Juliushütte

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Darstellung des Gipswerkes Juliushütte um 1900

Die Juliushütte war eine Arbeitersiedlung auf der Walkenrieder Gemarkung im heutigen Landkreis Göttingen, die von 1877 bis 1964 bestand. Sie entstand im Zuge der Industrialisierung des Südharzer Gipsreviers östlich des Walkenrieder Tunnels, an der Südharzstrecke nahe dem Bahnhof Ellrich, und war trotz ihrer wirtschaftlichen Orientierung auf das preußische Ellrich stets Teil der braunschweigischen Gemeinde Walkenried. Bekannt wurde die Siedlung durch das dortige Konzentrationslager-Außenlager Juliushütte von Mittelbau-Dora.

Großer Pontel bei Juliushütte im Dezember 2019

Die Siedlung lag im Tal östlich des Höhenrückens Himmelreich, einem Karstgebiet mit Gipsformationen, Höhlen und seltenen Pflanzen, das seit 1949 unter Naturschutz steht. Der Ponteiteich, Hauptgewässer des Geländes, geht auf eine mittelalterliche Stauanlage des Klosters Walkenried zurück; Johannes Letzner erwähnte die zugehörige Teichkette bereits 1598 in seiner Walkenrieder Chronik. Die Südharzstrecke verläuft direkt durch das Gelände; die Grenze zwischen der Walkenrieder Gemarkung (Herzogtum Braunschweig, später Niedersachsen) und dem preußischen Ellrich verlief in unmittelbarer Nähe und sollte nach 1945 zum bestimmenden Faktor für das Schicksal der Siedlung werden.

Entstehung und Gründerzeit

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Voraussetzung: Der Bahnbau

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Die Entscheidung, die Eisenbahnstrecke Northeim–Nordhausen durch das Himmelreich zu führen, fiel unter anderem deshalb, weil das Herzogtum Braunschweig der bauenden Gesellschaft staatliches Gelände kostenfrei überließ. Mit der Streckeneröffnung am 1. August 1869 wurde der industrielle Abbau und Transport von Gips am Südharzrand erstmals wirtschaftlich rentabel. Als erste Bauten im Gelände entstanden zwei Bahnwärterhäuser beiderseits des Tunnels.

Gründung der Siedlung 1877

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Hauptartikel: Gipsfabrik Juliushütte

Der Kaufmann Julius Bergmann aus Hattingen an der Ruhr pachtete ab dem 1. Oktober 1877 Gelände der Walkenrieder Stiftsdomäne und errichtete dort eine Gipsfabrik sowie ein Wohnhaus. Die Anlage erhielt den Namen Juliushütte – vermutlich nach dem Vornamen des Gründers. Neben der Fabrik entstanden Arbeiterwohnhäuser, sodass von Beginn an eine kleine Werksgemeinschaft entstand. 1877 ist damit sowohl Gründungsjahr der Fabrik als auch der Siedlung.

Parallel entstanden auf Walkenrieder Gemarkung zwei weitere Gipsfabriken: die der Firma Kohlmann & Co. (gegr. 1892) und die der Firma Müllges (gegr. 1899). Bis zum Ersten Weltkrieg hatte sich östlich des Tunnels ein kompaktes Gewerbegebiet mit drei Fabriken, eigenem Bahnanschluss und mehreren Wohngebäuden entwickelt.

Rechtliche und kirchliche Zuordnung

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Die Juliushütte befand sich stets auf Walkenrieder Gemeindegebiet; Schulbesuch, Einkäufe und behördliche Angelegenheiten erledigten ihre Bewohner aber im näher gelegenen Ellrich. Erst 1903 wurden die Bewohner der Walkenrieder Kirchengemeinde zugeteilt. Diese Zwitterstellung – wirtschaftlich auf Ellrich, administrativ auf Walkenried ausgerichtet – prägte die Siedlung dauerhaft.

Niedergang der Gipsindustrie und neue Nutzung

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Die Wirtschaftskrisen nach dem Ersten Weltkrieg führten zur Überproduktion im Gipsrevier. Um den Preisverfall zu bremsen, verständigten sich die Betreiber auf eine koordinierte Drosselung, in deren Folge am 2. Februar 1929 die Juliushütte als größter Betrieb stillgelegt wurde. 44 Beschäftigte verloren ihren Arbeitsplatz. Die Wohnhäuser blieben bewohnt.

Ab 1936 nutzte der Erfurter Unternehmer Armin Trinks die leerstehenden Fabrikgebäude für die Herstellung von Holzmehl, das in der Rüstungsindustrie als Sprengstoffzusatz und als Kraftstoffersatz Verwendung fand. Die Fabrik beschäftigte neben deutschen Arbeitern auch ausländische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. Die Siedlung erlebte damit einen wirtschaftlichen Neubeginn, der bis 1944 andauerte.

KZ-Außenlager (1944–1945)

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Hauptartikel: KZ-Außenlager Ellrich-Juliushütte

Im Frühjahr 1944 wurden sämtliche Zivilbewohner – rund sechs Familien – kurzfristig nach Ellrich zwangsausgesiedelt, um Platz für ein Außenlager des KZ Mittelbau-Dora zu schaffen. Die Wohngebäude wurden von SS-Wachmannschaften belegt, der Lagerkommandant bezog das ehemalige Wohnhaus Bergmann/Trinks. In den alten Steinbrüchen entstanden Häftlingsbaracken. Ellrich-Juliushütte entwickelte sich zu einem der tödlichsten Außenlager des Mittelbau-Komplexes; es gilt als größter französischer Friedhof außerhalb Frankreichs. Nach der Räumung im April 1945 – kurz vor Einzug amerikanischer Truppen – kehrten die zuvor vertriebenen Bewohner zurück.

Nachkriegszeit an der Zonengrenze (1945–1952)

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Abschneiden von Ellrich

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Als die amerikanischen Truppen im Juli 1945 entsprechend den Beschlüssen von Jalta abrückten und sowjetische Verbände Ellrich übernahmen, verlor die Juliushütte schlagartig ihre gesamte Infrastruktur: Strom, Wasserversorgung, Bahnanschluss und Einkaufsmöglichkeiten waren ausschließlich auf Ellrich ausgerichtet gewesen. Armin Trinks behalf sich mit einem holzgasbetriebenen Generator; 1947 wurde eine neue Stromleitung von Walkenried aus gebaut. Die Produktion der Holzmehlfabrik lief nach kurzer Unterbrechung weiter.

Grenzübergangsstelle

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Die besondere Lage der Juliushütte – unmittelbar am Bahnhof Ellrich, mit dem unübersichtlichen Ruinengelände als Deckung und dem verschlungenen, den Einheimischen bekannten Grenzverlauf – machte sie zwischen 1945 und etwa 1952 zur meistgenutzten illegalen Grenzübergangsstelle im Bereich der britisch-sowjetischen Zonengrenze. Wochenzählungen des Walkenrieder Polizeireviers belegten täglich mehrere tausend Grenzgänger in beide Richtungen. Neben Flüchtlingen und Familienzusammenführungen prägten Schmuggel, Schwarzhandel und einzelne Gewalttaten das Bild.

Die Fabrik Trinks stellte ihr einziges Telefon für Notrufe zur Verfügung; Schussopfer, Vergewaltigungen und sowjetische Übergriffe bis auf britisches Territorium sind in den Polizeiakten dokumentiert. Unter den Personen, die die Juliushütte als Schleuserroute nutzten, befand sich auch der spätere Serienmörder Rudolf Pleil.

Wegen der gewachsenen Einwohnerzahl – die Siedlung zählte nach Kriegsende zeitweilig über 100 Bewohner, darunter zahlreiche Vertriebene – richteten Gemeinde und Reichsbahn am 27. Juni 1946 einen Pendelzugverkehr zwischen Walkenried und dem Bahnübergang an der Juliushütte ein. Bereits am 10. August 1946 wurde er eingestellt, nachdem ein sowjetischer Grenzposten Fahrgäste misshandelt und den Triebfahrzeugführer geschlagen hatte.

Der grenzüberschreitende Güterverkehr auf der Südharzstrecke wurde 1947 wiederaufgenommen, während der Berliner Blockade 1948/49 erneut unterbrochen und danach fortgeführt. Ein Reisezugverkehr zwischen Walkenried und Ellrich wurde hingegen bis zum 12. November 1989 nicht wieder eingerichtet.

Ab 1952 riegelte die DDR die Grenze systematisch ab; der Massenstrom der Grenzgänger versiegte. Die verbliebenen Bewohner – etwa 50 Personen in vierzehn Haushalten – lebten in relativer Ruhe; der Arzt aus Walkenried kam regelmäßig, die Post täglich. Armin Trinks starb 1952; seine Familie und Mitarbeiter führten den Betrieb weiter.

Brand und Verfall (1955–1964)

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Am 1. September 1955 vernichtete ein Großbrand die Holzmehlfabrik vollständig und beschädigte zwei benachbarte Wohnhäuser. Die Ellricher Feuerwehr, die bereits an der Grenze bereitstand, erhielt die Erlaubnis zur Überfahrt erst, als das Feuer nicht mehr zu löschen war. Fünf Familien verloren ihre Wohnungen, die Familie Trinks siedelte den Betrieb nach Bad Lauterberg-Odertal um.

Die verbliebene Siedlung – teilweise Ruine, teilweise noch bewohnt – geriet ab Ende der 1950er Jahre in den Fokus der DDR-Propaganda: Vom Burgberg in Ellrich war das verfallende Fabrikgelände gut einsehbar, Kamerateams des Deutschen Fernsehfunks filmten es als Beleg für den angeblichen Niedergang des Westens. Auf bundesdeutscher Seite störte dies den aufblühenden Fremdenverkehr in Walkenried.

Bundesminister Dr. Rainer Barzel (CDU), zuständig für innerdeutsche Beziehungen, besuchte die Siedlung und genehmigte – ohne über das frühere KZ informiert worden zu sein – die Umsiedlung der letzten Bewohner und die anschließende Sprengung aller Objekte durch den Bundesgrenzschutz. Die letzten Bewohner zogen in einen eigens errichteten Wohnblock am Sachsaer Weg in Walkenried um.

Im Sommer 1964 wurde die Siedlung gesprengt und planiert. Steingebäude ließen sich sprengen; die Fachwerkhäuser widerstanden der Sprengung und mussten von Bulldozern abgetragen werden. Das Gelände wurde anschließend bepflanzt. Das gesamte Areal ging in das Eigentum der Gemeinde Walkenried über.

Wiederentdeckung und Gedenkstein

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Die Walkenrieder Gemeinderätin Ruth Monicke (geb. Weichert) begann in den frühen 1980er Jahren als erste mit systematischer Erinnerungsarbeit: Sie korrespondierte mit Überlebenden, übersetzte niederländische Häftlingsberichte ins Deutsche und setzte sich im Gemeinderat gegen erheblichen Widerstand für einen Gedenkstein ein. 1989 wurde der Walkenrieder Gedenkstein unweit der früheren Grenze aufgestellt; eine ergänzende Tafel am Walkenrieder Kriegerdenkmal erinnert an die Opfer des Lagers. Ein zweiter Gedenkstein auf Ellricher Seite wurde von der belgischen Stadt Leuven gestiftet.

Archäologische Dokumentation

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Ein von den Ländern Niedersachsen und Thüringen gefördertes Forschungsprojekt unter Leitung von Dr. Stefan Flindt legte 2025 eine umfassende archäologisch-bauhistorische Dokumentation des gesamten Lagergeländes vor.[1] Ellrich-Juliushütte ist als Kriegsgräberstätte anerkannt; die Einrichtung einer Gedenkstätte ist in Planung.

Heutiger Zustand

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Trafohäuschen in Juliushütte (2019)

Von der Siedlung stehen oberirdisch nur noch das 1947 errichtete, stark verfallene Trafohäuschen und ein Strommast am ehemaligen Bahnübergang. Das gesamte Gelände liegt im Naturschutzgebiet und ist über Fernwanderwege – darunter den Karstwanderweg und den Harzer Grenzweg – zugänglich. Fundamentreste der Baracken und Fabrikgebäude sind im Wald erkennbar.

Bevölkerungsentwicklung

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Jahr Einwohner Anmerkung
1890 7 erstes dokumentiertes Wohngebäude
1905 22 drei Wohngebäude
1939 29 vor der Zwangsaussiedlung 1944
1946 über 100 durch Flüchtlinge und Vertriebene vorübergehend stark gewachsen
1959 ca. 50 vierzehn überlieferte Haushaltsnamen
1964 0 nach vollständiger Umsiedlung vor der Sprengung
  • Michael Reinboth (Bearb.): Die Juliushütte. Eine verschwundene Siedlung im Spiegelbild deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts. (= Schriftenreihe des Vereins für Heimatgeschichte Walkenried, Heft 56). Papierflieger Verlag, Clausthal-Zellerfeld 2025, ISBN 978-3-98870-051-3.
  • Stefan Flindt, Nils Hellner, Robert Knechtel: Das KZ-Außenlager Ellrich-Juliushütte. Eine archäologisch-bauhistorische Dokumentation. Materialhefte zur Ur- und Frühgeschichte Niedersachsen, Bd. 63. Verlag Marie Leidorf, Rahden/Westf. 2025, ISBN 978-3-89646-956-4.
  • Jens-Christian Wagner: Ellrich 1944/45. Konzentrationslager und Zwangsarbeit in einer deutschen Kleinstadt. 2009.
  • Peter Kuhlbrodt: Das alte Ellrich. Geschichte einer Südharzstadt.
  • Manfred Bornemann: Geheimprojekt Mittelbau. Die Geschichte der deutschen V-Waffen-Werke.

Einzelnachweise

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  1. Stefan Flindt, Nils Hellner, Robert Knechtel: Das KZ-Außenlager Ellrich-Juliushütte. Eine archäologisch-bauhistorische Dokumentation. Materialhefte zur Ur- und Frühgeschichte Niedersachsen, Bd. 63. Verlag Marie Leidorf, Rahden/Westf. 2025, ISBN 978-3-89646-956-4.