Die KD Nordhausen

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Die KD Nordhausen
Die KD Nordhausen (Cover)
Untertitel Arbeitsstruktur und Wirkung der Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit im Grenzkreis Nordhausen
Reihe BF informiert
Band-Nr. 37
Autor Hanna Labrenz-Weiß
Verlag Berlin : Bundesbeauftragter f. d. Unterlagen d. Staatssicherheitsdienstes d. ehem. DDR
Erscheinungsjahr 2017
Umfang 341 Seiten : Illustrationen
Stand: 2. Januar 2018
Digitalisat:

Einführung[Bearbeiten]

Die vorliegende Untersuchung versteht sich als ein Beitrag zur historisch-kritischen Aufarbeitung der Strukturen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR am Beispiel einer Kreisdienststelle (KD) des MfS. Die Erforschung der Strukturen und der Wirkungsweise des MfS auf der Ebene der Bezirksverwaltungen und der Kreisdienststellen stellt bislang ein Desiderat dar. Konkreter Analysegegenstand ist die historische und systematische Darstellung der Arbeit der Kreisdienststelle Nordhausen im Sinne einer Feldstudie. Sie basiert auf der genauen Dokumentation und Auswertung sowohl der verfügbaren Quellen des MfS selbst als auch der einschlägigen wissenschaftlichen Grundlagenforschung (auch im Forschungsbereich des BStU) zur Bestimmung der Befehlsstrukturen und Funktionsweisen der Staatssicherheit. In der Gesamtheit der qualitativen und quantitativen Parameter wird die Stellung des MfS als integraler Bestandteil des Staatsapparates der DDR unter dem Diktat der führenden Rolle der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und seine gleichzeitige Sonderstellung als ein herausragendes Herrschaftsinstrument zur Sicherung des Gewaltmonopols der Partei und des Staates nach innen wie außen evident.

In einem nach Dekaden aufgeschlüsselten Überblick zur Entwicklungsgeschichte der KD Nordhausen seit Gründung des MfS dokumentiert die vorliegende Studie mit genauem Zahlenmaterial sowohl die Mitarbeiterprofile am Beispiel ihrer offiziellen Dienst- und Befehlsstellungen innerhalb der Kreisdienststelle als auch die von ihnen geführten inoffiziellen Mitarbeiter (IM). Die KD Nordhausen definierte sich in ihrem Funktionsverständnis als ein alle gesellschaftlichen und persönlichen Bereiche überwachendes Herrschaftsinstrument des Staates. Sie unterstand in direkter Befehlsunterordnung der Bezirksverwaltung (BV) Erfurt. Deren Unterordnung wiederum unter die anleitende und damit übergeordnete Bezirksleitung der Partei entsprach der eigenen Unterstellung und Anleitung durch die Kreisleitung der SED Nordhausen nach dem Herrschaftsprinzip des »demokratischen Zentralismus« und bedeutete die Durchsetzung der absoluten Parteihierarchie in ihren ausschließlich von oben nach unten verlaufenden Wirkungsmechanismen – ausgehend vom Politbüro und letztlich noch darüber hinaus vom einzigen absoluten Herrschersubjekt auf Zeit, dem jeweiligen Generalsekretär.

Die Vernetzung zwischen den verschiedenen Staats- und Verwaltungsorganen des Kreises, den Leitungsorganen der Partei sowie der besonderen Herrschafts- und Verwaltungsstruktur der Kreisdienststelle innerhalb Nordhausens ist über Jahrzehnte gewachsen und ein Abbild einer »DDR-Wirklichkeit« im Kleinen. Es herrscht ein enges Informationssystem, relativ stabil in seiner Informationsdichte, immer aber gleichzeitig in der Zwangslage, den Vorgaben einer von oben verordneten Erfolgsgeschichte im Ganzen zu entsprechen. Unter solchen strukturellen Voraussetzungen können »Störungen« wie etwa Planrückstände, individuelle und Gruppenkriminalität, schließlich alle als Feindbewegungen registrierten Vorgänge ausschließlich als außerhalb der eigenen Ordnung verursachte Feindeinwirkungen bewertet werden: Das Prinzip »Ohne PID kein PUT« ist Gesetz! In diesem Zusammenhang erscheint die historische Analyse des Informationssystems der Stasi durch den Einsatz der IM innerhalb des Kreises Nordhausen von besonderer Bedeutung. Registrierbar sind eine durchgehende Schwäche in der Sicherung und Durchsetzung von Konspirationsbedingungen sowie eine überdeutliche Differenz zwischen tatsächlich arbeitenden Informanten und lediglich als IM geführten Mitarbeitern. Augenfällig wird dabei ein hoher Grad organisatorischer und inhaltlicher Nachlässigkeit bzw. ein kontinuierlich ansteigender Ordnungs- und schließlich unverkennbar Wirkung zeigender Machtverlust des Stasi-Systems insgesamt in den letzten Jahren der DDR. Die Ursachen dafür sind sehr komplex. Einen herausragenden Anteil haben jedoch die allgegenwärtigen Disziplinierungs- und Bedrohungsszenarien gegenüber breiten Teilen der Bevölkerung, die angesichts der politischen und ökonomischen Schwäche und der offensichtlich werdenden Prinzipienlosigkeit der Führung (zwei Währungen, unübersehbare Privilegiengesellschaft, Reisebeschränkungen, Versorgungsmängel etc.) die einst dogmatisch funktionierende Macht dauerhaft und nachhaltig unterminierten. Abschließend erscheint es der Verfasserin lohnenswert, die mit der jetzt vorliegenden Datensammlung feststellbare Schwerpunktsetzung der KD bei der Durchsetzung ihres Einsatz- und Überwachungssystems vergleichend auch mit anderen regionalen Kreisdienststellen auszuwerten. Es sollte damit die empirische Basis wissenschaftlich gedeckter Aussagen über die tatsächliche Macht, aber auch Ohnmacht des Staatssicherheitsapparates der DDR entscheidend erweitert werden.