Ein Fachwerkbau des 13. Jahrhunderts in Nordhausen am Harz und seine Beziehung zum germanischen Urbild

Textdaten
Autor: Friedrich Stolberg
Titel: Ein Fachwerkbau des 13. Jahrhunderts in Nordhausen am Harz und seine Beziehung zum germanischen Urbild
Untertitel:
aus:
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1938
Verlag:
Drucker:
Erscheinungsort:
Quelle: Scan
Kurzbeschreibung:
Digitalisat: PDF (4 MB)
Eintrag in der GND: [1]
Bild
[[Bild:|250px]]
Bild


Ein Fachwerkbau des 13. Jahrhunderts
in Nordhausen am Harz und seine Beziehung zum
germanischen Urbild


Von Dr. Friedrich Stolberg


Der Hausbau des germanischen Nordens ist ursprünglich der Holzbau gewesen und wohl schon früh in einen beiden grundsätzlichen Hauptformen, dem Blockhaus und dem Fachwerk ausgebildet worden. Abgesehen von der Grundrißgestaltung, die sich an Hand von Ausgrabungsergebnissen mehr oder minder eindeutig verfolgen läßt, sind bezüglich des Gefüges der aufgehenden Teile, der Wände und des Dachwerkes, Beispiele erster Zeit nur selten vorhanden, lediglich aus schriftlichen Quellen, so den fränkisch-alemannischen Gesetzessammlungen und dem sächsischen Heliand lassen sich Schlüsse auf jene ziehen. Da das weitere Deutschland infolge geographischer Lage stets in hohem Maße den Kriegsläuften ausgesetzt war, hat sich die Zahl früher, den Urbildern nahestehender Holzbauten erschreckend gelichtet, so daß hier kaum über das 12. Jahrhundert zurückgegriffen werden kann. Wenige Dachwerke romanischer Kirchen, so u. a. von Sindelfingen, Fritzlar, Maulbronn, Arnstein, Schwarzach, dem 12. Und 13. Jahrhundert entstammend, sind als Zeugen früher deutscher Zimmermannskunst geblieben sowie einige wenige Wohngebäude des romanischen Mittelalters, unter ihnen aber ein Bauwerk in Nordhausen a. Harz: Der Innenflügel des ehemaligen Frauenbergklosters. Dieses Gebäude beansprucht besondere Beachtung und Pflege, da es nicht nur frühmittelalterliche, also urtümliche Zimmerweise zeigt, sondern auch in seiner Gesamtplanung noch auf das germanische Einhaus mit offenem Sparrenwerk zurückgeht.

Abb. 1. Außenansicht des einstigen Südflügels des Frauenbergklosters
Abb. 2. Wohnhaus Altendorfer Kirchgasse 3 in Nordhausen

Das nie übermäßig begütert gewesene Frauenbergkloster zu Nordhausen, ein Zisterzienserinnenkloster mit Namen Santa Maria in Monte, wurde 1203 gegründet und an eine bereits vorhandene romanische Kirche, die heutige Frauenbergkirche, angefügt. Es erlischt mit der Reformation, wird Schule und endlich Altersheim für mittellose Frauen, welchem Zweck es noch heute dient. Nennenswerte, monumentale Bautätigkeit ist im Verlauf der Klostergeschichte nicht zu verzeichnen, die Mittel scheinen hauptsächlich in der Kirche verbaut worden zu sein. So kommt es, daß die eigentlichen Klosterhäuser vorwiegend in Fachwerk errichtet waren. Von diesem Komplex ist erhalten ein äußerer Straßenflügel mit prächtig ausgebildetem Fachwerk hochgotischer, in die Spanne um 1400 fallender Art und der einstige südliche Kreuzgangflügel. Dieser nun ist es, der als ehrwürdiger Zeuge deutschen Holzbaues des frühen 13. Jahrhunderts vor uns steht und in seinen Zügen älteres, überkommenes germanisches Gut offenbart. Die genannte Zeitsetzung stützt sich auf die Untersuchung, vorwiegend des Dachstuhles, der, wie nachfolgend zu behandeln ist, vor 1225 entstanden sein muß.

Abb. 3. Schnitt durch den Südflügel des Frauenbergklosters

Das etwa 7 x 19 m im Grundriß messende Haus besteht aus einem Traggerüst vor weitgesteilten, roh zugehauenen Eichenpfosten, die bis 27 x 40 cm Querschnitt aufweisen, auf einem Schwellenholz fußen und oben durch ein Rahmenholz gefaßt werden. Lange Riegelhölzer und kurze vib deb Pfosten in den Rahmen greifende Kopfstreben sichern das Gefüge (Abb. 1). Mit rund 5,5 m Wandhöhe erscheint das ganze Gebilde als Einhaus, das heißt als einziger, in der Hauptplanung nicht unterteilter Raum mit oben abschließendem, offenem Satteldach. Erst zweitlinig, der Einraumkonstruktion nebensächlich untergeordnet, ist im Innern Geschoß- und Raumteilung vorgenommen, dadurch, daß man auf den untern Riegelkranz die Deckenbalken des die Zellen und den Kreuzgang enthaltenden Untergeschosses einfach lose auflegte, beziehungsweise in die Hauptpfosten einzapfte (Abb. 1 und Abb. 3). Keine Spur ist noch wahrzunehmen von der späteren gotischen Fachwerkart mit geschoßweise ausladenden Gebälken und prächtig auskragenden Stockwerken! Es herrscht der Einraum, der bedarfsweise abgeteilt wird! Zur Beurteilung des Befundes ist dabei die Tatsache wichtig, daß es sich hier nicht etwa um einen Bau untergeordneter Bedeutung handelt, sondern um den südlichen Kreuzgangflügel des Klosters! Das Untergeschoß ist in seiner Mitte durch Stützen und eine Längswand geteilt (Abb. 3), es enthält nach Süden die heute noch bewohnten Zellen, während der lange durchgehende Raum nördlich als Rest des einstiges Kreuzganges anzusprechen ist. An Stützen und Deckenbalken angeblattete, gekrümmte Kopfstreben festigen den Verband und ergeben gleichzeitig eine schlichte, architektonische Wirkung.

Abb. 4. Das Dachwerk des Südflügels des Frauenbergklosters

Wie eingangs gesagt, ist es vor allen Dingen das Dachwerk des Hauses, das eine Einweisung in frühe, auf älteste Technik zurückgreifende Zeit zuläßt (Abb. 4). Es wird, etwa seit 1225, das Sparrenwerk in der Weise mit dem Dachgebälk verbunden, daß die Sparren mit angearbeitetem Zapfen in ein entsprechendes Zapfenloch hinter dem Ende des Balkens in denselben eingreifen und dort fußen. Von dieser, heute noch üblichen Verzimmerungsart weicht jene der Zeiten vor 1225 grundsätzlich ab. Beim germanischen Hause werden die Sparren noch in das die Wand oben schließende Rahmenholz eingezapft, wobei in größeren Abständen liegende, in die Hauptpfosten gezapfte Ankerbalken den Schub aufnehmen, eine Erstbauweise, die bis zur Gegenwart in alten niedersächsischen Bauernhäusern vorkommt. In der Folgezeit, etwa um 1200, hat sich bereits eine Verbesserung der urtümlichen Art durchgesetzt, dergestalt, daß man den Ankerbalken auf das Rahmenholz legt und die Sparren nunmehr am Balken fußen läßt. Für die zwischen den Ankern befindlichen Gespärre werdeb kurze Stichbalken auf das Rahmenholz gesattelt, so daß über den Ankerbalken jeweils ein „Bindergespärre“ und über den Stichbalken ein „Leergespärre“ entsteht (Abb. 4). Diese verbesserte Zimmerweise zeigt der Dachstuhl des Frauenberger Hauses! Über dem Obergeschoß öffnet sich frei das sichtbare nordische Dachwerk, aus rhythmischem Wechsel von Bindergespärren mit durchgehenden Balken und offenen Leergespärren gebildet. Eigentümlich ist nun die Art, in der jeder Sparren an seinem zugehörigen Balken, beziehungsweise Stichbalken fußt: Er sitzt nicht, wie bei Werken nach 1225 die Regel, eingezapft hinter dem Balkenende, sondern greift an dessen äußerem Kopf seitlich mit flachem Blatte an. In den Leergespärren stellen kleine, ebenfalls angeblattete Fußbänder einen schüchternen Dreicksverband zwischen Sparren und Stichbalken her, während in den Bindergespärren in üblicher Weise schräge Kopfstreben von den Hauptpfosten an die Ankerbalken fassen (Abb. 3 und Abb. 4). Ein Kehlgebälk vollendet die einfache, aber mit gefühlsmäßiger Sicherheit hingesetzte Dachkonstruktion, die trotz sparsamster Verbindungen und trotz angeblatteter Sparrenfüße nunmehr 700 Jahre lang gehalten hat! Hierbei ist zu bedenken, daß sämtliche Verbindungen, als da sind Blätter und Zapfen, ausschließlich mit Holznägeln aus gesplißtem Eichenholz genagelt sind, also kein Gramm Eisen verwandt worden ist! Das so geschaffene saalartige Obergeschoß des Kreuzgangflügels steht also als ein im frühen 13. Jahrhundert errichtetes Werk da, das seine Herkunft vom germanischen Urbild nicht verleugnen kann. Daß der Saal nicht untergeordneten Zwecken diente, sondern tatsächlich als solcher genutzt wurde, beweisen die sauber gerundeten und abgefaßten Köpfe der Stichbalken und der starke, sorgfältig ausgeführte Estrichboden. Fortzudenken ist das jetzige Hohlpfannendach, das den unwirtlichen Speichercharakter hervorruft, es ist vielmehr ursprünglich mit einem sauberen, wärmenden und luftleitenden Strohdach zu rechnen. Es hat bereits 1915 Friedrich Rahlves als erster den überzeugenden Nachweis über Alter und Geschichtswert des Frauenberger Kreuzgangflügels geführt, neuere, eigene Untersuchung hat sogar das Ergebnis gezeitigt, daß das Alter des Baues unbedenklich noch etwas höher, als von Rahlves geschätzt (Anfang 13. Jahrhundert, statt um 1300) angenommen werden kann.

Abb. 5. Das Haus Domstraße 23, die „Finkenburg“ in Nordhausen
Abb. 6. Der Straßenflügel des Frauenbergklosters

Der Frauenberger Kreuzgangflügel steht als vereinzeltes Baudenkmal da. Das nächstälteste Fachwerk Nordhausens, Altendorfer Kirchgasse 3 (Abb. 2) mag schon 150 Jahre jünger sein und der Zeit um 1370 entstammen. Es zeigt bereits die Grundzüge des entwickelten gotischen Fachwerkhauses: Enge, regelmäßige Pfostenstellung, verstrebt und verriegelt, dazu ein regelrechtes über Bügen auskragendes Dachgebälk mit eingezapften Sparren. Altertümlich, an den Urtyp anklingend ist aber noch die Ausführung insofern, als, wie bei dem Frauenberger Kreuzgangflügel der Fall, noch keine Rücksicht auf die innere Geschoßteilung genommen ist. Die Pfosten schießen von Schwelle zu Rahmen durch, die Zwischendeckbalken sind innen eingezapft, der Einraum klingt nach! Es ist diese als „Ständebau“ auch andererorten erhaltene Bauweise nicht mehr etwas allzu Ungewöhnliches, verglichen dem ersten Beispiel. Die Weiterentwicklung zum vielteiligen, spätmittelalterlichen Holzbau zeigt dann in Nordhausen das Haus Domstraße 23, „Finkenburg“ genannt. Lange, schlanke Pfosten (Ständer) durchschießen die beiden untern Geschosse, über denen das oberste Stockwerk über schön geschweiften Bügen auslädt (Abb. 5). Der Übergang zum entwickelten deutschen Fachwerkhaus mit geschoßweiser Auskragung und weitgehender Innenteilung ist geschaffen. Der „Finkenburg“ reiht sich der um 1450 errichtete Straßenflügel des Frauenbergklosters an, der seinerseits wieder als Endglied der Ständerbauten gelten kann (Abb. 6). Wesentlich gegenüber dem alten Kreuzgangflügel ist auch hier die allmähliche Abkehr von der Urform, dem Einhaus, ersichtlich, eine klare Geschoßteilung ist äußerlich geschaffen und verstrebte Hauptpfosten (Bundpfosten) verraten die Stellung der inneren Teilungswände. Es lassen die drei zum Vergleich herangezogenen Bauten von 1370, 1400, 1450 den erstbeschriebenen Fachwerkbau des frühen 13. Jahrhundert in seiner Einzigartigkeit um so mehr hervortreten!

Schrifttum[Bearbeiten]

  • Friedrich Ostendorf: Die Geschichte des Dachwerks. Leipzig und Berlin 1908.
  • Friedrich Rahlves: Die Entwicklung des städtischen Wohnhauses in Nordhausen, Sangerhausen und Eisleben. Weimar 1915.
  • Friedrich Stolberg: Das Nordhäuser Wohnhaus vom dreizehnten bis ins neunzehnte Jahrhundert. Festschrift „Das tausendjährige Nordhausen“ Bd. 2, S. 575 ff. Nordhausen 1927.