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Johann Christoph Bock in Buchholz, auch ein Opfer des Jahres 1806

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Textdaten
Autor: Wilhelm Vahlbruch
Titel: Johann Christoph Bock in Buchholz, auch ein Opfer des Jahres 1806
Untertitel:
aus: Heimatland. Illustrierte Blätter für die Heimatkunde des Kreises Hohenstein, des Eichsfeldes und der angrenzenden Gebiete
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Erscheinungsdatum: 1910 (Nr. 1)
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Johann Christoph Bock in Buchholz, auch ein
Opfer des Jahres 1806


Von W. Vahlbruch, Crimderode.


 Es war im Jahre 1780. Eines Morgens trat aus einem Häuschen der Hintergasse in Frankenhausen ein Knäblein mit roten Wangen, die Schulbücher unter dem Arm, seinen Schulweg an. Aus der Werkstatt sah seinem zweiten Sohne, dem kleinen Johann, sein Vater, der Nagelschmied Velten Bock, voller Freude nach. War doch gestern der Herr Magister Rabenius beim Meister gewesen und hatte ihm die Mitteilung gemacht, daß Johann seines Fleißes wegen zu Ostern eine Freistelle in der Lateinschule erhalten solle.

 Neun Jahre war Johann Bock Lateinschüler gewesen. Doch er mußte auf das Studium verzichten, denn die Reihe der Geschwister war zu groß und des Vaters Verdienst nur klein. So wurde der 19jährige Jüngling in dem Dorfe Crimderode beim alten Kantor Brodkorb Schulgehülfe. Dort mußte er zuhören, wenn der alte Kantor die Kinder im Katechismus unterrichtete, da lernte er den Fibelschützen das ABC beibringen, an Sonntagen half er, ihm die Orgel spielen, und auch im Haushalte hatte er sich nützlich zu machen. Nach 2 Jahren wurde der Schulgehülfe Bock vor dem Gräflichen Konsistorium in Stolberg geprüft und dann nach Buchholz geschickt, um den erkrankten Kantor Hasenbalg zu vertreten. Als dieser nach einigen Jahren starb, erhielt Johann Bock die Kantorstelle in Buchholz mit einem Einkommen von 50 Talern nebst 7 Acker Schulland und einigen Naturalien.

 Nachbar Hagenbergs Tochter, die blonde Annemarie, hatte es dem jungen Kantor schon längst angetan, doch sein Pfarrer Ehren Johann Meißbach hatte ihm stets geraten: „Erst die Pfarre, dann die Quarre.“ Jetzt aber hatte es sich Hochehrwürden nicht nehmen lassen, für seinen jungen Kantor selbst beim alten Hagenberg zu freiwerben. Und da die jungen Leute längst einig waren, wurde bald eine fröhliche Hochzeit gefeiert.

 Am 15. Oktober 1801 hatte der Amtmann Obarms zu Buchholz zur Feier seines Geburtstages wie üblich, auch den Kantor Bock zu einem Glase Broihan in die Schenke bitten lassen. Hier waren noch erschienen: Schulze Kolbenach, Kirchenvorsteher Klögel, Nachbar Panse, der dicke Steuerkommissar Basler und Vater Hagenberg. Nach der Beglückwünschung des Geburtstagskindes war erst vom Wetter und von der schlechten Ernte die Rede. Dann kam man auf den Krieg zu sprechen. Die Preußen würden die Franzosen schon schlagen wie bei Roßbach, sonst würde es auch unserm lieben Hannoverlande schlecht ergehen. Doch schnell sind Erntesorgen und Kriegsnöte vergessen und heiteres Gespräch kürzt die Stunden des frohen Abends. Schon zeigt die alte Standuhr die elfte Stunde da platzt wie eine Bombe ein unerwarteter Gast in die fröhliche Geburtstagsrunde.

 Die Tür öffnet sich und ein Preußischer Husar stolpert ins Zimmer. Beim alten Wirt Germann bestellt er hastig ein Zimmer für seinen Herrn, den Obersten v. Hartwig, und berichtet, das preußische Heer befände sich auf der Flucht nach Nordhausen.

 Bei dieser Nachricht ist Amtmann Obarius aufgesprungen. Einen Augenblick herrscht tiefe Stille, da schlägt er mit der Faust auf den Tisch, daß die Gläser klirren und donnert den armen Husaren an: „Kerl, Du lügst, ich schlage Dir den Hirnkasten ein, sagst Du das noch einmal!“ Doch als dieser von dem unglücklichen Treffen bei Jena und Auerstädt erzählt, da müssen es die Anwesenden wohl glauben, und ein jeder eilt mit der unheilvollen Nachricht seinem Heime zu.

 Am andern Morgen kam die erste preußische Kavallerie auf der Flucht von Nordhausen durch Buchholz. Bald folgten andere Truppenmassen in buntem Gemisch. Vom Hunger und Laufen ganz ermattet, ging es trotzdem in größter Eile, aber auch in wildester Unordnung dem nahen Harze zu. Keiner der fliehenden Preußen wagte es, Nahrung zu fordern. Kantor Bock holte Lebensmittel herbei, und seinem Beispiele folgten bald die übrigen Einwohner.

 Am 17. Oktober hörte man von Nordhausen her Kanonendonner, also schon so nahe waren die Franzosen. Da packten die meisten Buchholzer ihre Habseligkeiten zusammen, verschlossen Haus und Hof und trieben ihr Vieh in den Steinberg. Doch Kantor Bock blieb mit Weib und Kind zurück, obwohl der Schwiegervater schalt und polterte und die Schwiegermutter jammerte und weinte.

 In der Frühe des 18. Oktobers kamen die ersten Franzosen angesprengt. Von den zurückgebliebenen Preußen flohen einige mit Anstrengung der letzten Kräfte, andere waren so erschöpft, daß sie teilnahmslos am Wege stehen blieben. Doch die Feinde kümmerten sich gar nicht um die Flüchtlinge, sondern stürmten in den Ort, und nun begann die Plünderung. Die Türen wurden erbrochen, die Fenster zertrümmert, und alles wurde mitgenommen, was ihnen wertvoll erschien.

 Drei Kerle kamen zum Schulhaus. Bock öffnete ihnen die Tür. Der Tisch war zum Frühstück gedeckt, doch der Feind nahm nicht Platz. Der eine Soldat stürmte treppauf, der andere nahm die Würste vom Tisch, der dritte faßte den Hausherrn unsanft an die Brust und rief: „Schaff sich Karlin an, gib Großtaler her!“ Als dieser dem Franzosen den leeren Geldbeutel zeigte, da wurde er gegen die Wand geschleudert. Das Geschrei seiner Kinder erweckte ihn aus seiner Betäubung, und aus dem Fenster blickend, sah er, wie die Franzosen mit seinen beiden Kühen abzogen.

 Das war dem Aermsten zu viel. Schnell raffte er seine nötigste Habe zusammen und folgte mit seiner Familie den übrigen Buchholzern in den Wald. Eine Rauchwolke verriet ihm ihr Lager. Dort kamen ihnen auch schon einige Schulknaben entgegengelaufen. Kogels Karl und Germanns Fritz nahmen ihrem Lehrer den Sack mit den Schinken ab. Und nun konnte dieser auch die Last seiner Frau erleichtern. Am Lager wurden sie von allen Seiten mit Fragen bestürmt. Doch erst löschte Bock das Feuer aus, die Murrenden belehrend, daß der Rauch ihren Aufenthaltsort verrate. Dann erzählte er von dem Besuch der drei Franzosen, während seine Annemarie die gerettete Habe mit Hülfe ihrer Eltern an die Zweige eines Baumes hing. Gar lebhaft wurden Bocks Erlebnisse besprochen, nur der sonst stets redselige Nachbar Panse saß da an einem Baume, die erloschene Pfeife im Munde und schwieg. Ueber ihm, an den Aesten der Buche hingen vier Speckseiten und der Inhalt eines Kleiderschrankes. In seinen Händen hielt er völlig krampfhaft seine ganze Barschaft in einem Strumpfe.

 Da rufen die beobachtenden Jungen oben aus den Bäumen herab: „Die Schenke brennt, die Schenke brennt!“ Sogleich rennt wie toll der dicke Schenkwirt Germann dem Dorfe zu, doch niemand folgt ihm. Schon naht der Abend. Die wiehernden Pferde und die brüllenden Kühe, die in der nächsten Erdsenke an Bäume gebunden sind, müssen abgefuttert werden. Auch die hungernden Kinder bekommen ihr Abendbrot. Fröstelnd hüllen sich diese in ihre Decken und Kissen und sind bald eingeschlafen. Doch die Erwachsenen finden auch in dieser Nacht keinen Schlaf. Auch Vater Hagenberg möchte gern schlafen, aber das Vieh ist zu unruhig, die Frauen weinen und schluchzen, und die kalte Nachtluft liegt ihm zu schwer auf der kranken Brust.

 Doch kommt dort nicht jemand angeschlichen? Alle springen auf. „Gut Freund!“ ruft der zurückkehrende Schenkwirt. Aber er ist ohne Fußbekleidung, denn ein Franzose hatte ihm die Stiefel ausgezogen. Wie kann der sonst so freundliche Schenkwirt auf die Franzosen schimpfen! Und wie beredt fordert er die Männer und Jünglinge auf, ihm zu folgen, um die Franzosen aus Buchholz zu vertreiben. Der alte Schulze Kolbenach, ein langgedienter Soldat, aber meint: „Nachbar, das geht so leicht nicht; wir müßten zunächst den Posten überlisten, und dann den schlafenden Franzosen, es sind gar nicht so viele, die Waffen wegnehmen. Darnach könnten wir es wohl mit ihnen aufnehmen.“ Doch auch sein Vorschlag findet keine Anhänger. Dagegen meint Amtmann Obarius, er sei bereit 100 Taler zu opfern, um durch diesen Preis den Feind zu bewegen, Buchholz zu verlassen. Sein Anerbieten findet allseitige Anerkennung. „Wer hat nun aber den Mut, mit mir zu gehen?“ Alles schweigt. Da endlich erklärt sich Kantor Bock bereit, trotz seiner schlechten Erfahrung, die er erst heute mit den Franzosen gemacht hatte. Aber Annemarie ist mit seinem Entschluß nicht einverstanden. Auf all ihr Bitten, Schelten und Weinen hat er nur die eine Entgegnung: „Ich gehe mit!“

 Am andern Morgen machten sich die beiden Abgesandten auf den Weg. Voller Ungeduld warteten die Zurückgebliebenen auf eine frohe Rückkehr der beiden Männer. Einige fingen schon an, ihre Sachen wieder einzupacken. Da kommt der Amtmann allein zurückgerannt. Frau Annemarie schrie auf, denn sie ahnt das Unglück. Noch im Laufen berichtet Obarius, daß der Feind sie habe töten wollen. Der Kantor habe auch einen Schlag über den Kopf bekommen, und er selbst sei mit knapper Not entronnen. Es solle sich keiner nach dem Dorfe wagen. Für den Kantor sei jetzt nichts zu machen, man müsse die Nacht abwarten.

 Doch schon eilt Annemarie, gefolgt von ihrem alten Vater, querfeldein nach Buchholz. Dort, wo die Kirchgasse in die Heerstraße mündet, findet sie ihren Johann in seinem Blute liegen. Schreiend wirft sie sich über ihn. Doch weder mit ihrem tiefen Leid, noch mit ihrer großen Liebe vermag sie ihren toten Gemahl zum Leben zu erwecken.