Erinnerungen an Nordhausen

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Textdaten
Autor: Michael Georg Conrad
Titel: Erinnerungen an Nordhausen
Untertitel:
aus: Nordhausen. Wie es unsere Dichter sahen...
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1927
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Digitalisat:
Eintrag in der GND: [1]
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Erinnerungen an Nordhausen
Von Dr. Michael Georg Conrad — München.


Dreimal bin ich in Nordhausen gewesen. Hätte ich nicht inniges Gefallen an Landschaft, Stadt und Bevölkerung gefunden und dauernden Gewinn für Geist und Gemüt daraus gezogen, würde ich keine Erinnerungen niederschreiben. Man soll sich nicht mit toten Dingen schleppen. Tot bleibe, was nicht unser eigenes Leben bereichert und erhöht; unnütz ist es, Vergangenes nicht vergangen sein zu lassen, wenn es unsere Sehnsucht nicht beschwingt, unser Gemeinsamkeitsgefühl nicht geläutert, unsern Heimatglauben nicht gestärkt hat.

Ich war nicht mehr in kalendermäßig jungen Jahren und hatte schon weite Welt-Wanderungen hinter mir, als ich zum erstenmal Nordhausen in den Kreis der mir körperlich bekannten, geistig sympathischen Kulturstätten unseres deutschen Vaterlandes einfügen durfte. Dreimal hat mich der Bildungsverein von Nordhausen zu Vorträgen eingeladen, und dreimal bin ich seinem willkommenen Rufe gefolgt.

Was ich vorher von Nordhausen gewußt, war nicht mehr, als was jeder gut geschulte Deutsche an allgemeinem Wissen von vaterländischen Dingen von staatswegen anno dazumal ins Leben mitbekommen hat und was er sich, wenn er reiselustig war, aus Baedeker oder Meyer ergänzen konnte. Der Wissenskram der Schule bestrich die weite Welt, ein riesiges Stück Vergangenheit, tote Völker, tote Kulturen, tote Sprachen — und für das eigene Reich und die eigene Heimat und die Gegenwart mit all dem bunten, verwickelten Leben und seinen schweren Verantwortungen rings um uns blieb wenig übrig. Das mußte man auf eigene Gefahr und Rechnung sich erst als schaffender Mensch aneignen. Vieles, was man für Schule und Examen sich im Schweiße des Angesichts erarbeiten gemußt, eine Unsumme von Wissenswürdigkeiten nach dem Urteil der Autoritäten und Behörden, erwies sich als Ballast, den man abwerfen mußte, um Wahrhaft Lebendiges, Fruchtbares und Nützliches zu gewinnen.

War man nicht selbst Gewerbetreibender, so mochte es hingehen. Saß man von dem ungeheuer tüchtigen und gewerbefleißigen Gemeinwesen Nordhausen das Eine mit Sicherheit wußte, daß es einen vortrefflichen Kornbranntwein und einen von Liebhabern geschätzten Kautabak erzeuge und in wachsenden Mengen ausführe.

So verband sich auch in meiner Jugend mit dem Begriff Nordhausen der Begriff Schnaps, dann kam noch der brave Vegetarier Eduard Baltzer dazu, ein etwas gegensätzliches Element, mit gereinigten Kochbüchern für die Gesundheit des Leibes und der Seele. Baltzers freigerichete Schriften erfreuten sich damals in Süddeutschland eines weiten Leserkreises. Von der gesunden Luft im Freigeistigen dieses Predigers und Schriftstellers ging kräftige Bewegung in die weitere Atmosphäre über, so daß bei dem Bilde, das sich der Fernstehende von der berühmten Kornbranntweinstadt machte, die Vorstellung von Fusel und Dusel vollständig ausgeschieden blieb. Nordhausen wurde durch den tapferen Baltzer als die Stadt der natürlichen Lebensweise und höchst veredelter Geistigkeit zu neuen Ehren gebracht.

Wie glücklich und heiter war ich, als ich bei meinem ersten Besuch in Nordhausen plötzlich vor Baltzers Denkmal stand. Wie erfüllt dieses schlichte Erinnerungszeichen durch köstliche Volkstümlichkeit seinen Zweck! Voll herzlicher Freude umschritt ich das Denkmal und gelobte mir mit Nietzsches Worten, niemals mein Becherlein vergessen einzustecken, damit ich auf meinen Wanderungen an allen guten frischen Quellen meinen Durst zu stillen vermöchte.

Als ich das erstemal Nordhausen voll hoher Befriedigung verließ, hatte ich mir nicht nur ein praktisches Becherlein eingesteckt, sondern auch ein teures Andenken an den vortrefflichen echten Nordhäuser bei Franz Emmert am Kornmarkt erworben — es waren soviele Flaschen als ich in meinem Koffer verstauen konnte als Mitbringsel für die Lieben daheim im Bierland. Schöne Zeiten vor dem Weltkrieg, wo man voll neckischer Unbesorgtheit sich das Gewissen beschwichtigte: „Wasser tut's nicht allein!“

Aber auch der deutsche Mann mit religiösem Bewußtsein, der auf seinen konfessionellen Einschlag hält und in der Geschichte der Reformation Bescheid weiß, schätzte Nordhausen wegen seiner ehrenvollen Stellung, die es in der kirchlichen Entwicklung zur Zeit Luthers und seiner treuen Mitarbeiter, darunter des biederen Justus Jonas, eines geborenen Nordhäusers, festgehalten. Nordhausen die Lutherstadt, wer liebte sie nicht in heißer Dankbarkeit, der einmal das Glück gehabt, das wundervolle Fest des Martinstages dort mitzufeiern, am Abend die Huldigung des gesamten protestantischen Bürgertums mit den Schulen, den Vereinen, den Behörden. Mit Sang und Klang und Festansprache vor dem Lutherdenkmal am Lutherplatz mitzuerleben, daß alle Fibern der Seele erbebten bei dem machtvollen Choral deutschen Christentums: „Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen!“

Nur noch einmal hatte ich diesen leisen Eindruck von der Gewalt des evangelischen Kirchenliedes anläßlich einer Jubiläumsfeier der Information in Worms und Speyer. Nordhausen wirkte noch mehr, denn es gab neben dem festlichen Aufmarsch des ganzen Gemeinwesens in Jubel, Freude und Dankbarkeit noch den unbeschreiblich schönen Ausklang im Schoße der Familien, wo der fromme Gottesmann und Held Martin bei Karpfen und Gansbraten jeden Einzelnen mit Appetit segnete und den Geist reinen Frohsinns ausgoß über das ganze Haus.

Stolz bekenne ich, daß ich am 10. November 1910 dabei gewesen als Nordhäuser Festgenosse und daß dieser mein zweiter Gastbesuch durch das Gold der Erinnerung an diese Stadt und den heiligen Schatz ihres Familienlebens zu meinen höchsten Erlebnissen zählt. Wir wollen ja nicht vergessen, daß man sehr wenig vom wahren Leben einer deutschen Stadt kennt, wenn man sich nur an ihrer Oberfläche ergötzt oder geärgert hat. Man muß ihren Herzschlag im engsten Kreise, in ihrem Familientum, als ihrem Allerheiligsten und zugleich Alltäglichsten, Regelmäßigsten gefühlt und teilgenommen haben an jenen intimen Feierstunden, wo der Genius des Volkes und seiner Geschichte als der Hausgeist waltet, jede Einzelseele mit der Volksseele verknüpfend im Wunderreich gemeinsamen Glücksgefühls. Von der Familie zur Gemeinde, von ihr zum Volkstum, von ihm zu Gott, das gibt den mächtigen Aufschwung der Seele über Raum und Zeit hinaus ans Vaterherz Gottes:

Brüder — überm Sternenzelt
muß ein lieber Vater wohnen!

Dieses Liebesmahl am Martinstag bleibt der strahlende Mittelpunkt meiner Nordhäuser Erinnerungen. Denn hier habe ich aufs innigste erfahren, wie enge wir Deutsche aus Süd und Nord, Ost und West verbunden sind, wieviel Kraft und Schönheit in unserem Volke schlummert, welch' Stammes wir auch sein mögen. Jedes redliche Gemüt birgt ein nationales Heiligtum. Ein Kinder gesegnetes, vom Geiste der Zucht, der Ordnung, der Treue beherrschtes Heim, und da Gast zu sein am Ehrenfeiertage eines unserer besten und frömmsten Deutschen, wie das uns hebt und stark macht und in aller Not der Zeit die geängstigte Seele umfächelt wie mit seligen Lüsten! Kinderheim, Jugendland — hier ist Verheißung blühender Zukunft über alle Stürme der Gegenwart hinweg.

Mit dieser Zuversicht im Herzen schritt ich aus der Parkstraße durch die Baltzerstraße am Kaiser-Wilhelm-Haus, hinüber zum Primariusgraben der alten Stadtmauer entlang und träumte hinaus in die Weiten der Goldenen Aue, in die Waldhöhen des Harzes, bis mein Blick an jenem Punkte des Horizontes haften blieb, der in unserer wechselreichen Heldengeschichte ein Ewiges in deutscher Herrlichkeit bezeichnet: Kyffhäuser! Hier ist heiliges Land!

Und dann zurück durch ehrwürdige Stätten unseres Christenglaubens, St. Blasii- und Nikolaikirche mit ihren alten, von nie verlöschendem Leben erfüllten Meisterbildern, in die alten Mittelpunkte des stets sich verjüngenden städtischen Lebens am Rathaus mit dem Riesenstandbilde des gekrönten Rolands, zu dem neuen Stadthaus, das sich so prächtig dem architektonischen Bilde Nordhausens eingefügt, Zierde und zugleich Symbol eines ebenso kunstsinnigen wie seiner Gaben und Aufgaben stolz bewußten Bürgerwesens.

Und im „Römischen Kaiser“ lockt preisenswerte Wirtschaftsführung zu angenehmer Rast. Träumerisch rauscht vom Kornmarkt der Neptunsbrunnen herauf in mein stilles Zimmer, wo ich in einigen Minuten einen jungen Nordhäuser Poeten empfange — ich verschweige seinen Namen: vielseitige Begabung, starker Wille zur Kunst, Ehrgeiz des Schaffenden, Fleiß und Treue werden ihn bald zu einem der Verehrtesten im schöngeistigen Schrifttum gemacht haben.

Aber junger, feuriger Poetengeist spricht sich im Freien leichter aus als in der Stube und so spazieren wir wohlgemut durch Gehege und Stadtpark, machen dem Schillerhain und berühmten alten Bäumen unsere Reverenz und sind im besten Rühmen der städtischen Sorgfalt im Betreuen alles Ehrwürdigen in Denkmalen der Kunst und Natur. Ünd mein Vortrag heut Abend im Bildungsverein? Ich verabschiede den lieben Poeten, um mir selbst die notwendige Audienz zur Sammlung des Kopfes und Gemütes für die abendliche Vortragsstunde zu gewähren.

Und das bleibt von allen meinen Erinnerungen an Nordhausen die mir teuerste, daß ich vor einem Kreise so auserlesener Bürger und Bürgerinnen dieser gewerblichen Stadt frei von der Leber weg sprechen durfte über hochgeistige Erscheinungen wie Wagner und Nietzsche und Bayreuth im Strome der Kultur wie über die Probleme aus der Frühzeit der Moderne. Es waren Stunden der Weihe im Aufblick zum Genius unseres Volkstums, Stunden der Andacht und des Labsals in der Ahnung heraufdämmernder Gefahr und schwerer Prüfung. —

(Für „Heimatland“ geschrieben im Herbst 1920.)