Die Reichsstadt Nordhausen am Ausgange des Mittelalters: Unterschied zwischen den Versionen

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{{idt2|25}}Wir versetzen uns im Geiste in die Zeit ums Jahr 1500 und unternehmen eine Wanderung nach und durch die alte Reichsstadt Nordhausen. Wir wandern von Hesserode auf der alten, von Heiligenstadt kommenden Heerstraße über den „Holdesbühl“, einen zwischen Hesserode und Nordhausen liegenden sagenreichen Hügel oder Bühl (der Frau Holde?). Dort steht ein runder Wartturm, auf dem ein Turmwächter wohnt. Derselbe hat die Straße zu bewachen und zu beobachten. Kommen etwa auf ihr Feinde daher, so schließt er sie eiligst durch ein ans starken Latten und Bohlen gefertigtes Gatlertor und zieht sodann einen an einer Stange befestigten Korb empor, um durch dieses Signal dem auf einem der beiden Türme der Marktkirche hausenden Türmer das Zeichen zum Anschlagen der Sturmglocke zu geben, damit sich die wehrhaften Männer aus den bestimmten Sammelplätzen sammeln und dann gerüstet gegen die in das Stadtgebiet eindringenden Feinde ausziehen. Uns friedliche Wanderer läßt der Wartewärter ungehindert passieren. Wir verweilen etwas bei ihm und lassen uns von ihm, indem wir einen Blick aus das vor uns liegende Bild der turmreichen Stadt und ans ihre Flur werfen, dies und jenes erzählen und erklären.
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{{idt2|25}}Wir versetzen uns im Geiste in die Zeit ums Jahr 1500 und unternehmen eine Wanderung nach und durch die alte Reichsstadt Nordhausen. Wir wandern von Hesserode auf der alten, von Heiligenstadt kommenden Heerstraße über den „Holdesbühl“, einen zwischen Hesserode und Nordhausen liegenden sagenreichen Hügel oder Bühl (der Frau Holde?). Dort steht ein runder Wartturm, auf dem ein Turmwächter wohnt. Derselbe hat die Straße zu bewachen und zu beobachten. Kommen etwa auf ihr Feinde daher, so schließt er sie eiligst durch ein ans starken Latten und Bohlen gefertigtes Gatlertor und zieht sodann einen an einer Stange befestigten Korb empor, um durch dieses Signal dem auf einem der beiden Türme der Marktkirche hausenden Türmer das Zeichen zum Anschlagen der Sturmglocke zu geben, damit sich die wehrhaften Männer auf den bestimmten Sammelplätzen sammeln und dann gerüstet gegen die in das Stadtgebiet eindringenden Feinde ausziehen. Uns friedliche Wanderer läßt der Wartewärter ungehindert passieren. Wir verweilen etwas bei ihm und lassen uns von ihm, indem wir einen Blick aus das vor uns liegende Bild der turmreichen Stadt und an ihre Flur werfen, dies und jenes erzählen und erklären.
  
{{idt2|25}}Von dem Wartturme zieht sich zur linken Hand der Heerstraße ein aus Dornenwellen bestehender Zaun hinüber zum nahen Wäldchen des Lindeys und zur Grenze der Flur des Nachbardorfes Salza. Auf der Flurgrenze entlang läuft „der lange Graben“, eine aus Graben und einem mit Dorngestrüpp bewachsenen Walle bestehende Landwehr, vom Eulenberge hinunter zum Salzaflusse und jenseits desselben bis zum Feldwasser des Zorgeflusses beim Altendorfstore der Stadt. Einen ganz ähnlichen Landgraben sehen wir von der Zorge beim Siechentore hinüber zur Helme laufen, und an ihm „im Kessel“ einen zweiten Wartturm stehen, der ebenfalls mit einem Wächter besetzt ist. Einen dritten Wartturm sehen wir ans einem Vorsprunge des nordwärts über der Stadt sich erhebenden Geiersbergs, aus dessen Gipfel einsam die mächtige „Märchenslinde“ steht, die der Sage nach der Thüringerkönig Merwig, ein Schusterssohn aus Nordhausen, in altersgrauer Vorzeit gepflanzt haben soll, die wahrscheinlich aber eine Märjenslinde (Marienlinde) des Kirchhofes der längstverschwundenen Marienkirche des wüsten Dörfleins Hohenrode ist. Eine vierte Warte, „die weite Warte“, erblicken wir weiter nördlich über einem kleinen Gehölze (Wildes Hölzchen). Vom Wartewärter erfahren wir, daß eine fünfte Warte hinten vor der südöstlich vom Nachbardorfe Petersdorf gelegenen Windlücke steht und von ihr und vom Halbache (Roßmannsbache) ein mächtiger Landgraben, „Nordschlag“ genannt, sich am Kirchhofsholze (vor Petersdorf) entlang über den Heidelberg (Kuhberg) bis zum Nonnenteiche, dessen hellglänzender Wasserspiegel zu uns herüberblinkt, zieht und daß ein vierter Landgraben, „der neue Graben“, auf der Grenze der Stadtflur und der Fluren der Nachbardörfer Bielen und Sundhausen entlang vor der Zorge bis zur Helme hinüberläuft. Hinter (östlich) der Stadt stehen noch im Töpferfelde („die Baumwarte“) und aus dem Galgenberge Warttürme. Auf diese Weise haben sich die Bürger der Reichsstadt ringsum vor dem Andringen unliebsamer Feinde geschützt.
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{{idt2|25}}Von dem Wartturme zieht sich zur linken Hand der Heerstraße ein aus Dornenwellen bestehender Zaun hinüber zum nahen Wäldchen des Lindeys und zur Grenze der Flur des Nachbardorfes Salza. Auf der Flurgrenze entlang läuft „der lange Graben“, eine aus Graben und einem mit Dorngestrüpp bewachsenen Walle bestehende Landwehr, vom Eulenberge hinunter zum Salzaflusse und jenseits desselben bis zum Feldwasser des Zorgeflusses beim Altendorfstore der Stadt. Einen ganz ähnlichen Landgraben sehen wir von der Zorge beim Siechentore hinüber zur Helme laufen, und an ihm „im Kessel“ einen zweiten Wartturm stehen, der ebenfalls mit einem Wächter besetzt ist. Einen dritten Wartturm sehen wir als einem Vorsprunge des nordwärts über der Stadt sich erhebenden Geiersbergs, aus dessen Gipfel einsam die mächtige „Märchenslinde“ steht, die der Sage nach der Thüringerkönig Merwig, ein Schusterssohn aus Nordhausen, in altersgrauer Vorzeit gepflanzt haben soll, die wahrscheinlich aber eine Märjenslinde (Marienlinde) des Kirchhofes der längstverschwundenen Marienkirche des wüsten Dörfleins Hohenrode ist. Eine vierte Warte, „die weite Warte“, erblicken wir weiter nördlich über einem kleinen Gehölze (Wildes Hölzchen). Vom Wartewärter erfahren wir, daß eine fünfte Warte hinten vor der südöstlich vom Nachbardorfe Petersdorf gelegenen Windlücke steht und von ihr und vom Halbache (Roßmannsbache) ein mächtiger Landgraben, „Nordschlag“ genannt, sich am Kirchhofsholze (vor Petersdorf) entlang über den Heidelberg (Kuhberg) bis zum Nonnenteiche, dessen hellglänzender Wasserspiegel zu uns herüberblinkt, zieht und daß ein vierter Landgraben, „der neue Graben“, auf der Grenze der Stadtflur und der Fluren der Nachbardörfer Bielen und Sundhausen entlang vor der Zorge bis zur Helme hinüberläuft. Hinter (östlich) der Stadt stehen noch im Töpferfelde („die Baumwarte“) und auf dem Galgenberge Warttürme. Auf diese Weise haben sich die Bürger der Reichsstadt ringsum vor dem Andringen unliebsamer Feinde geschützt.
  
{{idt2|25}}Vor uns liegen an der wasserreichen Salza mehrere Mühlen, welche teils Getreide mahlen, teils Oel schlagen, teils auch Malz schroten; eine ist der Tuchmachergilde Walkmühle; die letzte und unterste Mühle heißt „die Werthermühle“, weil sie den Mahlzwang über die beiden Dörfer Groß- und Kleinwerther besitzt, deren Bauern in ihr mahlen lassen müssen. Sie ist eine Lehnsmühle der Grafen von Hohnstein-Lohra-Klettenberg. Die über ihr liegende „Kuttelmühle“ ist Eigentum des Klosters Ilfeld. Die übrigen Mühlen gehören wohlhabenden Bürgern Nordhausens. In der am langen Graben liegenden Mühle werden Harnische und Panzerstücke geschliffen und poliert und heißt deshalb „die Poliermühle.
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{{idt2|25}}Vor uns liegen an der wasserreichen Salza mehrere Mühlen, welche teils Getreide mahlen, teils Oel schlagen, teils auch Malz schroten; eine ist der Tuchmachergilde Walkmühle; die letzte und unterste Mühle heißt „die Werthermühle“, weil sie den Mahlzwang über die beiden Dörfer Groß- und Kleinwerther besitzt, deren Bauern in ihr mahlen lassen müssen. Sie ist eine Lehnsmühle der Grafen von Hohnstein-Lohra-Klettenberg. Die über ihr liegende „Kuttelmühle“ ist Eigentum des Klosters Ilfeld. Die übrigen Mühlen gehören wohlhabenden Bürgern Nordhausens. In der am langen Graben liegenden Mühle werden Harnische und Panzerstücke geschliffen und poliert und heißt deshalb „die Poliermühle".
  
 
{{idt2|25}}Wir wandern nun die Heerstraße fürbaß, gehen über den Steg, neben dem die Heerstraße durch die Furt der Salza führt, (die anliegende Mühle heißt deshalb die „Furtmühle“) und gelangen nach halbstündiger Wanderung an den „Siechhof“, ein um 1280 von dem Nordhäuser Patrizier und Ratsherrn Hertwig von Ellrich gegründetes Hospital für Aussätzige und Sieche mit einer dem S. Cyriakus (den, gegen Fallsucht und Besessenheit angerufenen Heiligen) geweihten Capelle. Neben dem „Siechhofe“ liegt ein weiter, mit Bohlenplanken eingefaßter Platz, der den Bürgern als Viehmarktplatz und den Grafen von Hohnstein als Gerichtsplatz dient, auf dem sie ans Ansuchen der Nordhäuser Bürger über ihre Bauern Gericht halten, wenn diese von ersteren wegen Schuldforderungen verklagt worden sind. Der Siechhof und der Viehmarkt liegen auf städtischem Grund und Boden, oder der zwischen dem Holdesbühle, der Zorge und Helme liegende Westteil der Stadtflur wird unter dem Widerspruche der Nordhäuser von den Grafen von Hohnstein als ehemalige Flur des wüsten Dorfes Niedersalza als Bestandteil ihrer Halberstädter Lehnsgrafschaft Klettenberg angesprochen.
 
{{idt2|25}}Wir wandern nun die Heerstraße fürbaß, gehen über den Steg, neben dem die Heerstraße durch die Furt der Salza führt, (die anliegende Mühle heißt deshalb die „Furtmühle“) und gelangen nach halbstündiger Wanderung an den „Siechhof“, ein um 1280 von dem Nordhäuser Patrizier und Ratsherrn Hertwig von Ellrich gegründetes Hospital für Aussätzige und Sieche mit einer dem S. Cyriakus (den, gegen Fallsucht und Besessenheit angerufenen Heiligen) geweihten Capelle. Neben dem „Siechhofe“ liegt ein weiter, mit Bohlenplanken eingefaßter Platz, der den Bürgern als Viehmarktplatz und den Grafen von Hohnstein als Gerichtsplatz dient, auf dem sie ans Ansuchen der Nordhäuser Bürger über ihre Bauern Gericht halten, wenn diese von ersteren wegen Schuldforderungen verklagt worden sind. Der Siechhof und der Viehmarkt liegen auf städtischem Grund und Boden, oder der zwischen dem Holdesbühle, der Zorge und Helme liegende Westteil der Stadtflur wird unter dem Widerspruche der Nordhäuser von den Grafen von Hohnstein als ehemalige Flur des wüsten Dorfes Niedersalza als Bestandteil ihrer Halberstädter Lehnsgrafschaft Klettenberg angesprochen.
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{{idt2|25}}Noch ungleich fester und stärker ist die eigentliche Stadt verwahrt: ein meist doppelter tiefer Wallgraben läuft im Norden, Osten und Süden um dieselbe, und 2 Stadtmauern, eine äußere und innere, letztere mit 49 Festungstürmen besetzt, ziehen sich um die Stadt. Während das Neuewegstor nur mit einem Torturme überbaut ist, haben das Barfüßer- und Rautentor doppelte Tortürme, und das Töpfertor, das Haupttor der Stadt, ist sogar durch drei Tortürme und einem mächtigen Festungsturm („den Zwinger“) geschützt.  
 
{{idt2|25}}Noch ungleich fester und stärker ist die eigentliche Stadt verwahrt: ein meist doppelter tiefer Wallgraben läuft im Norden, Osten und Süden um dieselbe, und 2 Stadtmauern, eine äußere und innere, letztere mit 49 Festungstürmen besetzt, ziehen sich um die Stadt. Während das Neuewegstor nur mit einem Torturme überbaut ist, haben das Barfüßer- und Rautentor doppelte Tortürme, und das Töpfertor, das Haupttor der Stadt, ist sogar durch drei Tortürme und einem mächtigen Festungsturm („den Zwinger“) geschützt.  
  
{{idt2|25}}Wir treten durch das Siechentor ein in die alte Reichsstadt und wandern durch die Sandstraße über den (beim Nachbardorfe Crimderode aus der Zorge ab- und durch die Vorstädte geleiteten) Mühlgraben, der seinen Namen von den vielen an ihm liegenden Mühlen (Rotleimenmühle, Scherfmühle, Rosenmühle, Kaisermühle, Lohmarktmühle, drei Mühlen des Frauenbergsklosters, deren letzte „die Muhle zu Altnordhausen“ heißt) trägt, nach dem Lohmarkte, der, wie sein Name verrät, von den Lohgerbern bewohnt wird. Nördlich neben ihnen wohnen die Fleischer und Knochenhauer, welche an der Kotteltreppe drei Häuser besitzen, welche als Schlacht- und Kottelhäuser dienen, in denen das Vieh geschlachtet und die Kötteln (Kaldaunen) zu Würsten gefüllt werden. Noch weiter nördlich an der Johannistreppe wohnt „Meister Hans“, der städtische Henker, unter dessen Aufsicht das nahe „unter den Weiden“ belegenc „Hans der gemeinen Frauen“ steht. Wir wandern weiter durch die Neustadt, die einen dörflichen Charakter trägt, denn Ackerbau und Viehzucht sind die Hanptnahrungszweige ihrer Bewohner, die sich hier zu beiden Seiten einer alten Heerstraße ums Jahr 1250 angesiedelt und eine dem S. Jakobus, dem Schutzheiligen der Pilger, geweihte Pfarrkirche erbaut haben. Verstärkt wurde die Zahl dieser Ansiedler der Neustadt und des Sandes durch die Bewohner der durch die Raubscharen König Adolfs zwischen Weihnachten 1294 und Neujahr 1295 verwüsteten Nachbardörfer Nieder- oder Gerbichsrode und Niedersalza. Aus unserem Gange durch die Neustadt begegnen uns Bettelmönche des nahen Augustinerklosters, die ihren Terminiergang zur Einsammlung von allerlei Almosen abhalten, sowie eine große Anzahl großer und kleiner Bürgerknaben, welche zur Lateinschule (hinter der Jakobikirche belegen) eilen. Am Ostende der Südzeile der Neustadtstraße liegt das städtische „Wachthaus“ (früher, bis zur Vereinigung der Neustadt mit der Altstadt 1303 „das Rathaus der Neustadt“), welches den städtischen Büchsen- oder Geschützmeister als Wohnung und als Zeug- und Vorratshaus für die Befestigungen der Neustadt dient, und dahinter das ums Jahr 1300 gegründete Augutiner-Eremitenkloster. Ans dem davorliegenden freien Platze steht auf einer Säule „der Aar“, das Zeichen der Vereinigung der Neustadt mit der Altstadt und zugleich das Zeichen, daß die Neustadt auf dem Grunde und Boden des heiligen römischen Reiches deutscher Nation liegt. Weiter östlich liegt die Frauenbergsvorstadt mit dem ums Jahr 1200 vom alten Stadtvoigte Ruprecht gestifteten Cisterziensernonnenkloster  St. Mariae und dem 1380 von den Gebrüdern Segemund gegründeten Martinsstifte.
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{{idt2|25}}Wir treten durch das Siechentor ein in die alte Reichsstadt und wandern durch die Sandstraße über den (beim Nachbardorfe Crimderode aus der Zorge ab- und durch die Vorstädte geleiteten) Mühlgraben, der seinen Namen von den vielen an ihm liegenden Mühlen (Rotleimenmühle, Scherfmühle, Rosenmühle, Kaisermühle, Lohmarktmühle, drei Mühlen des Frauenbergsklosters, deren letzte „die Mühle zu Altnordhausen“ heißt) trägt, nach dem Lohmarkte, der, wie sein Name verrät, von den Lohgerbern bewohnt wird. Nördlich neben ihnen wohnen die Fleischer und Knochenhauer, welche an der Kotteltreppe drei Häuser besitzen, welche als Schlacht- und Kottelhäuser dienen, in denen das Vieh geschlachtet und die Kötteln (Kaldaunen) zu Würsten gefüllt werden. Noch weiter nördlich an der Johannistreppe wohnt „Meister Hans“, der städtische Henker, unter dessen Aufsicht das nahe „unter den Weiden“ belegene „Haus der gemeinen Frauen“ steht. Wir wandern weiter durch die Neustadt, die einen dörflichen Charakter trägt, denn Ackerbau und Viehzucht sind die Hauptnahrungszweige ihrer Bewohner, die sich hier zu beiden Seiten einer alten Heerstraße ums Jahr 1250 angesiedelt und eine dem S. Jakobus, dem Schutzheiligen der Pilger, geweihte Pfarrkirche erbaut haben. Verstärkt wurde die Zahl dieser Ansiedler der Neustadt und des Sandes durch die Bewohner der durch die Raubscharen König Adolfs zwischen Weihnachten 1294 und Neujahr 1295 verwüsteten Nachbardörfer Nieder- oder Gerbichsrode und Niedersalza. Aus unserem Gange durch die Neustadt begegnen uns Bettelmönche des nahen Augustinerklosters, die ihren Terminiergang zur Einsammlung von allerlei Almosen abhalten, sowie eine große Anzahl großer und kleiner Bürgerknaben, welche zur Lateinschule (hinter der Jakobikirche gelegen) eilen. Am Ostende der Südzeile der Neustadtstraße liegt das städtische „Wachthaus“ (früher, bis zur Vereinigung der Neustadt mit der Altstadt 1303 „das Rathaus der Neustadt“), welches den städtischen Büchsen- oder Geschützmeister als Wohnung und als Zeug- und Vorratshaus für die Befestigungen der Neustadt dient, und dahinter das ums Jahr 1300 gegründete Augustiner-Eremitenkloster. Ans dem davorliegenden freien Platze steht auf einer Säule „der Aar“, das Zeichen der Vereinigung der Neustadt mit der Altstadt und zugleich das Zeichen, daß die Neustadt auf dem Grunde und Boden des heiligen römischen Reiches deutscher Nation liegt. Weiter östlich liegt die Frauenbergsvorstadt mit dem ums Jahr 1200 vom alten Stadtvoigte Ruprecht gestifteten Cisterziensernonnenkloster  St. Mariae und dem 1380 von den Gebrüdern Segemund gegründeten Martinsstifte.

Aktuelle Version vom 12. Juli 2019, 18:59 Uhr

Textdaten
Autor: Karl Meyer
Titel: Die Reichsstadt Nordhausen am Ausgange des Mittelalters
Untertitel:
aus: Fest-Schrift zur 36. Haupt-Versammlung des Harzvereins für Geschichte und Altertumskunde zu Nordhausen am 15.,16. und 17. Juli 1903
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1903
Verlag:
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Erscheinungsort: Nordhausen
Quelle: Scan
Kurzbeschreibung:
Digitalisat: Online
Eintrag in der GND: [1]
Bild
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Bild
8. Die Reichsstadt Nordhausen am Ausgange des Mittelalters.


 Wir versetzen uns im Geiste in die Zeit ums Jahr 1500 und unternehmen eine Wanderung nach und durch die alte Reichsstadt Nordhausen. Wir wandern von Hesserode auf der alten, von Heiligenstadt kommenden Heerstraße über den „Holdesbühl“, einen zwischen Hesserode und Nordhausen liegenden sagenreichen Hügel oder Bühl (der Frau Holde?). Dort steht ein runder Wartturm, auf dem ein Turmwächter wohnt. Derselbe hat die Straße zu bewachen und zu beobachten. Kommen etwa auf ihr Feinde daher, so schließt er sie eiligst durch ein ans starken Latten und Bohlen gefertigtes Gatlertor und zieht sodann einen an einer Stange befestigten Korb empor, um durch dieses Signal dem auf einem der beiden Türme der Marktkirche hausenden Türmer das Zeichen zum Anschlagen der Sturmglocke zu geben, damit sich die wehrhaften Männer auf den bestimmten Sammelplätzen sammeln und dann gerüstet gegen die in das Stadtgebiet eindringenden Feinde ausziehen. Uns friedliche Wanderer läßt der Wartewärter ungehindert passieren. Wir verweilen etwas bei ihm und lassen uns von ihm, indem wir einen Blick aus das vor uns liegende Bild der turmreichen Stadt und an ihre Flur werfen, dies und jenes erzählen und erklären.

 Von dem Wartturme zieht sich zur linken Hand der Heerstraße ein aus Dornenwellen bestehender Zaun hinüber zum nahen Wäldchen des Lindeys und zur Grenze der Flur des Nachbardorfes Salza. Auf der Flurgrenze entlang läuft „der lange Graben“, eine aus Graben und einem mit Dorngestrüpp bewachsenen Walle bestehende Landwehr, vom Eulenberge hinunter zum Salzaflusse und jenseits desselben bis zum Feldwasser des Zorgeflusses beim Altendorfstore der Stadt. Einen ganz ähnlichen Landgraben sehen wir von der Zorge beim Siechentore hinüber zur Helme laufen, und an ihm „im Kessel“ einen zweiten Wartturm stehen, der ebenfalls mit einem Wächter besetzt ist. Einen dritten Wartturm sehen wir als einem Vorsprunge des nordwärts über der Stadt sich erhebenden Geiersbergs, aus dessen Gipfel einsam die mächtige „Märchenslinde“ steht, die der Sage nach der Thüringerkönig Merwig, ein Schusterssohn aus Nordhausen, in altersgrauer Vorzeit gepflanzt haben soll, die wahrscheinlich aber eine Märjenslinde (Marienlinde) des Kirchhofes der längstverschwundenen Marienkirche des wüsten Dörfleins Hohenrode ist. Eine vierte Warte, „die weite Warte“, erblicken wir weiter nördlich über einem kleinen Gehölze (Wildes Hölzchen). Vom Wartewärter erfahren wir, daß eine fünfte Warte hinten vor der südöstlich vom Nachbardorfe Petersdorf gelegenen Windlücke steht und von ihr und vom Halbache (Roßmannsbache) ein mächtiger Landgraben, „Nordschlag“ genannt, sich am Kirchhofsholze (vor Petersdorf) entlang über den Heidelberg (Kuhberg) bis zum Nonnenteiche, dessen hellglänzender Wasserspiegel zu uns herüberblinkt, zieht und daß ein vierter Landgraben, „der neue Graben“, auf der Grenze der Stadtflur und der Fluren der Nachbardörfer Bielen und Sundhausen entlang vor der Zorge bis zur Helme hinüberläuft. Hinter (östlich) der Stadt stehen noch im Töpferfelde („die Baumwarte“) und auf dem Galgenberge Warttürme. Auf diese Weise haben sich die Bürger der Reichsstadt ringsum vor dem Andringen unliebsamer Feinde geschützt.

 Vor uns liegen an der wasserreichen Salza mehrere Mühlen, welche teils Getreide mahlen, teils Oel schlagen, teils auch Malz schroten; eine ist der Tuchmachergilde Walkmühle; die letzte und unterste Mühle heißt „die Werthermühle“, weil sie den Mahlzwang über die beiden Dörfer Groß- und Kleinwerther besitzt, deren Bauern in ihr mahlen lassen müssen. Sie ist eine Lehnsmühle der Grafen von Hohnstein-Lohra-Klettenberg. Die über ihr liegende „Kuttelmühle“ ist Eigentum des Klosters Ilfeld. Die übrigen Mühlen gehören wohlhabenden Bürgern Nordhausens. In der am langen Graben liegenden Mühle werden Harnische und Panzerstücke geschliffen und poliert und heißt deshalb „die Poliermühle".

 Wir wandern nun die Heerstraße fürbaß, gehen über den Steg, neben dem die Heerstraße durch die Furt der Salza führt, (die anliegende Mühle heißt deshalb die „Furtmühle“) und gelangen nach halbstündiger Wanderung an den „Siechhof“, ein um 1280 von dem Nordhäuser Patrizier und Ratsherrn Hertwig von Ellrich gegründetes Hospital für Aussätzige und Sieche mit einer dem S. Cyriakus (den, gegen Fallsucht und Besessenheit angerufenen Heiligen) geweihten Capelle. Neben dem „Siechhofe“ liegt ein weiter, mit Bohlenplanken eingefaßter Platz, der den Bürgern als Viehmarktplatz und den Grafen von Hohnstein als Gerichtsplatz dient, auf dem sie ans Ansuchen der Nordhäuser Bürger über ihre Bauern Gericht halten, wenn diese von ersteren wegen Schuldforderungen verklagt worden sind. Der Siechhof und der Viehmarkt liegen auf städtischem Grund und Boden, oder der zwischen dem Holdesbühle, der Zorge und Helme liegende Westteil der Stadtflur wird unter dem Widerspruche der Nordhäuser von den Grafen von Hohnstein als ehemalige Flur des wüsten Dorfes Niedersalza als Bestandteil ihrer Halberstädter Lehnsgrafschaft Klettenberg angesprochen.

 Von der Westseite aus betrachtet, bietet Nordhausen das Bild einer wohlbefestigten Reichsstadt dar. Rings um die von Pfahlbürgern bewohnten Vorstädte des Altendorfs, des Grimmels, des Sandes, der Neustadt und des Frauenberges zieht sich ein Kranz tiefer Teiche, die zum Schutze derselben angelegt sind und den drei Ratsregimentern als Fischteiche dienen, in denen fette Karpfen und Hechte gezüchtet und gemästet werden. Hinter den Teichen zieht sich um diese Vorstädte eine feste, mit runden Mauertürmen besetzte Mauer. 28 solcher Turme zählen wir in der Mauer, und die Ausgänge dieser Vorstädte (Altentor, Grimmeltor, Siechentor und Sundhäusertor) sind durch je zwei oder drei Tortürme verwahrt. Die Vorstadt „Frauenberg" (das ehemalige Dorf „Altnordhausen“) ist im Osten durch das innere und äußere Bielentor und durch drei Wallgräben geschützt.

 Noch ungleich fester und stärker ist die eigentliche Stadt verwahrt: ein meist doppelter tiefer Wallgraben läuft im Norden, Osten und Süden um dieselbe, und 2 Stadtmauern, eine äußere und innere, letztere mit 49 Festungstürmen besetzt, ziehen sich um die Stadt. Während das Neuewegstor nur mit einem Torturme überbaut ist, haben das Barfüßer- und Rautentor doppelte Tortürme, und das Töpfertor, das Haupttor der Stadt, ist sogar durch drei Tortürme und einem mächtigen Festungsturm („den Zwinger“) geschützt.

 Wir treten durch das Siechentor ein in die alte Reichsstadt und wandern durch die Sandstraße über den (beim Nachbardorfe Crimderode aus der Zorge ab- und durch die Vorstädte geleiteten) Mühlgraben, der seinen Namen von den vielen an ihm liegenden Mühlen (Rotleimenmühle, Scherfmühle, Rosenmühle, Kaisermühle, Lohmarktmühle, drei Mühlen des Frauenbergsklosters, deren letzte „die Mühle zu Altnordhausen“ heißt) trägt, nach dem Lohmarkte, der, wie sein Name verrät, von den Lohgerbern bewohnt wird. Nördlich neben ihnen wohnen die Fleischer und Knochenhauer, welche an der Kotteltreppe drei Häuser besitzen, welche als Schlacht- und Kottelhäuser dienen, in denen das Vieh geschlachtet und die Kötteln (Kaldaunen) zu Würsten gefüllt werden. Noch weiter nördlich an der Johannistreppe wohnt „Meister Hans“, der städtische Henker, unter dessen Aufsicht das nahe „unter den Weiden“ belegene „Haus der gemeinen Frauen“ steht. Wir wandern weiter durch die Neustadt, die einen dörflichen Charakter trägt, denn Ackerbau und Viehzucht sind die Hauptnahrungszweige ihrer Bewohner, die sich hier zu beiden Seiten einer alten Heerstraße ums Jahr 1250 angesiedelt und eine dem S. Jakobus, dem Schutzheiligen der Pilger, geweihte Pfarrkirche erbaut haben. Verstärkt wurde die Zahl dieser Ansiedler der Neustadt und des Sandes durch die Bewohner der durch die Raubscharen König Adolfs zwischen Weihnachten 1294 und Neujahr 1295 verwüsteten Nachbardörfer Nieder- oder Gerbichsrode und Niedersalza. Aus unserem Gange durch die Neustadt begegnen uns Bettelmönche des nahen Augustinerklosters, die ihren Terminiergang zur Einsammlung von allerlei Almosen abhalten, sowie eine große Anzahl großer und kleiner Bürgerknaben, welche zur Lateinschule (hinter der Jakobikirche gelegen) eilen. Am Ostende der Südzeile der Neustadtstraße liegt das städtische „Wachthaus“ (früher, bis zur Vereinigung der Neustadt mit der Altstadt 1303 „das Rathaus der Neustadt“), welches den städtischen Büchsen- oder Geschützmeister als Wohnung und als Zeug- und Vorratshaus für die Befestigungen der Neustadt dient, und dahinter das ums Jahr 1300 gegründete Augustiner-Eremitenkloster. Ans dem davorliegenden freien Platze steht auf einer Säule „der Aar“, das Zeichen der Vereinigung der Neustadt mit der Altstadt und zugleich das Zeichen, daß die Neustadt auf dem Grunde und Boden des heiligen römischen Reiches deutscher Nation liegt. Weiter östlich liegt die Frauenbergsvorstadt mit dem ums Jahr 1200 vom alten Stadtvoigte Ruprecht gestifteten Cisterziensernonnenkloster St. Mariae und dem 1380 von den Gebrüdern Segemund gegründeten Martinsstifte.