Die Besetzung der Stadt Nordhausen und die Uebernahme ihrer Reichsämter durch Preußen: Unterschied zwischen den Versionen

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Mehr als freundschaftliche Gesten waren das freilich nicht, denn der Niedersächsische Kreis konnte gar nicht oder nur sehr langsam arbeiten unter der Bedingung, daß Schweden Truppen marschieren laße, und von Regensburg waren nichts als papierne Proteste zu erwarten. So sah sich die überfallene Stadt tatsächlich auf sich allein gestellt und Preußen ausgeliefert. Die Bürgerschaft mußte wohl oder übel auf den Vorschlag des Königs eingehen, sich mit ihm wegen der Aemter zu vergleichen und seine Schuhhoheit anzunehmen.<ref>Brief Friedrichs I., Potsdam, 18. II. 03. Der König wirft Nordhausen vor, es hätte sich über die Aemter nicht mit ihm vergleichen wollen, hätte mit Hannover verhandelt, hätte gar hannoversche Truppen aufnehmen wollen. Deshalb sei die Stadt besetzt. Bei seinem Kgl. Worte versichere er, daß Nord-hausen die Freiheit behalten solle. Ueber die Differenzen wolle er verhandeln; Tettau und Röpenack seien autorisiert. Sie sollten Preußens Schuh annehmen; nach Abschluß der Verhandlungen würden die Truppen abziehen. — Nordh. Archiv SA. 5. — N. F. 1176. — Pr. St. a. a. O</ref>
Mehr als freundschaftliche Gesten waren das freilich nicht, denn der Niedersächsische Kreis konnte gar nicht oder nur sehr langsam arbeiten unter der Bedingung, daß Schweden Truppen marschieren laße, und von Regensburg waren nichts als papierne Proteste zu erwarten. So sah sich die überfallene Stadt tatsächlich auf sich allein gestellt und Preußen ausgeliefert. Die Bürgerschaft mußte wohl oder übel auf den Vorschlag des Königs eingehen, sich mit ihm wegen der Aemter zu vergleichen und seine Schuhhoheit anzunehmen.<ref>Brief Friedrichs I., Potsdam, 18. II. 03. Der König wirft Nordhausen vor, es hätte sich über die Aemter nicht mit ihm vergleichen wollen, hätte mit Hannover verhandelt, hätte gar hannoversche Truppen aufnehmen wollen. Deshalb sei die Stadt besetzt. Bei seinem Kgl. Worte versichere er, daß Nord-hausen die Freiheit behalten solle. Ueber die Differenzen wolle er verhandeln; Tettau und Röpenack seien autorisiert. Sie sollten Preußens Schuh annehmen; nach Abschluß der Verhandlungen würden die Truppen abziehen. — Nordh. Archiv SA. 5. — N. F. 1176. — Pr. St. a. a. O</ref>


Ein erster Schritt zur Kapitulation Nordhausens schien schon in dem Briefe vom 19. Februar an den König vorzuliegen, in welchem sich Nordhausen auf folgender Grundlage mit Preußen zu einigen bereit war: 1. Preußen solle über Nordhausen den Wahlschutz erhalten, keinen Erbschutz. 2. Preußen solle die Schuhgerechtigkeit so ausüben, wie sie Sachsen ausgeübt hat. 3. Vogtei und Schultheißenamt solle Nordhausen unter denselben Bedingungen von Preußen überlassen werden wie einst von Sachsen.
Ein erster Schritt zur Kapitulation Nordhausens schien schon in dem Briefe vom 19. Februar an den König vorzuliegen, in welchem sich Nordhausen auf folgender Grundlage mit Preußen zu einigen bereit war: 1. Preußen solle über Nordhausen den Wahlschutz erhalten, keinen Erbschutz. 2. Preußen solle die Schuhgerechtigkeit so ausüben, wie sie Sachsen ausgeübt hat. 3. Vogtei und Schultheißenamt solle Nordhausen unter denselben Bedingungen von Preußen überlassen werden wie einst von Sachsen. 4. Preußen solle die Truppen herausziehen. 5. Wenn einige wenige Truppen in der Stadt blieben, solle Preußen die Verpflegung übernehmen, Nordhausen nur Obdach geben. 6. Wirkliche Garnison solle nur bei Gefahr nach Nordhausen gelegt werden. 7. Der Magistrat behalte stets die Oberaufsicht in der Stadt, auch die Torschlüssel. 8. In Notzeiten müsse der preußische Kommandant sowohl dem Rate wie dem Könige von Preußen gehorchen. 9. Der Kaiser müsse zu allen Abmachungen seine Zustimmung geben. 10. Ueber Vogtei und Schulzenamt solle in Güte verhandelt werden.<ref>Nordh. Archiv Sa. 5.</ref>
 
Diese Bedingungen konnte Preußen nicht sämtlich eingehen; doch Preußen, dem allmählich aufging, welche Schwierigkeiten ihm doch aus seinem Nordhäuser Handel erwachsen mochten, konnte sie wenigstens als Grundlage für weitere Verhandlungen benutzen. Auf Tettaus und Röpenacks Geschick kam es an, daß der Staat möglichst vorteilhaft abschnitt. Jedenfalls hoffte Preußen ehrlich, durch diese Verhandlungen weiterzukommen.
 
Etwas hinterhältiger handelte Nordhausen. In denselben Tagen, wo es sich nach außen hinstellte, als ob es geneigt sei, sich den Verhältnissen zu fügen und mit Preußen abzuschließen, schickten Bürgermeister und Rat einen Bericht über die Besetzung der Stadt an den Kaiser ab, dessen ganze Abfassung so gehalten war, daß daraus der Wunsch der Stadt nach einem energischen Eingreifen des Kaisers deutlich hervorging. Zugleich intriguierten dieselben Bürger, die im Begriffe standen, in der Stadt sich mit den preußischen Unterhändlern an einen Tisch zu setzen, draußen vor der Stadt in Petersdors mit dem hannoverschen Hauptmann Offney gegen Preußen und dachten selbst daran, mit hannover-scher Hüse einen Putsch gegen das „schlechte preußische Regiment", das in der Stadt lag, zu wagen.
 
Allerdings hatten die Nordhäuser alle Ursache, bei den Verhandlungen auf der Hut zu sein. Es war ein Glück für Preußen, daß der recht gewandte Schultheiß Röpenack, unterstützt von Hofrat Schreiber, das Heft in der Hand behielt und nicht Scharfmacher durchdrungen. Schon der Oberst von Tettau hatte durch allzu große Schneidigkeit, die man nun einmal in dem gemütlichen Nordhausen nicht gewohnt war, mancherlei verschüttet. Er war zwar in den ersten Tagen der Besetzung befehlsgemäß vorsichtig verfahren. Dann aber, als es seit dem 23. Februar an das Verhandeln über den preußischen Schutz ging, machte er, um zum Abschluß zu kommen, Einschüchterungsversuche. Während den ersten Unbilden der Besetzung mehr die große Menge der Bevölkerung ausgeseht war, galten diese Drangsalierungen vor allem den einflußreichen Männern, die über den Abschluß des Schutzvertrags zu bestimmen hatten. Den Bürgermeister Eilhardt drohte er, wenn der Rat sich nicht bald gefügig zeige, würden noch zwei weitere Kompagnien aus dem Hohnsteinschen und ein Halber-städtisches Regiment in die Stadt gelegt. Als darauf der Rat am 26. Februar eine Gegenerklärung abgab, drohte er, den gesamten Rat gefangenzusetzen. Und um die Unterschrift des Rates endlich zu erlangen, tobte er am 1. März, er werde Nordhausen in einen Steinhaufen verwandeln, sie und ihre Nachkommen sollten ihr Geschick beweinen, er habe es mit Canaillen zu tun.
 
Während es die Nordhäuser bei diesen Aeußerungen nur mit den ihnen allerdings nicht gewohnten Grobheiten eines Militärs zu tun hatten, waren die Reformvorschläge, die der Landeshauptmann der Regierung in Ellrich von Ramee ins Unreine machte, um sich bei den Berliner Ministern zu empfehlen, gefährlicher sowohl in ihren Auswirkungen auf die Stimmung der Bevölkerung als auch für die abgewogenen Verhandlungen kluger, fähiger Männer wie Hofrat Schreiber und Schultheiß Röpenack. Schon am 12. Februar schlug Ramee dem Könige vor, den Streit mit Nordhausen dazu zu benutzen, um sämtliche Stiftsgüter des katholischen Doms in der Grafschaft zu sequestrieren. Es war das in diesem Augenblick der törichtste Vorschlag, den man überhaupt machen konnte. Das Domstift war nämlich in sich zerfallen: Der Dekan Iubet wünschte keinerlei Hoheit über das Nordhäuser Reichsstift anzuerkennen; ein gewisser Nikolaus Günther dagegen und Konrad Fältzer, Senior des Domstiftes, wollten das Stift und seine Liegenschaften unter preußischen Schutz geben, um vor Nachstellungen sicher zu sein. Günther war umdeswillen sogar in Wien, ließ seine Angelegenheiten von dem preußischen Residenten von Bartholdi fördern und suchte die Kaiserin als Patronin des Stifts zu gewinnen. Die Katholiken Nordhausens kamen also Preußen entgegen, verbesserten sogar in Wien die Stimmung des Kaisers gegen Preußen. Diese Hilfe mußte in dem Augenblicke dahin sein, wo Preußen die stiftischen Güter, die es schützen sollte, sich selbst aneignete. Mit Recht schrieb deshalb ein Berliner Minister an den Rand des Rameeschen Berichtes: „Dieses halte ich in jetziger Zeit gar nicht dienlich, auch nicht nötig; denn wenn man der Stadt versichert ist, wird es sich mit dem Stift schon machen."
 
Noch tollere Vorschläge machte Ramee am 18. Februar. Dem preußisch gesinnten Nordhäuser Bürgermeister Eilhardt sollte der Titel eines Kgl. Hofrats verliehen werden. Dafür sollte dieser als Bürgermeister die Zölle, die dem preußischen Schulzenamte zu-flossen, erhöhen. Eilhardt könnte 400 Taler Besoldung erhalten; sein Schwager, ein gewesener Amtmann namens Niebecker, könne das Schultheißenamt mit 200 Talern Gehalt bekommen und den bisherigen Schulzen Röpenack sollte man nach Halle hin „avancieren" lasten, „wiewohl sich mit diesem Manne weder ich noch hier jemand sonst gern meliert". Am schlimmsten aber war es, daß Ramse zu einigen Ratsmitgliedern schon geäußert hatte, das ganze Altendors, Grimmel, der Siechhos und alles, was jenseits des Wassers (der Zorge) liege, gehöre laut alten Lehnbriesen nicht zu Nordhausen, sondern zu Preußen.<ref>Der Streit um die sogenannte Helmeflur wird uns unten noch beschäftigen.</ref> Daß in dem Augenblicke, wo man zu einer vorläufigen Einigung mit der Stadt kommen wollte, Vorschläge, die aus Erhöhung der Zölle und Abtretung eines Drittels der ganzen Nordhäuser Stadtslur hinzielten, höchst unklug waren, ist klar. Nur mit Mühe konnte Röpenack die Bürger davon überzeugen, daß es sich augenblicklich nur um die Schutzhoheit Preußens handele und Preußen sonst nichts verlange. Und am 22. Februar mußte Röpenack sogar den Hosrat Schreiber um Hilse ersuchen, weil der allzu tüchtige Landeshauptmann von Ramee den preußischen Salzfaktor von Ellrich nach Nordhausen geschickt hatte, um mit dem Magistrat über das Salzmonopol zu verhandeln. Den Mann ließ Schreiber einfach aufhalten, damit er keinen Schaden stiftete. Denn von heute auf morgen ließ sich in jenen Zeiten eine Reichsstadt freilich nicht in das preußische autokratische System einspannen.<ref>Pr. St. a. a. O.</ref>
 
Nach Behebung mancher Hindernisse waren der Oberst von Tettau, der Hofrat Schreiber und der Schultheiß Röpenack am 23. Februar endlich so weit, daß der Magistrat wenigstens die Bedingungen, die er als Grundlage der Verhandlungen über den Schutz ansehen wollte, bekanntgab. Es waren im wesentlichen dieselben, die am 19. Februar von Nordhausen an den König gegangen waren. Die wichtigsten Punkte waren die Punkte 7 und 9. In Punkt 7 wünschte der Rat mit Preußen einen Schutz auf 12 Jahre abzuschließen, der als Privat- oder Wahlschuh anzusehen war, nicht als Erbschutz. In Punkt 10 machte der Rat über Vogtei und Schulzenamt Vorschläge.
 
Ueber die Nordhäuser Vorschläge glaubte die preußische Kommission nicht selbständig weiter verhandeln zu können; sie berichtete nach Berlin. Der König antwortete am 25. Februar, Tettau solle weiter mit Geldspenden die einflußreichen Bürger gefügig machen. Kein Wahlschutz, sondern der Erbschutz müsse durchgesetzt werden. Nur wenn daran die Verhandlungen überhaupt scheitern sollten, müßte man notgedrungen nachgeben und den Schutz abschließen auf die Lebenszeit des jetzt regierenden Herrschers. Die Sache müsse unbedingt zu Ende gebracht werden.
 
Unterdessen hatte auch Nordhausen am 26. Februar nochmals etwas abgeänderte, noch weniger entgegenkommende Bedingungen durch den Syndikus Harprecht aussetzen lassen. Der Einfluß Hannovers und des sür Hannover arbeitenden Hauptmanns Offney wird darin bemerkbar. Der Widerstand Nordhausens versteifte sich schon jetzt. Dagegen versuchten sich Tettau mit Grobheit-, Schreiber und Röpenack mit Hinterhältigkeit durchzusetzen, um dem Befehle, unbedingt abzuschließen, Genüge zu tun. In einem Schreiben vom 26. Februar an den König legten die Unterhändler dar, daß sie den Erbschutz für Preußen nicht herausschlagen könnten, „da die meisten inainbra ssna-tus im Herzen der Sache feind sind und heimlich alle Intriguen nach äußerstem Vermögen gebrauchen". Was die Ratsmitglieder mit der einen Hand bereits gegeben hätten, wollten sie mit der anderen wieder nehmen. Die Kommission suche so schnell wie möglich fertig zu werden, denn Hannover arbeite gegen Preußen, Nordhausen gebe womöglich den ganzen Fall in Druck und übergebe ihn dem Reichstage. Man vertraue in Nordhausen darauf, daß neben Hannover auch der König von Schweden als Angehöriger des Niedersächsischen Kreises eingreife.
 
Eile war also geboten, und so verhandelte man von beiden Seiten unter dem Druck der Verhältnisse, bis man sich am 1. März endgültig einigte: Preußen erhielt die Schutzhoheit über Nordhausen auf 10 Jahre, Nordhausen bezahlte 300 Gulden Schutzgeld jährlich. Preußen zog seine Truppen bis auf 2 Kompagnien zurück, wenn die kaiserliche Konfirmation des Vertrages erfolgt war. Die Stadtschlüssel sollten in der Hand des regierenden Bürgermeisters liegen; wenn aber Truppen in der Stadt waren, sollten sie an den Kommandeur gegeben werden, der aber dem Bürgermeister durch Handschlag versprechen mußte, daß er nichts gegen die Stadt unternehme. Die Differenzen wegen der Aemter sollte eine Kommission beseitigen. Zu diesem Punkte wurde der Wiederverkaufsvertrag um ein Jahr verlängert; bis Ostern 1704 genoß Nordhausen noch die Jura. Würde die Stadt wider Verhoffen von benachbarten Potentaten angegriffen, dann sollte Preußen sie schützen.<ref>Pr. St. a. a. O. — Nordh. Archiv Sa 5. — Heineck, 51 ff.</ref>
 
Am 3. März ratificierte der König in Cöln den Vertrag, am 6. März bekannte sich die Stadt nochmals zu ihm, und am 13. März wurde er in Nordhausen von beiden Parteien unterschrieben. Schon am 10. März hatte Preußen den Vergleich nach Wien, dem Haag, nach Regensburg und nach Warschau mitgeteilt.
 
Doch weder Preußen noch Nordhausen gedachten ernstlich, diesen Vertrag zu halten. Preußen wollte die Schuhhoheit ausbauen zu einem Besitz der Stadt; Nordhausen strebte die gänzliche Befreiung von Preußen an und betonte, der Vertrag sei erzwungen. Der eigentliche Ansatzpunkt für beide Parteien waren die „Jura", die Vogtei und das Schulzenamt, deren Befugnisse eine Kommission klären sollte und nie so klären konnte, wie es jeder der beiden Parteien recht war. Denn die Stadt wollte es so darstellen, als ob mit diesen Aemtern gar keine Machtbesugnisse verbunden seien, und Preußen wollte seine Gerechtsame so ausdehnen, daß die Freie Reichsstadt zu einer preußischen Landstadt würde. Ostern 1704, wenn Preußen die beiden Aemter von Nordhausen auslöste und an sich zog, mußte es zu neuem Streite kommen. Das erscheint auch daraus, daß der Magistrat schon am 8. März vor dem Notar Ioh. Hermann Eilhardt, dem Bruder des Bürgermeisters, gegen die gesamte Besetzung der Stadt und den erzwungenen Vertrag protestierte. Alles sei gegen das Kaiserliche Privilegium vom 5. Mai 1695 geschehen und deshalb hinfällig.<ref>Original im Nordh. Archiv. Vergl. auch N. F. 1154.</ref>
 
Bei allen Haupt- und Staatsaktionen ist es aber so, daß man, je mehr man innerlich bereit ist, den soeben erst vollzogenen und in feierlichster Form beschworenen Vertrag zu brechen, desto mehr das Bestreben hat, nach außen hin das herzlichste Einvernehmen zu heucheln. Es ist uns ein Druck vom 11. März 1703 erhalten, der folgende Ileberschrift hat: Demütigster Dankaltar, welchen dem dreieinigen Gotte zu Ehren, als Ihre Kgl. Majestät in Preußen, unser allergnädigster Schuhherr, die Kaiser!. Freie Reichsstadt in dero Schutz aufnahm, auf Befehl eines E. Rats von treuem Herzensgrund am Sonntage oeuli bei ordentlicher Kirchenandacht mit Gebet, Wunsch und Seufzen aufrichtete der Chorus Musicus in Nordhausen. — Im Jahre Christi den 11. März 1703. — Nordhausen, gedruckt bei Augustin Martin Hynitzsch.
 
In diesem Denkaltar steht folgender Vers:
<poem>
Gott segne den mächtigen König in Preußen,
Es treffe sein Herz Kein schädlich Schmerz,
Aus daß es sich möge gnädig erweisen.
</poem>
 
Bei dieser offiziellen Stellungnahme des Magistrats ist es kein Wunder, daß einige besonders Beflissene, wie es ja zu allen Zeiten geschieht, noch ein Weiteres taten. „Einige getreu Schutzverwandte führten demütigst ein Schutzopfer auf, in welchem König Friedrich „Friedrich der Große" genannt wurde und es weiter heißt:
 
<poem>
„Gesegnet Friedrichs Hof, gesegnet das Berlin!
Gott lasse früh und spät das Glück allda einziehn."
</poem>
 
Natürlich mußten unter denen, die sofort vor dem neuen Herrn Kotau machten, auch ein Schulmeister und ein Pastor sein: Joh. Christoph Sieckel, Collaborator am Gymnasium, der eine lateinische „Acclamatio votiva" verfaßte, und Albert Ephraim Hempel, Pfarrer zu St. Jakobi, der einen „priesterlichen Glück-und Segenswunsch" drucken ließ. Sein Machwerk ist 22 Druckseiten lang und schließt mit den Worten: „Sie leben, wachsen, sie grünen und blühen unter dem himmlischen Gnadentau, dem ganzen Lande zum Wachstum und uns zum Aufnehmen, mir und den meinigen zum vergnügten Trost und ersprießlichen Wohltat. Vivat Friedericus I. Rex Borussiae, Elector Brandenburgicus.<ref>Nordh. Archiv Sa 5. — Dresdener Hauptstaatsarchiv, 2982.</ref>
 
Am 14. März gab Tettau seinen Offizieren und dem Magistrat ein solennes Mahl.
 
Als dann gar am 20. März Bürgermeister und Rat bescheinigten, Tettau habe vom 7. Februar bis zum 20. März seine ganze Verpflegung bezahlt, auch habe er scharfe und gute Zucht gehalten, so daß sich die Bürger über nichts beschweren könnten, schien vor der Hand alles in Ordnung zu sein. Gegenüber Schweden und Hannover rechtfertigte sich Preußen, es habe Truppen in die Stadt gelegt, um seine Rechte zu wahren. Wie mit dem sächsischen Regimente, so könne der Niedersächsische Kreis auch mit dem preußischen zufrieden sein. Die letzten Truppen würden aus Nordhausen verschwinden, wenn Celte das Stift Hildesheim freigebe.<ref>Brief vom 27. März 1703.</ref>
 
Trotz dieser Beteuerungen gingen die Verdächtigungen gegen Preußen weiter. In den Dörfern um Nordhausen herum, in Petersdorf, in Niedersachswerfen, in Neustadt saßen die hanno-verschen Agenten und schärten den Haß. Und diese Glut unter dünner Decke mußte weiter schwelen, weil der Kaiser nicht bereit war, das Feuer auszutreten. Er hätte Kurhannover gern mit dem Erbschutz belehnt. Als aber der preußische Resident von Bartholdi dagegen Einspruch erhob, unterließ er es mit Rücksicht auf die große Politik. Andererseits dachte er aber gar nicht daran, den preußischen Schuh über die Reichsstadt zu sanktionieren, ein Verhalten, das Nordhausen darin bestärkte, sich an keine Abmachung und an keinen Vertrag zu halten; denn die Stadt hatte bei Abschluß des Schutzvertrages ausdrücklich auf die kaiserliche Bestätigung bestanden, und Friedrich I. hatte diese Forderung anerkannt.<ref>Die Nordhäuser Aktenstücke betonen immer wieder, der Vertrag gelte nur bei Kaiserlicher Konfirmation. Tatsächlich suchte auch Nordhausen durch den Agenten Koch beim Kaiser den Schutz nach, und Bartholdi unterstützte ihn dabei. Der Kaiser bestätigte den Schutz nicht, weil der Reichshofrat schon „vor Jahr und Tag" den Schutz Hannover zugesprochen habe. Brief Kochs an Nordhausen 14. IV. 03.</ref>
 
Wir hatten gesehen, daß nicht alle Teile der Bevölkerung ablehnend gegenüber Preußen waren. Die Klagen über die Ausnutzung der Bewohnerschaft durch die brauberechtigten Bürger wollten nicht verstummen, und nicht verstummen wollten die Klagen über parteiische Justiz, wessentwegen auch der wiedergenesene Bürgermeister Weber angefeindet wurde. Der Syndikus Harprecht aber hatte sich ganz auf die Seite Preußens geschlagen und gab ihm bereitwillig Auskunft über die Handhabung der Nordhäuser Gerichtsbarkeit. Um gegen den Rat eine Waffe in die Hand zu bekommen, wurde Harprecht, der einmal wieder in dem jetzt preußischen Quedlinburg weilte, sogar am 19. Mai 1703 von dem preußischen Vicekanzler Meyer und Hofrat Pott über die Mißstände im Rechtswesen vernommen.
 
Es ist unbestreitbar, daß es Preußen gelang, diese Wunde offen zu halten und durch sein Versprechen, den kranken Körper gesund zu machen, viele Nordhäuser beeindruckte. Doch für den Augenblick ist immer die wirtschaftliche Lage für die Stimmung der großen Masse ausschlaggebend. Und in dieser Beziehung, so mußte jeder einsehen, tat die preußische Besetzung der Stadt großen Schaden. Freilich blieben nach dem Vergleich über den Schuh nur noch wenig mehr als zwei Kompagnien in der Stadt; aber schon die Quartierlast und die unausbleiblichen Reibereien zwischen Bürgern und Soldaten wirkten hemmend. Immerwährende Aufregung ward verursacht durch das Abrücken bisheriger Besahungstruppen und durch das Einrücken neuer. Auch mehrfacher Kommandantenwechsel sorgte nicht gerade für eine einheitliche Behandlung aller städtischen Fragen, vor allem der kommerziellen. Am 21. März war von Tettau abberufen worden; an seine Stelle trat Oberstleutnant von Sydo bis zum 30. Oktober, wo er nach Berlin berufen wurde. Dort weilte er bis zum 28. August 1704; dann kehrte er nach Nordhausen zurück. Zwischendurch führten der Oberstleutnant von Benckendorf und — seit April 1704 — Major von Stockheim die Besahungstruppen. Abgesehen von diesen Truppen in Nordhausen standen noch drei preußische Kompagnien in Ellrich und Benneckenstein.
 
Nordhausen hatte alsbald nach Abschluß des Schuhvertrages gehofft, wenn nicht alle, so doch den größten Teil der Soldaten loszuwerden. Davon war keine Rede. Während des ganzen Mai wurde Preußen noch von hannöverschen und dänischen Truppenzügen, die über das Eichsfeld gingen, beunruhigt. Besonders daß Truppen in Bernterode an der preußischen Grenze lagen, schien verdächtig. Der König fragte aus Oranienburg an; Sydo ließ Dragoner die Gegend abstreifen, bis die Nachricht kam, es handele sich um dänische, d. h. natürlich holsteinsche Truppen, die den Heeren des Kaisers zuzogen.
 
Geschah vom Eichsfelde her immer nur blinder Alarm, so war wirklich gefährlich die Tätigkeit des Hauptmanns Offney in Neustadt, der dauernd mit Nordhäuser Bürgern in Verbindung blieb. Und wenn er diesen den Mut zu stärken suchte durch den Hinweis, daß schon kaiserliche Truppen für den Entsatz Nordhausens in Erfurt ständen, so war das gerade nicht das richtige Mittel, die Preußen zum Abzüge zu bewegen.
 
Aber der Truppen wurden nicht nur nicht weniger, sondern sie waren in der Stadt auch überall im Wege. Natürlich besaß der Kommandant noch immer die Stadtschlüssel, und vor allem blieben zwei wichtige Pforten geschlossen und wurden zunächst trotz mehrfacher Petitionen nicht geöffnet: Die Kuttelpforte und die Wasserpforte. Die wertvollsten Fluren der Nordhäuser lagen im Westen und im Südwesten der Stadt, der Fußgängerverkehr in dieser Richtung bewegte sich beinahe ausschließlich durch die Kuttelpforte, denn das ganze Gelände der Unterstadt bis zum heutigen Bahnhof, durch das heute der Hauptverkehr geht, war ja beinahe ausschließlich Oed- und Sumpfland. Gerade diese Pforte war geschlossen; aller Verkehr mußte durch das scharf bewachte Neuewegstor. Erst nach langen Verhandlungen und mehrfachen Eingaben an den König wurden am 7. Juli beide Pforten geöffnet.
 
Wenn im Juli 1703 auch der regelmäßige Verkehr wieder-hergestellt schien, so hinderte die Besetzung der Stadt doch den Handel. Ganz besonders bemerkbar machte sich das, als es auf den Sommer zuging. Die Ueberwachung der Tore, die Belegung von Wachtstuben und Plätzen mit Soldaten, die Abneigung des friedlichen Bauern und Handelsmanns, auf den Straßen und in den Gaststätten überall mit Militär in Berührung zu kommen, alles das ließ die Umwohner die Stadt, welche der natürliche Mittelpunkt der Landschaft war, meiden. Wieder und wieder klagte der Rat, der Handel gehe zurück, besonders der „Fruchthandel", d. h. der Getreidehandel, liege darnieder und ziehe sich nach den Nachbarorten, wenn die Soldaten die Stadt nicht verließen. Anderer Ansicht war von Sydo, der nach Berlin berichtete, von einer Beeinträchtigung des Handels könne keine Rede sein. Am 4. August lehnte der König in Liebenwalde das Gesuch der Nordhäuser um gänzliche Zurückziehung der Truppen ab.
 
Dringlich wurde Nordhausen, als am 9. August die letzten Celleschen Truppen die Stadt Hildesheim verlassen hatten.<ref>Gebauer, die Hildesheimer Unruhen vom Winter 1702/03. Zeitschr. des Harzvereins f. Gesch. u. A. 50. Iahrg., 65 ff.</ref> Preußen hatte mehrfach betont, es werde seine Truppen aus Nordhausen zurückziehen, wenn Celle Hildesheim freigebe. Am 31. August bat Nordhausen nochmals um die Befreiung von der Last der Einquartierung. Preußen kam dem Verlangen nicht nach. Es hatte seine guten Gründe dasür. Zwar hatte der König am 14. August in Wien und im Haag wissen lassen, er zöge auch die noch in Nordhausen vorhandenen zwei Kompagnien heraus und belasse nur 25 Mann in der Stadt, wenn Hannover versichere, daß es nie in die Stadt einrücke. Aber Hannover gab diese Erklärung nicht ab; und die Preußen blieben in Nordhausen.
 
Diese Fortdauer der Besetzung brächte auch die bisher wohlgesinnten Kreise der Bewohner gegen Preußen auf. Viele wünschten eine Abstellung der alten Lotterwirtschaft, aber keiner wünschte den Anblick einer preußischen Uniform. Preußen war an der guten Meinung der Bevölkerung viel gelegen; aber seine Truppen mußte es in Nordhausen lassen. Denn so willfährig die Stadt Mitte März schien, so hartnäckig war sie schon im Juli.
 
Von auswärts drohte Preußen freilich keine Gefahr. Der Kaiser wagte keinen Einspruch. Die Nachricht, daß Schweden an der Seite Hannovers mobil mache, war erfunden. Preußens Gesandter Grüner in Stockholm wußte schon Anfang Mai zu berichten, Schweden verhalte sich bei der Besetzung Hildesheims und Nordhausens völlig neutral. Die Nachricht von einer Stellungnahme habe ihren Ursprung mehr in dem Wunsche Hannovers als in der tatsächlichen Haltung Schwedens. Vielleicht habe sich die schwedische Regentschaft in Bremen den Hannoveranern willfährig zeigen wollen; im Sinne des schwedischen Königs liege das nicht.
 
Etwas mehr Schwierigkeiten machte schon Sachsen; doch war dessen Unwille mit dem preußischen Einrücken in Nordhausen nur spürbar in Anfragen bei Nordhausen und in einer Beschwerde beim Kaiser. Sachsen war ja in einer eigenartigen Lage hinsichtlich des Schutzes. Es hatte zwar seine Aemter an Preußen verkauft, nicht aber seine Schuhhoheit. Als deshalb im April 1698 Nordhausen bat, den Schutz um 20 Jahre zu den alten Bedingungen zu verlängern, sah der Resident in Dresden von Fürstenberg keinen Anlaß, das Gesuch abzuschlagen. Sachsen nahm also Nordhausen in Schutz, aber rein theoretisch. Der Schutzbrief wurde nie ausgehändigt, obwohl Nordhausen mehrfach daran erinnerte. Natürlich waren von Nordhausen auch keine Schutzgelder bezahlt worden. Trotz dieser offensichtlich mangelhaften sächsischen Verwaltung war die Angelegenheit nicht gänzlich in Vergessenheit geraten; man erinnerte sich ihrer jedenfalls wieder, als Nordhausen gezwungen war, Preußens Schutzhoheit anzuerkennen. Fürstenberg fragte am 28. März 1703 bei seinem Könige an, wie man sich nun verhalten solle. Der Stadt machte Sachsen sogar Vorhaltungen, doch war diese im Recht, als sie am 24. April 1703 schrieb, an ihr habe es ja nicht gelegen, daß der Schutzbrief im Jahre 1698 nicht ausgestellt sei.<ref>Nordh. Archiv, 1516.</ref> Und als Sachsen auch in Wien protestierte und den Kaiser bat, den preußischen Schutz nicht zu genehmigen, wurden der armen Stadt selbst von Wien Vorwürfe gemacht, daß sie sich Preußen unterworfen habe. Mit gutem Rechte konnte Nordhausen Anfang Juni aber nochmals behaupten, daß es nicht an ihm gelegen habe, wenn nunmehr Sachsen Übergängen sei. Sie hätten Preußen gegenüber nichts Schriftliches aufzuweisen gehabt und hätten deshalb Preußens Schutz annehmen müssen.
 
Der gefährlichste Gegner Preußens blieb weiterhin Hannover. Der Hauptmann Offney organisierte mit Eifer draußen vor der Stadt den Widerstand, steifte den Bürgern den Nacken, sprengte Gerüchte wider Preußen aus. Alles das geschah, wenn nicht auf Veranlassung, so doch mit Wissen der Zentralstelle. Als Anfang Oktober der Landdrost von Busch in Herrenhausen bei Georg Ludwig weilte, äußerte dieser zwar zu ihm, er wolle alles aus dem Wege räumen, was Preußen „anstößig sein könne und die fructus perpetui foederis hindere". Aber dann folgten die Beschwerden gegen Preußen: Preußen habe in Wien, im Haag und in Regensburg erklärt, es werde Nordhausen räumen, wenn Hildesheim geräumt sei. Das sei nicht geschehen. Ferner müsse die Stadt bei ihrer Reichsunmittelbarkeit gelassen werden, und wenn Preußen die Jura darin ausübe, so solle es das nur tun, „soweit sie hergebracht". Der Kurfürst regte deshalb eine Konferenz an. An einem solchen Verhandeln aber konnte Preußen nichts gelegen sein. Es bemerkte trotz des versöhnlichen Tones, daß Hannover sein Gegner bleiben mußte, und aus den nicht unberechtigten Einwürfen Hannovers erkannte es auch die Schwächen seiner Position. Es war recht unangenehm, daß ihm der Kaiser das, was es endlich durchgesetzt hatte, die Schutzhoheit, nicht bestätigte.
 
Noch unsicherer aber stand es um die Vogtei und das Schultheißenamt. Da konnte ihm erstens überhaupt der rechtmäßige Besitz bestritten werden: Bei den späteren Erörterungen tauchte immer wieder die Frage auf, ob der Inhaber eines Reichslehn — in diesem Falle Sachsen — ohne Vorwissen des Oberlehnsherrn, des Kaisers, dieses ohne weiteres einem anderen — in diesem Falle Preußen — übertragen könne. Ferner machte es aber auch größte Schwierigkeiten, eine derartige Ausübung der Aemter durchzu-sehen, wie sie Preußen allein Vorteil brächte. So mußte Preußen, obwohl eine direkte Gefahr nirgends drohte, doch auf der Hut sein. Es begann seine ganze Lage von neuem juristisch überprüfen zu lassen.
 
Schon die Haltung Nordhausens im Laufe des Jahres 1703 bewies Preußen, daß der Stadt von irgendwoher zum Ausharren und zum Widerstand Mut gemacht sein mußte. Daß man in Wien und in Regensburg der Stadt wohlwollte, war allgemein bekannt, daß sie bei Hannover mit noch mehr als bloßem Wohlwollen rechnen konnte, wußte die Stadt; doch die Niedergeschlagenheit nach Abschluß des Schutzvertrages war groß, weil kein starker Wille vorhanden war, der zum Ausharren ermutigte und der zur Organisation der Abwehr befähigt war. Der Bürgermeister Frommann war ein alter verbrauchter Mann, der Syndikus Harprecht stand dort, wo für seine Selbstsucht am meisten heraussprang, Kegel, Titius und Bohne waren tüchtige Männer, aber ohne jede Leidenschaft, die nun einmal vorhanden sein muß, wenn Außergewöhnliches gelingen soll. Weiter aber schien das Städtchen keine Köpfe von Bedeutung zu herbergen. Da erwuchs ihm einer in dem Notar und Ratsherrn Johann Günther Hoffmann, einem Mann, der gewiß kaum überdurchschnittlich begabt war, dem aber verbissene Zähigkeit und unermüdliche Tatkraft eigen waren. Dieser Mann an der Spitze aller bisher bevorrechteten Bürger flößte den Nordhäusern von neuem Mut ein, wies sie auf ihre zahlreichen Bundesgenossen hin, mahnte wieder und wieder zum Durchhalten.
 
Im April und Mai 1703 fand sich Nordhausen noch vollkommen mit seiner Unterwerfung ab. Preußen erhielt die hinterhältige Erklärung des Rates, er habe durchaus freiwillig die Schutzhoheit Preußens angenommen; der Agent Koch wurde angewiesen, beim Kaiser die Konfirmation des Schutzes nachzu-suchen. Daß diese Bestätigung nicht erfolgte, lag nicht am bösen Willen Nordhausens, sondern an der kaiserlichen Politik, die, wie Koch schrieb, die Regelung hinausschieben wollte bis nach Beendigung des Spanischen Erbfolgekrieges. Zugleich machte der Agent der Stadt Hoffnung, daß diese spätere Regelung niemals im Sinne Preußen ausfallen werde. Man wußte also in Nordhausen, daß der Kaiser die Stadt nicht ohne weiteres Preußen überlassen werde. Dann hörte man von dem sächsischen Einspruch in Wien, man hörte Offneys Versprechungen. Da setzte der Ratsherr Ioh. Günther Hoffmann durch, daß der Rat ihn, zur Informierung über den Stand der Dinge draußen, nach Hannover sandte. Und hier in Hannover wurde dem Abgesandten Mut gemacht. Hannover werde sich Nordhausens nicht schlechter annehmen als der eigenen Länder, hieß es, und Hannovers Resident Erasmus von Huldeberg in Wien wurde angewiesen, am Kaiserlichen Hofe für die Stadt zu werben. Zugleich gab man Nordhausen den Rat, einen Mann nach Wien zu schicken, der dem hannöverschen Residenten als Sachberater zur Seite stehen könne. Dann werde Nordhausens Sache daselbst mit Eifer betrieben.
 
Diese gute Botschaft, die Hoffmann heimbrachte, zusammen mit der Arbeit Offneys in der Nähe Nordhausens, bewirkten den Umschwung in der Stimmung der Bevölkerung. Der Schultheiß Röpenack vermerkte ihn natürlich bald, war aber auch durch den Syndikus Harprecht — dieser Vertrauensmann der Stadt war der Vertrauensmann Preußens — auf dem Laufenden über die Gründe des Umschwungs. Schon am 20. Juli 1703 mußte er nach Berlin berichten, die Stimmung des Rates sei so sieghaft, daß „die Wohlgesinnten fast zaghaft würden"; der Rat habe sich vernehmen lassen, „diejenigen, so gut brandenburgisch wären, würde man schon finden". Allenthalben werde gesprochen: Nimmermehr sollte Kgl. Majestät den Schutz behalten. Was geschehen sei, sei durch Gewalt erzwungen, man wolle es nur lassen Frieden werden. Wer zum Obersten von Sydo oder zu Röpenack halte, werde öffentlich verfolgt. Harprecht müsse nachts heimlich zu ihm kommen.<ref>Pr. St. a. a. O.</ref>
 
Gewissermaßen in Siegesstimmung bat die Stadt Nordhausen am Ende dieses ersten Jahres, wo sie von preußischen Truppen besetzt war, nochmals den Kaiser um ein „Mandat, daß Preußen alles im alten Zustande wiederherstelle und die Stadt nicht weiter belästige".<ref>Bitte an den Kaiser vom 3. Dez. 1703.</ref>
 
Preußen konnte dabei eigentlich nichts weiter tun, als warten, bis es im Jahre 1704 die Vogtei und das Schultheißenamt tatsächlich übernehmen konnte. Diese zögernde Haltung konnte es sich schließlich auch leisten, da es die Stadt durch seine Truppen sicher in der Hand hatte und damit vor jeder anderen Macht einen Vorsprung besaß. Dennoch ging es an den Versuch, seine Stellung auch rechtlich zu festigen. Es wollte innerhalb des Reichsverbandes nicht als Störenfried gelten, sondern als loyaler Reichsstand, der nichts weiter genommen hatte und nun verteidigte, als was er mit schweren Opfern rechtmäßig erworben hatte.
 
Schon der Große Kurfürst hatte ja bei seinem Bestreben, Nordhausen in seine Hand zu bekommen, eine Rechtsgrundlage zu finden gesucht. Am 14. Mai 1688, also kurz nach dem Tode des Großen Kurfürsten, hatte sich die in jener Zeit hochberühmte Iuristenfakultät Frankfurt a. O. mit dem Nordhäuser Fall beschäftigt und hatte sich dahin geäußert, daß die Vogtei über Nordhausen Brandenburg zustehe als Rechtsnachfolger des Halberstädter Stifts.<ref>Die Hohnsteiner waren Vasallen Halberstadts. Diese hatten ihre Vogteigerechtsame an Nordhausen veräußert ohne Einwilligung des vomini oonee-Eine solche Veräußerung ist null und nichtig, da beide Lehnsherren, der Bischof von Halberstadt und der Kaiser als oberster Lehnsherr für ein Reichslehn ihre Zustimmung geben mußten.</ref> Damals war die Angelegenheit liegen geblieben. Jetzt im Jahre 1703 holte man ein neues Gutachten ein, das ähnlich wie das alte lautete, nur den neuen, erweiterten Rechten Preußens Rechnung trug. Doch um die eigentlichen Schwierigkeiten hatten sich die Frankfurter Juristen gedrückt. Sie meinten nämlich, wenn auch die Jura sicher Preußen Zuständen, so stehe doch dahin, wie weit diese iura imperii Geltung hätten, d. h. wie die Machtbefugnisse in der Ausübung der Aemter zwischen Preußen und Nordhausen abgegrenzt seien. Hierauf aber kam es beiden Parteien wesentlich an.
 
Damals war es nun, wo Preußen begann, den berühmtesten Juristen der Zeit die Verteidigung seiner Rechte in Nordhausen anzuvertrauen, dem Hallenser Juristen Christian Polykarp Tho-masius. Der Schultheiß Röpenack hatte am 25. Februar 1703 zum ersten Male an ihn geschrieben und ihn um Rechtsauskunft gebeten. Thomasius beklagte sich in seiner Antwort vom 7. März, daß die Unterlagen, die ihm für die Behandlung des Falles Nordhausen gegeben seien, noch zu mangelhaft seien, um Endgültiges zu sagen, doch meinte er hinsichtlich des Schutzes: „Ex natura Advocatiae“ ist zu deducieren, daß auch eine Stadt in Erwäh-lung eines Schutzherrn ihren Advocatum, da er ein Reichsfürst ist, nicht praeterieren, viel weniger sich eines anderen Schutzes wider ihren Reichsvogt unterwerfen könne." Aus dem Besitze der Vogtei über Nordhausen folgerte also Thomasius das preußische Schutzrecht.
 
In demselben Gutachten hatte es Thomasius im Gegensatz zur Frankfurter Iuristenfakultät, die diese schwierige Sache gar nicht anfaßt, auch zum ersten Male unternommen, die Gerechtsame von Vogtei und Schultheißenamt abzugrenzen: „Die peinlichen Klagen gehören vor die Reichsvogtei, die bürgerlichen aber vor den Schultheißen und bleiben für die Räte in den Städten nichts als cognitiones causarum, die ad ordinem publicum quotidianum gehören, dahin auch die zu rechnen sind, die celerrimae expeditionis sind und durch Besichitigungen entschieden werden als causae servitutum etc." Mit diesem Gutachten sprach Thomasius also die gesamte Kriminal- und Civilgerichtsbarkeit dem im Besitz der beiden Aemter befindlichen Preußen zu. Nur Polizei- und reine Verwaltungsfragen, die, wie wir heute sagen, durch Ortsstatut festgelegt werden können, sollten zu den Befugnissen des Rates gehören.<ref>Thomasius hat mit seinen Ausführungen durchaus recht; doch waren die Befugnisse nie vollkommen abgegrenzt, weil die Stadt allein alle Organe für die Rechtsprechung zur Verfügung stellen konnte. Dadurch kam es zu einem unentwirrbaren Durcheinander von richterlicher und executiver Gewalt. Bei den mit der Zeit immer komplizierter werdenden Verhältnissen und bei den offensichtlichen Schäden, die durch die Vermischung der Gewalten in jenen Zeiten eintraten, drängte sich die reinliche Trennung der Gewalten geradezu auf. Vollzogen wurde sie bekanntlich in den absolut regierten Staaten des 18. Jahrhunderts noch nicht. Die Ideen Montesguieus setzten sich erst später durch. — Das Gutachten des Thomasius in Pr. St. a. a. O.</ref>
 
Dieses erste Thomasiussche Gutachten machte in Berlin solchen Eindruck, daß der König beschloß, sich in der Durchfechtung seiner Rechte fortan des Thomasius zu bedienen. Am 24. August schrieb er aus Schönhausen an den Juristen, sein kurzer Bericht habe recht gefallen, er solle nunmehr eine grundsätzliche Ausarbeitung über die Schutzhoheit einrichten und ferner darstellen, wie „die Sache mit dem Magistrate am besten anzugreifen".
 
Thomasius war dieser Auftrag durchaus nicht willkommen. Er entfaltete ja gerade in jenen Jahren, wo der große Rechtsgelehrte Stryck, der Dekan der Hallischen Iuristenfakultät, älter und schwächer wurde, eine ganz außerordentliche Lehrtätigkeit und war außerdem im Begriffe, zwei seiner bedeutenden Werke zum Abschluß zu bringen. Dennoch entzog er sich dem Wunsche des Königs nicht und bat nur für den ersten Auftrag, sich über die Schutzhoheit zu äußern, um weitere Unterlagen. Das andere Begehren des Königs allerdings, praktische Vorschläge wegen der Behandlung der Nordhäuser Angelegenheit zu machen, suchte er sich vom Halse zu schaffen, indem er meinte, es komme bei diesen Fragen nicht nur auf punctum iuris an, sondern auf „viele politische Etatsabsichten", wofür die „Prudenz eines tüchtigen Hofmannes geeigneter sei als die Wissenschaft eines Professors Juris". Doch auch da ließ ihn der König nicht aus, und er mußte sich nicht bloß zu Ratschlägen bequemen, sondern er sollte in Nordhausen handelnd eingreifen.
 
Im September 1703 weilte Röpenack in Halle, gab Thomasius die Unterlagen und besprach den gesamten Fragenkomplex mit ihm. Darauf erfolgte dann im Oktober ein längeres Gutachten des Thomasius und darauf am 17. November ein sehr gnädiges Schreiben des Königs an ihn, er solle zusammen mit dem Wirklichen Geheimen Rate Freiherrn von Danckelmann einer Kommission angehören, die um die Weihnachtszeit in Nordhausen ihres Amtes zu walten hätte. Diese Kommission sollte nicht nur die Schutzhoheit sestlegen und die Kompetenzen der Aemter prüfen, sondern auch, eine dritte und sehr schwierige Aufgabe, die Grenze zwischen der Grafschaft Hohnstein und der Stadt Nordhausen soweit sie strittig war, nach den alten Hohnsteinschen Lehnsbriefen bestimmen und für Preußen als Inhaber der Grafschaft in Anspruch nehmen, was ihm zukäme. Dieser Anspruch Preußens auf die sogenannte Helmeflur wird uns unten noch ausgiebig zu beschäftigen haben.<ref>Beilage V. hinter Kapitel II. Gutachten des Thomasius.</ref>
 
Während sich Preußen Ende des Jahres 1703 auf diese Weise rüstete, juristisch seine Handlungsweise zu rechtfertigen, versteifte sich der Widerstand der Stadt immer mehr. Allerdings mußte sie dabei erfahren, daß der Kaiser und der Reichshosrat in Wien nach wie vor recht lässig in der Unterstützung blieben. Nachdem das Schreiben vom 23. Dezember 1703 nach Wien abgegangen war, bat der Agent Koch zweimal, am 23. Januar und am 11. Februar 1704 um ein Mandat, das den früheren Zustand in Nordhausen wiederherzustellen befahl, und als darauf nichts erfolgte, stellte er am 22. Februar den Antrag, den Herzog von Celle als Kreisobersten zu beauftragen, sich Nordhausens anzunehmen. Aber auch nach dieser Richtung rührte sich der Kaiser zunächst nicht; ja, am 16. Februar wußte der preußische Resident von Bartholdi sogar zu berichten, daß die Sache Preußens vor dem Reichshofrate gutstehe und der Referent von Kirchner in der Sache Nordhausen contra Preußen letzterem wohlgesinnt sei.
 
Um so nachdrücklicher setzten sich Hannover und Celle sür die Reichsstadt ein. Sie hatten dafür verschiedene Gründe, gerade augenblicklich um so schärfer gegen Preußen aufzutreten, je vorsichtiger der Kaiser mit Rücksicht auf den Kriegsschauplatz den preußischen Bundesgenossen behandelte. Celle und Hannover hatten nämlich im August 1703, nachdem sie in Hildesheim für einige Zeit Ordnung geschaffen, loyal ihre Truppen wieder aus der Stadt gezogen. Preußen hatte immer verlauten lassen, es werde in Nordhausen ebenso vorgehen, wie Hannover in Hildesheim; doch war von preußischer Seite nicht das geringste erfolgt. Das hatte bei den Welfen argen Unwillen erregt und den Willen, die Reichsstadt zu befreien, gefestigt. Dazu kam, daß Preußen als Inhaber des Herzogtums Magdeburg dahin strebte, wenn nicht überhaupt die Stelle des Kreisdirektors im Niedersächsischen Kreise zu besetzen, so doch mindestens einen Sitz im Kreisdirektorium zu beanspruchen. Die Heftigkeit, mit der Preußen in dieser Beziehung aus sein Recht pochte, ließ in den welfischen Landen den Argwohn auskommen, Preußen wolle nur deshalb verstärkten Einfluß im Kreise gewinnen, um sich nicht nur Nordhausens, sondern auch der anderen beiden Reichsstädte, Goslars und Mühl-hausens, zu bemächtigen. So zauderte Hannover nicht, wo es konnte, Preußen Abbruch zu tun, und diese Haltung wiederum belebte die Hoffnungen Nordhausens. Dazu kam, daß zeitweilig sogar Kursachsen eifersüchtig gegen Preußen auftrat, immer noch schwankte, ob es nicht das 1698 zu Nordhausen auf 20 Jahre eingegangene Schutzverhältnis aufrecht erhalten sollte und jedenfalls schadenfroh zusah, wenn Preußen in der Stadt, in der es selbst jahrhundertelang maßgebende Rechte besessen hatte, in Schwierigkeiten kam.
 
Bei dieser allgemeinen politischen Lage glaubte Nordhausen sich auch ohne den Rückhalt an dem zaudernden Kaiser energischer zur Wehr setzen zu können. Schon Ende Januar berichtete Röpe-nack nach Berlin, die Stadt unterhandele dauernd mit Hannover und Dresden, der Rat scheue sich nicht, preußensreundliche Bürger zu bedrücken, die einquartierten Soldaten würden schlecht behandelt, Hauptmann Offney treibe draußen mehr denn je seine Propaganda.<ref>Briefe vom 31. Januar und 21. Februar 1704.</ref> Als dann gar am 20. Februar der Rat nochmals vom Könige energisch die Zurückziehung des gesamten Militärs verlangte und am 6. März Röpenack melden mußte, Nordhausen wolle die Reichsiura dem Hause Hannover anbieten, da war das Maß voll und die Langmut Preußens erschöpft.
 
Der König hatte zunächst an der Kommission festgehalten, die um Weihnachten 1703 mit der Stadt in Güte verhandeln und und einen Ausweg suchen sollte. Noch am 12. Januar 1704 ließ er Röpenack in dieser Richtung instruieren; auch an den schon früher genannten Unterhändlern war festgehalten worden. Nach wie vor sollten Kanzler von Danckelmann, Professor Thomasius und Schultheiß Röpenack die Verhandlungen aufnehmen. Doch die Tätigkeit der Kommission in Nordhausen verzögerte sich. Vor allem wollte Thomasius nichts übereilen und die Ansprüche Preußens in jeder Beziehung fest untermauern. Am 26. Januar schrieb er aus Halle an den König, er könne jetzt genau nachweisen, daß Nordhausen ohne Erlaubnis des Reichsvogts, d. h. also Preußens, keinen Schutzherrn wählen dürfe. Zu diesem Nachweis sei aber nötig, daß er das ganze Werk de advocatia armata des bisher auf diesem Gebiete maßgebenden Martin Schönberg „umstoße". Dazu brauche er aber Zeit. Deshalb schlage er nach Rücksprache mit Danckelmann vor, man solle der Stadt Nordhausen, von der Preußen die Aemter Ostern 1704 übernehmen wollte, dieselben noch ein Jahr psandweise lassen. Darüber könne Röpenack mit der Stadt verhandeln.
 
Selbst mit diesem Vorschläge war der König einverstanden, und Röpenack sollte dementsprechend Befehl erhalten.<ref> Brief vom 2. Februar an Thomasius.</ref> erstanden, und Röpenack sollte dementsprechend Befehl erhalten?) Aus dieser Einstellung des Königs und seiner Ratgeber ersieht man nicht nur die Langmut Preußens, sondern auch die völlig falsche Vorstellung von der Haltung Nordhausens. Die Stadt, je länger, je mehr zum Widerstände geneigt, mußte in dem Jahre, in welchem ihr noch weiterhin die Aemter überlassen blieben, neue Waffen in die Hand bekommen. Innerhalb der Stadt mußte der Einfluß des preußischen Schultheißen sinken, der nichts zu tun hatte, als sich durch die Erhebung der Zölle unbeliebt zu machen, die preußenfreundlichen Bürger mußten durch Preußens unsichere, schwankende Politik irre werden an seinem festen Willen, in der Stadt tatsächlich Fuß zu fassen. Außerhalb der Stadt aber hatte Hannover Zeit, nach neuen Gegenmaßnahmen Ausschau zu halten. Dieser in Verken-nung der ganzen Lage gemachte Vorschlag des Thomasius war ganz aus dem Geiste des Gelehrten heraus geschehen, der Freude an der wissenschaftlichen Beweisführung hatte und Abscheu vor wirklichem Handeln. Daß zugleich auch der Verwaltungsbeamte Danckelmann ungern den Vorsitz in der Kommission, von der er sich wenig Erfolg versprach, angenommen hatte, ist schon oben erwähnt; so war er aus persönlichen Gründen mit Thomasius' Vorschlag einverstanden.<ref>Am Schluß seiner Deduktion: Kurze, jedoch gründliche Deduction, daß die Stadt Nordhausen nicht befugt sei, einen anderen Schutzherrn anzunehmen als S. Kgl. Majestät in Preußen, in dem Artikel 27 „Anhang eines ferneren Gutachtens, wie die Nordhausische Affäre anzugreifen", schlägt Thomasius vor: Ostern 1704 läuft der Termin ab; die Wiedereinlösung der Aemter soll geschehen. Die Kommissionsarbeit hat sich aber verzögert, so daß bis Ostern wenig Fruchtbares herausspringt. Deshalb soll der Termin um ein Jahr verlängert werden. Bei Anwesenheit des Königs von Polen in den preußischen Kurlanden soll mit ihm wegen Satisfaktion betreffs verschwiegener Reluitionsgelder und Cedierung der Aemter verhandelt werden. Pr. St. a. a. O.</ref>
 
Da wurde nun der König durch Röpenacks Berichte über den wahren Stand der Dinge in Nordhausen aufgeklärt. Röpenack schrieb ganz offen, die Stimmung in Nordhausen sei so, daß man sich auf Kommisfionsverhandlungen überhaupt nicht mehr einlassen werde. Gesahr war im Verzüge. Deshalb sah man in Berlin zunächst von allen weiteren juristischen Gutachten ab und beschloß zu handeln. Am 12. Februar wurde Röpenack unterrichtet, Preußen sei gewillt, Ostern 1704 Vogtei und Schultheißenamt endgültig in eigene Verwaltung zu nehmen und den Pfandschilling der Stadt dafür auszuzahlen. Röpenack solle sich nach der genauen Höhe der Pfandsumme erkundigen und Vorschläge machen, wo das Geld ausgezahlt werden könne.
 
Mit diesen Anweisungen versehen, machte sich Röpenack sogleich an die Arbeit. Er war natürlich froh über diesen Entschluß des Königs, der ihn aus einer unmöglichen Stellung befreite und ihm Befugnisse geben mußte, die ihn zum Herrscher über Nordhausen machten. Mit Schrecken wurden die Nordhäuser gewahr, daß Preußen Ernst machte. Röpenack hatte dem Rate den Willen Preußens mitgeteilt und war darangegangen, die Zuständigkeit der Aemter festzustellen, natürlich auf Grund der ältesten Zeugnisse darüber, und diese schoben Bürgermeister und Rat so gut wie ganz beiseite. Auch ein Reglement für die Ausübung der Aemter und die Verhandlungen vor ihm als Richter stellte er auf. Betrübt klagte der Rat am 11. März dem Könige, sie sollten ihrer Reichsimmedietät beraubt werden. Er möchte doch wenigstens solange keine Veränderungen mit den Aemtern vornehmen, bis Wien gesprochen habe. Der Kaiser habe doch schon am 28. Februar 1701 dahin erkannt, es solle alles in den früheren Zustand gesetzt werden.<ref>Vergl. oben S. 38.</ref> Jetzt hänge alles vom Spruch des Reichshofrates ab. In lite pendente möchte und dürfe der König in Preußen nicht handeln.<ref>Nordh. Archiv. N. F. 1764.</ref>
 
Voll Sorgen wandle sich Nordhausen auch nach Hannover und an den Kreis, die am 29. März schrieben, Nordhausen solle festbleiben und sich auf nichts einlassen.
 
Von Preußen aber waren schon die Befehle zur weiteren Durchführung gegeben: Das preußische Schulzengericht wurde konstituiert: Röpenack war sein Vorsitzender; Johann Günther Rie-mann und Christoph Wachsmut wurden zu Schöppen ernannt. Röpenack sollte vorläufig zugleich die Reichsvogtei mitverwalten. Der preußische Hofrat Schreiber in Halberstadt und Röpenack sollten das Geld für die Auszahlung der Pfandsumme aus Magdeburg abholen und nach Nordhausen bringen. Röpenack hatte wegen der damit verbundenen Verhandlungen in Berlin geweilt und war am 23. März, dem Ostersonntag, in Magdeburg. Am 24. März erhielt er dort 8000 Gulden in zwei Fässern. Damit ging er am 25. März nach Halberstadt, wo Hofrat Schreiber mit 3000 Talern in sechs versiegelten Beuteln zu ihm stieß.<ref>Man hatte in Berlin die Pfandsumme mit preußischer Gründlichkeit errechnet und aufgestellt: Für das Schulzenamt . . 8750 Taler — 10 000 Gulden
Für die Vogtei .... 962 „ 12 gr. 1000
„ „ „ .... 500 „ 100 Goldgulden
10212 „ 12 gr.
Dazu für 6 Jahre Geleit 3 060 „
13 272 „ 12 gr.
Wenn der Goldgulden zu 1 Taler 12 groschen gerechnet wird, erhöht sich das Kapital um 100 Taler, die Zinsen steigen um 30 Taler; dann macht also die Summe 13 402 Taler 12 groschen. — Die 10 000 Gulden war die Summe, die Nordhausen an Sachsen für das Schulzenamt bezahlt hatte; die 1000 Rheinische Gulden und 400 Goldgulden für die Vogtei hatte 1546 Graf Ernst V. von Honstein erhalten. Jetzt zahlte der neue Besitzer, Preußen, beide Summen zurück.</ref> Von dort ging es auf grundlosen Wegen durch den Harz, und schon am 27. März konnten Schreiber und Röpenack den regierenden Bürgermeistern Frommann und Paulandt aus dem Walkenrieder Hofe anzeigen, sie möchten sich bereithalten, das Geld in Empfang zu nehmen. Frommann jedoch ließ sich wegen Altersschwachheit entschuldigen, Paulandt war nirgends zu finden. Schließlich mußte sich Nordhausen ja aber doch zu irgendeiner Stellungnahme bequemen. Die Stadt sandte ihren Sekretär Heidenreich und den Senator Riedel und ließ durch beide die Ablehnung des Geldes aussprechen. Darauf verlangten Schreiber und Röpenack Verhandlungen auf dem Rathause; doch kam man bis zum 29. März noch nicht weiter. Ja, der Bürgermeister Paulandt erklärte an diesem Tage, er wüßte ja gar nicht, daß der Hofrat Schreiber in Nordhausen weile, seine Ankunft sei ihm nicht angezeigt, er könne deshalb auch nicht mit ihm verhandeln.
 
So stellten sich denn dem Auszahlen des Geldes Schwierigkeiten in den Weg. Deshalb ließen die Unterhändler einstweilen neben den 8000 Gulden in zwei Fässern die 6 Beutel mit den 3000 Talern in einem weiteren Faß unterbringen, und alle drei Fässer gelangten im Quartier des Oberstleutnants von Benckendorsf in Verwahrung. Röpenack und Thomasius wurden im April nach Berlin berufen zur Beratung des Falles mit den zuständigen Ministern. Die Stadt Nordhausen wandle sich am 31. März abermals an den Kaiser mit der Bitte „pro clementissima manutenenia“.
 
Die Ablehnung der Gelder schuf eine ganz neue Lage. Beiden Teilen, Preußen wie Nordhausen, war es nunmehr endgültig klar, daß ein gütliches Auskommen undenkbar war. Preußen hatte die Aemter von Sachsen erworben; ob dieser Handel ohne Zustimmung des Kaisers geschehen konnte, war rechtlich zweifelhaft; der Kaiser als Lehnsherr hatte bisher gegen den Verkauf noch keinen Einspruch erhoben. Preußen hatte der Stadt die Aemter noch 6 Jahre gelassen. Die Stadt hatte selbst am 26. Juli 1698 gebeten, ihr die Aemter zunächst noch zu lassen, bei der Uebernahme in eigene Verwaltung ihr aber die Pfandsumme auszuzahlen. Dabei hatte sie ganz offenbar gedacht, daß ihr der Besitz der Aemter von Zeit zu Zeit für eine beträchtliche Geldsumme bestätigt würde, daß jedenfalls Preußen nie im Sinne haben werde, das Geld zurück-zuzahlen, noch dazu da bei dem Uebergange der Gerechtsame von Sachsen an Preußen Sachsen nicht im geringsten Anstalt gemacht hatte, seinerseits an Preußen die erhaltene Pfandsumme auszuzah-len. Nordhausen war so sicher, daß es nie die Gelder von Preußen erhalten und deshalb immer im Besitz der Aemter bleiben werde, daß es am 18. Januar 1700 von Geheimrat Unversärth sogar die Gelder gefordert hatte. Jetzt war das Unwahrscheinliche eingetreten: Um die Hand auf Nordhausen zu legen, hatte Preußen, abgesehen von der großen Kaussumme an Sachsen, auch noch die Ablösungssumme bezahlt. Preußen war also ganz legal, ja, nach den Wünschen Nordhausens verfahren. Doch wehrte sich Nordhausen gegen diese Tatsache, indem es behauptete, es stehe im Streite mit Preußen vor dem Reichshofrate, und vor dem Schiedssprüche dürfe es sich in nichts einlassen. Das war offenbar ein unhaltbarer Standpunkt. Ein Streit konnte eigentlich erst aus-brechen, wenn Preußen nach Uebernahme der Aemter deren Rechte weiterzog als bisher üblich, und alle Maßnahmen Preußens deuteten freilich darauf hin. Eine offenbare Vergewaltigung der Stadt war das Einrücken preußischer Truppen gewesen, vor allem aber das Erzwingen der Schutzhoheit. Diese hat Nordhausen deshalb auch von vornherein nicht anerkannt.<ref>Stellung Preußens und Nordhausens zueinander ist vor allem einem Schreiben des Königs zu entnehmen. Nordh. Archiv N. F. 1764. — Pr. St. a. a. O.
</ref>
 
Die Lage war also für beide streitenden Parteien kompliziert genug, und im April und Mai des Jahres 1704 wurden deshalb weitschichtige Verhandlungen in Berlin gepflogen. Der König übergab den Streit um Nordhausen seinen berühmtesten Ratgebern zur Entscheidung: dem Geheimrat von Fuchs, dem Generalkommissar von Danckelmann und dem Herrn von Chwalkowsky. Röpenack und Thomasius, beide in Berlin anwesend, sollten ihren fachmännischen Rat geben. Beide Übergaben den Geheimen Räten am 26. April ihre Vorschläge für die Behandlung Nordhausens, und im allgemeinen ist Preußen in den folgenden Jahren diesen Richtlinien gefolgt.
 
Röpenack erörterte zunächst in 18 Punkten allgemein, wie Preußen sich verhalten solle, wenn die Gelder doch noch von Nordhausen angenommen würden, oder wie es vorgehen solle, wenn die Stadt auf ihrem Standpunkte verharre. Er warf ferner die Frage nach einer stärkeren Belegung der Stadt mit Truppen auf, erörterte die Besetzung des Rathauses und die Abänderung des kirchlichen Gebetes, in dem nur noch für den König von Preußen als den Schutzherrn der Stadt gebetet werden solle. In weiteren 24 Punkten beschäftigte er sich mit der Vogtei. Dabei ließ er den Wunsch durchblicken, es möchten Vogtei und Schultheißenamt in eine Verwaltung genommen werden; er legte sich auch die Frage vor, ob die peinlichen Sachen auf dem Rathause wie bisher oder im Walkenrieder Hofe verhandelt werden sollten und unter welchen Formen das Hochgericht gehegt werden sollte. Dann handelte er in 33 Punkten vom Schultheißenamte. Der Schultheiß müsse auch die Aufsicht über die Zünfte und Apotheken haben, da ja der König das Ius Patronatus darüber besitze. Vielleicht müßten auch die milden Stiftungen und Armenhäuser vom Schultheißen kontrolliert werden, da es dabei in Nordhausen „nicht wohl zu-gehet". Er erörterte ferner, ob die Prediger und der Rektor scholae vom Schulzen zumindest miternannt werden müßten, da der Schulze der Präsident des Konsistoriums sei. Dann besprach er die Polizeiaufsicht, das Verhängen von Arreststrafen und die Aufsicht über die Juden. Schließlich, meinte er, müsse der Schultheiß auch eine neue Gerichtsordnung anfertigen. Was Zoll, Geleit und Scheffelpfennig betrifft, so müsse wohl eine neue Zollrolle aufgesetzt werden; Heringe, Eisen, Tabak, die bisher unverzollt waren, müßten verzollt werden. Neue Zollstöcke müßten vor die Tore gesetzt werden. Vor allem sei nötig, Waagemeister und Torwächter viel schärfer in Pflicht zu nehmen.
 
Alle diese Punkte wurden gestreift, indem zunächst nur Fragen aufgeworfen wurden. Aber die Fragen zeigten schon, wie weit Röpenack die Rechte Preußens spannen wollte. Von einer Im-medietät der Reichsstadt konnte, wenn die Fragen bejahend beantwortet wurden, keine Rede mehr sein, wenn auch Friedrich I. bei seinem königlichen Worte wieder und wieder beteuert hatte, er wolle diese Immedietät niemals antasten. Selbst wenn man die Rechte, die aus der Schuhhoheit, der Vogtei und dem Schulzenamte Preußen zuwuchsen, noch so weit zog, konnte doch in einer Reichsstadt nie und nimmer allein für einen Landesfürsten gebetet werden. Die Kriminalgerichtsbarkeit hatte tatsächlich seit unvordenklichen Zeiten in den Händen des Rates gelegen, und der Vogt hatte nur das Stäbchen gebrochen. Alle kulturellen Angelegenheiten waren von jeher Sache der Stadt gewesen; im Konsistorium führte gewöhnlich der Syndikus der Stadt den Vorsitz, niemals der Schultheiß. Ein Aufsichtsrecht des Schulzen über die Armenhäuser und Spitäler, d. h. über die Zinsen ihrer Liegenschaften, daraus abzuleiten, daß diese Gelder mehr in die Tasche der Ratsherrn flössen, als daß sie den Armen und Kranken zutamen, ist eigentlich der sonstigen Urteilskraft des Juristen Röpenack nicht würdig. Die Aufsicht über die Juden, die Erhebung des Scheffelpfennigs, das Geleitrecht waren uralte kaiserliche Privilegien der Stadt.
 
Man mag also über die Methoden der Stadt Nordhausen in ihrem Kampfe gegen Preußen denken, wie man will, — tatsächlich war es nicht unberechtigt, das Schlimmste zu fürchten und sich mit allen Mitteln zur Wehr zu setzen, obwohl Preußen ordnungsgemäß in den Besitz der Aemter gekommen war. Preußens Unrecht bestand darin, daß es tatsächlich aus einer Reichsstadt eine preußische Landstadt machen wollte, Nordhausens Unrecht bestand darin, daß es nicht nur die Art bekämpfte, wie Preußen seine Gerechtsame ausnuhen wollte, sondern daß es die preußischen Rechtstitel überhaupt bekämpfte.
 
Von viel höherer Warte aus, aber im Grunde mit demselben Endziel behandelte Thomasius die Stellung Preußens zu Nordhausen. Er machte zunächst Vorschläge, wie sich Preußen zu den einzelnen auswärtigen Mächten verhalten sollte. Der preußische Resident beim Kaiser sollte angewiesen werden, darauf hinzuwirken, daß kein kaiserliches Mandat erfolgte, ohne daß Preußen gehört wäre. Sachfen stehe Preußen zwar nicht freundlich gegenüber, weil Preußen die Schutzhoheit über Nordhausen erzwungen habe, obgleich eigentlich Sachsen bis 1718 den Schutz übernommen hätte. Aber Sachsen gegenüber sei zu betonen, daß der Schutz ein Annex der von Sachsen erkauften Vogtei sei. Ferner könne man hofsen, daß Kursachsen daraus Weiterungen entstünden, daß nicht sämtliche Wettinschen Häuser, die ja den Nordhäuser Schutz insgesamt verbürgt hätten, den Vertrag Sachsens mit Preußen genehmigt hätten. Schweden als Mitdirektor im Niedersächsischen Kreise sei mit Vorsicht zu behandeln. England und Holland als kriegführende Mächte im Spanischen Erbfolgekriege seien an Preußen interessiert. Allein gefährlich sei Hannover.
 
Bei der Behandlung Nordhausens selbst solle Preußen so vorgehen, daß man jetzt nicht mehr allein auf den Rat, sondern die gesamte Bürgerschaft einzuwirken bestrebt sein solle. Der gesamten Bürgerschaft solle man noch einmal die Gelder, die der Rat abgelehnt habe, anbieten und ihr erklären, Preußen verlange nichts, als was ihm rechtmäßig gehöre. Den Rat solle man zu spalten und die zu gewinnen suchen, die bisher von Frommann und Weber gedrückt worden seien. Sollte die Annahme der Gelder abermals abgelehnt werden, so sollten die preußischen Kommissare alle Gerechtsame in Besitz nehmen, und zwar die kirchliche und weltliche Gerichtsbarkeit, alle Prozeß- und alle Polizeisachen. Diese Besitzergreifung solle Michaelis geschehen, da bis dahin alles bis ins einzelne überlegt und vorbereitet sein könnte.

Version vom 5. Oktober 2021, 10:10 Uhr

Textdaten
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Autor: Hans Silberborth
Titel: Die Besetzung der Stadt Nordhausen und die Uebernahme ihrer Reichsämter durch Preußen
Untertitel:
aus: Preußen und Hannover im Kampfe um die Freie Reichsstadt Nordhausen
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1936
Verlag: Verlag Theodor Müller
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Erscheinungsort: Nordhausen am Harz
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II.
Die Besetzung der Stadt Nordhausen
und die Uebernahme ihrer Reichsämter durch Preußen


Die Überrumpelung Nordhausens durch preußische Truppen in der ersten Frühe des 7. Februar 1703, die Besetzung der Stadt und die ersten Unbequemlichkeiten, die der Einwohnerschaft daraus erwuchsen, sind oft genug geschildert worden, so daß sie Übergängen werden können.[1] Dagegen interessieren noch nicht benutzte gleichzeitige Berichte und unter diesen besonders wieder kursächsische, welche die Beweggründe für das Vorgehen Preußens und ihre Beurteilung in jener Zeit recht deutlich werden lassen.

Der sächsische Legationsrat Wolter berichtete seiner Regierung, der preußische König habe sich selbst nach Magdeburg be-geben, das von Nordhausen und Hildesheim etwa gleich weit entfernt ist. Von Magdeburg aus wurden zwei Bataillone gegen Hildesheim angesetzt, und zugleich wurde die Nachricht ausgesprengt, man wolle in Hildesheimisches Land einfallen und solange darin verweilen, bis die Celleschen Truppen Hildesheim geräumt hätten. Unterwegs — also offenbar in der Nähe Halberstadts — änderten diese Truppen aber die Marschrichtung, gelangten über den Harz und besetzten überraschend Nordhausen. Ferner wurde von den Preußen noch ein Herr von Marschall nach Gotha entsandt, um den Herzog zu vermögen, im Notfalle, d. h. gegen Hannover, den Preußen noch 2000 Mann zur Verfügung zu stellen. Außerdem wurden zwei Regimenter Pommersche Dragoner gegen Halberstadt in Marsch gesetzt.

Tatsächlich datiert der erste Marschbefehl des Königs an den Obersten von Tettau aus Magdeburg vom 3. Februar; Tettaus Instruktion ist vom 4. Februar datiert.

Allgemein nahm man zunächst in Sachsen, das die Schutzhoheit über Mühlhausen hatte, an, Preußen werde auch diese Reichsstadt besetzen. Doch wußte Geheimrat von Flemming, sächsischer Gesandter in Berlin, schon am 24. Februar zu melden, Mühlhausen sei nicht bedroht; Nordhausens Einnahme sei nur als Gegenmaßnahme zur Besetzung Hildesheims zu bewerten. Es heiße auch, Preußen verlasse die Stadt wieder, wenn Celle Hildesheim freigebe. Doch diesem Versprechen sei wenig zu trauen.

Eindringlicher noch enthüllen die Berichte des sächsischen Residenten beim Reichstage in Regensburg, des Grafen von Werthern, und des Generalmajors von Wackerbarth aus Wien die Beweggründe für das hannöversche und preußische Vorgehen.

Hannover-Celle suchte zunächst der Stadt Hildesheim nur seine Macht zu Gemüte zu führen und es wegen der dauernden städtischen Unruhen zu verwarnen; an eine Einverleibung der Stadt in welfisches Territorium war wohl nicht gedacht. Ebenso lag Hannover nichts am Besitze Nordhausens, wohl aber daran, daß Preußen nicht die Schuhhoheit über die Stadt erlange und daß die Aemter in der Hand Sachsens blieben. Wenn Preußen den Fuß nach Nordhausen setzte, fühlte sich Hannover nicht nur wirtschaftlich am Südharze beeinträchtigt, sondern auch militärischpolitisch bedroht, da der Besitz Nordhausens ein weiterer Schritt zur „Communication" der verstreuten preußischen Gebietsteile war.

Preußen, das in den vorhergehenden Jahrzehnten schon so oft geprellt, wollte seine mit Opfern errungene Beute nicht wieder fahren lassen und Nordhausen ganz in Besitz nehmen, wenn Hannover in Hildesheim blieb, zumal dadurch sein Verkehr mit den westfälischen Besitzungen auf der Linie nördlich des Harzes noch mehr als bisher erschwert wurde. Es drohte beim Reiche, es werde alle seine Truppen aus dem Spanischen Erbfolgekriege zurückziehen, wenn ihm nicht „Satisfaction" gegeben werde.

Der Kaiserliche Hof, an den Nordhausen am 19. Februar eine entrüstete Darstellung über die Besetzung sandte, war bei diesen Auseinandersetzung wie immer geneigt, für Hannover Partei zu ergreifen, wagte es aber nicht wegen seines Hauptkriegsschauplatzes und wurde vor allem von England und Holland besorgt angegangen, ja zu vermitteln, damit die gemeinsame Sache nicht leide. Auch der hohen Geistlichkeit wollte der Kaiser nicht zunahe treten. Die großen Bistümer Münster und Würzburg unterstützten Preußen gegen den hannoverschen Frevel am Bistum Hildesheim, so daß der kluge preußische Gesandte von Bartholdi am 24. Februar aus Wien melden konnte, daß „dem Hause Hannover das Konzept verrückt worden, dem die Katholischen wegen der Besetzung der Stadt Hildesheim nicht viel Gutes gönnten". Schweden wiederum interpellierte beim Kaiser gegen Preußen, weil es Bremen gefährdet glaubte, und schließlich der König von Dänemark als Herzog von Holstein nahm wieder Partei für Preußen, weil er mit der Lelleschen Verwaltung des Niedersächsischen Kreises unzufrieden war. Bei diesem Durcheinander, das die Besetzung zweier kleinerer deutscher Städte verursachte, konnte der Kaiser nicht anders, als beiden Friedensbrechern, Preußen und Hannover, anzuraten, die Besatzungen aus den Städten wieder zu-rückzuziehen und im übrigen den Spruch seines Reichshofrates über die Gerechtsame in Nordhausen abzuwarten.[2]

Da konnten sie freilich lange warten, und deshalb sah es gegen Ende Februar 1703 fast so aus, als ob es doch zu blutigen Händeln zwischen den beiden norddeutschen Staaten kommen werde. Dabei hätte sich Hannover ganz auf den Niedersächfischen Kreis verlassen können. Von dort aus wurde zunächst Mühl-hausen gewarnt sich vorzusehen. Dann aber, als es hieß, Schweden „werde Völker hergeben, die Stadt Nordhausen zu befreien", kamen gar Nachrichten, der ganze Niedersächsische Kreis mache mobil, um „Gewalt mit Gewalt zu vertreiben". Dadurch war gerechtfertigt, daß die preußischen Truppen in Nordhausen äußerst wachsam waren, Schultheiß Röpenack mit Hilfe der preußischen Regierung in Ellrich einen regen Späherdienst bis auf die Eichs-felder Berge organisierte und Tettau am 9. Februar in Magdeburg um eine Kompagnie Dragoner für die Aufklärung ansuchte. Doch wußte der tüchtige Forstmeister von Mitzschefal zu Maude-rode und Liebenrode bald zu berichten, daß sich bis zur Linie Osterode—Heiligenstadt keine Truppenbewegung feststellen lasse. Tatsächlich dachte Hannover auch nicht daran, um Nordhausens willen einen Waffengang mit Preußen zu wagen, sondern bediente sich anderer Mittel, um seinem Gegner das Leben schwer zu machen.

Was hatte sich nun im Laufe des Februar in Nordhausen selbst abgespielt? Den an anderen Stellen mehrfach wiedergegebenen dramatischen Nordhäuser Berichten gegenüber sticht der des Obersten von Tettau, den er durch den Kammerjunker von Wilck-nitz dem Könige überbringen ließ, durch seine schlichte Sachlichkeit ab: „Ew. Kgl. Majestät allergnädigstem Befehl gemäß bin ich heute morgen umb 3 Uhr mit den mir anvertrauten Truppen in diese Stadt gekommen, nachdem ich mich eine Stunde zuvor zweier Pforten mit wenig Leuten sonder Verlust noch Beschädigung eines Menschen bemächtigt. Ich habe die … Instruktion im allgemeinen befolgt, so daß nicht die geringste Konfusion bei dieser kleinen entreprise vorgefallen. Dem Syndikus und Bürgermeistern habe ich die Ursache, so Ew. Kgl. Majestät bewogen, sich dieses Ortes zu versichern, gesagt. Ich ersuche demnächst Ew. Kgl. Majestät, mir allergnädigst zu befehlen, wie ich mich weiterhin mit den Leuten zu verhalten habe."[3]

Derartige Berichte Tettaus folgten nun zunächst Tag für Tag. Zwei Bataillone in Stärke von 1100 Mann mit mehreren Geschützen und einem Zuge Kavallerie waren in Nordhausen eingerückt. Davon wurden am 24. Februar 6 Kompagnien gegen andere Truppen ausgewechselt, so daß die Truppenzahl etwa dieselbe blieb. Doch nach den Verhandlungen, in denen Nordhausen die Schutzhoheit Preußens annahm, rückten am 8. März 5 Kompagnien und 2 Geschütze nach Magdeburg hin ab; die Garnison wurde also stark vermindert.

Gleich am 7. Februar ließ Tettau den Nordhäusern ihr schweres Geschütz, einen Mortier (12-Pfünder Mörser) und acht „schöne metallene Stücke" wegnehmen. Auch das Arsenal von Flinten und Büchsen wurde beschlagnahmt. Sämtliche Tore wurden von preußischen Truppen beseht, die Wachen, besonders die Hauptwache auf dem Markt, von ihnen bezogen. Die Schlüssel der Stadt mußten zum Entsetzen des Rates, der darin eine besondere Antastung reichsstädtischer Freiheit erblickte, dem Obersten ausgehändigt werden. Die Soldaten bezogen Bürgerquartiere und gingen zunächst nicht immer ganz säuberlich mit ihren Wirten um. Den Bürgermeister Weber rührte der Schlag, so daß er wochenlang hilflos war.

Befehlsgemäß verbot aber Tettau alsbald jeden Übergriff; die Offiziere mußten ihren Mannschaften mit gutem Beispiel vorangehen, und mancher ließ sich von seinem Quartiergeber seine gute Aufführung bescheinigen. An Verpflegung für die Truppen wurde von der Bevölkerung nur verlangt 2 Pfund Brot und 1 Maß Bier für den Mann täglich.

Ein Cellescher Hauptmann, der sich in der Stadt befand und angab, Werbeoffizier zu sein, wurde alsbald abgeschoben, ebenso ein Cellescher Sergeant und 3 Soldaten.

Mit dem preußischen Schultheißen Röpenack zusammen mußte sich dann Tettau mit der Stimmung und Haltung der Bürgerschaft auseinandersetzen. Sehr zustatten kam ihm dabei die Hilfe des preußenfreundlichen Bürgermeisters Eckhardt, der die beiden, den Offizier und den Beamten, über jedes Geschehen auf dem Laufenden hielt. Damit niemand gegen Eilhardt Verdacht schöpfte, ließ Tettau sein Haus am Pferdemarkt doppelt mit Soldaten belegen. Bürgermeister Weber und einige Ratsmitglieder protestierten öffentlich gegen ihre Einquartierung. Ein besonderer Fall war der alte Dr. med. Bürgermeister Fromann, ein schlauer Fuchs, der es nicht mit den Preußen verderben wollte, hinter ihrem Rücken aber Intriguen spann. Das Bild, das Tettau in einem Briefe vom 15. Februar von ihm entwarf, wird nicht ganz unrichtig sein.

Im übrigen zeigte sich die Stimmung der Bürgerschaft recht uneinheitlich. Fast alle Einwohner, die bei den bisherigen korrupten Verhältnissen auf ihre Kosten gekommen waren, hielten zu Hannover und erklärten sich gegen Preußen. Es waren die alteingesessenen Brauerfamilien, die ratsfähigen Handwerker und diejenigen von den Akademikern, welche sich mit ihnen verschwägert hatten. Viele kleine Leute, die durch das bisherige Regiment gedrückt waren und da sie keine Braugerechtsame erwerben durften, nie zu Wohlstand kommen konnten, erwarteten von Preußen ein gerechtes Regiment. Mit ihnen zusammen ging mancher home literatus d. h. studierter Mann, der um geringen Lohn arbeiten mußte und nur zu Ansehen kam, wenn er in eine Brauherrnfamilie einheiratete. Die Pastoren, die durch die fast täglichen Andachten und Predigten starken Einfluß auf das Volk besaßen, waren meistens Gegner der reichsstädtischen Verhältnisse und bekämpften den Aemterschacher, die Ausbeutung der Gemeindemittel durch die Regierenden und die parteiische Rechtsprechung aus sittlichen Gründen; oft genug geißelten sie von der Kanzel herab die Mißstände.

Röpenack, der die Stimmung in Nordhausen ausgezeichnet kannte, beriet den Obersten von Tettau in der Behandlung der Einwohner. Wie allenthalben in einem absolutistischen Zeitalter, so glaubte man auch in Preußen, daß ein mit Gold beladener Esel die Tore der Städte und die Türen zu den Herzen erschließen könne. Der Oberkämmerer des Königs, Kolbe von Wartenberg, sandte sogleich 2000 Taler an Tettau ab, die als Bestechungsgel-der dienen sollten. Bei einigen mag dieses Geld verfangen haben; die einflußreichsten Familien aber waren so hartgesotten, daß sie zwar das Geld nahmen, deshalb aber ihre Gesinnung gegen Preußen nicht änderten. Besonders mit Geldspenden wurden die Geistlichen bedacht, damit sie von den Kanzeln herab gegen die bisherigen Zustände wetterten. Nicht unbillig war es jedenfalls auch, daß neben den Männern wenigstens auch eine Frau 20 Goldstücke erhielt, die Frau des wortführenden Bürgermeisters, weil sie das Wort führte, — qui a beaucoup à dire! Im ersten Augenblicke wirkte jedenfalls der goldene Segen, so daß Röpenack am 15. Februar hoffnungsvoll an den König berichten konnte. Die Prediger seien recht freundlich gesinnt, so daß sie „nach geendigter Amtspredigt durch kurze Stoßgebete und Seuszer Gott angerufen, daß er Gnade zu einem gedeihlichen Schluß und Einigkeit… verleihen möge".

Alle diese Schläge, die Besetzung der Stadt, die militärischen Maßnahmen, die jeden Widerstand brachen, die Stimmung der Bewohner hatten in den ersten Tagen nach der Einnahme auch den hartnäckigen Rat mürbe gemacht. Gleich am Tage der Besitz-ergreisung hatte der Rat ein Schreiben an Friedrich I. gesandt, das keinen scharfen Protest enthielt, sondern nur eine Rechtfertigung seines Schutzgesuches an Hannover und die Bitte, die Truppen wieder abrücken zu lassen. Als Tettau am 9. Februar abends den Rat versammelt hatte, sand er ihn willig, einen Eilboten nach Hannover zu senden, der den Sekretär Titius zurückholen und dem Kurfürsten von Hannover vorstellen sollte, daß Nordhausen auf den Schutz Hannovers verzichten und die Schutzhoheit Preußens annehmen müßte. Um diesen Beschluß zu erzielen, hatte Eilhardt zunächst als Kompromiß vorgeschlagen, man könne vielleicht Hannover neben Preußen mit dem Schutze der Stadt betrauen.

Ermutigte schon diese Haltung Nordhausens Preußen, so noch mehr die Ratlosigkeit des Kaisers, der im Augenblicke nicht gegen seinen Bundesgenossen im Spanischen Erbfolgekriege auftreten wollte. Friedrich I. hatte sich am 11. Februar beim Kaiser zu rechtfertigen gesucht: Er habe 1697 die Aemter für die hohe Summe von 350 000 Talern erblich erlangt; beim Kaiser habe er sofort um die Investitur gebeten. Seine Gerechtsame seien vor versammeltem Rate von Sachsen an Brandenburg übergeben worden, ohne daß der Rat Einwendungen gemacht habe. Jetzt aber wolle die Stadt die Befugnisse der Aemter „dergestalt limitieren und einschränken, daß selbige in Effectu gar vernichtet werden würden." Dennoch habe Preußen versucht, mit der Stadt in Güte auszu-kommen. Statt dessen habe diese Hannover die Schutzhoheit angeboten. Einen solchen Schritt dürfe die Stadt ohne die Einwilligung Preußens, das ja die Vogtei besitze, gar nicht tun. Deshalb habe er, der König, seinen Truppen besohlen zu marschieren; er werde Nordhausen schützen können; dazu bedürse es nicht Hannovers. Im übrigen werde er die Reichsfreiheit Nordhausens nicht antasten, sondern nur seine eigenen Rechte wahren.[4]

Während sich der Kaiser diesen Darlegungen gegenüber zunächst ruhig verhielt, versuchte Hannover doch wenigstens einiges zur Hilfe der Stadt. Die direkte Verbindung zwischen beiden war zwar völlig unterbrochen, doch vermittelte der in Neustadt weilende Hauptmann Offney den Verkehr. Durch ihn erfuhren die Nordhäuser, Hannover wünsche, sie sollten sich mit Preußen in keine Verhandlungen einlassen. Der Kurfürst habe den Niedersächsischen Kreis angerufen, und der hannoversche Gesandte in Regensburg sei beauftragt worden, „den Notstand der Stadt Nordhausen den dortigen Deputationen vorzustellen, damit das Reichsstädtische Kollegium zu Regensburg sich der Stadt annehme."[5] Auch legten Schweden und Hannover gemeinsam am 6. März 1703 bei Preußen Protest gegen die Besetzung ein.[6]

Mehr als freundschaftliche Gesten waren das freilich nicht, denn der Niedersächsische Kreis konnte gar nicht oder nur sehr langsam arbeiten unter der Bedingung, daß Schweden Truppen marschieren laße, und von Regensburg waren nichts als papierne Proteste zu erwarten. So sah sich die überfallene Stadt tatsächlich auf sich allein gestellt und Preußen ausgeliefert. Die Bürgerschaft mußte wohl oder übel auf den Vorschlag des Königs eingehen, sich mit ihm wegen der Aemter zu vergleichen und seine Schuhhoheit anzunehmen.[7]

Ein erster Schritt zur Kapitulation Nordhausens schien schon in dem Briefe vom 19. Februar an den König vorzuliegen, in welchem sich Nordhausen auf folgender Grundlage mit Preußen zu einigen bereit war: 1. Preußen solle über Nordhausen den Wahlschutz erhalten, keinen Erbschutz. 2. Preußen solle die Schuhgerechtigkeit so ausüben, wie sie Sachsen ausgeübt hat. 3. Vogtei und Schultheißenamt solle Nordhausen unter denselben Bedingungen von Preußen überlassen werden wie einst von Sachsen. 4. Preußen solle die Truppen herausziehen. 5. Wenn einige wenige Truppen in der Stadt blieben, solle Preußen die Verpflegung übernehmen, Nordhausen nur Obdach geben. 6. Wirkliche Garnison solle nur bei Gefahr nach Nordhausen gelegt werden. 7. Der Magistrat behalte stets die Oberaufsicht in der Stadt, auch die Torschlüssel. 8. In Notzeiten müsse der preußische Kommandant sowohl dem Rate wie dem Könige von Preußen gehorchen. 9. Der Kaiser müsse zu allen Abmachungen seine Zustimmung geben. 10. Ueber Vogtei und Schulzenamt solle in Güte verhandelt werden.[8]

Diese Bedingungen konnte Preußen nicht sämtlich eingehen; doch Preußen, dem allmählich aufging, welche Schwierigkeiten ihm doch aus seinem Nordhäuser Handel erwachsen mochten, konnte sie wenigstens als Grundlage für weitere Verhandlungen benutzen. Auf Tettaus und Röpenacks Geschick kam es an, daß der Staat möglichst vorteilhaft abschnitt. Jedenfalls hoffte Preußen ehrlich, durch diese Verhandlungen weiterzukommen.

Etwas hinterhältiger handelte Nordhausen. In denselben Tagen, wo es sich nach außen hinstellte, als ob es geneigt sei, sich den Verhältnissen zu fügen und mit Preußen abzuschließen, schickten Bürgermeister und Rat einen Bericht über die Besetzung der Stadt an den Kaiser ab, dessen ganze Abfassung so gehalten war, daß daraus der Wunsch der Stadt nach einem energischen Eingreifen des Kaisers deutlich hervorging. Zugleich intriguierten dieselben Bürger, die im Begriffe standen, in der Stadt sich mit den preußischen Unterhändlern an einen Tisch zu setzen, draußen vor der Stadt in Petersdors mit dem hannoverschen Hauptmann Offney gegen Preußen und dachten selbst daran, mit hannover-scher Hüse einen Putsch gegen das „schlechte preußische Regiment", das in der Stadt lag, zu wagen.

Allerdings hatten die Nordhäuser alle Ursache, bei den Verhandlungen auf der Hut zu sein. Es war ein Glück für Preußen, daß der recht gewandte Schultheiß Röpenack, unterstützt von Hofrat Schreiber, das Heft in der Hand behielt und nicht Scharfmacher durchdrungen. Schon der Oberst von Tettau hatte durch allzu große Schneidigkeit, die man nun einmal in dem gemütlichen Nordhausen nicht gewohnt war, mancherlei verschüttet. Er war zwar in den ersten Tagen der Besetzung befehlsgemäß vorsichtig verfahren. Dann aber, als es seit dem 23. Februar an das Verhandeln über den preußischen Schutz ging, machte er, um zum Abschluß zu kommen, Einschüchterungsversuche. Während den ersten Unbilden der Besetzung mehr die große Menge der Bevölkerung ausgeseht war, galten diese Drangsalierungen vor allem den einflußreichen Männern, die über den Abschluß des Schutzvertrags zu bestimmen hatten. Den Bürgermeister Eilhardt drohte er, wenn der Rat sich nicht bald gefügig zeige, würden noch zwei weitere Kompagnien aus dem Hohnsteinschen und ein Halber-städtisches Regiment in die Stadt gelegt. Als darauf der Rat am 26. Februar eine Gegenerklärung abgab, drohte er, den gesamten Rat gefangenzusetzen. Und um die Unterschrift des Rates endlich zu erlangen, tobte er am 1. März, er werde Nordhausen in einen Steinhaufen verwandeln, sie und ihre Nachkommen sollten ihr Geschick beweinen, er habe es mit Canaillen zu tun.

Während es die Nordhäuser bei diesen Aeußerungen nur mit den ihnen allerdings nicht gewohnten Grobheiten eines Militärs zu tun hatten, waren die Reformvorschläge, die der Landeshauptmann der Regierung in Ellrich von Ramee ins Unreine machte, um sich bei den Berliner Ministern zu empfehlen, gefährlicher sowohl in ihren Auswirkungen auf die Stimmung der Bevölkerung als auch für die abgewogenen Verhandlungen kluger, fähiger Männer wie Hofrat Schreiber und Schultheiß Röpenack. Schon am 12. Februar schlug Ramee dem Könige vor, den Streit mit Nordhausen dazu zu benutzen, um sämtliche Stiftsgüter des katholischen Doms in der Grafschaft zu sequestrieren. Es war das in diesem Augenblick der törichtste Vorschlag, den man überhaupt machen konnte. Das Domstift war nämlich in sich zerfallen: Der Dekan Iubet wünschte keinerlei Hoheit über das Nordhäuser Reichsstift anzuerkennen; ein gewisser Nikolaus Günther dagegen und Konrad Fältzer, Senior des Domstiftes, wollten das Stift und seine Liegenschaften unter preußischen Schutz geben, um vor Nachstellungen sicher zu sein. Günther war umdeswillen sogar in Wien, ließ seine Angelegenheiten von dem preußischen Residenten von Bartholdi fördern und suchte die Kaiserin als Patronin des Stifts zu gewinnen. Die Katholiken Nordhausens kamen also Preußen entgegen, verbesserten sogar in Wien die Stimmung des Kaisers gegen Preußen. Diese Hilfe mußte in dem Augenblicke dahin sein, wo Preußen die stiftischen Güter, die es schützen sollte, sich selbst aneignete. Mit Recht schrieb deshalb ein Berliner Minister an den Rand des Rameeschen Berichtes: „Dieses halte ich in jetziger Zeit gar nicht dienlich, auch nicht nötig; denn wenn man der Stadt versichert ist, wird es sich mit dem Stift schon machen."

Noch tollere Vorschläge machte Ramee am 18. Februar. Dem preußisch gesinnten Nordhäuser Bürgermeister Eilhardt sollte der Titel eines Kgl. Hofrats verliehen werden. Dafür sollte dieser als Bürgermeister die Zölle, die dem preußischen Schulzenamte zu-flossen, erhöhen. Eilhardt könnte 400 Taler Besoldung erhalten; sein Schwager, ein gewesener Amtmann namens Niebecker, könne das Schultheißenamt mit 200 Talern Gehalt bekommen und den bisherigen Schulzen Röpenack sollte man nach Halle hin „avancieren" lasten, „wiewohl sich mit diesem Manne weder ich noch hier jemand sonst gern meliert". Am schlimmsten aber war es, daß Ramse zu einigen Ratsmitgliedern schon geäußert hatte, das ganze Altendors, Grimmel, der Siechhos und alles, was jenseits des Wassers (der Zorge) liege, gehöre laut alten Lehnbriesen nicht zu Nordhausen, sondern zu Preußen.[9] Daß in dem Augenblicke, wo man zu einer vorläufigen Einigung mit der Stadt kommen wollte, Vorschläge, die aus Erhöhung der Zölle und Abtretung eines Drittels der ganzen Nordhäuser Stadtslur hinzielten, höchst unklug waren, ist klar. Nur mit Mühe konnte Röpenack die Bürger davon überzeugen, daß es sich augenblicklich nur um die Schutzhoheit Preußens handele und Preußen sonst nichts verlange. Und am 22. Februar mußte Röpenack sogar den Hosrat Schreiber um Hilse ersuchen, weil der allzu tüchtige Landeshauptmann von Ramee den preußischen Salzfaktor von Ellrich nach Nordhausen geschickt hatte, um mit dem Magistrat über das Salzmonopol zu verhandeln. Den Mann ließ Schreiber einfach aufhalten, damit er keinen Schaden stiftete. Denn von heute auf morgen ließ sich in jenen Zeiten eine Reichsstadt freilich nicht in das preußische autokratische System einspannen.[10]

Nach Behebung mancher Hindernisse waren der Oberst von Tettau, der Hofrat Schreiber und der Schultheiß Röpenack am 23. Februar endlich so weit, daß der Magistrat wenigstens die Bedingungen, die er als Grundlage der Verhandlungen über den Schutz ansehen wollte, bekanntgab. Es waren im wesentlichen dieselben, die am 19. Februar von Nordhausen an den König gegangen waren. Die wichtigsten Punkte waren die Punkte 7 und 9. In Punkt 7 wünschte der Rat mit Preußen einen Schutz auf 12 Jahre abzuschließen, der als Privat- oder Wahlschuh anzusehen war, nicht als Erbschutz. In Punkt 10 machte der Rat über Vogtei und Schulzenamt Vorschläge.

Ueber die Nordhäuser Vorschläge glaubte die preußische Kommission nicht selbständig weiter verhandeln zu können; sie berichtete nach Berlin. Der König antwortete am 25. Februar, Tettau solle weiter mit Geldspenden die einflußreichen Bürger gefügig machen. Kein Wahlschutz, sondern der Erbschutz müsse durchgesetzt werden. Nur wenn daran die Verhandlungen überhaupt scheitern sollten, müßte man notgedrungen nachgeben und den Schutz abschließen auf die Lebenszeit des jetzt regierenden Herrschers. Die Sache müsse unbedingt zu Ende gebracht werden.

Unterdessen hatte auch Nordhausen am 26. Februar nochmals etwas abgeänderte, noch weniger entgegenkommende Bedingungen durch den Syndikus Harprecht aussetzen lassen. Der Einfluß Hannovers und des sür Hannover arbeitenden Hauptmanns Offney wird darin bemerkbar. Der Widerstand Nordhausens versteifte sich schon jetzt. Dagegen versuchten sich Tettau mit Grobheit-, Schreiber und Röpenack mit Hinterhältigkeit durchzusetzen, um dem Befehle, unbedingt abzuschließen, Genüge zu tun. In einem Schreiben vom 26. Februar an den König legten die Unterhändler dar, daß sie den Erbschutz für Preußen nicht herausschlagen könnten, „da die meisten inainbra ssna-tus im Herzen der Sache feind sind und heimlich alle Intriguen nach äußerstem Vermögen gebrauchen". Was die Ratsmitglieder mit der einen Hand bereits gegeben hätten, wollten sie mit der anderen wieder nehmen. Die Kommission suche so schnell wie möglich fertig zu werden, denn Hannover arbeite gegen Preußen, Nordhausen gebe womöglich den ganzen Fall in Druck und übergebe ihn dem Reichstage. Man vertraue in Nordhausen darauf, daß neben Hannover auch der König von Schweden als Angehöriger des Niedersächsischen Kreises eingreife.

Eile war also geboten, und so verhandelte man von beiden Seiten unter dem Druck der Verhältnisse, bis man sich am 1. März endgültig einigte: Preußen erhielt die Schutzhoheit über Nordhausen auf 10 Jahre, Nordhausen bezahlte 300 Gulden Schutzgeld jährlich. Preußen zog seine Truppen bis auf 2 Kompagnien zurück, wenn die kaiserliche Konfirmation des Vertrages erfolgt war. Die Stadtschlüssel sollten in der Hand des regierenden Bürgermeisters liegen; wenn aber Truppen in der Stadt waren, sollten sie an den Kommandeur gegeben werden, der aber dem Bürgermeister durch Handschlag versprechen mußte, daß er nichts gegen die Stadt unternehme. Die Differenzen wegen der Aemter sollte eine Kommission beseitigen. Zu diesem Punkte wurde der Wiederverkaufsvertrag um ein Jahr verlängert; bis Ostern 1704 genoß Nordhausen noch die Jura. Würde die Stadt wider Verhoffen von benachbarten Potentaten angegriffen, dann sollte Preußen sie schützen.[11]

Am 3. März ratificierte der König in Cöln den Vertrag, am 6. März bekannte sich die Stadt nochmals zu ihm, und am 13. März wurde er in Nordhausen von beiden Parteien unterschrieben. Schon am 10. März hatte Preußen den Vergleich nach Wien, dem Haag, nach Regensburg und nach Warschau mitgeteilt.

Doch weder Preußen noch Nordhausen gedachten ernstlich, diesen Vertrag zu halten. Preußen wollte die Schuhhoheit ausbauen zu einem Besitz der Stadt; Nordhausen strebte die gänzliche Befreiung von Preußen an und betonte, der Vertrag sei erzwungen. Der eigentliche Ansatzpunkt für beide Parteien waren die „Jura", die Vogtei und das Schulzenamt, deren Befugnisse eine Kommission klären sollte und nie so klären konnte, wie es jeder der beiden Parteien recht war. Denn die Stadt wollte es so darstellen, als ob mit diesen Aemtern gar keine Machtbesugnisse verbunden seien, und Preußen wollte seine Gerechtsame so ausdehnen, daß die Freie Reichsstadt zu einer preußischen Landstadt würde. Ostern 1704, wenn Preußen die beiden Aemter von Nordhausen auslöste und an sich zog, mußte es zu neuem Streite kommen. Das erscheint auch daraus, daß der Magistrat schon am 8. März vor dem Notar Ioh. Hermann Eilhardt, dem Bruder des Bürgermeisters, gegen die gesamte Besetzung der Stadt und den erzwungenen Vertrag protestierte. Alles sei gegen das Kaiserliche Privilegium vom 5. Mai 1695 geschehen und deshalb hinfällig.[12]

Bei allen Haupt- und Staatsaktionen ist es aber so, daß man, je mehr man innerlich bereit ist, den soeben erst vollzogenen und in feierlichster Form beschworenen Vertrag zu brechen, desto mehr das Bestreben hat, nach außen hin das herzlichste Einvernehmen zu heucheln. Es ist uns ein Druck vom 11. März 1703 erhalten, der folgende Ileberschrift hat: Demütigster Dankaltar, welchen dem dreieinigen Gotte zu Ehren, als Ihre Kgl. Majestät in Preußen, unser allergnädigster Schuhherr, die Kaiser!. Freie Reichsstadt in dero Schutz aufnahm, auf Befehl eines E. Rats von treuem Herzensgrund am Sonntage oeuli bei ordentlicher Kirchenandacht mit Gebet, Wunsch und Seufzen aufrichtete der Chorus Musicus in Nordhausen. — Im Jahre Christi den 11. März 1703. — Nordhausen, gedruckt bei Augustin Martin Hynitzsch.

In diesem Denkaltar steht folgender Vers:

Gott segne den mächtigen König in Preußen,
Es treffe sein Herz Kein schädlich Schmerz,
Aus daß es sich möge gnädig erweisen.

Bei dieser offiziellen Stellungnahme des Magistrats ist es kein Wunder, daß einige besonders Beflissene, wie es ja zu allen Zeiten geschieht, noch ein Weiteres taten. „Einige getreu Schutzverwandte führten demütigst ein Schutzopfer auf, in welchem König Friedrich „Friedrich der Große" genannt wurde und es weiter heißt:

„Gesegnet Friedrichs Hof, gesegnet das Berlin!
Gott lasse früh und spät das Glück allda einziehn."

Natürlich mußten unter denen, die sofort vor dem neuen Herrn Kotau machten, auch ein Schulmeister und ein Pastor sein: Joh. Christoph Sieckel, Collaborator am Gymnasium, der eine lateinische „Acclamatio votiva" verfaßte, und Albert Ephraim Hempel, Pfarrer zu St. Jakobi, der einen „priesterlichen Glück-und Segenswunsch" drucken ließ. Sein Machwerk ist 22 Druckseiten lang und schließt mit den Worten: „Sie leben, wachsen, sie grünen und blühen unter dem himmlischen Gnadentau, dem ganzen Lande zum Wachstum und uns zum Aufnehmen, mir und den meinigen zum vergnügten Trost und ersprießlichen Wohltat. Vivat Friedericus I. Rex Borussiae, Elector Brandenburgicus.[13]

Am 14. März gab Tettau seinen Offizieren und dem Magistrat ein solennes Mahl.

Als dann gar am 20. März Bürgermeister und Rat bescheinigten, Tettau habe vom 7. Februar bis zum 20. März seine ganze Verpflegung bezahlt, auch habe er scharfe und gute Zucht gehalten, so daß sich die Bürger über nichts beschweren könnten, schien vor der Hand alles in Ordnung zu sein. Gegenüber Schweden und Hannover rechtfertigte sich Preußen, es habe Truppen in die Stadt gelegt, um seine Rechte zu wahren. Wie mit dem sächsischen Regimente, so könne der Niedersächsische Kreis auch mit dem preußischen zufrieden sein. Die letzten Truppen würden aus Nordhausen verschwinden, wenn Celte das Stift Hildesheim freigebe.[14]

Trotz dieser Beteuerungen gingen die Verdächtigungen gegen Preußen weiter. In den Dörfern um Nordhausen herum, in Petersdorf, in Niedersachswerfen, in Neustadt saßen die hanno-verschen Agenten und schärten den Haß. Und diese Glut unter dünner Decke mußte weiter schwelen, weil der Kaiser nicht bereit war, das Feuer auszutreten. Er hätte Kurhannover gern mit dem Erbschutz belehnt. Als aber der preußische Resident von Bartholdi dagegen Einspruch erhob, unterließ er es mit Rücksicht auf die große Politik. Andererseits dachte er aber gar nicht daran, den preußischen Schuh über die Reichsstadt zu sanktionieren, ein Verhalten, das Nordhausen darin bestärkte, sich an keine Abmachung und an keinen Vertrag zu halten; denn die Stadt hatte bei Abschluß des Schutzvertrages ausdrücklich auf die kaiserliche Bestätigung bestanden, und Friedrich I. hatte diese Forderung anerkannt.[15]

Wir hatten gesehen, daß nicht alle Teile der Bevölkerung ablehnend gegenüber Preußen waren. Die Klagen über die Ausnutzung der Bewohnerschaft durch die brauberechtigten Bürger wollten nicht verstummen, und nicht verstummen wollten die Klagen über parteiische Justiz, wessentwegen auch der wiedergenesene Bürgermeister Weber angefeindet wurde. Der Syndikus Harprecht aber hatte sich ganz auf die Seite Preußens geschlagen und gab ihm bereitwillig Auskunft über die Handhabung der Nordhäuser Gerichtsbarkeit. Um gegen den Rat eine Waffe in die Hand zu bekommen, wurde Harprecht, der einmal wieder in dem jetzt preußischen Quedlinburg weilte, sogar am 19. Mai 1703 von dem preußischen Vicekanzler Meyer und Hofrat Pott über die Mißstände im Rechtswesen vernommen.

Es ist unbestreitbar, daß es Preußen gelang, diese Wunde offen zu halten und durch sein Versprechen, den kranken Körper gesund zu machen, viele Nordhäuser beeindruckte. Doch für den Augenblick ist immer die wirtschaftliche Lage für die Stimmung der großen Masse ausschlaggebend. Und in dieser Beziehung, so mußte jeder einsehen, tat die preußische Besetzung der Stadt großen Schaden. Freilich blieben nach dem Vergleich über den Schuh nur noch wenig mehr als zwei Kompagnien in der Stadt; aber schon die Quartierlast und die unausbleiblichen Reibereien zwischen Bürgern und Soldaten wirkten hemmend. Immerwährende Aufregung ward verursacht durch das Abrücken bisheriger Besahungstruppen und durch das Einrücken neuer. Auch mehrfacher Kommandantenwechsel sorgte nicht gerade für eine einheitliche Behandlung aller städtischen Fragen, vor allem der kommerziellen. Am 21. März war von Tettau abberufen worden; an seine Stelle trat Oberstleutnant von Sydo bis zum 30. Oktober, wo er nach Berlin berufen wurde. Dort weilte er bis zum 28. August 1704; dann kehrte er nach Nordhausen zurück. Zwischendurch führten der Oberstleutnant von Benckendorf und — seit April 1704 — Major von Stockheim die Besahungstruppen. Abgesehen von diesen Truppen in Nordhausen standen noch drei preußische Kompagnien in Ellrich und Benneckenstein.

Nordhausen hatte alsbald nach Abschluß des Schuhvertrages gehofft, wenn nicht alle, so doch den größten Teil der Soldaten loszuwerden. Davon war keine Rede. Während des ganzen Mai wurde Preußen noch von hannöverschen und dänischen Truppenzügen, die über das Eichsfeld gingen, beunruhigt. Besonders daß Truppen in Bernterode an der preußischen Grenze lagen, schien verdächtig. Der König fragte aus Oranienburg an; Sydo ließ Dragoner die Gegend abstreifen, bis die Nachricht kam, es handele sich um dänische, d. h. natürlich holsteinsche Truppen, die den Heeren des Kaisers zuzogen.

Geschah vom Eichsfelde her immer nur blinder Alarm, so war wirklich gefährlich die Tätigkeit des Hauptmanns Offney in Neustadt, der dauernd mit Nordhäuser Bürgern in Verbindung blieb. Und wenn er diesen den Mut zu stärken suchte durch den Hinweis, daß schon kaiserliche Truppen für den Entsatz Nordhausens in Erfurt ständen, so war das gerade nicht das richtige Mittel, die Preußen zum Abzüge zu bewegen.

Aber der Truppen wurden nicht nur nicht weniger, sondern sie waren in der Stadt auch überall im Wege. Natürlich besaß der Kommandant noch immer die Stadtschlüssel, und vor allem blieben zwei wichtige Pforten geschlossen und wurden zunächst trotz mehrfacher Petitionen nicht geöffnet: Die Kuttelpforte und die Wasserpforte. Die wertvollsten Fluren der Nordhäuser lagen im Westen und im Südwesten der Stadt, der Fußgängerverkehr in dieser Richtung bewegte sich beinahe ausschließlich durch die Kuttelpforte, denn das ganze Gelände der Unterstadt bis zum heutigen Bahnhof, durch das heute der Hauptverkehr geht, war ja beinahe ausschließlich Oed- und Sumpfland. Gerade diese Pforte war geschlossen; aller Verkehr mußte durch das scharf bewachte Neuewegstor. Erst nach langen Verhandlungen und mehrfachen Eingaben an den König wurden am 7. Juli beide Pforten geöffnet.

Wenn im Juli 1703 auch der regelmäßige Verkehr wieder-hergestellt schien, so hinderte die Besetzung der Stadt doch den Handel. Ganz besonders bemerkbar machte sich das, als es auf den Sommer zuging. Die Ueberwachung der Tore, die Belegung von Wachtstuben und Plätzen mit Soldaten, die Abneigung des friedlichen Bauern und Handelsmanns, auf den Straßen und in den Gaststätten überall mit Militär in Berührung zu kommen, alles das ließ die Umwohner die Stadt, welche der natürliche Mittelpunkt der Landschaft war, meiden. Wieder und wieder klagte der Rat, der Handel gehe zurück, besonders der „Fruchthandel", d. h. der Getreidehandel, liege darnieder und ziehe sich nach den Nachbarorten, wenn die Soldaten die Stadt nicht verließen. Anderer Ansicht war von Sydo, der nach Berlin berichtete, von einer Beeinträchtigung des Handels könne keine Rede sein. Am 4. August lehnte der König in Liebenwalde das Gesuch der Nordhäuser um gänzliche Zurückziehung der Truppen ab.

Dringlich wurde Nordhausen, als am 9. August die letzten Celleschen Truppen die Stadt Hildesheim verlassen hatten.[16] Preußen hatte mehrfach betont, es werde seine Truppen aus Nordhausen zurückziehen, wenn Celle Hildesheim freigebe. Am 31. August bat Nordhausen nochmals um die Befreiung von der Last der Einquartierung. Preußen kam dem Verlangen nicht nach. Es hatte seine guten Gründe dasür. Zwar hatte der König am 14. August in Wien und im Haag wissen lassen, er zöge auch die noch in Nordhausen vorhandenen zwei Kompagnien heraus und belasse nur 25 Mann in der Stadt, wenn Hannover versichere, daß es nie in die Stadt einrücke. Aber Hannover gab diese Erklärung nicht ab; und die Preußen blieben in Nordhausen.

Diese Fortdauer der Besetzung brächte auch die bisher wohlgesinnten Kreise der Bewohner gegen Preußen auf. Viele wünschten eine Abstellung der alten Lotterwirtschaft, aber keiner wünschte den Anblick einer preußischen Uniform. Preußen war an der guten Meinung der Bevölkerung viel gelegen; aber seine Truppen mußte es in Nordhausen lassen. Denn so willfährig die Stadt Mitte März schien, so hartnäckig war sie schon im Juli.

Von auswärts drohte Preußen freilich keine Gefahr. Der Kaiser wagte keinen Einspruch. Die Nachricht, daß Schweden an der Seite Hannovers mobil mache, war erfunden. Preußens Gesandter Grüner in Stockholm wußte schon Anfang Mai zu berichten, Schweden verhalte sich bei der Besetzung Hildesheims und Nordhausens völlig neutral. Die Nachricht von einer Stellungnahme habe ihren Ursprung mehr in dem Wunsche Hannovers als in der tatsächlichen Haltung Schwedens. Vielleicht habe sich die schwedische Regentschaft in Bremen den Hannoveranern willfährig zeigen wollen; im Sinne des schwedischen Königs liege das nicht.

Etwas mehr Schwierigkeiten machte schon Sachsen; doch war dessen Unwille mit dem preußischen Einrücken in Nordhausen nur spürbar in Anfragen bei Nordhausen und in einer Beschwerde beim Kaiser. Sachsen war ja in einer eigenartigen Lage hinsichtlich des Schutzes. Es hatte zwar seine Aemter an Preußen verkauft, nicht aber seine Schuhhoheit. Als deshalb im April 1698 Nordhausen bat, den Schutz um 20 Jahre zu den alten Bedingungen zu verlängern, sah der Resident in Dresden von Fürstenberg keinen Anlaß, das Gesuch abzuschlagen. Sachsen nahm also Nordhausen in Schutz, aber rein theoretisch. Der Schutzbrief wurde nie ausgehändigt, obwohl Nordhausen mehrfach daran erinnerte. Natürlich waren von Nordhausen auch keine Schutzgelder bezahlt worden. Trotz dieser offensichtlich mangelhaften sächsischen Verwaltung war die Angelegenheit nicht gänzlich in Vergessenheit geraten; man erinnerte sich ihrer jedenfalls wieder, als Nordhausen gezwungen war, Preußens Schutzhoheit anzuerkennen. Fürstenberg fragte am 28. März 1703 bei seinem Könige an, wie man sich nun verhalten solle. Der Stadt machte Sachsen sogar Vorhaltungen, doch war diese im Recht, als sie am 24. April 1703 schrieb, an ihr habe es ja nicht gelegen, daß der Schutzbrief im Jahre 1698 nicht ausgestellt sei.[17] Und als Sachsen auch in Wien protestierte und den Kaiser bat, den preußischen Schutz nicht zu genehmigen, wurden der armen Stadt selbst von Wien Vorwürfe gemacht, daß sie sich Preußen unterworfen habe. Mit gutem Rechte konnte Nordhausen Anfang Juni aber nochmals behaupten, daß es nicht an ihm gelegen habe, wenn nunmehr Sachsen Übergängen sei. Sie hätten Preußen gegenüber nichts Schriftliches aufzuweisen gehabt und hätten deshalb Preußens Schutz annehmen müssen.

Der gefährlichste Gegner Preußens blieb weiterhin Hannover. Der Hauptmann Offney organisierte mit Eifer draußen vor der Stadt den Widerstand, steifte den Bürgern den Nacken, sprengte Gerüchte wider Preußen aus. Alles das geschah, wenn nicht auf Veranlassung, so doch mit Wissen der Zentralstelle. Als Anfang Oktober der Landdrost von Busch in Herrenhausen bei Georg Ludwig weilte, äußerte dieser zwar zu ihm, er wolle alles aus dem Wege räumen, was Preußen „anstößig sein könne und die fructus perpetui foederis hindere". Aber dann folgten die Beschwerden gegen Preußen: Preußen habe in Wien, im Haag und in Regensburg erklärt, es werde Nordhausen räumen, wenn Hildesheim geräumt sei. Das sei nicht geschehen. Ferner müsse die Stadt bei ihrer Reichsunmittelbarkeit gelassen werden, und wenn Preußen die Jura darin ausübe, so solle es das nur tun, „soweit sie hergebracht". Der Kurfürst regte deshalb eine Konferenz an. An einem solchen Verhandeln aber konnte Preußen nichts gelegen sein. Es bemerkte trotz des versöhnlichen Tones, daß Hannover sein Gegner bleiben mußte, und aus den nicht unberechtigten Einwürfen Hannovers erkannte es auch die Schwächen seiner Position. Es war recht unangenehm, daß ihm der Kaiser das, was es endlich durchgesetzt hatte, die Schutzhoheit, nicht bestätigte.

Noch unsicherer aber stand es um die Vogtei und das Schultheißenamt. Da konnte ihm erstens überhaupt der rechtmäßige Besitz bestritten werden: Bei den späteren Erörterungen tauchte immer wieder die Frage auf, ob der Inhaber eines Reichslehn — in diesem Falle Sachsen — ohne Vorwissen des Oberlehnsherrn, des Kaisers, dieses ohne weiteres einem anderen — in diesem Falle Preußen — übertragen könne. Ferner machte es aber auch größte Schwierigkeiten, eine derartige Ausübung der Aemter durchzu-sehen, wie sie Preußen allein Vorteil brächte. So mußte Preußen, obwohl eine direkte Gefahr nirgends drohte, doch auf der Hut sein. Es begann seine ganze Lage von neuem juristisch überprüfen zu lassen.

Schon die Haltung Nordhausens im Laufe des Jahres 1703 bewies Preußen, daß der Stadt von irgendwoher zum Ausharren und zum Widerstand Mut gemacht sein mußte. Daß man in Wien und in Regensburg der Stadt wohlwollte, war allgemein bekannt, daß sie bei Hannover mit noch mehr als bloßem Wohlwollen rechnen konnte, wußte die Stadt; doch die Niedergeschlagenheit nach Abschluß des Schutzvertrages war groß, weil kein starker Wille vorhanden war, der zum Ausharren ermutigte und der zur Organisation der Abwehr befähigt war. Der Bürgermeister Frommann war ein alter verbrauchter Mann, der Syndikus Harprecht stand dort, wo für seine Selbstsucht am meisten heraussprang, Kegel, Titius und Bohne waren tüchtige Männer, aber ohne jede Leidenschaft, die nun einmal vorhanden sein muß, wenn Außergewöhnliches gelingen soll. Weiter aber schien das Städtchen keine Köpfe von Bedeutung zu herbergen. Da erwuchs ihm einer in dem Notar und Ratsherrn Johann Günther Hoffmann, einem Mann, der gewiß kaum überdurchschnittlich begabt war, dem aber verbissene Zähigkeit und unermüdliche Tatkraft eigen waren. Dieser Mann an der Spitze aller bisher bevorrechteten Bürger flößte den Nordhäusern von neuem Mut ein, wies sie auf ihre zahlreichen Bundesgenossen hin, mahnte wieder und wieder zum Durchhalten.

Im April und Mai 1703 fand sich Nordhausen noch vollkommen mit seiner Unterwerfung ab. Preußen erhielt die hinterhältige Erklärung des Rates, er habe durchaus freiwillig die Schutzhoheit Preußens angenommen; der Agent Koch wurde angewiesen, beim Kaiser die Konfirmation des Schutzes nachzu-suchen. Daß diese Bestätigung nicht erfolgte, lag nicht am bösen Willen Nordhausens, sondern an der kaiserlichen Politik, die, wie Koch schrieb, die Regelung hinausschieben wollte bis nach Beendigung des Spanischen Erbfolgekrieges. Zugleich machte der Agent der Stadt Hoffnung, daß diese spätere Regelung niemals im Sinne Preußen ausfallen werde. Man wußte also in Nordhausen, daß der Kaiser die Stadt nicht ohne weiteres Preußen überlassen werde. Dann hörte man von dem sächsischen Einspruch in Wien, man hörte Offneys Versprechungen. Da setzte der Ratsherr Ioh. Günther Hoffmann durch, daß der Rat ihn, zur Informierung über den Stand der Dinge draußen, nach Hannover sandte. Und hier in Hannover wurde dem Abgesandten Mut gemacht. Hannover werde sich Nordhausens nicht schlechter annehmen als der eigenen Länder, hieß es, und Hannovers Resident Erasmus von Huldeberg in Wien wurde angewiesen, am Kaiserlichen Hofe für die Stadt zu werben. Zugleich gab man Nordhausen den Rat, einen Mann nach Wien zu schicken, der dem hannöverschen Residenten als Sachberater zur Seite stehen könne. Dann werde Nordhausens Sache daselbst mit Eifer betrieben.

Diese gute Botschaft, die Hoffmann heimbrachte, zusammen mit der Arbeit Offneys in der Nähe Nordhausens, bewirkten den Umschwung in der Stimmung der Bevölkerung. Der Schultheiß Röpenack vermerkte ihn natürlich bald, war aber auch durch den Syndikus Harprecht — dieser Vertrauensmann der Stadt war der Vertrauensmann Preußens — auf dem Laufenden über die Gründe des Umschwungs. Schon am 20. Juli 1703 mußte er nach Berlin berichten, die Stimmung des Rates sei so sieghaft, daß „die Wohlgesinnten fast zaghaft würden"; der Rat habe sich vernehmen lassen, „diejenigen, so gut brandenburgisch wären, würde man schon finden". Allenthalben werde gesprochen: Nimmermehr sollte Kgl. Majestät den Schutz behalten. Was geschehen sei, sei durch Gewalt erzwungen, man wolle es nur lassen Frieden werden. Wer zum Obersten von Sydo oder zu Röpenack halte, werde öffentlich verfolgt. Harprecht müsse nachts heimlich zu ihm kommen.[18]

Gewissermaßen in Siegesstimmung bat die Stadt Nordhausen am Ende dieses ersten Jahres, wo sie von preußischen Truppen besetzt war, nochmals den Kaiser um ein „Mandat, daß Preußen alles im alten Zustande wiederherstelle und die Stadt nicht weiter belästige".[19]

Preußen konnte dabei eigentlich nichts weiter tun, als warten, bis es im Jahre 1704 die Vogtei und das Schultheißenamt tatsächlich übernehmen konnte. Diese zögernde Haltung konnte es sich schließlich auch leisten, da es die Stadt durch seine Truppen sicher in der Hand hatte und damit vor jeder anderen Macht einen Vorsprung besaß. Dennoch ging es an den Versuch, seine Stellung auch rechtlich zu festigen. Es wollte innerhalb des Reichsverbandes nicht als Störenfried gelten, sondern als loyaler Reichsstand, der nichts weiter genommen hatte und nun verteidigte, als was er mit schweren Opfern rechtmäßig erworben hatte.

Schon der Große Kurfürst hatte ja bei seinem Bestreben, Nordhausen in seine Hand zu bekommen, eine Rechtsgrundlage zu finden gesucht. Am 14. Mai 1688, also kurz nach dem Tode des Großen Kurfürsten, hatte sich die in jener Zeit hochberühmte Iuristenfakultät Frankfurt a. O. mit dem Nordhäuser Fall beschäftigt und hatte sich dahin geäußert, daß die Vogtei über Nordhausen Brandenburg zustehe als Rechtsnachfolger des Halberstädter Stifts.[20] Damals war die Angelegenheit liegen geblieben. Jetzt im Jahre 1703 holte man ein neues Gutachten ein, das ähnlich wie das alte lautete, nur den neuen, erweiterten Rechten Preußens Rechnung trug. Doch um die eigentlichen Schwierigkeiten hatten sich die Frankfurter Juristen gedrückt. Sie meinten nämlich, wenn auch die Jura sicher Preußen Zuständen, so stehe doch dahin, wie weit diese iura imperii Geltung hätten, d. h. wie die Machtbefugnisse in der Ausübung der Aemter zwischen Preußen und Nordhausen abgegrenzt seien. Hierauf aber kam es beiden Parteien wesentlich an.

Damals war es nun, wo Preußen begann, den berühmtesten Juristen der Zeit die Verteidigung seiner Rechte in Nordhausen anzuvertrauen, dem Hallenser Juristen Christian Polykarp Tho-masius. Der Schultheiß Röpenack hatte am 25. Februar 1703 zum ersten Male an ihn geschrieben und ihn um Rechtsauskunft gebeten. Thomasius beklagte sich in seiner Antwort vom 7. März, daß die Unterlagen, die ihm für die Behandlung des Falles Nordhausen gegeben seien, noch zu mangelhaft seien, um Endgültiges zu sagen, doch meinte er hinsichtlich des Schutzes: „Ex natura Advocatiae“ ist zu deducieren, daß auch eine Stadt in Erwäh-lung eines Schutzherrn ihren Advocatum, da er ein Reichsfürst ist, nicht praeterieren, viel weniger sich eines anderen Schutzes wider ihren Reichsvogt unterwerfen könne." Aus dem Besitze der Vogtei über Nordhausen folgerte also Thomasius das preußische Schutzrecht.

In demselben Gutachten hatte es Thomasius im Gegensatz zur Frankfurter Iuristenfakultät, die diese schwierige Sache gar nicht anfaßt, auch zum ersten Male unternommen, die Gerechtsame von Vogtei und Schultheißenamt abzugrenzen: „Die peinlichen Klagen gehören vor die Reichsvogtei, die bürgerlichen aber vor den Schultheißen und bleiben für die Räte in den Städten nichts als cognitiones causarum, die ad ordinem publicum quotidianum gehören, dahin auch die zu rechnen sind, die celerrimae expeditionis sind und durch Besichitigungen entschieden werden als causae servitutum etc." Mit diesem Gutachten sprach Thomasius also die gesamte Kriminal- und Civilgerichtsbarkeit dem im Besitz der beiden Aemter befindlichen Preußen zu. Nur Polizei- und reine Verwaltungsfragen, die, wie wir heute sagen, durch Ortsstatut festgelegt werden können, sollten zu den Befugnissen des Rates gehören.[21]

Dieses erste Thomasiussche Gutachten machte in Berlin solchen Eindruck, daß der König beschloß, sich in der Durchfechtung seiner Rechte fortan des Thomasius zu bedienen. Am 24. August schrieb er aus Schönhausen an den Juristen, sein kurzer Bericht habe recht gefallen, er solle nunmehr eine grundsätzliche Ausarbeitung über die Schutzhoheit einrichten und ferner darstellen, wie „die Sache mit dem Magistrate am besten anzugreifen".

Thomasius war dieser Auftrag durchaus nicht willkommen. Er entfaltete ja gerade in jenen Jahren, wo der große Rechtsgelehrte Stryck, der Dekan der Hallischen Iuristenfakultät, älter und schwächer wurde, eine ganz außerordentliche Lehrtätigkeit und war außerdem im Begriffe, zwei seiner bedeutenden Werke zum Abschluß zu bringen. Dennoch entzog er sich dem Wunsche des Königs nicht und bat nur für den ersten Auftrag, sich über die Schutzhoheit zu äußern, um weitere Unterlagen. Das andere Begehren des Königs allerdings, praktische Vorschläge wegen der Behandlung der Nordhäuser Angelegenheit zu machen, suchte er sich vom Halse zu schaffen, indem er meinte, es komme bei diesen Fragen nicht nur auf punctum iuris an, sondern auf „viele politische Etatsabsichten", wofür die „Prudenz eines tüchtigen Hofmannes geeigneter sei als die Wissenschaft eines Professors Juris". Doch auch da ließ ihn der König nicht aus, und er mußte sich nicht bloß zu Ratschlägen bequemen, sondern er sollte in Nordhausen handelnd eingreifen.

Im September 1703 weilte Röpenack in Halle, gab Thomasius die Unterlagen und besprach den gesamten Fragenkomplex mit ihm. Darauf erfolgte dann im Oktober ein längeres Gutachten des Thomasius und darauf am 17. November ein sehr gnädiges Schreiben des Königs an ihn, er solle zusammen mit dem Wirklichen Geheimen Rate Freiherrn von Danckelmann einer Kommission angehören, die um die Weihnachtszeit in Nordhausen ihres Amtes zu walten hätte. Diese Kommission sollte nicht nur die Schutzhoheit sestlegen und die Kompetenzen der Aemter prüfen, sondern auch, eine dritte und sehr schwierige Aufgabe, die Grenze zwischen der Grafschaft Hohnstein und der Stadt Nordhausen soweit sie strittig war, nach den alten Hohnsteinschen Lehnsbriefen bestimmen und für Preußen als Inhaber der Grafschaft in Anspruch nehmen, was ihm zukäme. Dieser Anspruch Preußens auf die sogenannte Helmeflur wird uns unten noch ausgiebig zu beschäftigen haben.[22]

Während sich Preußen Ende des Jahres 1703 auf diese Weise rüstete, juristisch seine Handlungsweise zu rechtfertigen, versteifte sich der Widerstand der Stadt immer mehr. Allerdings mußte sie dabei erfahren, daß der Kaiser und der Reichshosrat in Wien nach wie vor recht lässig in der Unterstützung blieben. Nachdem das Schreiben vom 23. Dezember 1703 nach Wien abgegangen war, bat der Agent Koch zweimal, am 23. Januar und am 11. Februar 1704 um ein Mandat, das den früheren Zustand in Nordhausen wiederherzustellen befahl, und als darauf nichts erfolgte, stellte er am 22. Februar den Antrag, den Herzog von Celle als Kreisobersten zu beauftragen, sich Nordhausens anzunehmen. Aber auch nach dieser Richtung rührte sich der Kaiser zunächst nicht; ja, am 16. Februar wußte der preußische Resident von Bartholdi sogar zu berichten, daß die Sache Preußens vor dem Reichshofrate gutstehe und der Referent von Kirchner in der Sache Nordhausen contra Preußen letzterem wohlgesinnt sei.

Um so nachdrücklicher setzten sich Hannover und Celle sür die Reichsstadt ein. Sie hatten dafür verschiedene Gründe, gerade augenblicklich um so schärfer gegen Preußen aufzutreten, je vorsichtiger der Kaiser mit Rücksicht auf den Kriegsschauplatz den preußischen Bundesgenossen behandelte. Celle und Hannover hatten nämlich im August 1703, nachdem sie in Hildesheim für einige Zeit Ordnung geschaffen, loyal ihre Truppen wieder aus der Stadt gezogen. Preußen hatte immer verlauten lassen, es werde in Nordhausen ebenso vorgehen, wie Hannover in Hildesheim; doch war von preußischer Seite nicht das geringste erfolgt. Das hatte bei den Welfen argen Unwillen erregt und den Willen, die Reichsstadt zu befreien, gefestigt. Dazu kam, daß Preußen als Inhaber des Herzogtums Magdeburg dahin strebte, wenn nicht überhaupt die Stelle des Kreisdirektors im Niedersächsischen Kreise zu besetzen, so doch mindestens einen Sitz im Kreisdirektorium zu beanspruchen. Die Heftigkeit, mit der Preußen in dieser Beziehung aus sein Recht pochte, ließ in den welfischen Landen den Argwohn auskommen, Preußen wolle nur deshalb verstärkten Einfluß im Kreise gewinnen, um sich nicht nur Nordhausens, sondern auch der anderen beiden Reichsstädte, Goslars und Mühl-hausens, zu bemächtigen. So zauderte Hannover nicht, wo es konnte, Preußen Abbruch zu tun, und diese Haltung wiederum belebte die Hoffnungen Nordhausens. Dazu kam, daß zeitweilig sogar Kursachsen eifersüchtig gegen Preußen auftrat, immer noch schwankte, ob es nicht das 1698 zu Nordhausen auf 20 Jahre eingegangene Schutzverhältnis aufrecht erhalten sollte und jedenfalls schadenfroh zusah, wenn Preußen in der Stadt, in der es selbst jahrhundertelang maßgebende Rechte besessen hatte, in Schwierigkeiten kam.

Bei dieser allgemeinen politischen Lage glaubte Nordhausen sich auch ohne den Rückhalt an dem zaudernden Kaiser energischer zur Wehr setzen zu können. Schon Ende Januar berichtete Röpe-nack nach Berlin, die Stadt unterhandele dauernd mit Hannover und Dresden, der Rat scheue sich nicht, preußensreundliche Bürger zu bedrücken, die einquartierten Soldaten würden schlecht behandelt, Hauptmann Offney treibe draußen mehr denn je seine Propaganda.[23] Als dann gar am 20. Februar der Rat nochmals vom Könige energisch die Zurückziehung des gesamten Militärs verlangte und am 6. März Röpenack melden mußte, Nordhausen wolle die Reichsiura dem Hause Hannover anbieten, da war das Maß voll und die Langmut Preußens erschöpft.

Der König hatte zunächst an der Kommission festgehalten, die um Weihnachten 1703 mit der Stadt in Güte verhandeln und und einen Ausweg suchen sollte. Noch am 12. Januar 1704 ließ er Röpenack in dieser Richtung instruieren; auch an den schon früher genannten Unterhändlern war festgehalten worden. Nach wie vor sollten Kanzler von Danckelmann, Professor Thomasius und Schultheiß Röpenack die Verhandlungen aufnehmen. Doch die Tätigkeit der Kommission in Nordhausen verzögerte sich. Vor allem wollte Thomasius nichts übereilen und die Ansprüche Preußens in jeder Beziehung fest untermauern. Am 26. Januar schrieb er aus Halle an den König, er könne jetzt genau nachweisen, daß Nordhausen ohne Erlaubnis des Reichsvogts, d. h. also Preußens, keinen Schutzherrn wählen dürfe. Zu diesem Nachweis sei aber nötig, daß er das ganze Werk de advocatia armata des bisher auf diesem Gebiete maßgebenden Martin Schönberg „umstoße". Dazu brauche er aber Zeit. Deshalb schlage er nach Rücksprache mit Danckelmann vor, man solle der Stadt Nordhausen, von der Preußen die Aemter Ostern 1704 übernehmen wollte, dieselben noch ein Jahr psandweise lassen. Darüber könne Röpenack mit der Stadt verhandeln.

Selbst mit diesem Vorschläge war der König einverstanden, und Röpenack sollte dementsprechend Befehl erhalten.[24] erstanden, und Röpenack sollte dementsprechend Befehl erhalten?) Aus dieser Einstellung des Königs und seiner Ratgeber ersieht man nicht nur die Langmut Preußens, sondern auch die völlig falsche Vorstellung von der Haltung Nordhausens. Die Stadt, je länger, je mehr zum Widerstände geneigt, mußte in dem Jahre, in welchem ihr noch weiterhin die Aemter überlassen blieben, neue Waffen in die Hand bekommen. Innerhalb der Stadt mußte der Einfluß des preußischen Schultheißen sinken, der nichts zu tun hatte, als sich durch die Erhebung der Zölle unbeliebt zu machen, die preußenfreundlichen Bürger mußten durch Preußens unsichere, schwankende Politik irre werden an seinem festen Willen, in der Stadt tatsächlich Fuß zu fassen. Außerhalb der Stadt aber hatte Hannover Zeit, nach neuen Gegenmaßnahmen Ausschau zu halten. Dieser in Verken-nung der ganzen Lage gemachte Vorschlag des Thomasius war ganz aus dem Geiste des Gelehrten heraus geschehen, der Freude an der wissenschaftlichen Beweisführung hatte und Abscheu vor wirklichem Handeln. Daß zugleich auch der Verwaltungsbeamte Danckelmann ungern den Vorsitz in der Kommission, von der er sich wenig Erfolg versprach, angenommen hatte, ist schon oben erwähnt; so war er aus persönlichen Gründen mit Thomasius' Vorschlag einverstanden.[25]

Da wurde nun der König durch Röpenacks Berichte über den wahren Stand der Dinge in Nordhausen aufgeklärt. Röpenack schrieb ganz offen, die Stimmung in Nordhausen sei so, daß man sich auf Kommisfionsverhandlungen überhaupt nicht mehr einlassen werde. Gesahr war im Verzüge. Deshalb sah man in Berlin zunächst von allen weiteren juristischen Gutachten ab und beschloß zu handeln. Am 12. Februar wurde Röpenack unterrichtet, Preußen sei gewillt, Ostern 1704 Vogtei und Schultheißenamt endgültig in eigene Verwaltung zu nehmen und den Pfandschilling der Stadt dafür auszuzahlen. Röpenack solle sich nach der genauen Höhe der Pfandsumme erkundigen und Vorschläge machen, wo das Geld ausgezahlt werden könne.

Mit diesen Anweisungen versehen, machte sich Röpenack sogleich an die Arbeit. Er war natürlich froh über diesen Entschluß des Königs, der ihn aus einer unmöglichen Stellung befreite und ihm Befugnisse geben mußte, die ihn zum Herrscher über Nordhausen machten. Mit Schrecken wurden die Nordhäuser gewahr, daß Preußen Ernst machte. Röpenack hatte dem Rate den Willen Preußens mitgeteilt und war darangegangen, die Zuständigkeit der Aemter festzustellen, natürlich auf Grund der ältesten Zeugnisse darüber, und diese schoben Bürgermeister und Rat so gut wie ganz beiseite. Auch ein Reglement für die Ausübung der Aemter und die Verhandlungen vor ihm als Richter stellte er auf. Betrübt klagte der Rat am 11. März dem Könige, sie sollten ihrer Reichsimmedietät beraubt werden. Er möchte doch wenigstens solange keine Veränderungen mit den Aemtern vornehmen, bis Wien gesprochen habe. Der Kaiser habe doch schon am 28. Februar 1701 dahin erkannt, es solle alles in den früheren Zustand gesetzt werden.[26] Jetzt hänge alles vom Spruch des Reichshofrates ab. In lite pendente möchte und dürfe der König in Preußen nicht handeln.[27]

Voll Sorgen wandle sich Nordhausen auch nach Hannover und an den Kreis, die am 29. März schrieben, Nordhausen solle festbleiben und sich auf nichts einlassen.

Von Preußen aber waren schon die Befehle zur weiteren Durchführung gegeben: Das preußische Schulzengericht wurde konstituiert: Röpenack war sein Vorsitzender; Johann Günther Rie-mann und Christoph Wachsmut wurden zu Schöppen ernannt. Röpenack sollte vorläufig zugleich die Reichsvogtei mitverwalten. Der preußische Hofrat Schreiber in Halberstadt und Röpenack sollten das Geld für die Auszahlung der Pfandsumme aus Magdeburg abholen und nach Nordhausen bringen. Röpenack hatte wegen der damit verbundenen Verhandlungen in Berlin geweilt und war am 23. März, dem Ostersonntag, in Magdeburg. Am 24. März erhielt er dort 8000 Gulden in zwei Fässern. Damit ging er am 25. März nach Halberstadt, wo Hofrat Schreiber mit 3000 Talern in sechs versiegelten Beuteln zu ihm stieß.[28] Von dort ging es auf grundlosen Wegen durch den Harz, und schon am 27. März konnten Schreiber und Röpenack den regierenden Bürgermeistern Frommann und Paulandt aus dem Walkenrieder Hofe anzeigen, sie möchten sich bereithalten, das Geld in Empfang zu nehmen. Frommann jedoch ließ sich wegen Altersschwachheit entschuldigen, Paulandt war nirgends zu finden. Schließlich mußte sich Nordhausen ja aber doch zu irgendeiner Stellungnahme bequemen. Die Stadt sandte ihren Sekretär Heidenreich und den Senator Riedel und ließ durch beide die Ablehnung des Geldes aussprechen. Darauf verlangten Schreiber und Röpenack Verhandlungen auf dem Rathause; doch kam man bis zum 29. März noch nicht weiter. Ja, der Bürgermeister Paulandt erklärte an diesem Tage, er wüßte ja gar nicht, daß der Hofrat Schreiber in Nordhausen weile, seine Ankunft sei ihm nicht angezeigt, er könne deshalb auch nicht mit ihm verhandeln.

So stellten sich denn dem Auszahlen des Geldes Schwierigkeiten in den Weg. Deshalb ließen die Unterhändler einstweilen neben den 8000 Gulden in zwei Fässern die 6 Beutel mit den 3000 Talern in einem weiteren Faß unterbringen, und alle drei Fässer gelangten im Quartier des Oberstleutnants von Benckendorsf in Verwahrung. Röpenack und Thomasius wurden im April nach Berlin berufen zur Beratung des Falles mit den zuständigen Ministern. Die Stadt Nordhausen wandle sich am 31. März abermals an den Kaiser mit der Bitte „pro clementissima manutenenia“.

Die Ablehnung der Gelder schuf eine ganz neue Lage. Beiden Teilen, Preußen wie Nordhausen, war es nunmehr endgültig klar, daß ein gütliches Auskommen undenkbar war. Preußen hatte die Aemter von Sachsen erworben; ob dieser Handel ohne Zustimmung des Kaisers geschehen konnte, war rechtlich zweifelhaft; der Kaiser als Lehnsherr hatte bisher gegen den Verkauf noch keinen Einspruch erhoben. Preußen hatte der Stadt die Aemter noch 6 Jahre gelassen. Die Stadt hatte selbst am 26. Juli 1698 gebeten, ihr die Aemter zunächst noch zu lassen, bei der Uebernahme in eigene Verwaltung ihr aber die Pfandsumme auszuzahlen. Dabei hatte sie ganz offenbar gedacht, daß ihr der Besitz der Aemter von Zeit zu Zeit für eine beträchtliche Geldsumme bestätigt würde, daß jedenfalls Preußen nie im Sinne haben werde, das Geld zurück-zuzahlen, noch dazu da bei dem Uebergange der Gerechtsame von Sachsen an Preußen Sachsen nicht im geringsten Anstalt gemacht hatte, seinerseits an Preußen die erhaltene Pfandsumme auszuzah-len. Nordhausen war so sicher, daß es nie die Gelder von Preußen erhalten und deshalb immer im Besitz der Aemter bleiben werde, daß es am 18. Januar 1700 von Geheimrat Unversärth sogar die Gelder gefordert hatte. Jetzt war das Unwahrscheinliche eingetreten: Um die Hand auf Nordhausen zu legen, hatte Preußen, abgesehen von der großen Kaussumme an Sachsen, auch noch die Ablösungssumme bezahlt. Preußen war also ganz legal, ja, nach den Wünschen Nordhausens verfahren. Doch wehrte sich Nordhausen gegen diese Tatsache, indem es behauptete, es stehe im Streite mit Preußen vor dem Reichshofrate, und vor dem Schiedssprüche dürfe es sich in nichts einlassen. Das war offenbar ein unhaltbarer Standpunkt. Ein Streit konnte eigentlich erst aus-brechen, wenn Preußen nach Uebernahme der Aemter deren Rechte weiterzog als bisher üblich, und alle Maßnahmen Preußens deuteten freilich darauf hin. Eine offenbare Vergewaltigung der Stadt war das Einrücken preußischer Truppen gewesen, vor allem aber das Erzwingen der Schutzhoheit. Diese hat Nordhausen deshalb auch von vornherein nicht anerkannt.[29]

Die Lage war also für beide streitenden Parteien kompliziert genug, und im April und Mai des Jahres 1704 wurden deshalb weitschichtige Verhandlungen in Berlin gepflogen. Der König übergab den Streit um Nordhausen seinen berühmtesten Ratgebern zur Entscheidung: dem Geheimrat von Fuchs, dem Generalkommissar von Danckelmann und dem Herrn von Chwalkowsky. Röpenack und Thomasius, beide in Berlin anwesend, sollten ihren fachmännischen Rat geben. Beide Übergaben den Geheimen Räten am 26. April ihre Vorschläge für die Behandlung Nordhausens, und im allgemeinen ist Preußen in den folgenden Jahren diesen Richtlinien gefolgt.

Röpenack erörterte zunächst in 18 Punkten allgemein, wie Preußen sich verhalten solle, wenn die Gelder doch noch von Nordhausen angenommen würden, oder wie es vorgehen solle, wenn die Stadt auf ihrem Standpunkte verharre. Er warf ferner die Frage nach einer stärkeren Belegung der Stadt mit Truppen auf, erörterte die Besetzung des Rathauses und die Abänderung des kirchlichen Gebetes, in dem nur noch für den König von Preußen als den Schutzherrn der Stadt gebetet werden solle. In weiteren 24 Punkten beschäftigte er sich mit der Vogtei. Dabei ließ er den Wunsch durchblicken, es möchten Vogtei und Schultheißenamt in eine Verwaltung genommen werden; er legte sich auch die Frage vor, ob die peinlichen Sachen auf dem Rathause wie bisher oder im Walkenrieder Hofe verhandelt werden sollten und unter welchen Formen das Hochgericht gehegt werden sollte. Dann handelte er in 33 Punkten vom Schultheißenamte. Der Schultheiß müsse auch die Aufsicht über die Zünfte und Apotheken haben, da ja der König das Ius Patronatus darüber besitze. Vielleicht müßten auch die milden Stiftungen und Armenhäuser vom Schultheißen kontrolliert werden, da es dabei in Nordhausen „nicht wohl zu-gehet". Er erörterte ferner, ob die Prediger und der Rektor scholae vom Schulzen zumindest miternannt werden müßten, da der Schulze der Präsident des Konsistoriums sei. Dann besprach er die Polizeiaufsicht, das Verhängen von Arreststrafen und die Aufsicht über die Juden. Schließlich, meinte er, müsse der Schultheiß auch eine neue Gerichtsordnung anfertigen. Was Zoll, Geleit und Scheffelpfennig betrifft, so müsse wohl eine neue Zollrolle aufgesetzt werden; Heringe, Eisen, Tabak, die bisher unverzollt waren, müßten verzollt werden. Neue Zollstöcke müßten vor die Tore gesetzt werden. Vor allem sei nötig, Waagemeister und Torwächter viel schärfer in Pflicht zu nehmen.

Alle diese Punkte wurden gestreift, indem zunächst nur Fragen aufgeworfen wurden. Aber die Fragen zeigten schon, wie weit Röpenack die Rechte Preußens spannen wollte. Von einer Im-medietät der Reichsstadt konnte, wenn die Fragen bejahend beantwortet wurden, keine Rede mehr sein, wenn auch Friedrich I. bei seinem königlichen Worte wieder und wieder beteuert hatte, er wolle diese Immedietät niemals antasten. Selbst wenn man die Rechte, die aus der Schuhhoheit, der Vogtei und dem Schulzenamte Preußen zuwuchsen, noch so weit zog, konnte doch in einer Reichsstadt nie und nimmer allein für einen Landesfürsten gebetet werden. Die Kriminalgerichtsbarkeit hatte tatsächlich seit unvordenklichen Zeiten in den Händen des Rates gelegen, und der Vogt hatte nur das Stäbchen gebrochen. Alle kulturellen Angelegenheiten waren von jeher Sache der Stadt gewesen; im Konsistorium führte gewöhnlich der Syndikus der Stadt den Vorsitz, niemals der Schultheiß. Ein Aufsichtsrecht des Schulzen über die Armenhäuser und Spitäler, d. h. über die Zinsen ihrer Liegenschaften, daraus abzuleiten, daß diese Gelder mehr in die Tasche der Ratsherrn flössen, als daß sie den Armen und Kranken zutamen, ist eigentlich der sonstigen Urteilskraft des Juristen Röpenack nicht würdig. Die Aufsicht über die Juden, die Erhebung des Scheffelpfennigs, das Geleitrecht waren uralte kaiserliche Privilegien der Stadt.

Man mag also über die Methoden der Stadt Nordhausen in ihrem Kampfe gegen Preußen denken, wie man will, — tatsächlich war es nicht unberechtigt, das Schlimmste zu fürchten und sich mit allen Mitteln zur Wehr zu setzen, obwohl Preußen ordnungsgemäß in den Besitz der Aemter gekommen war. Preußens Unrecht bestand darin, daß es tatsächlich aus einer Reichsstadt eine preußische Landstadt machen wollte, Nordhausens Unrecht bestand darin, daß es nicht nur die Art bekämpfte, wie Preußen seine Gerechtsame ausnuhen wollte, sondern daß es die preußischen Rechtstitel überhaupt bekämpfte.

Von viel höherer Warte aus, aber im Grunde mit demselben Endziel behandelte Thomasius die Stellung Preußens zu Nordhausen. Er machte zunächst Vorschläge, wie sich Preußen zu den einzelnen auswärtigen Mächten verhalten sollte. Der preußische Resident beim Kaiser sollte angewiesen werden, darauf hinzuwirken, daß kein kaiserliches Mandat erfolgte, ohne daß Preußen gehört wäre. Sachfen stehe Preußen zwar nicht freundlich gegenüber, weil Preußen die Schutzhoheit über Nordhausen erzwungen habe, obgleich eigentlich Sachsen bis 1718 den Schutz übernommen hätte. Aber Sachsen gegenüber sei zu betonen, daß der Schutz ein Annex der von Sachsen erkauften Vogtei sei. Ferner könne man hofsen, daß Kursachsen daraus Weiterungen entstünden, daß nicht sämtliche Wettinschen Häuser, die ja den Nordhäuser Schutz insgesamt verbürgt hätten, den Vertrag Sachsens mit Preußen genehmigt hätten. Schweden als Mitdirektor im Niedersächsischen Kreise sei mit Vorsicht zu behandeln. England und Holland als kriegführende Mächte im Spanischen Erbfolgekriege seien an Preußen interessiert. Allein gefährlich sei Hannover.

Bei der Behandlung Nordhausens selbst solle Preußen so vorgehen, daß man jetzt nicht mehr allein auf den Rat, sondern die gesamte Bürgerschaft einzuwirken bestrebt sein solle. Der gesamten Bürgerschaft solle man noch einmal die Gelder, die der Rat abgelehnt habe, anbieten und ihr erklären, Preußen verlange nichts, als was ihm rechtmäßig gehöre. Den Rat solle man zu spalten und die zu gewinnen suchen, die bisher von Frommann und Weber gedrückt worden seien. Sollte die Annahme der Gelder abermals abgelehnt werden, so sollten die preußischen Kommissare alle Gerechtsame in Besitz nehmen, und zwar die kirchliche und weltliche Gerichtsbarkeit, alle Prozeß- und alle Polizeisachen. Diese Besitzergreifung solle Michaelis geschehen, da bis dahin alles bis ins einzelne überlegt und vorbereitet sein könnte.

  1. Gleichzeitiger Bericht: Bohne, Diarium oder Tagebüchlein wegen des Kgl. Pr. Einfalls in Nordhausen … ed. Heineck, Ebert, Nordh., 1901. — Heineck, a. a. O., 31 ff. — Silberborth, a. a. O., 445 ff.
  2. Die Stellungnahme der Mächte zu dem preußischen Schritte klären vortrefflich die Dresdener Akten. Dresden, 2968.
  3. Pr. St. R. 33 u. 147.2
  4. Brief abgedruckt bei Heineck, a. a. O. 42 ff.
  5. Nordh. Archiv Sa. 5.
  6. Pr. St. a. a. O.
  7. Brief Friedrichs I., Potsdam, 18. II. 03. Der König wirft Nordhausen vor, es hätte sich über die Aemter nicht mit ihm vergleichen wollen, hätte mit Hannover verhandelt, hätte gar hannoversche Truppen aufnehmen wollen. Deshalb sei die Stadt besetzt. Bei seinem Kgl. Worte versichere er, daß Nord-hausen die Freiheit behalten solle. Ueber die Differenzen wolle er verhandeln; Tettau und Röpenack seien autorisiert. Sie sollten Preußens Schuh annehmen; nach Abschluß der Verhandlungen würden die Truppen abziehen. — Nordh. Archiv SA. 5. — N. F. 1176. — Pr. St. a. a. O
  8. Nordh. Archiv Sa. 5.
  9. Der Streit um die sogenannte Helmeflur wird uns unten noch beschäftigen.
  10. Pr. St. a. a. O.
  11. Pr. St. a. a. O. — Nordh. Archiv Sa 5. — Heineck, 51 ff.
  12. Original im Nordh. Archiv. Vergl. auch N. F. 1154.
  13. Nordh. Archiv Sa 5. — Dresdener Hauptstaatsarchiv, 2982.
  14. Brief vom 27. März 1703.
  15. Die Nordhäuser Aktenstücke betonen immer wieder, der Vertrag gelte nur bei Kaiserlicher Konfirmation. Tatsächlich suchte auch Nordhausen durch den Agenten Koch beim Kaiser den Schutz nach, und Bartholdi unterstützte ihn dabei. Der Kaiser bestätigte den Schutz nicht, weil der Reichshofrat schon „vor Jahr und Tag" den Schutz Hannover zugesprochen habe. Brief Kochs an Nordhausen 14. IV. 03.
  16. Gebauer, die Hildesheimer Unruhen vom Winter 1702/03. Zeitschr. des Harzvereins f. Gesch. u. A. 50. Iahrg., 65 ff.
  17. Nordh. Archiv, 1516.
  18. Pr. St. a. a. O.
  19. Bitte an den Kaiser vom 3. Dez. 1703.
  20. Die Hohnsteiner waren Vasallen Halberstadts. Diese hatten ihre Vogteigerechtsame an Nordhausen veräußert ohne Einwilligung des vomini oonee-Eine solche Veräußerung ist null und nichtig, da beide Lehnsherren, der Bischof von Halberstadt und der Kaiser als oberster Lehnsherr für ein Reichslehn ihre Zustimmung geben mußten.
  21. Thomasius hat mit seinen Ausführungen durchaus recht; doch waren die Befugnisse nie vollkommen abgegrenzt, weil die Stadt allein alle Organe für die Rechtsprechung zur Verfügung stellen konnte. Dadurch kam es zu einem unentwirrbaren Durcheinander von richterlicher und executiver Gewalt. Bei den mit der Zeit immer komplizierter werdenden Verhältnissen und bei den offensichtlichen Schäden, die durch die Vermischung der Gewalten in jenen Zeiten eintraten, drängte sich die reinliche Trennung der Gewalten geradezu auf. Vollzogen wurde sie bekanntlich in den absolut regierten Staaten des 18. Jahrhunderts noch nicht. Die Ideen Montesguieus setzten sich erst später durch. — Das Gutachten des Thomasius in Pr. St. a. a. O.
  22. Beilage V. hinter Kapitel II. Gutachten des Thomasius.
  23. Briefe vom 31. Januar und 21. Februar 1704.
  24. Brief vom 2. Februar an Thomasius.
  25. Am Schluß seiner Deduktion: Kurze, jedoch gründliche Deduction, daß die Stadt Nordhausen nicht befugt sei, einen anderen Schutzherrn anzunehmen als S. Kgl. Majestät in Preußen, in dem Artikel 27 „Anhang eines ferneren Gutachtens, wie die Nordhausische Affäre anzugreifen", schlägt Thomasius vor: Ostern 1704 läuft der Termin ab; die Wiedereinlösung der Aemter soll geschehen. Die Kommissionsarbeit hat sich aber verzögert, so daß bis Ostern wenig Fruchtbares herausspringt. Deshalb soll der Termin um ein Jahr verlängert werden. Bei Anwesenheit des Königs von Polen in den preußischen Kurlanden soll mit ihm wegen Satisfaktion betreffs verschwiegener Reluitionsgelder und Cedierung der Aemter verhandelt werden. Pr. St. a. a. O.
  26. Vergl. oben S. 38.
  27. Nordh. Archiv. N. F. 1764.
  28. Man hatte in Berlin die Pfandsumme mit preußischer Gründlichkeit errechnet und aufgestellt: Für das Schulzenamt . . 8750 Taler — 10 000 Gulden Für die Vogtei .... 962 „ 12 gr. 1000 „ „ „ .... 500 „ 100 Goldgulden 10212 „ 12 gr. Dazu für 6 Jahre Geleit 3 060 „ 13 272 „ 12 gr. Wenn der Goldgulden zu 1 Taler 12 groschen gerechnet wird, erhöht sich das Kapital um 100 Taler, die Zinsen steigen um 30 Taler; dann macht also die Summe 13 402 Taler 12 groschen. — Die 10 000 Gulden war die Summe, die Nordhausen an Sachsen für das Schulzenamt bezahlt hatte; die 1000 Rheinische Gulden und 400 Goldgulden für die Vogtei hatte 1546 Graf Ernst V. von Honstein erhalten. Jetzt zahlte der neue Besitzer, Preußen, beide Summen zurück.
  29. Stellung Preußens und Nordhausens zueinander ist vor allem einem Schreiben des Königs zu entnehmen. Nordh. Archiv N. F. 1764. — Pr. St. a. a. O.