andere Haspelzieher, die man Pumper nennt, Tag und Nacht Wasser herauf, aber trotzdem genügt das nicht, wenn der Zufluß stark ist. Nehmen die Wasser überhand, so muß der Bergmann den Schacht verlassen, ehe die Erze alle herausgeholt werden konnten.

Vom Schacht aus gehen nach verschiedenen Seiten Stollen, das sind unterirdische Gänge. Diese werden mit den Stämmen, die wir zum Schachte bringen sahen, ausgebaut. Nun steigen wir an den Leitern wieder empor und erfreuen uns an den Strahlen der Sonne und der gesunden Luft. Jetzt haben wir auch Zeit, das grauschwarze Gestein näher zu betrachten. Wir finden bei genauer Betrachtung ganz dünne Striche, die einen Silberglanz haben, es ist das Silber. Mit diesen Strichen oft vermengt, sieht man schmale Streifen einer rot und grün schillernden Masse; das ist das Kupfer. Beide Erze sind in dem grauschwarzen Gestein, dem Tonschiefer eingebettet.

Soeben fährt eine Reihe Karren nach der Schmelzhütte ab, und wir schließen uns an, um ebenfalls die Arbeit in der Schmelzhütte zu betrachten. Wir gehen denselben Weg zurück, den wir kamen, dann weiter durch das Dorf, über die Unstrut, über den Graben und sind in der Hütte. Die Erze kommen nun zuerst in die Pochmühle und werden dort in kleine Stücke zerstampft. Das Pochwerk wird von einem Wasserrad getrieben, das in den soeben überschrittenen Graben eingebaut ist. Kommen die Stücke aus der Pochmühle, so werden sie von den Klaubern ausgelesen, das taube Gestein wird zur Seite geworfen, das erzhaltige aber in einen der fünf Schmelzöfen gebracht. Diese Schmelzöfen werden mit Kohlen und Holz geheizt. Die Kohlen kommen ziemlich weit her; Fuhrleute bringen sie von Wettin und Meinsdorf; das Holz aber stammt aus den Wäldern bei Lossa. In den Schmelzöfen wird das Kupfer zuerst flüssig und läuft, dickflüssig wie Saft, rötlich glühend aus dem Gestein. Darauf wird das Erz noch entsilbert. Die Arbeit lohnt sich auch; denn aus fünf Zentnern Erzen gewinnt man 63 Pfund Kupfer und 110 Lot Silber. (1 Lot = 1/30 Pfund).

Aber das Wasser nahm in den Stollen überhand. Schon im Jahre 1728 fing die Not an. Nichts wurde unversucht gelassen; denn die Erze waren edel und versprachen Gewinn. Man baute einen Stollen, der die Wasser unterirdisch zur ünstrut ableiten sollte. Die Mündung des Stollens ist heute noch am Ostausgange von Bottendorf sichtbar. Sein Lauf läßt sich ebenfalls noch an den Halden der ehemaligen Lichtschächte erkennen. Im Jahre 1739 versuchte man, eine Wasserkunst zu erbauen. Man errichtete in der Anstrut, ebenfalls am Ostausgange von Bottendorf, ein großes Wasserrad von 14 Ellen Höhe und 6 Ellen Breite, welches ein Gestänge von 684 Lachter Länge trieb. Dieses Gestänge führte zum Neuen-Gnade-Gottes-Schacht. Leider war aber die Kraft durch das lange Gestänge zu gering. Später, im Jahre 1777, versuchte man, mit einer Noßkunst die Wasser zu bewältigen. Diese Noßkunst wurde von 6 Pferden in Amtrieb gesetzt, die nach je drei Stunden gewechselt werden mußten. Die Pferde wurden zweimal am Tage eingespannt; so waren außer den Reservepferden 24 Stück zu dieser Wasserkunst nötig. Der Betrieb war also gar kostspielig, und so kam es, daß im Jahre 1781 das Werk eingestellt wurde, allerdings mit der Absicht, es gelegentlich wieder aufzunehmen.

Graneß.

Wie unsere Ziegelsteine entstehen[Bearbeiten]

Wenn es nach frostfreien Tagen in den Räumen der Ziegelei von Berga lebendig wird, dann lohnt es sich, dieser Stätte des Gewerbefleißes einen Besuch abzustatten. Hat dir der Besitzer, Herr Gutsbesitzer Kleemann aus Berga, die Besichtigung der Ziegelei erlaubt, so betrittst du zunächst den geräumigen Vorplatz. An Schuppen und Baracken, an Ringofen und Maschinenhaus vorüber, schreitet man zum nördlichen Ausgang. Hier erblickst du die Tongrube, etwa 2 Minuten von der Ziegelei entfernt, wo sich die Tonmassen zu Wänden austürmen. Ein kräftiger Mann schiebt eben eine mit Ton gefüllte Lore bis zum Aufzug, wo sie mit einem Drahtseil von einer Maschine empor> gezogen wird und ihren Inhalt im Maschinenraum ausschüttet. Anter dem Raum arbeitet die Lokomobile, die alles in Bewegung setzt. Da nimmt der Beschicket den Ton auf, eine Egge faßt ihn und schiebt ihn in den Kollergang, wo er zerkleinert und gewalzt wird. Durch die Löcher der starken Eisenplatten, die sich am Koller befinden, fällt er in die Misch- oder Knetmaschine, in der fetter und magerer Ton gemischt werden. Hier läuft nach Bedarf Wasser aus der Tongrube zu, um den Ton geschmeidig zu machen. Von hier aus wird er hinunter in die Presse getrieben, aus der er, zum rechteckigen Block gepreßt herauskommt. Am Ende der Presse befindet sich das Mundstück, das den Ton zu Steinen formt. Drähte schneiden den Ton so, daß jedesmal 2-3 Steine entstehen. Wie schnell hat sich der Tonklumpen in Steine verwandelt! Fühle einen Stein an! Er ist noch ganz weich; die Arbeiter laden die Steine vorsichtig auf Karren und setzen sie einzeln in den Trockenschuppen auf Lattengerüste, wo sie 8-14 Tage trocknen.

Sind die Steine trocken, so werden sie gebrannt. Sie werden in den dunklen Brennkanal gebracht, der von dem großen Ringofen eingeschlossen wird. Der Ringofen, der ringförmig um den Kanal herumliegt, wird von obenher mit Kohlen geheizt, die in die Brenn- röhren eingeschüttet werden. In dem Ofen befinden sich 16 Kammern. Diese werden zum Teil mit Steinen gefüllt. Damit keine Hitze entweichen kann, werden die Türen mit alten Steinen und Ton zugemauert. Inzwischen werden andere Kammern geleert und die übrigen wieder vollgesetzt, damit man weiterbrennen kann. Das Brennen dauert 2—4 Tage; dann werden die zugemauerten Türen wieder aufgerissen, damit sich die Steine abkühlen. Und nun fährt man die Steine aus und stellt sie zu je 200 Stück zum Verkauf auf. Prüfe nun, wie der Stein klingt! Für den Brenner gilt es, wachsam zu sein, daß die Steine gut gebrannt werden. Beim Brennen hat sich der eisenhaltige Ton rötlich gefärbt. Ost enthält der Ton auch „Tuffstein" und Sand, die während des Brennens in „Fluß" geraten und ihn fest verkitten.

P. Hörold.

Ein in Kelbra gearbeiteter Perlmutterknopf erzählt seine Lebensgeschichte[Bearbeiten]

„Meine Heimat ist die Südsee. Ein Fischerknabe holte mich aus dem Wasser heraus. Frauen und Mädchen warfen meine Freunde und mich in einen großen Kasten, der zugenagelt und auf ein Schiff gebracht wurde. Bald, ging die Fahrt los. Viele Wochen dauerte die Reise. Wir konnten uns nicht rüppeln und rühren und wurden durch das Rattern des Schiffes noch dichter zusammengedrängt. In England wurden wir ausgeladen und in einen großen Lagerraum gebracht, in dem schon viele Kisten mit Perlmutterschalen standen, die gleich uns eine weite Reise zurückgelegt hatten, aber aus andern Teilen des großen Meeres kamen. All die Kisten brächte man wieder in ein Schiff, das nach Hamburg fuhr. Von dort aus verschickte man uns mit der Bahn nach dem Städtchen Kelbra.

Lange Zeit standen wir in einem dunklen Lagerräume. Eines Tages öffnete man unsere Kiste und warf uns auf die Erde. Ein Mann prüfte uns genau und legte mich mit andern starken Schalen beiseite, während die dünneren und schwächeren auf einen besonderen Haufen kamen. Aus mich schien der Mann ein besonderes Auge geworfen zu haben. Er hielt mich in die Höhe, daß sich das Sonnenlicht in mir spiegelte und rief laut zu einem Knaben, der neben ihm stand: „Sieh, die köstliche Perle!" Was er damit meinte, sollte ich gleich erfahren. Anten aus dem Meeresgrunde war ein Sandkörnchen in meine Muschel gedrungen. Weil es mich störte, überzog ich es mit einer festen Masse, so daß es mit der Schale verwuchs und mich nicht weiter belästigen konnte. Dieses kleine Körnchen nannte der Mann Perle, die er mit einem spitzen Stahle herausbohrte und sorgfältig aufbewahrte.

Was nun weiter mit mir geschah, kann ich kaum alles erzählen, so schnell ging es, und so vielerlei war es, was ich in einigen Tagen erleben mußte. Man warf mich in ein Faß, in dem Wasser war. Wie freute ich mich, wieder ein erquickendes Bad zu nehmen, wenn auch das Wasser ganz anders schmeckte als im heimatlichen Meere! „Die Muschel muß wieder weich werden", sprach der Mann zu seinem Knaben, „damit sie beim Bohren nicht zerreißt." Also durchbohren wollte man mich! Wenn ich daran denke, muß ich heute noch zittern und beben. Ein anderer Mann holte mich aus dem Wasser heraus, faßte mich mit einer Zange und hielt mich gegen einen Stahlbohrer. Der Bohrer sah wie eine kleine Röhre aus, hatte vorn lauter scharfe Zacken und drehte sich surrend im Kreise. Die scharfen Zähne bohrten runde Scheiben aus mir heraus, die durch die Stahlröhre gedrückt wurden und in einen Holzkasten fielen, in dem schon andere Scheiben lagen. Als der Kasten voll war, nahm der Mann alle heraus und drückte jede Scheibe in ein passendes Stück Holz, mit dem wir wieder surrend im Kreise gedreht wurden.

Zuerst war ich so eingespannt, daß meine rauhe Seite nach außen war. Der Mann hielt einen messerscharfen Stahl dagegen und drückte so lange, bis alle grauen Stellen abgeschrubbt waren. Dann kehrte er meine glänzende Innenseite nach außen und bohrte eine kleine Vertiefung hinein, die er Friesette nannte. Nachdem alle Scheiben so bearbeitet worden waren, brächte man uns aus eine Maschine, an der ein junges Mädchen saß. Dort sauste eine Nadel im Kreise herum. Das Mädchen hielt uns dagegen und bohrte zwei oder vier Löcher in uns hinein. Wie sahen wir nun aus! Zerschunden, durchbohrt, beschmiert und beschmutzt! Oh, wie unglücklich fühlten wir uns, und wie froh waren wir, als man uns in ein Faß schüttete, das mit Wasser und mit einer Säure, gefüllt war, in dem wir mehrere Stunden im Kreise gedreht wurden! Als wir herauskamen, sahen wir schön sauber aus. Glanz bekamen wir aber erst in einem anderen Fasse, in dem wir mit Sägespänen und mit feinem Kalke wiederum einige Stunden gedreht wurden. Wie fein wir nun aussahen, konnten wir eigentlich erst sehen, als uns ein Mädchen auf Silberpappe genäht hatte und als wir, in allen Farben schillernd, im Sonnenlichte glänzten. Knöpfe wurden wir nun genannt.

Leider verpackte man uns wieder in einen Karton, in dem wir längere Zeit liegen mußten, bis uns die Post in eine größere Stadt brächte. In einem Laden packte uns ein junges Mädchen aus und legte nns auf ein langes Brett. Nach einigen Tagen schon kaufte uns ein Mann, der uns mit in seine Wohnung nahm und uns auf einen Anzug nähte, den bald ein Herr abholte. Wir freuen uns jedesmal, wenn wir mit ihm spazierengehen dürfen.

R. Rasehorn

Die Nordhäuser Talsperre[Bearbeiten]

siehe: Die Nordhäuser Talsperre.

Am Sagenborn[Bearbeiten]

Die drei Asseburger Becher[Bearbeiten]

1.

Es war vor fast tausend Jahren in einer schönen, mondhellen Winternacht. Da schlief auf der Asseburg die Gräfin Helene mit ihren Kindern. Ihr Gemahl war mit dem Kaiser aus einem Kriegszuge. Ein glückliches Lächeln lag aus ihrem Gesicht; sie träumte, er sei zurückgekehrt und reiche ihr die Hand. Plötzlich erwachte sie und hörte zu ihrer Überraschung ein winziges Dergmännlein vor ihrem Bette sprechen: „Du gute' Herrin, Du hilfst allen, die in Not sind, hilf auch meinem kranken Weibe!"

Schnell stand die gute Gräfin auf, zog einen warmen Mantel an und folgte dem Zwerge. Alle Türen öffneten sich ihnen von selbst, und unweit der Burg gingen sie in eine Höhle, wo die Bergmännlein wohnten. Hier fanden sie auch die kleine, kranke Frau. Nachdem ihr die Gräfin geholfen hatte, schenkten ihr die Zwerge drei Becher aus Kristall und drei goldene Kugeln und weissagten dazu: „Solange auch nur eines dieser Stücke im Besitz von eurer Familie ist, wird es Asseburger geben. In dem Augenblick aber, wo die letzte goldene Kugel verloren ist und der letzte Becher zerspringt, wird auch der letzte Asseburger seine Augen schließen."

2.

Nach dem Dreißigjährigen Kriege befanden sich die drei Becher auf dem Schlosse zu Wallhausen. Die drei Kugeln waren längst verloren gegangen, und die alte Stammburg des Hauses Asseburg lag in Trümmern.

In Wallhausen wohnte damals eine verwitwete Frau von der Asseburg, welche die drei Becher sorgfältig hütete. Einst kamen ihre zwei erwachsenen Söhne, die auf einem Gut in Brücken wohnten, zu ihrem Geburtstage und brachten noch einen Freund mit. In fröhlichster Feststimmung wollten sie aus das Wohl der Mutter trinken aus den uralten Bechern ihres Hauses. Nach langem Bitten, doch mit schwerem Herzen, gab die Mutter sie heraus und sagte dazu: „Denkt, das Glück des Hauses Asseburg hängt an ihnen!"

Lachend nahmen sie die Becher, füllten sie mit funkelndem Rheinwein und stießen an. Da zerbrach das Glas des ältesten Sohnes, und klirrend fielen die Scherben zu Boden. Da war es aus mit der Fröhlichkeit, und vergebens bat die Mutter sie zu bleiben. Sie ließen sich nicht halten und jagten heimwärts durch die dunkle Nacht. Unterwegs gingen die Pferde durch und rasten in die hochangeschwollene Helme. Am andern Morgen brächte man der armen Mutter ihre toten Söhne.

Ein altes Steinkreuz zeigt noch heute kurz vor der langen Brücke die Anglücksstelle.

Von den Asseburger Bechern sind noch zwei vorhanden. Sie werden sehr sorgfältig aufbewahrt, einer auf der Hinnenburg in Westfalen und der andere aus Burg Falkenstein im Ostharz.

F. Wirth.

Die goldene Orgel unter der Bergaer Kirche[Bearbeiten]

In dem Berge, auf dem sich die stattliche Petri-Paulikirche erhebt, befindet sich eine weite Höhlung, die tief in den Berg hineingeht. Man vermutete allerhand kostbare Schätze darin. Und in der Tat sollen auch solche gefunden worden sein. Das lockte und reizte natürlich. So machten sich auch eines Nachts zwei Männer mit Spaten und Hacken auf, um nach Schätzen zu graben. Als sie die Höhlung entlang gingen, schlug der eine aus Zeitvertreib gegen die unterirdischen Felsenwände. Da, was war das? Es klang so hohl, und wie ferner Orgelklang ertönte es. Sie lauschten. Wunderbare Orgelmusik drang an ihr Ohr. Von neuem schlugen sie gegen die Felsenwand. Wieder klang es hohl. So sehr dick konnte die Wand aho nicht sein. Sie stellten ihre Laternen hin und fingen an, mit ihren Spitzhacken die Wand zu durchbrechen. Felsenstück auf Felsenstück sprang ab; immer hohler und hohler klang's. Sie mochten wohl schon 1 Stunde gearbeitet haben, und es mußte bald gegen Mitternacht sein. Jetzt noch ein paar kräftige Hiebe — die Felsenwand war durchbrochen! Ein blendend Heller Schein drang ihnen aus einem langen Gang entgegen. Wie festgebannt blieben sie stehen und wagten nicht, weiterzugehen. Aber schließlich besiegte die Neugier doch ihr Angstgefühl, und langsam, ganz vorsichtig und leise, schritten sie mit ihren Laternen vorwärts, die bei dem grellen Licht wie Nachtkerzen erschienen. Durch den Gang kamen sie in einen großen, unterirdischen Dom. Hunderte von Lichtern erstrahlten an den Wänden ringsumher. Im Hintergründe stand eine große goldene Orgel. Das war ein Gleißen, Glänzen und Funkeln, daß ihre Augen schier geblendet wurden! Eine feierliche Stille herrschte. Da hörten sie die Mitternachtstunde schlagen. Die Orgel erbrauste in vollen Akkorden, und aus mehreren Gängen, die vom Dome abzweigten, erscholl ein vielhundertstimmiger Gesang. Dazu ließ sich in der Ferne ein donnerähnliches Getöse hören. Von furchtbarem Schrecken erfaßt, ergriffen sie die Flucht. Immer näher kam das Getöse! Kaum hatten sie den Gang verlassen, da stürzte er krachend zusammen.

Wie ein Jenaer Student von den Nixen in Roßla getötet wurde[Bearbeiten]

Ein Student aus Jena war einst in Roßla auf dem Amtsgute zu Besuch. Hier wunderte er sich sehr, als er sah, daß die Hausfrau jeden Abend in einem besonderen Zimmer einen Tisch deckte. Als ihm auf seine Frage gesagt wurde, das Essen sei für die Nixen bestimmt, verlachte er den Aberglauben, und erbot sich, die ungebetenen Gäste zu vertreiben. Er ging in das Zimmer, versteckte die Löffel und legte sich mit einem geladenen Gewehr auf das Sofa. Als er um Mitternacht Schritte hörte, tat er, als ob er schliefe. Die Tür öffnete sich, und zwölf Nixen traten herein. Da sie die Löffel nicht fanden, zankten sie und riefen: „Wo hat denn die böse Frau die Lifflaff hintan??" Mit einem Mal erhob sich der Student und schoß auf eine der Nixen. Er sah deutlich, wie das Blut aus einer Wunde auf der Brust Herausfloß. Die Nixe aber zeigte drohend auf die Wunde und ging mit ihren Genossinnen weg, ohne gegessen zu haben. Am nächsten Morgen sah man die Blutspur bis nach dem Flusse. Die Gastgeber warnten den Studenten, ja nicht dem Wasser zu nahe zu kommen. Da wurde ihm angst. Am Nachmittage ging er weit vom Wasser fort in die Berge auf die Jagd. Dabei stolperte er über eine Wurzel und fiel in einen Wassertümpel, wo er ohnmächtig wurde und ertrank. So rächten die Nixen die Freveltat und ließen sich seitdem auf dem Amtsgute nicht wieder sehen.

Der Artraborn[Bearbeiten]

Dem jungen Grafen Georg von Beichlingen war sein zahmer Habicht verflogen. Er fand ihn endlich im Walde bei einem Quell in den Armen eines einfachen, aber wunderschönen Mädchens, das dem durch Pfeilschutz am Flügel verletzten Vogel heilenden Wurzelsast in die Wunde träufelte. Es war Artra, des Heldrunger Hirten Tochter. Georg bat sie, seinen Habicht gesund zu pflegen und ihn dann hier am Quell zurückzugeben, warf ihr ein Silberstück zu und ritt davon, bevor sie es ihm zurückreichen konnte. Als sie ihm dann den genesenen Vogel brächte, sah der Iunggras Tränen in ihren Augen schimmern und erfuhr, Artras alter Vater war grausam aus Dienst und Wohnung verstoßen worden. Da ließ Georg den beiden hier am Quell ein Häuschen zimmern und sorgte auch für ihren Unterhalt, ja, er hätte die Schöne gern als Braut ins Beichlinger Schloß gebracht, wäre ihm solches durch seine adelsstolzen Eltern erlaubt worden. Der Artraborn spendet noch jetzt aus Kalkfels heraus den Wanderern Erquickung.

Ewald Engelhardt.

Balthasar Hakes Grab[Bearbeiten]

Im Dreißigjährigen Kriege stand die Gegend zwischen Riestedt und Amarode wegen der Wegelagerer und Klopffechter im üblen Rufe; man nannte die Straße Klopsgasse. In ihrer Nähe sieht man unter einer hohen Eiche eine ziemlich verschüttete Höhle, Balthasar Hakes Grube genannt. Dainit hat es folgende Bewandtnis: Ein verwahrloster Knabe zu Riestedt, der immer schon seine Mutter und seinen Lehrer geärgert hatte, verschwand eines schönen Tages aus seinem Orte. Nun waren schon früher auf der Klopfgasse oftmals Wanderer ausgeraubt worden. Jetzt aber wurden die Überfälle häufiger, und die Diebstähle in der Umgegend nahmen zu. Man fürchtete, eine ganze Räuberbande müsse hier Hausen, konnte sie jedoch nicht entdecken. Da bemerkte eines Morgens ein Riestedter in der Klopfgasse einen Männerhut. Als er ihn ausheben wollte, sprangen zwei Männer herbei, banden ihn und führten ihn in ihre Höhle. Dort hielt der Hauptmann der Bande schon das Schwert entblößt. Als ihn der Gefangene ins Gesicht blickte, erkannte er seinen ehemaligen Schulkameraden Balthasar Hake, von dem man nichts mehr gesehen und gehört hatte, seitdem er als Knabe verschwunden war. Er erinnerte ihn an die Jugend- spiele und bat um sein Leben. Das rührte den Räuber; er ließ ihn einen Eid schwören, nichts zu verraten, und jagte ihn dann nach Hause. Von der Zeit an war das Wesen jenes Mannes vollständig geändert, und jeder sah es ihm an, daß er ein Geheimnis bei sich trug; aber aus Fragen blieb er stumm. Da ward er einmal ernstlich krank und verlangte nach dem Trost des Geistlichen. Als dieser kam, redete er ihm ins Gewissen, konnte aber nichts erfahren. Da ermähnte ihn der Geistliche, es wenigstens Gott anzuvertrauen, wenn er es Menschen nicht verraten wollte. Das tat der sterbende Mann, und so erfuhr es der Pastor. Er machte der Obrigkeit Anzeige, und die Räuber wurden in ihrer Höhle mit ihrem Führer Balthasar Hake mit brennendem Schwefel erstickt.

Der Schatz in der Wüsten Kirche[Bearbeiten]

Am Settebach bei Obersdorf stand einst eine Kirche. Als ein Schäfer dort^seine Schafe hütete, erblickte er einen Mann im braunen Mönchsgewand. Der Schäfer war anfangs erschrocken, doch faßte er sich wieder, als der Mönch ihm von einem Schatz erzählte, der in der Kirche vergraben liege. Er erbot sich, dem Schäfer die Stelle zu zeigen, wenn er sich um Mitternacht hier wieder einfinden würde. Dem Schäfer war's recht unheimlich zumute; er fragte, ob er nicht noch ein paar Männer mitbringen dürfe. Der Mönch erlaubte es, bedeutete ihm aber, daß während der Zeit kein Wort gesprochen werden dürfe. In der nächsten Nacht, um die festgesetzte Zeit, erschien der Schäfer mit einigen beherzten Männern aus Obersdorf. Sie trafen den Mönch, der sie in die hellerleuchtete Kirche führte und ihnen in der Nähe des Altars die Stelle zeigte, wo sie graben sollten. Er selbst trat an den Altar und las laut Gebete vor, während die Männer mit Hacke und Spaten ans Werk gingen. Doch da begann rings um die Kirche ein unheimliches Heulen und Toben. Die Männer setzten schweigend ihre Arbeit fort, obschon sich ihnen das Haar vor Grausen sträubte. Es schien, als ob die bösen Geister hereindringen wollten. Endlich erblickten sie in der Tiefe eine Pfanne, die ganz mit glänzendem Gold gefüllt war. Beim Anblick des Goldes stieß einer einen Schrei aus. In demselben Augenblick waren Mönch und Schah verschwunden, und es war ganz finster. Das Geheul wurde immer lauter und drang in die Kirche, die Männer erhielten Püffe und Stöße und waren schließlich froh, als sie glücklich wieder draußen waren. Wüste Kirche wird die Stelle heute noch genannt.

Fügemann.

Das Sangerhäuser Kobermännchen[Bearbeiten]

Im Treppenflur des neuen Schlosses zu Sangerhausen steht in einer Wandnische ein zwergenkleines Steinmännlein. Es hat wilden Bart und Haarschopf und trägt einen Kober an der Seite. Das Kobermännchen wird es genannt und soll einst als ein höllisches Wesen hier gehaust haben, wenn auch in nächtlicher Heimlichkeit. Mit dem Erbauer dieses Schlosses, dem kurfürstlich-sächsischen Steuereinnehmer Kaspar Tryller, ist nämlich dies und das gewesen, was nicht ans Licht der Sonne durste. Woher hat er denn das unheimlich viele Geld gehabt, solch ein stolzes Schloß zu bauen? Man hat's erfahren. Aus der Hölle ist das Geld gekommen, und das Kobermännlein hat es ihm in Nächten heimlich zugetragen.

Einmal ging ein Bäuerlein von der Stadt Sangerhausen her seinen Weg in die Goldene Aue. Es war Herbst, und der Sturm rauschte in den hohen Pappeln und fuhr heulend über die kahlen Felder, als sei die Hölle los. Mitternacht war's, als plötzlich ein kleines Männlein mit einem so großen Kober angekeucht kam, daß der Bauer spottlustig und verwundert fragte: „Wo will der große Kober mit dem kleinen Männlein hin?" —

Aber — o Schrecken! — was für böse Antwort ward ihm da! Das Männlein reckte sich hoch auf, bekam Augen wie höllische Feuerräder, holte mit seiner Hand weit aus und schlug dem Bäuerlein hinter die Ohren, daß ihm Hören und Sehen verging. Dann war es wie ein böser Spuk verschwunden. Tagelang noch hat der Spötter die Spuren der Finger an seiner Backe getragen. Noch heutzutage gehen die Leute mit scheuem Seitenblick an dem steinernen Männlein vorüber.

A. Manke.

Vom Schlangenkönig im Pfaffenberge[Bearbeiten]

Auf dem Pfaffenberge bei Lengefeld lebte vor vielen, vielen Jahren ein Schlangenkönig. Tief in der Erde hatte er seine Wohnung, einen prächtigen Palast. Wenn man Glück hatte, konnte man ihn vor dem Eingänge zur Höhle sich sonnen sehen. Dann funkelte und blitzte seine goldene, mit Edelsteinen besetzte Krone, daß einem die Augen wehtaten. Bemerkte er die Menschen, so war er blitzschnell in seine Wohnung verschwunden. Wohl trug manch einer nach dieser prächtigen Krone Verlangen, doch dem Schlangenkönig war nicht beizukommen, obgleich viel vergebliche Versuche gemacht wurden.

Schließlich gelang es einem Bauern durch List, die Krone zu erlangen. Er tränkte nämlich ein Tuch mit Zuckerwasser, legte es vor das Schlangenloch und wartete, mit einer Heugabel in der Hand, hinter dem nächsten Baum auf das Tier. Es dauerte lange, bis der Schlangenkönig zum Vorschein kam. Mißtrauisch betrachtete er das Tuch, doch kam er langsam näher und näher heran, beroch es und sing an, das Zuckerwasser herauszusaugen.

Ganz leise kam der Bauer von hinten hinzu, spießte den Schlangen- könig an die Erde fest und entriß ihm die Krone. Mit seinem Reichtum eilte er nach Hause.

Der Schlangenkönig ist seit der Zeit verschwunden, und niemand hat ihn bis auf den heutigen Tag wiedergesehen.

Der Bauer zog von Lengefeld fort, verkaufte die Krone über den Rhein und erhielt dafür viel Geld. Doch seines Reichtums konnte er sich nicht lange freuen; denn er starb bald darauf unter furchtbaren Qualen.

H. Konrad.

Von den Schweinsköpfen am Schloßkopf in Bornstedt[Bearbeiten]

Hart am Ostausgang des Dorfes Bornstedt erhebt sich ein steiler Berg, der Schloßberg. Darauf findet man noch heute die Reste einer alten Burg, einen Schloßturm mit 4 Schweinsköpfen, einen. Burggraben und Teile der Burgmauer. Von den Schweinsköpfen erzählt man sich folgende Sage:

Vor vielen hundert Jahren hatte der Ritter von Bornstedt einen Krieg. Seine Feinde zogen mit großer Heeresmacht heran, so daß er ihnen in offener Feldschlacht nicht widerstehen konnte. Deshalb zog er sich mit seinen Mannen in seine feste Burg zurück. Nun versuchten seine Gegner, diese Zufluchtsstätte zu erstürmen; aber die Burgmauer war hoch und fest und die Besatzung tapfer und wachsam, und so wies sie alle Anschläge der Stürmer ab. Bald lagen viele Angreifer mit zerschmetterten Gliedern im Burggraben. Als das ihr Führer sah, sprach er: „Mit Gewalt bekomme ich das Nest nicht in meine Hand. Ich muß es aber haben; deshalb hungern wir es einfach aus."

Am Fuße des Schloßberges bezogen die Feinde ein festes Lager, jeden Augenblick bereit, über die Besatzung herzufallen. Sie verhielten sich ganz ruhig, bewachten aber alle Wege, die auf die Burg führten, und ließen kein Mehl, kein Fleisch, keine Milch, keine Butter, überhaupt kein Nahrungsmittel hindurch. Da dauerte es gar nicht lange, daß in der Burg das Essen knapp wurde. Das Stück Brot, das die Besatzung erhielt, wurde von Tag zu Tag kleiner, und das Stückchen Speck, das sie dazu bekam, war bald so winzig, daß es kaum zu sehen war. Zuerst lachten die Knechte darüber. Sie waren noch lustig und guter Dinge, verhöhnten und verspotteten die feigen Belagerer und forderten sie auf, heranzukommen an die Mauer der Burg und sich blutige Köpfe zu holen. Als aber der Hunger wochenlang währte, kamen sie von Kräften. Sie wurden immer elender, und ihre Wämser schlotterten nur noch so um die dürr gewordenen Leiber. Da wurden sie auch mürrisch und unzufrieden, und einer raunte dem andern heimlich ins Ohr: „Was sollen wir alle Tage wachen und auf die Feinde lauern, die doch nicht kommen? Sollen wir alle lebendig verhungern? Ist es da nicht besser, die Burg zu übergeben? Vielleicht lassen uns die Feinde doch das Leben!" Mit drohenden, feindseligen Blicken sahen sie ihrem Ritter nach, wenn er die Runde durch die belagerte Feste machte und sich überzeugte, ob alle auf dem Posten waren. Jetzt sah auch der Burgherr ein, daß er das Erbe seiner Väter nicht mehr lange halten konnte, und er erwog bereits, es zu übergeben.

So verloren fast alle Burgbewohner den Mut. Nur einer war noch da, der sich nicht bange machen ließ, der fröhlich und zuversichtlich in die Zukunft sah. Das war der Burgnarr. Er schalt die Knechte: „O, ihr Iammerkerle! Kriegsknechte wollt Ihr sein? Feige Memmen und Angsthasen seid ihr! Ihr habt mich immer meines Buckels und meiner Schwachheit wegen verlacht. Jetzt ist es soweit, daß ich Krüppel allein noch Mut habe, daß ich euch und die Burg retten muß." Da wurden die Gescholtenen zornig. Sie drohten ihm mit der Faust; aber sie waren schon so schwach, und es war ihnen alles so gleichgültig, daß sie nicht mehr wie sonst hinter ihm herliefen, um ihn zu verprügeln. Nun ging der Burgnarr zum Ritter und sprach zu ihm: „Hochmächtiger Herr und Gebieter, verliert nicht den Mut! Nächste Woche ziehen eure Feinde unverrichteter Sache wieder ab. Ich habe nämlich einen listigen Plan erdacht, der die Burg und uns alle vor dem Untergang bewahren wird." Schwermütig lächelnd antwortete ihm sein Herr: „Burgnarr, ich weiß, du meinst es gut mit mir; aber verschone mich in diesen schweren Tagen mit deinen faulen Witzen, sonst setzt es noch eine Tracht Prügel." Da traten dem treuen Narren die Tränen in die Augen, und er sah seinen Gebieter so traurig und wehmütig an, daß der schließlich sagte: „Na, dann erzähle mal deinen Plan!" Freudig fing nun der kleine, bucklige Mann an: „Herr Ritter, wir haben nur noch ein einziges Schwein. Wenn das noch geschlachtet ist, wissen wir nicht mehr, was wir dann noch essen sollen. Nun rate ich euch: Laßt das Schwein nicht schlachten; laßt es aber alle morgen früh um 6 Uhr so tüchtig quälen, daß sein Quieken bei den Feinden im Lager zu hören ist. Dann werden sie denken, wir schlachten alle Tage ein Schwein, und sie werden sich sagen: „Wir können die Burgbewohner nicht aushungern; darum laßt uns die Belagerung abbrechen. Wir hungern ja mehr als die da oben auf dem Berge." Dann werden sie abziehen, und ihr behaltet, was ihr- von euren Vorfahren ererbt habt." Bei dieser Rede des Narren erhellte sich das Gesicht des Ritters immer mehr, und schließlich sprach er schon ganz fröhlich: „Burgnarr, du hast mir mit deinem Rate einen Dienst erwiesen, den ich dir nie vergessen werde. Ich werde ihn befolgen. Gelingt dein Plan, dann schenke ich dir die Freiheit und ein Bauerngut."

Nun geschah es, wie der Burgnarr zuvor gesagt hatte. Jeden Morgen um 6 Uhr zogen die Knechte das Schwein aus dem Stalle und quälten es, daß das Gequieke in den Zelten der Belagerer zu hören war. Da spitzten die Feinde die Ohren, horchten ganz erstaunt auf und sagten: „Die Leute in der Burg schlachten ja jeden Tag ein Schwein. Die haben ja mehr zu essen als wir. Da können wir sie nicht aushungern. Darum laßt uns die Belagerung abbrechen und abziehen." So geschah es auch, und so wurde die Burg gerettet.

Der Burgnarr erhielt den versprochenen Lohn. Damit aber Kinder und Kindeskinder an die wunderbare Erhaltung der Burg erinnert würden, ließ der Ritter an dem Schloßturm 4 Schweinsköpfe anbringen, nach jeder Seite einen. Darum heißt die Burg seit der Zeit die Schweinsburg und der Schloßturm der Schweineturm.

F. Fischer.

Der wilde Jäger bei Dietersdorf[Bearbeiten]

Einst saß ein Förster auf dem Breitenberge bei Dietersdorf auf dem Anstand. Da hörte er ein furchtbares Brausen und lautes Hundegebell. Tief beugten sich die Wipfel vom Sturm. Ein gespenstischer Zug raste durch die Lust nach dem Auerberge zu. Voran ritt auf einem schnaubenden Rosse der wilde Jäger mit einem breitkrempigen Hut und einem langen, wallenden Mantel. Laut ertönte sein Ruf durch die Luft: „Hohohl Schuhuh!" Kläffende Hunde und Geisterspuk folgten ihm nach. Dem Jäger wurde ganz gruselig, und er begab sich auf den Heimweg. Unterwegs begegneten ihm Holzhauer, die den wilden Jäger auch gesehen hotten. Sie erzählten ihm, daß er alle 7 Jahre hier entlang ziehe. Man dürfe dann nicht fluchen, rufen oder spotten. Sonst würfe einem der wilde Jäger einen Pferdeschinken mit den Worten zu: „Du hast mit helfen jagen, nun sollst du auch mit helfen nagen." Wehe dem, der den Schinken nicht aufessen wollte!

Der Bär im Pfingstfelsen[Bearbeiten]

Der Pfingstfelsen im Ludetal bei Stolberg, ja, der verbirgt mittels Felsblocks eine Höhle, und das ging so zu. Einmal verirrte sich ein wunderschönes Stolberger Mädchen beim Beerensuchen, fand in der Höhle ein weiches Lager von Laub und Moos und schlief daraus ein. Beim Erwachen fühlte es ein warmes Fell an der Wange und sah einen mächtigen Bären neben sich liegen, der, statt es anzusallen, ihm liebreich Honig und Beeren reichte und es durch Gebärden bat, bei ihm zu bleiben. Seine treuherzigen Augen obendrein bewogen das Mädchen, wirklich dazubleiben. Als aber Jäger eindrangen und schon ein Speer erhoben wurde, stellte es sich schützend vor den Bären. Da verwandelte sich dieser plötzlich in einen Königssohn und gewann auch die Sprache zurück.

„Du hast mich nun erlöst!" rief er, schloß sie gerührt in seine Arme und nahm sie mit in sein Reich und aus seinen Thron. Vorher aber rollte und schob er mit Bärenkraft einen Felsblock vor die Höhle.

E. Engelhardt.

Jutta von Questenberg[Bearbeiten]

Vor bald tausend Jahren wohnte auf der Questenburg der Ritter Knaut. Der hatte ein liebliches Töchterlein, mit Namen Jutta. Die Mutter war gestorben. Der Vater hatte sie sehr lieb gehabt und wollte sich nicht trösten lassen.

Um die Pfingstentage war es, als die Kleine eines Morgens früh nach Blumen in den Garten lief. Da sah sie durch den Zaun die bunte Wiese in voller Frühlingspracht, und fröhlich sprang sie durch das hohe Gras dahin.

Bald aber suchten sie das Kind. Man lief treppauf, treppab und fand nirgends eine Spur. Sie war nicht in der Burg und nicht im Garten. Vergebens rief man laut am Waldrand: „Herr Ritter, das Kind ist fort!"

In seiner Herzensangst bot er gleich alle Leute aus seinen sieben Dörfern auf, das Kind zu suchen. — Klein Jutta aber war bereits in treuer Hut. Ein Köhler hatte sie tief im Walde schlafend gefunden und behutsam in seine Hütte getragen. Erst weinte sie ein bißchen, dann aber schlief sie bis zum Hellen Morgen und ließ sich Milch und Brot als Frühstück munden.

Als sie wieder draußen sah und ein Blumenkränzlein um ein Kreuzchen wand mit Quasten an den Seiten und einem Büschel an der Spitze, fanden sie die Questenberger.

Nun ging es heim, und jubelnd brächte man Klein Jutta auf die Burg zu ihrem Vater. Freudig hielt sie ihm ihre Blümchen hin und rief: „Sieh, Väterchen, da habe ich Dir ein Kränzlein mit schönen Quasten dran mitgebracht!"

Mit diesem Tag zog wieder Freude ein ins alte Schloß. Ein großes Fest wurde gefeiert. Die Rothaer bekamen eine schöne Wiese, die noch heute die „Fräuleinswiese" heißt. Das Questenfest aber, das jedes Jahr am 3. Pfingsttag in Questenberg gefeiert wird, ruft in uns die Erinnerung an Klein Jutta wach.

Der Bauer von Edersleben[Bearbeiten]

Einst fuhr ein rechtschaffener Bauer aus Edersleben gegen Abend mit einer Ladung Getreide fort, um am nächsten Morgen rechtzeitig auf dem Markte in Nordhausen zu sein. Es war gerade Mitternacht, als er dem Kyffhäuser gegenüber war. Da sah er, wie sich vom Berge her eine Laterne der Straße näherte und dort stehen blieb. Als derBauer herankam, sah er einen Zwerg, der ihn fragte, ob er sein Getreide nicht dem Kaiser Rotbart im Kyffhäuser verkaufen wollte. Er sollte denselben Preis bekommen, den man jetzt in Nordhausen zahlte. Der Bauer war damit zufrieden. Doch hatte er Bedenken, den steilen Berg heraufzukommen. „Dafür laß mich nur sorgen", antwortete der Zwerg und ergriff die Zügel des Sattelpferdes. Ohne Anstrengung kam man oben an. Das Getreide wurde in den Berg in Pne große Kammer getragen. Als alles abgeladen war, führte ihn der Zwerg in die Schatzkammer, wo ein Kasten mit lauter neuen Talern stand. „Nimm dir das Geld für dein Getreide selbst heraus!" sagte der Zwerg. Der Bauer nahm etliche Taler heraus und wollte ihm einen halben Gulden zurückgeben, um nicht mehr zu nehmen, als das Getreide wert war. Der Zwerg aber sagte, er sollte ihn nur als Trinkgeld behalten. Dann führte er ihn in einen großen Saal, wo er ihn mit Speise und Trank reichlich bewirtete. Als der Bauer nach dem Essen wieder abfahren wollte, rief ihm der Zwerg zu:

„Weil du nicht zu viel genommen, sollst du noch viel mehr bekommen!"

und warf ihm eine eiserne Kette auf den Wagen. Unterwegs wurde sie so schwer, daß die Pferde kaum den Wagen zu ziehen vermochten. Der Bauer wollte das Eisen herunterwerfen, aber es ging nicht. Als er am Morgen wieder in Edersleben ankam, war die Kette in pures Gold verwandelt. So war seine Redlichkeit belohnt worden.

Die Lange Hüne auf der Numburg[Bearbeiten]

Aus den Bergen bei der Numburg hauste in grauer Vorzeit eine Riesin, die Lange Hüne genannt. Eines Tages hatte sie Langeweile. Zum Zeitvertreib drehte sie sich aus ihrem Absätze ein paarmal rund herum. So entstand das große, kreisrunde Loch bei der Numburg. Beim Umdrehen bekam sie Sand in den Schuh. Sie schüttete ihn aus. Die Sandkörner flogen im Helmegau umher. Das größte Sandkorn aber, ein gewaltiger Granitblock, flog bis auf die Höhe von Görsbach, wo er noch heute zu sehen ist. Als die Lange Hüne starb, wurde sie in dem Hünengrabe bei der Numburg begraben.

Das lange Kegelspiel auf dem Kyffhäuser[Bearbeiten]

Peter Klaus, der Ziegenhirt aus Sittendorf, ist auch einmal im Kyffhäuser gewesen. Wie das kam? Nun so: Von jeher hatte er seine liebe Not, seine genäschige Gesellschaft in den Ruinen zusammenzuhalten; seit einigen Tagen aber fehlte ihm stets eine große Ziege, die erst wieder auftauchte, wenn er Heimtrieb. Dann kam sie immer dem Hausen nachgesetzt. Was tat nur das Tier tagsüber? Peter beobachtete darum seine Ausreißerin recht sorgfältig, und wirklich glückte es ihm eines Tages, die Ziege zu belauschen, als sie sich durch eine enge Mauerspalte zwängte und verschwand. Der Hirt kroch hinterher und kam in eine verfallene Halle. Hier meckerte ihn die Vermißte freundlich an, machte sich dann aber gleich wieder über eine Anzahl Haferkörner her. Haferkörner? Wo kamen die denn her? Nun, die schienen von der Decke des Raumes herabzurieseln. And als Peter lauschte, hörte er über sich leises Wiehern und dumpfes Stampfen, dort mußte ein Pferdestall sein. Während Klaus noch unschlüssig überlegte, ob er der Entdeckung nachgehen sollte, stand ein Knappe bei ihm, der winkte ihm zu. Zögernd folgte er der Einladung. Mehrere Stufen gings empor, dann kamen die beiden über einen Hof, der rings von Mauern umschlossen war. Endlich senkte sich der Weg aus einen kleinen Platz hinab, und hier trafen sie auch eine Gesellschaft von Rittern in wunderlich bunten und geschlitzten Gewändern. Lange, eisgraue Bärte umrahmten ihre blassen Gesichter. And was taten die Männer? — Die kegelten. Kegelten? — — Ja, kegelten. Als nun gar ein Wink unsern Peter belehrte, er sollte Kegel aussetzen, da ging ihm doch ein Grauen an, und am liebsten wäre er davongelaufen. Nach und nach fand er sich aber in seine merkwürdige Lage; voller Eifer kam er seiner Verpflichtung nach und stärkte sich hin und wieder aus einer Kanne mit köstlichem Weine, die man ihm hingestellt hatte. So verging die Zeit, und endlich schlief Peter Klaus über seine Arbeit ein.

Es war Abend, als der Ziegenhirt erwachte. Erstaunt blickte er sich um — ja, das waren die vertrauten Mauertrümmer. Hatte er denn geträumt? Hastig sprang er auf und lockte seine Ziegen — kein Tier war zu sehen; er pfiff dem Hunde, kein Hund kam gesprungen. Sollte die Herde allein den gewohnten Weg ins Dorf hinabgelaufen sein? Da fielen dem Manne mancherlei Veränderungen in seiner Am- gebung auf — wo einst kleine Büsche standen, rauschten jetzt hohe Bäume im Winde. Ganz verstört stieg Peter ins Tal hinab. Kinder spielen auf der Gasse, die kannte er nicht; Leute gingen vorüber die waren ihm fremd. Hatte er sich denn verlaufen? Aber nein, das war doch das vertraute Küchlein, und droben stand drohend gegen den Abendhimmel der Turm der alten Burg! Er schritt nach dem Hirtenhause und rief Frau und Kinder — ein fremder Junge kam gesprungen, und ein unbekannter Hund knurrte ihn an. Inzwischen war die Kunde von dem wunderlichen Gebühren des alten Mannes durchs Dörfchen gelaufen, und jung und alt drängte sich um den Fremden. Endlich faßte sich Peter Klaus ein Herz und fragte nach einem alten Bekannten. „Wo ist denn der Kurt Steffen?" Den kannten die Jungen nicht, doch ein altes Mütterchen rief: „Der wohnt seit 12 Jahren bei der Sachsenburg, da kommt ihr aber heute abend nicht mehr hin!" „Und Velten Steier?"

— „Seit fünfzehn Jahren schon schläft der unterm grünen Rasen." Da wollte dem Peter vor Schreck das Herz stillstehen. Aber siehe da, trat dort nicht ein Weib mit drei Kindern zu dem Haufen? Das sah ja gerade so aus wie seine Frau. „Wie heißt du denn?" fragte er „Marfä" — „And dein Vater?" — „Peter Klaus" — „And wo ist er denn geblieben?" — „Ach, Gott hab' ihn selig, der zog vor zwanzig Jahren mit seiner Herde auf den Kyffhäuser. Die Ziegen kamen allein ins Dorf zurück, mein Vater war verschollen.

Wir haben Tag um Tag gesucht, alles war vergebens." Da konnte der alte Vater nicht mehr an sich halten: „Ich bin ja Peter Klaus!" And nun mußte er erzählen, und schnell lief die Kunde von dem Hirten, der zwanzig Jahre im Kyffhäuser geschlafen hatte, durch die Dörfer und Städte.

G. Winkler.
  1. So berichtet die Sage.
  2. „Heimchenhöhle", volksmundartig: „Heimken-Hehle". Heimchen sind unterirdische Berggeister wie Zwerge, Kobolde un> Heinzelmännchen.