Edel-Kommunist und kein Tschekist

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Stasi-Hochschullehrer Scharbert aus Nordhausen
von Manfred Neuber

Der Nordhäuser Karl-Otto Scharbert, der am 24. Dezember 1935 im Sudetenland geboren wurde und am 15. Mai 1987 in Hönow bei Berlin starb, konnte sich des Doktortitels der Juristischen Hochschule des Ministeriums für Staatssicherheit der ehemaligen DDR in Golm bei Potsdam rühmen. Im Alter von 51 Jahren ereilte ihn als Dozent der Berliner Hochschule für Ökonomie „Bruno Leuschner“ ein „unerwarteter Tod“.

Scharbert war Träger des Vaterländischen Verdienstordens in Bronze und anderer hoher staatlicher und gesellschaftlicher Auszeichnungen. „Mit ihm verlieren wir einen profilierten Hochschullehrer und angesehenen Wissenschaftler, der seine ganze Kraft für die Erfüllung der von der Partei der Arbeiterklasse gestellten Aufgaben eingesetzt hat“, heißt es in der Todesanzeige im SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ vom 10. Juni 1987. In der Danksagung der Witwe am 3. Juli 1987, ebenfalls im ND, dankt sie „allen Genossen und Freunden, die ihre hohe Wertschätzung und enge Verbundenheit mit ihrem Kampfgefährten, Genossen Prof. Dr. sc. Karl-Otto Scharbert, zum Ausdruck brachten“. Vor dem Wechsel an die Ökonomie-Hochschule leitete er am Institut in Golm die Abteilung „Operative Psychologie“, die dem Stasi- Chef Erich Mielke direkt unterstand. Scharbert hatte sie in den sechziger Jahren „gegen erheblichen Widerstand alter Tschekisten“ aufgebaut, die statt „reiner Theorie“ eine „verstärkte Nutzanwendung“ forderten. Weiter heißt es in der Dokumentation „Die hauptamtlichen Mitarbeiter der Staatssicherheit“ (Personalstruktur /Lebenswelt 1950 – 1989/90) von Jens Gieseke, herausgegeben vom Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatsicherheitsdienstes der ehemaligen DDR: „Junge Genossen ohne Erfahrung aus der politsch-operativen Arbeit trafen dort auf Kader, denen die theoretischen Psychologie-Kenntnisse fehlten. Psychologen und Praktiker gingen eine konfliktträchtige Symbiose ein.“

“Der Nutzen lag also nicht in einer ausgefeilten geheimwissenschaftlichen Psychologie; doch immerhin floss Basiswissen in die Ausbildung ein: zur Erziehung und Anleitung hauptamtlicher Mitarbeiter, zur Gewinnung und Führung inoffizieller Mitarbeiter, für Verhörtechniken und ‚verdeckte Operationen’ bis hin zu den ‚Zersetzungsmaßnahmen’ sowie schließlich zum besseren Verständnis der vermeintlichen ,Feindmethode’ geistiger Beeinflussung“, erläutert Jens Gieseke, der Karl-Otto Scharbert als „begabten Autodidakten“ qualifiziert.

Scharbert besuchte bis zum Abitur 1954 die Wilhelm-von-Humboldt-Oberschule in Nordhausen. Ein Mitschüler – damals FDJ-Klassensekretär - erinnert sich im Mai 2017 an Scharbert als einen Utopisten, „der von einer klassenlosen Gesellschaft träumte“. Kosch – so sein Spitzname – galt als „Edelkommunist und anständiger Kerl“. Von Klassenfesten blieb er als „fröhlicher Unterhalter“ in Erinnerung, der seine Schulfreundin Gisela Tetzel heiratete. Zeitweilig war er hauptamtlicher FDJ-Sekretär an seiner Schule. An der Karl-Marx-Universität in Leipzig studierte Scharbert Philosophie mit Schwerpunkt Psychologie. Nach dem Abschied aus Golm sei er „in die innere Emigration gegangen“. Im Freundeskreis hieß es, er habe Zweifel an der SED-Politik geäußert. Er ließ sich vom Ministerium für Staatssicherheit zum Innenministerium versetzen und nahm eine Professur für Arbeitswissenschaften an der Partei-Hochschule „Wilhelm Leuschner“ an. Scharbert war bis zu seinem frühen Tod ein erfolgreicher Marathon-Läufer. Nach dem Wechsel nach Berlin blieb er im Training und nahm weiter an Marathon-Läufen teil. Unbegreiflich für seine Angehörigen erlag er nach Auskunft der Ärzte im DDR-Regierungskrankenhaus Potsdam einem „nicht therapierbaren Herzversagen“. Fragen nach dem Warum blieben unbeantwortet. Fast drei Jahrzehnte nach dem Ende der DDR-Diktatur verwundert es noch, wofür akademische Würden von Stasi-Gnaden verliehen wurden. Zur Promotion hatte Scharbert eine Arbeit mit dem Titel vorgelegt: „Die verbrecherischen Grenzüberschreitungen Jugendlicher und Heranwachsender in ihren Erscheinungsformen sowie in ihrer sozialen und psychischen Determiniertheit.“

Der Stasi-Major schrieb auch an der Gemeinschaftsarbeit mit „Die Gewinnung inoffizieller Mitarbeiter und ihre psychologischen Bedingungen“, wobei die Beiträge der beiden anderen Autoren mit summa cum laude bewertet wurden. Tatsächlich hatten sie ein niedriges wissenschaftliches Niveau. Deshalb wird die Gültigkeit dieser akademischen Grade seither angezweifelt. Als würdig einer Doktorarbeit galt damals auch „Die Wirksamkeit moralischer Funktionen im Verhalten der Bürger der DDR zur inoffiziellen Zusammenarbeit mit den Organen des MfS.“ Historiker sehen in Stasi-Papieren „Anleitungen zu Mord, Entführungen und Erpressung“. Mit Rechtswissenschaft im engeren Sinne hatte die MfS-interne Ausbildung nur entfernt zu tun. In der BStU-Publikation wird belegt, wie das Stasi-Institut in großer Zahl juristische Doktortitel verlieh, um dem ganzen einen wissenschaftlichen Anschein zu geben. In Kollektiv-Dissertationen mit ambitionierten Nachwuchskadern kamen hohe Funktionäre bis hin zum stellvertretenden MfS-Minister Gerhard Neiber zu akademischen Ehren. Allerdings hielt Mielke nichts davon und untersagte 1981 das Führen von Doktortiteln im dienstlichen Verkehr.

Alexander Schalck-Golodkowski, späterer Devisen-Beschaffer des Honecker-Regimes, hatte mit „Zur Bekämpfung imperialistischer Störtätigkeit auf dem Gebiet des Außenhandels“ an der Stasi-Hochschule sich akademische Meriten erworben. Er avancierte zum Staatssekretär und „verdienten Mitarbeiter“ des MfS im Range eines Obersts. Er verhandelte 1983 mit Franz-Josef Strauss über den Milliarden-Kredit für die DDR, der Ost-Berlin vor dem Bankrott noch ein paar Jahre bewahrte.

Nach der Wende wurde er heimisch in Rottach-Egern am Tegernsee in Nachbarschaft von Millionären wie Steuerhinterzieher Uli Hoeness, Fußball-Profis Manuel Neuer und Philip Lahm, Oligarch Alischer Usmanow und einst Michael Gorbatschow. Schalck-Golodkowski starb am 21. Juni 2015 nach einem langen Krebs-Leiden. Er ist in Berlin beerdigt.

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