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Der Zug Napoleons nach Rußland und die Befreiungskriege

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Textdaten
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Autor: Hermann Heineck
Titel: Der Zug Napoleons nach Rußland und die Befreiungskriege
Untertitel:
aus: Geschichte der Stadt Nordhausen 1802–1914
Herausgeber: Magistrat
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1927
Verlag: Magistrat der Stadt Nordhausen
Drucker:
Erscheinungsort:
Quelle: Scan
Kurzbeschreibung: Abschnitt 1,
Kapitel 4
Digitalisat:
Eintrag in der GND: [1]
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Kapitel 3.
Der Zug Napoleons nach Rußland und die Befreiungskriege.


Am 15. Februar 1812 ist Napoleon marschbereit gegen Rußland, und es geht natürlich nicht an, nun, wo der Feldzug im Gange ist, ein Geheimnis daraus zu machen, zumal eine Hauptetappenstraße quer durch Westfalen über Nordhausen geht. Darum wird den Bürgern von Nordhausen unter dem 8. April folgendes im Nordhäus. wöchentl. Nachrichtsblatt vom 13. April 1812 mitgeteilt.

Bekanntmachung.

Da aller Wahrscheinlichkeit nach eine Militärstraße e für ein bedeutendes Truppenkorps über Nordhausen nach Magdeburg angeordnet werden wird, so mache ich hierauf die hiesigen Bürger aufmerksam, damit es nicht an den nötigen Bedürfnissen der Verpflegung der Truppen fehle. Auch soll durch Lieferung der Untertanen ein Magazin von Heu, Stroh und Hafer, sobald die Militä'rstratze eröffnet wird, hierselbst etabliert werden. Die hiesigen Einwohner, besonders die Ländereibesitzer, müssen sich also hierauf einrichten, daß sie, sobald es verlangt wird, sogleich und ohne den mindesten Zeitverlust das auf die einzelnen fallende Quantum an Fourage liefern können.

Der Verpflegungs- und Marsch-Commissaire
Kanton-Maire Grünhagen.

Auf einen Acker Land oder Wiese ist zur Verfügung zu halten ¼ Metze guter, trockener Hafer und ½ Pfd. gutes, nicht mit Grummet vermischtes Heu.

Die Konskriptionen des Jahrgangs 1792 (u. älter) beginnen mit dem 6. Mai.

Ein Militär-Lazarett wird im Siechhof eingerichtet und untersteht dem Stadtphysikus Dr. Schrödter.

Alle Nachrichten über die große Armee sind strengster Kontrolle unterworfen, Verbreiter falscher Nachrichten werden nach Lasset abgeführt. Noch im Oktober dauern die Märsche nach Rußland und zurück an, so daß ein genaues Truppenverpslegungsreglement Anfang dieses Monats in der hiesigen Zeitung veröffentlicht wird. Ueber die großen Fortschritte der großen Armee werden die Einwohner durch die Prediger im Gottesdienste unterrichtet. So erfahren wir, daß Pfarrer Marks in Duderstadt über den Sieg an der Moskwa (7. Sept. 1812) eine Dankpredigt gehalten und diese veröffentlicht hat.

Sonst ist im Blätterwald der Zeitungen alles still.

Wir wissen, daß das 8. Armeekorps der westfälischen Armee bei Beginn des Rückzuges am 28. Oktober 1812 noch rund 6000 Mann zählt. Das furchtbar reduzierte, nur noch ein Bataillon zählende Armeekorps rückt am 22. November in Bobr ein, überschreitet als Kompagnie am 27. Nov. die Beresina. Am 28. November sind noch 50 Mann Infanterie und 60 Mann leichte Kavallerie zusammen. Wenige Tage darauf ist diese Truppe zersprengt, vereinzelte Offiziere und Mannschaften tämpfen sich durch.

Das in Wilna stationierte, zum 6. Armeekorps gehörige westfälische 4. Linien-Infanterieregiment erreicht Anfang Januar 1813 Thorn. 160 Offiziere, 600 Unteroffiziere und Gemeine können noch zu einem Regiment formiert werden, welches über Krossen nach der Heimat marschiert.

Durch Nordhausen kommen allmählich auf der Etappenstraße an 3000 Soldaten der großen Armee durch, im Siechhof notdürftig verpflegt. Januar 1813 sehen die Bürger die ersten Trümmer der stolzen Armee sich nahen. Nun weiß man, was man von den stolzen Publikationen des „Moniteur de Westphalie" zu halten hat. Ein heimliches Raunen geht durch das Volk — aber einen Aufstand wagt es nicht. Wohl begreift man alle die Anzeichen der nahenden Freiheitsbewegung, aber die Waffen offener Empörung gegen den Gewaltherrscher zu erheben, läßt sich damals niemand in Nordhausen einfallen.

Durch den bekannten Pastor Plieth in Salza[1] erfahren wir zuverlässig wie damals die Verhältnisse in Nordhausen liegen. Man bemüht sich seitens der Regierung, jede Nachricht von der Annäherung der Rüsten und von ihrem Bündnisse mit den Preußen (März, April 1813) zu verheimlichen, aber in Nordhausen ist die patriotische Partei sehr gut informiert. Der Kommerzienrat Riemann, die angesehenen Kaufleute Schlichteweg und Gebrüder Bötticher, der Buchhändler Nietzsche erhalten gute Nachrichten aus sicheren Quellen, sogar OriginalProklamationen der Russen. Der Gastwirt Reinecke in den 3 Schwänen (am Altentor 3) bekommt Bescheid von allem, was jenseits der Elbe vor- geht. Ja die Namen Schlichteweg und Nietzsche sind zu Parteinamen geworden, welche die deutschen Patrioten kennzeichnen.

Am 12. April erscheinen die ersten preußischen Husaren in Nordhausen (3 Mann der Major v. Hellwigschen Freischaren, zum Rekognoszieren entsendet). Sie nehmen den Platzkommandanten von Nordhausen, Baron d'Hallet gefangen und führen ihn ab (s. Nordh. Ztg. v. 14. 2. 1925).

Am 17. und 18. April treffen unter General Lanskoy russische Truppen ein, welche bei Pustleben westfälische Gendarmerie und Gardekavallerke überfallen. Die Russen ziehen erst am 20. April ab.

Von diesen Ostertagen 1813 ist eine lebendige Schilderung eines Augenzeugen erhalten, die in dem Jahrgang 1863 der Nordhäuser Zeitung abgedruckt ist. Sie soll hier weiteren Kreisen zugänglich gemacht werden.

Ostern 1813.

Die Nordhäuser hofften, dieses Fest in Ruhe verleben zu können. Vom Ueberschreiten der oberen Elbe durch die Alliierten wußten sie wenig, Durchmärsche französischer Soldaten waren gerade damals selten. Man atmete nach langer Zeit wieder freier, da man der lästigen Einquartierung überhoben war. Alt und Jung freute sich auf Ostereier und Osterkuchen.

Zudem war das Wetter schön und warm, der Frühling machte seine Herrschaft mit Erfolg geltend, fiel doch Ostern auf den 18. April.

Am Gründonnerstag, nachmittags, hieß es auf einmal überall in der Stadt: „Kosaken sind da!" Wir gingen nach dem Rathause und richtig, es waren echte Kosaken, 20 Mann, da. Ihr Führer, Oberst von Löwenstern, ein Livländer, hatte im Riemannschen Hause, Ecke Iüdenstraße und Markt, Quartier genommen. Die Kosaken gehörten zum Korps des General v. Winzingerode, und zwar zur Avantgarde, welche General v. Lanskoy befehligte. Die Soldaten ließen es sich und ihren Pferden wohl sein; von allen Seiten wurde das Nötige herbeigeschafft, um die gefürchteten Gesellen bei guter Laune zu erhalten.

Anfänglich näherten wir Jungen (Schreiber dieses war damals 15 Jahre alt) uns den Soldaten nur ängstlich und behutsam; denn von der Grausamkeit der Kosaken, die man sich als eine Art Menschenfresser vorstellte, wurde damals viel gefabelt. Die Kosaken aber zeigten sich besonders gegen uns Jungen sehr zutraulich, und so standen auch wir mit ihnen bald in gutem Einvernehmen. Man ließ sich von ihnen blauseidene Bündchen, die in den Läden am Markte reißenden Absatz fanden, als Zeichen gut-russischer Gesinnung im Knopfloch befestigen. Die Kosaken machten darüber das Zeichen des Kreuzes, murmelten einige uns natürlich unverständliche Worte; wir aber waren nicht wenig stolz auf die so errungenen Ordensbrüder.

Die Kosaken wurden nicht einquartiert, sondern übernachteten neben ihren gesattelten Pferden auf dem Markte. Von Zeit zu Zeit ritten einige aufWache ab, andere kehrten zurück. Es war für die Bürger eine unruhige Nacht.

Gegen Mitternacht wurden die Bewohner der Unterstadt durch Pferdegetrappel geweckt, sie sehen, verstohlen durch die unerleuchteten Fenster blickend, einige Pulks Kosaken in größter Stille die Stadt durch das Siechentor verlassen.

Die in Bleicherode garnisonierenden westfälischen Chevauxlegers hatten indes Nachricht erhalten von der Ankunft der 20 am Rathause aufgestellten Kosaken. Sie beschlossen, diese am Karfreitage früh zu überraschen, und brachen morgens 4 Uhr in aller Stille, die Morgenpfeife rauchend, von Bleicherode auf. Um 5 sind sie am Schern. Plötzlich schallt von allen Seiten ein kräftiges Hurra! Die im Hinterhalt aufgestellten, an Zahl den Westfalen weit überlegenen Kosaken nehmen diese nach kurzem, fruchtlosen Gefecht fast sämtlich gefangen. Es sind etwa 100, die nun von den Siegern nach Nordhausen abtransportiert werden.

Auf dem Markt werden die Gefangenen aufgestellt. Es spielen sich nun Szenen ab, welche einfach köstlich waren. Den Kosaken stechen besonders 2 Dinge an den Westfalen in die Augen, die schönen hohen, mit großen gelben Quasten gezierten Stiefeln und die mit dicken Epauletten versehenen warmen Mäntel. Teils in Güte, teils mit Gewalt wird den Gefangenen diese Zierde genommen. Großmütig erhalten sie dafür die zerrissenen Stiefeln und defekten Mäntel der Kosaken angeboten. Ob sie dem neuen Eigentümer auch passen, darüber wird mit Gleichgültigkeit hinweggesehen.

Die Aufregung hält auch noch am Sonnabend an. Und damit hat es folgende Bewandtnis.

Der Ortsvorstand des benachbarten Städtchens — es dürfte Ellrich gewesen sein — hat einem armen buckligen Flickschneider, der auch sonst oft Botendienste tut, für einige Groschen vermocht, in aller Frühe nach Nordhausen zu gehen und dort über das Vorgefallene genaue Kundschaft ein- zuziehen. Der Schneider ist am Sonnabend morgens um 9 Uhr angekommen. In dem Wirtshaus, in welches er eintritt, findet er einige Gäste. Er benutzt die Gelegenheit, sich bei diesen über die Zahl und Waffengattung der Russen, ihren General und sonstige Details mit Eifer zu erkundigen. Dabei ist er dumm genug, alle Angaben, die ihm gemacht werden, mit Wichtigkeit in seiner Brieftasche zu notieren.

Dieses, allerdings verdächtigende Gebahren kommt sehr bald zur Kenntnis der Russen. Bald steckt der bucklige Schneider, dessen Spionage durch die Brieftasche dokumentiert wird, in engem Gewahrsam. Gegen Mittag wird durch den öffentlichen Ausrufer, den sogenannten „Bierrufer" in der ganzen Stadt folgendes bekanntgegeben:

„Heute Nachmittag um 3 Uhr wird auf dem Kornmarkte hier ein feindlicher Spion erschossen werden. Es wird dies den Einwohnern zur Warnung mit dem Bemerken bekannt gemacht, daß ein derartiges Verbrechen jederzeit unnachsichtig mit dem Tode bestraft wird.

General Lanskoy."

Das Jammern und Wehklagen des armen, sich seiner Unschuld bewußten Schneiders hat das strenge Urteil des Generals nicht zu ändern vermocht, es wird ihm aber auf seinen Wunsch gestattet, sich vom Superintendent Förstemann auf seinen Tod vorbereitcn zu lassen. Diesem schüttet er nun sein Herz aus und bittet ihn, um Gotteswillen sein Fürsprecher bei dem General Lanskoy zu werden. Der Superintendent, von der Unschuld des Delinquenten vollständig überzeugt, übernimmt den schwierigen Auftrag. Erst nach vielem Hin- und Herreden und erst, nachdem alle Vorbereitungen zur Exekution getroffen sind, wird das Todesurteil zurückgenommen und der Spion zu

Knutenhieben

verurteilt. Das Heulen und Winseln des Delinquenten, welches aus der Gefängniszelle Herausdrang, ließ auf eine derbe Züchtigung des unvorsichtigen Schneiders schließen.

Neue Kosakenscharen und eine starke Abteilung roter Husaren rücken am Ostersonntag in Nordhausen ein; für die Hausfrauen eine unerfreuliche Festgabe. Denn die meisten Häuser werden nun mit Einquartierung bedacht. Die Russen satt zu machen, hält schwer, da viele von ihnen streng ihre Fasten halten. Sauerkraut, in Oel gekocht, und Heringe gehen reißend ab. Die Mängel der Küche gleicht der Branntwein aus.

Erst nach den Ostertagen ziehen die Gäste ab und nehmen den vermeintlichen Spion mit sich.

Nach Wochen ist er zurückgekehrt und hat sich bei dem Superintendent Förstemann nochmals bedankt, daß er ihm das Leben gerettet. Ueber seine Schicksale befragt, meint er treuherzig, er habe nicht geglaubt, daß es soviel Schläge in der Welt gebe, noch viel weniger, daß ein Mensch soviele aus- halten könne. Trotz alledem sei es immer noch besser, geprügelt als totgeschossen zu werden. Er werde Ostern 1813 sein Leben lang nicht vergessen!

*

Im Mai 1813 werden als Vaterlandsverräter die Pastoren Plieth in Salza, Panse in Hesserode, Böttcher in Pöhlingen, Oberamtmann Taute in Wollersleben und Förster Kleemann zu Salza verhaftet und nach Kassel abgesührt. Erst infolge von Tschernitschesfs Ueberfall der Stadt Kassel (30. September bis 4. Oktober) werden sie frei. Am 3. Juli 1813, wie schon oben erwähnt, weilt König Hieronymus in Nordhausen.

Am 23. September befindet sich ein Detachement Tschernitscheffs in Nordhausen, um die Aufmerksamkeit der Westfalen vom Hauptkorps abzuziehen — das ist ihm auch gelungen.

Mit dem 23. Oktober ist die Befreiung vollendet, Nordhausen ohne Herren. Der preußische Major von Hellwig ersucht die waffenfähigen Nordhäuser, sich den Befreiungskämpfern anzuschließen.[2]

Die Freude an diesem Tage werde um so größer sein, „da der Urheber alles politischen Aussatzes auf der Reise nach St. Helena sei, wo er zur Vertilgung alles Aussatzes sterben möge. Um diesen Wunsch noch mehr zu beleben, die Freude über jenen Sieg und diese Parforcereise zu erhöhen, kündige er hierdurch an, daß am 27. August bei ihm Tanzmusik sein werde."

Mit dem 1. April 1816 sind die politischen Aenderungen beendet. Am 22. Mai 1815 ist die formelle Besitzergreifung der neuen Provinz Sachsen erfolgt. Sie besteht aus den 3 Regierungsbezirken Magdeburg, Merseburg und Erfurt. Nordhausen ist an Erfurt gekommen und bildet zusammen mit den vormaligen Herrschaften Lohra und Klettenberg, dem Amt Benneckenstein und einzelnen von Schwarzburg-Sondershausen und Rudolstadt durch Vertrag vom 15. und 19. Juni 1816 abgetretenen Besitzungen den

Kreis Nordhausen.
*

Die staatliche Entwicklung in Preußen vom Wiener Kongreß bis zum Erlaß der revidierten Städteordnung[Bearbeiten]

Die Geschichte der Stadt Nordhausen ist von nun an so eng mit der Preußens verbunden, daß sie nur verständlich wird, wenn man die Gesamtentwicklung Preußens sich immer vor Augen hält. Das politische Leben und Treiben, die religiöse und Kulturentwicklung, die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse sind eins mit dem Organismus des preußischen Staates, sie sind fein Spiegelbild und getreues Konterfei. Darum müßen wir periodenweise einleitend erst die allgemeine Geschichte Preußens behandeln, ehe wir zur Spezialgeschichte von Nordhausen übergehen.

Die Geschicke Preußens werden durch den Wiener Kongreß bestimmt, die führenden Mächte sind Rußland, Großbritannien, Oesterreich, Frankreich; die ausschlaggebenden Diplomaten Kaiser Alexander, Lord Castlereagh, Fürst Metternich, und Talleyrand. Preußen möglichst zu schwächen ist ihr Ziel.

Dieses Ziel haben sie erreicht. Kein Staat hatte in den Jahren 1813 bis 1815 gewaltigere Anstrengungen gemacht, kein Staat hatte einen größeren Anteil gehabt an den errungenen Erfolgen. Trotzdem hat Preußen 1815 kaum den Besitzstand von 1806 wieder erreichen können. Sein Umfang bleibt um 50 000 □ Kilometer hinter dem früheren zurück, nur die Bevölkerungszahl ist etwa die gleiche. Der Besitz ist jetzt in 2 völlig getrennte Hälften zersprengt.

Es ist hier nicht unsere Aufgabe, zu untersuchen, wen das diplomatische Verschulden an dieser politischen Benachteiligung Preußens trifft, Tatsache ist, daß die Regelung der Verhältnisse durch die Bundesakte vom 16. Juni 1815 in Wien erfolgt, daß „die möglichste Schwächung der Bundesgewalt" für die nächsten 50 Jahre erfolgreich ausgeführt ist.

Zugleich hat die Reaktion gesiegt. Die noch 1815 versprochene Verfassung (s. S. 57) wird in Preußen nicht gewährt. Preußen schließt sich im August 1819 den Karlsbader Beschlüssen an, welche eine strenge Ueberwachung der Presse und der Universitäten für nötig erachten. Demagogenverfolgungen beginnen auch im preußischen Staate. Wer sich für deutsch erklärt, wird als Verschwörer beargwohnt. Ein Tiefstand öffentlichen Lebens charakterisiert die Jahre von 1817 bis 1830, zugleich vollzieht sich der Bund zwischen „Thron und Altar".

*

Ist Preußen während dieser Jahre in politischen Fragen schwankend und unselbständig, so erweist es eine sichere, zielbewußte Handlung in militärischen Fragen und in solchen der inneren Verwaltung, vor allem auf dem Gebiet des Finanz- und Verkehrswesens. Die Zoll- und Steuerreformen leitet der Kurhesse Motz und der Franke Eichhorn, nicht zu vergessen des Finanzministers Maaßen. Mit dem Zollgesetz vom 26. Mai 1818 beginnt es. Den Abgaben auf Wein, Bier, Branntwein und Tabak folgt die Ordnung der Schlacht- und Mahl-, der Gewerbe-, Klassen- und Grundsteuer.

Die Ungunst seiner Grenzen empfindet Preußen bei der Zerrissenheit seiner Länder am meisten. Es sucht daher Anschluß bei seinen Nachbarn. Zuerst (Oktober 1819) findet sich Schwarzburg-Sondershausen dazu bereit, erst 1828 schließt sich das Großherzogtum Hessen- Darmstadt an, 1829 nähern sich Bayern und Württembergs Auch Sachsen-Gotha und Sachsen-Meiningen treten wenige Wochen später bei. Als Kurhessen im August 1831 sich anschließt, ist der auf Englands Betreiben gebildete „Mitteldeutsche Handelsverein" gesprengt, und durch Vermittlung von Bayern und Württemberg ersteht endlich der

Zollverein

am 1. Januar 1834.

*

Nordhausen 1816 bis Mitte bezgl. Ende der dreißiger Jahre[Bearbeiten]

Etat und Wirtschaft.

Wie gestalten sich in dieser Zeit die Zustände in Nordhausen? Wir beleuchten dabei zuerst den städtischen Etat in den Jahren 1816—1840 und dann die durch die preußische Steuerreform von 1818 bis 1820 geschaffenen Verhältnisse.

An Einwohnern hat Nordhausen

1820 = 9 058 Köpfe
1828 = 10 000 „
1835 = 10 600 „
1840 = 12 000 „

Der Etat beläuft sich in Ausgabe bezgl. Einnahme auf

1822 ℳ 48 816
1823 ℳ 57 265
1840 ℳ 69 815

Zur Schulunterhaltung zahlt die Stadt

1822 = ℳ 3 096
1840 = ℳ 6 600

Das Bauwesen erfordert

1822 = ℳ 12 837
1825 = ℳ 10 647
1840 = ℳ 13 806

Für Straßenbeleuchtung sind nötig

1822 = ℳ 957
1825 = ℳ 1421
1840 = ℳ 2772

Die Kosten der Wasserversorgung tragen die Häuser und Inquilinen der Oberstadt, sie zahlen

1822 = ℳ 2110
1825 = ℳ 2036
1840 = ℳ 2430

Die zur Ausgleichung des Etats nötigen Einnahmen betragen

1824 = ℳ 58 454
1840 = ℳ 60 594

Da die 1818—1820 neu eingeführten Steuern auf Bier und Branntwein, die Mahl- und Schlachtsteuer dem Staate zugute kommen, so bleibt nur wenig von diesen Einkünften für die Kommunalbesteuerung übrig; Nordhausen muß sich auf andere Weise helfen. Es belastet seine Bürgerschaft mit Einzugs- und Bürgergeldern, erhebt Gebühren für die Benutzung städtischer Einrichtungen, verwertet intensiver städtisches Eigentum, indem es von jetzt an Iagdscheingebühren erhebt. So setzen sich im Etat von 1824 die Einnahmen zusammen aus

55 % Grundeigentum und Kapital
14 % Gemeindesteuern
31 % Gebühren, Strafen usw.

10 Jahre später (1835) erhebt die Stadt Mahl- und Schlachtsteuer und 1840 25 % kommunalen Zuschlag.

Von sonstigen städtischen Einnahmen besteht in dieser Zeit noch das Feuerwachtgeld, auf den Häusern der Oberstadt und den in denselben wohnenden Inquilinen ruhend. Es bringt ein

1822 = ℳ 1 625
1825 = ℳ 1739
1840 = ℳ 1806

Noch bis Ende der dreißiger Jahre zahlt man das Schrotmetzgeld, aus dem u. a. auch die städtischen Mühlen erhalten werden. Man vereinnahmt, auch nach der Steuergesetzgebung von 1818/1820, davon

1822 = ℳ 1851
1824 = ℳ 1752
1835 = ℳ 775

Für die Benutzung der städtischen Braupfannen wird bis 1827 ein Zins gezahlt, der in den Jahren

1822 = ℳ 1059
1825 = ℳ 697 erbringt.

Die Bürgerrechtsgelder belaufen sich

1824 auf ℳ 1698
1825 auf ℳ 1712
1840 auf ℳ 1804 (erst 1871 wird das Bürgerrechtsgeld aufgehoben).

Soviel über den städtischen Etat.

*

Betrachten wir nun die allgemeine wirtschaftliche Lage in Deutschland während der Jahre 1815 bis etwa 1840. Sie wird charakterisiert durch eine recht langsame Erholung. Schlechte Ernten 1815 und 1816 bringen Hungersnot und Auswanderung. Die Ueberflutung mit englischen Waren hält die heimische Industrie noch Jahre lang darnieder. Die preußische Zollgesetzgebung und die Gründung des Zollvereins bahnen erst eine allmähliche Gesundung der Verhältnisse an.

Man lebt damals noch recht einfach, trotzdem zwingt die Not der Zeit zu immer größerer Einschränkung. Deutschland ist vor dem Kriege ein Getreideexportland gewesen. Die Kriegszeit und die Kontinentalsperre haben im Ausland zu intensivem Getreidebau angespornt, infolge dessen bedarf man nach abgeschlossenem Frieden der deutschen Zufuhr nur noch in weit geringerem Maße, und in den nächsten 10 Jahren macht sich der Rückschlag in Deutschland geltend. Es sinken die Preise für Frucht auf die Hälfte, ja ein Drittel des früheren Wertes (s. oben die verminderten Einnahmen für Schrotmetzgeld und Braupfannenzins). Infolgedessen gehen auch die Preise für Landgüter herunter, und die Krisis dringt in die Städte ein.

Trotzdem die Ernten in den 20er Jahren gut sind, ist die Kaufkraft zu gering. Es ermangelt Deutschland noch der Industrie und der Verkehrsmittel, um seinen Keberfluß da abzusetzen, wo er gebraucht wird.

Die Industrie ist nur in England aus der Höhe der Zeit, und diese englische Industrie geht darauf aus, die deutsche Fabrikation nicht aufkommen zu lassen. Diesem Bestreben tritt die preußische Zollgesetzgebung entgegen und so ist die allmähliche Schöpfung des Zollvereins „eine Großtat jener Zeit", um mit G. Schmoller zu reden, „durch welche der preußische Staat seinen alten Ruhm rationellen Fortschrittes im Sinne der Ideale der Zeit aufs neue befestigt hat."

*

Ein Uebel bringt jedes abgeschlossene Zollgebiet mit sich, es wird die Brutstätte eines ausgebreiteten Schmuggelhandels und wirkt dadurch wie ein Gift auf die Volksmoral. Der Schleichhandel aus den hannoverschen, schwarzburgischen und anhaltischen Gebietsteilen nach Preußen wächst in Nordhausen zu einer erschreckenden Größe an und fordert immer schärfere Maßregeln der überwachenden Zollbehörde heraus. Ich gebe einige charakteristische Details der damaligen Zeit wieder, sie sind der im Städt. Archiv aufbewahrten handschriftlichen Chronik des am 8. Juni 1839 verstorbenen ehemaligen Friseurs Ioh. Ludw. Uhde (* 1772, später Stadtverordneter und Distriktsvorsteher) entnommen. Dort heißt es

1834.

23. Mai. Heute wurde der berüchtigte Kontrebandier Steiling in der Gumpe von Grenzjägern erschossen. Er hinterläßt eine Frau mit 9 Kindern, die nun der Stadtkasse zur Last fallen.

27. Juni wurden den Schmugglern 10 Brote Zucker von den Grenzjägern abgenommen und nach dem Zollamte gebracht. Des Nachts wurde durch Einsteigen der Zucker wieder herausgeholt, der Tisch gröblich verunreinigt und daneben geschrieben, das wäre für die Wegnahme!

4. Dezember abends 6 Uhr wurde beim Judenkirchhofe ein Schmuggler namens Spielmann von den Grenzaufsehern erschossen. Er hatte keine Waren bei sich. 3 Jäger hatten zugleich auf ihn Feuer gegeben.

27. Februar. Heute Morgen nach 2 Uhr ward von den Jägerhornisten Lärm geblasen. Es war von den Grenzjägern ein Maurergesell, namens Brinkmann, in der Weberstraße totgeschossen worden. Er war angerufen worden von den Grenzjägern und hatte nicht geantwortet. Daraufhin war Feuer gegeben worden. Es entstand nun ein gewaltiger Auflauf, alles war in der Wildheit. Der Landrat, Bürgermeister, Polizei, Gendarmen, alles war in Bewegung. Alle Tore waren von Jägern besetzt, mehrere Personen wurden eingezogen. Am 1. März ward der Maurergeselle Brinkmann auf dem Frauenberger Friedhof beerdigt. Die ganze Maurerbrüderschaft und Tausende von Menschen begleiteten den Zug vom Siechhof nach dem Kirchhof. Auch der Magistrat hatte sich angeschlossen. Herr Pastor Sander hielt die Grabrede. Es ging alles ruhig zu.

November. In den ersten Tagen dieses Monats wurden bei dem Dorfe Windehausen2 Wagen mit 65 Zentnern Schnittwaren von den Grenz- offizianten weggenommen. Die Vorderpferde waren abgeschnitten, um auf ihnen fortzureiten. Die Waren sollen einem Juden in Ellrich gehören.

Um den Schmuggel zu unterdrücken, setzt sich die Behörde mit der Nordhäuser Kaufmannschaft in Verbindung und macht bekannt, daß die hiesigen Herren Kaufleute sich verpflichtet haben, keine unversteuerten Waren führen zu wollen. Sie haben auf die Uebertretung dieser eingegangenen Verpflichtung eine Strafe von 100 Talern gesetzt.

Trotzdem hat der Schmuggel sich nie ganz unterdrücken lassen, wenn auch die strengen Maßnahmen das Schmugglergewerbe zum Verschwinden bringen.

*

Die Stadt Nordhausen mit 12 090 Seelen in zirka 1400 Wohnhäusern ist 1834 noch eine Ackerstadt, innerhalb der Stadtmauern wie 1802 belegen. Es ist die Stadt der reichen Brenners ibesitzer, die neben Ackerbau Viehwirtschast betreiben. 35 Böttchereien finden bei den Branntweinfabrikanten und in den 9 Bier- und Broihahnbrauereien ihren Verdienst. Ueber 100 Brennereigehilfen sind in der Kornbranntweinfabrikation tätig, 30 Ablader, 44 Getreidemäkler widmen sich als Helfer dem Brennereibetrieb — wir sind in der Glanzperiode der Kornbranntweinindustrie, der Zeit, wo Heinroth seine „guten Lehren" verfaßt:

Junge, du mußt änn Brännhärr gewähre,
daß d'kannst rächt inn Källe gewähre.
All andern Profäß'jon sinn nischt währt,
wu me nich inn Källe h'rimm mährt.
Das äß de Kunst, die rieche macht,
wuboi m'sich nich obbmarracht.
Aenne andere Kunst kitt trocken Brüt
unn setzt den Kinstler offt in Ruth.

Neben der Brennerei beginnt die Tabakfabrikation sich zu regen, Georg Hanewacker, Karl Kneifs, Friedrich Knies, Friedrich Lerche haben begonnen, Aug. Fleck junior ist heutigen Tages nicht mehr vorhanden.

Im Flor steht das Tuchgewerbe. 13 Tuchhandlungen, 5 Tuchbereiter, 19 Tuchmacher, 2 Tuchmanufakturen, 6 Tuchscheerer, dazu noch 36 hier wohnhafte Gesellen betreiben dieses Handwerk. Auch die Webereien in Leinen und Baumwolle beschäftigen 56 Webermeister. Das Schuhmachergewerbe ist mit 240 Personen vertreten, Schneider zählt Nordhausen 1834 90, Näherinnen weiblicher Kleidungsstücke 100.

Das Hauptzollamt umfaßt 60 Beamte, die Justizbehörden 48, das Postamt 20. In Garnison steht die 4. Jägerabteilung, an der Spitze der Stadt als Bürgermeister Kölling, neben ihm 5 Rathmannen.

Die alten Tore sind meistens gefallen, noch ragt das Töpfertor, das Grimmeltor und das Barfüßertor. Wo die alten mittelalterlichen Tore abgerissen sind, hat man Torhäuser gebaut für die Zollbeamten, und so wird der Wareneingang nach wie vor kontrolliert an 7 Stellen (Siechentor, Töpfertor, Altentor, Grimmeltor, Sundhäusertor, Bielentor und Frauenberger Pforte).

*

Gesellschaftliches und geistiges Leben[Bearbeiten]

An Schulen sind vorhanden, außer dem Gymnasium und der höheren Töchterschule, 2 Elementarknabenschulen und 2 Elementartöchterschulen, 1 Freischule für Knaben und Mädchen im Waisenhaus, 1 kathol. Elementarschule und 1 israelitische Schule.

Der Besuch freilich dieser Schulanstalten hat sich nicht gar sehr gehoben (abgesehen wird hier vom Gymnasium).

Die höhere Töchterschule, mit 17 Mädchen 1808 eröffnet, zählt 1809 51 Schülerinnen. Ihre (bisher nicht bekannte) Entwicklung gestaltet sich (lt. der vom Rektor David Ernst Meyer 1833 herausgegebenen fortgesetzten Nachrichten über die Schulen für die weibliche Jugend zu Nordhausen) folgendermaßen:

1822/23 = 77 Schülerinnen
1823/24 = 77
1824/25 = 75
1825/26 = 71
1826/27 = 63
1827/28 = 69
1828/29 = 72
1829/30 = 72
1830/31 = 73
1831/32 = 72
1832/33 Ostern = 74 Schülerinnen, nämlich in I = 32, in II = 26, in III = 16.

Diese früher im Stipendiathause neben dem Ratskeller untergebrachte Schule siedelt am 4. Februar 1833 in das ehemalige Wagegebäude neben der Mohrenapotheke über.

Für die zahlenden Volksschulen ist folgendes bekannt:

Im Jahre 1809 sind in der Oberstadt-Mädchenschule

Oberstufe 57, Unterstufe 53 = 110 Schülerinnen

in der Neustadt-Mädchenschule

Oberstufe 42, Unterstufre 53 = 95 Schülerinnen
Summa 205 Schülerinnen

1833 zählen die Elementar-Mädchenschulen

Oberstadt: Oberstufe 67, Unterstufe 88 = 155 Schülerinnen
Neustadt: Oberstufe 52, Unterstufe 61 = 113 Schülerinnen
Summa 268 Schülerinnen

1809. Die 2 Elementarknabenschulen enthalten

zu St. Blasii: Oberstufe 38, Unterstufe 34 = 72 Schüler
zum Frauenberg: Oberstufe 21, Unterstufe 35 = 56 Schüler

Die Lehrer klagen sehr über Schulversäumnisse, besonders im Sommer.

1815 zu St. Blasii: Oberstufe 40, Unterstufe 72 = 112 Schüler
1815 zum Frauenberge: Oberstufe 24, Unterstufe 50 = 74 Schüler
1822 Oberstadt: Oberstufe 41, Unterstufe 89 = 130 Schüler
1822 Frauenbergschule: Oberstufe 34, Unterstufe 56 = 90 Schüler

Ueber die freien Volksschulen kann mitgeteilt werden:

1809. Die Waisenhausschule (Lehrer Predigtamtskandidat Knorr)

1. Waisenkinder Knaben 13, Mädchen 12 = 25 Waisenkinder
2. Stadtkinder Knaben 36, Mädchen 31 = 67 aus der Stadt
Summa 92

1815. Freischule des Waisenhauses (Lehrer Kandidat Varges)

1. Waisenkinder Knaben 13, Mädchen 8 = 21 Waisenkinder
2. Stadtkinder Knaben 58, Mädchen 38 = 96 aus der Stadt
Summa 117 Kinder

1822. Freischule

1. Waisenkinder Knaben 11, Mädchen 8 = 19 Waisenkinder
2. Stadtkinder Knaben 86, Mädchen 67 = 143 aus der Stadt
Summa 162 Kinder

Im Jahre 1824 werden im Waisenhause 4 neue Schulstuben zur Freischule eingerichtet und 4 Lehrer und eine Lehrerin bei dieser Schule angestellt, die erweiterte Freischule tritt am 14. Juni 1824 ins Leben.

Die 2. Knabenklasse erhält 26 Stunden, die 1. Knabenklasse die gleiche Anzahl, die 2. Mädchenklasse erhält 32 Stunden (davon 7 Stunden weibliche Handarbeiten), die 1. Mädchenklasse erhält 32 Stunden (davon 1 Haushaltungskunst, und 9 weibl. Handarbeiten).

Die Schule wird besucht

1824/25: Knaben 138, Mädchen 119 = 257 Kinder
1825/26: Knaben 156, Mädchen 142 = 298 Kinder
1826/27: Knaben 161, Mädchen 149 = 310 Kinder
1827/28: Knaben 138, Mädchen 162 = 328 Kinder

Zu dieser Statistik bemerkt Superintendent Förstemann im Waisenhausbuch 1827/28:

„Würden nur die Schüler und Schülerinnen mehr Fleiß und Ausdauer im Besuch der Freischule beweisen, dann müßte die segensvolle Wirksamkeit dieser Schule sich deutlicher zeigen. Traurig ist es, daß in keiner hiesigen Schule die Schulversäumnisse so auffallend sich darstellen als gerade in der hiesigen Freischule. Viele Eltern scheinen, wie schon Sparr 1810 klagte, der Meinung zu sein, „eine Freischule ist eine Schule,in dieman nach Belieben geht und aus der man nach Belieben weg bleibt!"

Erst die konsequente Handhabung des Schulzwanges seit 1842 brächte allmählich Ordnung in die Nordhäuser Volksschulverhältnisse (s. Graul, Beiträge zur Geschichte der Elementarschulen, Nordhausen 1868 S. 14).

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Ueber das Armenwesen in dieser Periode orientiert uns eine Denkschrift des Magistrats aus dem Jahre 1828.

Nachdem der Magistrat darauf hingewiesen hat, daß von den Armenanstalten der Vorzeit nur das Waisenhaus erhalten geblieben ist, fährt er fort: „Der Siechhof und das Hospital St. Martini sind in den letzten Kriegen (1813—1815) verwundeten oder erkrankten Kriegern geräumt worden oder zu andern militärischen Zwecken bestimmt. Die darin befindlichen Hospitaliten sind zum Teil in Bürgerhäusern, zum Teil im Spinnhause untergebracht. Die frühere Beköstigung kann nicht mehr verabreicht werden, so ist Geldverpflegung an die Stelle getreten, da die Köchinnen genötigt wurden, den Krankenwärtern die Herde abzutreten.

Das Hospital St. Elisabeth ist zwar seinem edlen Zweck erhalten geblieben, aber seine Fonds sind so unbedeutend, daß damit nichts geleistet werden kann. Auch das Kloster, ein altes, zu jedem andern Zwecke unbrauchbares Lokal, ist erhalten geblieben.

Da die Armenkasse nur solchen Personen hilft, welche durch körperliche Gebrechen, durch Altersschwäche oder häusliche Leiden und Unglücksfälle außerstande sind, die Ihrigen durch Arbeit völlig ernähren zu können, so ist

das Straßenbetteln

als ein notwendiges Uebel ignoriert, nachgesehen und daher immer allgemeiner geworden. Das erloschene Ehrgefühl hat selbst jugendliche Personen, welche kräftig und gesund der Arbeit allein angehören sollten, den Bettelstab ergreifen lassen, um so den wohlhabenderen Teil der hiesigen Einwohner in Kontribution zu sehen.

Das darüber indignierte Publikum hat den Wunsch zur völligen Abschaffung der Straßenbettelei in neuerer Zeit laut und wiederholt ausgesprochen. Bereits 1805 wurde ein Anfang dazu gemacht, aber die politischen Ereignisse haben diesen Gegenstand aus dem Auge entrückt.

Erst im August 1825 sind die Wünsche in Erfüllung gegangen, und es ist auf Kosten des Hospital-Martinifonds der Neubau der Armenanstalten im ehemaligen Siechhof (Hospital S. Cyriaci) mit Beibehaltung und Instandsetzung der vorhandenen Lokalitäten ausgeführt, so daß nunmehr die Stadt folgende Institute daselbst vereinigt:

  1. das Hospital für 36 Personen,
  2. das Krankenhaus,
  3. das Arbeitshaus.

Im Waisenhaus ist eine Freischule für 200 Kinder eröffnet. (Weiteres über die Armenfrage siehe im 3. Abschnitt.)

*

Die geistigen Interessen — Theater, Kunst und Wissenschaft — werden gepflegt im Kettembeilschen Schauspielhaus (seit 1817 im BerlinerHof Rautenstraße 44/45), in der Freimaurer-Loge zur gekrönten Unschuld (seit 1790), in der Harmonie (seit 1791), in der Singakademie (gemischter Chor seit 1816), der Liedertafel (Männerchor seit 1829) und der Thüring. Gartenbaugesellschaft des Predigers Steiger aus Windehausen. Geselliger Unterhaltung dient die Ressource und die Thé-dansant-Gesellschaft.

Vergnügungs- und Erholungspartien macht der Bürger nur in der engeren Umgebung der Stadt. Eyls Hoffnung, Bohnhardts Lorbeerbaum, die 3 Linden bei Lux, das Rudlofffche, früher Seidlersche Kaffeehaus vor dem Töpfertor sind beliebt. Vor allem kommt das Gehege in Aufnahme. Die früher kahlen Höhen des Geiersberges trugen früher nur die Merwigslinde und die Linde beimSchöppmännichen. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts werden die Hänge planmäßig bepflanzt, und im Anfang des 19. Jahrhunderts wird der Gastwirtschaft- betrieb im Gehege eröffnet.

Der bekannte Hochzeitbitter Fromm macht 1807 bekannt, daß er auf dem Geiersberg den Spazierenden alle Sorten Erfrischungen verabreichen darf. Charlotte Lorch zeigt 1811 im wöchentlichen Nachrichtsblatt an, daß sie an schönen Sommertagen mit Erfrischungen aufwarten wolle, sie werde auch für Musik sorgen. Als im Jahre 1829 das große Elbmusikfest in Nordhausen gefeiert wird, werden die zahlreichen Gäste von ihren Wirten mit Stolz indasGehege geführt und dort an den aufgestellten Tischen festlich bewirtet.

Das Maienfest wird in demselben Jahre gestiftet. Im gleichen Jahre erlaubt der Magistrat, daß sür den Betrieb der Gastwirtschaft niet- und nagelfeste Räumlichkeiten hergerichtet werden. 1833 macht Ferdinand Lange bekannt, daß er im Gehege eine „Bude" errichtet habe. Den Budenwirtschaften schließen sich bald Lux (3 Linden) und Eyl (Hoffnung) an, indem sie zu ihren Stammwirtschaften Filialen auf dem Gehegeplahe errichten.

Besonders beliebt wird der Gehegeausflug, seit regelmäßige Konzerte im Sommer stattfinden. 1830 kündigt Stadtmusikus Herrmann Abendmusik an, welche Donnerstags von 6—10 Uhr abends stattfinden soll, 1832 kann man auf die Gehegekonzerte pränume- rieren, seit 1833 werden die Abendmusiken von nachmittags 5 Uhr an abgehalten. Auch die Jäger spielen auf dem Gehegeplatz. Die Musik steht dabei auf einer Tribüne, welche dicht an den Bäumen errichtet ist — auf einer Holzleiter müßen die Musikanten die Höhe erklimmen.

Das bunte Treiben auf dem Gehegeplatz lese man nach bei Hannchen Vogelstange, es ist auch sonst geschildert — den Nordhäusern der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ist der Gehegepark ans Herz gewachsen, und er ist es mit Recht geblieben bis auf den heutigen Tag.

Will der Nordhäuser einen weiteren Spaziergang unternehmen, so geht er nach dem Schurzfell, zur Frau Nebelung nach Sundhausen, nach dem Hannoverschen Zoll bei Niedersachswerfen.

Den Harz zu bereisen, daran denken nur diejenigen, die eine mehrtägige Reise wagen. Die Nordhäuser von 1834 haben es gern, wenn sie von ihrem Ausflugspunkt aus den heimatlichen Kirchturm schauen können.

In der Unterhaltung bedient man sich der Sprache, die einem von Kindheit an geläufig ist, man spricht, wie einem der Schnabel gewachsen ist, d. h. Nordhüsisch, und so schließen wir diesen Abschnitt mit den Worten eines heimatlichen Dichters in dieser Sprache. Die Dichtung gilt dem wenig rühmlichen Andenken des Königs Hieronymus von Westfalen, über dessen Tätigkeit der Leser durch Kapitel 3 genügend orientiert ist:

Ach! disser noie Härrscher, dar setzte uns in Schull'n,
Me hätt'en j'gärne v'rkaust fern pohlschen Gull'n.
Su abber mußt' m'ehn, Gott erbarme dich, 6 Jahre lang verzolle
Un alle sinne Stebbeln un Schuh uff seine Läbensziit looße besolle.
Där lus uns rächt suptile bi d'n Hooren d'rzu zieh,
Daß me bläche mußten Schocke Franken —'s sellt j"ne froiwill'ge
[Anloih' si! —
Schickte dofer uns Papierchens met lütter trur'gen Kanten
Ack'rate wie de Liechen — Carmens, wu abber d'Mäschores d'rnoch
[rannten.
Di nannten se mant, wie kleine Schulkinger, littrum A, littrum B,
[littrum C,
Gott Lobendank! Daß wädder wäck es su än groilich thüres Appezeh.
Där wußt au d's Bonepartchen rächt behaglich nach z'spölen,
Där ruppte un zuppt' uns d'Fäddern uhs met d'n Köhlen,
Su daß uns wi än Müllwähr d'Auen äbberliefen
Un mi zum lieben Herrgott äbberluut im Bistand riefen.
Un Gott erhierte d's Flehen, erhierte unse Gewimm're
Un lies von Osten här d'Proissche Sunne wädder schimm're!
Do ging's! in vollen Siegen kamb nach Paris das Heer,
D'r König, unser Engel, zog immer ver uns här.
Au Vorwärts, VaterBlücher,än Held voll Muth un Kraft,
Där war's, dar met von Halse d'Quöler uns geschafft.

Anhang 1[Bearbeiten]

Auf geistigem Gebiete oder anderweitig um die Stadt verdiente Persönlichkeiten.

Es werden in dieser und den folgenden Zusammenstellungen die mir bei meinen Studien bekannt gewordenen Personen aufgeführt. Die Listen machen in keiner Weise Anspruch darauf, erschöpfend zu sein. Eine Würdigung der Verdienste dieser Personen ist nicht beabsichtigt.

1. Periode 1802 — 1832:

a) Auf dem Gebiete der geistigen Kultur treten hervor: Magister Ehrhardt, Pastoren Plieth und Leopold, Direktoren Sparr und Kraft, Bergkommissar Rosenthal, Musikdirektoren Willing und Mühling.
b) Um die Stadt anderweitig verdiente Männer sind Bürgermeister und Ratmannen Grünhagen, Piautaz, Seiffart, Röscher, Seidler, Oberprediger Dietrich, von Steinmetzen, Bosse, Bismarck, Landräte v. Arnstedt und v. Byla, Kölling, Kanonik. Arand, Dech. Ludolph, Apoth. Bergmann, Salfeld, Superint. Förstemann, Postdir. Fischer a. u. m.




  1. Ueber ihn vergl. die Festschrift zur Jubelfeier des lOOjähr. Bestehens der St. Johannisloge zur gekrönten Unschuld in Nordhausen von Arnold, Bürzel und Jugler 1890, sowie Jul. Becker die Logenmeister 1924. Ferner der Schreiber dieses in der Nordh. Zeitung v. 14. 2. und 26. 2. 1925 über Wachtmeister Weiß und Pastor George Friedr. Heinrich Plieth.
  2. Siehe Heineck Brandenburg-Preußen und Nordhausen S. 234—35.