Das Schicksal der Nordhäuser Juden 1933 bis 1945

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Das Schicksal der Nordhäuser Juden 1933 bis 1945
Autor Manfred Schröter
Verlag Nordhausen : Verlag Iffland
Erscheinungsjahr 2013
Auflage Überarb. und erg. Neuaufl., 1. Aufl.
Umfang 195 Seiten : Illustrationen
Preis EUR 14,90
ISBN ISBN 978-3-939357-13-1
Crystal Clear action apply.png Im Bestand der Stadtbibliothek Nordhausen.
Stand: 2. Juni 2021

Das Schicksal der Nordhäuser Juden 1933 bis 1945 ist ein 2013 von Manfred Schröter erschienenes Buch über die Geschichte der Juden im nationalsozialistischen Nordhausen. Die erste Auflage erschien 1992 unter dem Titel Die Verfolgung der Nordhäuser Juden 1933 bis 1945.

Inhalt[Bearbeiten]

  • Einleitung
  • Aus der älteren jüdischen Geschichte
  • Die jüdische Eigenart
  • Alte Vorurteile gegenüber den Juden
  • Juden und die Nordhäuser Stadtgeschichte
  • Die Nordhäuser Juden während der Weimarer Republik
  • Die soziale Lage der Nordhäuser Juden 1933
  • Der deutsche Antisemitismus
  • Die „Rassenlehre“ der Nationalsozialisten
  • Der Boykott vom 1. April 1933
  • Die judenfeindliche Gesetzgebung
  • Entrechtung – Isolierung – Verachtung
  • Erste Gewalttaten gegen Juden in Nordhausen
  • Hindernisse und Wege der Emigration
  • Die Abschiebung der „Ostjuden“ am 28. Oktober 1938
  • Die „Reichskristallnacht“ am 9./10.11.1938 in Nordhausen
  • Die Nordhäuser Juden im KZ Buchenwald
  • Die „Arisierung“ der jüdischen Vermögen in Nordhausen
  • Parole. Flucht oder Untergang!
  • Nordhäuser Juden auf der „St. Louis“
  • Die Kinderverschickung ins Ausland
  • Ein Nordhäuser auf der „Patria“
  • Der Kriegsausbruch 1939 und seine Folgen für die Juden
  • Die Wehrmacht überholt jüdische Flüchtlinge aus Nordhausen
  • Ghetto-Leben – die Judenhäuser in Nordhausen
  • Sternträger und „Mischlinge“
  • Der Freitod – Ausweg aus der Angst und Hoffnungslosigkeit
  • Die Deportationen in die Vernichtungslager
  • Das Leben im fremden Exil
  • Zeichen für Solidarität, Widerstand, Rettung oder Hilfe
  • Fremde Juden in Nordhäuser Lagern
  • Die Rückkehr von Überlebenden in die Heimatstadt
  • Abschied für immer
  • Exemplarische Einzelschicksale von Nordhäuser Juden
  • Nachwort

Einleitung[Bearbeiten]

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind im damaligen nationalsozialistisch beherrschten und geprägten Deutschland Ideologien zum Tragen gekommen, die unser Land in die bleibende geschichtliche Verantwortung für ungeheuerliche Verbrechen geführt haben. In beispielloser Selbstüberschätzung und mit rassistisch begründeter Überheblichkeit überzogen deutsche Politiker und Militärs folgerichtig die halbe Welt mit Krieg und haben diesen mit beispielloser Brutalität geführt. Unsere Heimatstadt Nordhausen hat dabei eine recht aktive Rolle gespielt – der Fliegerhorst, die Rüstungsbetriebe mit ihren Zwangsarbeitern und vor allem die Raketenfabrik „Mittelbau“ im Kohnstein mit ihrem eigenen Konzentrationslager „Dora“ bezeugen das. Am Ende zahlte Nordhausen einen extrem hohen Preis - unter dem Doppelschlag strategischer Fliegerkräfte der British Royal Air Force im April 1945 erlitt unsere Stadt extrem hohe Verluste an Menschenleben und materiellen Werten, unter diesen waren sehr viele Zeugnisse ihrer reichen Geschichte.

Die meisten Nordhäuser haben die Ursachen und Zusammenhänge dieser historischen Irrwege längst erkannt. Schulen und öffentliche Medien, eine qualifizierte Geschichtsforschung und Dokumentation, unsere würdige Gedenkkultur in Museen, Gedenkstätten und Veranstaltungen haben jahrzehntelang vieles dazu beigetragen. Zu einem der vielen menschenverachteten Aspekte der nationalsozialistischen Ideologie aber müssen wir anmerken, dass dieser auf jahrhundertealten Vorurteilen basierte, die von Generation zu Generation latent weiterglimmen: der Antisemitismus. Ein solches irrationales Relikt obsoleter Denk- und Gefühlswelten ist unbestritten noch immer virulent. Um jungen und interessierten Nordhäusern auch zukünftig die Möglichkeit zum nachhaltigen Begreifen des rassistischen Wahns der Nazis und seiner furchtbaren Folgen auch in unserer Heimatstadt zu geben, haben wir diese Neuauflage eines vor zwanzig Jahren erarbeiteten Berichtes vorbereitet, die Erstauflage ist seit langem vergriffen.

Bis weit in die dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts haben jüdische Familien und Persönlichkeiten in Nordhausen für das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben Nordhausens eine erhebliche Bedeutung gehabt. Schon im Mittelalter gab es hier eine jüdische Gemeinde, die im 14. Jahrhundert einem Pogrom zum Opfer fiel. Neue jüdische Familien siedelten sich bereits wenig später wieder in unserer handelsfreudigen Stadt an, doch die Abneigung Martin Luthers und besonders des bekannten Nordhäuser Bürgermeisters Michael Meyenburg zur Reformationszeit gegenüber den Juden führten zur Ausweisung dieser immer wieder offen diskriminierten Bürgergruppe. Erst das Ende der Reichsfreiheit und die Liberalisierung des preußischen Rechts in der Folge der Französischen Revolution gestattete Juden wieder Einwohner der Stadt Nordhausen mit vollen Bürgerrechten zu werden.

Die vollständige ältere Geschichte der Juden in Nordhausen beschrieb im Jahre 1927 Dr. Heinrich Stern in seiner „Geschichte der Juden in Nordhausen“. Dieses Buch wurde von den Nazis verpönt, gesucht, vernichtet. Selbst in jüdischen Emigrantenkreisen blieb kein einziges Exemplar erhalten. Die Tochter des Autors suchte nach dem Kriege mit einer Anzeige im „Aufbau“, der deutschsprachigen internationalen Zeitung für diese Kreise, vergeblich nach einem Belegexemplar. Ihr späterer Brief an den damaligen Nordhäuser Bürgermeister führte zu einer tröstlichen Antwort des Stadtarchivs (siehe Abdruck).

Seit 2008 gibt es nun wieder einen in moderner Schrift gesetzten Nachdruck des einzigen erhaltenen Exemplars, erschienen im Verlag Steffen Iffland, Nordhausen, der im Buchhandel und bei der Stadtinformation erhältlich ist. Wer heute auf die Suche geht nach realen, gegenständlichen Zeugnissen des früheren reichen, jüdischen Lebens in der Stadt, der wird nur wenige Belege finden. Da gibt es den alten Judenfriedhof am Ammerberg, den sagenumwobenen Judenturm am Rähmen, den alten Straßennamen „Jüdenstraße". In den beiden letzten Ausgaben vom früheren „Einwohnerbuch Nordhausen“, der Jahrgänge 1934 und 1937, finden wir noch viele der in den folgenden Kapiteln genannten Namen von jüdischen Familien, Geschäften und Firmen. Die Nazibarbaren waren sehr bemüht, jede Erinnerung an jüdisches Leben in unserer Stadt zu tilgen. Die schweren Kriegszerstörungen und die topographischen Veränderungen beim Wiederaufbau trugen zusätzlich zum Verschwinden von Spuren bei. Deshalb liegt den historisch interessierten und politisch verantwortlichen Nordhäusern die Pflege und Weiterentwicklung einer würdigen Gedenkkultur am Herzen.

Den über 500 damaligen jüdischen Mitbürgern unserer Stadt ist während der Zeit der Naziherrschaft das gleiche bittere Unrecht zugefügt worden wie allen anderen Juden im Deutschen Reich. Sie wurden seinerzeit zunächst isoliert, dann enteignet, verfolgt und vertrieben oder, und das geschah mit den meisten der bis zum Kriegsausbruch Zurückgebliebenen, schließlich deportiert und in Vernichtungslagern planmäßig und organisiert getötet. Jeder Mensch kennt heute dieses ungeheuerliche Verbrechen der Nazis. Doch die Dimension dieses Grauens und des vieltausendfachen Leids kann nur derjenige erfassen, der einige jener bitteren Einzelschicksale kennt, aus denen sich diese große Tragödie zusammensetzt. Die hier beschriebenen Leidenswege sind übermittelt worden von überlebenden Angehörigen oder Freunden in Gesprächen und Briefen während der achtziger und neunziger Jahre, ergänzt durch Fundstellen im Nordhäuser Stadtarchiv und in anderen Dokumentationszentren. Das Erscheinen der ersten Auflage dieses Buches vor zwanzig Jahren hatte zu neuen Kontakten zu Überlebenden geführt, die uns halfen einige Irrtümer zu erkennen und die familiären Beziehungen der jüdischen Familien untereinander besser zu verstehen. Dieser Bericht hatte damals zu Dank und Anerkennung geführt, in unserer Stadt wie auch in den Ländern, wo die Nachkommen unserer früheren jüdischen Mitbürger heute leben, vor allem in Israel und den USA. Auf der Grundlage der seinerzeit dargestellten Fakten konnte bei uns das Gedenken an die jüdischen Opfer individueller und konkreter gestaltet werden, konnten z.B. die „Stolpersteine“ gesetzt werden.

In den seither vergangenen zwanzig Jahren hat es auf örtlicher wie auf Thüringer Landesebene weitere Bemühungen gegeben, ergänzende Fakten zu den Einzelschicksalen der ehemaligen Nordhäuser Juden zu finden. Im Nordhäuser Stadtarchiv hat besonders Herr Gündel sich mit Fleiß und Ausdauer in alte Zeitungsausgaben vertieft. Der Freistaat Thüringen hat im Jahre 1996 auf der Basis jahrelangen Bemühens einer Arbeitsgruppe von Historikern ein Gedenkbuch für die Thüringer Opfer des Holocaust publiziert. Das Bundesarchiv publizierte erstmals im Jahre 2006 ein Gedenkbuch für die jüdischen Opfer der Naziherrschaft, das ständig ergänzt und aktualisiert wird und im Internet verfügbar ist. Alle für unsere Arbeit relevanten Fakten, die aus diesen neuen Quellen zu gewinnen waren, wurden bei dieser Neuauflage berücksichtigt. Allen Mitstreitern sei hier herzlich gedankt!

Gedankt sei auch allen Verantwortlichen und Mitarbeitern in der Stadtverwaltung, die diese Neuauflage des Buches ideell und finanziell unterstützt haben. Besonderer Dank gilt der Kulturamtsleiterin der Stadt, Frau Dr. Cornelia Klose, und dem Beirat zum lokalen Aktionsplan der Bundesinitiative „Vielfalt tut gut“, die Wege zur finanziellen Unterstützung der Herausgabe gefunden haben. Sowohl unsere Alt-Oberbürgermeisterin Frau Barbara Rinke 7 wie auch Herr Oberbürgermeister Dr. Klaus Zeh haben sich zudem seit langem und sehr persönlich in die Entwicklung einer würdigen Gedenkkultur um die Nordhäuser Opfer des rassistischen Naziterrors gegen unsere damaligen jüdischen Mitbürger eingebracht. Nordhausen gilt heute auf diesem früher oft verdrängtem Feld als eine der vorbildlich handelnden Kommunen in Thüringen. Möge das so bleiben! Diese Schrift soll zukünftig jederzeit für die Nordhäuser Schulen, Vereine und für interessierte Bürger greifbar sein und ihren Teil dazu beitragen, dass die Verblendung und Menschenverachtung, also das wahre Wesen der Nazi-Ideologie deutlich wird und den rechten Demagogen konkrete Beweise für die verbrecherischen Auswirkungen des nationalistischen Rassenwahns und der Fremdenfeindlichkeit entgegengesetzt werden können.

Nordhausen, im Oktober 2012
Dr. Manfred Schröter