In Not und Verzweifelung! – Die tragischen Schicksale der Grafschaft Hohenstein vor dreihundert Jahren (1627)

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Autor: Paul Schröder
Titel: In Not und Verzweifelung! – Die tragischen Schicksale der Grafschaft Hohenstein vor dreihundert Jahren (1627)
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aus: Das tausendjährige Nordhausen in Geschichte und Sage in Roman und Dichtung ; Pflüger – Thüringer Heimatblätte (Heft 5, 1927)
Herausgeber: Bernhard Klett
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Erscheinungsdatum: 1927
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In Not und Verzweifelung! –
Die tragischen Schicksale der Grafschaft Hohenstein
vor dreihundert Jahren (1627)


Von Paul Schröder, Niedergebra

In meinem Aufsatz „Wie die Grafschaft Hohenstein während der Jahre 1625/26 in die Kriegs- und Pestnöte des Dreißigjährigen Krieges gezogen wurde" hatte ich die Ursachen und Anfänge eines erschütternden Dramas zu schildern beabsichtigt, das vor dreihundert Jahren die Gegend zwischen Harz und Hainleite über sich ergehen lassen mußte. Anschließend an die ersten kriegerischen Einfälle und das zügellose Walten einer barbarischen Soldateska, ferner in dem raffenden Peststerben entrollte sich ein trübes Bild, voll wirtschaftlicher Nöte, seelischen und körperlichen Leidens. Dieses Bild zu ergänzen und abzurunden, bezwecken die folgenden Ausführungen.

Die verzweifelte Lage der Hohnsteiner Bewohner im Jahre 1627 und die Räuberbanden der Harzschützen[Bearbeiten]

Nach Akten des Staatsarchivs zu Hannover, deren Abschrift ich Herrn Lehrer W. Kolbe, Bleicherode, verdanke.

Während das benachbarte katholische Eichsfeld 1626 von der Kriegsplage befreit wurde, als Lilly seine Truppen gegen die Dänen ins Feld setzte und diese nach der Schlacht bei Lutter am Barenberge bis an die Elbe zurückschlug, blieben die liguistischen Kriegsvölker in der protestantischen Grafschaft Hohenstein und der Reichsstadt Nordhausen eingelagert. Auf kaiserlichen Befehl, sowohl an den Obersten Altringer wie an General Lilly, sollte die Grafschaft geschont werden. Aber die Offiziere und Kommandanten fragten nichts nach solchem Befehl; es bleibt fraglich, ob ihnen die kaiserliche Ordre jemals bekannt gegeben wurde. Sonst wäre wohl ein Bezirk von einem so blühenden Wohlstand, mit einem Reichtum an Ernteerträgen und Waldbestand in wenigen Jahren nicht so arg heruntergekommen, wenn der, sinnlosen Ausbeutung und Verwüstung Einhalt geboten worden wäre. Das Jahr 1627 wurde das schlimmste für die Grafschaft Hohenstein, als der Heerhaufe des Grafen Merode eintraf, der sich an Zuchtlosigkeit so auszeichnete, daß heute noch der Name „Merodebrüder", der bald für alle Nachzügler oder Marodeure galt, mit der ärgsten Grausamkeit verknüpft ist. Diese Soldaten quälten besonders Frauen und Mädchen, Kirchen- und Schuldiener in empörendster Weise. (Ein Beispiel: Der kaum in Großbodungen angestellte Pfarrer Justus Joachimi wurde vom Bodenstein aus überfallen; der Wagen mit vier schönen Pferden wurde ihm geraubt, ihm die Schuhe von den Füßen gezogen, seiner Frau Kleid und Mantel weggenommen. Ein andermal suchten 32 Reiter den Geistlichen in der Pfarre gefangen zu nehmen; zum Glück befand er sich in Nordhausen. Bei dem ersten Merodeschen Ueberfall wurden in dem genannten Orte alle Häuser ausgeplündert und allein 70 Malter Hafer geraubt.) Wie die Kriegsscharen damals im Braunschweiger Lande (zu dem damals die Grafschaft Hohenstein gehörte) hausten, kann man einer Klageschrift des Herzogs Friedrich Ulrich an den Kaiser entnehmen, worin es heißt: „Das Kriegsvolk des Generals Lilly hat meine armen Untertanen (die ohnedies die vorigen Jahre her ganz erschöpft) feindseliger Weise urplötzlich ungewarneter Sache wie ein Wetter überfallen, die armen wehrlosen Leute überrascht, in ihren Häusern, auf den Wegen, in Holz und Felde mit Weib und Kindern erbärmlich niedergehauen, zermetschet, darunter der Sechswöchnerinnen, Kindbetterinnen und kleinen Kinder nicht verschont, deren etliche den Müttern an den Brüsten getötet, den Priestern, die sich vor ihnen nicht verstecken können, unsäglichen Schimpf und Marter angetan, teils totgeschlagen, darunter auch armer, alter, lahmer Krüppel in den Spitalen nicht verschont, sondern dieselben greulicher Weise gemartert und getötet, auch einem Weibsbilde die Zungen aus dem Halse gerissen, anderen die Zungen im Munde gespaltet, anderen härene Stricke um die Köpfe gewunden, überstark zugewiegelt und durch solche Marler, wo sie Geld vergraben hätten, befragt; Aemter, Klöster, Städte, adlige Häuser, Flecken und Dörfer ganz ausgeplündert, Kisten, Kasten, Schäppe und alles aufgehauen, alle Pforten, Fenster, Stühle, Bänke und andern Hausrat zernichtet, aus- und entzweigeschmissen, was an Fleisch, Butter, Käse, Eiern und anderen Victualien vorhanden gewesen, wenn sie sich damit gefüllt gehabt, in Kot getreten; den Fässern mit Wein, Most, Bier, Broihan und andern Getränken den Boden ausgeschlagen und auf die Erde laufen lassen; die Kirchen, Kapellen und Armenkasten aufgebrochen, den Kirchenornat an Kelch, Patenen, Monstrantien, Meßgewand, Heiligenzierat neben allen andern, so darin befunden, herausgeraubt, die Altäre und Taufsteine prosaniert, mit ihrem Unflat verunreinigt, die Meßbücher zerrissen, in die heilige Bibel und andere Bücher salvg venia gehofieret; die Flügel der Altäre, Orgeln und Kirchenstände entzweigehauen, die Gräber geöffnet und durchsucht, das Kupfer und Blei von Kirchtürmen abgedeckt, etliche schöne Bibliotheken verbrannt; ehrbare Frauen und Jungfrauen genotzüchtigt, auch auf offener Gasse sich nicht gescheut noch geschämt, ja auch mit etlichen aus den toten Körper ihre Schande getrieben, auch also daß etliche darunter des Todes wurden; ganze Dörfer und Flecken ausgebrannt und in Asche gelegt, die Leute im Felde bei ihren Arbeiten niedergehauen; die armen Leute in den Gehölzen, dahin sie sich zur Rettung ihres und ihrer Weiber und kleinen Kinder bloß unterhaltenen Lebens retterieret, gleich den wilden Tieren verfolgt und niedergemetzelt — —." Nach der Aufreihung noch anderer Greuel schließt diese bewegliche Klageschrift: „Man hat in unserm Lande ärger gehaust, denn in Böhmen oder in der Pfalz. Wir können nicht glauben, daß der Kaiser als ein gütiger und frommer Herr an diesem Wesen Gefallen findet oder gar dasselbe anbefohlen hat." Auch weitere Beschwerden des Herzogs beim Obersten Becker vom 26. Januar und 28. Februar hatten keinen Erfolg, obwohl warnend angedeutet wurde, daß „solche Last die Desperation werde größer machen und endlich einen Aufstand mit sich führen möchte." Christoph vom Hagen berichtete bereits am 24. Januar 1627 von Nordhausen aus von solchen Zusammenrottungen der verzweifelten Bewohner: „— — daher ihrer viele in die äußerste Desperalion geraten. Etliche, sonderlich Weib und Kind, sterben des bittern Hungers; was mannbare Kerl sind, deren eines Teils rottieren sich haufenweis zusammen und ist jedermann ihr Feind, schmähen sobald auf ihre Obrigkeit, daß man sich ihrer nicht besser annehme, als auf andere, die ihnen das Ihre verzehrt haben, daß man also allenthalben einen siegen Hals tragen muß, hingegen bei der Soldateska wirds fast ausgenommen, als ob man an ihrer Rotterei ein Belieben hätte, wenn man sich der armen notleidenden Leute Not annimmt." Die Hohensteiner Stände berichteten dann vom 28. Juni, daß wegen der hohen Kriegssteuern und Plackereien die armen Harzleute nach und nach teils von Haus und Hof gegangen und sich in den Harz gewendet hätten; daß „also der Desperaten Haufen größer worden, daß man von ein Mann 20—30 sagen hörte, so sich als Schützen zusammen getan."

Die ersten Harzschützen[1] tauchten im Jahre 1626 im Oberharz auf in der Umgegend von Harzburg und wurden von den Dänen geschützt. Am 29. April d. I. überfielen diese Aufrührer den Flecken Lauterberg, wobei sie 212 Schweine entführten und auch durch hundert Mann der Scharz- felder Besatzung nicht ergriffen wurden. Dann war Andreasberg der Brennpunkt ihrer Scharmützeleien und Raubüberfälle, wobei der verwegene Thomas Günther ihr Oberhaupt war. Größer und gefährlicher war die Bande, welche 1627 den Westrand des Oberharzes heimsuchte, Zellerfeld (am 26. Juli) und Osterode brandschatzte, raubte, mordete und alle Straßen unsicher machte. Gegen diese erließ der Landesherzog eine Verordnung und befahl, „diese Vergewaltiger, Räuber und Friedensstörer, Landzwinger, Straßenschinder und Mordbrenner" „zu verfolgen, niederzuwerfen und gefänglich zu nehmen". Bald trieben auch in der Gegend von Ilsenburg, Walkenried, Stolberg und Haynrode solche Banden ihr Wesen.

Die Art der Verfolgung der Harzschützen durch die Besatzungen vergrößerte vollends das Elend. Wenn diese vernahmen, eine Schar von Harzschützen sei durch einen Ort gezogen, so nahmen sie Ursache, die Einwohner des betreffenden Ortes zu quälen, sie wie die Aufständischen selbst zu strafen und auszuplündern. In Sachsa führten die Soldaten einen Einwohner, den alten Berndt von Tettenborn, mit hinweg, aber seine Landsleute befreiten ihn wieder. Das war für die Hohensteiner Garnison ein Zeichen „der Feindseligkeit und Conspiration", und sie nahmen am andern Tage den Bürgern das Vieh von der Weide weg; erst „mit großem Gelde" konnten es die Beraubten von den Räubern wieder zurückkaufen. Aus Wieda wurde z. B. ein ganz unbeteiligter Mann, M. Andres Grobecker, nach Klettenberg entführt; dort wurde ihm von einem Fähnrich die linke Hand an die Wand genagelt. Dergleichen Ausschreitungen ereigneten sich zahlreich und steigerten die Verzweiflung der Einwohner bis zum Aeußersten.

Die Scharen der Harzschützen (oder Harzbauern) am Südharz verstärkten sich täglich. Unter selbstgewählten Führern lauerten sie kleinen Scharen der Kaiserlichen hinter Busch und Klippen auf. Das Leben der Bürger und Bauern schonten sie meistens, doch war sonst vor ihnen nichts sicher; vor allem waren ihnen Pferde eine willkommene Beute. Die Harzschützen wurden durch ihre Angehörigen und Freunde, die in ihnen ihre Helfer sahen und mit ihnen den Raub teilten, von jeder drohenden Gefahr benachrichtigt und über jede Bewegung der Truppen in steter Kunde erhalten. Als sie zu größeren Haufen angewachsen waren, zogen sie am hellen Tage „in voller Ordnung" vor den Flecken Neustadl unter dem Hohnstein und entführten dort im Angesicht des Kommandanten und der Besatzung die Dragonerpferde und viel eingestelltes Vieh; dabei wurden auch einige Soldaten erschossen. Dafür mußte es die Einwohnerschaft von Ellrich mit dem Verluste ihres Viehs büßen. In diese Zeit fällt auch der große Brand in Ellrich, von dem Wohl der Ellricher Oberprediger Schmaling behauptet: „Das Feuer war nicht durch kaiserliche Soldaten angelegt, obgleich einst General Tilly von Tettenborn aus drohete, der Stadt den roten Hahn aufzusetzen, wenn sie nicht binnen 24 Stunden 2100 Gulden einlieferte." Nach einer braunschweigischen Deductio heißt es jedoch in bezug auf die mutwillige Niederbrennung des Hohnsteins (s. zweiter Teil!): „so liegt daß Städtlein Ellrich gleichergestallt in der Asche." Am zweiten Pfingsttage 1627 brach während des Gottesdienstes in Valentin Müllers Hause am Auetor ein Brand aus, der in den vier Stunden von acht bis zwölf Uhr die ganze Stadt bis auf wenige Häuser in der Ritterhagenstraße verheerte. Die stattliche Johanniskirche wurde völlig zerstört, nur die kirchlichen Gefäße konnten nach Nordhausen zur Verwahrung gegeben werden. (Noch im Jahre 1647 zählte die Stadt 237 Brandstätten bei 146 bewohnten und 33 unbewohnten, wüsten Häusern, wovon jedenfalls die größte Zahl aus den Brand von 1627 zurückzuführen ist.) Es bleibt fraglich, wer der Brandleger gewesen und ob eine solche Verheerung von ihm beabsichtigt war, aber es ist doch anzunehmen, daß die an den Bettelstab gebrachten Einwohner (der Schultheiß der Stadt bat sechs Jahre später den Landesherrn in stehendsten Worten um vierzig Stämme Bauholz zum Aufbau seines Hauses!) die letzte Zuflucht im Harz fanden und die Zahl der Harzschützen vermehrte, die gerade zu Ende des Jahres 1627 die Umgegend von Ellrich unsicher machten. Eingeäschert wurden im gleichen Jahr — entweder durch die Aufständigen oder durch die sie verfolgenden Soldaten — die Dörfer B e n n e c k e n st e i n und Klettenberg. Ueber die Niederbrennung des Hohnsteins siehe den zweiten Abschnitt! Der Hauptmann Albrecht von Lohra bedrohte am 11. Juli das Kloster Walkenried: wenn es die begehrte Kriegssteuer nicht einbringen werde, wolle er ihm raten, wie er dem Hohnstein geraten habe, d. h. er wolle es niederbrennen. Der Rittmeister Cesar Freiherr von Neuhausen bedrohte die Untertanen des Amts Hohenstein mit Leibes- und Lebensstrafe, Abnehmung ihres Viehs und anderen Vorrats und der Abbrennung ihrer Dörfer. Es soll nach einem anderen Schreiben dieses Rittmeisters dabei des Kindes in der Wiege nicht geschont werden, oder er will sie sonstigen strafen, daß sie es ihr Lebetag zu bereuen haben.

Die Landstände baten daher eindringlich um Zurückziehung der Kriegstruppen; es würden dann Wohl alle Aufstände und Räubereien der Verzweifelten ein Ende nehmen. „Würde dergestalt durch Abführung des Volkes den Verzweifelten Hoffnung gemacht, daß sie wieder zu den Ihrigen kommen und geruhlich dabei bleiben möchten, weil aus Furcht vor der Soldateska keiner auf I. F. G. Patenta, obgleich mancher dazu geneigt, sich in dem Seinigen aufhalten darf." Aber die Garnisonen verfolgten die Zurückgekehrten, nahmen sie in Haft, unterwarfen sie „stracks der Tortur und schickten sie zum Regiment nach Halberstadt". Die Soldaten zwangen auch die übrigen Bauern, Blutsverwandte und Nachbarn, zur Verfolgung der Aufständischen und behandelten diese im Weigerungsfall selbst wie Aufrührer. Der Landesfürst hatte das Beste im Sinne, er wollte „die Aelteren" anhalten, daß sie ihre Leute wieder vor sich bescheiden und sie mit Zuziehung des Ortspfarrers zur Standhaftigkeit und zum schuldigen Gehorsam gegen die Obrigkeit anhalten sollten.

Natürlich wurde auch die wirtschaftliche Lage der Grafschaft dauernd schlechter; kaum der vierte Teil der Aecker war 1627 noch bestellt, die Felder lagen wüste, Pferde, Kühe, Rinder, Schafe und Schweine waren bei den Kontributionseintreibungen weggenommen worden. Die nicht abgebrannten Orte waren „dermaßen ausgemergelt, daß alle Mittel über die schweren Kontributionen nicht mehr aufgebracht werden konnten". Die Aufstände waren nicht „aus Vorwitz und Mutwillen verursacht, sondern aus Desperation". Es wird um einen Generalpardon für die Harzschützen nachgesucht, der dann die zusammengerotteten Bauern wieder auseinanderführen würde. Zur Sicherung der Ordnung wollte der Herzog das Land mit eigenen Truppen besetzen. Die Stände hatten sich bereit erklärt, zur Landesverteidigung 70 Mann oder auch mehr zu werben und sechs Monate lang zu unterhalten. (Doch allen Bemühungen des Landesherrn zum Trotz wurde ihm zu Anfang des nächsten Jahres die Grafschaft vom Kaiser weggenommen, s. Abschnitt 3.) Die Besatzung wurde daraufhin wenigstens verringert; auf Lohra blieben auf Altringers Befehl noch 80, in Blankenburg 20 Soldaten zurück, wofür 374 Taler wöchentlich (!) aufzubringen verblieben.

Mit dem Ende des Jahres 1627 verschwinden vorerst die Banden der Harzschützen im Westharze, dann auch im Südharz. Was mit militärischen Mitteln nicht zu erreichen gewesen war, das gelang den Vorstellungen und Versprechungen des Oberverwalters Brendecken. Mit Genehmigung des Herzogs und mit Einwilligung Tillys bot er allen Harzschützen, welche bereit waren, eidlich zu geloben, sich ferner an dieser Freibeuterei nicht mehr zu beteiligen, vollen Pardon an. Die meisten machten davon um so eher Gebrauch, als die dänischen Besatzungen, auf welche sich die Banden bisher gestützt hatten, nach dem Norden abgezogen wurden.

Im Sommer 1629 tauchte noch einmal eine Bande Freibeuter im Oberharz auf; sie wurde tatkräftig verfolgt, zum Teil gefangen, der Rest zerstreute sich. Das letzte Aufglimmen rächender Ueberfälle erlebte eine Abteilung von Tillys Heer, welche 1631 nach der Zerstörung Magdeburgs durch den Harz zog. Auf die Nachricht von dieser neuen Erhebung des Bandenkriegs ließ Lilly eine stärkere Abteilung in den Harz rücken; diese fand alle Wege, wie nach einem Treffen, mit Leichen bedeckt, denn die Aufständischen hatten die Krieger aus dem Hinterhalt niedergeschossen; die Harzschützen aber hatten sich zerstreut.

Vitztum von Eckstedt und die Niederbrennung des Hohnsteins[Bearbeiten]

In dem Grafen von Eckstedt bekam unsere Hohensteiner Grafschaft zu jener schweren Zeit einen besonders gewalttätigen, raublüsternen Kriegsherrn. Wie habgierig er sich als blutsaugender Vampir auf die schon stark gepeinigte Landschaft legte, zeigen seine Forderungen. Für seinen wöchentlichen Unterhalt forderte er nicht weniger als: 1 Korb Rosinen, 2 Hüte des besten Zuckers, 6 Pfd. Mandeln, 2 Pfd. Ingwer, 1 Pfd. Pfeffer, 1/2 Psd. Gewürznelken, 1/4 Pfd. Saffran, 1 Pfd. Zimt, 1 Pfd. Muskat-Blume, ^ Psd. Muskatnüsse, 1 Schock Pomeranzen und Zitronen, 3 Pfd. Parmesankäse, 4 Füßchen rote Rüben, 1 Füßchen Gurken, desgleichen je 1 Füßchen Oliven, Limonaden, Pomeranzenschalen, eingemachten Ingwer, einen halben geräucherten Lachs, einen halben grünen Lachs, 20 Pfd. Stockfisch, 8 Pfd. geräucherten Aal, 6 Pfd. Forellen, 5 Pfd. Reis, 4 Pfd. Hirse nebst der nötigen Milch, 60 Pfd. Butter, 4 Schock Käse, ein halbes gemästetes Rind, 3 Kälber, 4 Lämmer, 8 Hühner, 2 Faß Bier, 1 Faß Broihan, 1 Eimer Rheinwein, 1 Stein Lichte, 1 Scheffel Salz, 12 Scheffel Hafer täglich für 24 Pferde nebst dem nötigen Heu und Stroh, 1 Maß Kirschmus, 1 Maß Zwiebelbeermus, 3 Schock Aepfel, wie auch große und kleine Nüsse und Weiß- und Schwarzbrot „nach Bedarf".

Wann der Obrist Vitztum den Hohnstein (auch Honstein; die Burg hatten die Stolberger Grafen seit 1417 im Besitz, erst hundert Jahre vorher war sie im Bauernkrieg 1525 ausgeplündert worden) auf Altringers Befehl besetzte, läßt sich nicht feststellen. Im Oktober 1626 jedoch klagte ein Amtmann Vehse auf Clettenburg, daß die wöchentlichen Kriegssteuern nicht von den Amtsuntertanen zu ertragen seien, u. a. habe der Gras Befehl gegeben, den 107 1/2 Morgen großen Teich auszufischen, zu welchem Zwecke er schon aufgezogen worden sei. Am 24. Januar 1627 meldet Vehse neue Uebeltaten, daß auf Befehl „des Leutnants auf dem Hohenstein" die Holzungen übel ausgeforstet würden, aus dem Kohnstein und Kammerforst seien schon über 200 Fuder Holz verkauft. „Es seien die Untertanen überdies zu harten Diensten, nicht allein Feuerholz zur Notdurft vor die Soldateska, besonderen auch wöchentlich noch zu zwei und dreien Tagen an die Städte umher zu Markte zu führen und vor die Offiziere zu verkaufen, gezwungen worden, wodurch denn die vefte Mast und auch die Hölzer also angegriffen und verwüstet, daß in hundert Jahren solcher Schade nicht zu verwinden" (Aus dem Bericht der Stände vom 28. Juni 1627). Den Bauern des Amtes Hohenstein gaben die Soldaten auch die Wälder Preis, „daß sie darin hauen und fahren und ad libitum zu Gelde machen mögen, was sie können, nur daß die Soldaten ihre Kontribution von ihnen erlangen und die Bauern bei gutem Willen haben, ihnen die Gehölze, so sie niedergeschlagen haben, zu Markte zu verführen". In den nächsten Monaten werden auch die Bauern, die nur wenige Pferde besaßen, zu fortgesetzten Holzfuhren gezwungen. Den Untertanen von Benneckenstein und Umgegend wurde das Vieh weggeführt, die dem Kloster Ilfeld gehörigen Gehöfte und Vorwerke Birkenmoor und Königerode niedergebrannt. Dem Gute zu Klettenberg wurde der gesamte Getreidevorrat weggenommen — die Verpflichtung zur Steuerleistung blieb jedoch bestehen. Die Erpresser waren so unklug, den Beraubten noch nicht einmal Saatkorn und Zugvieh zu belassen und die Gutsuntertanen zur Bewirtschaftung der Aecker anzuhalten. Daß sie das Wild gänzlich ausrotteten, braucht wohl kaum angeführt zu werden. Die Soldaten des Obristen von Eckstedt betrugen sich wie Räuber und Mörder. Von ihnen berichtet eine alte Aufzeichnung aus Stolberg: „Waren jemals böse Buben, so waren es seine Soldaten. Sie schonten weder geistliche noch weltliche Personen, sondern schlugen, prügelten und quälten die Leute dermaßen, daß es kein Türke oder Heide hätte ärger machen können. Sie stürmten und plünderten die Häuser, daß manche Leute den Verstand verloren. Sie fielen in das Haus eines schwer erkrankten Bürgers ein, da derselbe fast mit dem Tode rang, schleppten ihn mit den Beinen in der Stube umher und schlugen viel Geschirr vor seinen Augen entzwei, bis er ihnen 24 Taler in seinen letzten Seufzern gab."

Die Vollendung der Eckstedtschen Frevel war die Niederbrennung des Hohnsteins am 10. Juli 1627.[2] Der Pastor Johann Eajus zu Ilfeld gibt jedoch die Beweggründe für diese Tat nicht richtig an, als er in das Kirchenbuch einträgt: „Anno 1627 hat der Obrist von Vitzthum uß furcht den Harzschützen das Haus Hohnstein verlaßen und hinter sich in Brand gestecket. Den 10. Juli." Der Brand war Wohl vorbereitet. „Damit das Feuer sein Zerstörungswerk gründlich verrichten könne, hatte er rings um die Burg Holzreisig auftürmen und dieses dann anzünden lassen. Ein Kreis von Soldaten mußte jede Hilfe zur Rettung der Gebäude abwehren. So sank die umfangreiche Burg in Trümmer." (Heine, Heimatbuch.)

Am 13. Juli 1627 beschweren sich die fürstlichen Beamten der Grafschaft Hohenstein bei Christian Vitztum zu Eckstedt: „Nachdem Kaiserliche Majestät unserm gnädigen Fürsten und Herrn allergnädigste Sperenz gemacht, daß die Grafschaft, als dem Kriegswesen ziemlich weit abgelegen, der schweren Molestien und Kriegspressuren enthoben werden sollte, sein auch in der Zuversicht gestanden, es würde durch den Abzug des Herrn Wentzel Ratißlaus Freiherrn von Mitrowitz dermaleins quittieret und ihnen in etwas zu raspiriren Lust gelassen sein, so vernehmen wir jedoch, daß der Herr Oberstleutnant dieselbe anderweit besetzet und unter schwere Kontribution setzen will, ja es gehen dabei andere Ineonvenionten und solche Feindseligkeiten vor, daß sie dieselben unmöglich ihrem Herrn verschweigen können. Sie bitten um Vorzeigung seiner Ordinanz. Vors andere befinden wir mit schmerzendem Gemüt, daß das Haus Hohnstein von seiner unterhabenden Soldateska ohne einige vernommene Not und habende Ursach in den Brand gestecket, es auch dabei alleine nicht gelassen, sondern es sein auch selben Abend am 10. Imjns etzliche Dragoner von Lohra wieder zurückgekommen und das Haus neben dem Vorwerk vollends in die Asche gelegt." Ferner beschweren sie sich über die Brandbriefe, die ein Hauptmann Erhard Albrecht ausgeschrieben (s. im ersten Abschnitt die Drohung an das Stift Walkenried).

Am 16. Juli fand sich aus der Burg Lohra, wo sich nun Eckstedt aufhielt, eine Abordnung ein, bestehend aus Georg von Tastungen, Bodo Ernst Windold und dem Stadtschreiber von Bleicherode. Eckstedt antwortete ihr, daß er ohne ausdrücklichen Befehl sich nicht des Hauses Lohra bemächtigt haben würde, daß er die Ordinanz nicht aus den Händen gäbe und nicht mehr beanspruche, als was es seinem Vorgänger Hauptmann Naue getragen hätte. Die Plünderungen wären ohne sein Wissen geschehen; er wäre nicht dafür verantwortlich, daß die Untertanen des Herrn von Arnstadt zu Großwerther stärker zur Kriegssteuer herangezogen worden Wären als vorher und daß ihnen acht Pferde genommen seien. Der Herr von Arnstadt könne die Pferde wiederbekommen, wenn er über den Verbleib Auskunft geben könne. Er könne auch nicht glauben, daß den Untertanen zu Osterode, Harzungen, Sachswerfen, Petersdorf und anderen Orten viel an Vieh und Pferden sei abgenommen, wie in der Eingabe verzeichnet Ware; nach seinem Dafürhalten wären in der ganzen Hohensteinschen Pflege überhaupt nicht so viel Pferde mehr gewesen. — Vollends feige und mit ärmlichen Scheingründen leugnet er die frevelhafte Niederbrennung des Hohnsteins. Er habe den Hohnstein nicht anstecken lassen, sondern es sei ihm vielmehr eine derartige „Versperrung" vom Amtmann begegnet, daß ihm nicht ein Trunk Wassers von Nordhausen aus, wollte geschweigen Bier, wäre mehr verabfolgt worden. Daher seine Soldaten nicht länger hätten auf dem Hause bleiben wollen, weil sie gesagt, sie müßten ja endlich Hungers sterben (!). Als die Soldaten nach seinem Befehl abgezogen seien, hätten die Bauer5n den Hohnstein angezündet. Als er daraufhin Soldaten zurückgeschickt habe, wollten diese gesehen haben, wie die Bauern im Hause herumgelaufen seien mit brennenden Strohwischen und Feuerbränden, überall angesteckt und Tische, Bänke, Oefen und anderes fortgetragen hätten. Eckstedt wolle die ihm zugeschobene Beschuldigung „wohlwissend entschuldigen". Die Brandbriefe hätte ein Schelm unter seinem Namen geschrieben; er wüßte nicht darum, er könnte Weder lesen noch schreiben (!).

Die Entschuldigungen des Hauptmanns Erhard Albrecht, die sich Vitztum zu eigen gemacht hatte, wurden am 20. Juli von den Ständen widerlegt. Sie wiesen nach, daß die Brandbriefe von derselben Hand geschrieben seien wie die Kriegssteuerausschreibungen und -quittungen. Sie verwahren sich gegen den Verdacht, in ihrer Mitte Verbrecher zu Haben und verlangen, daß ihnen die Namen der Bauern, die peinlich befragt werden sollten, mitgeteilt werden.

Eckstedt wurde trotz alles Leugnens für schuldig befunden und verurteilt, den Hohnstein wieder aufzubauen. Dieses Urteil wurde wohl nur aus der ärgerlichen Stimmung heraus gegeben, die an sich berechtigten Klagen und Beschwerden der Stände für endgültig abzuwehren. Die Burg wurde nie wieder aufgebaut, noch nicht einmal ein Wiederaufbau begonnen; seit jenem Tage ist sie eine Ruine. Das Wahrzeichen der Grafschaft Hohenstein, welches ihr den bleibenden Namen verlieh, ist ebenso dahin wie das Grafengeschlecht derer vom Hohenstein, das schon 1593 ausgestorben war. Heute liegt sie noch nicht einmal mehr in der Landschaft, die ihren Namen trägt. (Die Glocken der mitzerstörten Burgkapelle kamen aus den Kirchturm des benachbarten Dorfes Osterode, einige brandbeschädigte Steine in das Museum nach Nordhausen.)

Die Verpfändung des heimgesuchten Landes[Bearbeiten]

Das trostlose Schicksal der Grafschaft Hohenstein sollte ihren Höhepunkt erreichen in der Verpfändung derselben durch den Kaiser Ferdinand II. mit „allen deroselben pertinentien ein- und zugehörunge Renten und Einkommen" an den Grafen Christoph Simon zu Thun, „Unsers freundlichen geliebten Sohnes Königs Ferdinandi des Dritten zu Hungern und Oheim Obersten Hofmeistern, und eine namhafte Summe Geldes: benandlichen Sechtzig- tausend Gulden Reinisch". Am 28. Februar 1638 beauftragte der Kaiser Wallenstein mit der Besitzergreifung, der übertrug die Besetzung am 19. März dem Obristen David Becker Freiherrn von der Ehre, damals Öberhauptmann der Stifter Magdeburg und Halberstadt. Dieser lud zum 26. März 1628 von letzterem Orte aus die Prälaten nach Bleicherode. Auf Vorstellungen der Stände und mit Rücksicht auf das von Merode eingeschlossene Nordhausen, wo sich viele vom Hohensteiner Adel aushalten sollten, wurde der Landtag auf den 3. April verschoben. Zugleich erbot sich Becker, die Stände selbst aus Nordhausen herauszuführen und nach Bleicherode zu geleiten, wohin nun noch alle Amtsleute, Offiziere und Staatsdiener, „ferner aus jedem Dorf der Dorfrichter und zwei Geschworene, sowie auch alle Edelleute nebst ihren Untertanen entboten wurden".

Die Stände befanden sich nun in einem üblen Zwiespalt der Pflichten; „mit schweren Eidespflichten waren sie sowohl dem Herzog als auch dem Domkapitel zu Halberstadt zugeben und verwandt"; dieses mahnte am 28. März und jener am 29. März und 1. April zur Treue. „In ziemlicher Anzahl" stellten sich die Stände am 3. April in Bleicherode ein, wo der kaiserliche Kommissarius ihnen das Creditschreiben Wallensteins, das kaiserliche Patent und darauf das Schreiben an die Hohensteiner Landstände verlas, in dem sie ihrer Eide und Pflichten gegen den bisherigen Landesherrn entbunden wurden. Schweigend hörte die Versammlung die Verlesung an; sie waren von der willkürlichen Wandlung der Dinge immer noch überrascht und keineswegs darüber erfreut. Die Verhandlungen gediehen vorläufig zu nichts; der fürstliche Rat Dr. Moring reichte einen Einspruch gegen die Verpfändung ein: „S. F. G. wären hierüber niemals gehöret, keine Citation, Cognition, noch Declaration, als doch vermöge der Reichs-Constitution und gemeiner beschriebener Rechten sich geziemete, Vorgängen. Es könnten auch S. F. G. mit gutem Gewissen Fürstlich kontestieren, und jederzeit, Wenns nötig, zur Genüge dartun, daß sie hierzu die geringste Ursach nicht gegeben." Die Stände erklärten sich zur Verzinsung der 6000 Gulden, um derentwillen die Grafschaft verpfändet war, an den Grafen Thun bereit; nur baten sie, damit von allen Kriegsbeschwerden fürderhin befreit zu werden. Eine Bedenkzeit von zwei Monaten lehnte der Kommissar ab; das einzige, was die Stände erreichten, war, daß sie statt eines körperlichen Eides dem neuen Herrn durch Handschlag huldigen durften. Zur Eidesleistung wurden die Untertanen rücksichtslos vorgeführt. So wurden schon am 4. April die Schulzen des Amtes Hohenstein von einem Leutnant und 20 Dragonern von Lohra aus Nordhausen herausgeholt. Der Amtmann Ludwig Ziegenmeyer des Amtes Hohenstein erreichte mit seiner Ausrede, das „Amt" gehöre als fürstlich-braunschweigisches Stammgut nicht zur „Grafschaft" Hohenstein auch nichts, und als dieser den Amtsschreiber Berner zur Huldigung nach Bleicherode schickte, ließ der kaiserliche Kommissar ihn noch am selben Abend nach Nordhausen vorführen; aber seine Huldigung konnte doch nicht erzwungen werden, da noch viele andere Herren damit im Verzuge geblieben waren; sie blieben fast ausnahmslos dem Herzog treu.

Die Verwaltung für den Grafen Thun übernahm der Hauptmann Paul Peth von Reitberg aus Mähren. Er verbot den Ständen und sämtlichen Untertanen bei Leib- und Lebensstrafe bei niemandem als bei ihm zu klagen oder ewas zu suchen. Die Kanzlei wurde für ihn eingerichtet; am 11. April nahm er auch seinen Wohnsitz in Bleicherode. Der Graf von Thun hatte in der Wahl seines Vertreters einen glücklichen Griff getan, denn dieser war rücksichtslos auf den Vorteil seines Herrn bedacht. Gleich nach seinem Amtsantritt verlangte er von der Grafschaft wöchentlich 600 Gulden Kriegssteuern als die durch seinen Herrn beim Herzog von Friedland verwirkte salva Anarckin. Um den Anordnungen Peths Nachdruck zu verschaffen, schickte der Oberst Becker im Mai noch hundert Musketiere in die Grafschaft. „Wenn der Tag der Zahlung herbeikam, nahm der Fourier zehn bis zwölf Soldaten, ging von Haus zu Hause, und wer mit dem Gelde nicht alsbald bereit war, dem fiel er mit seinen Soldaten ins Haus und handelte darin wie in der Zerstörung Jerusalems." (Nach Krönig.) Ilfeld aber konnte nicht zahlen, und so schickte der Administrator kaiserliche Reiter auf die Klostergüter nach Hesserode und Kleinwerther (nahe bei Nordhausen), die sich dort solange einlagerten, bis die verlangte Summe erlegt war. Trotzdem hatte der Ilfelder Abt einmal an einem Zahltage die stattliche Summe von 600 Talern auf die Regierungskanzlei nach Bleicherode eingezahlt.

Wie der Graf sich auf das sorgfältigste um seine Geldangelegenheiten kümmerte, so ließ er sich auch das Seelenheil seiner Untertanen, „der bishero Verführten", angelegen sein. Unter ihm wurde Berthold Niehus Abt in Ilfeld, der sich nun in der ganzen Grafschaft Hohenstein bemühte, die katholische Religion einzuführen und die Pfarreien mit katholischen Priestern zu besetzen. Den Anfang machte er mit den Klöstern Ilfeld und Walkenried, in die er Mönche einführte. Ebenso wollte er die Klöster Dietenborn und Münchenlohra mit Nonnen besetzen, letzteres war aber von den Soldaten so verwüstet worden, daß es gänzlich unbewohnbar schien. Den Geistlichen wurde meistens übel mitgespielt; der Pastor Götling in Ilfeld z. B. mußte sein Amt niederlegen, büßte einen Teil seines rückständigen Gehalts ein und wurde auf Niehus' Betreiben vier Wochen ins Gefängnis gelegt. Gewiß würden Graf und Abt für ihre Gegenreformation Erfolge erzielt haben, zumal ihnen ja die Soldaten zur Verfügung standen, wenn sich ihre Regierung über einen längeren Zeitraum erstreckt hätte.

Nach der Entreißung erfuhr der geprellte Landesherr nun auch die Gründe, welche die Kanzleiperücken mit großem Fleiß aus den Fingern gesogen hatten. Noch in demselben Jahre erschien in Wolfenbüttel eine umfangreiche „Kurtze gründliche Information und beständig wahrer Bericht, was es um die Grafschaft Hohenstein und Reinstein usw. für eine eigentliche Bewandtnis habe". Abgesehen von Unregelmäßigkeiten bei der Belehnung mit der Grafschaft Hohenstein wird ihm besonders das Zusammengehen mit seinem Bruder Christian, dem postulierten Bischof von Halberstadt, als ein Verbrechen angerechnet; man wirft ihm vor, daß er seinem Bruder Munition geliefert habe und macht ihn für dessen Verwüstungen im Bistum Halberstadt verantwortlich. Ferner ist es sehr übel vermerkt, daß er den Ausschuß gegen Wallenstein aufgeboten, dem König von Dänemark hingegen alle vornehmsten Pässe und Festungen eingeräumt habe. Auch macht man ihm sein mildes Vorgehen gegen die Harzschützen (s. 1. Teil!) zum Vorwurf; die Abmahnung derselben wäre von schlechter „Importanz", auch wenig Ernst dabei zu finden. Nach der Schlacht bei Lutter a. B. und dem „Accord" mit Tilly habe er noch mit den Feinden „korrespondiert"... Der Herzog habe sich die Schuld an seinem Verluste selber beizumessen. Die Antopologia schließt, recht bezeichnend für ihren Ton, mit dem Sprichwort: Jeder ist seines Glückes Schmied.

Gleichwohl kam 1630 ein Abkommen zwischen dem Herzog und dem Grafen von Thun zustande, wonach dieser die Grafschaft gegen Zahlung von 40 000 Talern räumen sollte; dieses Abkommen wurde auch vom Kaiser bestätigt. Trotz der kaiserlichen Verordnung blieb die Grafschaft Hohenstein in Thuns Händen, bis die Siege der vordringenden Schweden es dem Herzog ermöglichten, sich wieder in den Besitz des ihm geraubten Hohensteiner Bezirks zu setzen.

  1. Ueber das Treiben der Räuberbanden im Oberharz berichtet ausführlich der frühere Schulinspektor Fr. Günther-Klaustal in dem empfehlenswerten Buch „Der Harz in Geschichts-, Kultur- und Landschaftbildern". Verlag von Karl Meyer (Gustav Prior)-Hannover
  2. Die landläufige Meinung, die man auch noch in Geschichtsbüchern findet, verlegt den Brand des Hohnsteins in die Christnacht 1627.