Die Software von NordhausenWiki wird am 1. Dezember 2020 auf eine neue Version aktualisiert.
Ein Bearbeiten ist in dieser Zeit nicht möglich.
Während der Umstellung ist mit Komplettausfall, Darstellungsproblemen und Fehlermeldungen zu rechnen.

Auf den Panzerschleppern lag begehrte Beute - Amerikaner mit Swing am Bahnhofsplatz / Erinnerungen an meine Jugendzeit 1945 -

Aus NordhausenWiki
von Manfred Neuber

Am Tage als die Amerikaner in Nordhausen einrückten, waren für uns der Zweite Weltkrieg und das „Dritte Reich“ endlich zu Ende. Kampftruppen der 3. US-Panzer-Division richteten sich im Bahnhofsviertel ein. Vor dem Hause Reichsstraße 26a, in dem wir in der I. Etage wohnten, wurden Panzer-Schlepper abgestellt. Solche Ungetüme – mehrachsige Tieflader mit riesigen Reifen – übertrafen an Länge die Sherman-Tanks. Schon nach wenigen Tagen, so schien es uns, bewegten sich die GIs lässig und völlig sorglos. Aus ihren Quartieren in den Hotels am Bahnhofsplatz drang beschwingte Musik – In the Mood . . .

Während in Nordhausen die Luftschutz-Sirenen verstummt waren, aber noch Blindgänger in der zerstörten Altstadt hochgingen, sahen wir im April 1945 am meist blauen Himmel noch tagelang große Formationen silbern glänzender Flugzeuge ostwärts fliegen. Wo mochten sie ihre Bombenlast kurz vor der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands abwerfen? Den Alliierten waren zuletzt lohnende Ziele ausgegangen. In der ehemals Freien Reichsstadt schwelten noch Brandherde, zog beißender Rauch über die Trümmer. Erschreckend der Anblick verkohlter Arme, die aus eingestürzten Häusern ragten.

Die ersten Amerikaner, die mit Stahlhelm und vorgehaltener Waffe das Mietshaus des Malermeisters Wackes durchsuchten, fanden die Hausbewohner bei schönem Wetter im Hofe. Wonach sie suchten, was sie fragten, davon hatte ich als damals Zehnjähriger keine Ahnung. In Erinnerung geblieben ist jedoch, dass die ängstliche Spannung der Erwachsenen schnell wich. Aus der Brieftasche des Mitbewohners Hermann Vetter, dessen Familie am Frauenberg ausgebombt worden war, fischte ein GI ein vergilbtes Foto eines Doppeldeckers, das die Besatzer belustigt ansahen.

Vetter hatte als Verwundeter vor Kriegsende die Heimat erreicht. Trotz eines amputierten Beins ging er gleich nach den Luftangriffen am 3. und 4. April daran, das beschädigte Dach des Hauses Reichsstraße 26a auszubessern. Ich half ihm dabei, indem ich Ziegeln durch die Sprossen nach oben reichte. Der völlig aus den Fugen geratene Alltag verdrängte wohl die Gedanken daran, dass eine Oma, die in der Blödaustraße in der Oberstadt gewohnt hatte, durch eine Luftmine im Schutzkeller der Gaststätte Keglerheim ums Leben gekommen war. Marie Schröter ist in einem Massengrab beigesetzt worden.

Um die Ecke, in der Moltkestraße, hatte sich eine andere Tragödie abgespielt. Albert Dietrich, ein Bruder meiner anderen Oma, war nach dem Luftalarm aus dem Keller nach oben gegangen, um noch etwas Wichtiges zu holen. Das Haus erhielt einen Volltreffer. Der Verwandte wurde an einer Seitenwand zum Nachbarhaus eingeklemmt. Alle Versuche, ihn zu retten, blieben vergeblich – oder mussten aufgegeben werden, weil die Wand einzustürzen drohte und die Helfer wegen dieser Gefahr nicht an ihn herankommen konnten. Nach Stunden wurde über seinen Tod in der Familie nur benommen geraunt.

Für mich als Schüler war der Einzug der Amerikaner eine doppelte Befreiung: Nun musste ich nicht zu den Pimpfen! Die gebrüllten Kommandos, das stumpfsinnige Exerzieren auf dem Kaiserplatz hatte ich mit Schulfreunden von sicherer Warte aus beobachtet – hinter hohem Zaun von Bretterstapeln auf dem Gelände des Sägewerks Rathsfeld. Auch wichen die Albträume von der Mutprobe (Sprung vom Zehn-Meter-Turm) vor der Aufnahme in eine Napola, in die mich Bekannte meiner Eltern in Niedersalza, überzeugte Parteigenossen, die zwei Söhne an der Ostfront verloren hatten, drängen wollten.

Stattdessen spielten wir Treibball in der Reichsstraße mit alten, ausgefransten Tennis- oder schmerzhaft harten Lederbällen mit derben Nähten, wie sie die Amis beim Baseball warfen. Bald zielte unser Treiben darauf ab, den Ball möglichst hinter dem Führerhaus eines Panzerschleppers unterzubringen. Wer den Ball dann dort auflas, kam meistens mit gefüllten Hosentaschen zurück. In großen Holzkisten bewahrten die US-Soldaten eiserne Rationen in Dosen auf. So kamen wir auf diebische Weise zu Keksen und Schokolade, Milch- und Vitaminpulver sowie den begehrten Kaugummi.

Ganz legal lief ein Tauschgeschäft in unserer Wohnstube ab: meine Briefmarkensammlung gegen Kaffee, Tee, Zigaretten und anderen amerikanischen Proviant. Meine ältere Schwester erprobte ihr Schulenglisch mit einem Amerikaner, ein deutschstämmiger Familienvater aus Chikago, in großer Runde mit den Eltern, während unsere Mutter zum gemeinsamen Tee aus einem Versteck im Wäscheschrank eine Tüte Friwi-Plätzchen holte. Die hatte der Kiepen-Mann aus Stolberg jede Woche im Treppenhaus verkauft.

Bis die neue im Entstehen begriffene Polizeibehörde ein striktes Plünderungsverbot erließ, waren viele Nordhäuser von dem Rausch erfasst, aus zerbombten Lagerhallen und unversehrten Kellerbeständen alles Brauchbare „zu organisieren“. Trampelpfade führten über die Trümmer zu den Kostbarkeiten: Obstkonserven aus der Marmeladenfabrik Friedrich an der Halleschen Straße, große Blechdosen mit Eidotter aus der Brauerei am Taschenberg. Sie waren im Rucksack so schwer, dass ich einmal stolperte und wie ein Maikäfer auf dem Rücken lag.

Handgreiflich ging es manchmal in den Lagern der Kautabakfabriken zu. Aus großen Fässern in einem Keller in der Fabrikstraße wurde Sirup gezapft. Eine Frau versuchte sich vorzudrängen. Ein Mann nahm ihr den kleinen Wassereimer aus der Hand, ließ ihn voll laufen und stülpte ihn über ihren Kopf. Das Entsetzen der Umstehenden habe ich noch heute vor Augen. Die Frau entging knapp dem Ersticken. An der Kasseler Straße, gegenüber dem Sägewerk Schmalz, balgten sich Leute um Tabakballen. Ich schleppte einige Lagen gepresster, goldgelber Blätter nach Hause, musste sie auf Geheiß der Mutter aber wieder abliefern.

Wir mussten besonders vorsichtig sein, da am 5. Mai mein Vater im früheren Lager Dora inhaftiert worden war. Weil er als Ingenieur bei der Mabag tätig war, ein Zulieferer für die V-Waffen-Produktion im Kohnstein? Weil er Mitglied der NSDAP war? Die Skagerrag-Schlacht im Ersten Weltkrieg hatte er überlebt, nach einem schweren Unfall 1936 auf dem Flugplatz Jüterbog zum Zweiten nicht mehr eingezogen. Angsterfüllt verbrannte meine Mutter im Küchenherd die braune Uniform und (leider) den Stammbaum der Ahnenforschung, die über mehrere Jahrhunderte zurückgereichte.

Bevor die Amerikaner Anfang Juli 1945 nach dem Beschluss von Jalta Thüringen der Roten Armee überließen, wurden die Insassen des Lagers Dora zur demokratischen Re-education nach Westen verlegt. In einem Lager bei Karlsruhe traf mein Vater mit Dr. Herbert Meyer zusammen. Der letzte Oberbürgermeister der Stadt Nordhausen vor dem Zusammenbruch hatte sein Elternhaus in Bad Lauterberg im Harz, damals britische Besatzungszone. Dorthin liessen sich beide entlassen. In Nordhausen hätte meinen Vater vermutlich das ungewisse Schicksal erwartet, wie viele Techniker des Raketenbaus in die Sowjetunion verschleppt zu werden.

  • Dieser Artikel wurde von Manfred Neuber verfasst und ist urheberrechtlich geschützt. Die Veröffentlichung erfolgt mit Einverständnis des Autoren.