Von Nordhaeusischen Haus- und Handwerksaltertümern und anderem: Unterschied zwischen den Versionen

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Aktuelle Version vom 15. Februar 2020, 12:25 Uhr

Für unsere Nordhäusische Stadtgeschichte vom frühen Mittelalter bis zur Gegenwart gibt auch das städtische Museum greifbare Belegstücke. Bei dem im umgekehrten Verhältnisse zur Fülle der Sammlung stehenden Raume für die Haus, und Handwerksaltertümer mußten die Gegenstände vielfach so aufgestellt werden, wie die äußere Notwendigkeit es gebot. Der Zusammenhang innerhalb der einzelnen Gruppen selbst ist dabei natürlich gewahrt worden. Wenn sich nun im sogenannten „Handwerkerzimmer“ heterogene Dinge wie z. B. Hundefängergabeln und unseres Landsmannes Karl Bötticher klassisches archäologisches Werk über „Die Tektonik der Hellenen“ begegnen, so erklärt sich das eben aus der Unzulänglichkeit der zur Verfügung stehenden Ausstellungsräume. Alles sind aber Nordhusana. und damit ordnen sich alle Objekte doch einem gemeinsamen Gesichtspunkte unter. Der Besitzstand unserer Sammlung erlaubt schon eine Einführung in die Kultur der tausendjährigen Stadt. Das typisch Erläuternde unter Vermeidung nur summarischer Aufzählung soll zu Worte kommen. Möge so die vorliegende Arbeit auch ihrerseits bekunden, wie vieles wir an redenden Zeugnissen verrauschter Jahrhunderte noch besitzen und möge sie damit gleichzeitig auch weiteren Kreisen als ein erneuter Hinweis auf Nordhausens alte Kultur, seine Kunstgeschichte und die Geschichte seines Gewerbes, nicht unwillkommen sein!

 Um 1200 beginnt die politische Entwicklung von Ritter- und Bürgertum. Auf des letzteren Entfaltung beruht hauptsächlich Nordhausens Werden. Namentlich das Handwerk wird „ein Eckstein der Kultur“. So gehört es auch unter das Dach unseres Heimatmuseums. Von seinen ersten Anfängen bis zur zunehmenden Geldwirtschaft und dann viel später zur Gewerbefreiheit ist das Handwerk einen weiten Weg gegangen. Frühe Gliederung und frühe Organisation in Gilden, Zünfte oder Innungen. Alle diese Ausdrücke bedeuten Genossenschaft von Angehörigen desselben Gewerbes. Im Laufe der Jahrhunderte bildete sich die Zunft-Ordnung bis zur Starrheit aus. Schreiende Mißstände waren entstanden. Um die Meisterzahl nicht zu vermehren, erschwerte das Zunftregiment bei der Beibringung des Befähigungsnachweises u. a. das Meisterwerden und damit z. B. auch eine regelrechte Eheschließung. Uebte sittliche Folgen traten ein. Die als streng zünftig nicht anerkannten Handwerker, die „Störer" und „Bönhasen" suchten daneben ihr Geschäft zu machen; Vollberechtigung hin. Vollberechtigung her; man wollte leben. — Im Laufe des 19. Jahrhunderts griff die Landesgesetzgebung in das Jnnungswesen. Die Innungen wurden aufgehoben. Die Gewerbegesetzgebung, dann die Gewerbeordnung traten als Uebergang zur Gewerbefreiheit ein. Schließlich kam die Neuorganisation der Innungen und die Einführung der Zwangsinnung. Das Aufkommen der allgemeinen Ortskrankenkassen nahm den Zünften viel von ihrer Bedeutung.

 Ueber die lokale Zunftgeschichte dürfen wir uns hier nicht verbreiten. Wir verweisen für die Entwicklung in Nordhausen auf Lesser, E. G. Förstemann und H. Heineck.[1]

 Die für die Entwicklung unserer Stadt so entscheidungsvollen Kämpfe der Nordhäuser Zünfte gegen die hartregierenden versippten Geschlechter (cives) kamen auf. Auf die Dauer konnten die Handwerker die Gebundenheit nicht vertragen, von der Regierung und Verwaltung der Stadt ausgeschlossen zu sein. So kam es am 14. 2. 1375, dem Valentinstage, zu dem Sturme auf das Riesenhaus. Hiermit wurden die Innungen ratsfähig. Die „Hantworchtermeistere" (Gildenmeister) gingen nun mit in den Rat. Bei uns gab es neun „ratsfähige" Handwerke, nämlich die Gewandschnitter (Kaufleute), Wollenweber (Tuchmacher), Schneider, Bäcker, Krämer, Schmiede, Kürschner, Schuhmacher und Knochenhauer (Fleischer).

 Der unfreie Mann von draußen wurde in der Stadt frei und damit in den Städten des Mittelalters, wo die allgemeine Wehrpflicht herrschte, auch Verteidiger. So liegt auch in kriegerischen Dingen die Bedeutung der Zünfte, die unter dem Innungsbanner fochten, auf wer Hand. So wuchs das bürgerliche Ansehen der Handwerker fortwährend und damit auch ihre strenge Auffassung der Zunftehre.

 Was wir hier ausführen, gilt bis zu der Zeit, wo die Entwickelung der Gewerbe noch nicht zum industriellen Großbetriebe auswuchs. Dieser beginnt in Deutschland mit der Ausbildung des Fabrikprinzipes in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

 Aus der Zeit der hohen Blüte des deutschen Handwerkes bis zum dreißigjährigen Kriege hin haben wir in unserem, Museum eine stattliche Sammlung von spätmittelalterlichen Töpfen und Kacheln, sowie von Bruchstücken letzterer. Die ältere Bezeichnung eines Herstellers von Tonwaren ist Kacheler, „Kachel" zunächst als irdenes Gefäß überhaupt verstanden. Später hat das Wort mehr den Sinn von Ofenmacher. Die jüngere heute in Norddeutschland ausschließlich gebräuchliche Bezeichnung „Töpfer" ist aber auch noch mittelalterlich. Neben „Hafner" war „Kachlinbecker" eine weitere Bezeichnung. „Das Backen war die ältere Bezeichnung für das Brennen der Tonware, die sich auch noch in dem Ausdruck Backstein für Ziegelstein erhalltenhat".[2] In Straßburg kam auch die Bezeichnung Gremper vor.[3]

 Die Kacheler (bezw. Töpfer) waren als Künstler nicht anzusprechen, da sie Hauptfachlich mit fertigen auch in Holz geschnittenen Formen (Modeln) arbeiteten, also Holzmodelle zum Formen von Kacheln benutzten. — Wir stellen hier etwas vorweg. Es gibt gewissermaßen eine Urzelle, in der sich Töpfer und Kachler vereinigen. Diese Urzelle ist in unserer Sammlung gut vertreten. Wir meinen damit die konkave Topfkachel, das A und O der ganzen praktischen Ofenschöpferweisheit. In 4 kleinen Exemplaren stehen sie im Handwerkerzimmer auch auf dem untersten der 7 Bretter des Regals in normal großen auf dem Boden des Schauschrankes der Nordseite des Raumes. Die Topfkachel stellt einen Topf mit viereckigem Rande vor, oder wenn man will einen viereckig zusammengezogenen Topf. Die Urform der Kachel ist eine physikalisch durchdachte Lösung. Sie vermittelt ja die größte Ausstrahlungsfläche, einen maximalen Wert in der trockenen Luft einer Stube, später wird die Topfkachel in spitzbogiger Schweifung aufgezogen und entwickelt so den Uebergang zu allen Ausbildungsmöglichkeiten der dekorativen Kachel. Ein solches Uebergangseremplar, die äußerste Grenze eines auseinandergezogenen Topfes, entbehrt unser Museum noch; solche Stücke sind auch recht selten. (Das Straßburger Gewerbemuseum besitzt es.)

 Wie manches andere Handwerk, so stand auch im Mittelalter bis zum dreißigjährigen Kriege die Töpfer- und Kachlerkunst in Deutschland in Blüte. Die Nordwand in unserem Raume für die Haus- und Handwerksaltertümer gibt Zeugnis. Bleiben wir zunächst aber bei der Westwand. Hier steht das hohe Wandgestell mit etwa hundert Töpfen.^ Sie sind in den Häuserfundamenten Nord-s Hausens gefunden worden als Zeugen einer! sonderbaren noch heidnischen Vorstellung. „Man glaubte nämlich, daß die Erde, welche ein Bauwerk zu tragen habe, gesühnt werden müsse und setzte ganze Reihen von Gefäßen in die Baufundamente."[4] Wir sehen da solche Fundamenttöpfe aus der Bäcker-, Rauten.- und Töpferstraße, vom Königshofe, aus dem Stadtgraben beim Gehege, aus Gärten und von noch anderen Stellen. Ihre Formen sind verschieden. Urnenartige Töpfe mit und ohne Streifenverzierungen, kugelförmige, schlanke, Henkelkännchen: auch flach gerundete und solche mit drei Stützen als Füße. Die oberen Ränder sind zumeist wulstig behandelt. Tort steht auch ein Topf, der durch seine in nebeneinander gestellten Grübchen bestehenden Ornamentstreifen an frühmittelalterliches, vielleicht noch fränkisch-karolingisches gemahnt. Alle diese Objekte sind durchweg ohne Glasur in gelblich-rötlichen, graubraunen bis schwärzlichen Farben. Der Töpferton tritt dabei mehr oder eniger zutage. Die Abmessungen bewegen sich innerhalb bescheidener Grenzen. Höhe und Durchmesser sind oft dieselben, z. B. 22:22 und 15:15 Zentimeter. Auch 13:11. Diese Sühnetöpfe sind nicht mit den „Hausurnen" zu verwechseln. Letztere geben die Form eines Hauses wieder. Sie gehen ein Jahrtausend vor Christus zurück.

 Hatten wir bei den Sühnetöpfen mit den Fundamenten des Hauses Berührung, so haben wir es an der Nordwand des Raumes mit den Ofenkacheln zu tun. Neben dem Herde gibt es einen zweiten Beherrscher der Wohnung, den Ofen, der in manchem mittelalterlichem Hause nur in einem einzigen Exemplare vorhanden gewesen sein mag. Von diesen Zeugen vergangener Zeiten haben nur wenige die Jahrhunderte überdauert. Aus der Zeit vor dem dreißigjährigen Kriege besitzt unser Museum keinen ganzen Ofen, eben nur diese Bruchstücke in Form von Kacheln und noch kleineren Fragmenten.

 Die Oefen hatten keine toten Flächen. Ueber und über waren sie mit bildnerischem Schmucke bedeckt. Neben seiner kunstgewerblichen Bedeutung zeigt dieser Schmuck auch wie in einem Spiegel zeitgenössische kultur- und sittengeschichtliche Momente. Als ob wir Holzschnitte oder Kupferstiche aus der damaligen Zeit vor uns hätten, so vermitteln auch die im Glasschranke an der Nordwand ausgestellten rund 60 Kacheln unseres Museums den Vorstellungskreis früherer Jahrhunderte. Religiöse, allegorisch-mythologische Darstellungen sind besonders beliebt. Wir gewahren Adam, Christus zwischen Maria und Magdalena; auch eine Simskachel mit den Engeln, die das Schweißtuch der heiligen Veronika tragen. Weiterhin in einer Baldachingekrönten Nische die Justitia (wiederholt), die keusche Lukrezia sowie Orpheus. Wie sie damals leibten, liebten und lebten, zeigen sich Männer, Frauen, Jungfrauen und Knaben in der Tracht der Zeit. Besonders ansprechend erweist sich ein junges Paar und ein Laute spielendes Mädchen. Aehnliche Motive begegnen uns auch beim Inhalte der großen Truhe im Gotischen Zimmer und im Schaukasten des Renaissanceraumes. Zur Lukrezia gesellt sich dort noch Bacchus. Und Till Eulenspiegel fehlt ebenfalls nicht. Auch Wappen, Erinnerungen an die Feudalzeit, sind vorhanden. So blau auf weiß das Schwarzburgische. Dazu rein ornamentale Stücke im Geschmacke der manchmal bei dekorativen Dingen etwas krausen deutschen Renaissance, die auch noch ziemlich in der Gotik wurzelt.

  1. „Die Böttcher in Nordhauser: und ihre Innungsgewohnheiten seit alter Zeit". Nordh. 1924. „Aus den: Innungsleben der freien Reichsstadt Nordhausen in 17. und 18. Jahrh." Nordh. 1904. Derselbe: „Bausteine zu einer Geschichte der Bäckerinnung in Nordhausen" sowie weitere Arbeiten H. Heinecks auf dem gleichen Gebiete. Nordh. 1924. Vgl. auch „Die Fleischer- oder Knochenhauer-Gilde" von Karl Meyer.
  2. Vergl. Erwin Volkmann, „Alte Gewerbe und Gewerbegassen". Würzburg 1921.
  3. „Straßburger Zunft- und Polizei-Verordnungen im 14. und 16. Jahrh." Kacheler- und Grempen-Ordnung 1496" (nach eigenen Aufzeichnungen im Straßburger Stadtarchiv).
  4. Vgl. Konstantin Koenen „Gefäßkunde". Bonn 1895.