Gipsfabrik Juliushütte
Die Gipsfabrik Juliushütte war ein Gipsverarbeitungsbetrieb auf der Walkenrieder Gemarkung, der von 1877 bis 1929 in Betrieb stand. Sie war zeitweise die größte Gipsfabrik am Südharzrand und Namensgeber der gleichnamigen Arbeitersiedlung, die sich um sie herum entwickelte. Nach ihrer Schließung 1929 standen die Gebäude sieben Jahre leer, ehe sie 1936 für die Holzmehlfabrik Trinks weitergenutzt wurden.
Gründung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Fabrik wurde von dem Kaufmann Julius Bergmann aus Hattingen an der Ruhr gegründet, der gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Dr. Julius Weeren von der Walkenrieder Stiftsdomäne – der Nachfolgerin des ehemaligen Reichsstifts Walkenried – das Gelände um den Ponteiteich und an der Steingrabenklippe pachtete. Der Pachtvertrag trat zum 1. Oktober 1877 in Kraft und war ursprünglich auf 25 Jahre befristet, wurde jedoch vorzeitig bis 1914 und danach weiter verlängert. Die Konzessionsurkunde wurde auf Bitte Weerens an Franz Weeren in Ellrich zugestellt.[1]
Der Name Juliushütte leitet sich mit hoher Wahrscheinlichkeit vom Vornamen des Gründers ab. Mit dem Wohnhaus, das Bergmann neben der Fabrik für sich und seine Familie errichtete, entstand zugleich der Kern der gleichnamigen Siedlung.
Genehmigungsverfahren
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Fabrikgründung verlief nicht ohne Reibungen. Der Walkenrieder Ortsvorsteher Pfeiffer erfuhr von der Verpachtung durch die Domäne offenbar erst, als beim Ortstermin bereits ein fertig gemauerter Brennofen vorgefunden wurde. In einem Schreiben vom 12. November 1877 an die Kreisdirection Blankenburg beschwerte er sich über das Vorgehen. Der Blankenburger Kreisbaumeister Carl Frühling fand jedoch am 15. Dezember 1877 nichts gegen die Anlage einzuwenden, und die Fabrik wurde planmäßig ausgebaut.
Lage und Steinbrüche
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Betriebsgelände lag östlich des Walkenrieder Tunnels auf Walkenrieder Domänengelände, unmittelbar an der Südharzstrecke und dem Ponteiteich. Der abzubauende Rohgips stammte aus den auf Walkenrieder Gebiet liegenden Anrodeklippe und Steingrabenklippe, die sich südlich des Ellricher Bahnhofs erstreckten. Durch den intensiven Abbau über mehrere Jahrzehnte verschwanden beide Klippen vollständig; die Natur hat das Gelände inzwischen zurückerobert.
Die Lage auf braunschweigischem Domänengelände bei gleichzeitiger unmittelbarer Nachbarschaft zum preußischen Bahnhof Ellrich war für den Betrieb ideal: Der Abtransport der Fertigprodukte und die Anlieferung von Brennstoffen über die Bahn waren direkt möglich, ohne dass die Fabrik auf preußischem Boden hätte stehen müssen.
Technik und Produktion
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Brennverfahren
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Gips entsteht durch partiellen Wasserentzug aus dem natürlich vorkommenden Calciumsulfat-Dihydrat. Das so gewonnene Halbhydrat bindet nach erneutem Wasserzusatz ab. Die Juliushütte setzte zunächst auf Schachtöfen, später überwiegend auf Harzer Kocher.
Der Schachtofen wurde maßgeblich durch Albrecht Meier aus Walkenried weiterentwickelt: Durch Außenfeuerung, kontinuierliche Beschickung von oben und gleichmäßige Entnahme des fertig gebrannten Gipses unten ermöglichte sein Patent eine industrielle Produktion gleichbleibender Qualität. Der Harzer Kocher, der den Schachtofen in der Folge verdrängte, funktionierte nach dem Prinzip eines offenen Kochgefäßes: Rohgips wurde unter Außenfeuerung und ständigem Rühren erhitzt, das Wasser entwich nach oben – zusammen mit erheblichen Mengen Gipsstaub, der die Umgebung der Fabriken charakteristisch weiß einfärbte. Gesundheitsschädlich war der Gipsstaub im Gegensatz zu Kalkstaub nicht.
Die Juliushütte verfügte nach ihrem Ausbau über bis zu 16 Harzer Kocher, hinzu kamen mehrere ältere Schachtöfen. Maximal 18 bis 19 Öfen und Kocher sollen gleichzeitig vorhanden gewesen sein, jedoch nicht alle zugleich in Betrieb gestanden haben. Für den Mahlbetrieb wurde eine 36-PS-Dampfmaschine mit Bergmannschen Patent-Dampfkessel beschafft, der im Stammwerk der Familie in Hattingen gefertigt worden war.
Produkte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Fabrik stellte Mauergyps und Stuckaturgyps her, also Baugips für Mauerwerk sowie Feinputz für Innenverkleidungen. Beide Produkte wurden in großem Umfang als Baumaterial im wachsenden Deutschen Kaiserreich nachgefragt.
Bahnanschluss
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ein eigener Bahnanschluss an den Ellricher Bahnhof bestand zunächst nicht. Aus Bahnplänen im Hessischen Staatsarchiv Marburg geht hervor, dass der erste Plan von 1893 zwar einen Gleisanschluss für die auf preußischem Gebiet liegende Fabrik Friedrich Eulings verzeichnet, auf Walkenrieder Seite jedoch noch nichts dergleichen. Ein Plan von 1900 hingegen weist für die Juliushütte bereits drei Anschlussgleise auf dem Werksgelände aus, dazu ein Ausziehgleis zum Bereitstellen beladener Waggons. Der Rangierverkehr auf dem Werksgelände erfolgte offenbar mit Pferde- und Muskelkraft. Ein 1944 erstellter Übersichtsplan der Reichsbahndirektion Kassel – kurz vor Einrichtung des KZ-Außenlagers – dokumentiert den letzten Betriebszustand mit noch zwei Gleisanschlüssen.[2]
Belegschaft und Siedlung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bei Betrieb aller Anlagen arbeiteten schätzungsweise bis zu 60 Beschäftigte in der Gipsfabrik und den zugehörigen Steinbrüchen. Ein Teil von ihnen wohnte in den werkseigenen Wohnhäusern auf dem Betriebsgelände; weitere Arbeiter kamen aus Ellrich. Beschäftigte aus Walkenried sind nicht überliefert.
Das Wachstum der Fabrik ging mit dem Wachstum der Siedlung einher. Neben dem Bergmannschen Wohnhaus entstanden mehrere Arbeiterwohnhäuser. Für 1905 sind drei Wohngebäude mit 22 Einwohnern dokumentiert.
Konkurrenz und Gewerbegebiet
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Juliushütte war nicht das einzige Gipswerk auf Walkenrieder Gemarkung. In ihrer unmittelbaren Nachbarschaft entstanden zwei weitere Betriebe:
- Kohlmann & Co. (gegr. 1892): Die Fabrik der in Ellrich ansässigen Firma Rudolph Kohlmann umfasste beim Bau sechs Harzer Kocher, einen freistehenden Schachtofen zum kontinuierlichen Brennen (errichtet ab Dezember 1892) und ebenfalls einen Bahnanschluss. Sie ging später in den Besitz des Ellricher Maurermeisters Zietzling über. Ein 1927 angelegtes Sprengstoffmagazin abseits der Fabrik sowie Reste eines Schachtofens sind im heutigen Waldgelände noch erkennbar.
- G. A. Müllges (gegr. 1899): Die Firma aus Ellrich baute die Walkenrieder Anrodeklippe ab. Sie wurde 1915 an Euling & Mack verkauft.
Für das Jahr 1900 sind im gesamten Ellricher Gipsrevier acht Fabriken mit insgesamt 400 Arbeitern dokumentiert. Auf preußischer Seite, südlich des Ellricher Bahnhofs, bestanden weitere Betriebe, darunter Euling & Mack. Vom Zug aus bot das Gebiet zwischen dem Ponteiteich und der Straße nach Gudersieben das Bild eines zusammenhängenden Industriereviers mit zahlreichen Schornsteinen und einer durchgehenden Front aufgebrochener Gipsklippen.
Krise und Schließung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Wirtschaftlicher Druck
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Überproduktion im Südharzer Gipsrevier führte nach dem Ersten Weltkrieg zu einem anhaltenden Preisverfall. 1926 schlossen sich die Betreiber zu einer gemeinsamen Verkaufsstelle in Nordhausen zusammen, um die Produktion zu koordinieren und die Preise zu stützen. Da die vorhandenen Kapazitäten den Markt bei Weitem überstiegen, war die Schließung einzelner Werke unvermeidlich.
Stilllegung 1929
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Am 2. Februar 1929 wurde die Gipsfabrik Juliushütte als – mit Abstand größter – von zwei betroffenen Betrieben stillgelegt; der zweite war die Schwarzehütte bei Osterode. Am 6. Februar 1929 wurden die zuletzt noch 44 von 51 Beschäftigten entlassen, zu Beginn der Weltwirtschaftskrise und ohne Abfindung. Die Familie Bergmann erhielt für ihre Zustimmung zur Schließung eine Entschädigung.
Warum ausgerechnet das größte Werk traf es? Zeitgenössische Gerüchte sprachen von Qualitätsproblemen: In den zur Neige gehenden Steinbrüchen könnte zunehmend Anhydrit statt reinem Gips abgebaut worden sein, was zu Reklamationen geführt haben soll. Möglicherweise fehlte auch das Kapital für notwendige Modernisierungen. Gesichert ist keines davon.
Leerstand
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Fabrikgebäude standen von 1929 bis 1936 leer. Die Wohnhäuser blieben bewohnt; die Bewohner suchten sich Arbeit andernorts. Die alten Steinbrüche begannen zuzuwachsen.
Nachnutzung der Gebäude
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ab 1936 übernahm der Erfurter Unternehmer Armin Trinks die leerstehenden Fabrikbauten für die Produktion von Holzmehl. Die Gebäude wurden damit in eine andere Nutzung überführt, ohne dass sie grundlegend umgebaut wurden. Die Gleisanschlüsse und die Infrastruktur blieben erhalten und wurden später – im Kontext des ab 1944 eingerichteten KZ-Außenlagers – für die Verladung der Häftlinge genutzt.
1964 wurden die verbliebenen Gebäude gemeinsam mit der gesamten Siedlung durch den Bundesgrenzschutz gesprengt und abgetragen. Heute sind keine oberirdischen Reste der Gipsfabrik mehr vorhanden.
Überreste im Gelände
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Trotz der vollständigen Bebauungsbeseitigung sind zwei Relikte der Gipsindustriezeit im heutigen Waldgelände erhalten und vom Rundweg des ehemaligen KZ-Geländes aus zugänglich und beschriftet:
- Fragmentarischer Schachtofen oberhalb des KZ-Geländes, der nach Lage und Bauweise der Firma Kohlmann & Co. zugeordnet wird.
- Sprengstoffmagazin der Firma Kohlmann & Co. von 1927, bestehend aus gemauerten Lagerkammern abseits der ehemaligen Fabrik.
Der heutige Rundweg des KZ-Gedenkgeländes verläuft auf einem Damm, der einst die Gleise einer Feldbahn trug.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Michael Reinboth (Bearb.): Die Juliushütte. Eine verschwundene Siedlung im Spiegelbild deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts. (= Schriftenreihe des Vereins für Heimatgeschichte Walkenried, Heft 56). Papierflieger Verlag, Clausthal-Zellerfeld 2025, ISBN 978-3-98870-051-3.
- Peter Kuhlbrodt: Das alte Ellrich. Geschichte einer Südharzstadt.