Gedenkblätter aus der Geschichte der ehemaligen freien Reichsstadt Nordhausen

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Textdaten
Autor: Theodor Eckart
Titel: Gedenkblätter aus der Geschichte der ehemaligen freien Reichsstadt Nordhausen
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Erscheinungsdatum: 1895
Verlag: Leipzig: Bernhard Franke
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Gedenkblätter


aus der Geschichte


der ehemaligen freien Reichsstadt


Nordhausen


von


Theodor Eckart.




Leipzig.


Verlag von Bernhard Franke.



Inhaltsverzeichnis

Vorwort[Bearbeiten]

 Aus dem literarischen Nachlaß meines am 9. März 1893 verstorbenen teuren Vaters biete ich hier die Ausarbeitungen, die derselbe über die Geschichte seiner Vaterstadt Nordhausen schon vor Jahren gemacht hat. Obwohl der Verstorbene stets mit großer Liebe seines Geburtsortes gedacht, ihn häufig besucht und sich des mächtigen Aufblühens gefreut hat, so ließ die Bearbeitung und Herausgabe größerer theologischer und historischer Werke ihn nicht dazu kommen, die vorliegende Schrift zu veröffentlichen.

 Was der Verfasser hier als Gedenkblätter und Marksteine aus der Geschichte Nordhausens heraushebt, ist wohl wert, dem größeren Publikum bekannt zu werden. Die älteren Bearbeitungen der Geschichte der Stadt sind längst selten geworden und, wo sie zu finden, dem Laien weniger verständlich, als die hier gegebenen Mitteilungen.

 Mag man auch hier und da größere Ausführlichkeit verlangen — wir wollen diese Liebesgabe des Verewigten dankbar hinnehmen. Er hat hier sowie auf anderen Gebieten sein Lebenlang mit regem Geiste und feinem praktischen Verständnis unermüdlich geforscht und in seinen zahlreichen Schriften die Resultate seines Forschens dargeboten. Er wird nicht vergessen werden, da er so in seinen Werken weiterlebt. Möge auch seine Vaterstadt ihm ein dankbares Andenken bewahren!

Nörten in Hannover.
Rudolf Eckart,
Inspektor der Waisenanstalt.

Der Slaven Art und Weise. Mission.[Bearbeiten]

 Die Slaven waren gleich den Deutschen stark und kräftig, wohnten in Dörfern und Städten (Gards) zusammen, verstanden wollene Zeuge zu weben, liebten den Ackerbau, trugen lange Kleider, hatten aber für Freiheit und Wissenschaft keinen Sinn. Sie besaßen die Kunst, Metalle zu schmelzen, handelten mit den Erzeugnissen des Landes, waren mild und gastfreundlich im Frieden, wild und grausam im Kriege. Sie verehrten ihre Götzen in Bildsäulen und brachten ihnen Tiere und Gefangene zum Opfer.

 Der erste christliche Missionar, welcher in Thüringen das Evangelium predigte, war der Irländer Kilian, welcher mit den Seinigen von des Herzogs Gotzbert Frau, Geilana, ermordet wurde. Diesem folgte Willibrod. Dem eifrigen Bonifacius gelang es aber erst, wirkliche christliche Gemeinden in Thüringen zu begründen, und seine Kreuze stehen noch, wo er das Evangelium gepredigt. Über einem solchen Bonifaciuskreuze gründete der deutsche Kaiser Otto I. den Nordhäuser Dom, genannt zum heiligen Kreuze, und um ihn her scharten sich Nordhausens Urbewohner, dem sich dann die übrigen christlichen Gemeinden nach und nach anschlossen.

Merwigs-Linde.[Bearbeiten]

Schnell ist verweht der Heldenruhm,
Trophäen sind kein Heiligtum;
Ein Fürstenherz voll Menschlichkeit
Sieht feiernd noch die Ewigkeit.


 So singt Heidenreich bei Betrachtung dieses alten Baumes in Erinnerung an den alten thüringischen König Merwig. Die gewöhnliche Volkssage hierüber ist folgende: Der thüringische König Merwig soll der Sohn eines Schuhmachers gewesen sein, den das Volk zum Könige erhob. Dieser Fürst war stets seiner niedern Abkunft eingedenk und schämte sich niemals derselben. In der damaligen Zeit pflegte man das Maifest, welches 1834 aufs neue gestiftet und gefeiert wurde, auf dem Geiersberge mit dem größten Glanze, woran Jung und Alt, Arm und Reich, teilnahmen, zu feiern. Der König feierte stets mit seinen Unterthanen, und da der Platz den Sonnenstrahlen stark ausgesetzt, und die Teilnehmer des Festes, ungeachtet der Maienhütten, viel davon leiden mußten, so pflanzte der König in eigner Person diese Linde. Lange wurde diese Feierlichkeit noch von den Schuhmachergesellen gefeiert, bis es endlich 1736 vom Rate aus unbekannten Gründen aufgehoben, 1834 aber wieder erneuert wurde.

 Wahrscheinlicher aber ist der Ursprung dieses Festes und somit auch der Merwigslinde auf andere Weise entstanden. Im 12. Jahrhundert siedelten sich Holländer, die zur Austrocknung der Sümpfe und Moräste des Riedlandes in der güldenen Aue berufen waren, in der Stadt an und brachten dieses Fest, das noch in den sogenannten Rosenhütten der Mädchen am Johannistage, fortbesteht, aus dem Vaterlande mit. Man pflegte in Holland Bäume beim Maienfeste mit Devisen, Bändern und Flaggen zu zieren. Diesen Gebrauch der eingewanderten Holländer nahmen auch die Nordhäuser zum Teil an; sie pflanzten Bäume, umziert mit Bändern und Flaggen und feierten dieses Fest unter den rauschendsten Vergnügungen. Aus dieser Quelle ist wahrscheinlich auch die Entstehung der Merwig'schen Linde zu suchen, indem man vielleicht einstmals diese mit einer Devise, dem Könige Merwig zu Ehren, schmückte und pflanzte und ihr in der Folge den Namen beilegte, den sie heute noch trägt.


 Bis zum Jahre 1743 war der Geiersberg außer der Merwig'schen Linde von allen Bäumen entblößt; im genannten Jahre aber wurde er auf Befehl des Senats mit Bäumen bepflanzt und hierdurch zu einem angenehmen Lusthölzchen umgewandelt, das von Jahr zu Jahr sich verschönert und den Bürgern angenehme Spaziergänge darbietet.

 Im Jahre 1523 wurde Friedrich Teichgräber erlaubt, hier Eisenstein zu suchen.

 Ein früher im Töpferthore befindlicher Stein mit dem Stadtwappen aus dem 14. Jahrhundert ist jetzt am Rathause eingemauert und trägt folgende Inschrift: Anno dni . CCCC . X . Theodosius 29 nobilissim9. hispan9. romanori, omperator * Anno . imperii . sui . quarto . hanc . urbem . fundavit - libertatibus . armisque . imperialibus . ditavit . hilf . got . maria . berat. Neben diesem Steine, an dem jetzt abgetragenen alten Zwinger, einer der stärksten Befestigungen der Stadt gegen Norden, befand sich in einer Nische ein altes Schnitzwerk „die Kreuztragung Christi“ mit einem Bilde auf Holz im Hintergründe, welches die Stadt Jerusalem vorstellte. Beides ist wohl im Rathause aufbewahrt.

Thüringen in alter Zeit.[Bearbeiten]

 Fast in der Mitte unseres deutschen Vaterlandes liegt das gesegnete Thüringen, eigentümlich in seinen Bewohnern und deren Sitten, Charakter und Gebräuchen. Ein altes Manuskript giebt im 4. Jahrhundert die Grenzen folgendermaßen an: gegen Mittag bis an den Main, gegen Morgen bis an die Saale und Pleiße, gegen Abend bis in die Nähe des Rheines und gegen Mitternacht bis über den Harzwald hinaus. Zu der Zeit des heiligen Bonifacius bezeichnete man mit dem Namen Thüringen alles Land, das zwischen der Werra und der Saale, zwischen dem Thüringerwalde und dem Harze liegt, und diese Bestimmung gilt auch jetzt noch. — Das Land wurde auch in Gaue eingeteilt, wie das ganze deutsche Vaterland. Thüringen ward eingeteilt in einen Nord- und Südthüringergau, deren ersterer sich von dem linken Ufer der Unstrut mitternachtwärts über den Harzwald bis in die Gegend unterhalb Magdeburg erstreckte und sich rechter Hand an die Saale und Elbe, linker Hand aber an die Flüsse Bode, Aller und Ocker anlehnte und eine Menge kleinerer Gaue in sich schloß. Der Südthüringergau umfaßte alles Land auf dem rechten Ufer der Unstrut mittagwärts, zwischen der Saale und Werra bis über den Thüringerwald. Ein besonderer Gau war auch der Helmgau, welcher von Wallhausen bis Nordhausen sich erstreckte und an der Helme lag.

 In Thüringen giebt es eine Menge Orte, welche die Sage in die frühesten Jahrhunderte hinaufrückt, und die das Alter der geschriebenen Urkunden weit übersteigen. Zu diesen ältesten bewohnten Orten gehören: Nordhausen, Eisenach, Tilleda, Wallhausen, Allstedt, Merseburg, Scheidingen, Bibra, Beichlingen, Sachsenburg, Mücheln und die meisten Orte der sogenannten goldenen Aue und der Pflege im Süden des Finngebirges. Diese Gegenden sind es besonders, in welchem die ersten Anfänge der Kultur in dem Thüringerlande gesucht werden müssen.

 Thüringen als Königreich bestand schon vor 431 und ging im Kampfe mit den Franken 531 unter. Darauf fiel es unter die Herrschaft der Franken, später wurde es eine Landgrafschaft unter eigenen Landgrafen. Dann nahmen es die Kurfürsten von Sachsen zum größten Teil in Besitz und im Frieden zu Wien 1815 kam es an Preußen. Der größte Teil davon bildet einen Teil der preußischen Provinz Sachsen.

Nordhausen und Umgegend.[Bearbeiten]

 Nordhausen, die alte, weitbekannte ehemalige freie Reichsstadt, liegt am südlichen Fuße des Harzgebirges in einer wahrhaft romantischen Gegend. Im Norden wird das Umschau haltende Auge von dem stolzen Harzgebirge begrenzt; im Süden umlagert die schöne Hainleite die Gegend, im Osten erhebt sich der Kyffhäuser mit seinem auch von hier zu sehenden Kaiser Friedrichturme, und im Westen erblickt man das Ohmgebirge am Eichsfelde und die Porta Eichsfeldika. Herrliche Fluren und Wiesen, durchströmt von der schönen Helme und Salza und von der dicht an der Stadt vorbeifließenden wilden Zorge und vielen andern kleinen Bächen, wechseln in den schönsten Partien ab. Einen großen Teil der „goldenen Aue“ kann man von hier aus übersehen; überall ragen die Kirchtürme freundlich gelegener Dörfer aus schattigen Bäumen hervor bis hinunter nach Kelbra. Steht man aber auf dem Geiersberge, so sieht man den stolzen Rabensberg, welcher den im Vordergründe in malerischen Schattierungen dahin gelagerten Kohnstein majestätisch überragt, unter dessen Abdachung sich das Dorf Salza am gleichnamigen Flusse ausbreitet.

 Nordhausen hat jetzt 26 847 Einwohner und ist, im Verhältnis seiner Größe, eine der lebhaftesten und verkehrreichsten Städte. Sie zerfällt in die Ober-, Unter- und Neustadt und das Altendorf. Die Neustadt und das Altendorf lagen früher außerhalb der Ringmauer. Von der alten Mauer ist in neuerer Zeit nur noch so viel stehen geblieben, als wegen der steilen Lage mancher Straßen und Häuserreihen unumgänglich nötig ist. Die Stadt liegt 500 Fuß über der Meeresfläche, weshalb auch die Wasserbrunnen ziemlich tief sind und das Flußwasser aus dem Stadtgraben durch Pumpwerke in die Ober- und Unterstadt geleitet wird.

 Die Straßen der Stadt sind nicht nach dem Lineal gebaut, aber deshalb gefallen sie auch besser, als die langweiligen Straßen großer Städte. Die alten Häuser verschwinden immer mehr und machen neueren und geschmackvolleren Platz; sowie auch sämtliche Straßen gepflastert sind. Sämtliche Straßen müssen wöchentlich zweimal gereinigt werden. Das meiste Leben und Treiben herrscht auf dem Sande, in der Neustadt, dem Rumbach, in der Rautenstraße, auf dem Steinwege, dem Kornmarkte, im Töpfern, vor dem Barfüßern, im Altendorfe; die übrigen Straßen sind, je nach ihrer Entfernung von den genannten, stiller. Der lebhafteste Verkehr findet an den drei Wochenmärkten Dienstags, Donnerstags und Sonnabends statt.

 Die Stadt hat sechs Thore, nämlich 1) das Töpferthor, führt nach Magdeburg, Berlin, Leipzig, Halle; 2) das Altenthor, führt nach dem Harz und den braunschweigischen Ländern; 3) das Grimmelthor, nach den hannöverschen Ländern; 4) das Siechenthor, nach Hessen und dem Rheine; 5) das Sundhäuserthor, nach den schwarzburgischen Ländern und Süddeutschland; 6) das Bielenthor, nach Halle und Leipzig.

 Rings um die Stadt führen Fahrstraßen und Fußwege, an beiden Seiten mit Bäumen bepflanzt, mehrere derselben sind zu herrlichen Promenaden umgewandelt. Fast um die ganze Stadt herum liegen die Gärten der Bürger, und man hat einen wirklichen Genuß, wenn man im Frühling öfter diese Wege um die Stadt passiert. Aus dem Töpferthore über den Friedrich Wilhelmsplatz und die neuen englischen Anlagen führt der Weg nach dem sogenannten Gehege oder dem Kirschberge, einem köstlichen Wäldchen, dessen Bäume sich ganz dicht an die Stadt herandrängen. Den höchsten Punkt dieses Lusthölzchens ziert die weit und breit bekannte Merwigslinde. Nicht weit davon ist das sogenannte Schöpfmännchen, das die Wasser der Oberkunst bis auf den Petersberg befördert.

 Schön geebnete Wege führen unter den herrlichen Bäumen nach dem Hauptplatze des Geheges, wo Bude an Bude sich reiht, wo man Erfrischungen bekommen kann, und vor denen sich an schönen Abenden die Bewohner der Stadt sammeln, um der Unterhaltungsmusik auf dem schön gebauten Orchester zuzuhören oder die Zeit in traulicher Unterhaltung zuzubringen. Bis zum Jahre 1743 war der Kirschberg entblößt von allen Bäumen.

 Nordhausen hat sechs evangelische und eine katholische Kirche und ist in sechs Gemeindebezirke eingeteilt, welche unter einem Superintendenten stehen; die katholische Gemeinde gehört in den Sprengel des Bischofs von Paderborn. Die sechs evangelischen Kirchen sind:

  1. ) Die St. Nikolai- oder Marktkirche, ist die Hauptkirche der Stadt, an welcher ein Superintendent oder auch ein Oberprediger steht.
  2. ) Die Kirche St. Blasii, mit einer Hausmannswohnung auf dem Turme.
  3. ) Die Kirche St. Petri, mit dem höchsten Turme der Stadt, auf welchem eine Hausmannswohnung und die Normaluhr der Stadt sich befindet.
  4. ) Die St. Jakobi- oder Neustädterkirche, einfach aber geschmackvoll gebaut, die jüngste von allen.
  5. ) Die Kirche Beatae Mariae Virginis in monte oder Frauenberger Kirche, die einzige Kreuzkirche Nordhausens.
  6. ) Die Kirche Beatae Mariae Virginis in Valle oder Altendorfer Kirche.

 Die katholische oder Domkirche St. Crucis, deren Gemeindeglieder in der ganzen Stadt zerstreut wohnen, hat zwei Geistliche.

 Die kleine Kirche St. Cyriaci im Siechenhofe hat ihren eigenen Geistlichen oder wird von einem der anderen Stadtprediger verwaltet.

 Die jüdische Synagoge, vor dem Hagen, ist hübsch gebaut und liegt ganz angenehm und ihrem Zweck entsprechend.

 Von den Kirchhöfen hat der Spendekirchhof den ersten Rang. Er liegt an der Stadtmauer und diente den Gemeinden zu St. Blasii und St. Nikolai zum Begräbnisplatze. Auf demselben stand früher die Barfüßer- oder Spendekirche. In der letzten Zeit ihres Bestehens wurden nur noch die Leichenpredigten in derselben gehalten. Ein Leineweber, Namens Wolf, hatte unter der Emporkirche seinen Webestuhl aufgeschlagen und lebte mit seiner Familie an dem unheimlichen Aufenthaltsorte, bis ihn die Baufälligkeit des Gebäudes zwang, dasselbe zu verlassen. Die alten Grabsteine und Monumente zeigen manches Schöne und Beachtenswerte. An der Stadtmauer befindet sich das Filtersche Erbbegräbnis mit einem Saale darüber, worin eine Reihe Bildnisse dieser Familie sich befindet. Der St. Jakobikirchhof befindet sich vor dem Siechenthore und ist mit einer Mauer von Quadersteinen eingefaßt. Derselbe ist von zwei Vermächtnissen zu je 500 Thlr. angekauft und eingerichtet. Es ist ein freundlicher Begräbnisplatz, für dessen Verschönerung und Instandhaltung viel gethan wird. Der Gottesacker der Frauenberger Gemeinde ist vor dem Bielenthore neu angelegt und eingerichtet. Die Kirchhöfe der Petri- und Mendorfer Gemeinde werden jetzt noch benutzt; ebenso der der Gemeinde des Doms. Die Juden haben ihren Begräbnisplatz vor dem Töpferthore. In neuester Zeit besitzt die Stadt einen Centralfriedhof..

 Schulen hat die Stadt folgende:

  1. ) Das königliche Gymnasium.
  2. ) Das königliche Realgymnasium vor dem Töpferthore, 1841 erbaut.
  3. ) Die städtische höhere Töchterschule auf dem Pferdemarkte.
  4. ) Die städtische Mittelschule vor dem Töpferthore, 1841 erbaut.
  5. ) Die städtische Volksschule für unbemittelte Bürgerkinder beiderlei Geschlechts.

 Außerdem haben Handwerkerlehrlinge noch Gelegenheit, sich in der Sonntagsschule weiter auszubilden in etwa versäumten Kenntnissen.

 Ein städtisches Altertumsmuseum wurde 1875 begründet.

{idt2|25}}An öffentlichen Gebäuden sind außer den genannten noch zu bemerken: das Rathaus mit der hölzernen Statue des Roland; das Riesenhaus mit der Statue eines Riesen; das Waisenhaus; der Siechenhof; das Hauptsteueramt; das Stadtgefängnis, „Lorenzens Lust“ im Volksmunde genannt; das königliche Lazarett vor dem Bielenthore; das Schützenhaus mit den Schießgräben, worin das jährliche Freischießen abgehalten wird; das Theater im Berliner Hofe, welches neu restauriert ist und manchen Kunstgenuß seinen Besuchern verschafft; die städtische Gasanstalt vor dem Siechenthore; sowie eine ziemliche Anzahl Gasthäuser, darunter die vorzüglichsten: der Römische Kaiser, der Berliner Hof, der Lorbeerbaum, der Dresdener Hof; die Post.

 Nordhausen, obgleich es seiner Einwohnerzahl nach nur eine Stadt dritten Ranges genannt werden kann, verdient doch dadurch, daß es in weiten Umkreisen der Hauptmarkt für den Getreidehandel ist, eine Stadt zweiten Ranges genannt zu werden. Man kann annehmen, daß zehn Meilen im Umkreise sich alle Orte mit ihren Getreidepreisen nach denen Nordhausens richten. Der Getreidehandel ist fast täglich, Sonn- und Festtage ausgenommen, überaus lebhaft und wird die Frucht, so viel auch kommt, schnell und sicher abgesetzt. Das meiste Korn wird, außer zu Brot, zu Branntwein und zu Bier verbraucht. Der Nordhäuser Kornbranntwein ist weit bekannt. Der Bierbrauereien sind eine ziemliche Anzahl. Mit ihnen hängt zum großen Teil die bedeutende Viehmästung, besonders der Schweine, zusammen. — Da die Ökonomen und Bauern, welche ihre Früchte hier verkaufen, auch ihre Bedürfnisse hier nehmen, so sind Handel und Gewerbe dadurch im blühenden Zustande. Färbereien, Schlächtereien, Lederfabriken, Möbelmagazine, Tabak- und Cigarren-, Cichorien- und Rübenzucker-, Futter-, Kattun-, Leim-, Tapeten- und andere Fabriken beschäftigen Tausende der Einwohner. Sechs Buchhandlungen, mehrere Leihbibliotheken, Buchdruckereien, Lithographische Anstalten, Buchbindereien, Photographische Anstalten, Maler, Bildhauer versorgen die Bewohner mit allen Bedürfnissen des Geistes. Die an dem Mühlgraben liegenden großen Wassermühlen sind unausgesetzt thätig, das nötige Brotmehl und das Schrot für Brennereien und Brauereien zu liefern. Der Material-, Tuch- und andern Handlungen sind eine große Menge. Eine große Anzahl Fuhrleute bringen und führen Waren aus. Der auswärtige Verkehr hat sich aber noch bedeutend gehoben durch die Eisenbahnen, welche von Nordhausen nach Kassel, Leipzig, Erfurt führen.

 Nordhausen hat zwei Jahrmärkte, im Frühjahr und Herbst, welche acht Tage dauern, aber von geringer Bedeutung sind, da man alle Waren zu jeder Zeit in der Stadt bekommen kann. Bedeutender sind die beiden Viehmärkte. Der Platz zum Verkauf des Getreides, der Feld- und Gartenfrüchte und sonstiger aus der Landwirtschaft gewonnener Produkte befindet sich auf dem Kornmarkte; der Schweinemarkt ist auf dem Königshofe; die Töpferwaren lagern „hinter den Predigern“; die Kramwaren aber werden in Buden auf dem Steinwege verkauft; der Schuhmarkt ist auf dem Pferdemarkte.

 An Vereinen bestehen folgende:

  1. ) Der Missionsverein, ein Hülfsverein für die Berliner Gesellschaft zur Ausbreitung des Evangeliums unter den Heiden, gestiftet 1846 vom Pastor Abel.
  2. ) Der landwirtschaftliche Verein in der goldenen Aue, welcher seine Sitzungen in seinem Vereinslokale vor dem Sundhäuser Thore hat.
  3. ) Der Bürger-Rettungs-Verein, welcher bei Feuersgefahr thätig ist, und wozu alle Bürger verpflichtet sind.
  4. ) Der Handwerkerverein, zur Besprechung und Feststellung der Interessen des Handwerks.
  5. ) Der Leichenbestattungsverein, eine sehr nützliche Einrichtung, wodurch für geringe Kosten die Leichen auf eine anständige Weise beerdigt werden.
  6. ) Mehrere Gesangvereine, darunter der älteste der Männergesangverein „Concordia.“
  7. ) Der Gesellenbildungsverein, für junge Leute aus dem Handwerkerstande zur Anregung wissenschaftlicher Ausbildung.
  8. ) Mehrere Begräbnis- und Sterbekassenvereine, deren Mitglieder einen wöchentlichen Beitrag zahlen und bei ihrem Tode eine festgestellte Summe Geldes ausgezahlt erhalten, eine höchst wohlthätige Einrichtung für unbemittelte Einwohner.
  9. ) Der Frauenverein, zur Bekleidung armer Kinder mit Kleidungsstücken, besonders zur Konfirmation.
  10. ) Die Freimaurer, welche ihre Zusammenkünfte in der Loge „zur gekrönten Unschuld“ beim Dom halten.

 Die einzelnen Gewerke haben ihre Herbergen in einzelnen Gasthäusern der Stadt, welche man an den ausgehängten Emblemen und Schildern derselben leicht erkennen kann.

 In neuester Zeit hat, wie überall, so auch hier, das Vereinswesen in dem Maße überhand genommen, daß die Aufzählung aller Vereine ermüden würde.

 Der früher scharf ausgeprägte Charakter der Bewohner Nordhausens hat sich in neuerer Zeit sehr verändert, und wird sich noch immer mehr ändern durch die so sehr erleichterte Kommunikation mit Städten und Gegenden, welche gesehen zu haben in früheren Zeiten schon für etwas Besonderes galt; teils auch durch das fortwährende Zuströmen vieler Fremder, sowie durch die Niederlassung vieler Auswärtiger. Dessen ungeachtet haben sich aber noch viele Eigentümlichkeiten in Charakter, Lebensweise und Sitten, als gemeinsames Gepräge, erhalten.

 Der ächte Nordhäuser hat eine besondere Vorliebe für seine Vaterstadt, ist offenherzig, wohlthätig, gastfrei und gesellig, hat jedoch auch sein Geschäft, welches ihm besonders am Herzen liegen muß, stets im Auge. Daß unter diesen Umständen auch die Sprache sich verändert hat, versteht sich von selbst. Man hört den früheren breiten thüringer Dialekt weniger als sonst, und es läßt sich erwarten, daß er, wie in andern Städten, nach und nach immer mehr verschwindet. Der gemütliche Sinn der Nordhäuser sucht, wie ein Bürger der Stadt es ausgesprochen, dem Leben die beste Seite abzugewinnen.[1] Dahin zielen denn auch die Volksfeste, deren hier einige erwähnt werden sollen.

 Wenn nach des Winters Stürmen die warme Frühlingssonne wieder neues Leben in Wald und Flur bringt, im lieblichen Maimonat, dann feiern Nordhausens Bürger draußen im Gehege „das Maifest.“ Alt und Jung nimmt daran teil. Man lagert sich in fröhlichen Kreisen im frischen Rasen unter den Gebüschen und Bäumen und trauliche Gespräche wechseln mit Musik und Gesang bis zum späten Heimzug die sinkende Sonne und der aufgegangene Mond mahnt, wo man dann überall auf den Wegen fröhlichen Gesellschaften begegnet, die in Gottes freier Natur einmal des Tages Last und Mühe in trauter Fröhlichkeit zu vergessen suchten.

 Zur Zeit der Sommersonnenwende, wenn die köstlich duftende Rose in voller Blüte sich entfaltet, feiern die Jugend und die Alten mit ihnen „den Rosentopf.“ Haus bei Haus findet man in und außer dem Hause Rosenhütten von Birkenbüschen, Laubguirlanden und Rosenkränzen und mit einer prächtig gekleideten Puppe in dem schönsten Kranze. In den Hütten spielen die Mädchen, die Knaben aber schießen mit Armbrüsten nach einem hölzernen Vogel, und der, welcher die Krone des Vogels abschießt, ist König und giebt den anderen einen Schmauß, der dann in den Rosenhütten verzehrt wird, nachdem der König erst mit Trommelbegleitung hernmgeführt ist. Dieses Rosenfest wird am Johannistage, den 24. Juni, gefeiert und ist wohl alten Ursprungs.

 Das Schützenfest, welches alljährlich im Sommer gefeiert wird, rührt wohl, wie in den meisten Städten, noch von den Waffenübungen der Bürger aus den Zeiten Kaiser Heinrichs I. her. Damals waren diese Waffenübungen nötig, da die Bürger meist auf eigene Verteidigung ihrer Stadt bedacht sein mußten, jetzt sind sie nur noch zum Vergnügen, sowohl das Scheiben- als Vogelschießen. Das Scheibenschießen dauert fünf Tage, vom Montag bis Freitag. Auf dem Schützenplatze sind Buden errichtet mit allerlei Erfrischungen, und Alt und Jung nimmt an diesem Vergnügen Anteil und freut sich, wenn die kleinen Geschütze abgefeuert werden, das Musikchor lustig aufspielt und ein Feuerwerk mit Illumination des Schützenhauses den letzten Tag des Festes beschließt.

 Der 10. November, Luthers Geburtstag, wird sonderbarer Weise hier mehr als anderwärts als Volksfest gefeiert. Die Veranlassung dazu hat eine alte Volkssage gegeben. Doktor Luther soll mit einem Schuhmachermeister von Sondershausen, wo Markt abgehalten war, nach Nordhausen gereist sein und bei dem Schuhmacher geherbergt haben. Der Meister hatte gut verkauft und die Frau Meisterin hatte einen Gänsebraten zum Abendbrote aufgetragen, wozu der Meister nun noch inbetracht seines guten Verdienstes aber auch besonders wegen seines werten Gastes eine Flasche Wein zum besten gab. Als nun der Doktor erwähnte, daß heute gerade sein Geburtstag sei, da leerte man jubelnd ein Glas auf das Wohl des großen Reformators, der mit herzlichem Danke von seinem werten Gastfreunde schied. Seitdem wird sein Geburtstag alljährlich gefeiert. Schon am Tage vorher wird die sogenannte Martinsgans geschlachtet und die bemalten Lichter gekauft, worauf das Bild Luthers, zur großen Freude der Kinder, deren jedes ein Licht bekommt; überhaupt so viel Familienglieder, so viel Lichter. Nachmittags versammeln sich die Gewerke mit ihren Fahnen auf dem Markte und singen unter Posaunenbegleitung das Lied: Eine feste Burg ist unser Gott, welches auch am Abend zwischen 5 und 6 Uhr vom Petrikirchturme geblasen wird. In dieser Stunde wird auch mit allen Glocken geläutet und eine Festmahlzeit gehalten, es wird die Martinsgans verzehrt, bei Hellem Lichterschein. Doch ist dieses Volksfest jetzt sehr materiell geworden, man denkt nur ans Essen und vergißt des Mannes, dem zu Ehren man feiert.

 Möchte doch auch das seit dem Jahre 1846 am 300 jährigen Todestage Luthers gestiftete und alljährlich wiederkehrende Missionsfest im eigentlichen Sinne immer mehr ein Volksfest werden, wie es in Westfalen und an andern Orten schon geworden ist. Der so sehr verweltlichte Sinn der meisten Menschen ist aber nicht dafür gestimmt und nimmt wenig daran Teil.

 Für den Besucher der Stadt, sowie für den Nordhäuser selbst, der es liebt, nicht bloß in den engen Mauern der Stadt zu verweilen, giebt es manchen angenehmen Spaziergang in der nächsten Umgebung derselben. Geht man durch das Gehege, durch die Wolfsgasse nördlich, so gelangt man in Wilde's Hölzchen, in welchem der Wartturm steht, von dessen Gallerie man eine schöne Rundsicht genießt. Aus Wilde's Hölzchen gelangt man nach dem Kühberge, hinter welchem der Gesundbrunnen liegt, eine frische, köstliche Quelle. Von hier aus zieht sich ein schöner Weg nach Rüdigersdorf, welches dicht an hohe Kalkberge gelehnt, eine überaus romantische Lage hat. Hier ist die sogenannte „Hohensteinische Schweiz,“ deren zunächst höchst gelegener Berg, der Glockenstein, mehrere Höhlen enthält.

 Vom Altendorfe aus führt eine schöne Allee nach dem Dorfe Crimderode, auf dessen Feldmark sich mehrere Alabasterarten befinden. Dabei befindet sich der Bettelmannsgraben, auf einer Wiese zwei Erdfälle, die am 21. April 1710 entstanden sind. Auch die Goldschmiedshöhle, in welcher sich im 30 jährigen Kriege ein Goldschmied aufhielt, ist hier. Nicht weit vom Dorfe liegt der Johannisberg, auf welchem eine Kapelle stand, die im Bauernkriege zerstört ist, von der man noch die Grundmauern sieht. Ihre Glocken befinden sich in Sachswerfen. Vom Johannisberge hat man nicht weit nach Nieder-Sachswerfen, welches an dem Mühlenberge, einer schroffen Felswand von blendendem Gips, gelegen ist, aus welchem früher viele Kunstgegenstände gefertigt wurden. In diesem Dorfe ist Laurenz Rhodomann, welcher 1616 als Professor der Geschichte in Wittenberg starb, geboren. Der „Zoll“, ein geschmackvolles Gasthaus, vom Grafen Josef von Stolberg erbaut, gewährt eine gute Aufnahme und aus seinen Zimmern eine köstliche Aussicht. Von hier aus hat man es nicht weit nach dem Kohnstein, bei dem Dorfe Salza, eine Stunde von Nordhausen. Bei Salza besucht man die Hauptquelle der Salza, das „grundlose Loch“, und auf dem Kohnsteine die Schnabelsburg. Von Salza führt ein interessanter Weg nach dem Dorfe Herreden, bei welchem auf einer kahlen Höhe die Seelöcher liegen, zwei trichterförmige Erdfälle in der Tiefe mit Wasser, deren oberer Umkreis 160 Ruten, der des Wasserrandes 112 Ruten und deren Waffertiefe 36 Ellen beträgt. Früher befand sich auf dem großen Seeloche eine schwimmende Insel, welche vom Blitz entzwei geschlagen wurde, wovon aber nichts mehr zu sehen ist. Die Sage erzählt davon: In alten Zeiten war an der Stelle des Sees eine Grasweide. Da hüteten etliche Pferdejungen ihr Vieh. Einer unter ihnen aß Weißbrot, welches die andern ihm abforderten. Er wollte aber nicht. Darüber wurden sie zornig, fluchten ihren Herren, daß sie ihnen nur Schwarzbrot gegeben, warfen ihr Brot zur Erde und schlugen es mit der Peitsche. Alsbald kam Blut heraus. Da erschracken sie. Der Unschuldige floh von ihnen. Die Buben aber wurden samt ihren Pferden in die Tiefe verschlagen. Seitdem wachsen aus dem See Pflanzen mit Blättern wie Hufeisen, die ganz den Lotosblumen gleichen.

Das Turnier zu Nordhausen. 1265.[Bearbeiten]

 Begünstigt durch die deutschen Könige, die ihr viele Rechte und Privilegien gaben, erhob sich die kaiserliche Freie Reichsstadt Nordhausen und gewann an Macht und Ansehen, sowie sich die Wohlfahrt ihrer Bürger mehrte. War sie nun schon in frühern Zeiten der Ort wichtiger Versammlungen gewesen, so wurde sie jetzt nicht minder durch ein glänzendes Ritterspiel geehrt.

 Im Jahre 1265 hielt hier nämlich der edle Markgraf von Meißen, Heinrich der Erlauchte, Landgraf von Thüringen, eines der prächtigsten und glänzendsten Turniere ab, die je gefeiert wurden.

 Der jetzige Hammerrasen vor dem Bielenthore, damals eine freie Fläche, wurde in einen großen Garten umgewandelt. Am Ende der Rennbahn war ein Baum aufgestellt, der die Preise der Sieger, nämlich goldene und silberne Blätter, trug. So oft nun zwei Ritter auf ihren mutigen Pferden und in ihrer vollen Rüstung mit ihren Lanzen gegen einander rannten, und der eine seine Lanze auf des Gegners Brust brach, ohne daß sie beide wankten, so bekam er ein silbernes Blatt; warf er aber seinen Gegner aus dem Sattel, so erhielt er ein goldenes als Siegespreis aus den Händen des hierzu bestimmten edlen Ritterfräuleins. Acht Tage lang währten die Kampfspiele der Ritter, auch zur Belustigung der Nordhäuser, von denen täglich eine Menge Zuschauer den Spielen zusahen. Mit züchtigem Tanz und andern Festlichkeiten wurde das Fest beschlossen.

Ablaß. Wohlfeile Zeit. Siechenhof.[Bearbeiten]

 Da, wo früher der Begräbnisplatz der Gemeinden St. Blasii und St. Nikolai war, stehen noch die Mauern eines alten Kirchleins, das den Namen Barfüßer- oder Spendekirche führte. Diese Kirche gehörte zu dem daselbst stehenden Franziskaner- oder Barfüßerkloster. Davon tragen noch der Spendekirchhof und die Barfüßerstraße ihre Namen. Es sind davon nur wenige Nachrichten vorhanden. In dem Zeiträume von 1255 bis 1511 werden mehrere Guardiane oder Vorsteher erwähnt, von denen der erste Otto, der letzte Caspar Schmidt hieß. Wovon sie den Namen Spendekirche hat, soll später erwähnt werden. Diese Kirche war lange Zeit ein Ort gläubiger Wallfahrt für die Vergebung ihrer Sünden suchenden Christen. Denn im Jahre 1279 hatte ihr der Bischof Wurgo von Meißen einen Ablaß erteilt für diejenigen, welche ihr Kirchweihfest besuchten. Da kam mancher mit Sünden Beladene und zog im Frieden wieder heim und hinterließ reiches Geschenk dem Kloster.

 Soll sich die Wohlfahrt des Bürgerstandes erhalten, so ist ein durchschnittlicher Mittelpreis der Lebensmittel für ihn das wohlthuendste. Traurig und auf die Verhältnisse des Mittelstandes verderblich einwirkend sind daher teure als auch wohlfeile Jahre. Freilich ist Teuerung eine der schrecklichsten menschlichen Plagen, doch lernt man darin den Wert der Gaben Gottes erst schätzen und dem himmlischen Geber dankbar sein auch für Weniges. Überfluß macht gar leicht das Herz übermütig und unempfänglich für Gottes Güte. Beides aber schickt uns Gott, um uns zur Buße zu leiten.

 Fassen wir bei dieser Gelegenheit einmal die teuren und wohlfeilen Jahre, die Nordhausen hatte, zusammen. Aus einer Nachricht vom Jahre 1621, als dem teuersten, sehen wir den Preis folgender Artikel ausgezeichnet: 1 Fuder Holz 8-9 Thlr., 1 Schffl. Weizen 6 Thlr., 1 Schffl. Roggen 5 Thlr., 1 Schffl. Gerste 3-4 Thlr., 1 Schffl. Hafer 2 Thlr., 1 Schffl. Erbsen 4 Thlr., 1 Schffl. Rübsamen 6 Thlr., 1 gemästeter Ochse 100 Thlr., 1 gemästete Kuh 40-45 Thlr., 1 Kalb 10 Thlr., 1 Faß Bier 26 Thlr., 1 Pfd. Brot 4 Ggr., 1 Pfd. Schweinefleisch 16 Ggr., 1 Pfd. Lichter 16 Ggr., 1 Pfd. Speck 16 Ggr., 1 Pfd. Holländer Käse 16 Ggr., 1 Pfd. Butter 16 Ggr., 1 Paar Schuhe 4 Thlr.

 Diese schreckliche Teuerung rührte lediglich von dem damaligen schlechten Gelde her, wo die sogenannten Schreckenberger, Plätzer oder Prahler durchgängig im Umlaufe waren. Sie erhielten diese Spottnamen deswegen, weil sie vom Anfänge 4lötig, dann 3, 2½lötig ausgeprägt wurden.

 Auch in den Jahren 1805 und 1806 wurde der Weizen mit 7 bis 8 Thlr., der Roggen mit 5 bis 6 Thlr. pro Scheffel bezahlt und ebenso im Verhältnis die übrigen Früchte; dabei fehlte es aber weder an Früchten noch am Gelde, und jedes Gewerbe fand reichliche Nahrung. Mit dem Vordringen der Franzosen im Oktober 1806 fielen die hohen Preise gänzlich, indem der mit England bis dahin getriebene Fruchthandel bei dem Ausbruche des Krieges plötzlich stockte, da Napoleon die sogenannte Kontinentalsperre eingeführt hatte. In neuerer Zeit war die größte Teuerung im Jahre 1847, wo der Scheffel Roggen 6 Thlr., der Weizen 8 Thlr., die Gerste 4 Thlr. kostete.

 Ebenso traurig als zu teure, sind zu wohlfeile Fruchtpreise, und dieser traurigen Jahre hat Nordhausen mehrere gehabt. 1280 kostete der Schffl. Roggen 1 Ggr. 10 Pfg., 1 Huhn 2 Pfg. Im Jahre 1416 kostete hier 1 Pfd. Hammelfleisch 2 Pfg., 1 Pfd. Rindfleisch 4 Pfg., 1 Pfd. Schweinefleisch 4 Pfg., 1 Pfd. Kalbfleisch 2 Pfg. Im Jahre 1497 konnte man hier 1 Acker Land für 2 Thlr. kaufen; 1521 kostete 1 Huhn 1 Schreckenberger. Ferner gleich wohlfeil war es in den Jahren 1549, 1562, 1618, 1657, 1685. Das wohlfeilste Jahr war 1849, wo der Scheffel Roggen nur 24 Sgr. kostete

 Im Jahre 1281 wurde der Siechenhof von einem Herrn von Werther gestiftet zur Aufnahme armer Kranker, die darinnen gepflegt wurden. Später fanden Kranke und Arme darinnen Schutz und Obdach. In den Kriegsjahren und Zeiten der Garnisonen von 1812—20 diente er als Lazarett. Durch diesen Gebrauch aber zerfiel das Gebäude sehr und ein Hauptbau war nötig, der auch von dem Magistrate unternommen wurde. Der Siechenhof besteht jetzt aus dem Versorgungshause für alte, schwache Leute, aus einem Arbeitshause für arbeitslose oder auch arbeitsscheue Einwohner und einem Krankenhause. Die dabei befindliche Kirche St. Cyriaci lag lange Zeit als Ruine, ist aber in den vierziger Jahren dieses Jahrhunderts mit Benutzung der noch stehenden Mauern wieder recht freundlich und geschmackvoll aufgebaut und dient den Bewohnern des Siechenhofs als Gotteshaus, weshalb auch ein besonderer Prediger angestellt ist. An der alten Mauer dieser Kirche waren Kreuze, auf einem derselben war ein Pfaffe mit dem Kelche in der Hand ausgehauen. Diese sollen bezeichnet haben, daß einst, in den katholischen Zeiten, ein furchtbarer Wolkenbruch unvermutet gefallen sei, die Kirche umgerissen, sechs eben Kommunicierende aber, nebst dem Meßpriester mit fortgespült haben, sodaß sie ihren Tod in den Wellen gefunden hätten. Früher wurden hier drei sogenannte Flurpredigten gehalten, namentlich am dritten Ostertag, am dritten Pfingsttag und nach der Ernte. Diese wurden anfänglich außerhalb des Siechenhofs, in der Folge aber innerhalb desselben gehalten, haben aber längst wegen Mangels an Teilnahme aufgehört.

Bürgerunruhen. 1324.[Bearbeiten]

 In jedem Freistaate herrscht eine ewige Reibung der Aristokraten und Demokraten; nichts wird dem regierenden Senate vorgeschlagen, wobei sich nicht Parteien fänden. Deshalb sind monarchische Regierungen den beiden vorher angegebenen gewiß vorzuziehen, wo nicht ein jeder unwissende Schreier sich Ansehen und Ruhm erwerben kann, sondern wo bloß Geschicklichkeit, innere Kraft und Würde gilt; wo nicht jeder Revolutionssüchtige seiner Willkür ungestraft freien Lauf lassen kann, sondern wo Gesetze und Veränderungen der Prüfung einsichtsvoller Männer unterworfen werden. Welcher Freistaat hat nicht eine oder mehrere Revolutionen erfahren?

 Es war in der Karwoche im Jahre 1324, als der erste bedeutende Bürgeraufruhr entstand. Unter dem Bürgermeister Thiele rotteten sich die unzufriedenen Bürger zusammen, unter Anführung des Ratsherrn Heinrich von Wechsungen, dem sie anhingen. Die Häuser des Bürgermeisters Conrad Thiele und vierzig Ratsherren wurden erstürmt, zerstört und geplündert. Thiele mußte mit seinen Anhängern die Stadt verlassen. Kaiser Ludwig V. befahl, sich der Obrigkeit zu unterwerfen, die Vertriebenen wieder aufzunehmen und in ihre alten Würden wieder einzusetzen, auch die Ruhe und Ordnung wieder herzustellen; aber sie gehorchten nicht. Der Pöbel wurde nur noch wütender. Sie überfielen die Geistlichen des Stifts St. Crucis, welche die Sache vermitteln wollten, mißhandelten und verjagten sie aus der Stadt, zündeten ihre Häuser an und erschlugen die Juden, die in der Stadt wohnten. Matthias, Erzbischof von Mainz, citierte die Rädelsführer, unter Androhung des Bannes, vor seinen Richterstuhl. Die Bürger kehrten sich wenig an die Drohungen des Erzbischofs, sie plünderten und brannten vielmehr alle Stiftshäuser ab; die Folge davon war, daß der Bannfluch wirklich über die Bürgerschaft ausgesprochen wurde. Da nun die Kirchen den Aufrührern geschlossen wurden, erbauten sie, der Kaiser, Könige und Fürsten schrecklichem Spruche zum Trutz, eine Kirche und nannten sie St. Georgii (das Gebäude, welches früher die Nummer 22 führte), in der einige den Aufrührern zugethane Geistliche, unter andern Magister Meinhardt zu St. Nikolai, predigten. Da nun alle vorgeschlagenen Vergleiche, Anträge, alle Mittel, die Ruhe wieder herzustellen, umsonst waren, so verbot Dietrich, Graf von Hohnstein, seinen Unterthanen alle Gemeinschaft mit den Rebellen. Hierdurch gerieten die Bürger in drückende Not, denn durch die Unterthanen des Grafen waren sie bis jetzt mit Früchten und Holz versehen worden. Aber auch diese Maßregel brachte die Wütenden noch nicht zur Ordnung. Nun zog endlich der Erzbischof selbst vor die Stadt, brannte die Mühle ab, und hielt alle Zugänge eng besetzt, bis 1326, wo endlich durch Vermittelung der Domherren Seiffart von Halle und Hermann von Bebra ein Vergleich zustande kam. Der Bann wurde aufgehoben, die Rädelsführer wurden bestraft, die Stadt mußte dem Erzbischof 600 Mark Silber auszahlen und die Bürger mußten am St. Jakobstage die Geistlichen mit Kreuzen und Fahnen am Thore empfangen, von da nach dem Rathause und sodann nach dem Dome begleiten.

Der 14. April 1329.[Bearbeiten]

 Kaiser Ludwig der Baier hatte seine Tochter Mathilde dem Markgrafen von Meißen und Landgrafen von Thüringen, Friedrich dem Ernsthaften, im Jahre 1329 vermählt. Als Mitgift hatte er demselben eine Anweisung auf die beiden Reichsstädte Mühlhausen und Nordhausen gegeben. Als nun aber die Nordhäuser eine solche ihren Rechten und Freiheiten zuwiderlaufende Anweisung nicht anerkennen wollten, brauchte Friedrich Gewalt und belagerte die Stadt, konnte sie aber nicht einnehmen und verbrannte aus Rache das Altendorf, welches außerhalb der Ringmauer lag, und zog wieder ab. Es blieben aber seine Bundesgenossen, die Leute des Herzogs von Braunschweig, vor der Stadt liegen und diesen gelang es, in der Nacht am Freitag vor Palmarum (14. April 1329), das Altenthor zu erbrechen. Schon drang das braunschweigische Kriegsvolk die Barfüßerstraße hinauf, unter dem beständigen Geschrei: Hernach Honstein! Hernach Honstein! und war bis gegen den Blasius-Kirchhof gekommen. Da warfen sich die Bürger und ihre Söldner, hier, wo vier Straßen zusammenstoßen, von vorn und von beiden Seiten herzuströmend, auf den Feind, und es gelang ihnen nach hartem Kampfe, die Eingedrungenen zurückzutreiben und die Stadt zu retten. Der Sieg wurde besonders dadurch entschieden, daß man von den Dächern der Häuser kochende Maische, welche man zur Hand hatte, indem daselbst eben Bier gebraut wurde, auf die Feinde herabgoß, auch wohl Ziegeln und Steine auf sie herabwarf. Dies thaten besonders die Frauen und Jungfrauen und erwarben sich dadurch große Ehre. Viele Feinde wurden erschlagen und in den auf jenem Platze befindlichen Frankenborn gestürzt, der seitdem verschüttet ist.

 Von den Siegern fielen, mutig kämpfend, der tapfere Anführer Hauptmann Alwig, ferner Berthold von Tütcherode, Werner Lutterot und andere wackere Männer. Zwanzig von den Verrätern, welche den Feind in die Stadt geführt haben sollten, wurden ergriffen und vierzehn derselben hingerichtet und auf die Räder geflochten.

 Das Andenken an diesen Sieg sollte unter andern ein Denkstein erhalten, welcher dreißig Jahre nachher aufgestellt wurde. Im Jahre 1360 vollendete man den Bau eines neuen Rathauses. Auf einem großen Steine, den man in die Mauer desselben setzte, wurde in einer Inschrift dieses Jahr nebst den Namen der Baumeister ausgedrückt, und da der Stein noch Raum genug darbot, so wurden einige Zeilen über jene Rettung der Stadt hinzugefügt. Der Stein ist beim Abbruche jenes Rathauses erhalten und in die Mauer des jetzigen Rathauses auf der Nordseite desselben wieder eingefügt worden. Die Inschrift lautet aber:

Post . M . Post . Tria . CCC . L .
Simul . X . Domus . Ecce . Pulcra.
Fenestrata . Rectangula . Stat . Statis.
alta . Structa et completa Domus.
Cum Capella his sub structoribus.
Hermanno de Werthre, Stiffrido
Kremer et Ludewico Burner.
Post M, post Tria CCC - post bis
X, junge novemque Prae Palmis
feria sexta Festo Tiburti
et Valeriani Intrarant postes
urbis tunc istius hostes; Victrix
Nordhusa sed celitus est ope fusa.

 Der Inhalt dieser Schrift ist: Im Jahre 1360 stand dieses schöne, mit Fenstern versehene, rechtwinkliche Haus von ansehnlicher Höhe. Das Haus nebst der Kapelle wurde vollendet unter den Bauherren Hermann von Werther, Siegfried Krämer und Ludwig Börner. Im Jahre 1329, am Freitage vor Palmen, am Tage der heiligen Tiburtius und Valerianus, drangen in die Thore der Stadt die Feinde derselben; doch Nordhausen siegte mit göttlicher Hülfe.

 Ein lebendigeres Andenken an jenen Sieg und die damals für die Vaterstadt Gefallenen gewährten die Stiftungen, welche der fromme Sinn unserer Väter dem Geiste der Zeit gemäß gründete. Bald nach dem Ereignisse stifteten die Angehörigen der Gebliebenen und der Rat selbst in verschiedenen Kirchen tägliche Seelenmessen und feierliche Jahrbegängnisse. Über einige reiche Stiftungen dieser Art sind noch mehrere Urkunden vorhanden. Doch bedeutender als diese Seelenmessen und Jahrbegängnisse und das bedeutendste Denkmal des rettenden Sieges, war die um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts gestiftete Spende, welche jährlich am Freitage vor Palmen, nach einer sehr feierlichen kirchlichen Prozession, Messe und Gedächtnispredigt, ausgeteilt wurde. Die nordhäusischen Statuten enthalten über diese Spende einen eigenen Artikel. In einem Originalexemplar der Statuten, welches um das Jahr 1360 geschrieben ist, lautet derselbe:

Di rat sal alle iar spende an deme vritage uor palmen, alse got dosse stat zto Northusen zeichentliche irnerte welch rat daz lezet da vorluset ichslich ratman sines geldes eine mark an di stat. - Anno domini MCCCXX Nono. In die beatorum tyburti et valeriani tunc sexta feria ante dominicam palmarum accidit predictus hostilis inuasionis casus. - Zo volleist dosser spende het Syfried erwizmel eine ewige halbe mark geldes gekouft. Di sal man vin dem rathus alle iar da zu gebe.

 Friedrich von Bendeleben hat im Jahre 1401 eine ewige nordhäusische Mark dazu gekauft zum Tröste seiner Seele und der Seelen aller seiner Vorfahren und Freunde. Spätere auch den Statuten einverleibte Entscheidungen geben ausführliche Vorschriften für das bei dieser Spende zu beobachtende Verfahren. Die von eigenen Spendeherren verwalteten Güter und Einkünfte der Anstalt wurden immer bedeutender. Wie ansehnlich die Spende im Anfänge des 16. Jahrhunderts war, geht schon aus der Menge des Brotes und der Heringe hervor, welche, außer dem baren Gelde, an die Welt- und Ordensgeistlichen, an die Kirchen- und Schuldiener, an die städtischen Diener und an die Armen und Teilnehmer an der Prozession verteilt wurden. Im Jahre 1527 wurde ausgeteilt Brot von 44 Marktscheffeln (= 528 Scheffeln) Weizen und 16 Tonnen Heringe. Jedes Spendebrot wog damals 3 Pfd. 1520 gab man 36 Marktscheffel Weizen und 10 Tonnen Heringe; 1521 wieder 40 Marktscheffel und 12 Tonnen Heringe, und es blieb viel übrig; 1522 ebensoviel, und es reichte nicht zu, weshalb man 3 Pfennige statt eines Brotes gab. 1526 und 1528 unterblieb Prozession und Austeilung. 1529 gab man 40 Marktscheffel Weizen und 10 Tonnen Heringe, aber die Prozession unterblieb von nun an. 1532 gab man 40 Marktscheffel Weizen und 15 Tonnen Heringe, und es blieben 7 Schock Brote übrig. 1541 wog 1 Spendebrot 1 Pfd. Die Spende dauerte bis in das 17. Jahrhundert, ist aber mit der alten reichsstädtischen Herrlichkeit längst untergegangen.

Neue Empörung. Kampf mit den Grafen von Hohnstein. Vertrag mit demselben 1363.[Bearbeiten]

 Mit der vorhergehenden Erzählung steht auch folgende Nachricht in Verbindung. Um jene Zeit wurde auch bekannt, wer der Anstifter des Tumultes vor fünf Jahren gewesen war (1324). Darüber entstand eine neue Empörung. Die Empörer belagerten das feste Rautenthor, hieben es auf und drangen bis auf den Königshof, wo sie viel Mutwillen trieben. Man schrie, die Stadt sei verraten, und die Bürger griffen zu den Waffen. Es war am 15. Juli 1329, als man der Aufrührer Herr wurde. Viele wurden deshalb gefangen und einige derselben gehängt, andere geköpft, andere gerädert. Die Zwietracht unter den Bürgern wurde dadurch aber größer, als sie je gewesen war, zumal die aus der Stadt Vertriebenen mit Hülfe benachbarter Ritter und Edlen, namentlich der Grafen von Hohnstein, von Stolberg und von Beichlingen mit Gewalt wieder eindringen wollten, wodurch eine Menge Kämpfe und Fehden entstanden, die durchaus nicht förderlich für die allgemeine Wohlfahrt der Stadt waren.

 An den mächtigen Grafen von Hohnstein hatten die Nordhäuser, nachdem der edle Geist diese Familie verlassen hatte, stets arge Plager, die ihnen alles, was sie nur rauben konnten, Wegnahmen. Um dies jedoch ein wenig müheloser zu haben, erbaute Ulrich von Hohnstein auf dem Kohnsteine bei Salza eine Burg, die Schnabelsburg genannt, in die er starke Besatzung legte. Eine Warte derselben lag auf dem noch jetzt sogenannten Schnabel, das Hauptteil der Burg stand jedoch an der Stelle, die noch heute oft von Nordhausen aus besucht wird, und zu welcher man gelangt, wenn man am Kuxloche vorüber zu der steil abfallenden Ecke des Berges gelangt, von welcher man eine herrliche Aussicht auf Sachswerfen, Hohnstein, die Harzberge u. s. w. hat. Von den auf beiden Ecken belegenen Türmen konnten die Hohnsteiner alles gewahren, was an Vieh und Gütern auf der mitternächtlichen Seite der Stadt entweder von Nordhausen nach dem Harze oder von diesem nach der Stadt zog. Kein Reisender war mehr sicher, aufgegriffen und nach der Schnabelsburg gebracht zu werden, von wo aus er mit schwerem Gelde sich wieder lösen mußte, wollte er wieder in Freiheit gelangen. Die Nordhäuser bauten zwar auf einer Spitze des wilden Hölzchens (Wilde's Hölzchen, denn ein Licentiat Wilde war 1598 Besitzer desselben) einen Wartturm, um die Braunschweiger Straße besser überwachen zu können; indessen ehe sie den Bedrängten zu Hülfe kamen, waren dieselben schon im Gewahrsam der Hohnsteiner. Um nun diesem Übel abzuhelfen, beschloß der Senat, die Schnabelsburg dem Grafen abzukaufen, und lud ihn in dieser Absicht in die Stadt. Der Graf erschien auch wirklich und wurde gut empfangen. Im Riesenhause wurde der Kaufvertrag (1363) abgeschlossen. Während der Graf eine Mahlzeit einnahm, schickte der Rat zugleich auch Bürger ab, die die Schnabelsburg abbrannten und bis auf den Grund zerstörten, so daß kaum noch die Grundmauern stehen blieben.

 Die Grafen von Hohnstein hatten geglaubt, die Bürger hintergehen zu können, waren deshalb über die Zerstörung der Burg im höchsten Grade aufgebracht und suchten nun die Stadt auf alle Weise zu quälen und zu befehden; aber der damalige Stadthauptmann Andreas Butler leistete kräftigen Widerstand und verbrannte nicht nur viele Dörfer in der Gegend des Hohnsteins, sondern nahm ihnen auch vieles Vieh weg.

Sieg gegen den Grafen von Stolberg 1374. Belagerung der Burg Hohnstein. Treulosigkeit der Braunschweiger.[Bearbeiten]

 Während der vielen Kämpfe sah sich der Rat der Unterstadt, der bisher unabhängig vom Rate der Oberstadt geurteilt hatte, genötigt, wegen des schlechten Zustandes ihrer Mauern und wegen des Unvermögens, sie allein wieder auszubessern, mit dem Rate der Oberstadt sich zu verbinden, welches auch 1364 bis 1365 zu Stande kam. Zum Andenken an diese Begebenheit wurde aus dem freien Platze am Ende der Neustadt- und Rautenstraße, auf einer Säule ein kupferner Adler aufgestellt, in bestem Bauche sich die Urkunden dieser Bereinigung befanden. Die Säule nebst dem Adler sind längst der allgeschäftigen Neuerungssucht gewichen, doch erinnert der Name des Platzes „vor dem Vogel“ noch immer an jene Begebenheit.

 Diese Bereinigung oder vielmehr Verbindung hatte nun allerdings die so notwendige Ausbesserung und Befestigung der Mauern der Stadt zur Folge, sowie auch 1362 der jetzige hohe Turm der Petrikirche, wie eine Inschrift an der nördlichen Seite desselben bezeugt, aus Stadtmitteln erbaut wurde, indessen waren doch auch manche Ausgaben gemacht, die nicht mit den Ansichten der Bürger übereinstimmten und worüber sie, sowie über die Verwaltung des städtischen Vermögens, vom Magistrate um Rechnungslegung baten. Dies verzögerte sich bis zum Jahre 1375 und zog einen abermaligen Aufruhr nach sich.

 Ehe aber derselbe zum Ausbruch kam, zog ein Kampf mit dem Grafen Hermann von Stolberg die Bürger aus ihren Mauern. Graf Hermann hatte nämlich von der Erichsburg herab alle Vorüberziehenden auf die unverschämteste Weise geplündert. Deshalb zogen die Nordhäuser vor die Erichsburg 1374, belagerten, eroberten sie und nahmen den Grafen nebst zwanzig seiner Spießgesellen gefangen. Sie köpften den Grafen und die mit ihm verbündeten Ritter, die übrigen hingen sie an die nächsten Bäume; das Raubnest selbst aber wurde zerstört.

 Darauf zogen sie vor die Burg Hohnstein, um sie zu zerstören. Da stand aber in der Nähe Herzog Otto von Braunschweig mit einem wohlgerüsteten Heere. Die Nordhäuser schickten Abgesandte zu ihm mit der Frage: wie er sich während der Fehde verhalten wolle. Otto versprach ihnen heiligen Frieden und daß er sie in ihrem Unternehmen ungehindert lassen wolle. Die Nordhäuser trauten also dem herzoglichen Worte und fingen ruhig die Belagerung an. Er aber hatte ein Bündnis mit dem Hohnsteiner geschlossen. Als nun die Nordhäuser die Burg stürmten, überfiel er treulos ihr Lager und nahm die ganze Besatzung des Lagers nebst den andern Zurückgebliebenen gefangen, für welche die Stadt in der Folge 800 Mark Silber als Lösegeld bezahlen mußte. Die übrigen nordhäusischen Truppen sahen sich jetzt genötigt, unverrichteter Sache nach Nordhausen zurückzukehren. — Die Kämpfe mit den raubsüchtigen Nachbarn scheinen sich später mehr gelegt zu haben, wenigstens kommen nur unbedeutende Sachen vor, dagegen wächst das Ansehen der Stadt durch den Schutz und die fortwährende Bestätigung ihrer alten Privilegien, Freiheiten und Rechte durch die deutschen Kaiser, wie die hier beigehenden Urkunden aus dem alten Stadtarchive beweisen.

Übersicht der in diesem Zeitraume gegebenen königlichen und kaiserlichen Urkunden. 1220-1368.[Bearbeiten]

1. Kaiser Friedrich II., aus dem Hause Hohenstaufen, verwandelte das Nonnenkloster in ein weltliches Mannsstift.
2. In einer zweiten Urkunde bestätigt er die Rechte der Nordhäuser Kirche und fügt noch einige Schenkungen hinzu; giebt dadurch der Nordhäuser Kirche eine neue Verfassung.
3. und 4. Kaiser Heinrich VII. wiederholt und bestätigt beide Urkunden seines Vaters und giebt in einer fernern Urkunde dem Stifte zum heiligen Kreuz das Patronat über die Pfarrei St. Blasii. Im Jahre 1234.
5. Heinrich VII. befiehlt dem Schultheißen und den Bürgern, dafür zu sorgen, daß die dem Stifte und dem Kloster Neuwerk entzogenen Güter zurückgegeben werden. 30. Juni 1234.
6. Friedrich II. nimmt das Kloster Neuwerk in seinen Schutz, bestätigt eine Schenkung des Vogt Rupert, schenkt selbst drei Hofstätten und ermächtigt das Kloster, Reichsgüter zu erwerben. 1237.
7. König Wilhelm bestätigt die Privilegien der Stadt. 1253.
8. Kaiser Rudolf erklärt seine Versöhnung, wegen des in den Wirren der kaiserlosen, schrecklichen Zeit zerstörten Reichsschlosses zu Nordhausen. 1290.
9. 10. 11. 12. Die Kaiser: Rudolf (1290), Adolf (1293), Albrecht (1306) und Ludwig (1323) bestätigen die Privilegien der Stadt.
13. Letzterer befreit Nordhausen von der geistlichen Gerichtsbarkeit in nichtgeistlichen Sachen (1323); erklärt sich wegen seiner Forderungen an die Stadt für befriedigt, behält sich aber die Juden als Kammerknechte vor (14.); und ermächtigt die Nordhäuser, die widerspenstigen Geistlichen nicht länger zu hegen (15.) 1331.
16. Kaiser Ludwig bestätigt den Vertrag über die Heimsteuer, welche Nordhausen seinem Schwiegersohn Friedrich von Meißen zahlen soll. 1333.
17. Kaiser Ludwig ladet die Nordhäuser vor das Gericht der Grafen von Hohnstein wegen versagter Leistungen und besonders wegen der Geldhülfe der Juden, 1336; spricht aber die Stadt los von allen Forderungen an dieselben. (18.) 1337.
19. Kaiser Karl IV. bestätigt und erweitert 1349 die Privilegien der Stadt; setzt (21.) den Rat als Bevollmächtigten und Schiedsrichter mit dem Rate von Erfurt in dem Streite zwischen Mühlhausen und den Grafen von Hohnstein 1354; erklärt (22.), daß die Stadt sich vom Markgrafen Friedrich von Meißen freigekauft; daß dieselbe nicht wieder vom Reiche versetzt und also auch die Verpfändung an die Erben des Grafen Günther von Schwarzburg ungültig sei, 1354; (23.) erteilt und bestätigt mehrere Privilegien. Wegen nicht geleisteter Hülfe beim Römerzuge und gegen die aufrührerischen Lombardenstädte, that Kaiser Karl IV. die Stadt in die Acht; hebt dieselbe aber (25.) wieder auf, doch sollen die Bürger 2 500 kleine Goldgulden Entschädigung zahlen. 1358 und 1368 bei einem abermaligen Römerzuge (26.) und (27.).
28. Kaiser Karl I V. befiehlt die Aufhebung einiger neuer Zölle, womit einige Herren in Thüringen die Nordhäuser beschweren, 1368; verbietet das Brauen und die Märkte eine Meile um die Stadt, 1368 (29.); bestätigt den Bürgern den Kauf des Kohnsteins von Friedrich von Ober-Salza, erlaubt ihnen überhaupt Reichslehen drei Meilen um die Stadt zu kaufen und ihre Stadt zu erweitern (30.) und (31.) 1368.

Bau des Dominikanerklosters auf dem Königshofe 1387. Die Pest 1398. Ilfelder Hof, Vertrag von 1398.[Bearbeiten]

 In der katholischen Zeit waren mehrere Klöster in der Stadt, sowohl Mönchs- als Nonnenklöster. Im Jahre 1387 wurde auf der Stelle, wo einst das Gymnasium stand, ein Dominikaner- oder Predigermönchkloster erbaut. Davon hat noch die Predigerstraße ihren Namen. Als der Bauernkrieg ausgebrochen, wurde der letzte Prior dieses Klosters mit den sämtlichen Mönchen Vertrieben. Da nun das Gebäude leer war, indem die Mönche sich weigerten wieder einzuziehen, so trat der Rat, welcher das Gebäude wegen seiner trefflichen Lage zu einer Schule und die Einkünfte des Klosters zur Besoldung der Lehrer zu gewinnen wünschte, mit dem Prior Johannes Lüder, welcher zuerst Prediger zu Großenfurra, dann zu Windehausen geworden war, in Unterhandlung, und dieser übergab es auch endlich dem Rate, der sofort eine Schule darin anlegte und einen gewissen Neander aus Zwickau zum Rektor ernannte. Der große Brand von 1710 zerstörte auch dieses Gebäude, sowie sämtliche Lehrerwohnungen; es ward aber auf Kosten des Magistrats 1711 wieder aufgebaut. Die Herren Direktoren Poppe, Lenz (1802), Sparr (1808), Straß, Kraft (1820), Schirlitz (1827), Schmidt (1868), Rothmaler (1872) und Grosch (1875) haben die Schule immer mehr gehoben, so daß sie bis heute sich des besten Rufes erfreut.

 Die Pest wütete in Nordhausen sehr oft im 13., 14., 15. und 16. Jahrhundert, besonders aber in den Jahren: 1393, 1398, 1438, 1463, 1500, 1550, 1565, 1682. Die vielen Waldungen und Sümpfe in der Umgegend mochten wohl damals dazu beitragen, daß die Pest so oft wütete und ganze Gegenden und Städte heimgesucht wurden. Vom Jahre 1550 fangen erst die Totenverzeichnisse an, und aus denselben ergiebt sich, daß hier 2 500 Menschen starben. Im Jahre 1565 wütete sie durch ganz Thüringen und raffte überall Tausende auf Tausende hinweg, und viele thüringische Städte, am meisten die volkreiche Stadt Erfurt, verödeten unter den Schlägen dieser lebenzerstörenden Geißel. Man hatte nicht Arme, nicht Gräber genug, die Toten zu bestatten. 253 000 Menschen starben an dieser Plage; im Jahre 1682 starben hier 3 509 Menschen.

 Das Ende dieses Jahrhunderts in der Geschichte der Stadt beschließt der im Jahre 1398 zwischen dem Rate der Stadt einerseits und dem Stifte Ilfeld andererseits abgeschlossene Vertrag wegen des sogenannten Jlfelder Hofes, der zur Einnahme und Aufbewahrung der dem Stifte Ilfeld aus Nordhausen und den bei der Stadt gelegenen, diesem Kloster Zinspflichtigen, diente und worin die Stadt dieses Haus dem Stifte abtrat. —

Bauten im 14. Jahrhundert. Beilegung des Streites um den Walkenrieder Hof 1496.[Bearbeiten]

 Die Geschichte der Stadt im 14. Jahrhundert weist mehr auf friedliche Unternehmungen hin, obwohl es im Reiche und in der Kirche eben nicht sehr ruhig zuging, indem im Reiche drei Könige, sowie in der Kirche drei Päpste auf einmal regierten und die Hussitenkriege viel Unheil herbeiführten. Der Wohlstand und Reichtum der Stadt nahm durch Handel und Gewerbe zu; der umliegende Adel wurde mehr und mehr durch das Gesetz gezügelt, da nun im Reiche eine bessere Gerichtsverfassung entstand. Außerdem trug die Erfindung des Schießpulvers viel dazu bei, daß derselbe mit den Städten in Freundschaft leben mußte. Auch thaten die Erfindung der Buchdruckerkunst und die neubelebten Wissenschaften zur Verfeinerung der rohen Sitte das ihre. In den Städten hielten die Zünfte und Gilden die Handwerker in fester Vereinigung. Die Bürger liebten geselliges Beisammensein; sie hatten ihre eigenen Trinkstuben, Ratskeller. Zur Erbauung eines Ratskellers schenkte hier der Bürger Heinrich Schwelngrebel 1447 sein Haus dem Rate der Stadt. Dieser erste Ratskeller verbrannte in dem großen Brande 1710, wurde aber wieder hergestellt. Er liegt dem Rathause gegenüber.

 Weit wichtiger ist die Erbauung des Hospitals St. Martini zur Aufnahme und Verpflegung kranker und altersschwacher Leute. Dieses wurde von zwei reichen Patriziern, den Brüdern Johann und Simon Segemund, gestiftet, indem sie das Wichtigste zur Erhaltung desselben beitrugen. In einem Saale dieses Gebäudes fand man ein Gemälde, welches in zwei Fächer abgeteilt war, im ersten Fache St. Martin zu Pferde mit seinem Degen ein Stück von seinem Mantel abschneidend und einem Armen reichend, veranschaulicht. Im zweiten Fache steht eine lateinische Inschrift mit dem Wappen, einem verschlossenen Helme. Bereits im Jahre 1313 muß auf dieser Stelle schon eine Kirche gestanden haben, wie aus den daselbst aufgefundenen Grabsteinen hervorgeht. Die beiden nachstehenden Inschriften sind wahrscheinlich zum Gedächtnis der in den bezeichnten Jahren verstorbenen Gründer des Hospitals.

Anno Domini 1404
die Agathae obiit
Johannes Segemund.

Anno Domini
MCCCXXII. d. XII.
Martii obiit
Simon Segemund.

 Zu diesem Hospital gehörte auch die St. Martinikirche, welche durch die Franzosen zerstört worden ist und damals als Magazin (1807—15) benutzt wurde. In dieser Kirche, die an der Stelle stand, wo jetzt zwei geschmackvolle Häuser dicht an der Brücke stehen, befand sich eine Inschrift des Inhalts, daß im Jahre 1480 dies Hospital neu erbaut worden ist. Nähere Urkunden darüber sollen im Knopfe des Seigerthorturmes, welcher aber in neuerer Zeit abgetragen ist, sich befinden. Diese Stiftung hatte bis zur französischen Usurpation ihren ungestörten Fortgang; da aber von Napoleon alle Anstalten genötigt wurden, ihr Vermögen durch die unaufhörlichen Anleihen sehr zu verringern, so verlor auch diese bedeutende Summen und geriet ins Stocken. Jetzt ist sie mit dem Siechenhofe verbunden. Der größte Teil der Wohnungen wird an arme Leute vermietet.

 Neben dem Waisenhause liegt der sogenannte Walkenrieder Kollektur- hof. Dieses Haus erkaufte im Jahre 1293 der Abt Hermann vom Kloster Walkenried von dem Bürger Gasthaus mit Genehmigung des Rates, dem er zuvor versichern mußte, den Rechten der Stadt nicht nahe treten zu wollen, was derselbe auch heilig versprach. Der Abt ließ eine Wohnung für sich und ein großes Kornmagazin Herstellen zur Aufbewahrung der Zinsfrüchte, welche viele Dörfer in der goldenen Aue an das Walkenrieder Kloster zahlen mußten. Der Abt Conrad !Il. verbesserte das Haus 1345, maßte sich jedoch zu viel Rechte an, sodaß zwischen ihm und dem Rate mancherlei Händel und Streitigkeiten ausbrachen, die sich bis zum Jahre 1496 hinzogen, wo man sich gegenseitig einigte. Im westfälischen Frieden eignete sich der Herzog Ludwig von Braunschweig das Kloster Walkenried zu und mit diesem auch den Walkenrieder Hof, den er in der Folge an Gotha überließ, welches denselben und das Kloster an Preußen abtrat. Durch den Friedensschluß 1815 ist Kloster Walkenried an Braunschweig gekommen, der Hof aber bei Preußen geblieben und befindet sich jetzt das Königliche Hauptsteuer-Amt darin.

 Es war im Jahre 1220, als sich auf dem danach benannten Frauenberge ein Häuflein frommer Schwestern zu einer Klostergemeinschaft vereinigten und daselbst ansiedelten und unter den Schutz und die geistliche Pflege des dicht dabei liegenden Klosters Neuwerk stellten. Dieses Kloster war eins der ältesten in Nordhausen, und die noch jetzt davon übrig gebliebene Marienkirche, St. Beatea Mariae Virginis in Monte, stand schon vor dem Jahre 1220. Im Jahre 1337 wurde sie aus dem Vermächtnis des Heinrich von Borxleben neu erbaut. Als sie später wieder in Verfall geriet, wurde sie durch Vermittlung des Probstes aus dem reichen Klosterschatze neu erbaut im Jahre 1481. Sie ist die einzige Kreuzkirche, die Nordhausen aufzuweisen hat. Sie war sehr reich, sodaß ihre halben Einkünfte ausreichten, das Cistereienser-Nonnenkloster auf dem Frauenberge zu stiften. Sämtliche Klostergebäude sind jetzt abgerissen, und der ganze Klosterhof mit Häusern bebaut, bis auf ein Gebäude, das noch jetzt den Namen „Kloster" trägt und als Versorgungshaus für alte Frauen dient. In der Frauenberger Kirche ist ein Altarbild, welches das ganze Leiden Christi darstellt. Das bedeutendste Denkmal kirchlicher Baukunst in diesem Jahrhundert ist die St. Blasiikirche mit ihren beiden in der Höhe ungleichen Türmen, deren höchsten seit 1710 ein Hausmann bewohnt, der auf die entstehenden Feuer ein wachsames Auge haben und die vorschriftsmäßigen Signale geben muß. Auf einer der vier vorhandenen Glocken stehen die Worte:

Maria Blasius Martinus bittet für uns.
Anno MCCCCLXXXIII.

Die Vesperglocke hat zwar keine Jahreszahl, aber folgende Inschrift:

Sabbatha pango † Excito lentos † funera plango †
paco cruentos † noxia frango † dissipo ventos †

 Die Kirche ist im Jahre 1490 erbaut, die Türme aber wohl schon früher.

Einführung der Reformation 1522. Bauernunruhen 1525. Bau der Ober- und Unter-Wasserkünste 1546. 1598.[Bearbeiten]

 Da es dem barmherzigen Gott gefiel, durch seinen Diener Martin Luther die bis dahin durch Menschensatzungen verdorbene Lehre vom ewigen Heil durch die deutsche Bibelübersetzung wieder zu verbessern, so fand überall im deutschen Lande und auch in unserer Stadt eine Umwandlung aller kirchlichen Verhältnisse statt. Am 31. Oktober 1517 hatte Luther seine 95 Sätze an die Schloßkirche zu Wittenberg angeschlagen und damit dem Papsttum und der ganzen katholischen Kirche einen gewaltigen Stoß versetzt. Seitdem erscholl es nach und nach durch die Kirchen und Gemeinden Nordhausens: Wir predigen Christum, den Gekreuzigten. Klosterwesen und Mönchsgerechtigkeit hatten ihr Ende erreicht. Nordhausens berühmtester Sohn, Justus Jonas, geb. am 5. Juni 1493 zu Nordhausen, wo sein Vater Bürgermeister war, Luthers Freund und Beichtvater, ja Luther selbst, zündeten mit ihrer Predigt in Nordhausen das evangelische Licht an, und auch der Bürgermeister Meienburg war ein großer Verehrer Luthers. Die Stadt wandte sich sehr bald dem reinen Evangelio zu, sodaß Luther von ihr rühmen konnte: Ich weiß keine Stadt am Harze sonst, welche sich dem Evangelio so bald unterworfen, als Nordhausen, deß wird sie vor Gott und der Welt vor andern in jenem Leben Ehre haben!

 Laurentius Süße, früher in Wittenberg Augustinermönch, später Prior im hiesigen Augustinerkloster vor dem Vogel, hielt im Jahre 1522 am Sonntag Septuagesimä in der St. Petrikirche die erste evangelische Predigt „vom Weinberge des Herrn." Ihm folgte Johann Noricus an der Neustädter St. Jakobikirche und nach und nach die meisten Geistlichen bis auf die Geistlichkeit des Stifts zum heiligen Kreuz, die bis auf den heutigen Tag bei der katholischen Lehre verblieben sind; die Domkirche ist die einzige katholische Nordhausens.

 Die Mönchs- und Nonnenkloster und ihre Güter und Besitzungen verwandte der Rat zur Verbesserung der Kirchen und Schulen und zu milden Stiftungen.

 Der durch Luthers falsch verstandene Schrift „von der christlichen Freiheit" hervorgerufene sogenannte Bauernkrieg, der zuerst im Jahre 1524 unter den Bauern in Franken ausbrach, blieb auch für Nordhausen nicht ohne Bedeutung. Die thüringischen Bauern, unter Anführung des Thomas Münzer, eines ehemaligen Predigers, zerstörten viele Klöster, Schlösser und drangen sogar in die Städte, zerstörten und plünderten alles mit vandalischer Wut und Grausamkeit. Nachdem sie mehrere Klöster und Kirchen der Umgegend, unter andern auch das nahe bei der Stadt gelegene Kloster Himmelgarten, verwüstet hatten, drangen sie auch in die Stadt Nordhausen, plünderten die alte St. Jakobikirche und zerstörten die Barfüßer-Spendekirche, in welcher bis zu dieser Zeit die feierliche Prozession und Spende für den glorreich errungenen Sieg 1329 gehalten wurde, wovon sie den Namen Spendekirche erhielt, da sie früher Barfüßerkirche hieß. Ein in der an das Barfüßerthor sich anschließenden Mauer, jetzt fast unkenntlich gewordener steinerner Kopf, welcher früher im Rautenthor eingemauert war, mit der jetzt ebenfalls unkenntlichen Jahreszahl 1525, erinnert an diese traurige Begebenheit und zugleich an das Ende des Münzer, der nebst seinen Gesellen, nach der Niederlage der Bauern im selben Jahr in Mühlhausen enthauptet wurde.

 Wichtig für die Stadt sind die in diesem Jahrhundert erbauten Künste, d. h. die hiesigen Wasserkunstanstalten, welche neun öffentliche Wasserbehälter haben, wovon die meisten mit steinernen Statuen von Meil, aus Ilfeld gebürtig, gefertigt, geziert sind und sämtliche Brauereien der Oberstadt mit dem nötigen Wasser versehen. Die Oberkunst im Altendorf ist 1546 durch Hans Laxner aus Sachswerfen angelegt und durch Peter Günther aus Halle 1598 so verbessert worden, daß das Wasser aus dem Zorgegraben bis zu dem Schöpfmännchen, 175 Fuß hoch, getrieben wird. Die Unterkunft wurde im Jahre 1598 von Günther aus Halle angelegt, deren Wasser aber nur 84 Fuß hoch, bis zum Neuwegsthor, getrieben wird. Beide Künste arbeiten noch heute, und geht das Wasser durch eiserne Röhren, zu deren Erhaltung die Bürger der Oberstadt eine geringe Beisteuer geben.

 Die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts ist voll von Religionsstreitigkeiten und Kriegen, welche nach Luthers Tode, am 18. Februar 1546, ausbrachen, und von denen der schmalkaldische mit seinem für die evangelische Kirche so unglücklichen Ausgange gewiß auch für das evangelische Nordhausen nicht ohne nachteilige Folgen war, indem es in dem dreißigjährigen Kriege durch die Kaiserlichen schwer heimgesucht wurde.

Bau des Rathauses 1609. Die Schweden in der Stadt 1647. Die Pest 1682. Zweite große Feuersbrunst 1686. Bau der Altendorfer Kirche 1697.[Bearbeiten]

 Im Jahre 1609 wurde an Stelle des alten aus Holz gebauten Rathauses das noch jetzt stehende, aus Quadersteinen neu, in ganz einfachem Stile, erbaut. Es bildet mit dem daran angebrachten Turme ein schönes Gebäude. Die feuerfesten Kammern, unten beim Durchgänge, hat sowohl der Magistrat, als auch das Königl. Land- und Stadtgericht im Gebrauche. Im unteren Geschosse befanden sich früher die Gefängnisse, jetzt sind sie vernichtet. In dem großen Brande am 23. und 24. August 1710 wurde das Gebäude zwar stark beschädigt, konnte aber am 7. Oktober schon wieder von neuem eingeweiht und benutzt werden. In demselben ist das Stadtarchiv mit den alten Urkunden der Stadt. An der südlichen Seite steht das kolossale Rolandsbild, als Zeichen uralter Freiheiten und Gerechtsame. Auf dem Haupte hat er eine Krone, in der rechten Hand das blanke Schwert, in der linken einen Schild mit dem preußischen Adler. Auf dem kupfernen Dache über dem Roland befindet sich das Wahrzeichen der Stadt, ein Pelikan, der seine Jungen aus seinem Kropfe füttert.

 Im Jahre 1612 war eine große Feuersbrunst in der Stadt. Seit dem 6. September dieses Jahres wird deshalb mit der Vesper- oder Abendglocke auf dem Petriturme jeden Abend im Winter und Sommer geläutet und zwar abends 8 Uhr, nach Bestimmung eines Vermächtnisses, welches drei Schwestern gemacht haben, deren Bildnisse man noch auf dem Turme sehen kann.

 Von den Drangsalen und Schrecken des dreißigjährigen Krieges hatte Nordhausen, wie die meisten Städte, viel zu leiden. Bald besetzten es die Kaiserlichen, bald die Schweden, bald beide zugleich. Von 1618, wo der Krieg ausbrach, bis 1649, wo noch überall die kriegführenden Truppen umher lagen, hat die Stadt mancherlei Trübsale erfahren müssen. Lesser berichtet besonders, wie der schwedische General Königsmark mit seinen Soldaten die Stadt geplündert, besonders auch die alte Jakobikirche. 1647 lag der schwedische Oberstlieutenant Kahnstein in der Stadt und quälte die Bürger so sehr, daß viele in die Wälder und namentlich nach Stolberg entflohen. Um die Nordhäuser aber noch ganz besonders zu ärgern, wollte er dem Rolandbilde die Beine durchsägen und abhauen lassen, ein Frevel, den nur die Eisenstäbe darin verhinderten. Besonders waren die Schweden auf die Katholiken erbittert, die gar keinen öffentlichen Gottesdienst mehr halten durften, sondern in der unterirdischen Gruftkirche unter dem Dom lasen die Priester Messe. Aber auch hier waren sie nicht sicher, und man kann darin noch heute vor dem Altar das in Stein gehauene Bildnis des Priesters sehen, den ein Schwede während des Gottesdienstes erschoß. Und wieviel Gräuelthaten mögen sonst noch verübt worden sein, ehe das ersehnte Friedenswort im Jahre 1648 erscholl! Unsägliches Elend hatte dieser Krieg über Deutschland gebracht; fast zwei Dritteile seiner Bewohner waren zugrunde gegangen, weniger durch Schlachten als durch Seuchen, Pest, Hungersnot, Martern und Verzweiflung. In unserer Stadt war Hungersnot und Teurung 1621, und die Pest wütete 1626 so furchtbar, daß 3 300 Menschen, darunter 9 Bürgermeister, starben. Ganze Strecken waren verwüstet, Menschen zum Handdienst und Ackerbau auch für schweres Geld nicht zu haben. Tausende von Dörfern, Flecken und Städten lagen in Schutt und Asche. Die Felder blieben unbebaut, Handel und Gewerbe stockten, Schulen und Universitäten verwilderten oder hörten ganz auf; dagegen mehrten sich die wilden Tiere und drangen bis in die Städte, wo ausgehungerte Menschen aus toten Hunden und Katzen einen Leckerbissen machten. Erlegte doch auch in unserer Stadt am 30. Dezember 1672 der Bürger Rohrmann bei der Marktkunst einen Wolf, indem er, als derselbe auf ihn losging, ihm die Flinte in den Rachen stieß.

 Im Jahre 1682[2] brach zum letzten Male hier die Pest aus; es starben mehr als der dritte Teil der Einwohner, unter ihnen der Stadtschultheiß J. H. Stender, welcher zu einem noch bestehenden Stipendiate für Studierende 1000 Gulden vermachte. Es starben in diesem Jahre 3 509 Menschen.

 Am 4. Mai 1686 verzehrte die zweite große Feuersbrunst im 17. Jahrhundert 175 Häuser, die Neustadt, Sand, Lohmarkt, Flickengasse, Weide. Das Feuer war in der Neustadt aufgekommen. Die erste Feuersbrunst, im Jahre 1613, am 23. August, entstand in dem Hause David Speisers, eines angesehenen Bürgers in der Bäckerstraße, welches, wie der Thäter später auf dem Sterbebette bekannte, angelegt war. Es brannte damals ab: die Bäcker-, Gnmperts- und Domgasse, die Engelsburg, die Kranichgasse, der Blasii-Kirchhof, die Sackgasse, ein Stück vom Pferdemarkt, ein Teil vom Hagen, die Hagen- und Töpferhagengasse, der Töpfern, die Hundgasse, der Kornmarkt, der Krämern u. s. w., sodnß der Schaden auf 13 Tonnen Goldes gerechnet wurde. Es brannten damals 239 Privathäuser ab und von öffentlichen Gebäuden: die St. Nikolaikirche, das Rathaus am Kornmarkt, das Zeughaus, welches sich in der ehemaligen St. Georgenkirche befand u. a. m. Deshalb wurde zur Erinnerung an diesen Schreckenstag auch ein allgemeiner Bußtag, der jährlich kirchlich gefeiert werden sollte, von der Obrigkeit angeordnet.

 1694 am 13. Mai starb der Scherfmüllermeister Hans Michel Essiger, welcher am 17. im Altendorfe begraben worden, da sich zugetragen, daß nachdem der tote Körper in das Grab gesenkt und schon verscharrt war, die Erde sich bewegt und ein Pochen ist gehört worden, das der Totengräber und viel umstehende Leute auf ihr Gewissen bezeugt haben, wie denn auch viele Hundert Menschen desselben Tages sind an gedachten Ort gegangen, solches zu vernehmen. Wahrscheinlich ist er nur scheintot gewesen und es ist nur zu verwundern, daß man das Grab nicht wieder geöffnet und nach der Ursache geforscht hat.

 Wie bald sich der Luxus in Essen und Kleidern wieder zeigte, davon geben mehrere Verbote der Fürsten und städtischen Obrigkeiten Zeugnis. Merkwürdig, daß der Mensch so leicht das Elend wieder vergißt! Es war bald nach dem langen Kriege wieder eine solche Hoffart zu sehen, daß manche Prediger sogar auf der Kanzel dagegen eiferten. (So Lukas Osiander zu Tübingen † 1638.) Der Rat der Stadt hatte ebenfalls Gesetze gegen nicht standesgemäße Kleidung erlassen; trotzdem aber wurde bei wachsendem Wohlstände dies Gebot überschritten. So mußte 1695, am 26. November der Weißbäckermeister Johann Christian Rosenthal vor dem Vogel († 1711 als Senator) 20 Thaler Strafe geben, weil seine Braut, Marie Elisabeth Apel, sich zur Hochzeit über ihren Stand gekleidet und einen seidenen Unterrock getragen hatte. Auch zwei Schuhmacherfrauen wurden, weil sie auf derselben Hochzeit „große Zipfel an ihrem Kopfe mit einer roten Fontange gehabt", um 10 Thaler gestraft.

 Gegen das Ende dieses Jahrhunderts fällt der Ausbau der Altendorfer Kirche, Leatae Nariae VirAium Ln Vallo, über deren Erbauung man sonst keine bestimmten Nachrichten hat. Sie steht wahrscheinlich an der Stelle, wo die erste christliche Kapelle Nordhausens, die St. Anna- kapelle, stand. Zu Anfang des 14. Jahrhunderts kamen Cistercienser Nonnen aus dem Nikolai-Kloster zu Bischoferode hierher, deren Probst am Allerheiligentage 1329 in der Kirche einen Altar, allen Aposteln gewidmet, stiftete. Die Kirche war 1577 so baufällig, daß der Gottesdienst dieser Gemeinde in der Kirche zu St. .Elisabeth gehalten werden mußte. Obgleich zwar die Kirche ausgebeffert wurde, so brach dennoch 1626 das Gewölbe zusammen, und, da die Gemeinde so klein war, wurde eine Kollekte in der Stadt zur Wiederaufbauung derselben gehalten, die auch so reichlich ausfiel, daß der Bau wieder unternommen und bereits den 24. Oktober 1697 die Einweihung derselben vollzogen wurde. Die darin befindliche Orgel gehörte früher nach St. Elisabeth und wurde 1526 hier aufgestellt. Die Kirche hat keinen Turm und die Glocken hängen daher in einem Glockenstuhle auf dem Kirchhofe.

 Über die Gründung des St. Elisabeth-Hospitals, welches zur Altendorfer Gemeinde gehört, sind die Vermutungen unwahrscheinlich. Nach einer Urkunde traten 1524 der Bürger Schwelngrebel zu Quedlinburg und Hermann Werther von hier, das erbliche Vormundschaftsrecht über diese Anstalt an den hiesigen Magistrat ab. Derselbe hat es jetzt zu Wohnungen für arme Leute benutzt und vermietet. In der Nähe dieser Anstalt ist ein Brunnen, dessen Wasser von vorzüglicher Güte ist, und dessen Quelle aus dem daranstoßenden Berge entspringt.

Ankauf des Reichsschultheißen- und Vogteiamts. Dr. Joh. Conrad Fromann. Feuersbrunst 1710 und 1712.[Bearbeiten]

 Laut eines Vertrags verkaufte Preußen an Nordhausen das Reichsschultheißen- und Reichsvogtei-Amt für 50 000 Thlr. Dies Amt hatte Preußen von Sachsen 1697 erkauft und an Nordhausen abgetreten. 1703, am 7. Februar, zwischen 1 und 2 Uhr des Nachts besetzten preußische Truppen unter Oberst Tettau die Stadt, um den Ansprüchen an Sachsen Nachdruck zu geben. Erst am 12. September zogen sie wieder ab.

 Am 6. April 1706 starb hier der 90 Jahre alte Bürgermeister vr. Johann Conrad Fromann. Er war hier geboren am 24. Oktober 1616 und vierzig Jahre Bürgermeister und schon vorher zehn Jahre Physikus gewesen. Von seinem Eifer und Fleiße für städtische Sachen zeugen seine handschriftlichen Sammlungen, von Gelehrsamkeit und wissenschaftlichem Sinne seine gedruckten Schriften und die reiche Bibliothek, welche er gesammelt hat. Seine Pietät sprach er aus in dem mit seiner Gattin Marie Magdalena geb. von Mühlheim aus Straßburg am 21. Juni 1682 (während der Pest) errichteten Testamente durch ein Legat von 1000 Thalern, deren Zinsen jährlich auf eine bestimmte Weise verteilt werden sollten und noch verteilt werden.

 Im Jahre 1710, als man eben in der Kirchwe war, und den wegen an demselben Tage im Jahre 1612 stattgefundenen Brandes angeordneten Brandbußtag abhielt, entstand am Steinwege die erste große Feuersbrunst im 18. Jahrhundert, welche die halbe Oberstadt zerstörte (161 Häuser und 20 öffentliche Gebäude). Unter den mit verbrannten öffentlichen Gebäuden war auch, außer dem Rathause, der Apotheke am Königshofe, dem Ratskeller, dem Gymnasium, dem Rautenthor, dem Walkenrieder Hofe, die St. Nikolai- oder Marktkirche, die Hauptkirche der Stadt, welche mit ihren beiden schönen Türmen, auf deren einem ein Turmwächter wohnte, bis auf die Mauern und das Gewölbe abbrannte. Die künstliche Turmuhr, die bei diesem Feuer mit verloren ging, verdient eine nähere Beschreibung. Auf dem Zifferblatte befand sich unter dem Zeiger eine kupferne Kugel, die das Ab- und Zunehmen des Mondes zeigte, unter derselben war ein goldener Kopf, über welchem ein goldener Apfel hing. So oft es nun schlug, so oft schnappte der Kopf nach dem Apfel, welcher jedesmal zurückfuhr. Zur rechten Seite der Kugel stand ein Engel mit einer Sanduhr, die er nach Ablauf einer Stunde umwandte. Zur linken stand ein anderer Engel mit einem Zepter, der mit diesem so oft an das Zifferblatt schlug, so vielmal die Uhr ertönte.

 Von den fünf schönen großen Glocken, welche auf den Türmen gehangen hatten, fand man in dem Brandschutte nur gegen 60 Zentner Metall wieder, aus dem man die beiden Glocken goß, welche noch heute vorhanden sind. Sie wurden, da kein Turm vorhanden war, zwischen dem Rathause und der Kirche, welcher Platz früher den Kirchhof bildete, aufgehangen und befinden sich erst seit einigen 80 Jahren wieder auf dem Vorbau der Kirche, welcher anstatt der Türme errichtet ist. An der großen Glocke stehen folgende Worte:

Als Rathaus, Kirch' und Schul' vom Feuer ward verzehrt
(anno 1720, den 23. Augusti)
Und fast die halbe Stadt verwüstet und zerstört,
So ging auch ich mit drauf und ward zu Staub gemacht,
Mit Gott und Künstlers Fleiß bin ich nun hergebracht.
Der Herr, der alles hat in seinen starken Händen,
Der wolle künftighin all' Unglück abwenden Von diesem Gotteshaus und werter Vaterstadt
Und heilen wiederum, was er geschlagen hat.

 1726 wurde der Wiederaufbau der Kirche angefangen und 1727 vollendet, sodaß ihre Einweihung den 29. September vor sich ging. Die ziemlich beschädigte und zugleich höchst altfränkische Orgel wurde durch die Kunst des Orgelbauers Deppe 1818 repariert, verstärkt und verschönert und zu einem herrlichen Werke umgewandelt. Bei dieser Gelegenheit erhielt zugleich das Chor vor derselben eine zweckmäßigere Einrichtung.

 Christian Gottlob Schröter, der Erfinder der Fortepianos, ein tüchtiger Mann, stand von 1732 bis 1782 als Organist an dieser Kirche. 1819, am 19. September wurde hier das herrliche Oratorium, Requiem von Mozart, unter Leitung des Musikdirektors Mühling mit Beifall, gegeben.

 Am 21. August 1712 war die zweite große Feuersbrunst im 18. Jahrhundert, noch bedeutender als die erste. Das Feuer kam in einer Scheune der Kranichstraße aus und betraf wieder die St. Nikolaikirche und über 20 öffentliche und 281 Bürgerhäuser der Oberstadt.

Das Waisenhaus 1717. Bau der St. Jakobikirche 1744-50. Beckers Stipendium. Gesangbuchstreit. Bergbau.[Bearbeiten]

 Bei der großen Feuersbrunst am 23. August 1710 verzehrten auch die Flammen das eigentümliche Wohnhaus des evangelischen Predigers Johann Richard Otto. In unglaublicher Schnelle brannte nicht nur das Haupt- sondern auch die Nebengebäude ab.

 Als man am folgenden Tage den Schutt der Brandstätte wegzuräumen begann, fand man in dem glühenden Schutte eine deutsche Bibel, welche der Prediger Otto, nebst andern Büchern, auf seinem Tisch stehen gehabt hatte, ganz unversehrt und nur am Schlosse waren einige unbedeutende Flammenspuren sichtbar. Durch die wunderbare Erhaltung dieser Bibel fühlte Otto sich tief ergriffen, hielt diesen Ort gleichsam von Gott selbst geheiligt und faßte den Entschluß, zur Ehre des Höchsten auf der Brandstätte ein Waisenhaus zu errichten. Am 8. März 1715 legte er dem Senate seinen Antrag vor, welcher denselben in allen Punkten genehmigte und mit thätigster Beihülfe unterstützte, sodaß im Jahre 1715 das Gebäude mit einen Türmchen versehen, beendigt wurde.

Das Waisenhaus erfreut sich bis heute des besten Gedeihens und wurde von gottliebenden Seelen mit Vermächtnissen und Legaten bedacht. Alljährlich am Brandbußtage, den 10. Sonntag nach Trinitatis, der noch jetzt gefeiert, wird jedesmal in einer Betstunde im Saale des Waisenhauses jene Bibel vorgezeigt. Sie ist in Duodez und 1698 zu Lüneburg durch Johann Stern gedruckt und verlegt, in schwarzen Corduan mit vergoldetem Schnitt gebunden, ist mit zwei Schlössern versehen und der Pastor Otto hat mit eigener Hand folgende Worte hineingeschrieben:

 „Als anno 1710, am 23. Augusti, war den Sonnabend vor Bartholomäi und Sonnabend vor dem 10. Trinitatissonntage, gegen 11 Uhr am Markte eine erschreckliche Feuersbrunst entstund und Gott dem sündlichen Nordhausen die Zerstörung Jerusalems in einem Teil der Stadt durchs Feuer predigte und solches Feuer auch mein kaum erkauftes und zwischen dem Walkenriederhofe und Steinbackhause gelegens Haus ergriffen und verzehrte. So ist die Bibel, die ich zu meinem Gebrauch in der Erkner-Stube auf einem Tische stehen hatte, in solchen Flammen, die alles verzehrten, in der Stube wunderbarer Weise erhalten und Tags darauf in der Asche und Schutt gefunden worden, bis an das oberste Schlößlein, unverletzt."

 Von Ostern bis Michaelis wird alle Sonntag nachmittags 4 Uhr im Betsaale ein Gottesdienst mit Predigt gehalten, und diese Predigt von den Pastoren der sechs evangelischen Kirchen der Reihe nach verwaltet. Für arme Bürgerkinder ist im Waisenhause eine Freischule errichtet. Für die leibliche Pflege und Erziehung der Kinder ist ein verheirateter Waisenvater angestellt.

 Am 9. April 1731 starb der Stadtschultheiß zu Bleicherode, Johann Jakob Becker, welcher das bedeutendste der noch bestehenden Stipendien für Studierende mit seinem Vermögen in Nordhausen gestiftet hat. Die Zinsen dieses und noch anderer Vermächtnisse kamen manchem armen, unbemittelten Schüler, der gern studieren möchte, zu gute und haben schon vielen Segen gestiftet.

 Ein für das kirchliche Leben und Interesse bis in die heutige Zeit verderblicher Streit entstand im Jahre 1734 wegen des kirchlichen Gesangbuchs. Das alte Nordhäuser Gesangbuch enthielt einen reichen Schatz der ältesten und alten Kernlieder der evangelischen Kirche im Urtext, ein Umstand, der wohl vielen wegen mancher veralteter Wörter anstößig war und zur Herausgabe eines neuen verbesserten den Anlaß gab. Aber auch die ganze Zeitrichtung that dazu das meiste. Der Rationalismus oder der Vernunftglaube gewann das Feld; man zog das göttlich Ewige in den Kreis menschlicher Fassungskraft; verbannte die Versöhnungslehre durch Christum ganz aus Schule und Leben, auf der Kanzel wurde trockne Moral gepredigt und die Bibel beiseite gelegt; das Bestreben, alle Lebensverhältnisse in das Gebiet der Religion hineinzuziehen, trieb so weit, daß Prediger am Gründonnerstag über den Grünkohlbau predigen konnten. War es schon so mit Gottes heiligem Worte, den alten Glaubensliedern ging es noch schlimmer. Die alten Kernlieder verachtete man und legte sie ganz beiseite, oder sie wurden nach neuerm Geschmack gänzlich, fast bis zur Unkenntlichkeit, umgearbeitet und kamen so in die neuen Gesangbücher mit einer bedeutenden größeren Zugabe der neuern Moraldichter. Damit ging denn die eigentliche Gesangbuchsnot an. Man nahm dem Volke, welches die neue Weisheit noch nicht verdauen mochte, zum Teil mit Gewalt seine alten Gesangbücher, und führte dafür die erbärmlichen erneuerten ein. Darüber entstand in den Gemeinden und unter Geistlichen und Obrigkeiten Streit, auch in unserer Stadt, der aber leider mit Beiseitestellung des guten alten und Einführung des neuen erbärmlich verstümmelten Gesangbuchs, in welchem sich laut der Überschrift nur das eine Lied von Luther: „Ein feste Burg" befindet, endete.

 Die ziemlich bergige Lage der Stadt hatte schon früher Veranlassung zum Bergbau gegeben und man hatte in der sogenannten Gumpe eine Grube angelegt, die einige Ausbeute gegeben hatte, ohne jedoch die Kosten zu decken. 1736 wurde das Bergwerk wieder ausgenommen und bis 1738 eifrig fortgebaut. Der daraus gewonnene Eisenstein lohnte aber doch nicht so, daß man damit fortfahren konnte; somit wurde der Bergbau nach wenigen Jahren gänzlich wieder aufgegeben. In neuerer Zeit befindet sich daselbst die Abdeckerei. — 1740 wurden zwei angesehene Bürger als Falschmünzer enthauptet.

 Vom Jahre 1744 bis 1750 wurde das Gotteshaus der Neustadt-Nordhausen, die Kirche St. Jacobi, neu gebaut. Früher stand schon an derselben Stelle eine alte, düstere, baufällige, vielfach gestützte, ehemals katholische Kirche, deren bereits eine alte Urkunde vom Jahre 1310 erwähnt. Sie war bereits im Jahre 1648 so baufällig, daß der regierende Rat der Stadt zu ihrer Herstellung eine Stadtkollekte ausschrieb, drei Stützpfeiler machen ließ und später wiederholt den Neubau für nötig erachtete, aber es wollten sich weder die Mittel, noch die Bauunternehmer dazu finden.

 Es war zunächst das Verdienst des damaligen Pastors Friedrich Christian Lesser, daß unter Gottes sichtlichem Beistände die Kirche gebauet wurde. Derselbe wandte sich zunächst an den Herzog Karl von Braunschweig und erhielt von diesem die Erlaubnis aus den Ruinen des Klosters Walkenried 5 000 Kubikfuß Steine zum Bau der Kirche abfahren zu lassen. Die Fürsten von Schwarzburg und die Grafen von Stolberg gaben das erforderliche Bauholz. Sodann gab er mehrere Druckschriften zum Besten des Kirchenbaues heraus, schrieb Bittbriefe an hochgestellte Personen, ließ eine Kollekte sammeln, und der Rat der Stadt, die Gemeinde, die Handwerker und einzelne Personen halfen so reichlich, daß der Bau, wovon am 15. Juli 1744 der Grundstein im Beisein einer Ratsdeputation gelegt wurde, am 13. Oktober 1749 als vollendet dastand. Während dieser Zeit hatte die Gemeinde ihren Gottesdienst in der eigens zurecht gebauten, nun abgerissenen, Martini-Kirche gehalten.

 Diese Neustadt-Kirche ist geschmackvoll, sinnig und lichtvoll gebaut, ein treffliches Denkmal evangelischer Liebe und Kraft; sie ist 112 Fuß lang, 70 Fuß breit und 40 Fuß hoch. In derselben befindet sich auch das Bildnis Lessers, weithin hochgeachtet durch seine gelehrten Schriften. Zur Aufstellung einer neuen Orgel schenkte 1798 der Senator Rode 500 Thaler und die Gemeinde 741 Thaler. Die Kirche ist nur sehr arm und besitzt fast gar keine Grundstücke, so daß auch die bei der 100 jährigen Jubelfeier derselben, am 14. Oktober 1849, so nötige Renovation oder Erneuerung wieder aus milden Beiträgen bestritten wurde. Über dieses erste Jubiläum hat der damalige Pastor Abel ein eigenes Büchlein herausgegeben.

 Der alte Turm ist stehen geblieben als ein Denkmal der Vorzeit seit etwa fünf und einem halben Jahrhundert. Auf ihm hängen zwei Glocken, deren eine, im Jahre 1620 gegossen 46 Centner schwer, 1856 umgegossen werden mußte, da sie gesprungen war, durch freiwillige Beiträge der Gemeinde in Summe 464 Thaler.

 Der Kirchhof dieser Gemeinde liegt vor dem Siechenthore und ist durch ein Vermächtnis von 500 Thaler und einem Geschenk von 500 Thaler angekauft; während die alten Begräbnisplätze bei der Kirche jetzt in liebliche Gärten umgewandelt sind. — Der, durch Einführung des Klee- und Spargelbaues in Nordhausen bekannte Pastor Hüpeden, war lange Zeit Prediger an dieser Kirche, und sein Bildnis hängt in derselben zur rechten Hand der Kanzel.

Rittmeister Kowats. Blut- und Sittenpolizei. Das hiesige Reichskontingent gegen Frankreich.[Bearbeiten]

 Nicht ohne Einfluß auf Deutschland, ja auf ganz Europa war der siebenjährige Krieg, den Preußens großer König Friedrich 11. gegen die deutsche Kaiserin Maria Theresia führte. Ein gewaltiger Kampf war es, den die Geschichte jener Zeit uns in ihren Büchern ausgezeichnet hat. Ganze Gegenden und Städte litten sehr unter den Kriegsunruhen — Nordhausen aber weniger, obgleich bald Freund, bald Feind auch der Drangsale nicht wenige über sie brachten, und viel Geld und Gut fortschleppte, ehe das Friedenswort erscholl und der Kriegsnot ein Ende machte. Unter allen Freunden und Feinden ist aber im besonderen Andenken geblieben der Rittmeister Kowats oder Kowacz, ein geborner Österreicher, welcher Anführer eines preußischen Freikorps avar. Sein Name ist hier zum Schimpfworte geworden („oler Kowatsch"). Nicht bloß viel Geld und Gut führte er hinweg, sondern auch am 3. Mai 1760 die übrigen Geschütze und unter ihnen das schönste Wahrzeichen der Stadt, die acht Ellen lange im Jahre 1519 vortrefflich und kunstreich gegossene Hauptkanone, welche die „Feldschlange" hieß. Das haben ihm die Nordhäuser nie vergessen können. — Zur Feier des Hubertsburger Friedens feierte man hier ein glänzendes Fest, worüber Konrektor Haake einen ausführlichen Festbericht geschrieben hat.

 Nicht umsonst steht das Rolandsbild am Rathause der Stadt als Zeichen, daß ihrer Obrigkeit das Recht über Leben und Tod zustehe. In früheren Zeiten waren manche Verbrecher draußen auf dem Galgenberge vom Leben zum Tode durch den Strang gebracht. Später trat die Hinrichtung durch das Schwert an die Stelle des Galgens. Am 21. August 1760 wurde ein fremder Knecht Namens Goldmann wegen Straßenraubes hingerichtet. 1768, am 8. April, war die letzte Hinrichtung in Nordhausen, nämlich die des Flurschützen Hetzer wegen Vergiftung seiner Ehefrau. — Gewöhnliche Vergehen wurden mit Gefängnis bestraft oder auch mit einer körperlichen Züchtigung, schwerere mit Ausstellung am Pranger im Halseisen, Vergehen gegen die Sittlichkeit oft exemplarisch zu Jedermanns Warnung. So wurde noch 1780 am 9. Juni eine Dirne mit einem mit Schellen und Federwischen behangenen Strohkranze auf dem Kopfe vom Schinder aus der Stadt getrommelt. Die Geschichte der Hexenprozesse, deren auch in unserer Stadt vorkamen, wird in den Chroniken gedacht, wo Tortur, Folter und Feuer angewandt wurden und mancher Unschuldige sein Leben einbüßte in den finsteren, abergläubischen Zeiten.

 Der Ausbruch der französischen Revolution, die Abschaffung des Königtums und Einführung der Republik, die Ermordung des französischen Königs Ludwigs XVI. rief die deutschen Fürsten und Völker unter die Waffen, um die immer übermütiger werdenden Franzosen zu zügeln. Auch Nordhausen mußte seine Soldaten stellen, und am 16. Februar 1795 rückte das hiesige Reichskontingent, dreifach verstärkt unter dem Hauptmann von Meyeren aus, um gegen die Franzosen zu fechten. In den beiden folgenden Jahren kehrten diese Krieger in ihre Heimat zurück. Von ihren Thaten schweigt die Geschichte. Es war aber der letzte Kriegszug der Stadtsoldaten, den die Stadt in ihrem Interesse und auf ihre Kosten ausführte, denn die nun folgenden politischen Ereignisse griffen gewaltig in alle Verhältnisse ein und mit ihnen hörte auch bald die freireichsstädtische Regierung und Herrlichkeit auf und eine neue Ordnung der Dinge machte sich Bahn, aber gewiß auch nicht zum Schaden der Stadt und ihrer Bürger.

Reichsdeputationsreceß 1803. Schlacht bei Jena 1806. Westfälische Regierung. Unter Preußens Zepter 1813.[Bearbeiten]

 Das Eindringen der Franzosen unter Moreau und Jourdan in Deutschland führte die Schlacht bei Ettlingen zum Nachteil der Österreicher und Deutschen herbei, doch wurden die Franzosen durch die Schlacht bei Amberg vom Erzherzog Karl wieder über den Rhein getrieben. Im Friedenskongreß zu Rastatt versuchte man beiderseits zu verhandeln, aber der Rastatter Gesandtenmord setzte den Krieg aufs neue in Brand, und nach der Schlacht bei Hohenlinden (3. Dezember 1800) machte der Friede zu Lüneville am 9. Februar 1801 diesem Kriege ein Ende. Dadurch verlor aber das deutsche Reich alle Besitzungen jenseits des Rheines. Die dadurch verletzten Reichsfürsten wurden durch eine- niedergesetzte Reichsdeputation 1802-3, meist durch weltlich gemachte geistliche Gebiete, durch 42 Reichsstädte und die schwäbischen Reichsdörfer entschädigt. Nordhausen fiel durch den Reichsdeputationshauptschluß an Preußen als Entschädigungsanteil für seine Besitzungen am linken Rheinufer (Mörs, Geldern, Kleve.) Am 6. Juni wurde dies der Stadt durch ein königliches Patent bekannt gemacht. Am 11. Juni kam die Nachricht von der bevorstehenden Besetzung der Stadt durch preußische Truppen hier an, und am 29. Juli wurde diese Nachricht durch ein königliches Schreiben bestätigt.

 Am 2. August 1802 des Morgens um 9 Uhr wurde die Stadt militärisch von einer Abteilung des preußischen Heeres unter dem Generallieutenant Grafen von Wartensleben besetzt und hörte forthin auf eine freie Reichsstadt zu sein. — Damit hörte nun aber auch die alte reichsstädtische Verfassung auf, und es trat an die Stelle des alten Rates mit seinen zwei Bürgermeistern und Senatoren ein einfacher preußischer Magistrat mit einem Bürgermeister an der Spitze. Nach Bildung eines Magistrats leitete bis zu Ende des Jahres 1822 noch ein altreichsstädtischer Bürgermeister Johann Konrad Ephraim Grünhagen, ein sehr thätiger und tüchtiger Mann, die Geschäfte der Stadt, an dessen Stelle der in der letzten reichsstädtischen Wahlnacht (6. Januar 1802) zum Senator gewählte Hofrat Karl Wilhelm Seiffart (bis 1832) kam.

 Mit Napoleons Ernennung zum Kaiser der Franzosen erbleichte die deutsche Kaiserwürde und das alte deutsche Reich nahete seinem Ende durch die Stiftung des Rheinbundes, der eine Folge von Napoleons wachsender Macht und Gewalt und ein Zeichen deutscher Schmach und Schande war, 1806. Die einzige Macht, welche der mächtige Napoleon noch nicht bedrängt hatte, war Preußen, welches er nun auch wegen Bildung eines nordischen Bundes angriff und trotz aller Stärke des preußischen Heeres am 14. Oktober 1806 in der blutigen Doppelschlacht bei Jena und Auerstädt schlug. Die preußische Armee war fast ganz zersprengt, einzelne Heerteile ergaben sich, so auch fast sämtliche Festungen und es folgten Tage des Schreckens und der Trübsal.

 Solche Tage der Angst und des Schreckens waren auch der 17., 18. und 19. Oktober, wo drei Korps der Franzosen unter Soult, Ney und Murat, welche den Fürsten Hohenlohe verfolgten, vor die Stadt rückten und nach einem dreistündigen Gefecht, worin die Preußen den Kürzeren zogen, am 17. Oktober nachmittags 3½ 2 Uhr die Stadt entnahmen und vom 17. bis 19. Oktober 11 Uhr morgens anhaltend plünderten und die empörendsten Gewalttätigkeiten verübten. Nur das umsichtige, energische und männliche Benehmen des Bürgermeisters Grünhagen rettete die Stadt vom gänzlichen Verderben. — Die preußische Retirade und ihre nachfolgenden Schreckenstage werden Nordhausens Bewohnern noch lange im Gedächtnis bleiben.

 Das unglückliche Preußen verlor die Hälfte seiner bisherigen Besitzungen und aus den abgerissenen Ländern machte Napoleon ein neues Königreich, Westfalen, für seinen Bruder Hieronymus Napoleon, der in der Stadt Kassel seine Residenz aufschlug und von hier aus das Land aussog mit seiner lustigen Franzosenwirtschaft. Zu diesem Königreich Westfalen gehörte auch Nordhausen vom Jahre 1807—1813. Ein Glück aber war es für die Stadt, daß der seitherige Bürgermeister Grünhagen auch beim westfälischen Könige als Maire (Stadtvorsteher) blieb, wodurch sehr viel Elend durch die Umsicht dieses Mannes von der Bürgerschaft abgewendet wurde. König Hieronymus hat sich auch einmal kurze Zeit in Nordhausen ausgehalten, die Bürger waren aber froh, als er wieder fort war; er trieb eine grenzenlose verschwenderische Wirtschaft, und das Land geriet in eine große Schuldenlast.

 Die Vernichtung Napoleons und der großen Armee in Rußland gab dem unterdrückten deutschen Volke wieder neue Hoffnung, und die Flammen Moskaus wurden eine Morgenröte für Europas Freiheit. Die Schlacht bei Leipzig am 18. Oktober 1813 machte Napoleons Gewaltherrschaft ein Ende. Auch das Königreich Westfalen löste sich für die ehemaligen Besitzer dieser Länder wieder auf, und Nordhausen kam wieder unter den schützenden Zepter Preußens, bei dem es auch durch Gottes Gnade bis jetzt geblieben ist.

Nordhausen als Kreisstadt. Höhere Töchterschule. Siechenbrücke. Reformationsjubiläum 1817. Neue Agende.[Bearbeiten]

 Nach dem zweiten Pariser Frieden am 20. November 1815 dachte König Friedrich Wilhelm II l. von Neuem darauf, seinem Lande eine feste Form zu geben. Der ganze Staat wurde in 10 Provinzen, 28 Regierungsbezirke und 345 landrätliche Kreise geteilt. Die ehemalige freie Reichsstadt Nordhausen wurde nun Kreisstadt des nach ihr benannten Nordhäuser Kreises im Regierungsbezirke Erfurt. Es gehören zum Nordhäuser Kreise außer der Kreisstadt Nordhausen noch die Städte Bennekenstein, Bleicherode und Ellrich, auch die kleine Stadt Sachsa, sowie 35 Pfarrdörfer. Als Landräte haben viele Jahre seit dieser Einrichtung gewirkt: von Arnstädt, von Tettenborn, von Davier.

 In Nordhausen befindet sich der Sitz des Kreisgerichts, sowie das Land- und Stadtgericht. Die Verwaltung der städtischen Angelegenheiten steht unter den Magistrate und den Stadtverordneten. Nach der Bildung eines einfacheren Magistrats haben als Bürgermeister fungiert: Grünhagen, bis 1822; Seiffart bis 1832; Götting bis 1842; Eckardt bis 1852; Ulrich bis 1862.

 Für Schulen zur Bildung der Jugend ist im vergangenen Jahrhundert viel geschehen. Als ein Bedürfnis der Zeit wurde 1808 durch die weise Fürsorge des Magistrats die höhere Töchterschule, für Töchter der vornehmen Stände, angelegt, dessen erster Rektor der durch seine Werke über deutsche Sprache bekannte Dr. Heise war.

 Die Realschule vor dem Töpferthore ist im Jahre 1841 errichtet; ebenso die derselben gegenüber liegende Bürgerschule. Beide Gebäude stehen auf dem Friedrich-Wilhelmsplatze, an dessen Stelle 1831 noch Thore, Türme und Wallgräben waren, und wo der alte Zwinger, das stärkste Festungswerk der Stadt, sich befand.

 Zur Verbindung der Landstraßen sind über die Zorge und den Mühlgraben in und außerhalb der Stadt viel Brücken gebaut. Die schönste und teuerste ist die Siechenbrücke, welche 1811 vom Landbaumeister Ilse aus Quadersteinen neu erbaut ist; sie hat vier Schwibbogen. Die Brücke bei der Neumühle ist 1821 und die bei der Rotsteinmühle 1823 erbaut.

 Das am 31. Oktober 1817 zum 300. Male wiederkehrende Jubiläum der Reformation Luthers wurde in kirchlicher Weise auch in Nordhausen gefeiert und hatte für die Stadt insofern noch Wichtigkeit, als mit dieser Feier die von Friedrich Wilhelm III. beabsichtigte Union der Lutherischen und Reformierten, die sogenannte evangelische Union, auch hier Eingang fand.

 Da der König auch dem Gottesdienste mehr Erbauliches und Feierliches und zugleich eine größere Übereinstimmung wünschte, so wurde den Geistlichen eine neue Agende vorgelegt, die aber so viel Widerspruch fand, daß die Regierung am 2. Januar 1826 verordnete, daß alle im Predigtamte neu anzustellende Kandidaten zur Annahme derselben verpflichtet und nur unter dieser Bedingung angestellt werden sollten. In Nordhausen wurde die neue Agende ohne Widerspruch eingeführt.

Die Domkirche[Bearbeiten]

oder die Kirche zum heiligen Kreuz (St. Crucis), fast der letzte Überrest der Stiftung der Königin Mathilde, eine der ältesten Kirchen Nordhausens, liegt im Schatten alter Linden wunderschön. In neuester Zeit ist sie zweckmäßig restauriert und macht auf jeden Besucher einen tiefen Eindruck mit ihren gewaltigen Säulen und Rundbögen, mit ihren Bildern, Schnitzwerken, Glasmalereien und den alten Bildsäulen, die aus dem eichsfeldischen Kloster Reifenstein hierher gebracht sind. An den Wänden der Kirche stehen viele in Stein gehauene Bildnisse verstorbener Domgeistlichen und auch in dem an die Kirche stoßenden Kreuzgange. Das hohe Chor, welches sich über der Krypta befindet, ist mit dem in demselben befindlichen Hochaltar eine wahre Zierde der Kirche und reich ausgestattet mit Heiligenbildern und Statuen des Stifters der Kirche Kaiser Otto I., der Mutter Maria, des Kaisers Heinrich I. und der Kaiserin Mathilde. Dieser Teil der Kirche ist mit einem eisernen Gitter eingefaßt, da nicht jedem der Eintritt freisteht.

 Unter diesem Chor befindet sich die sogenannte Krypta oder unterirdische Gruftkirche, eine kleine Kapelle mit einem Altar, der aber nicht mehr benutzt wird. In den Zeiten des dreißigjährigen Krieges, wo die Schweden in der Stadt lagen und die Katholischen viel von ihnen zu leiden hatten, wurde hier Gottesdienst gehalten. Ein eben Messe lesender Priester wurde von einem Schweden erschossen und liegt in dieser Kapelle begraben, wie der vor dem Altar liegende Grabstein mit dem Bildnisse desselben beweist. — Die Glocken dieser Kirche haben einen herrlichen Klang, besonders die große. An mehreren Tagen der Woche ist Gottesdienst in dieser Kirche, welcher abwechselnd von den beiden Geistlichen, dem Dechanten und dem Kaplan, verwaltet wird. Die ehemaligen Klostergebäude sind teils verkauft, teils vermietet; letzteres ist besonders mit dem Gebäude geschehen, das noch jetzt im Bolksmunde „die Probstei" genannt wird.

Die St. Blasius-Kirche.[Bearbeiten]

 Bereits im Jahre 1234 wird eine solche Kirche erwähnt, jedoch ohne daß wir nähere Nachrichten über sie haben. Das Innere der Kirche ist wohlgeordnet, gut ausgebaut und mit einigen schönen Gemälden geschmückt. Das eine ist ein Altarblatt; die beiden andern sind Epitaphien der Bürgermeister Meienburgschen Familie und von Lukas Kranach, der ein vertrauter Freund des Bürgermeisters Meienburg war, gemalt. Der Bürgermeister Meienburg war ein sehr gelehrter Mann und genoß deshalb eine solche Achtung, daß ihm der Kaiser Karl V. ein eigenes Wappen erteilte, welches man auf beiden Bildern sehen kann.

 Das erste Epitaphium, ein Ecce homo, ist zu Ehren der Gattin Meienburgs, welche im Jahre 1529 starb, gesetzt. Das Bild ist wahrhaft schön. Das zweite Epitaph ist für Meienburg, welcher im Jahre 1559 am Schlage starb, selbst errichtet. Dieses Bild stellt die Grablegung des Jünglings zu Nain dar. Im Vordergründe unterscheidet man deutlich mehrere bekannte Personen unter den Leidtragenden, unter denen besonders vr. Luther und Philipp Melanchton, welche insgesamt sprechend ähnlich getroffen sind, hervorstechen.

 Die Orgel der Kirche ist von Herrn Deppe 1817 neu erbaut und in vortrefflichen Zustand versetzt worden.

 Die Bibliothek dieser Kirche, welche aus dem östlich von der Stadt gelegenen und im Bauernkriege 1525 zerstörten ehemaligen Augustinskloster Himmelsgarten, welches jetzt ein gräflich Stolbergisches Kammergut unter königlich hannöverscher Hoheit, hierher kam, ist sehr bedeutend, sie enthält eine Anzahl Werke, welche großen Wert haben; unter anderen befinden sich auch die Werke von Gailer von Kaisersberg darunter.

 Der bekannte Johann Spangenberg, welcher viele Schriften herausgegeben hat, war lange Zeit Prediger an dieser Kirche; sowie Kindervater, der sich durch mehrere lokale Schriften über Nordhausen und diese Kirche bekannt gemacht hat.

 Der Kirchhof dieser Kirche ist längst eingcgangen und, auf der einen Seite mit Linden bepflanzt, zu einem anmutigen Platze umgewandelt.

Die Kirche St. Petri[Bearbeiten]

auf dem Berge ist unstreitig eine der ältesten der Stadt und bereits im Jahre 1220 findet man einige Erwähnung über dieselbe. Ihr bedeutend hoher Turm ist erst 1362 erbaut, und 1731 wurde erst die Hausmannswohnung in demselben eingerichtet, welche den 14. September desselben Jahres von einem gewissen Manne, Namens Messerschmidt, zuerst bezogen wurde. Die Normaluhr an diesem Turme, von Hügelet in der Schweiz verfertigt und von dem Uhrmacher Becker aufgestellt, ist ein vortreffliches Werk und hat 625 Thaler gekostet. Auf dem Turme hängen vier Glocken, von denen die größte einen sehr schönen Ton hat und bei heitern, stillen Abendstunden zwei Meilen weit gehört wird. Sie ist am 24. September auf dem Zimmergraben von Wolfgang Geyer aus Erfurt gegossen und wiegt 72 Centner. Sie hat folgende Umschrift:

Der vierte Ferdinand empfing des Reiches Krön',
Als ich von Künstlers Hand bekam den Klang und Ton.
Ich bin durch heißes Feuer und volle Glut geflossen,
Wie mich mein Künstler Wolf Geyer hat gegossen.
Anno Domini MCCCCCCXXXIII, den 24. September.

 Die Glocke hat einen großen Riß und ist im Jahre 1691 so gewendet, daß der Klöppel den Riß nicht trifft. Wegen seiner Höhe und hohen Lage muß der Bewohner des Turmes stets bei Gewittern in Sorge sein, da der Blitz schon oft in denselben eingeschlagen hat, z. B. am 22. Februar 1559, am 24. April 1634, am 4. Mai 1646, am 9. Dezember 1660, am 11. Januar 1682 und noch öfter mal. Deshalb ist auch in neuerer Zeit ein Blitzableiter angebracht worden. Im Jahre 1811 wurde eine feurige Lufterscheinung, ein sogenanntes Elmsfeuer, auf der Spitze des Turmes beobachtet.

 Eine besondere Naturmerkwürdigkeit ist es, daß, wenn die Helme zwischen Haferungen und Kleinwechsungen Übertritt, alsdann die Keller der Häuser des so hoch gelegenen Petersberges voller Wasser sind, während die^ Keller der Unterstadt verschont bleiben.

 Das Innere der Kirche ist einfach, enthält aber ein Crucifix von Holz, welches Beachtung verdient. Die Kirche stand früher unmittelbar unter dem Reiche, wurde aber später den Stiftsherren zum heiligen Kreuz zu ihrer Gehaltsverbefferung zugewiesen.

 Der Stadtmusikus ist verbunden, von der Gallerte des Turmes alle Feste und Sonntage mit seinen Leuten Musik zu machen; abwechselnd auch an den Wochentagen. An den drei Hauptfesten muß er schon am Morgen um 4 Uhr eine Stunde lang musizieren.

 Von der Gallerie dieses Turmes hat man eine weite herrliche Aussicht; wie ein großes Gemälde liegt Nordhausens Umgegend ringsumher vor den Augen. Versuchen wir einmal die Punkte vorzuführen die Nordhausens Umgebung zieren und die von der Gallerie mehr oder weniger bemerkbar sind.

 Wendet sich das Auge über die herrlichen Fluren nach Süden, so erblickt es an der Helme die Dörfer Sundhausen und Heringen, hinter welchen der Paßberg und die Hainleite sich erheben. In weiter Ferne liegt dem Auge deutlich erkennbar „der Possen", ein fürstlich schwarzburgisches Jagdschloß, und nicht weit davon die Residenz Sondershausen mit einem alten Schlosse, auf welchem sich im Naturalienkabinette der alte Götze Püsterich befindet, welcher auf der Rotenburg gefunden ist. Sondershausen wird von den Nordhäusern wegen der köstlichen Musikkapelle im Loh besucht.

 Weiter östlich erhebt sich das Kyffhäusergebirge mit den alten Ruinen der Burg Kyffhausen und des Schlosses Rotenburg. Der alte Kaiser- Friedrichsturm ist deutlich zu sehen und gilt in der Gegend als Wetterverkündiger, nach dem Verse:

Steht Kaiser Friedrich ohne Hut,
Bleibt das Wetter schön und gut,
Ist er mit dem Hut zu sehen,
Wird das Wetter nicht bestehen.

 Ein Besuch dieser alten Bergfeste, sowie ihrer schwesterlichen Nachbarin, der Rotenburg, wo eine Einsiedelei mit einem Einsiedler sich befindet, der seine Gäste leiblich und geistlich erquickt, ist allen Freunden der Vorzeit anzuraten.

 Nördlich erblickt man den Harz, an welchem die Ruine Questenburg weithin leuchtet. Am dritten Pfingsttage wird in dem dabei liegenden Dorfe Questenberg ein Volksfest gefeiert. Nicht weit davon liegt die Ruine des alten Schlosses Morungen. Der Weg von Nordhausen dorthin ist interessant. Man geht vom Töpferthore in dem Kreuzwege, der noch mit alten Steinbildern aus dem Leiden Christi geziert ist und bei welchem man sich wieder in die Zeilen des Mittelalters zurückversetzt sieht, an dem ehemaligen Kloster Himmelgarten vorüber nach dem Dorfe Leimbach, von da nach dem früheren Walkenrieder Hofe Rodberg und sodann, durch ein Gehölz, nach der Heimkehle, einer Höhle, die einen Besuch verdient. Wer sie durchforschen will, muß aber einen trockenen Sommer wählen, da man sonst nicht in die eigentlichen Höhlen gelangen kann. Rotleberode, mit einem gräflich Stolbergschen Sommerschlosse mit der nicht weit davon gelegenen Grasburg, der Stammburg der Grafen von Stolberg, sind der Ansicht wert. Von hier geht man über Uftrungen an der alten Klosterruine Bernecke und an Breitungen vorüber nach dem romantischen Bauerngraben und hat von da Questenberg bald erreicht. Anderthalb Stunden von Questenberg liegt die bekannte Försterhöhle bei Steigerthal, welche aus 11 Abteilungen von festem Gestein besteht.

 Nicht weit von Stolberg liegt der Auerberg mit dem von dem Grafen Joseph zu Stolberg-Stolberg erbauten Gerüste der Josephshöhe, welche wie ein großes Kreuz erbaut ist. Die Felsen bei dem Dorfe Stempeda bilden hinter diesem Dorfe einen herrlichen Hintergrund. Ganz deutlich aber ist zu sehen der weithin leuchtende „Eichenforst", ein gräfliches Jagdschloß, von dem man eine wundervolle Aussicht nach der goldenen Aue und nach dem Eichsfelde hat.

 Zu den schönsten Burgruinen Deutschlands gehört die des Hohensteins, zwei Stunden von Nordhausen gelegen. Das Gemäuer ist malerisch und großartig und man verweilt gern länger an dieser lieblichen, stillen Stätte und läßt, in Gedanken versunken, die Zeit an sich vorüber gehen, wo die Ritter auf dem Turnplätze kämpften und die Edelfrauen und Fräulein in den Gemächern weilten, von denen manche noch ein deutliches Bild der früheren Einrichtung zeigen. Das sehr tiefe Burgverließ ist mit einer Thür verwahrt und verschlossen. Die „Hohnsteinsche Schweiz" und die interessante Ruine der altersgrauen „Ebersburg," über deren Geschichte noch immer ein tiefes Dunkel schwebt, sind wohl eines Besuches wert. Im lieblichen Beerthale zwischen hohen Bergen liegt Ilfeld; ehemals ein Kloster, jetzt ein königlich hannöversches Pädagogium. Dabei liegen die Braunsteinhäuser, und die alte Harzburg, ein früheres Kaiserschloß.

 Westlich von Nordhausen liegt Walkenried mit den prachtvollen Ruinen des einst so berühmten Klosters, das auch mit der Geschichte Nordhausens in enger Verbindung steht. Nicht weit von Walkenried liegt der malerische „Sachsenstein", auf dessen Spitze die alte Burgruine steht. Die alten schroffen, weißen Felswände blenden beim Anblick und sind unvergleichlich. Die alte Sachsenveste wurde gleichzeitig mit dem Schlosse Stolberg erbaut 555 n. Chr. Geburt.

 In weiter Ferne erblickt man das Ohmgebirge, etwas näher die Porta Eichsfeldica, durch welche die Kunststraße nach dem Rheine führt. Kirchberg, Schloß Lohra und die Umgegend, das Helbethal mit der steinernen Jungfrau, die Hasenburg bei Bodungen, die Ruine Strausberg bei Hainrode lohnen einen Besuch und bieten manches Bemerkenswerte.

 Merkwürdige Punkte bietet auch eine Partie, wenn man über Salza, durch den Kühnstem, an dem Dorfe Wofleben vorüber, nach Bischofferode, einem ehemaligen Kloster, zu der „Kelle," einer früher berühmten, jetzt zerfallenen Höhle, die aber noch immer sehenswert ist, geht. Nach Besichtigung derselben gelangt man über Werna nach dem Dorfe Salzhain, bei welchem sich der Krodstein und der Tosborn befindet. Der Krodstein ist ein aus den Gebirge hervorspringender Felsen, auf dem der Götze Krodo oder Wodan verehrt sein soll und der eine schöne Aussicht gewährt. Der Tosborn ist ein Bach, welcher vom Kamme des Gebirges in unzähligen Absätzen herabfällt und eine Menge lieblicher Wasserfälle bildet.

 Nordhausen liegt am äußersten Ende der güldenen Aue, die man von hier bis Kelbra übersehen kann; ein äußerst fruchtbarer, lieblicher Landstrich des gesegneten Thüringerlandes, einer Kornkammer Sachsens. Als einst Graf Bodo von Stolberg von einer Wallfahrt aus dem gelobten Lande zurückkehrte und auf dem Kyffhäuser, dem Vorgebirge der guten Hoffnung, wie er in früheren Zeiten von den aus Leipzig zurückkehrenden Kaufleuten genannt wurde, stand, rief er, in Betrachtung der lieblichen Gegend versunken, gegen seine Begleiter aus: „Geht mir mit eurem gelobten Lande, ich lobe mir die güldene Aue dafür!"

Verzeichnis der nordhäusischen Bürgermeister von 1627 bis 1802.[Bearbeiten]

 Seit dem Jahre 1627 regierten nur zwei Bürgermeister, vor dieser Zeit aber deren vier, aus jedem der vier Stadtviertel (dem Neueweg-, Altendorf-, Töpfer- und Rautenviertel) einer; seit 1802 aber nur einer und zwar auf 12 Jahr. Bis zu diesem Jahre wurden die reichsstädtischen Bürgermeister aus den neun ratssähigen Gilden (1. der Kaufleute, 2. der Schneider, 3. Tuchmacher, 4. Bäcker, 5. Schmiede, 6. Sattler, 7. Kürschner und Weißgerber, 8. Schuhmacher und Lohgerber, 9. Fleischer) erwählt. Die Mehrzahl der gewählten Bürgermeister gehörte zu den Kaufleuten, weil diese meistens wohlhabend, gebildet und gewandt waren. Manchem braven Handwerksmeister wurde selbst das Lesen und Schreiben schwer.

1627. Lib. Pfeiffer 4, Andr. Ernst 1.
28. Sim. Weller 1, Just. Bötticher 1,
29. Joh. Wilde 4, Joh. Schulze 1.
30. Lib. Pfeiffer 5, Andr. Ernst 2.
31. Sim. Weller 2, I. G. Pfeifer 1
32. Joh. Wilde 5, Joh. Schulze 2.
33. Lib. Pfeiffer 6, Andr. Ernst 3
1634. Sim. Weller 3, I. G. Pfeifer 2.
35. Joh. Wilde 6, I. Andr. Ernst 1.
36. Lib. Pfeifer 7, Andr. Ernst 1.
37. Sim. Weller 4, I. G. Pfeifer 3.
38. I. Endr. Ernst 2, Joh. Ernst 1.
39. I. A. Ernst 2, Joh. Ernst 1.
39. Lib. Pfeifer 8, Zach. Michael 1.
1640. Sim. Weller 5, I. F. Stief 1.
41. Aug. Kegel 1, Heinr. Sommer 1.
42. Zach. Michael 2, Hans Ludwig 1.
43. Sim. Weller 6, I. F. Stief 2.
44. Aug. Kegel 2, Hein. Sommer 2.
45. Zach. Michael 3, Andr. Eilhard 1.
46. Sim. Weller 7, I. F. Stief 3.
47. Aug. Kegel 3, Hein. Sommer 3.
48. Zach. Michael 4, Mart. Wülke 1.
49. Sim. Weller 8, I. F. Stief 4.
50. Aug. Kegel 4, I. PH. Brückner 1.
51. Mart. Wülke 2, I. G. Wilde 1.
52. I. F. Stief 5, Hein. Eilhard 1.
53. I. PH. Brückner 2, Mich. Eilhard 1.
54. Mart. Wülke 3, I. G. Wilde 2.
55. Hein. Eilhard 2, I. W. Sommer 1.
56. I. PH. Brückner 3, Mich. Eilhard 2.
57. Mart. Wülke 4, I. G. Wilde 3.
58. Hein. Eilhard 3, I. W. Sommer 2.
59. I. PH. Brückner 4, I. Wettenseel.
60. Mart. Wülke 5, I. G. Wilde 4.
61. Hein. Eilhard 4, I. W. Sommer 3.
62. Joh. Wettensee 2, I. Ehr. Ernst 1.
63. I. G. Wilde 5, Mart. Pauland 1.
64. Hein. Eilhard 5, I. W. Sommer 4.
65. Joh. Wettensee 3, I. Ehr. Ernst 2.
66. Mart. Pauland 2,1. K. Fromann 1.
67. Hein. Eilhard 6, I. W. Sommer 5.
68. Joh. Wettensee 4, I. Ehr. Ernst 3.
69. Mart. Pauland 3,1. K. Fromann 2.
70. Hein. Eilhard 7,1. Ehr. Brückner 1.
71. Joh. Wettensee 5, I. CH. Ernst 4.
72. Mart. Pauland 4,1. K. Fromann 3.
73. I. CH. Brückner 2, Paul Preiß 1.
74. I. CH. Ermst 5, A. S. Wilde 1.
75. Mart. Pauland 5,1. K. Fromann 4.
76. I. CH. Brückner3,1. W. Eberwein 1.
77. I. CH. Ernst 6, A. S. Wilde 2.
78. Mart. Pauland 6, I. K. Fromann 5.
79. I. CH. Brückner 4,1. W. Eb erw ein 2.
80. A. S. Wilde 3, I. K. Fromann 6.
81. Mart. Pauland 7, I. E. Becker 1.
82. I. CH. Brückner5, J.W. Eberwein3.
83. A. S. Wilde 4, I. K. Fromann 7.
84. M. Pauland 8, Andr. Weber 1.
85. I. CH. Brückner 6, I. K. Jbe 1.
86. A. S. Wilde 5, I. K. Fromann 8.
87. Andr. Weber 2, I. K. Arens 1.
88. I. CH. Brückner 7, Zach. Offney 1.
89. A. S. Wilde 6, I. K. Fromann 9.
90. Andr. Weber 3, I. K. Arens 2.
91. I. CH. Brückner 7, Z. Offney 2.
1692. A. S. Wilde 7, I. K. Fromann 10.
93. Andr. Weber 4, I. K. Arens 3.
94. I. CH. Eilhard 1,J.M. Krohmann 1.
95. J.K.Fromann 11, J.W.Eberwein 1.
96. A. Weber 5, I. K. Arens 4.
97. I. CH. Eilhard 2, J.M. Krohmann 2.
98. I. K. Fromann 12, Joh. Pauland 1.
99. A. Weber 6, I. K. Arens 5.
1700. I. CH. Eilhard 3,J.M. Krohmann 3.
1. I. K. Fromann 13, Joh. Pauland 2.
2. A. Weber 7, I. K. Arens 6.
3. I.CH.Eilhard 4,1. M. Krohmann 4.
4. I. K. Fromann 14, I. Pauland 3.
5. A. Weber 8, I. Ehr. Jbe 1.
6. Dieselben 9. 2.
7. J.M.Krohmann5, J.G.Hoffmannl.
8. Dieselben 6. 2.
9. Joh. Pauland 4.
10. Derselbe.
11. Andr. Weber 10, G. CH. Huxhagen 1.
12. I. G. Hoffmann 3, W. CH. Offney 1.
13. Joh. Pauland 6, N. W. Riedel 1.
14. G. Chr. Huxhagen 2.
15. I. G. Hoffmann ch W. CH. Offney 2.
16. Joh. Pauland 8, N. W. Riedel 2.
17. G. CH. Huxhagen 3, CH. E. Offney 1.
18. I. G. Hoffmann 5, Andr. Lerche 1.
19. Joh. Pauland 8, N. W. Riedel 3.
20. G. CH. Huxhagen 4, CH. E. Offney 2.
21. Andr. Lerche 2, I. CH. Cramer 1.
22. Joh. Pauland 9, N. W. Riedel 4.
23. G. CH. Huxhagen 5, CH.E. Offney 3.
24. Andr. Lerche 3, A. I. Hoffmann 1.
25. K. V. Riemann 1,1. O. PH. Kellermann 1.
26. I. M. Kegel 1,1.0. CH. Bötticher 1.
27. Andr. Lerche 3, Franz Filter 1.
28. K. V. Riemann 2, I. PH. Kellermann 2.
29. I. M. Kegel 2, I. T. Pöppich 1.
30. I. G. Riemann 1, I. A. Riedel 1.
31. K. V. Riemann 3, I. PH. Kellermann 3.
32. J.T. Pöppich 2, Jac.Bretschneider 1.
33. I. G. Riemann 2, I. A. Riedel 2.
34. K. V. Riemann 4, I. E. Lerche 1.
35. J.T. Pöppich 3, Jac.Bretschneider2.
36. I. G. Riemann3, Chr.Hoffmeister 1.
37. K. V. Riemann 5, I. E. Lerche 2.
38. J.T. Pöppich 4, Jac.Bretschneider3.
39. J.G. Riemann 4, CH. Hoffmeister 2.
40. K. B. Riemann 6, I. E. Lerche 3.
1741. J.T.Pöppich5,Jac.Bretschnetder4.
42. I. G. Riemann 5, CH. Hoffmeister 3.
43. K. V. Riemarm 7, I. E. Lerche 4.
44. I. T. Pöppich 6, I. A. S. Wilde 1.
45. I. G. Riemann 6, G.A. Renneckel.
46. K. V. Riemann 8, I. E. Lerche 5.
47. I. T. Pöppich 7, I. A. S. Wilde 2.
48. I. G. Riemann 7, G. A. Rennecke 2.
49. K. V. Riemann 9, I. E. Lerche 6.
50. I. T. Pöppich 8.
51. I. G. Riemann 8, G. A. Rennecke 3.
52. K. V. Riemann 10, I. E. Lerche 7.
53. I. A. S. Wilde 3, I. F. Lange 1.
54. I. G. Riemann 9, G.A. Rennecke4.
55. K. V. Riemann 11, I. E. Lerche 8.
56. I. A. S. Wilde 4, I. F. Lange 2.
57. I. G. Riemann 10, G. A. Rennecke 5.
58. K. V. Riemann 12, I. E. Lerche 9.
59. I. A. S. Wilde 5, I. F. Lange 3.
60. I. G. Riemann 11, G. A. Rennecke 6.
61. K. V. Riemann 13, I. E. Lerche 10.
62. I. A. S. Wilde 6, I. F. Lange 4.
63. I. G. Riemann 12, G. A. Rennecke 7.
64. I. E. Lerche 11.
65. I. A. S. Wilde 7, I. F. Lange 5.
66. I. G. Riemann 13, G. A. Rennecke 8.
67. I. E. Lerche 12, H. A. Riemann 1.
68. I. A. S. Wilde 8, I. F. Lange 6.
69. I. G. Riemann 14, G. A. Rennecke 9.
70. I. E. Lerche 13, H. A. Riemann 2.
71. I. A. S. Wilde 9, I. F. Lange 7.
72. J.G.Riemann 15, G.A. Rennecke 10.
73. I. E. Lerche 14, H. A. Riemann 3.
74. I. A. S. Wilde 10, I. F. Lange 8.
75. G.A.Renneckell,G.F.A.Eulhardtl.
1776. H. A. Riemann 4, A. F. Rudolf 1.
77. J.A.S.Wilde11,J.H.Förstemann1.
78. I. F. A. Eulhardl 2, H. K. Arens 1.
79. H. A. Riemann 5, A. F. Rudolf 2.
80. J.A.S.Wilde12, J.H.Förstemann2.
81. I. F. A. Eulhardt 3^ H. K. Arens 2.
82. H. A. Riemann 6, A. F. Rudolf 3.
83. J.A.S.Wilde13, J.H.Förstemann3.
84. I. F. A. Eulhardt 4, H. K. Arens 3.
85. H. A. Riemann 7, A. F. Rudolf 4.
86. J.A.S.Wilde14, J.H.Förstemann4.
87. I. F. A. Eulhardt 5, H. K. Arens 4.
88. H. A. Riemann 8, A. F. Rudolf 5.
89. J.H.Förstemann5,A.CH.G.Weber1.
90. J.F.A. Eulhardt 6, J.M. Oßwald 1.
91. H. A. Riemann 9, A. F. Rudolf 6.
92. J.H.Förstemann6,A.CH.G.Weber2.
93. I. F.A. Eulhardt 7, J.M. Oßwald 2.
94. H. A. Riemann 10, U. F. Rudolf 7.
95. Ä. CH. G. Weber 3, F. D. Röscher 1.
96. I. F.A. Eulhardl 8, J.M. Oßwald 3.
97. H. A. Riemann 11, A. F. Rudolf 8.
98. Ä. CH. G. Weber 4, F. D. Roscher 2.
99. I. F.A. Eulhardt9,1. M. Oßwald 4. 1800. H. A. Riemann 12, A. F. Rudolf 9.
1. A. CH. G. Weber 5, F. D. Roscher 3.
2. I. M. Oßwald 5, I. K. A. Filtert.

Von da ab waren Bürgermeister:
bis
1822. I. G. E. Grünhagen.
32. K. W. Seiffart.
42. Götting.
52. Eckardt.
62. Ulrich.

Das Stadtregiment und die Ratswahl.[Bearbeiten]

 Nordhausen, so lange es eine freie Reichsstadt war, hatte 42 Magistrats- Mitglieder, welche drei Regimenter bildeten; jedes Regiment bestand aus 14 Senatoren, welche aus den vier Stadtvierteln gewählt wurden. Jedem der drei Regimenter wurden wiederum von Seiten der Bürgerschaft achtzehn Handwerksmeister beigegeben, welche man Ratsgefreunde nannte. Eins der Regimenter führte abwechselnd das Präsidium im Rat. Waren sehr wichtige Angelegenheiten zu beraten, so traten die 42 Magistratspersonen mit den 54 Ratsgefreunden zusammen. Seit der Vereinigung der Ober- und Unterstadt wurden jährlich zwei Bürgermeister gewählt. Jeder der beiden am Regimente sitzenden Bürgermeister präsidierte ein halbes Jahr. Es haben überhaupt 350 Bürgermeister in einem Zeiträume von 500 Jahren über die Stadt regiert. Bis zum Jahre 1627 regierten jährlich 4 Bürgermeister; nachdem aber im Pestjahr 1626 neun Bürgermeister — mit ungefähr 3 300 Menschen — gestorben waren, wurden jährlich nur zwei gewählt, welche Einrichtung bis zum Jahre 1802 bestand, wo ein einfacherer Magistrat mit einem Bürgermeister, der auf 12 Jahre gewählt wird, mit zwei Stadträten die Angelegenheiten der Bürgerschaft führen. Außerdem aber besteht noch seit Einführung der neuen preußischen Städteordnung eine Stadtverordneten-Versammlung mit einem Vorsteher an der Spitze, welche in Verbindung mit dem Magistrate für das Wohl der Stadt Sorge zu tragen hat. Zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit ist die Polizei, welche unter dem Bürgermeister steht.

 Die Ratswahl in früheren Zeiten wurde alle Jahre in der Nacht vor dem Feste der heiligen drei Könige oder Epiphanias, dem sogenannten alten Neujahr gehalten. Ein großer Teil der Bürger versammelte sich dazu vor dem Rathanse, bewaffnet mit Ober- und Untergewehr, angeführt von dem Stadthauptmann. Der alte Rat war auf dem Rathause versammelt. Um 4 Uhr des Nachts hielt der Pastor primariim in der Hauptkirche St. Nikolai eine Regentenpredigt, worauf dann die Wahl auf dem Rathause erfolgte. Während der Predigt und der Wahl wurde das Rathaus durch die bewaffneten Bürger bewacht. Nach der Predigt erfolgte die Ratswahl und zwar in der Weise, daß jeder Bürger seine Stimme abgab und zwar nach Ordnung der wahlfähigen Gilden und Stadtviertel. Jeder zu Wählende mußte einer Gilde angehören, daher auch solche, welche studiert hatten, in eine Gilde traten, um wählbar in derselben zu sein, so I. Wilde 1620, I. Ernst 1638 u. a.

 War die Wahl beendet, so gingen die abgehenden Ratsmitglieder unter dem Geläut der Glocken, beim Schein großer Laternen oder Windlichter durch die aufgestellte Bürgerschaft nach der St. Nikolaikirche oder in früheren Zeiten nach der Spendekirche, und opferten auf dem Altar für die glücklich zurückgelegte Regierung.

 Darauf wurden dem in der Kirche versammelten Volke die Namen sämtlicher Herren des neu angehenden Regiments vom Ratskirchenstuhle herab bekannt gemacht, worauf die Feier mit einem allgemeinen Dankliede schloß.

 Im Jahre 1803 hörte diese freireichsstädtische Herrlichkeit auf. Ist auch der reichsstädtische Geist ausgestorben, etwas ist von dem reichsstädtischen Wesen noch bemerkbar.

Verzeichnis der deutschen Könige und Kaiser, unter deren Zepter Nordhausen sich mehr und mehr erhob, und die der Stadt manche Rechte und Privilegien gaben.[Bearbeiten]

Heinrich I. von 919 bis 936, befestigt die Stadt.
Otto I. von 936 bis 973, baut die Domkirche.
Otto II. von 973 bis 983, schenkt dem Stift znm H. Kreuz den Markt, Zoll, die Münze und mehrere Güter.
Otto III. von 983 bis 1002, hält sich am 13. Juni 993 hier auf.
Heinrich II. von 1002 bis 1024, schenkt dem Stifte den Schulzenhof Gamen mit allem Zubehör 1016; derselbe Hof, auf dem jetzt die Stadt Lünen steht.
Conrad II. von 1024 bis 1039, hielt einen Hoftag in Nordhausen am 20. Juni 1033.
Heinrich III. von 1039 bis 1056, hielt einen Hoftag zu Nordhausen am 15. Oktober 1042.
Heinrich IV. von 1056 bis 1106; gegen seine gewaltsamen Regierungsmaßregeln verbindet sich Nordhausen mit den sächsischen und thüringischen Fürsten; unterwirft sich aber wieder.
Heinrich V. von 1106 bis 1125, hält 1105 eine Kaiserversammlung und erklärt auf der geistlichen Synode, daß er nicht aus Herrschsucht seinen Vater Heinrich IV. verdrängen, sondern sich nur dem heiligen Stuhle unterwerfen wolle.
Lothar von Sachsen von 1125 bis 1137, behält Nordhausen dem Reiche vor; ist mehrmals hier, besonders im Jahre 1135, in welchem sich ihm sein Gegner Konrad unterwarf.
Konrad III. von 1137—1152, hält in Nordhausen 1144. In seinem Gefolge befinden sich viele geistliche und weltliche Herren, unter ihnen Bucko von Worms, Markgraf Albrecht der Bär von Brandenburg, Hermann von Winzenburg.
Friedrich I., Rotbart, 1153—1190, schenkt dem Stifte zum heiligen Kreuz die königliche Burg und das gesamte königliche Grundeigentum, laut Urkunden vom 17. April 1158. Unter ihm zerstört Heinrich der Löwe die Stadt 1180. Er besucht die Stadt 1188.
Heinrich VI. von 1190—1197, war am 21. Oktober 1193 in Nordhausen mit ansehnlichem Gefolge. Er erteilt von hier aus in einer Urkunde dem Kloster Neu Corvei verschiedene Privilegien.
Philipp von Schwaben und Otto IV. von 1197 bis 1215. In dem Kampfe zwischen Otto IV. und dem Gegnerkönig Philipp von Schwaben hatte Nordhausen viel zu leiden und mußte sich nach hartnäckiger Gegenwehr 1199 an Otto ergeben, der hier am 7. August 1212 seine Vermählung mit Philipps Tochter Beatrix Friecka, die jedoch 4 Tage nach der Hochzeit, kaum 12 Jahr alt, starb.
Friedrich II. von 1215 bis 1250, verwandelt das Nonnenkloster zum heiligen Kreuz in ein weltliches Mannesstift und besetzt es mit Chorherrn, laut Urkunde vom 27. Juli 1220; ordnet und erweitert die städtische Verfassung und giebt der Stadt alle Güter zurück, welche seine Vorfahren an sich genommen, bestätigt als Kaiser durch eine zweite Urkunde vom 11. März 1223 alle gegebenen Rechte und Schenkungen. Unter seiner Regierung erweiterte sich die Stadt bedeutend.
Konrad IV. und Wilhelm von Holland, von 1250 bis 1256. Wilhelm bestätigt die Privilegien der Stadt in einer Urkunde vom 21. August 1253. In derselben wird Nordhausen zum ersten male als reichsfrei genannt.
Rudolf von Habsburg, 1273—1291, erklärt in einer Urkunde vom 28. Januar 1290 seine Versöhnung wegen des zerstörten Reichsschlosses; bestätigt die Statuten der Bürger und erteilt ihnen verschiedene Privilegien, in einer Urkunde vom 1. November 1290.
Adolf von Nassau von 1291—1298, bestätigt die Privilegien der Stadt in einer Urkunde vom 11. Januar 1293.
Albrecht I. von 1298 bis 1308, bestätigt die alten Rechte und Statuten der Stadt in einer Urkunde vom 3. Juli 1306.
Heinrich VII. von 1308 bis 1313, hat während der kurzen Dauer seiner Regierung, er starb plötzlich auf einem Feldzuge gegen den König von Neapel, nichts für die Stadt thun können.
Ludwig der Baier, 1314—1347, bestätigt die Privilegien der Stadt in einer Urkunde vom 24. April 1323; befreit Nordhausen von der geistlichen Gerichtsbarkeit in nicht geistlichen Sachen, Urkunde vom 1. Mai 1323; erklärt sich für befriedigt wegen seiner Forderungen an die Bürger zu Nordhausen, behält sich aber die Juden der Stadt als Kammerknechte vor in einer Urkunde vom 9. August 1323; befiehlt den Nordhäusern die widerspenstigen Geistlichen nicht länger zu hegen, in einer Urkunde vom Jahre 1331; bestätigt den Vertrag über die Heimsteuer, welche die Stadt seinem Schwiegersöhne Friedrich von Meißen geben soll, 26. März 1333; ladet die Bürger wegen Nichtzahlung derselben vor Gericht, 5. August 1336; spricht die Stadt aber später von allen seinen Forderungen frei; 24. Oktober 1337.
Karl IV. von 1347 bis 1378, bestätigt und erweitert die Privilegien der Stadt, 11. August 1349; überweist die Güter der in der großen Judenverfolgung umgekommenen Juden der Stadt, 22. Juli 1350; erklärt, daß die Stadt nicht wieder vom Reiche versetzt werden soll, 18. Juli 1354; befiehlt die Aufhebung einiger Zölle in Thüringen, wodurch die Bürger beschwert werden, 28. März 1368; verbietet das Brauen und die Märkte 1 Meile um die Stadt, 28. März 1368; bestätigt den Bürgern den Kauf des Kohnsteins von Heinrich von Salza und erlaubte der Stadt Reichslehen 3 Meilen um die Stadt zu kaufen, 28. März 1368; erteilt den Bürgern Erlaubnis zur Erweiterung und Befestigung ihrer Stadt, 28. März 1368;
Wenzel von 1378 bis 1400, spricht die Bürger los von allen Schuldforderungen der Juden und bestätigt ihre alten Rechte; beschützt sie in dem Streite mit dem Hohnsteiner.
Siegismund von 1410—1437, unter ihm wütet der Hussitenkrieg; thut wenig für Deutschland, noch weniger für die einzelnen Städte.
Albrecht II. von 1437—1439, ein thätiger Fürst, aber wegen seiner- kurzen Regierung konnte er nicht in die Einzelverhältnisse eingreifen.
Friedrich III. von 1440 bis 1494, ein schwacher Fürst, der seiner Zeit nicht gewachsen war. Unter ihm geht das Stadtregiment seinen ruhigen festen Gang.
Maximilian I. von 1494—1519. Unter seinem Regiment mehrt sich die Wohlfahrt der Städte. Der Hansabund, ein Städtebund zur Be- schützung des Handels, dem auch Nordhausen beitritt, bildet sich. Die Reichsstädte werden immer unabhängiger von dem Kaiser. Die Reformation Luthers beginnt, und Nordhausen ist eine der ersten Städte, die die evangelische Lehre annimmt.
Karl V. von 1519 bis 1556. Bauernkrieg; auch in Nordhausen wüten die aufrührerischen Bauern. Augsburger Religionsfrieden 1555.
Ferdinand I. von 1556—1564, mild und thätig für das Reich. Giebt eine neue Münzordnung; gründet das deutsche Reichsgericht, beides auch für Nordhausen von Bedeutung.
Maximilian II. von 1564 bis 1576, mild, thätig und duldsam.
Rudolf II. von 1576 bis 1612, ohne Bedeutung für die Stadt.
Matthias von 1612 bis 1619; unter ihm bricht der unglückselige dreißigjährige Krieg aus.
Ferdinand II. von 1619 bis 1637. Nordhausen leidet unter den Kaiserlichen und Schweden.
Ferdinand III. von 1637 bis 1657; westfälischer Friede 1648.
Leopold I. von 1658 bis 1705. Unter seiner Regierung entsteht das Königreich Preußen. Preußische Truppen unter Oberst Tettau besetzten die Stadt, um den Ansprüchen wegen des von Sachsen erkauften Reichsschultheißen- und Vogteiamts Nachdruck zu geben.
Joseph I. von 1705 bis 1711. Wegen des Streites mit Preußen verbietet der Kaiser die neue Ratswahl. Sonst ohne Einfluß.
Karl VI. von 1711 bis 1740. Preußen verkauft das Reichsschultheißenamt an Nordhausen.
Karl VII. von 1742—1745 und Franz I. von 1745 bis 1765. Erster und zweiter schlesischer Krieg. Friedrich II. König von Preußen. Auch Nordhausen leidet in diesem Kriege.
Joseph II. von 1765 bis 1790, weniger für das Reich, als für sein Erbland Österreich thätig.
Leopold II. von 1790 bis 1792, ohne jegliche Bedeutung für die Stadt. Ausbruch der französischen Revolution.
Franz II. von 1792 bis 1806, letzter deutscher Kaiser. Unter ihm nehmen die französischen Wirren überhand. Die deutschen Reichstruppen werden den übermütigen Franzosen entgegen geschickt, auch das nordhäusische Reichskontingent unter Hauptmann von Meyern rückt in dieser Eigenschaft zum letzten male aus. Nordhausen verliert seine Reichsfreiherrlichkeit mit dem Ende des deutschen Reichs und wird eine preußische Kreisstadt.

Anhang[Bearbeiten]

D'r Märtensobend zu Nordhusen.[Bearbeiten]

Von F. Duval.

Der Antiquarius Fischer in Nordhausen bemerkt hierzu in den von ihm 1876 herausgegebenen: Fliegenden Blättern aus dem antiquarischen Museum, I. Heft: „Der Martins-Abend wird seit undenklichen Zeilen in Nordhausen auf das glanzvollste gefeiert und ist gleichsam die Nordhauser Kirmeß, und mancher opfert oft mehr, wie in seinen Kräften steht. So viel steht aber fest, daß die Gastfreundschaft im höchsten Maße geübt wird. Bei vielen Bewohnern, Brennherren, fängt der Martini-Abend schon 14 Tage vorher an, d. h. 14 Tage vorher ist für die Kunden schon alle Abend offene Tafel, desgleichen auch 14 Tage nach Martini, und man sagt sogar, daß in den Gasthöfen am Martinitage das Essen und auch das Trinken (?) franko verabreicht würden."

Motto: Wär nich liebet Wien, Wieb un Gesang, Där bliebet änn Narre sinn Läben lang!

Wär freit sich nich, wärm zu Märtin Kahr fierlich die Klocken kiehn,
Un Lied un Kleßer klingen,
D' Sänger bi das Rohthuß ziehn,
Un Hunnerte von Menschen schtiehn,
„Ein feste Burg!" zu singen.

Dach einmal kannte hä dach nich
Zum Märtensobend reise;
D' Wäge waren kahr su schlächt,
Äß paßte äbberhaupt nich rächt,
Verschnoit war jede Kleise.

Als Dokter Justus Jonas saß,
Blaukuhl un Kensebroten aß,
Do kloppte's an de Pforte.
Änn Brief von Dokter Luthersch Hand,
Änn schtark Packeht war mött gesandt,
Benäbest disser Worte:
„Dem alten Doktor Jonas
Schickt Martin Luther ein schön' Glas,
Es lehrt sie alle beide fein,
Daß sie zerbrechliche Gläser sein!

Zugleich Hab' ich auch mitgesandt,
Gemalt von Lukas Kranach's Hand
Mein und Kathrinens Konterfei
Auf Martinskerzen! Nebenbei
Wünsch' ich, daß Euch am Martinstag
Gesund mein Schreiben treffen mag."

Droihundert Jahre sinn verkiehn;
Dach Märtinsobends äß zu siehn
Binoh uff jeden Tische
Änn Känschen, Kuchen, Schnaps un Wien,
Un bunte Liechter ubendrinn,
Au woll sukahr nach Fische.

Zunn Töppern un zunn Krimmel rinn
D' Buhren mött d'n Kensen ziehn,
Die kaaken un die schnattern.
Au mancher Kaneist äß dermank,
D' Bühren lachen sich halb kran
Mött Wasen un Gevattern.

An Markte Kopp an Koppe schtieht,
Un manche Mahd un Hußfrau zieht
Verbie an Korb un Fuhren
Un fraht värrhär nach jeden Pries:
Was kost dänn das, was kost dänn diß,
De Knähchte un de Bühren.

Un Hunnerte, die sinn nich suhl Un schleppen Zippeln, blauen Kühl In Körben un in Secken;
Borschteppel un au Koppsalat
Zun Kensebrohten, 's äß änn SchtahL!
Schtiehn do an allen Ecken.

Nach Botter abber sinn se schlimm,
Se schlohn sich merklich bohle drimm
Bi Kelten und bi Neppen;
Se äß zwort hiete mächtig thier,
Dach, 's Kuchenässen macht Plesihr,
Drimm kiehts in einen Schleppen.

Mött Ahnstand un mött Schtolze kieht —
Wie me hier uff den Bille sitt —
Ne Frau mött ehren Känschen;
Se denkt, änn Rohtskauf äß gemacht.
D'r Buer in sinn Fiestchen lacht,
„Adje minn liebes Hänschen!"

's äß wahr! Du duerst merklich mich,
Sieht sächzähn Jahren hott ich dich,
Ich mansch' uch gute Zehne!
Ich will mant libber Heime kieh,
Daß ich das Piest nich wädder krieh,
„Adje drimm, Nappersch Lehne!"

Zusammen laift das kanze Huß,
De Mahd die langet's Wässer ruhs,
D' Kinger sinn fast Lulle;
Se hält d'r Kans d'n Schnabel zu
Un schlacht'L un ruppt in aller
Ruh Un senget d' Frau Wulle.

Au manche denkt: „Was schtieh ich hier?
D' Kense sinn mich dach so thier,
Was hilft mich do min Gaffen?
Su vehle meng' ich dach nich ahn,
Ich kaufe libber mich änn Hahn
Un brohten mich in Schaffen."

D' Kuchen menget in de Frau,
D' kleinen Kinger hälfen au,
Äß wülgert mött d'r Ohle;
Pappa, zick man d' Hosen schtramm!
D' Votier machte sich so klamm,
D'r Teick där kämmet bohle!

War möchte nich an Kornmartt kieh',
D' Wannen mött d'n Karpen sieh',
Wie die so lustig schnappen,
Du abber, Zeinbock, mach dich furt,
Kieh libber nach Rowinschens durt,
Sinst krichster uff de Kappen.

Plesihrlich äß eß anzesiehn,
Wie Kinger mött Geschenken kiehn,
Die se d'n Lehrer brengen.
Mött bunten Lichtern, Kans un
Wien D' Kinger nach d'r Schule ziehn,
Fischnetze in d'n Hengen.

D'rim frein mi uns, wann zu Martin
Kahr fierlich die Klocken kiehn
Un Lied un Klesser klingen,
D' Sänger bi das Rohthuß ziehn,
Un Menschen Kopp an Koppe stiehn
„Ein feste Burck" zu singen.

Un alle fremden Keste sinn,
Die rinn zu unsen Thore ziehn,
Willkommen zu Märtine.
Un Dokter Luthersch wärd gedohcht,
Un manches Vivat ehn gebrocht
Bi Brohten un bi Wiene.

Hier äßen se das Obendbruht,
D'r Meister äß värr Schrecken tudt,
Sie wackelt mött d'n Muhle,
Änn ohler Kunne tritt herzu,
D'r ohle Kroße mött drzu,
Se fellt binoh vonn Schtuhle.

Dach frein mih uns, wärm zu
Märtin Kahr fierlich de Klocken kiehn,
Un Lied un Klesser klingen.
Wär nich liebt Wien, Wieb un Gesank,
Där äß ann Narr sinn Läben lank,
Mih fruh un frehlich singen.



  1. Hermann Fischer, Buchbinder und Antiquar.
  2. In diesem Jahre, am 11. Januar, schlug der Blitz in den St. Petriturm.