Boelcke-Kaserne Nordhausen

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Boelcke-Kaserne Nordhausen (auch Luftnachrichten-Kaserne Nordhausen) wurde 1935 für die Luftwaffe erbaut.

Das weitläufige Gelände war mit Unterkunftsgebäuden, Fahrzeughallen und großen Hangars ausgestattet. Der Fliegerhorst diente vor allem als Schulungs- und Testgelände, zeitweilig war hier auch eine Flugzeugwerft in Betrieb. Seit Herbst 1943 wurde die Anlage nicht mehr militärisch für den Luftkrieg genutzt; bis Sommer 1944 beherbergte die Anlage eine Luftnachrichtenschule.

Im Januar 1945 wurde hier ein Außenlager des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora errichtet.

Geschichte[Bearbeiten]

Kaserne[Bearbeiten]

Die Kaserne wurde 1936 der Luftwaffe übergeben und nach dem Jagdflieger Oswald Boelcke benannt. Das Areal wurde im Norden begrenzt von der Kyffhäusertraße und Zorge. Im Westen begann das Kasernengelände mit der Straße Am Rasen. Im Süden lag die Eisenbahnlinie.

1935/36 entstanden zwei Offiziershäuser, die Heinzhäuser 1-3, ein Stabsgebäude, die Geswchäftshäuser 1-5, die Kasernen Block 1-10, die Lehrgebäude 1 und 2, eine Funksendestelle, die Wirtschaftsgebäude 1 und 2 mit Kasino, die Kraftwagenhalle 1-5, eine Werktstatt, eine Wache, ein Arrestgebäude, Schießstand, Wasserwerk, Trafostation und zwei Tankstellen.[1] Hinzu kamen an Holzbauten das alte und das neue Krankenrevier, eine Küche sowie diverse Baracken.

Am 17. November 1936 wurde mit einer Pressemitteilung offiziell die Luftnachrichten-Ersatzabteilung II/3 stationiert. Sie bestand aus drei Kompanien unter dem Befehl von Major Haenschke. 1939 lief die stationierte Einheit als 1. Abteilung des Luftgau-Nachrichtenregiments 4, bestehend aus:[2]

1. Kompanie (Leutnant Karl Neuber)
6. Kompanie (Leutnant Eberhard Kober)
11. Kompanie (Leutnant Fritz Jäger)

1940 erhielt das Objekt die endgültige Bezeichnung „Luft-Nachrichten-Schule 1“.[2] Die LNS1 bildete Bordfunker und Flak-Bodenfunker aus. Im September 1942 konnte mit einer Belegung von 148 Ausbildungssoldaten die höchste Auslastung erreicht werden.[2] Von 1942 bis 1944 wurden auch Soldaten der rumänischen Luftwaffe geschult.

Ende August 1944 wurde der Ausbildungsbetrieb eingestellt und Bordfunkerschule aufgelöst. Bei deinem Luftangriff auf den Fliegerhorst am 7. Juli 1944 kam ein Offizier ums Leben.

US-Luftaufnahme der Stadt Nordhausen (1944). Am unteren Bildrand ist der Fliegerhorst von Nordhausen und am rechten mittleren Bildrand die Boelcke-Kaserne zu erkennen.

Neben dem Gefangenenlager bzw. Außenlager von Dora-Mittelbau waren 1944/45 auch Wolhynien- und Bessarabiendeutsche, ausländische Zwangsarbeiter und deutsches Militär untergebracht.[1]

Gefangenenlager[Bearbeiten]

Seit 1943 waren rund 200 französische und sowjetische Fremdarbeiter in der Kaserne untergebracht, die für das Maschinenbauunternehmen MABAG (Maschinen- und Apparatebau AG) Zwangsarbeit verrichteten. Im Frühsommer 1944 richteten die Junkers Flugzeug- und Motorenwerke in den geräumten Mannschaftsunterkünften der Boelcke-Kaserne ein Lager für 6000 ausländische Zwangsarbeiter ein, die im Kohnstein Strahltriebwerke montieren mussten.[3]

Anfang Januar 1945 vegetierten auf dem Kasernengelände ca. 10.000 Zwangsarbeiter. Auf dem Areal befand sich eine Wache mit Arrestzellenbau, zehn Mannschaftsunterkünfte, zehn Verwaltungs-, Lehr- und Werktstattgebäude, fünf langgestreckte Fahrzeughallen und 20. Holzbaracken.[4]

Außenlager von Mittelbau-Dora[Bearbeiten]

Männliche Einwohner Nordhausens tragen unter Bewachung von Angehörigen der US-Armee tote Häftlinge aus der Boelcke-Kaserne und legen sie vor dem Weitertransport in Massengräber davor ab. Bei Weigerung drohte Entzug der Lebensmittelmarken

Um den 8. Januar 1945 wurde in zwei Fahrzeughallen der Kaserne ein Außenlager des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora eingerichtet. Zu dieser Zeit betrug die Belegstärke einige hundert Häftlinge, deren Zahl bis Anfang April 1945 auf 6.000 Personen stieg.[5] Das Außenlager umfasste mit „Halle I“ vier Blöcke sowie eine Häftlingsküche, in der zweiten, durch Stacheldraht isolierten Halle lagen die Blöcke 5, 6 und 7 und das Revier.

Lagerführer war Heinrich Josten mit Stellvertreter Josef Kestel. Den Häftling-Arbeitseinsatz leitete Hans Zogalla.

Das Außenlager war von der Kaserne durch elektrisch geladenen Stacheldraht gesichert und fungierte bis Ende Januar als Sammelpunkt für Häftlinge, die bei Niedersachswerfen den Stollenvortrieb im Kohnstein schufen sowie in der Fertigung bei rund 30 Nordhäuser Rüstungsfirmen eingesetzt waren.

Ab Ende Januar 1945 war „Halle II“ das zentrale Kranken- und Sterbelager des Konzentrationslagers Mittelbau und der Nebenlager.

Am 22. Februar 1945 griffen gegen 12:30 Uhr US-amerikanische Bomber den Verschiebebahnhof an, trafen jedoch u. a. die Fernmeldeschule der Luftwaffe in der Boelcke-Kaserne.

Am 1. April 1945 waren in der Boelcke-Kaserne 5.713 Männer untergebracht. In der Woche zwischen den Luftangriffen auf Nordhausen und dem Eintreffen der US-Armee starben täglich bis zu 100 Menschen.[4] Gründe waren die völlige Vernachlässigung durch fehlende Nahrung und katastrophale hygienische Bedingungen. Bei den Luftangriffen am 3. und 4. April 1945 wurde die Boelcke-Kaserne schwer getroffen; die Bomben detonierten auf den Lagerstraßen und in den Unterkunftsblöcken.[6] Rund 1.300 Leichen wurden aus den Trümmern geborgen.[4] Nach dem Luftangriff setzten sich die SS-Wachmannschaften ab.

Als die ersten amerikanischen GI am 11. April 1945 im Lager ankamen, fanden sie hunderte Leichen, die verstreut auf dem Gelände lagen. In mehreren Hangars gab es keine Überlebenden, und in anderen fanden sich nur wenige lebende Insassen, die zwischen den Leichen lagen. Die Situation war so katastrophal, dass die Sanitäter der 104. Infanteriedivision dringend medizinische Verstärkung und Versorgung anfordern mussten. Mehr als 400 deutsche Zivilisten, die in unmittelbarer Nähe des Lagers lebten, wurden gezwungen, die Leichen zu bergen. Trotz der Errichtung eines Lazaretts starben in den nächsten Tagen 2.000 Häftlinge.[4] Insgesamt kamen 3.000 Häftlinge in den drei Monaten des Bestehens des Boelcke-Lagers ums Leben..[4]

Der ehemalige Lagerführer Heinrich Josten wurde im Krakauer Auschwitz-Prozess 1947 zum Tode verurteilt und im Januar 1948 hingerichtet. Sein Stellvertreter Kestel wurde im Dachauer Buchenwald-Prozess ebenfalls zum Tode verurteilt und im November 1948 in Landsberg am Lech hingerichtet.

Nachkriegszeit[Bearbeiten]

Im August 1945 stellte das Wohnungsamt nach einer Begehung fest, dass die unzerstörten Objekte der Kaserne mit geringen Aufwand an Material und Handwerken zu Wohngebäuden umgebaut werden könnten.[1] Am 11. Oktober 1945 brach in der Kaserne Block 3 ein Feuer aus, dass am Folgetag gelöscht werden konnte. Ende 1945 richtete Oberbürgermeister Karl Schultes ein Gesuch an den Chef der Sowjetischen Militäradministration des Landes Thüringen mit der Bitte um Übergabe der Kaserne an die Stadt Nordhausen.[1] Das Areal befand sich zu diesem Zeitpunkt ist einem verheerenden Zustand.

Zitat An ein Aufräumen der Kaserne ist bis heute noch nicht gedacht worden. Unter den eingestürzten Gebäuden liegen noch Tote, die von Ratten und anderem Ungeziefer angefressen, ja man kann sagen – aufgefressen – wurden. [...] Erst in den vergangenen Tagen konnten wiederum 3 Leichen geborgen und 2 davon identifiziert werden. Es handelt sich hierbei um italienische Arbeiter. Bei der 3. Leiche konnten die Personalien nicht mehr festgestellt werden. Zitat
                    — Bericht der Kriminalpolizei Nordhausen am 3. August 1946.[1]

Am 7. August 1946 kam die Kaserne schließlich an die Stadt durch den Chef der Verwaltung der Sowjetischen Militäradministration für Thüringen, Garde-Generalmajor Iwan Sasonowitsch Kolesnitschenko. Er ordnete an, dass die Nordhäuser Bevölkerung die Kasernengebäude abgetragen und die gewonnenen Baumaterialien in erster Linie zum Aufbau von Wohnungen und Kleinbetrieben verwendet werden soll. Noch im August wies Oberbürgermeister Schultes die Stadtverwaltung an, „sämtlich zur Verfügung stehenden Kräfte sofort zur Boelcke-Kaserne abzustellen, um das gesamte Elektro-Installationsmaterial zu bergen.“[1] Nordhäuser Firmen wurden ferner beauftragt, Wandfliesen und -Platten abzubauen.

Die Hallen längs zur Eisenbahn sowie die ersten fünf Blocks unmittelbar gegenüber den Hallen wurden 1947 der Industrie zur Verfügung gestellt. Bis 1950 siedelten sich die Betriebe VVB Thüringer Altstoff- und Schrotthandel Nordhausen (2,8 ha), VVB Bau Thüringen, KWU der Stadt Nordhausen (3,6 ha), Schachtbau- und Bohrbetriebe Nordhausen (14,8 ha) und ABUS Maschinenbau Nordhausen (3,35 ha) an.

In den 1960er Jahren wurden auf dem Gelände Neubauten errichtet und das Areal zur Ansiedelung von weiteren Industriebetrieben genutzt.

Seit den 1970er Jahren erinnert ein Gedenkstein an die Opfer des Außenlagers in der Boelcke-Kaserne.

Zitate[Bearbeiten]

  • „Nach den Luftangriffen und der Besetzung Nordhausens durch die US-Armee am 11. April 1945 war das Grauen des Krieges noch in den Gesichtern meiner Eltern abzulesen, wenn mein Vater vom Zwangseinsatz an der Boelcke-Kaserne kam. Männliche Einwohner Nordhausens mussten Hunderte Leichen von KZ-Häftlingen, die dort an Krankheit und Unterernährung gestorben oder durch Bomben der Royal Air Force ums Leben gekommen waren, zu einem Massengrab gegenüber dem Neuen Friedhof tragen. Bevor mein sichtlich erschütterter Vater in die Wohnung trat, versuchte meine Mutter, ihn mit Sakrotan-Lösung von oben bis unten zu desinfizieren.” — Manfred Neuber: Als der Zigarren-Verkäufer die Straßen kehren musste, Januar 2017.

Literatur[Bearbeiten]

Externe Verweise[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 Die Luftnachrichten-Kaserne (Boelcke-Kaserne). In: Nordhäuser Nachrichten. Südharzer heimatblätter 3/2003), S. 9 f.
  2. 2,0 2,1 2,2 Fred Dittmann: Fliegerhorst und Luft-Nachrichten-Schule 1., S. 38.
  3. Jens-Christian Wagner: Gesteuertes Sterben. Die Boelcke-Kaserne als zentrales Siechenlager des KZ Mittelbau. In: Dachauer Hefte 20, 2004, S. 127-138.
  4. 4,0 4,1 4,2 4,3 4,4 Jens-Christian Wagner: Nordhausen (Boelcke-Kaserne). In: Benz; Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 7. S. 320 f.
  5. Jens-Christian Wanger: Produktion des Todes. Das KZ Mittelbau-Dora, Göttingen 2001, S. 509
  6. Peter Kuhlbrodt: Schicksalsjahr 1945 – Inferno Nordhausen. 1995, ISBN 3-929767-09-0.