Christnachtfeier in Bleicherode: Unterschied zwischen den Versionen

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Aktuelle Version vom 9. November 2019, 20:52 Uhr

Textdaten
Autor: A. Billich
Titel: Christnachtfeier in Bleicherode
Untertitel:
aus: Heimatland. Illustrierte Blätter für die Heimatkunde des Kreises Grafschaft Hohenstein, des Eichsfeldes und der angrenzenden Gebiete
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1904 (Nr. 4)
Verlag:
Drucker:
Erscheinungsort:
Quelle: Scan
Kurzbeschreibung:
Digitalisat:
Eintrag in der GND: [1]
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Christnachtfeier in Bleicherode.


Einen hervorragenden Platz in unserer Weihnachtsfeier nimmt die Christmette ein, zu welcher am 1. Weihnachtsmorgen früh 5½ Uhr die Gemeinde durch feierliches Glockengeläut eingeladen wird. Und sie folgt diesem Rufe fast vollzählig. Da sieht man neben erst schulpflichtig werdenden Kindern Greise in schneeweißem Haar, welche kaum je in ihrem Leben diesen feierlichen Gottesdienst versäumt haben. Wohl lockt sie das geheimnisvolle Dunkel der heiligen Weihenacht, zu denen der Strahlenglanz der in der Kirche prangenden Weihnachtsbäume im Gegensatz steht, wohl lauschen sie mit Andacht dem erhabenen Wort von dem Kindlein in der Krippe, aber eine besondere Anziehungskraft üben auch zwei Lieder aus, welche alljährlich in der Christmette gesungen werden. Das erste, ein von den Kindern der Oberklasse vorgetragenes Recitativ, welches die Festgeschichte zum Inhalt hat und in dem Lobgesang der Engel ausklingt, wurde wohl durch den noch heute hochverehrten Conrektor Rieman eingeführt, und wird seit mehr als 40 Jahren gesungen. Ein großer Teil des jetzt lebenden Geschlechts hat es einst im Kindesalter mitgesungen. Jeder Ton ist bekannt, klingt im Herzen wieder und versetzt die Zuhörer in die eigene selige Kindheit zurück. Das zweite, das „Laut loben den Schöpfer die himmlischen Heere“, in welches nach der Predigt die ganze Gemeinde jubelnd einstimmt, stammt aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Man nimmt an, daß Superintendent Hahn der Dichter und ein hiesiger Lehrer der Komponist des Liedes gewesen sind. Auf lose Blätter gedruckt wurde es in das Gesangbuch eingeheftet. Leuchtenden Auges erzählen die Greise unserer Gemeinde, daß es „zu ihrer Zeit“ mit Paukenschall begleitet wurde. In Späteren Tagen sind die Pauken verstummt, nicht aber das Lied selbst, welches noch immer in eigenartiger Weise gesungen wurde. Der letzte Vers einer jeden Strophe wurde bei gedämpfter Orgelbegleitung zweistimmig von vier Knaben wiederholt. Diese standen je zwei und zwei am Eingang des Chores. Sie trugen schwarze Chorröcke, und jeder hielt in der Hand eine mit farbigen Band umwundene brennende Kerze. Nur die tüchtigsten Schüler der ersten Knabenklasse wurden zu diesen Ehrenamt berufen, und noch heute erinnern sich zahlreiche selbst in fernen Ländern wohnende Männer gern des „Lautlobens“ und der Zeit, in welcher sie es mitgesungen haben. Einer derselben, Herr Karl Reinhold in London, hat es sogar in eine Sammlung von ihm herausgegebener deutscher und englischer Weihnachtslieder aufgenommen. — Zweimal hat bereits unsere Gemeinde das Gesangbuch gewechselt, das „Laut loben“ ist noch immer geblieben. Wohl meint mancher neu in die Gemeinde eintretende Geistliche und musikkundige Lehrer, daß es schönere Weihnachtslieder gäbe als dieses. Der alte Bleicheröder aber kann sich keine Christmette ohne das Laut loben denken und wünscht, daß es noch recht lange erhalten bleiben möge.

A. Billich.