Die Rolle der Umgebung von Nordhausen in den Verbreitungsgrenzen einiger wichtiger Pflanzengruppen

Aus NordhausenWiki
Version vom 5. Februar 2019, 12:55 Uhr von Heinrich (Diskussion | Beiträge)
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Textdaten
<<< >>>
Autor: Kurt Wein
Titel: Die Rolle der Umgebung von Nordhausen in den Verbreitungsgrenzen einiger wichtiger Pflanzengruppen
Untertitel:
aus: Das tausendjährige Nordhausen in Geschichte und Sage in Roman und Dichtung ; Pflüger – Thüringer Heimatblätte (Heft 5, 1927)
Herausgeber: Bernhard Klett
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1927
Verlag:
Drucker:
Erscheinungsort:
Quelle: Scan
Kurzbeschreibung:
Digitalisat:
Eintrag in der GND: [1]
Bild
[[Bild:|250px]]
Bild
Die Rolle der Umgebung von Nordhausen in den Verbreitungsgrenzen einiger wichtiger Pflanzengruppen


Mit Karten
von K. Wein, Nordhausen

Dem Menschengeiste wohnt der tiefe Drang inne, auf allen Wissensgebieten in das bunte, scheinbar zusammenhangslose Vielerlei, das ihm die Einzelbeobachtungen liefert, eine gewisse Ordnung hineinzubringen. Dieses Streben ist auch hervorgetreten in bezug auf die Erscheinungen in der Verteilung der Pflanzen auf der Erdoberfläche und hat die botanische Wissenschaft den Weg von der die bloßen Tatsachen verzeichnenden „Floristik“ nach der sie erklärenden Pflanzengeographie finden lassen. Einzelbeobachtungen über Vorkommen von Gewächsen sind auf heimatlichem Boden bereits im sechzehnten Jahrhundert angestellt worden; der Neuzeit ist es jedoch erst Vorbehalten geblieben, den Weg der Erklärung der Erscheinungen mit mehr oder weniger Erfolg zu beschreiten. I. G. Zinn (1759) und H. F. Link (1795) suchten die Verbreitungsursachen in den Bodenverhältnissen; G. E. W. Crome (1809) schloß sich ihnen an und fand in unseren Tagen in A. Petry (1889) einen Nachfolger, wie er sich würdiger kaum denken läßt. A. Grisebach (1847) hingegen glaubte die Grenzen der Verbreitungsgebiete der Pflanzen, die „Vegetationslinien“, als durch klimatische Verhältnisse bedingt ansprechen und mit gewissen Isothermen (Wärmelinien) in einen ursächlichen Zusammenhang bringen zu können. Die Forschung ist über eine derartige Auffassung, die wie so viele Verallgemeinerungen in der Wissenschaft sicher unzutreffend ist, hinweggeschritten und betont neben den gegenwärtig tätigen Kräften auch die einst wirksam gewesenen, weil im Zeitalter der Herrschaft des Entwicklungsgedankens selbst die Pflanzendecke eines kleineren Teiles unserer Mutter Erde naturgemäß als ein kleines Stück Entwicklung angesehen werden muß.

Unter den Pflanzen des heimatlichen Bodens verdienen diejenigen besondere Aufmerksamkeit, die den Schwerpunkt ihrer Verbreitung im Mittel- meergebiete von Persien und Syrien im Osten bis nach Spanien und Portugal im Westen aufweisen; sie sollen daher kurz als die mediterranen Arten bezeichnet werden, obwohl sie auf einzelnen Inseln des Mittelmeeres deren geologischer Geschichte entsprechend nur teilweise auftreten. Das kleine Fklsen- eiland Malta, das sich erst im Laufe des Diluviums von Sizilien trennte, das seinerseits bis zum Ende des Pliozäns mit Nordasrika und bis zum Quartär mit Unteritalien verbunden gewesen war, beherbergt von den Vertretern dieser Pflanzengruppe nur eine verhältnismäßig geringe Zahl, wie Buntes Knabenkraut, Kleinblütiges Hornkraut, Bastard-Mohn, Nadelkerbel, Feld-Günsel, Dreihorn-Labkraut, Sterndistel, Stielsame und andere mehr, die auf den größeren Inseln wie Sizilien, Korsika, Sardinien natürlich um manche Art vermehrt wiederkehren. Für die mediterranen Arten besteht die Möglichkeit, weiter nach Norden vorzustoßen, wenn ihnen, wie in Südengland, Südschweden, Oeland, Gotland, durch das Zusammenwirken von günstigen Witterungsverhältnissen und passender Bodenbeschaffenheit zusagende Lebensbedingungen geschaffen werden. Eine lohnende Aufgabe bildet es nun, zu untersuchen, in welcher Weise die Grenze der Haupt- Verbreitung dieser Pflanzen in der Umgebung von Nordhausen verläuft, zumal diese Linie auch in so wichtigen pflanzengeographischen Werken, wie in dem von O. Drude, „Der hercynische Florenbezirk" (1902), nicht ganz richtig dargestellt erscheint.

Um den Verlauf dieser Hauptgrenze der mediterranen Arten im Bereiche der alten Reichsstadt genauer festlegen zu können, wird zweckmäßig im Süden im Gebiete der in ihren Schönheiten von den Bewohnern der Tausendjährigen leider nicht nach Gebühr gewürdigten Hainleite begonnen. Der Muschelkalk, aus dem sie besteht, begünstigt ebenso wie der Silurkalk der schwedischen Inseln Oeland und Gotland und dem Kreidemergel des Turons sowie der Schreibkreide des Senons Englands das Auftreten wärmebedürftiger mediterraner Arten. Sie sind im östlichen Teile der Hainleite an der Sachsenburg, an der Kratzleite bei Bilzingsleben, an den Steilhängen des Kohnsteines und der Ahrensburg bei Seega, am Filzberg bei Berka, am Frauenberge bei Sondershausen in erklecklicher Zahl vertreten. Aber schon an der Feuerkuppe, am Zängenberge bei Wernrode, an der Wöbelsburg bei Hainrode zeigen sie sich, sowohl was Artenzahl als auch Artenreichtum anbetrifft, nur noch verhältnismäßig schwach vertreten. Noch einmal zeigt sich zwar noch weiter im Westen der Hainleite eine größere Schar dieser bemerkenswerten Pflanzen, wie Berg-Vermeinkraut Armblütige Gänsekresse, Roter Klee, Alant, Schwarzwurz an der Helbeburg im Helbetale. Da aber die Pflanzenbesiedlung dieser Oertlichkeit offenbar unmittelbar vom Thüringer Becken und nicht wie die aller übrigen Stätten vom Wippertale aus stattgefunden hat, muß sie dem für diese Arbeit gesteckten Rahmen entsprechend bei den weiteren Betrachtungen unberücksichtigt gelassen werden. Der Frauenberg läßt sich, vor allem mit Rücksicht aus das Vorkommen des schönen blaublühenden Lattichs als die Stelle ansehen, an der die mediterranen Arten am weitesten nach Nordwesten vorgeschoben erscheinen, durch die also die Grenze ihrer Haupt- Verbreitung zu legen ist. Diese Pflanze tritt sonst nur an so bevorzugten Plätzen wie am Kohnstein und an der Ahrensburg in der Hainleite und außerdem noch im Kyffhäusergebirge an der Sommerwand der Rotenburg auf Hornblendegneis auf. Eine offenbar zu ihrem Gedeihen gleichfalls viel Wärme beanspruchende unscheinbare, im Mittelmeergebiete von Persien bis Spanien und Algier verbreitete Gänsekresse ist allerdings gemeinschaftlich mit der Kühchenschelle (Anemone Pul8atilla) noch an der Feuerkuppe anzutreffen, so daß der Festlegung der Verbreitungsgrenze der mediterranen Arten auch in diesem Falle immerhin eine gewisse Willkür anhaften bleiben muß. Sicher fest aber steht die Tatsache, daß weiter im Westen der Hainleite der Reichtum ihres östlichen Teiles an diesen seltenen Pflanzen kaum noch angedeutet ist; dahin gehört das Vorkommen der Kleinen Wiesenraute bei Friedrichrode, der Armblütigen Gänsekresse an der Hölle bei Sollstedt, und dergleichen mehr.

Das gleiche, durch das stark in den Hintergrundtreten der mediterranen Arien bedingte pflanzliche Gepräge wie die westliche Hainleiie tragen erklärlicher Weise auch die Bleicheröder Berge an sich. Der verschiedene geologische Aufbau, der sich darin zeigt, daß die Hainleite aus allen drei Abteilungen (Unterer, Mittlerer, Oberer Muschelkalk) der Muschelkalkschichten besteht, die Bleicheröder Berge aber nur aus der untersten von ihnen aufgebaut sind, ist begreiflicher Weise offensichtlich von keinerlei Einfluß auf die Pflanzenverbreitung gewesen. Als bemerkenswert für die Bleicheröder Berge könnte nur das Vorkommen HM am Südharze völlig fehlenden Gamanders gebucht werden. Diesen Verhältnissen entsprechend können die Bleicheröder Berge auf keinen Fall in das Hauptverbreitungsgebiet der mediterranen Arten einbezogen werden. Das gleiche gilt auch von dem kleinen Muschelkalkzeugenberge der Hasenburg, obwohl auch sie bemerkenswertere Arten mit mediterranen Verbreitungszügen, wie die Bergheilwurz und die erst im alten Stolberg wieder erscheinende Gelbe Sommerwurz zu ihren pflanzlichen Bürgern zählen kann. Kein Zweifel kann darüber bestehen, daß auch das Ohmgebirge auszuschließen ist, obwohl der häufig auf Muschelkalk und Cenomanpläner auftretende Fransen-Enzian gleichfalls in der Reihe der mediterranen Arten seinen Platz zu nehmen hat.

Der Buntsandstein der Windleite gilt allgemein als arm in bezug auf mediterrane Arten. Eine derartige Auffassung trifft für den westlichen Teil dieses Höhenzuges um Wolkramshausen, Steinbrücken, Uthleben und selbst noch für die Umgebung von Bendeleben unbedingt zu; aber auf den bewaldeten Höhen südlich von Heringen stellen sich auch seltenere Pflanzen, wie gewisse Knabenkräuter und der stattliche Kreuz-Enzian ein. Das Felsen-Fingerkraut, das Wallroth einst als große Seltenheit bei Auleben entdeckte, Und das im Kyffhäusergebirge im Pfützentale bei Udersleben einen weiteren Standort im nördlichen Thüringen besitzt, läßt sich vielleicht erneut auffinden und würde sich diesen Arten dann anschließen lassen. An den Hängen südlich von Hachelbich trägt jedoch die sonst so pflanzenarme Windleite ein Pflanzenkleid, das in seiner Zusammensetzung stark an das erinnert, wie es die Kratzleite bei Bilzingsleben aufweist. Die Pflanzenwelt der Windleite in der Umgebung von Göllingen harrt noch ihres Bearbeiters, wird aber sicher in ihrem Gepräge nur wenig von derjenigen bei Hachelbich abweichen. Von der Pflanzenwelt der Buntsandsteinhöhen südlich von Frankenhausen gilt zweifellos ein gleiches. Eine mediterrane Queckenart und eine auf dem Dost schmarotzende Sommerwurz können jedenfalls als höchst bemerkenswerte Erscheinungen dieses Gebietes gelten. Auf Grund aller dieser Verhältnisse kann im Bereiche der Windleite die Hauptverbreitungsgrenze der mediterranen Arten unbedenklich über Hachelbich gezogen werden.

Teilweise recht eng schließt sich im Norden an die Hainleite das sagen- und Pflanzenreiche Kyffhäusergebirge an. Es baut sich neben Massengesteinen des kristallinischen Grundgebirges (Gneis, Granit, Diorit, Gabbro) und dem oberrolliegenden Porphyrkonglomerat vorwregend auf aus oberkarbonischen Sandsteinen und Schiefertonen, sowie den Schichten des Zechsteins. Die Glieder des Zechsteines sind vor allem durch Zechsteingips (älterer und jüngerer Gips) und Stinkschiefer vertreten; der Zechsteindolomit tritt hingegen an Verbreitung stark zurück. Der Zechsteingips im südlichen Teile des Kyffhäusergebirges trägt eine hauptsächlich aus mediterranen Arten zusammengesetzte Pflanzendecke, die schon im sechzehnten Jahrhundert die Aufmerksamkeit der Pflanzenforscher auf sich gezogen hat, und der durch A. Petry in seiner Abhandlung „Die Vegetationsverhältnisse des Kyffhäusergebirges" (1889) eine muster hafte Bearbeitung zuteil geworden ist. Eine große Zahl der Pflanzenarten des Zechsteinbandes im Süden des kleinen und doch so merkwürdigen Gebirges ist auch auf dem seit F. W. Wallroth berühmt gewordenen Mittelberge bei Auleben anzutreffen, wo der Zechsteingips den Südrand der Goldenen Aue bilden hilft, lieber den Mittelberg muß daher die Hauptverbreitungsgrenze der mediterranen Arten im Kyffhäusergebirge unbedingt gelegt werden. Der nur wenig westlich vom Mittelberg sich erhebende Soolberg beherbergt jedenfalls schon, obwohl das Auftreten einer seltenen Segge noch sehr bezeichnend ist, eine weit geringere Zahl dieser hochbedeutenden Gewächse, die südlich des Mittelberges in der Umgebung von Badra wieder in größerer Artenzahl zu finden sind. Ihr Schutz in diesen Gebieten, wo sie von der vordringenden „Kultur" sehr stark bedrängt sind, erscheint außerordentlich notwendig.

Der Buntsandgürtel, der den Harz umschließt, ist schon in der Umgebung von Nordhausen selbst im Gegensätze zur Windleite bei Uthleben außerordentlich arm an mediterranen Arten. Der im zeitigsten Frühjahr erscheinende Felsen-Goldstern, der aus diluvialem, den Buntsandstein überlagernden Schotter zwischen Nordhausen und Bielen und in gleicher Weise auf alluvialem Schotter zwischen Nordhausen und Sundhausen auftritt, verdient jedoch besonders genannt zu werden, weil er dem Kyffhäusergebirge völlig fehlt. Anders als in der Umgebung von Nordhausen liegen die Verhältnisse im Osten der Buntsandsteinzone auf den Rogensteinen bei Sangerhausen, Wallhausen, Hohlstedt, wo viele mediterrane Pflanzen anzutreffen sind, die auf dem Muschelkalke der Hainleite und dem Zechsteingips des Kyffhäusergebirges wiederkehren. Bereits in der Umgebung von Roßla zeigt sich in bezug auf sie eine sehr bemerkenswerte Abnahme, obwohl auch diese Gegend wieder bedeutsame Einzelzüge ausweist. Ein Vermeinkraut hat beispielsweise nördlich von Roßla seine einzige Wohnstätte im Bereiche des Südharzes. Einzelne mediterrane Arten, wie das Bartgras und die Sterndistel, die im Buntsandsteingebiete bei Wall- Hausen auftreten, fehlen selbst dem Kyffhäusergebirge.

Hauptverbreitungsgrenze der mediterranen Pflanzen um Nordhausen.jpg

In dem Bande von Zechsteingips, um das sich der Buntsandstein legt, und das seinerseits gürtelartig die Schichten des Harzkernes umschließt, ist die Pflanzenwelt in den Grundzügen die gleiche wie auf den entsprechenden Gesteinen des Kyffhäusergebirges; nur ist die Zahl der mediterranen Arten in diesem eine größere als im Südharze. Die Verbreitung des Gipses des Süd- Harzer Zechsteingürtels endet im Westen in der Nähe des Bahnhofes Tettenborn im Einklang mit der dort sich deutlich bemerkbar machenden sogenannten mitteldeutschen Hauptschwelle. Mediterrane Pflanzen zeigen sich jedoch in diesem Gebiete kaum noch; Fliegenblume und Weidenblättrige Alane, die zwischen Bahnhof Tettenborn und Hüxei auftreten, können ebenso wie der Mansen-Enzian, der eine häufige Erscheinung auf dem Zechsteindolomit in der Umgebung von Scharzfeld bildet, nur als weniger bezeichnende Vertreter der mediterranen Gruppe gelten. Als das Gebiet, in dem die zu ihr zu rechnenden Arten am Südharze in größerer Zahl und Menge am weitesten nach Westen vorgeschoben erscheinen, ist vielmehr der Alte Stolberg zwischen Steigerthal und Stempeda anzusehen, wo blumengeschmückte Grassluren, kurzgrasige oder fast kahle Hänge mit niedrigem Buschwalde sich mischen. Ein Verzeichnis der mediterranen Arten dieses „Pslanzengartens", wie Wallroth den Alten Stolberg einmal genannt hat, hier zu geben, ist natürlich nicht möglich. Auf die schöne Schilderung, die L. Oßwald (1911) von der Pflanzenwelt dieses Gebietes gegeben hat, muß vielmehr verwiesen werden. Westlich vom Alten Stolberg erscheint zwar auch noch eine Reihe der mediterranen Arten, so das Federgras bei Crimderode (sehr selten, sowie zwischen Niedersachswerfen und Rüdigsdorf), die Bienenblume im Hinteren Teile des Kohnsteines, das für das Südharzer Zechsteingipsgebiet so kennzeichnende Gipskraut noch bei Ellrich, das Zwergsonnenröschen in der Rüdigsdorfer Schweiz und am Hocheberge bei Wolffleben und ähnliche mehr. Im ganzen genommen spielen sie jedoch in diesen Gebieten, wie sich sehr gut an den Sattelköpfen bei Hörningen erkennen läßt, nur eine untergeordnete Rolle. Die Hauptwestgrenze der Verbreitung der mediterranen Arten im Südharzgebiete läßt sich somit unbedenklich durch den Alten Stolberg — der Begriff ist hier in weiterem Sinne genommen und umfaßt auch das sogenannte Windehäuser Holz legen. Freilich nimmt nun nicht etwa von diesem Gebiete an nach Osten hin chie Zahl der mediterranen Arten stetig zu. Die Pflanzenwelt des auf der linken Seite des Thyratales gelegenen Seekopfes bei Uftrungen stellt sich vielmehr nur als eine verarmte Auflage der Pflanzenwelt des Alten Stolberges dar. Erst am Steilhange des Bauerngrabens bei Breitungen zeigt sich eine Art, die dem Alten Stolberg fehlt, aber noch am Mittelberge bei Auleben vorkommt, in dem Berg-Schildkraut. Bei Quastenberg findet sich dann der Gelbe Zahntrost, bei Hainrode der Gestreckte Ehrenpreis ein. Es ließe sich daher die mediterrane Pflanzenwelt des alten Stolberges auch als ein vorgeschobener Posten der des Südostharzes oder des Kyffhäusergebirges auffassen. Die Hochfläche des Ostharzes meiden die mediterranen Arten erklärlicherweise; sie erscheinen jedoch an den Südhängen der Täler dieses Teiles des Harzes im Wippertal, Einetal (Diabas der Eulenkuppe bei Stangerode), Selketal und besonders im Bodetal. Künftige Untersuchungen werden vielleicht einmal der Westgrenze des Ligusters eine besondere Bedeutung für die Festlegung der Hauptverbreitungsgrenze der mediterranen Arten zuerkennen können. Die Tatsache, daß im Südharzvorland eine Reihe von ihnen fehlten, die am Kyffhäusergebirge, zum Teil sogar noch an der Rotenburg erscheinen, darf bei solchen Betrachtungen auch nicht unberücksichtigt bleiben. Die schöne Wollkopfdistel, die bei Jchstedt und am Mittelberge bei Auleben vorkommt, kann als Beispiel von Pflanzen mit einer derartigen Verbreitung gelten.

Unseren Ausführungen entsprechend, kann nunmehr die Hauptverbreitungsgrenze der mediterranen Arten in der Umgebung des tausendjährigen NordHausens gezogen werden (Fig .1). Dabei dars aber nicht außer acht gelassen werden, daß diese Grenzfestsetzung nur eine Verallgemeinerung darstellt und daß, wenn die Verbreitung einzelner mediterraner Gewächse ins Auge gefaßt werden würde, natürlich andere Bilder der Grenze herauszuschälen wären.

Mit den Pflanzen von mediterraner Verbreitung sind vielfach die pontischen Arien zusammengeworfen worden, die den Schwerpunkt ihres Auftretens nicht im Süden, sondern im Osten oder Südosten Europas und den sich anschließenden Gebieten Asiens besitzen. Ihre Zahl ist bei weitem nicht so groß wie die der Pflanzen mediterraner Herkunft, so daß es angebracht erscheint, an dieser Stelle die Verbreitungsgrenze einzelner Arten und nicht die von Artengemeinschaften darzustellen. Als Beispiel sei zunächst der Deutsche Alant gewählt. In der Hainleite hat die seltene Pflanze in erster Linie den östlichen Teil besiedelt, wo sie an der Kratzleite bei Bilzingsleben eine beinahe häufige Erscheinung bildet. Im Westen der Hainleite tritt sie weit seltener auf, findet sich aber noch in der Umgebung von Sondershausen.

Nordwestgrenze der Verbreitung von Inula germaica im nördlichen Thüringen.jpg

Im Süden des Kyffhäusergebirges hat sie noch eine Reihe von Standorten inne; auch am Mittelberge bei Auleben und westlich davon nach dem Stolberge zu kommt sie noch reichlich vor. Aus dem südlichen Harzvorlande ist sie hingegen mit Sicherheit nur als Seltenheit aus dem Buntsandsteingebiete bei Sangerhausen bekannt geworden. Diesen eben dargelegten Verbreitungsverhältnissen entsprechend ergibt sich sür die Umgebung von Nordhausen für den deutschen Alant eine westliche Verbreitungsgrenze, wie sie in Fig. 2 zur Darstellung gekommen ist.

Aehnliche Verbreitungsbilder liefern auch andere als pontisch anzusehende Pflanzen, wie die Strauchpappel, bei der die Verbreitungsgrenze bezeichnet wird durch die Orte Sondershausen - Auleben (Mittelberg)-Wickerode (westlich vom Dorfe nach Roßla zu), oder der Pontische Beifuß, bei dem sie sich etwa in folgender Weise festlegen läßt: Göllingen - Badra - Pölsfeld. In allen diesen Fällen macht sich im Südharze ein entscheidendes Abbiegen der „Vegetalionslinien" nach dem Osten zu deutlich bemerkbar.

Als eine Pflanze mit einer Gesamtverbreitung von pontischem Gepräge erweist sich auch die Steife Rauke obwohl ihre Verbreitungsgrenze in unserer Heimat einen Verlauf nimmt, der von dem der übrigen pontischen Arten völlig verschieden ist. Diese Pflanze findet sich am Himmelberge bei Wolffleben und im Kyffhäusergebirge in Dolinen des Zechsteingipses bei Udersleben. An ihr Auftreten im Harz, das allein durch das Vorkommen bei Wolfsleben gebildet wird, schließen sich Wohnstätten im Ith, an das im Kyffhäusergebirge solche auf der Finne bei Burgwenden an. Das Fehlen unserer Rauke aus den drei südlichen europäischen Halbinseln einerseits und ihr Vorhandensein in Süd- und Mittelrußland, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Kroatien, Südungarn anderseits spricht entschieden dafür, daß eine pontische Art vorliegt. Ihre merkwürdige Verbreitungsgrenze in der Umgebung von Nordhausen, die nicht als eine Rordwestgrenze, sondern als eine is Nordostgrenze erscheint, ist in Figur 3 zur Darstellung gebracht worden.

Nordostgrenze der Verbreitung von sisymbrium strictissimum in der Umgebung Nordhausens.jpg

Während die mediterranen und pontischen Pflanzen im nördlichen Thüringen in der Regel mehr westlich oder nordwestlich gerichtete Verbreitungsgrenzen nufweisen, besitzen andere Arten, ohne daß aber der Schwerpunkt ihrer Gesamlverbreitung im Westen Europas liegt, solche von ausgeprägt nach Osten weisender Eigenart. Zu ihnen gehört die Eibe bsccats), die heute als selten gewordenes Naturdenkmal dem staatlichen Schutze unterstellt ist. Ihre gegenwärtige Verbreitung bildet nur kümmerliche Ueberreste des großen Wohngebietes, das der Baum in der sogenannten atlantischen Zeit während der unbedingten Vorherrschaft der Laubwälder innegehabt hatte. Auf der Hainleite erreicht die Eibe ihre Ostgrenze am Frauenberge; sie kommt dann bei Niedergebra vor und findet sich schließlich an der Steilkante der Muschelkalkhochfläche des Höhenzuges in einzelnen verkrüppelten Stücken bis in dis Umgebung von Sollstedt. Auf den Bleicheröder Bergen tritt die Eibe mehrfach und teilweise, wie am Vogelberge, Windolskopfe, an der Löwenburg usw. reichlich aus. Aus dem Ohmgebirge ist der Baum heute nur noch von den Hauröder Klippen bekannt. Auf ein ehemaliges Vorhandensein der Eibe nördlich von Weißenborn deutet jedoch der Name „Jberg" für einen kleinert Muschelkalkzeugenberg hin. Durch dieses erloschene Vorkommen würde der Anschluß an das Auftreten am Südharze am Trogsteine bei Tettenborn hergestellt, an das weiter am Westrande des Harzes das Auftreten am Iberge bei Grund angereiht werden kann. Der Umstand, daß Johann Thal (1588) die Eibe auch von Walkenried anführt, gibt ein weiteres Zeugnis für die einstige größere Verbreitung des Baumes ab. Auf Grund dieser Verbreitungs- Verhältnisse läßt sich scharf die heutige Ostgrenze der Eibe in der Umgebung von Nordhausen Herausstellen (Fig. 4). Das Kärtchen zeigt deutlich die schon von A. Petry (1910) hervorgehobene Tatsache, daß der Baum, wenigstens gegenwärtig bei uns, das Hauptverbreitungsgebiet der mediterranen und politischen Arten meidet. Im Bodetale bei Thale, wo in dem einzigen Winter 1802/03 allein fünfhundert Eibenstämme geschlagen wurden, und der heutige Bestand des seltenen Baumes daher auch nur als kleiner Rest der einstigen Herrlichkeit angesehen werden kann, liegen die Verhältnisse jedoch anders, da dort mediterrane Pflanzen in engerer Vergesellschaftung mit der Eibe auftreten.

Ostgrenze der Eibe in der Umgebung von Nordhausen.jpg

Einen Beweis dafür, daß die im nördlichen Thüringen mit östlichen Verbreitungsgrenzen ausgestatteten Arten keine einheitliche Gruppe bilden, gibt die Mandelblättrige Wolfsmilch ab. Die Eibe erscheint nämlich auch im Norden Europas (England, Dänemark, Südnorwegen, Südschweden, Esthland, Livland, Kurland), während die Wolfsmilch ihre Nordgrenze in England, Frankreich und Deutschland findet. Sie tritt sonst auf im Mittelmeergebiete von Persien bis Portugal, wo sie offenbar eine besondere geographische Rasse (E. Buchtieni Frepn in Nordportugal) hervorgebracht hat. Die Pflanze kommt auch auf einer Anzahl von Inseln des Mittel- meergebietes (Korfu, Sizilien, Kapri, Korsika) sowie in fast ganz Frankreich vor und hat auch das am Ausgange des Diluviums vom Festlands abgetrennte England noch erreichen können. Sie gehört hiernach offenbar zu den Gewächsen, die im Westen Europas unter dem Einflüsse des ozeanischen Klimas weiter nach Norden gehen als im Osten unseres Erdteiles, wo das Fehlen derartiger klimatischer Eigentümlichkeiten ihnen ein solches Vordringen versagt hat. In der Hainleite zeigt sich unsere Wolfsmilch ostwärts bis Bebra (Jssertal), tritt aber nur im westlichen Teile dieses Höhenzuges im Feuergrunde bei Friedrichsrode, im Helbetale usw. in größerer Menge auf. Aus den Bleicheröder Bergen, auf der Hasenburg und im Ohmgebirge bildet die Pflanze gleichfalls eine häufige Erscheinung. Im Harze hat sie nur die Südwestecke östlich bis zur Linie Bad Sachsa - Lanterberg - St. Andreasberg besiedeln können. Im Kyffhäusergebirge fehlt sie begreiflicherweise vollständig; dagegen besitzt sie merkwürdigerweise einen versprengten Standort auf der Windleite im Bendeleber Walde unweit des Segelteiches.

Ein ähnliches Verbreitungsbild wie die eben behandelte Wolfsmilch bietet auch die Grüne Nieswurz dar. Sie erscheint auf den Bleicheröder Bergen, im Ohmgebirge bei Wehnde und geht am Südharzrande ostwärts bis Walkenried, tritt aber noch Weiler östlich zwischen Rodishain und Eichenforst und am Ostharze im Klushange bei Pansfelde aus. Merkwürdig ist dabei der Umstand, daß die bei Walkenried auf Zechsteingips am Rehseberge vorkommende Pflanze der gewöhnlichen, auch im östlichen Deutschland beheimateten Form angehört, während die bei Scharzfeld auf Zechsteindolomit wachsende Form einer an den Westen Europas (Spanien, Frankreich, Westschweiz, Westdeutschland: Rheinprovinz, Westfalen, Hannover, Braunschweig) gebundenen Rasse zuzurechnen ist.

Es ließe sich nun noch eine ganze Reihe von derartigen Verbreitungsgrenzen in Wort und Bild vorführen; der Raum gestattet es aber leider nicht, mit weiteren Beispielen aufzuwarten, obwohl es lohnend genug wäre, da in jedem einzelnen Falle immer wieder neue und bemerkenswerte Einzelzüge verzeichnet werden könnten. Mit der Festlegung der „Vegetationslinien" kann aber der Pflanzengeograph seine Aufgaben niemals als erfüllt ansehen; er muß vielmehr die Ursachen zu ergründen suchen, die zur Entstehung ihres Verlaufes geführt haben. Die Heranziehung von Isothermen, Wärmesummen, des Regenfaktors usw. hat bisher noch immer versagt. Neue Wege hat jüngst der Schwede F. Enquist (1924) gewiesen, indem er neben Ozeanität und Kontinentalität das mit den Witterungsgegensätzen in inniger Beziehung stehende Wärme- und Kältebedürfnis einzelner Pflanzenarten herangezogen hat, um den Verlauf ihrer entweder Kälte- oder Wärmegrenzen bildenden Verbreitungsgrenzen erklären zu können. Obwohl seine Anschauungen durch A. Hamberg abgelehnt sind, verdienen sie doch, daß ein ernsthafter Forscher sich mit ihnen beschäftigt. Die Entscheidung über ihren Wert oder Unwert kann aber niemals von einem kleineren Gebiete aus gefällt werden. In einem solchen ist nur Kleinarbeit möglich, die, wenn sie zäh und zielbewußt genug geleistet war, niemals so bedeutungslos ist, wie es von manchen Leuten gern hingestellt wird, sondern immer ihren Wert behalten muß. Solches treues, selbstloses Wirken auf pflanzenkundlichem Gebiete hat sich gerade in der tausendjährigen Stadt am Harze seit Johann Thal († 1583) bis auf L. Oßwald († 1918) hin immer wieder gezeigt. Dem Geburtstage aber kann zu seinem Ehren- und Jubeltage kein schönerer Dank zuteil werden als der, daß wir Jungen geloben, es unseren Vorgängern gleich zu tun, und dieses Versprechen, unbeirrt von allen Widrigkeiten, einlösen zum Wohle der lieben deutschen Wissenschaft und der teuren schönen Heimat.