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Nordhausen während der Bauernunruhen 1525

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Textdaten
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Autor: Paul Schreckenbach
Titel: Nordhausen während der Bauernunruhen 1525
Untertitel:
aus: Das tausendjährige Nordhausen in Geschichte und Sage in Roman und Dichtung ; Pflüger – Thüringer Heimatblätte (Heft 5, 1927)
Herausgeber: Bernhard Klett
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1927
Verlag:
Drucker:
Erscheinungsort:
Quelle: Scan
Kurzbeschreibung:
Digitalisat:
Eintrag in der GND: [1]
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Nordhausen während der Bauernunruhen 1525


Mit einem Bilde
Von Paul Schreckenbach †

„Nordhausen liegt zu dieser Zeit wie eine sichere Insel in den brausenden Meereswogen. Ueberall im Reiche herrscht Aufruhr, allerorten erhebt sich der gemeine Mann, Recht und Gesetz und Ordnung kommt ins Wanken, keiner will mehr dienen und gehorchen, die Knechte erheben sich über ihre Herren, die Untertanen über ihre Obrigkeit. Schon brechen da und dort die Flammen aus den Sitzen der Ritter und den Klöstern. Vorgestern ist der Abt vom Himmelsgarten, gestern der von Walkenried als Flüchtling bei uns eingekehrt und haben ihre Höfe in der Stadt bezogen. Dieser führte viele Fässer voll des besten Weines mit sich, jener eine große Menge wertvoller Bücher und Handschriften, so daß für die Nahrung des Geistes wie des Körpers gesorgt ist, wenn einer die geistlichen Herren besucht. Sie fühlten sich bei uns in Sicherheit und sind es auch, und ich will dir wünschen, mein Justus, daß es dem Fürsten von Sachsen gelingt, auch bei euch in Wittenberg die Ruhe und Ordnung zu bewahren. Dir und dem verehrungswürdigen Doktor Marlinus und allen in deiner Stadt, die guten Willens sind, insbesondere auch dem Meister des Pinsels, Herrn Lukas Kranach, dem Bürgermeister, meinem Freunde, Gruß und Heil.“

So lautete der Schluß eines lateinischen Briefes, den Michael Meyenburg im April an seinen Freund Justus Jonas geschrieben hatte. Als der letzte Federstrich getan war, blickte er mit Genuß auf sein Werk hernieder. Er freute sich, daß er trotz der geringen Uebung noch immer ein so gewandtes Latein zu schreiben vermochte, und noch mehr freute er sich darüber, daß er ein so erfreuliches Bild von den Zuständen feiner Heimatstadt hatte entwerfen können. Ja, in Nordhausen war es bis zur Stunde still und ruhig geblieben, während in Mühlhausen, wie man hörte, der neue, vom Volke gewählte Rat nicht mehr Macht und Gewalt besaß, als der abgesetzte Rat der Geschlechter, und die Propheten die gebietenden Herren der Stadt geworden waren. In Nordhausen hatte der Rat noch die Zügel in der Hand, und das war nicht zum mindesten das Verdienst feines Syndikus, ja, es war eigentlich ganz und gar sein Werk, denn die Herren auf dem Rathause hatten samt und sonders den Kopf verloren und waren der Lage nicht gewachsen.

Mit Selbstgefühl schnürte und versiegelte er den Brief und legte ihn in eine Lade, denn vor übermorgen war an eine Beförderung nicht zu denken. Dann leerte er den Humpen, den er sich zum Schlaftrunk zurecht gestellt hatte, bis auf den Grund und begab sich zur Ruhe als ein Mann, der mit sich zufrieden ist.

Er mochte etwa eine Stunde geschlafen haben oder auch zwei, als heftig an die Tür seines Schlafgemaches gepocht wurde. Nach geraumer Zeit erwachte er davon, obwohl er sehr schwer aus dem Schlafe zu erwecken war, und fragte mit zornigem Schnaufen: „Wer da? Was soll's?“

Darauf erwiderte die sanft flötende Stimme seiner Wirtschafterin: „Sie stürmen die Klöster, Herr!“

Mit einem Satze sprang er aus dem Bette: „Bist du des Teufels? Wer stürmt die Klöster? Was für Klöster?“

„Ich weiß es nicht, Herr. Man hört nur Schreien und Lärmen in der Ferne. Der Herr Bürgermeister Ernst und Herr Ratsmeister Schmidt sind unten und bitten Euch, herunter zu kommen.“

„Ich komme gleich!“ schrie Meyenburg. So schnell er es vermochte, zündete er ein Licht an, stürzte auf seinen Wandschrank zu und wappnete sich vom Kopf bis zu den Füßen. Dann eilte er klirrend die Treppe hinunter, wo die beiden auf ihn warteten.

„Was ist geschehen? Wie ist das möglich?“ schrie er.

„Ich weiß nur, daß ein Volkshaufen ins Predigerkloster eingebrochen ist,“ erwiderte Conrad Ernst finster. „Sie haben alles ausgeraubt, geplündert und zerschlagen. Dann sind sie zu den Augustinern, und jetzt stehen sie vor den Barfüßern. Die Mönche Haben sie, wie es scheint, gern hineinkommen lassen und sind mit ihnen abgezogen.“

„Wo ist Stockhausen?“ fragte Meyenburg.

„Der sammelt die Knechte auf dem Kornmarkt.“

„Dann zu ihm hin und sofort nach dem Barfüßerkloster! Viele brauchen wir gar nicht zu sein. Ein Dutzend beherzter Männer genügen. Davor laufen die Schelme davon.“

Auf dem Kornmarkte vor dem alten Rathause trat ihm der Stadthauptmann von Stockhausen entgegen, der vor einem starken Landsknechtshaufen stand. Die Spitzen der Hellebarden blinkten hell im Lichte des untergehenden Mondes.

„Es ist nicht viel zu tun gegen die Rotte,“ sagte er bekümmert. „In der Domfreiheit sitzt Sundhausen mit dreißig Knechten, und den können wir nicht herausziehen. Achtzig brauchen wir an den Toren, so habe ich hier nur achtzig oder neunzig, und mit denen kann ich nichts machen.“

„Achtzig Knechte werden doch genügen, um einen Volkshaufen auseinander zu treiben, der schlecht bewaffnet ist?“ rief Meyenburg.

„Ihr irrt,“ erwiderte Stockhausen. „Sie sind sehr gut bewaffnet. Vor Mitternacht haben sie das Siechentor aufgemacht, unsere Knechte sind davongelaufen. Da ist viel Volks eingeströmt, Bauern und solche, die vor uns geflohen waren. Poppe ist wieder da und Kehner und Helmsdorf und die anderen. Sie haben Waffen mitgebracht, auch Feuerrohre und Hakenbüchsen und Feldschlangen von der Mauer genommen. Wollt Jhr's, so renne ich Wider sie an. Aber ich sage Euch voraus, es wird eine blutige Schlacht werden. Die Altendörfer sind auf, und die aus dem Rautenviertel sind ganz wie die wilden Bestien.“

„Ich acht', es ist das beste, wir lassen sie die Barfüßer ausplündern und rühren keine Hand dagegen,“ sagte der hinzutretende Bürgermeister Oethe. „Dahingegen wollen wir das Rathaus gut besetzen, damit wir es fest in der Hand behalten.“

„Das wird ein guter Rat sein,“ erwiderte Meyenburg, und auch die anderen stimmten zu. So begab man sich denn nach dem Rathause, und mit der Zeit fanden sich dort auch alle zwölf Bürger- und Ratsmeister zu Ernst und Oethe, die gerade zu dieser Zeit die Worthabenden waren. Auch viele der Ratsherren kamen bewaffnet herbei, eine ganze Anzahl freilich brachte den Mut dazu nicht auf. Sie verkrochen sich in ihren Häusern, die sie fest verschlossen und verrammelten und warteten in Angst der Dinge, die da kommen sollten. Es kam aber nichts. Die Aufrührer schienen es vor der Hand nur auf die Klöster abgesehen zu haben. Auch in das Stift zum Heiligen Kreuz waren sie eingedrungen und hatten schon begonnen, einige Kurien zu plündern, da warf sie der Hauptmann von Sundhausen wieder heraus und verjagte sie durch einige Schüsse, die er von der Mauer herab aus Hakenbüchsen gegen sie abfeuern ließ.

Auf dem Rathause platzten unterdessen die Geister heftig zusammen. Die einen schlugen vor, man solle die Sturmglocken läuten und alle Bürger aufbieten und über die Empörer herfallen. Die anderen waren für gütige Verhandlungen mit den Rebellen, und ihnen schloß sich, zur Verwunderung vieler, auch Meyenburg an. „Wir wissen nicht,“ sagte er, „wie viele jene sind und wie stark der Zuzug ist, den sie erhalten haben. Auch wissen wir nicht, wie sie bewaffnet sind. Das alles müssen wir erst erkunden. Sonst heben wir ohn allen Nutzen ein großes Morden an. Unterlägen wir da, so wäre der Pöbel Herr in der ganzen Stadt, und es könnte bei uns noch ärger werden als in Mühlhausen. Darum rate ich, sendet Bolen an sie ab, die sie fragen, was sie wollen und von uns begehren.“

„Wir können doch nicht mit dem gemeinen Manne verhandeln, als wäre er unseresgleichen?“ rief der Ratsmeister Schmidt dazwischen.

„Ich erkenne Euch nicht wieder, Syndikus! Wäret Ihr nicht immer für scharfe Mittel?“

„Je nach den Umständen,“ erwiderte Meyenburg. „Der kluge Mann beißt auch einmal in einen saueren Apfel, wenn er dadurch vermeidet,- in einen giftigen beißen zu müssen. Sendet Boten an sie ab und sagt, sie sollten euch ihre Wünsche zu Papier bringen. Darüber werden Tage vergehen, und wir brauchen vor allen Dingen Zeit. Schon ist der Mansfelder gerüstet, und die Fürsten ziehen allgemach heran. Nicht mich sendet zu der Rotte, denn mein Wort findet jetzt bei ihnen gewißlich keine gute Stätte. Schickt andere, die beliebt sind beim gemeinen Volke.“

Die meisten stimmten nach einigem Hin- und Herreden dem Rate Meyenburgs zu, denn es graute ihnen vor einem blutigen Kampfe mit ihren Mitbürgern, dessen Ausgang in der Tat niemand Voraussagen konnte. Er wurde auch dadurch unterstützt, daß der Reichsschultheiß Leonard Busch einen Diener sandte, und den Herren auf dem Rathause empfahl, sie möchten die Bürger gütlich anhören, die Leute seien bereit, zu unterhandeln. Die Verhandlungen zogen sich über den ganzen Tag hin, denn es war wirklich so, wie es der Syndikus vorausgesagt hatte: die Leute wußten nicht, was sie wollten, und waren nicht unter einen Hut zu bringen. Der eine wollte dies, der andere das, und sie gerieten sich dabei kräftig in die Haare. Am Abend wurde indessen so viel erreicht, daß die Führer der Haufen dem Rate gelobten, sie wollten keine Gewalttat mehr verüben, solange die Verhandlungen zwischen dem Rate und der aufständischen Bürgerschaft schwebten.

Meyenburg überdachte das mit Vergnügen, als er in der Dämmerung seinem Hause am Hagen zuschritt, und sann darüber nach, wie man Wohl am nächsten Tage durch kluge Verhandlungen die Rebellen noch weiter schwächen könne. Dabei hatte er das Rasseln eines hinter ihm herfahrenden Rollwagens gänzlich überhört und konnte kaum noch zur Seite springen, als der Kutscher ihn anrief. Er hatte nicht Weiler Obacht auf den Insassen des Wagens, der die Kappe tief ins Gesicht gezogen hatte. Es mochte Wohl einer der Landpriester sein, wie sie jetzt in Menge die Mauern Nordhausens aussuchten, um hier Schutz zu finden vor den wilden Haufen, die im Lande umherzogen, oder auch vor ihrer eigenen lieben Gemeinde. Umso erstaunter war er, als er um die Ecke biegend das Gefährt vor seinem Hause halten und den Reisenden in die Tür treten sah. Der Gestalt, der Haltung nach war das doch — nein, das konnte nicht sein, schien ganz und gar unmöglich. Wie konnte dieser Mann gerade jetzt in Nordhausen erscheinen!

Aber als er ihm beflügelten Schrittes jetzt nacheilte, sah er, daß er sich nicht getäuscht hatte. Im Vorraum seines Hauses stand Dr. Martin Luther und streckte ihm die Hand entgegen. „Gott zum Gruße, Herr Syndikus Meyenburg! Ihr seid Wohl verwundert, mich hier zu sehen?“ rief er.

„Nichts hätte ich mir freilich weniger träumen lassen, als diese Ehre und Freude,“ erwiderte Meyenburg, sich tief verneigend. „Hoch willkommen, Herr Doktor! Tretet ein! Was führt Euch unter mein geringes Dach?“

„Nun, ein geringes Dach ist das ja nicht,“ sagte Luther, indem er das Wohngemach betrat. „Ihr wohnt wie ein Graf. Davor muß sich selbst das Haus meines Freundes Kranach in Wittenberg verstecken. Potztausend! Ich habe nicht gewußt, daß Ihr ein so reicher Mann seid. Aber umsoweniger macht es Euch Wohl Beschwerden, einen Gast zu beherbergen. Ich will bei Euch nächtigen, denn Ihr seid mir gerühmt worden, als die stärkste Säule des heiligen Evangeliums in dieser Stadt.“

(Aus dem Roman Michael Meyenburg. L. Staackmann Verlag, Leipzig.)