St.-Nikolai-Kirche (Marktkirche)

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Die Marktkirche nach 1909, im Hintergrund das Stadthaus, rechts das Rathaus
Rathaus und Marktkirche

Die St.-Nikolai-Kirche (auch Marktkirche) war eine unmittelbar nördlich vom Rathaus am Markt gelegene dreischiffige Hallenkirche im gotischen Stil. Sie war seit der Reformation die evangelische Hauptkirche von Nordhausen. Die Kirche wurde bei den Luftangriffen auf Nordhausen am 3. April 1945 schwer zerstört; 1956 wurden die Reste des Schiffes sowie die Turmruine abgetragen.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Kirche wurde um 1220[1] als „ecclesia beati Nicolai in foro“ erstmals urkundlich erwähnt und war dem Heiligen Nikolaus geweiht, der Schutzpatron der Kaufleute und Schiffer. Der Westbau entstammte der späten Romanik, das Langhaus aus dem Jahr 1490 (Jahreszahl im Schlussstein der Sakristei). Die Kirche stand an der Südseite der Gasse In den Krämern.

Der Kirchhof, auf dem an Jahrmärkten Verkaufsbuden aufgeschlagen wurden, ist 1545 geschlossen worden; die Gemeinde bestattete ihre Toten seitdem auf dem Spendekirchhof.[2]

Die Marktkirche hatte zwei mit Blei gedeckte Westtürme. Eine der beiden wurde Hausmannsturm genannt, nach dem auf ihm wohnenen Stadt-Türmer oder Hausmann, dem in der vim Rat erlassenen Feuerordnung aufgetragen war, besonders des Nachts nach eventuell ausbrechenden Bränden Ausschau zu halten.[3]

Im Stadtbrand des Jahres 1612 wurden die gotischen Turmhelme zerstört und durch zwei schlanke laternengekrönte Hauben ersetzt. Ein Feuer im Jahr 1710, genau auf den Tag 100 Jahre nach dem ersten Brand, zerstörte sie erneut. Da die Türme nicht wieder errichtet wurden, ließ man die Glocken zwischen dem Rathaus und der Kirche aufhängen. 1823 wurden die Glocken im Obergeschoß des Westgiebels eingebaut.

Im Juni 1918 brachte der Architekt Prof. Dr. German Bestelmeyer (1874–1942) einen Entwurf für den Neubau der Türme ein. 1936 wurde die Lutherstatue von ihrem damaligen Standort auf dem Lutherplatz vor die Nikolaikirche aufgestellt; im Februar 1943 wurde sie für die Rüstungsindustrie eingeschmolzen. Die Kirche wurde beim Bombenangriff 1945 nahezu eingeebnet, viele Schutzsuchende verloren ihr Leben.

Marktkirche, Rathaus und Stadthaus nach den Luftangriffen

Nach dem Krieg verzichtet der Parochialverband namens der Kirchengemeinde auf das Grundstück. 1956 wurden die Reste des Schiffes sowie die Turmruine abgetragen. An der Stelle wurde ein Parkplatz geschaffen.

Von August 2008 bis 2011 führte das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Ausgrabungen durch. An mehreren Stellen waren von den Mauern nur noch die mit Schutt gefüllten Fundamentgräben anchweisbar. Großes Aufsehen erregte eine frei gelegte Massenbestattung von 18 Kindern und Jugendliche zwischen Kirche und Rathaus.

Mitte 2011 begann der Bau des Mehrzweckgebäudes Bürgerhaus mit der Stadtbibliothek; Ende August 2014 wurde das Haus eröffnet.

Die zerstörte Marktkirche

Am 3. April 2015 kehrte das Altarkreuz der Kirche St. Nikolai nach Nordhausen zurück. Es war 1859 für die Rosenthalsche Kapelle angefertigt worden. Unbeschadet überstand es die Bombardierung Nordhausens und den Brand der Kirche im Jahr 1945 und wurde durch den damaligen Pfarrer Wartenberg aus der Kirchenruine geborgen. Dieser nahm es mit an seinen neuen Dienstort. Am Karfreitag des Jahres 2015 wurde das Kreuz in das Eigentum der Kirchengemeinde Blasii-Altendorf übergeben[4] und in der Sakristei der Kirche St.-Blasii verwahrt. Am 16. April 2016 wurde der Diebstahl des Kreuzes aus der Kirche festgestellt, der Verbleib ist ungewiss.[5]

Bauliche Besonderheiten[Bearbeiten]

  • Die Kirche, eine reine Hallenkirche ohne Querhaus, maß 30,7 m in der Länge und 20,5 m in der Breite.
  • Die Sakristei befand sich nördlich des Chores im Winkel zwischen diesem und dem Seitenschiff. Sie war ursprünglich eine St. Nikolauskapelle.
  • Ein auf südlicher Seite des Chores befindlicher Nebenraum diente vormals als Sakristei und später als Aufbewahrungsort des Kirchenschatzes, der aus mittelalterlichen Kelchen, Altarkannen und Hostienschachteln bestanden hatte. In den 1920er Jahren wurde an der Ostseite dieses Raumes eine Gedenktafel für den im Ersten Weltkrieg gefallenen Nordhäuser Hans Rosenthal angebracht. Der Raum wurde durch eine Spende des Vaters des Gefallenen zu einer Traukapelle (Rosenthalkapelle) umgestaltet.
  • Der Altar stammte aus dem Jahr 1646. Er wurde durch den Bildhauer Johann Duck in Alabaster ausgeführt. Er besaß eine Säulenummrahmung mit renaissance-barockem Giebelaufbau. Die Predella zeigte Christus im Garten Gethsemane als Relief. Im Mittelschrein war das Abendmahl dargestellt, umrahmt von den Aposteln Simon Petrus und Paulus von Tarsus. Darüber befand sich eine Darstellung der Kreuzigung, umrahmt von zwei Figuren, die Christliche Lehre und die Christliche Stärke symbolisierend. Zuoberst war der siegende Christus dargestellt.
  • Die Kanzel auf der linken Seite des Chores war ein Werk der Renaissance. Die Brüstung war mit einem Relief verziert. Mit Rollwerk geschmückte Säulen, auf denen Engel standen, unterteilten die Fläche in sieben Felder. In jedem dieser Felder befand sich eine Bogennische, die von diamantierten Quadern umgeben war und ein Alabasterrelief enthielt.
Dargestellt waren (v.l.n.r.):
1. der Prophet Jeremia,
2. ein knieender Jüngling vor einem Kreuz (Verkörperung christlicher Unterweisung),
3. sitzender Mann mit den Zeichen der vier Evangelisten,
4. bärtiger Mann auf einer Halbkugel stehend und einen Brief empfangend (als Sinnbild der Epistel),
5. Mose] auf einer Kugel sitzend,
6. der Heilige Andreas,
7. der Heilige Jakobus der Ältere.
Darunter befanden sich Postament], umgeben von Rollenwerk. Die Kanzel wurde getragen von einem Pfeiler, der mit Frucht und Schnurgewinden verziert war. 1726 wurde dieser Pfeiler durch eine Figur des einen Löwen zerreißenden Simson ersetzt.
  • Das achteckige hölzerne Taufgestell in der Mitte des Chores stammte aus dem Jahr 1588. Auf seiner Kuppa waren als Hochrelief Paulus und die vier Evangelisten abgebildet. Das Taufgestell besaß einen Deckel.
  • Das Epitaph des Dr. Conrad Fromann und seiner Ehefrau, einer geborenen Straßburgerin von Mülnheim, befand sich an der Südwand des Chores. Es bestand aus einer zweistöckigen barocken Giebelarchitektur, die von Säulen getragen wurde. Im Mittelfeld war die Grablegung Christi in Hochrelief dargestellt. An den Seiten, ebenfalls als Hochrelief, befanden sich Statuen der Charitas und der Doctrina, ebenso ein Kruzifix und eine Darstellung der Himmelfahrt. Im Giebelfeld waren die Himmelfahrt des Elias, sowie die Brustbilder der Verstorbenen, über ihnen ein den Flammen entsteigende Phönix und ein seine Jungen mit seinem Blut speisende Pelikan abgebildet.
  • Die Betstübchen wurden 1726 eingebaut. Diese bestanden aus Rahmen, zwischen diese wurden Brüstungsfüllungen und verglaste Sprossenfenster gesetzt. Die Rahmen enthielten Laubgehänge oder vorgestellte Säulen. Barockes verkröpftes Simswerk schloss mit reich geschnitzten Giebelaufsätzen ab. Diese zeigten Blatt- und Rankengeschlinge, Putten und Wappenschilde. Das Gestühl war in den Farben Weiß, Blau und Gold bemalt.
  • Die Orgel stammt wahrscheinlich auch aus dem Jahr 1726. Der Prospekt war mit Ranken und barockem Blattwerk verziert, die Figuren zweier Paukenschläger befanden sich über den Pfeifenerkern, die Figuren König Davids mit Harfe und seiner Frau mit kleiner Pauke standen links und rechts der Klaviatur. Putten und Engel mit Lauten , Posaunen und Trompeten waren Teil des Prospekts.
  • Eine Madonnenstatue stand in einer Nische in der Ostwand des südlichen Seitenschiffes der Kirche. Die holzgeschnitzte Figur hatte eine Größe von 1,4 m und stammt aus dem ausgehenden 15. Jahrhundert. Auf dem Arm trug sie Jesus, zu ihren Füßen lag eine Mondsichel mit menschlichem Gesicht als Symbol für die Jungfräulichkeit.
  • Ein Epitaph war dem Nordhäuser Bürgermeister Johann Lutterot gewidmet. Dieser starb 1520 in Nordhausen.
  • Eine Vikarie wurde 1352 von dem Nordhäuser Bürger Conrad von Rotentor für sein Seelenheil, sowie das seiner Ehefrau Melle und seines Sohnes Johann, gestiftet. Sie befand sich am St.-Michaelis-Altar. Die Stiftung wurde am 10. Februar dieses Jahres bestätigt. Eine zweite Vikarie wird 1442 zu Ehren des Heiligen Martin und der Maria Magdalena gestiftet. Die urkundliche Bestätigung erfolgte am 23. Februar dieses Jahres.[6]

Beschreibung der St. Nikolai-Kirche[Bearbeiten]

Zitat Die St. Nicolaikirche, auch ihrer Lage wegen Marktkirche genannt, ist, obschon äusserlich ein nur unscheinbarer Bau, besonders wegen des Mangels an einem Thurme, dennoch die protestantische Hauptkirche Nordhausens. Ihre sich zunächst dem Beschauer darbietende westliche Front lässt ohne Mühe drei übereinander liegende Schichten verschiedenen Mauerwerks erkennen. Die unterste ziemlich gut erhaltene aus Muschelkalkquadern erweist sich durch ihre Lisenen an den Ecken als romanischen Ursprungs und ist ohne Zweifel noch ein Überrest der ältesten Anlage, welche, wie so manche der ältesten Kirchen, in Westen keinen Eingang besass. Die jetzt hier vorhandene spitzbogig geschlossene kleine Thür ist sichtlich erst später eingesetzt worden, die Profilirung ihrer Gewände: Birnstab begleitet zu beiden Seiten von Hohlkehlen, findet sich auch an den übrigen Thüren der Kirche. Eine zweite Bauperiode bezeichnet der darauf folgende Aufsatz von bereits ziemlich verwitterten Sandstein mit an den Ecken eingelassenen Rundstäben, bekrönt endlich wird die Front von einem modernen im frübgothischen Stile mit Bogenfries ausgebauten Glockenhause; das älteste Gemäuer stuft sich in die Seitenmauern ab. Die weiteren vier Thüren des Lang¬hauses der Kirche stehen unter Fenstern, sind aber mit diesen erst nachträglich eingesetzt worden, wie der Mangel an Verband mit dem sie umgebenden Mauer-werke, deutlich aus weist Das Hauptglied der Profilirung der Fenstergewände ist eine breite, flache Hohlkehle, die sich auch zu beiden Seiten der darunter stehenden Thüren bis nach unten fortsetzt, begleitet in den Fensteröffnungen von schmalen Stäbchen. Der Kaffsims kröpft sich, wie in der bessern gothischen Periode, um die drei Strebepfeiler der Südseite herum, nicht aber um die beiden des Chorschlusses, welche die östlichsten der beiden Ecken stützen, während die beiden zurückliegen¬den nur mit Lisenen verstärkt sind. Der gute Verband der Chorfenstergewände mit dem Mauerwerk lässt diese als ursprünglich erscheinen, das mittlere derselben ist von der vollen Breite der Octagonseite. Das Maasswerk ist bei der grossen Reparatur 172(3 aus allen Fenstern entfernt worden.

Das Innere der Kirche stellt sich als eine spitzbogige, durchaus gewölbte, dreischiffige, spätgothische Hallenkirche dar, deren im halben Achteck geschlossener Chor, von 12,6m lichter Länge und 9,3“ Weite, die um 3 Stufen erhöhte Fort¬setzung des Mittelschiffes bildet. Er ist in gleicher Höhe mit Letzterem in drei Jochen mit schmalen Kreuzgewölben überspannt, die durch Gurtrippen von ein¬ander getrennt sind; letztere, sowie auch die Kreuzrippen sind tief gehohlkehlt und stehen auf einfach profilirten Consolen. Die drei Schlusssteine des Chorge¬wölbes sind verziert erstens mit der sitzenden Figur des heil. Nikolaus als Bischof bekleidet, zweitens mit dem einfachen, rechts schauenden, unbekrönten deutschen Reichsadler und drittens mit einem Kübelhelm mit den thüringischen Büffelhörnern, deren jedes mit sieben Zweigen besteckt ist, an welchen Lindenblätter hängen. Der Triumphbogen bildet einen gedrücken Spitzbogen mit stark abgefasten Kanten, die Kämpfer desselben setzen sich aus Platte, Hohlkehle und kleinem Wulste zusammen. Yon ganz gleicher Beschaffenheit sind die Arkadenbögen des Lang¬hauses. Letzteres hat eine Länge von 30,7 m bei einer Breite von 20,5m, das südliche Seitenschiff desselben ist von der Mauer bis zum Pfeiler im Lichten 5,5 m breit, das Mittelschiff von Pfeiler zu Pfeiler 9“ und das nördliche Seitenschiff ebenfalls von Mauer zu Pfeiler gerechnet 3,96 m weit Die Spannungsweite der Arkaden beträgt 8,5m. Bei diesen weiten Spannungen zeigen Kappen und Gurte des Mittelschiffes sehr gedrückte Linien und die Pfeiler sind von viereckigem Querschnitt und etwas zu massig in Yerhältniss zu ihrer Höhe. Die Gurtbögen der Seitenschiffe sind bei der ungleichen Weite der letzteren nicht von der Scheitel¬höhe der des Mittelschiffes und zur Ausgleichung mit einer Mauer übersetzt, was ebenfalls dem Innern einen schwerfälligen Charakter verleiht. Dennoch macht dasselbe immerhin noch den würdigsten Eindruck unter allen protestantischen Kirchen Nordhausens. Mittel- und Seitenschiffe sind in drei Jochen im Kreuz gewölbt Die Schlusssteine des Mittelschiffes zeigen erstens eine Rosette von Blumen umgeben, zweitens das Lamm Gottes mit Kreuzesfahne, daneben einen Kelch, drittens den einfachen ungekrönten Reichsadler. Die Rippen sind ausgekehlt, so dass sie einen breitbirnförmigen Querschnitt erhalten. Im südlichen Seitenschiffe stossen dieselben im ersten Joche auf einen mit gothischen Blättern besetzten Schlussring, die beiden übrigen Schlusssteine enthalten die Figur eines seine Jungen fütternden Pelikans und die eines aus Flammen verjüngt aufsteigenden Adlers, Symbol der Kreuzigung und Auferstehung Christ. Ebenso bildet im nördlichen Seitenschiffe ein mit gothischen Blättern besetzter Ring den Schluss im ersten Joche, der zweite Schlussstein ist mit einer fünf blättrigen Rose und der dritte mit einer heraldischen Lilie belegt.

Zeichnung (um 1887).

In Westen führen zwei Rundbögen durch die 2,1 m starke Thurmmauer in das gewölbte Untergeschoss des Thurmbaues, der von der Breite des Mittelschiffs und 3,58 m lang ist Dieser Unterbau trug einst zwei Thürme, die aber nach ihrer Zerstörung beim letzten grossen Brande 1712 nicht wieder aufgebaut worden sind. An der Nordseite des Chores ist eine Capelle angebaut worden, die jetzt als Sakristei dient, sie ist in Osten im halben Achteck geschlossen und in drei Jochen im Kreuz gewölbt. Die aus der Wand wachsenden Rippen zeigen den Birnstab- querschnitt und treffen in drei Schlusssteinen zusammen. Der erste derselben trägt die ganze Figur des heil. Nicolaus und daneben die Jahreszahl 1490 in arabischen Ziffern, der zweite einen Schild mit nebenstehend abgebildeten erhaben sculptirten Hauszeichen und die Umschrift in Minuskeln: „henricus wilde von luneburg den got g(enade)u der dritte gleichfalls einen Schild mit nebenstehend abgebildeter Figur. Jonas im Rachen des Walfisches seine Hände betend erhebend, in sehr roher Ausführung.

Auf der Südseite des Chores ist die alte Sakristei angebaut, die mit einem rundbogigen Kreuzgewölbe ohne Gurte und Rippen bedeckt ist, die in dasselbe eingelassenen drei Schlusssteine sind späterer Entstehung und zeigen erstens das Lamm, zweitens den Reichsadler und drittens eine Rosette. Es war dies die ursprüngliche Sakristei.

Von den dreizehn Altären mit ihren vierzehn Vicareien, mit denen die Kirche vor der Reformation ausgestattet war, ist jetzt nur noch der Hauptaltar vorhanden, er ist grösstentheils aus Alabaster in der Renaissancearchitektur der Mitte des 17. Jahrhunderts errichtet Seine Predella bildet eine Hochreliefdar¬stellung des Gebets Christi im Garten Gethsemane; die Gewandung der Figuren zeichnet sich durch einen manierirt geknitterten Faltenwurf nicht eben vorteilhaft aus, dasselbe gilt von den Figuren des Mittelschreins, einer Darstellung in Hoch- und Freirelief der Feier des heil. Abendmahls. In einer im Kreuz gewölbten dreischiffigen Renaissancehalle sitzt Christus winde voll unter einem Thronhimmel, die Gestalten der Apostel sind lebhaft bewegt. Zu beiden Seiten dieses Schreins stehen die Statuetten des heil. Petrus und des heil. Paulus und darüber ist eben¬falls in Frei- und Hochrelief eine Kreuzigung Christi von unruhiger Composition angebracht, zu deren Seiten sich Genien befinden, deren einer auf ein offenes Buch deutet, dessen Blätter das Wort „Religio*' enthalten; wohl eine Personifi- cirung der christlichen Doctrin. Der zweite Genius mit einem befestigten Thurme auf seiner Rechten, repräsentirt wohl die christliche Stärke. Das Ganze wird bekrönt durch eine fast lebensgrosse Figur des siegenden Christus. Sämtliche Sculpturen und Reliefs sind aus Alabaster in sehr tüchtiger Technik gearbeitet. Auf der Rückseite des Altars sind im Laufe der Zeit viele Jahreszahlen ein¬gekratzt worden, deren älteste 1649 ist, seit dieser Zeit hat also der Altar keine Veränderung erlitten.

Am nördlichen Pfeiler des Triumphbogens ist die im Geschmacke der Re¬naissance des ausgehenden 16. Jahrhunderts errichtete Kanzel angebracht, deren Architektur umstehende Figur veranschaulicht. Die Brüstung derselben ist in sieben Felder eingetheilt, welche in Nischen folgende Darstellung enthalten: 1. die Figur des Propheten Jeremias, 2. die personificirte Darstellung der Unter¬weisung im Christenthume: ein Jüngling kniet vor einem Kreuze, hinter ihm erhebt eine männliche Figur, die in der linken Hand ein Buch trägt, die Rechte lehrend, 3. eine sitzende männliche Figur umgeben von den vier Zeichen der Evangelisten repräsentirt wohl im Allgemeinen diese letzteren, 4. Das Sinnbild der Epistel, angedeutet durch eine auf einer Halbkugel stehende bärtige Figur, welche einem Boten einen Brief übergiebt, 5. Moses auf einer Ku^el sitzend, deutet auf eine an einem Kreuze aufgerichtete Schlange, 6. der heil. Andreas und 7. der heil. Jacobus der Ältere. Die Kanzel wird getragen durch einen auf einem Postamente stehenden und mit Frucht- und Blumenfestons verzierten Pilaster. Der sonst gebräuchliche Schalldeckel fehlt hier. Der Stil der Ornamentik gehört der letzten Periode der deutschen Renaissance an, in welcher dieselbe durch Aufnähme bedenklicher Formen in das Barocke übergeht, wobei die Neigung zu geo¬metrischen an die Gothik erinnernde Contouren wieder zum Durchbruche kommt und hier die Gestalt von mit Edelsteinen besetzten Metallbeschlägen annimmt an denen selbst die Nachahmung der Nieten nicht versäumt worden ist, wie uns die umstehende Abbildung der Umrahmung eines Feldes erkennen lässt (Fig. 59.) Man hat diesen Stil den „plateresken“ genannt, eine Benennung, die wahrscheinlich von dem spanischen Worte platero (der Silberschmied) abgeleitet worden ist. Das Un¬gehörige dieser Formen trat übrigens ursprünglich nicht so grell hervor als gegen¬wärtig, da die angeblichen Beschläge vergoldet und die nachgeahmten Edelsteine bemalt waren, später ist das Ganze einförmig mit weisser Ölfarbe dick über¬schmiert worden. Der platereske Stil, welcher trotz seines fremden Namens doch vorzugsweise deutsch ist, tritt übrigens hier frühzeitig auf, sein eigentliches Wesen trieb er etwa ein Jahrzehnt später.

Ebenso ist auch das ganz aus Holz gefertigte Taufgestell etwas überladen im plateresken Stile verziert, es wurde 1588 auf Kosten des Bürgermeisters Andreas Michael angefertigt. Auch der Deckel ist reich in platereskem Stile verziert. Gegenwärtig steht dieses Taufgestell in der Mitte des Chors, während es ursprünglich innerhalb eines eisernen Gitters unter der Orgel bühne in Westen seinen Platz hatte, nach dem altchristlichen Brauche, der dem noch Un- getauften den Eintritt in die geweihten Hallen der Kirche versagte.

[...]

Vor Errichtung des jetzigen Kirchengebäudes nahm bereits eine andere Pfarrkirche dieselbe Stelle ein: eine Parochialkirche „beati Nicolai in foro“ wurde 1220 vom Kaiser Friedrich II. dem neubegründeten Domstifte St. Crucis übergeben und schon 1242 erscheint ein gewisser Arnoldus als Pleban derselben. Das Jahr der Erbauung des noch bestehenden Hauptgebäudes ist nicht bekannt, obgleich Kindervater und nach ihm Lesser das Jahr 1360 dafür angeben; es beruht dies indes auf einem Missverständniss, indem Kindervater irrthlimlich die auf einem an der Nordseite des Rathhauses angebrachten Steine zu lesende Inschrift auf die Erbauung der Nicolaikirche bezieht, während sie doch offenbar der Erbauung des alten Rathhauses gilt, wie bei Beschreibung desselben erläutert werden soll. Wie schon bemerkt rührt der untere Theil der Westmauer von der ersten Anlage her, mit dem Übrigen sind Veränderungen vorgegangen, so dass aus deren Bautheilen kein Schluss für die Zeitbestimmung des Ursprünglichen zulässig ist. Einigen Anhalt dafür gewährt das in Mss. Reinh. Vol. V. pag. 659. enthaltene Testament der Wittwe Hermann von Werthers’ Katharina vom 15. September 1395 in welchem dieselbe unter Anderem auch 10 Mark löthigen Silbers: „czu deme gebewde zu S. Claussen“ vermacht neben einem braunen Mantel mit Spangen. In Betracht dass im Mittelhochdeutschen „gebewde“ so viel als Bau bedeutet, ersehen wir hieraus, dass der Kirchenbau damals im Gange war. Auch die 1363 der Kirche vom Nordhäuser Rathe ertheilte „littera petitoria“ könnte auf den¬selben bezogen werden. In den spätem Jahren des 15. Jahrhunderts sind dann die Thürme und Fenster verändert und die jetzige Sakristei, welche die Jahres¬zahl 1490 aufweist, als Capelle angebaut worden. Die beiden in Westen auf dem alten Unterbau stehenden Thürme waren durch einen hohen Zwischenbau ver¬bunden und trugen höchst wahrscheinlich von vier Nebenhelmen begleitete, hohe, spitze Helme als Bedachung. Nachdem sie samt dem Kirchdache beim grossen Brande am 21. August 1612 zerstört worden waren, wurden sie beim Wieder¬aufbau in den Jahren 1614 und 1615 mit Hauben gedeckt, welche Durchsichten trugen, wie aus alten Abbildungen hervorgeht. Am 23. August 1710 brannten auch diese ab, wiederum samt dem Dache der Kirche und ohne dem Gewölbe des¬selben erheblichen Schaden zu thun.

Der Wiederaufbau war noch nicht beendet als genau 100 Jahre nach dem ersten Brande, am 21. August 1712 Alles aufs neue in Asche sank. Man verzichtete nun darauf die Thürme wieder herzustellen und hing die Glocken in einen Glockenstuhl der in dem damals noch durch Mauern abgeschlossenen Raume zwischen Kirche und Rathhaus aufgestellt war. Im Juli 1823 wurde dann mit dem Bau des Glockenhauses auf dem Unterbau der alten Thürme begonnen, doch erst im März 1829 war derselbe so weit gediehen, dass man die Glocken aufbringen konnte, worauf durch Beseitigung der Mauern der freie Durchgang zwischen Kirche und Rathhaus hergestellt wurde.

Das Innere der Kirche hatte bei diesen drei Bränden erheblich nicht gelitten : Kanzel und Taufständer sind noch aus der Zeit vor dem Brande. Die An¬gabe Kindervaters, dass auch diese 1612 ein Opfer der Flammen geworden seien, ist also nicht richtig. Der Altar wurde im Jahre 1646 von dem seiner Zeit be¬rühmten Bildhauer Johann Duck oder Dück (Le Duc?) der in Nordhausen ansässig war — seine Tochter war an den Diaconus zu St. Nicolai Benedict Lesche ver- heirathet (Kindervater, Nord h. illustr.) — für 619 fl. erbaut und ist am 21. Sonntag n. Trinitatis (am 21. October) desselben Jahres eingeweiht worden. Als man 1726 bei einer durchgreifenden Reparatur des ganzen Kirchengebäudes die an einem Pfeiler des Mittelschiffs stehende Kanzel an ihre jetzige Stelle brachte, fand man darunter ein Schriftstück, (abgedruckt bei Lesser pag. 33.) das in lateinischen Versen Nachricht gab, dass 1589 die Kanzel für 185 Thlr. von Fronhausen geschnitzt und von Henning mit Gold und Farben staffirt worden sei, auf Kosten des Bürgermeisters Joh. Günther Wiegand. In diesem Jahre 1726 wurde auch die Figur des einen Löwen zerreissenden Simson, welche die Kanzel trug, durch einen mit Festons verzierten Pfeiler ersetzt; jene Figur befindet sich jetzt im städt. Museum. Der mit Schnitzereien geschmückte Rathskirchenstuhl und die übrigen ebenso ausgestatteten Betstübchen im Chor und an. der westlichen Wand des Langhauses stammen ebenfalls aus jenem Jahre, der eine derselben trägt noch diese Jahreszahl.

Die jetzt als Sakristei dienende Capelle scheint von zwei nordhäuser Bürgern erbaut worden zu sein: von Heinrich Wilde aus Lüneburg, der einen Altar dem heil. Nicolaus zu Ehren stiftete und dotirte, welchen 17 Cardinäle am 23. Juni 1491 mit einem Ablassbriefe begnadigten und vom Bürgermeister Jonas, dem Yater des bekannten Dr. Justus Jonas. Der erste Schlussstein im Osten der Capelle trägt wie bereits bemerkt, das Bild des heil. Nicolaus Bischofs von Myra, die Capelle war demnach dem Titelheiligen der Kirche geweiht und sehr wahr¬scheinlich der Altar darin derselbe, den Heinrich Wilde stiftete, dessen Namen und Hauszeichen am zweiten Schlusssteine der Capelle, aber auch auf jenem Ab¬lassbriefe der 17 Cardinäle (jetzt im Museum) erscheint und zwar steht auf letzterm das Hauszeichen in gelber Farbe auf einem rothen deutschen Schilde mit der Umschrift in Minuskel: „heinrich wil elsse svn frowe,“ alles umgeben von einem grünen Kranze. (Siehe Beschreibung des Museums.) Der Schild mit der Figur des Jonas im Walfisch, des dritten Schlusssteines der Capelle findet sich wieder auf einem im südlichen Seitenschiffe der Kirche liegenden Grabsteine zu Füssen einer männlichen Figur, die neben einer weiblichen unter einer gothischen Wim¬berge steht, leider ist der Stein so sehr abgetreten, dass nur noch die Wörter in Minuskelschrift zu lesen sind . . . consul . . modico . . jonas . .

Die Reformation ist im Jahre 1522 vom Pfarrer Heinrich Siemrodt in der S. Nicolaigemeinde eingeführt worden.


Zitat
                    — Julius Schmidt: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler der Stadt Nordhausen. Halle: Hendel, 1887. S. 125-137

Pfarrer[Bearbeiten]

siehe Hauptartikel: Liste der Pfarrer an der Kirche St. Nikolai (Nordhausen)

Literatur[Bearbeiten]

Weiterführende Verweise[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Die ehemalige Marktkirche "St. Nikolai": Nordhausen, Landkreis Nordhausen. Abgerufen am 10. Oktober 2013.
  2. Peter Kuhlbrodt: Nordhausen – eine Reichsstadt im Jahrhundert der Reformation. Nordhausen. Atelier Veit, 2015. S. 47.
  3. Peter Kuhlbrodt: Nordhausen – eine Reichsstadt im Jahrhundert der Reformation. Nordhausen. Atelier Veit, 2015. S. 80.
  4. Barbara Rinke: Heimkehr des Nikolai-Kreuzes In: Evangelisch in Nordhausen – Gemeindebrief der Ev. Kirchengemeinden St. Blasii-Altendorf, St. Jacobi-Frauenberg, Steinbrücken und der Nordhäuser Gehörlosengemeinde, Nordhausen, 2015, S. 4f.
  5. Polizei Nordhausen: Zwei Kruzifixe aus Nordhäuser Blasii-Kirche gestohlen, Artikel in der Thüringer Allgemeinen vom 18.04.2016, 15:49 Uhr
  6. Urkunde im Stadtarchiv Nordhausen auf Archivportal Thüringen