Wie mich die Stasi in Nordhausen anheuern wollte

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– Besuch beim Großen Bruder als Sesam-öffne-Dich –
von Manfred Neuber

„Über den Harz nach Hörningen“ war früher in Nordhausen ein geflügeltes Wort, wenn jemand einen Umweg einschlug oder etwas umständlich regelte. „Über Dresden nach Nordhausen“ führte der Weg aus dem Westen zu einer Urnen-Beisetzung unter den menschenverachtenden Bedingungen der DDR. Zur Trauerfeier für meinen Schwager hätte ich 1987 keine Genehmigung zur Einreise bekommen, weil dessen Sohn damals seinen Wehrdienst bei der „Nationalen Volksarmee“ leisten musste.

So entschloss ich mich, den Genossen von „Horch & Guck“ auf dem Friedhof ein Schnippchen zu schlagen – mit Erfolg. Im Reisebüro buchte ich eine Drei-Tage-Reise mit dem eigenen Auto bei Intourist, dem staatlichen Reisedienst der DDR, für einen Aufenthalt im gerade eröffneten Dresdner Devisen-Hotel „Bellevue“. Auf der Rückfahrt schwenkte ich nach Nordhausen ab, um meine Schwester mit der Urne zur Familien-Grabstätte begleiten zu können. Zwei Jahrzehnte vorher hatte es eine überraschende Wende gegeben. Zuerst war die von meiner Schwester für mich beantragte Besuchserlaubnis verweigert worden. Schließlich hatte „der Neuber“, wie eine Notiz über die Ermittlungen des VPKA (Volkspolizeikreisamts) Nordhausen festhielt, „am 16. Mai 1950 die DDR illegal verlassen“ und war zudem Journalist. Als meine Schwester beiläufig erwähnte, dass ich 1963 an der ersten Moskau-Reise von Touristen aus der Bundesrepublik (nach Jahren beruflicher Tätigkeit in London und New York) teilgenommen hatte, wurde die Ablehnung revidiert. In einem anderen Vermerk der Hauptabteilung I/Kommando Grenze, Operationsgruppe Aufklärung, Nordhausen, vom 24. September 1963 schrieb ein Leutnant Benkenstein: „Er sollte erst keine Einreise erhalten. Da dieser jedoch eine Studienreise nach Moskau machte, wurde ihm der Aufenthalt genehmigt.“ Die positive Anweisung kam vom Bezirk Erfurt aus der dortigen Abteilung Aufklärung der Grenztruppen.

Im Bericht des fleißigen Protokollanten Benkenstein (9. Brigade) vom 15. Oktober 1963 über ein Gespräch mit dem Sekretär des Rates der Stadt Nordhausen, Ernst Trost, heißt es: „Zu dem Zeitpunkt des Aufenthaltes des Neuber erschienen bei dem Gen. Trost zwei Mitarbeiter des MfS Berlin. Ein Genosse stellte sich mit dem Namen Kurt vor, die andere Person als freischaffender Künstler. (Trost sagte mir hingegen, es seien Journalisten-Kollegen aus Dresden). Beide baten den Gen. Trost, dass selbiger den Neuber zu einem gesamtdeutschen Gespräch einlud.“ „Während Trost dieses Gespräch (mit mir) führte, waren die beiden Genossen zugegen. In dem Gespräch sagte Trost, es sei nicht alltäglich, dass ein Korrespondent von WD (Westdeutschland) nach Nordhausen einreist. Der Neuber war bestrebt, Material über Nordhausen zu bekommen, um über diese Stadt einen Artikel zu schreiben.“ Diese Darstellung ist inkorrekt. Da ich schon längere Zeit bei der Royal Air Force und der US Air Force über die Luftangriffe auf Nordhausen zu Ostern 1945 recherchiert hatte, wollte ich lediglich wissen, ob im Rathaus neue Erkenntnisse über die Hintergründe vorlägen (es waren Gerüchte über eine Aufforderung zur kampflosen Übergabe der Stadt vor den Luftangriffen im Umlauf).

„Durch den Gen. Trost wurde ihm der Vorschlag gemacht, dass er derartige Materialien auch in den Geschäften erhält. . . Hiernach erzählte der Neuber von seinem Aufenthalt in der SU. In dieser Beziehung vertrat er eine fortschrittliche Meinung. Zu Anfang des Gesprächs verhielt sich der Neuber vorerst reserviert, ging dann jedoch etwas aus sich heraus (Lag es an ein, zwei „Nordhäuser Korn“, die mir aufgenötigt wurden?) Die beiden Genossen versprachen dem Neuber, dass er zu jeder Zeit einreisen kann, und sie luden ihn auch ein wieder zu kommen, ohne dass jedoch feste Abmachungen getroffen wurden.“ Nach Auffassung des Gen. Trost „hat Neuber eine objektive Einstellung und tritt für eine Verständigung beider deutscher Staaten ein“.

Weiter protokollierte Leutnant Benkenstein: „Die Genossen trugen Gen. Trost auf, wenn der Neuber wieder einreist, solle er sich an den Gen. Hildebrandt wenden. . . Hierauf setzte sich der Ltr. der Op. Gr., Gen. Lange, mit dem Gen. Hildebrandt von der KD in Verbindung, und es wurde bekannt, dass es sich um zwei Genossen von der Hauptabteilung Aufklärung Ref. II handelte. Verantwortlich hierfür ist ein gewisser Major Keiland.“ Bereits am 20. August 1963 hatte ein Oberleutnant Lange in Nordhausen in einem Sachstandsbericht zu meiner Einreise am 10. Mai 1963 (mit Angabe des Autotyps, der Farbe und des Kennzeichens) geschrieben: „Da Neuber auf Grund seiner Funktionen für eine Zusammenarbeit interessant ist, soll mit der Aufklärung und der Organisation weiterer Maßnahmen begonnen werden.“ Ein Maßnahmeplan vom 22. August sah Ermittlungen des VPKA Nordhausen über die Familie meiner Schwester (Westreisen?, Arbeitsstelle, durch ABV/ Abschnittsbevollmächtigten) und die Einleitung der Postüberwachung (ab 11. September 1963) vor.

Wie aus späteren Vermerken hervorgeht, ist die Postüberwachung auf meinen Cousin Helmut N., die Cousine Jutta M. und meinen Schulfreund Gerhard W. in Nordhausen ausgedehnt worden. Auf sie hätte ich eine „negative Beeinflussung ausgeübt“, u.a. durch die Zusendung eines Reiseberichts aus der WELT. Darin habe eine Sontka Wegner, deren Eltern die DDR verlassen hätten, angegeben, ihr sei die Einreise nach Nordhausen nicht genehmigt worden, worauf „es ihr nur über Umwege (Leipzig) gelungen . . . und ihre Kindertante von der Staatssicherheit mehrfach <ausgequetscht> worden ist“. Im Folgejahr 1982 dann dies: „Neuber übersendet Schreiben mit massiver Hetze gegen Sicherheitsmassnahmen der DDR während Kanzlerbesuch“ (Willy Brandts 1970 in Erfurt).

Bevor den Offizieren von „Schild und Schwert der Partei“ klar wurde, dass sie „aufs falsche Pferd gesetzt hatten“ und die Akte „Journal“ am 3. Mai 1989 vom MfS/BV Erfurt, HA/Abt./KD mit dem „Löschauftrag für Abt. XI“ geschlossen wurde, hatte die KD Nordhausen am 19. Dezember 1981 konstatiert: „Journalist bei ‚Die Welt’, Hamburg – mehrmals durch Aufkl. kontaktiert, blieb jedoch vereinbarten Aussprachen fern, keine Bereitschaft zur Zusammenarbeit.“ Da muss wohl ein „Aufklärer“ seinen Misserfolg durch eine falsche Angabe gegenüber Vorgesetzten kaschiert haben; denn nach dem unverfänglichen Trost-Gespräch 1963 waren mit mir keine „Aussprachen vereinbart“ worden.

Die Operativgruppe Nordhausen der Grenztruppen hatte in der Frühphase „die Zielstellung“, meinen Schwager Heinz G. „zur Verbindungsaufnahme auszunutzen“. Dieser war Geschäftsführer der Fleischerhandwerks-Genossen- schaft. Unter dem Vorwand (Legende im MfS-Gebrauch), mit ihm über die Belieferung der Grenztruppen mit Fleisch- und Wurstwaren zu sprechen, suchte Oberleutnant Kirchner ihn auf dem Schlachthof auf. Kirchner meldete am 13. April 1964 an Hauptmann Lange, „dass G. eine äußerst labile Einstellung bezieht“. Eine Ausnutzung zur Herstellung des Kontaktes zu seinem Schwager N. „birgt Gefahren der Dekonspiration in sich. Aus diesem Grunde sind andere Maßnahmen zur Herstellung des Kontaktes zu N. erforderlich“.

In einer „Vertraulichen Dienstsache!“ (Beschluss XVIII 4629/63) vom 16. September 1963 hatten Kirchner und ein Major Zipfel befunden: „Auf Grund einer vorhandenen Westverbindung sollte der Genannte als Deck-Adresse angeworben und später ausgenutzt werden. Da G. für eine weitere operative Bearbeitung nicht geeignet ist, soll der Vorgang im Archiv abgelegt werden.“ Am 27. April 1964 ergänzten sie: „Während der Bearbeitung stellte sich heraus, dass die vorgesehene DA (Deckadresse) G. nicht den Anforderungen entspricht und aus diesem Grunde eine weitere Bearbeitung nicht erfolgt.“ Auf einer anderen Karteikarte ist vermerkt: „Rücksprache Gen. Riemann: DDR Bürger für Zusammenarbeit nicht geeignet.“

Mit konkreten Vorschlägen „zur Einführung der DA ‚Heinz Erfurt’ (22.Oktober 1964) ging es dann zur Sache: „Durch einen GI der HA XX/5 wurden in der Vergangenheit, unter unserer Kontrolle und Anleitung, Zusammenkünfte auf dem Gebiet der DDR, in Nordhausen durchgeführt, die zum damaligen Zeitpunkt nicht die Werbung zum Ziel hatten. Diese Zusammenkünfte dienten lediglich zur Festigung des Kontakts und zum Studium der Person selbst. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wurde der GI (Trost nach Berlin) versetzt und befindet sich außerhalb Nordhausens, so dass ein Umdisponieren notwendig ist, da sein weiterer Einsatz nicht zum Erfolg führen würde.“

„Zur operativen Arbeit soll aus diesem Grunde die DA ’Heinz Erfurt’ durch Aufbau einer Legende in die Bearbeitung einbezogen werden. Die Zielsetzung ist, die DA ‚Erfurt’ klärt den Kandidaten weiter auf, studiert diesen und nimmt später im Auftrage des MfS die Anwerbung vor. . . Der GI der HA XX/5 bezog zum überwiegenden Teil seine Informationen von unserer DA ‚Heinz Erfurt’, welcher neben seiner beruflichen Tätigkeit in der ehrenamtlichen Redaktion Buchenwald im Bezirk Erfurt tätig ist. Von der DA wurden die Materialien der Ausstellung „Die Blutspur führt nach Bonn“ erarbeitet und jetzt eine Broschüre über „Geheimwaffen im Kohnstein“ fertig gestellt.

Da bis heute ‚Journal’ nicht mehr zu Besuch in der DDR war, der GI versetzt wurde, wird die DA ‚Erfurt’ direkt zu ‚Journal’ über dessen Schwester in Nordhausen im Auftrage des Kollegen Trost (GI) die Verbindung aufnehmen und darlegen, dessen Amtsgeschäfte übernommen zu haben und vom Kollegen unterrichtet worden zu sein. Er persönlich sei aus rein beruflichen Gründen (Journalist) an einer Vertiefung der Verbindung zwecks Erfahrungsaustausch interessiert . . .

Nach Reaktion von Seiten des ‚Journal’ auf postalischem Weg erfolgt bei positiver Reaktion die Einladung zu einem Besuch, verbunden mit einer Aussprache zwischen Journalisten. Einstellung soll sein: Kennen lernen, Erfahrungs- austausch, Festigung des freundschaftlichen Verhältnisses und Schaffung der Voraussetzung einer ununterbrochenen Verbindung. Die nächste Etappe ist die Anwerbung als GM (Geheimer Mitarbeiter).“ So Oberleutnant Kirchner am 26. Oktober 1965. Sein Vorschlag aus Nordhausen wurde am 29. Oktober in Erfurt bestätigt. Zur Person „Journal“ hat Kirchner schlecht recherchiert: „1950 verließ er mit seinem Vater die DDR illegal (tatsächlich wurde mein Vater 1945 als Ingenieur in einem Zulieferer-Betrieb der V-Waffenproduktion von den Amerikanern mitgenommen). Er genoss im Elternhaus eine gute Erziehung und besuchte die Oberschule in Nordhausen (ebenso falsch: Übergang zur Oberschule verwehrt, weil Vater im Westen, einige Monate Lehrwerkstatt des IFA-Schlepperwerks vor Abgang nach Bad Lauterberg jenseits der „grünen Grenze“).

Im Profil des DA „Heinz Erfurt“ heißt es: „Er ist im Alter von 33 Jahren, verh. und stammt aus einer Arbeiterfamilie. Er ist Mitglied der SED und arbeitet hauptamtlich in führenden Funktionen des Parteiapparates. Im Fernstudium erwarb er die Qualifikation eines Lehrers und Erziehers. Seine bisherige Entwicklung zeigt, dass er stets mit der Partei der Arbeiterklasse verbunden war und seine unbedingte Zuverlässigkeit gegeben ist.“ „Er arbeitet als Lehrer und Heimerzieher und wurde mit der Leitung eines Kinderheims beauftragt. In seiner Freizeit beschäftigt er sich mit wissenschaftlichen Forschungen über die Arbeiterbewegung in Deutschland und insbesondere dem Kampf der Widerstandskämpfer im ehem. Konzentrationslager Dora . . .

Es ist einzuschätzen, dass zwischen ‚Journal’ und der DA auf den verschiedensten Gebieten eine Gemeinsamkeit vorherrscht. So ist ihr Intellekt annähernd gleichzustellen . . . Bei der DA kommt hinzu, dass er über ein ausgereiftes, gutes fundiertes politisches Wissen verfügt . . . und somit in dieser Hinsicht dem ‚Journal’ weit überlegen ist. Die DA ‚Heinz Erfurt’ hat sich in seiner politi-schen, beruflichen und inoffiziellen Arbeit bereits bewährt.“

Nach der Vorstellung Kirchners (auf sechs Schreibmaschinen-Seiten!) sollte die erste Zusammenkunft von „offiziellem Charakter“ unbedingt in „würdiger“ Umgebung stattfinden und dazu führen, „gegenseitiges Vertrauen zu schaffen und ständige Treffen zu vereinbaren“. Am Schluss schrieb er dann: „Wenn Voraussetzungen gegeben sind, kann die finanzielle Seite in Erwägung gezogen werden.“

Nur ein einziges Mal, bei einem späteren Besuch in Nordhausen, gelang es dem vermeintlichen „Berufskollegen“, zu mir zu in Verbindung treten. Ich habe das Treffen im Hause meiner Schwester in einer frostigen Atmosphäre in Erinnerung. Als dann Tagesbesuche bei Verwandten im grenznahen Bereich von 1973 an möglich wurden, versagte wohl die interne Kommunikation der „Kundschafter des Friedens“; denn ich blieb bei diesen Kurzaufenthalten in Nordhausen von weiteren Besuchen des „Heinz Erfurt“ verschont. Oberleutnant Kirchner hatte schon am 9. September 1967 konstatieren müssen: „Die Verbindung konnte trotz mehrfacher Versuche nicht wieder hergestellt werden. . . es erfolgte weder eine Einreise des ‚Journal’, noch kam eine briefliche Verbindungsaufnahme zustande.“

Waren erste Berichte der „HA I / Aufklärung Kdo. D. Grenztruppen, 9. Grenz- Brigade Op. Gr. Nordhausen“ 1963/64 noch handschriftlich verfasst worden, so verfügte der Staatssicherheitsdienst in den achtziger Jahren über einen elektronischen Datenspeicher (ZPDP). Nach einheitlichen Vorgaben mussten dann „operativ bedeutsame“ Daten EDV-gerecht aufbereitet werden. „Streng vertraulich“ steht über meinem Erfassungsbeleg mit der Dok-Nr E0880658.

PS. Datenschutz – schön und gut. Absurd wird es aber, wenn die Außenstelle Erfurt des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik auf Karteikarten der DDR- Grenzorgane bei Tagesbesuchen mit meiner Mutter in Nordhausen deren Adresse in Bad Lauterberg und ihr Geburtsdatum schwärzt.