Der große Brand in Ellrich 1627

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Textdaten
Autor: Wilhelm Kolbe
Titel: Der große Brand in Ellrich 1627
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aus: Heimatland. Illustrierte Blätter für die Heimatkunde des Kreises Grafschaft Hohenstein, des Eichsfeldes und der angrenzenden Gebiete
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Erscheinungsdatum: 1911 (Nr. 13)
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Der große Brand in Ellrich 1627.


 Am 2. Pfingstfeste 1627 brach während des Gottesdienstes in Valentin Müllers Hause am Auetor ein Brand aus, der in den vier Stunden von 8-12 Uhr die ganze Stadt bis auf einige Häuser in der Ritterhagenstraße verheerte. Der Ellricher Oberprediger Schmaling behauptet zwar in seinem Hohensteinischen Magazin: „Das Feuer war nicht durch kaiserliche Soldaten angelegt, obgleich einst General Tilly von Tettenborn aus drohete, der Stadt den roten Hahn aufzusetzen, wenn sie nicht binnen 24 Stunden 2100 Gulden einlieferte.” Mir will es aber scheinen, als ob die Stadt damals doch ein Opfer des Krieges geworden ist, wenn auch von dem Brandleger eine solche Verheerung nicht geplant war, sondern diese hauptsächlich auf Rechnung des Sturmes zu setzen ist. In einer mir vorliegenden handschriftlichen braunschweigischen Deductio heißt es: So ists überdieß an deme, daß die nunmehr bis ins vierte Jahr für und für continuirte einquartierungen, durchzüge, Contributiones Verpflegungen, servicien, Abnahme, Plünderungen, Brandt- und andere Schaden in diesem Fürstenthum Braunschweig und zugehörigen Graf- undt Herrschaften ein so hohes und unglaublicheß gegangen und angewendet werden müssen … daß über 300 Stete, Empter, Schlösser, Flecken, Dörfer, Vorwerke, Hospitalia und Gotteshäuser in Asche gelegt … ohne maß des Hertzogen zue Friedlandt an unterschiedlichen orten noch liegenden Guarnisonen wöchentlich gereicht werden muß, in particulari ist in der Grafschaft Honstein das Schloß und Hauß Honstein auß lauter Muthwillen von Capitain Vitzthum in Brant gestecket und was den einen Tag in Rauch nicht aufgangen, den folgenden von neuem angeleget, so liegt daß Städtlein Elrich gleichergestallt in der Asche, die wöchentliche Contributionen haben daselbst zue 5. 6. 700 Thaler dargeben werden müßen.

 Diese zuverlässige Nachricht in diesem Zusammenhänge läßt den Schluß zu, daß Ellrich ebenso wie das schloß Hohnstein ein Opfer des Krieges geworden ist. —

 Merkwürdig ist, daß sich in den Ellricher Kirchenrechnungen so gar keine Anklänge an den großen Brand finden, obwohl doch die stattliche Johanniskirche die bis auf die scara vasa, die in Nordhausen in Verwahrung gegeben wurde, völlig zerstört wurde, nur eine unbedeutende Notiz findet sich unter den Ausgaben des Jahres 1627: „8 Pfg. Pappier zu zwei Kirchen-Register, weil die vorigen verbrandten;” es fehlen tatsächlich nur die Rechnungen von 1621 bis 1626. Auch sonst ist mir von gleichzeitigen Aufzeichnungen über den Brand nur eine Notiz aus dem Kirchenbuche zur Crimderode bekannt: „Anno 1627 ist die gantze stadt Ellrich abgebrandt. Den 14. März. War der Pfingst-Montagk.”

 Wie schwer die Bürger Ellrichs von dem furchtbaren Brandunglück betroffen wurden, geht aus der folgenden Eingabe hervor. Wenn schon der angesehenste Bürger der Stadt so erschöpft war, daß es ihm nicht möglich war, sein Haus aus eigenen Mittel aufzubauen, wie schwer muß es da erst der armen Bevölkerung geworden sein, ihre Brandstätten wieder zu bebauen, und wie viele müssen wüst liegen geblieben sein! Ich laste im folgenden die nicht nur wegen der Nachricht über den Brand interessante Eingabe des Ellricher Stadtschultheißen wörtlich folgen: E. F. G. ist sonder zweifel nit verborgen, es bezeugets auch leider der trawrige Augenschein mit Schmerzen, was maßen uuno 1627 E. F. G. angehörige Städlein Ellrich in dero Grafschaft Honstein gelegen bis auf wenige Hüttelein ganz erbärmlicher Weise in Brand geleget und zu Grunde gangen, wann den selbiges Unglück auch meine Behausung daselbsten benebens andere benachbarten mit eingeäschert und betroffen, also daß zugleich mein ganz Vermögen in dem leidigen Rauche dahingeflohen und ich dermaßen hierunter betrübet und in Armut gesetzet worden, daß mir bei diesem ohnedes hochbeschwerlichem continuirlichen Kriegsläuften notdürftige Wohnung hinwieder zu erbauen ganz unmüglichen gefallen und dann bei so gestaltem betrübtem Zustande und Elende mein endliches rakvAmin und Zuflucht zu E. F. G. angeborner fürstlichen Gnade und Milde allein zu nehmen ein festes Vertrawen gefastet, untertäniger Zuversicht, E. F. G., dero landesväterliche Güte und Gnade auch mir armen verbrannten Manne und gehorsamen Untertanen auf mein vorgehend untertäniges im- ploriren und anrufen gnädig widerfahren und zur hoch notwendigen Anbawung meiner abgebrannten Haus und Hofes mit etzlichen Stämmen Dannen-Bawholz anfahren werden in gnädiger Betrachtung, daß E. F. G. ich ohne ungebührlichen Ruhm zu melden über 6 ganzer Jahr für einen Fändrich bei E. F. G. Ausschuß, sowohl verschiedene Jahre für einen Wachtmeister uffen Hause Lohra in Untertänigkeit aufgewartet und bei allen gegebenen oeeusiouen in Zug und Wacht bei E. F. G. Diensten gehorsamst finden lasten und auch nunmehr in das siebenzehnte Jahr beim Rate zu Ellrich als meinem lieben Vaterlande die daselbst aufgetragene zwar geringfügige Aemter, Cämmerei und dabei insonderheit zu unterschiedlichen Malen das Bürgermeister- und dann itzo das Schulheißenamt untertänig verrichtet und nach Möglichkeit gehorsamst verwaltet, auch die wenige Zeit meines Lebens mit Gottes Hülfe in E. F. G. Diensten trew und gehorsamlich zu vollbringen und zu beschließen gänzlich entschlossen, so gelangt an E. F. G. mein untertäniges demütiges Bitten, E. F. G. gnädig geruhen, mein gnädiger Fürst und Herr zu sein und zu verbleiben, mein obgedachtes Elende mit gnädigen Augen mitleidend anzusehen und aus landesfürstlicher Mildigkeit zu Wiedererbauung itzt berührten eingeäscherten Haus und Hofes mir ein 40 Stämme Dannenholzes zu begnadigen . . . und dero verordneten Oberförsterei zu Walkenreden in Gnaden anzubefehlen, daß er entweder im Walkenredischen oder Benneckensteinischen Forste mir selbige anweisen und außfolgen lasten soll und müsse.

Ellrich, den 14. Oktober 1633.
Caspar Uhrleb.


 Dieses Schriftstück ist gleichzeitig ein Beweis dafür, wie langsam sich Ellrich aus der Asche erhob. Erst vier Jahre nach dem Unglück baut die einflußreichste Person ihr Haus wieder auf! Verhältnismäßig schnell wurde die Johanniskirche wiederhergestellt, bereits 1628 liefert der Ellricher Bürger und Künstler Cilliax Bonifacii die notwendigsten Requisiten: zwei Kruzifixe, eins auf den Altar und ein anderes, das den Leichen vorausgetragen wurde, und schon 1631 beginnt er seinen herrlichen Schnitz-Altar. Im Jahre 1647 zählte die Stadt 146 Häuser, 33 unbewohnte wüste Häuser und 237 Brandstätten, wir dürfen also annehmen, daß die Stadt vor dem Brande über 400 Häuser gehabt hat, was der Angabe im Halberstädter Permutationsreceß entspricht, nach der die Zahl der Bürger (Familien) mehr als 500 betrug; die Zahl der Häuser war (wie die der Einwohner) etwa auf ein Drittel zusammengeschmolzen, wie die große Zahl der Brandstätten beweist, hauptsächlich durch die Feuersbrunst von 1627.

 Daß dieser Brand nicht nur für die Lebensführung des einzelnen, sondern für das gesamte Wirtschaftsleben verhängnisvoll war, ist zweifellos. Nicht aber ist das zutreffend, daß der vormals blühende Handel lahm gelegt wurde, denn auch vor dem Brande war Ellrich ebenso wenig eine Handelsstadt, wie das benachbarte Bleicherode, obwohldieses damals der Sitz der Regierung war. Es trifft auch nicht zu, daß die zuvor sehr schwunghaft betriebenen, gewinnreichen Brauereien in ihren Erträgen empfindlich geschmälert wurden; denn nach dem Permutationsreceß war die Brauerei „gar geringe, kummet an einen Burger des Jahrs mitt genauer noch zweymal. Die Bier seindt nichts besonders, das der Bauerßmann uffem Lande, die zu trinken mit gebetten muß ge- nottrenget werden, thutt es doch ungerue.” Wenn der Bericht auch etwas gehässig klingt, so stimmt er doch insofern, als jeder brauberechtigte Bürger nur zweimal braute, denn deren Zahl betrug 85 und die Zahl der Gebräue betrug 1620 zusammen 187. Meines Erachtens waren die Folgen des großen Brandes für die Gesamtheit weniger verhängnisvoll als für das Leben des einzelnen; ohne Zweifel haben viele derjenigen Einwohner, denen nichts als der Bettelstab übrig geblieben war, ihre Zuflucht im Harz gesucht, der ja fast den meisten vorher ein Ernährer gewesen war, und haben die Zahl der Harzschützen vermehrt, die gerade Ende des Kriegsjahres die Umgegend von Ellrich unsicher machten.

W. Kolbe.