In Nordhausen auf den Spuren Mathildes, der ersten deutschen Königin

Textdaten
Autor: Heidelore Kneffel
Titel: In Nordhausen auf den Spuren Mathildes, der ersten deutschen Königin
Untertitel:
aus: Nordhäuser Nachrichten. Südharzer Heimatblätter (2/1994); S. 6-7
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1994
Verlag:
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort:
Quelle: Scan
Kurzbeschreibung:
Digitalisat: {{{DIGITALISAT}}}
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bild

„Historische Pfade“ sollen dem Touristen helfen, die Geschichte und die Landschaft, in der sich diese ereignete, für sich nachempfindbar zu machen. In Herford (Niedersachsen) und in Quedlinburg (Sachsen-Anhalt) wurde die Idee zu einem „Mathildenpfad“ geboren, der möglichst noch 1994 „eingeweiht“ werden soll. Mit diesem Pfad erhält der Tourist die Chance, sich das schon so fern liegende 10. Jahrhundert vor Augen zu führen.

Es ist ein interessanter Gedanke, sich über einen Menschen einer Epoche zu nähern. Wenn es über die Königin Mathilde geschehen soll, so ist auch Nordhausen eine wichtige Station auf diesem Weg.

Wo können wir dieser außergewöhnlichen Frau in unserer Stadt begegnen? Es gibt ein unverwechselbares Stadtviertel, das in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts entstanden ist, den Sachsenhof. Um ihn gruppieren sich der Heinrichsweg und der Mathildenweg. Viele Häuser dort tragen einen rötlichen Reliefstein, der 1927 angebracht wurde. Wir sehen darauf das erste deutsche Königspaar, Heinrich I. und Mathilde (Mechthild).

Vorbild für die Gestaltung war das älteste Stadtsiegel Nordhausens, das um 1200 entstand. Das Königspaar sitzt unter romanischen Säulenbögen. Zwischen ihnen befindet sich das Stadtwappen: der Adler auf dem Wappenschild, darüber ein Helm, bedeckt mit einer Krone.

Aus dieser wachsen zwei Büffelhörner, von denen Zweige ausgehen, die mit Lindenblättem bewachsen sind. Links und rechts des Wappenschildes stehen die Jahreszahlen 927/1927.

Mathilde, um 895 geboren, verstarb am 14.März 968 in Quedlinburg. Für die damalige Zeit, als die Lebenserwartung bedeutend geringer war, kann man daher bei ca. 73 Jahren von einem beinahe „biblischen“ Alter sprechen.

Sie war die zweite Frau des ersten deutschen Königs, Heinrich I., und überlebte diesen um 32 Jahre.

Drei ihrer fünf Kinder, Gerberga, Heinrich und Bruno, kamen auf der Burg Nordhausen zur Welt, mit deren Errichtung Heinrich etwa um 908 begonnen hatte.

Am intensivsten können wir Mathilde im Nordhäuser Dom begegnen. Auf dem Terrain dieses romanisch-gotischen Bauwerkes ließ sie 961 eine Kirche (Kapelle) errichten, die sie der Gottesmutter Maria, Johannes dem Täufer und dem Märtyrer Eustachius weihte. War sie in Nordhausen, weilte sie oft dort mit ihren adligen Stiftsdamen. Man darf davon ausgehen, daß dieses erste Gotteshaus frühromanische Züge trug, also der heutigen Domkrypta ähnelte, denn die ottonische Kunst - nach Mathildes erstgeborenem Sohn und dessen Nachfolgern benannt - bildet die 1. Stufe der romanischen Kunst in Deutschland.

Wenn wir uns im Dom im Chorraum aufhalten, sehen wir an dessen beiden Längsseiten, weit über unseren Köpfen, je drei aus Sandstein gehauene Figuren - die Stifterfiguren des Domes.

Drei Frauen stehen an der südlichen, drei Männer an der nördlichen Wand. Diese Skulpturen weisen darauf hin, daß seit der Gründungszeit des Frauenstiftes durch Mathilde im Jahre 961 Könige und Kaiser das Stift förderten und beschenkten. So entstanden diese wertvollen, überlebensgroßen Figuren um 1270 aus Verehrung und Dank.

Uber jeder befindet sich ein gotischer Baldachin, alle stehen auf figürlichen Konsolen, jede hat einen eisernen Dorn in einer Hand, auf dem bei großen Feiern Kerzen getragen werden. Mathilde, die Gründerin, trägt außerdem die Kirche. Ihr gegenüber steht ihr Gemahl, Heinrich I. Neben ihr befindet sich Adelheid, die zweite Frau Otto I. Ihr gegenüber sehen wir Mathildes Sohn Otto I. (der Große), den 1. deutschen Kaiser. Die dritte Frauenfigur stellt Theophanu dar, eine byzantinische Prinzessin, die Frau Otto II., eines Enkels von Mathilde und weiteren deutschen Kaisers, der wiederum dieser gegenübersteht. Die steinernen Kunstwerke sind mit Wachsfarben bemalt und erhalten so eine besondere Lebendigkeit.

Wenden wir uns Mathilde zu. Die goldene Königskrone hält ein weichfallendes Tuch auf ihrem Kopf, das gänzlich die Haare verdeckt. Auf ihrem Gesicht liegt ein weiches Lächeln. Überm Ihrem rötlichen Kleid - auf der Brust mit einer großen runden Brosche geziert und einer langen Kette - trägt sie einen grünlich schimmernden Umhang, der, von ihrer linken Hand gerafft, in wundervoll gotischen Falten bis zu den Füßen hinabschwingt. In gleicher Hand hält sie die von ihr gestiftete Kirche. Die rechte Hand trägt eine Blüte und den Kerzendom. Ihre Haltung zeigt hoheitsvolle Ruhe. Ihre Füße stehen nebeneinander auf einem goldenen Blütenkranz. Die Konsole darunter stellt einen Mann dar, der auf einem Löwen reitet.

Neben diesen Stifterfiguren ist das Chorgestühl von hohem künstlerischen Rang. Es entstand von 1370 bis 1400 und ist eines der wenigen mittelalterlichen Chorgestühle, die in Thüringen erhalten blieben.

Auch hier begegnen wir Mathilde, diesmal als Relief, in der rechten hohen Wange des Gestühls. Wiederum als Stifterin zu erkennen, trägt sie das Modell des Domes auf ihrem rechten Arm. Reich fließen die Gewänder an ihrem Körper herab; die Körperformen darunter sind deutlicher kenntlich gemacht als in der steinernen Stifterfigur.

Ein drittes Mal begegnen wir Mathilde im Chorraum des Domes, und zwar am Hochaltar, der in barocker Zeit entstand, im Jahre 1726. Wieder trägt sie die Krone, wieder das Dommodell, wieder umhüllt sie ein Umhang. Wie aber im Barock typisch, ist in der Körperhaltung eine komplizierte Drehung enthalten, die Hände, der Arm und das Gesicht sind fleischiger.

Das farbige Fenster an der Nordostecke des Kirchenbaues zeigt die Heilige Mathilde ein viertes Mal, diesmal gemeinsam mit der Heiligen Helena.

In Nordhausen gab es noch ein weiteres bildliches Dokument ihres Aufenthaltes in der Stadt. Im Stadtverordnetensitzungssaal hing bis April 1945 ein großes Gemälde von Prof. Hans Looschen, das den Abschied Otto I. von seiner Mutter, der verwitweten Königin Mathilde, im Sommer 965 vor dem Nordhäuser Dom zeigte.

Am Gotteshaus stehen Mutter und Sohn, sich ein letztes Mal an den Händen haltend. Umgeben sind sie von gerüsteten, meist zu Pferd sitzenden' Männern, den Gefolgsleuten des Sohnes, der wieder gen Italien ziehen wird, wo man ihn 962 zum Kaiser gekrönt hat.

Mathilde, etwa 70 Jahre alt, ahnt, daß sie ihren ältesten Sohn nicht noch einmal sehen wird. So legt sie ihm mit eindringlichen Worten nahe, dem von ihr gegründeten Stift Schutz angedeihen zu lassen, was der Sohn verspricht und er und seine Nachfahren auch taten.

Kneffel