Der Kurialist Johannes Sander aus Nordhausen (1455–1544)

Textdaten
Autor: Karl Meyer
Titel: Der Kurialist Johannes Sander aus Nordhausen (1455–1544)
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aus: Thüringisch-sächsische Zeitschrift für Geschichte und Kunst, I. Band
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1911
Verlag: Gebauer-Schwetschke
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Erscheinungsort: Halle
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Der Kurialist Johannes Sander aus Nordhausen (1455–1544)
Von Karl Meyer – Nordhausen.

Johann Sander wurde, vermutlich als ein Sohn des Gildemeisters Kersten Sander, am 14. Juli 1455 zu Nordhausen geboren und bezog im Frühling des Jahres 1476 die Universität Leipzig, wo er zwei Jahre Jura studierte und sodann Baccalaureus und Magister wurde. Br trat hierauf in den geistlichen Stand und wurde Kanonikus des Marienstifts zu Erfurt. Im Jahre 1506 besaß er (nach dem Registrum subsidii) außerdem noch die Vikareien des Friihmeßaltars in der Domkirche, am Altare der Mutter Maria und des Täufers Johannes in der Altendorfsklosterkirche und am Altare der Heiligen Valentinus, Cosmas und Damianus in der St. Petrikirche zu Nordhausen, am Altare der heiligen Anna und am Altare des heiligen Livinus in der Pfarrkirche zu Ellrich und die neue Vikarei zu Udersleben (bei Frankenhausen).

Im Jahre 1494 ging Johann Sander nach Rom und trat in den Dienst der Kurie. 1497/8 wurde er zum Notar der Rota, des höchsten Gerichtshofes der katholischen Christenheit, ernannt. Am 10. Februar 1505 trat „dominus Johannes Sander de Northusen, palatii causarum apostolici notarius“ der Anima-Bruderschaft zu Rom als Mitglied bei.

Diese Bruderschaft verwaltete die 1386 bis 1406 durch Johannes Petri gegründete deutsche Nationalstiftung des Hospitals und der Kirche St. Mariae de Anima, nahm arme deutsche Rompilger beiderlei Geschlechts auf, bestellte die Gottesdienste und die Gebete für die Mitglieder der Bruderschaft und fiir die Wohltäter aus allen Teilen des deutschen Reiches in der Hospitalkirche.

Johann Sander erpachtete 1508 von den Provisoren der Animabruderschaft ein baufällig gewordenes Haus des Hospitals lebenslänglich für sich und zwei von ihm zu nennende Personen für den Zins von 16 Golddukaten und verpflid1tete sich dagegen, innerhalb zweier Jahre 500 Dukaten zum Bau dieses Hauses aufzuwenden. Er verwendete jedoch binnen Jahresfrist 1000 Dukaten zum Bau des Hauses, welches bis auf den heutigen Tag das „Sanderhaus" heißt. Die Provisoren seßten infolgedessen den Mietspreis auf 12 Dukaten herab und erteilten ihm das Recht, noch einen dritten Besit5nad1folger zu bestimmen.

Als Besitznachfolger machte Johann Sander die drei Söhne seiner mit dem Nordhäuser Bürger Martin Ferer verheirateten Schwester Margarete, Nikolaus, Johann und Joachim Ferer, namhaft.

Nikolaus Ferer hatte auf den Universitäten Leipzig und Erfurt Theologie studiert, ging dann zu seinem Oheim Johann Sander nach Rom, trat in den Dienst der Kurie, ließ sich zugleich mit seinem Bruder Johann in die Anima-Bruderschaft aufnehmen, starb am 2. Ãugust 1514 im Sanderhause und wurde in der Hospitalkirche begraben. Sein Oheim Johann Sander, der damalige Provisor regens, trug die Nachricht von seinem Tode und Begräbnisse eigenhändig in das Totenbuch der Anima-Bruder schaft ein. _ Johann Ferer hatte auf der Universität Erfurt Theologie studiert, ging 1514 nach Rom zu seinem Oheim Johann Sander, kehrte dann nadı Deutsdiland zurüds und wurde Domherr am Nordhäuser Domstifte St. Crucis. Br starb 1544 in Rom, wohin er wegen der Erbschaft seines Oheims gereist war. - Joachim Ferer lebte als Bürger in Nordhausen und starb vor 1563, wo seine Witwe erwähnt wird. Johann Sander bewohnte das sd1öne vierstöckige „Sanderhaus“ in der via dell' Anima bis zu seinem Tode. Seit 1509 war er Provisor der Anima; im März 1513 übernahm er als Provisor regens die Oberleitung des 1500 begonnenen Neubaues der Animakirche, zu dem er 1510 die Summe von 50 Dukaten spendete. Am 23. November 1511 fand die Einweihung der Animakirche statt, welcher wahrscheinlich der damals in Rom weilende Augustinermönch Dr. Martin Luther beigewohnt hat. In seinen Tischreden erwähnt dieser später seines Besudıes der Animakirche und rühmt mit großer Wärme von ihr, sie sei die beste Kirche der Stadt Rom, da sie einen deutschen Pfarrherrn besitze und in ihr das Evangelium in deutscher Sprache verkündigt werde. Von der Rota, in der Johann Sander wirkte, sagt Luther: „In ihr werden die Händel und Rechtssachen fein reditmäßig gehört, erkannt, verrichtet und geörtert.“

Nach Beendigung des Kirchenbaues betrieb Johann Sander den Bau des Hospitals von 1513 bis 1516 und die Abzahlung der noch restierenden Kirchenbaugelder bis 1528. Bei der Plünderung Roms durch die Krieger Kaiser Karls V. vom 7. Mai 1527 ab hatten auch das Hospital und die Kirche der Anima schwer zu leiden. Johann Sander selbst scheint dabei glimpflich davongekommen zu sein. Er stellte 1528 ein Inventar des geretteten Eigentums des Hospitals auf und suchte die Schäden zu heilen. 1530 ließ er eine der Geburt der Maria geweihte Nebenkapelle der Animakirche durch den Niederländer Michael van Coxie (1497 bis 1592) malerisch ausschmücken. In dieser Nebenkapelle erbaute sich Johann Sander 1533 eine Gruft, in der er die legte Ruhe finden wollte. Der damals 78jährige Greis setgte sidw selbst einen einfachen Grabstein mit der lnschrift: „Joannes Sander Northusanus, Germaniae proximus silvae natus, Duringus, Erfurdiae Maguntinae dioecesis canonicus, . . . . . Rotae notarius, primae domus hospitalis Teutonicorum urbis structor, illiusque et huius capellae excultor, considerans, hominem vanitati similem frustraque turbari et fugere velut unbram; priusquam abiret et amplius non esset, LXXVlll aetatis suae anno vivens hoc monumentum posuit anno salutis MDXXXIII.“

Am 11. August 1544 starb Johann Sander im Alter von 89 Jahren 28 Tagen. Sein Leichnam wurde in der von ihm erbauten Gruft beigesetzt.

Mit seinem Sterbejahre (1544) schließt der Nekrolog der Wohltäter der Anima. Kein Kurialist mehr machte der Anima-Bruderschaft große Schenkungen; die Treuen aus Deutschland waren mit ihm an der päpstlichen Kurie ausgestorben.

(Nach der handschriftlichen „Geschichte der aus Nordhausen stammenden Familie Sander“ von Hauptmann a. D. H. Sander in Göttingen, mit Genehmigung des Verfassers.)